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Full text of "Systematische Philosophie"

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DIE KULTUR DER GEGENWART 

HERAUSGEGEBEN VON PAUL HINNEBERG 



SYSTEMATISCHE 
PHILOSOPHIE 

VON 

W. DILTHEY • A.RIEHL . W. WUNDT . H. EBBINGHAUS 

R. EUCKEN i BR. BAUCH . TH. LITT - M. GEIGER 

T. K. OESTERREICH 

DRITTE, DURCHGESEHENE AUFLAGE 



DES GESAMTWERKES 
TEIL I ABTEILUNG VI 



1921 

LEIPZIG UND BERLIN 
VERLAG UND DRUCK VON RG.TEUBNER 






DIE KULTUR DER GEGENWART 

IHRE ENTWICKLUNG UND IHRE 2IELE 
HERAUSGEGEBEN VON 

PAUL HINNEBERG 



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DIE KULTUR DER GEGENWART 
TEIL I ABTEILUNG VI 



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SYSTEMATISCHE 
PHILOSOPHIE 



VON 

W.DILTHEY ■ A.RIEHL . W.WUNDT 
H.EBBINGHAUS - R.EUCKEN - BR.BAUCH 
TH.LITT • M.GEIGER - T.K.OESTERREICH 



DR1TTE DURCHGESEHENE AUFLAGE 



1921 

BERLIN UND LEIPZIG 

VERLAG UND DRUCK VON B. G. TEUBNER 



oTAAT^ 



COPYRIGHT 1921 BY 11. G. TETJBXER LEIPZIG 



ALLE RECHTE, EINSCHLIESSL1CH DES XlBERSETZUNGSRECHTS, VORBEHALTEN 



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VORBEMERKUNG 

Eine Neuausgabe der „Systeraatischen Philosophie" in dem Rahmeti 
unseres Enzyklopiidiewerkes muB noch mehr fast, als dies bei den anderen 
Teildarstellungen des Unternehmens notig ist, mitdemFortschritt derWissen- 
schaft festen Schritt zu halten bemiiht sein. Denn gerade in den philoso- 
phischen Systembildungen sehen wir die gesamten geistigen Stromungen 
innerhalb der ICultur der Gegenwart wie in einem Riesensammelbecken 
zusammenfliefien. Darum erwies es sich bei der vorliegenden Auflage nahe- 
zu uberall als unvermeidlich, die ursprunglichen Darstellungen durch Neu- 
bearbeitungen zu ersetzen, wo der Tod es dem einstigen Bearbeiter un- 
moglich machte, zu neuen, durch die Entwicklung der Forschung verur- 
sachten Problemen Stellung zu nehmen. 

Die Notwendigkeit einer Neuauflage dieses Bandes stellte sich heraus, 
als wir uns mitten im Weltkrieg befanden und der Unterzeichnete mit 
anderen, zur Zeit dringlicheren Aufgaben beschaftigt war. Deshalb hat im Kin- 
vernehmen mit ihm der Verlag die Redaktion des Bandes in die Hand 
genommen. Und die wissenschaftliche Fachkritik wird, wie zu hoffen steht, 
bestatigen, daB seine Bemuhungen, in den Darstellungen der Herren Bruno 
Bauch, Moritz Geiger, Theodor Litt und Traugott Konstantin 
Oesterreich wertvolle Umgestaltungen der ursprunglichen Systematik des 
Bandes zu gewinnen, erfolgreich gewesen sind. 

PAUL HINNEBERG 



INHALTSVERZEICHNIS. 

I. ALLGEMEINES 

Seite 

DAS WESEK DER PHILOSOPHIE . . . Von WILHELM DILTHEY 1-67 

Einleitung i — 6 

A. Historisches Verfabren 

zur Bestimmung des Wesens der Philosophic 6 — 2a 

I. Erste Bestimmung Liber den altgemeinen Sachverhalt 6 

II. Geschichtliche Ableitung der Wesensziige der Philosophic aus dem 

Zusammenhang der Systeme 7 — 24 

III. Die Zwischenglieder zwischen der Philosophie und der Religiositat, 

Literatur und Dlchtung 24—28 

B. Das Wesen der Philaaophie, 

verstanden aus ihrer Stellung in der geistigen Welt .... 29—67 

I. Einordnung der Function der Philosophic in den Zusammenhang des 

Seelenlebens, der Gesellschaft und der Geschichte 29 — 34 

II. Weltanschauungslehre. Religion und Dichtung in ihren Beziehungen 

zur Philosophie 35 — 52 

III. Die philosophische Weltanschauung. Das L'nternehmen, Weltanschau- 
ung zur Allgemcingiiltigkeit 211 erheben . 52— 5S 

IV. Philosophie und Wissenschaft 58— -64 

V. Der Wesensbegriff der Philosophie. Ausbluk in ihre Geschichte und 

Systematik 64—67 

Literatur 67 



]J. DIE EfNZELNEN TEILGEBIETE 68-395 

1. LOGIK UND ERKENNTNISTHEORIE . . . Von ALOIS RIEHL 68-97 

Einleitung ". . 68 — 70 

A, Logik 70—83 

I. Aufgabe der Logik - . . 70—72 

II, Zur Kritik der aristotclischen Logik 72—74 

III. Die Weiterentwtcklung der Logik . 74 _ 7 6 

IV. Begrifie und Definitionen , 76 — 77 

V. Neue Schlufllchre 77— 8c 

VI. Die Logik der Induktion 80—83 



VIII Inhaltsveneichnis 

Seiw 

B. Eikenntnistheorie 84—97 

I. lhre Probleme , 84—86 

II. Entwicklung der Erkenntuistheorie 86—87 

HI. Der erkenntnistheoretische Positivismus 87 — 90 

IV. Der erkenntnistheoretische Kritizismus 90 — 94 

Literatur 9j — 97 

2. METAPHYSIK von WILHELM WUNDT 98—134 

Einleitung 98—106 

I. Die poetische Metaphysik 106 — 107 

II. Die dialektische Metaphysik 107 — 111 

III. Die kritische Metaphysik 112 — 114 

IV. Die Erneuerung der dialektischen Metaphysik in der Philosophic des 

19. Jahrhunderts 114 — 116 

V. Die Metaphysik in der Philosophic der Gegenwart 116 — irg 

VI. Die Metaphysik in der Nalunvissenschaft der Gcgemvart 119— 128 

VII. Die Zukunft der Metaphysik 128—132 

Literatur 133 — 134 

3. PSYCHOLOGIE VON HERMANN EBBINGHAUS 135—203 

Einleitung 135 — 148 

A. Allgemeine Anschauungen 148—156 

I. Gehirn und Seele ," 149 — 151 

II, Wcchselwirkung und Parallelismus 151— 156 

B. Die Elementarerscheimmgen des Seelenlebens .... 156— 173 

I. Die letzten Elemente des Seelenlebens 156 — 166 

II. Die Grundgesetze des seelischen Geschehens 166— iyt 

III. Die seelischen Gegenwirkungcn 171 — 173 

C. Verwicklungen des Seelenlebens 173—205 

I. Die Wahrnehmung 173 — 176 

II. Die Erinnerung. Die Abstraktion 176—178 

HI. Die Sprache 179 — 181 

IV. Das Denken 181— 183 

V. Der Glaube 183—187 

VI. Die Religion 187—193 

VII. Die Kunst 193—198 

VIII. Die Sittlichkeit . 198—202 

Schlufi 202—203 

Literatur 204 — 205 

4. PHLLOSOPHIE DER GESCHICHTE . . Von RUDOLK EUCKEN 206-238 

Einleitung 206—207 

I. Die Geschichte der Geschichtsphilosophie 207 — 215 

II. Der Verlauf des 19. Jahrhunderts und die Lage der Gegenwart . . . . 215 — 223 

I1L Gedanken und Thesen zur Philosophic der Geschichte 223—238 

Literatur 238 



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Inhaltsverzeichnis IX 

Seite 

5. ETHIK Von BRUNO BAUCH 239-275 

Einleitung 239 — 24.0 

1. Die Allgemeinheit des Grundgcsetzes des sittlichen BewuGtseins . . . 240 — 24.2 

II. Die beiden Formen der Allgemeinheit ethischer Gesetzlichkeit iiberhaupt 242—243 

III. Form, Inhalt und Material der ethischen Bestimmung 243—245 

IV. Der Inhalt des ethischen Grundgesetzes schlechthin 245 — 246 

V. Sittlicher Zweck und sittliches Mottv 246 — 247 

VI. Die Einseitigkeit in der Universalitat des ethischen Grundgesetzes . . 247 — 250 

VII. Die sittliche Personlichkeit 250— 253 

VIII. Die sittliche Gemeinschaft 253—25; 

IX. Das sittliche Wertgesetz und das System der Werte 255 — 261 

X. Geschichte und Freiheit 261 — 266 

XI. Pflicht und Recht . 266 — 270 

XII, Die ethische Bedeutung des Staates 270 — 272 

XIII. Das Ethos des Volkes 272—273 

XIV. Menschheit 273 — 275 

Literatur 275 

6. PADAGOGIK Von THEODOR LITT 276—310 

I. Methoden der Padagogik 276—282 

II. Erziehung und Kulturzusammenhang 282 — 286 

III. Padagogik und Kulturphilosophie 2S6 — 289 

IV. Kultur und Kulturgebiete 289—292 

V. Kulturgut und Bildungsvorgang -. 293—296 

VI. Zogling, Erzieher und Kulturgemeinschaft 296—303 

VII. Die Organisation der Bildungsarbeit 303—307 

VIII. SchluB 307— 310 

Literatur 310 

7. ASTHETIK Von MORITZ GEIGER 311— 351 

Einleitung 311—314 

I. Die axiologische Asthetik 314—328 

II. Die empirisch-genetische Asthetik 32S— 333 

III. Die psychologische Asthetik 333—343 

IV. Die allgemeine Kunstwissenschaft 343—349 

Literatur 350 — 351 

8. DIE PHILOSOPHISCHEX STROMUNGEX DER GEGEN- 

WART Von TRAUGOTT KOXSTANTIN OESTERREICH 352-395 

Einleitung 352—356 

Was heifit ,,gegen\vartige Philosophic": 352—353 

Deutsche und auBerdeutsche Philosophie in der Gegemvsrt 353—354 

Die gegenwjirtige philosophische Gesamtlage 354 — 356 

Die alteren Schichten in der Philosophie der Gegenwart .... 356—373 

Die Erkenntnistheorie 356—369 

Der Neukantianismus 357 — 364 

Die psychologische Deutung Kants 358 

Die Marburger Schule -. . , . 358—361 

Die badische oder siidwestdeutsche Schule 361 

Der kritische Realismus 361—363 

Der Neokritizismus 363—364 

Die Kultur der Gegenwart, 1,6. 3. Aufl. w * 



'f*--. i 



Inhaltsveneichnis 

Selto 

0cr Empiriokritizismus , 364 — 366 

Der Pragmatismu* 366 — 367 

Die Erkcnntni^thc-OTie der Geisteswissenschaften ...... 368 — 369 

Die Psychologic 370—373 

Die deutsche Psychologic 370 — 373 

Die Psychologic cles Auslands 373 

Die neueren Schichtcn in der Philosophic der Gegenwait .... 374—392 

Erkenntnistheoretische Stromungen 374 — 379 

Die rationalen Richtungen 374 — 37S 

Die Phanomenologic 374—376 

Die Gegenstandstheorie 376 — 377 

Die Philosophic als „Grundwissenschaft" 377 

Der Logizismus im Ausland 377— 37$ 

Irrationalismus und Intuitivismus 378 — 379 

Der Irrationalismus in Deutschland 378 — 379 

Der Irrationalismus im Ausland , 379 

Die Metaphysik 379—390 

Das Verhaknis der altcren Denker zur Metaphysik 379—382 

Antimetaphysische Tendenzen 379 — 380 

Monismus und Pantheismus im Inland und Ausland 380 — 387 

Die neue Metaphysik 383—392 

Biologische Metaphysik-Neovitalismus 383 — 3S4 

Metaphysik von der Geisteswelt aus 384—385 

Der neue Theismus 3S6 

Riickivirkungen der neucn Metaphysik auf altere Denker , 386 — 387 

Neue Weltanschauungssynthesen und Philosophic der Kultur .... 387—390 

Die Metaphysik des Auslands 390— 39- 

Der Neuthomismus 392—394 

SchluB 393—394 

Literatur 395 



Register 39& 



*w. 



V 



DAS WESEN DER PHILOSOPHIE. 

Von 

WlLHELM DlLTHEY. 

Einleitung. Wir sind gewohnt, gewisse geistige Erzeugnisse, die im Ver- Die M^twden 
lauf der Geschichte bei den verschiedenen Nationen in groBer Zahl entstan- d * r s w^Tllf 
den sind, unter der Allgemeinvorstellung Philosophie zusammenzufassen. i^iosophie. 
Wenn wir dann das Gemeinsame in diesen einzelnen. vom Sprachgebrauch als 
Philosophie oder als philosophisch bezeichneten Tatbestanden in einer ab- 
strakten Formel ausdriicken, so entsteht der Begriff der Philosophie. Die 
hochste Vollendung dieses Begriffes ware erreicht, wenn er das Wesen der 
Philosophie zu adaquater Darstellung brachte. Ein solcher Wesensbegriff 
wiirde das Bildungsgesetz aussprechen, das in der Entstehung jedes einzelnen 
philosophischen Systems wirksam ist, und die Verwandtschaftsverhaltnisse zwi- 
schen den ihm untergeordneten Einzeltatsachen wiirden sich aus ihm ergeben. 

Eine Losung dieser idealen Aufgabe ist nur unter der VoraussetzungDio Aufgabe. 
mbglich, dafi in dem, was wir mit dem Namen Philosophie oder philosophisch 
bezeichnen, auch wirklich ein solcher allgemeiner Sachverhalt enthalten ist: 
dergestalt, da8 Ein Bildungsgesetz in all diesen Einzelfallen wirkt und so 
ein innerer Zusammenhang das ganze Gebiet dieser Namengebung umfafit. 
Und so oft vom Wesen der Philosophie gesprochen wird, ist dies die Annahme. 
Mit dem Namen Philosophie wird dann ein allgemeiner Gegenstand gemeint; 
hinter den Einzeltatsachen wird ein geistiger Zusammenhang vorausgesetzt, 
als einheitlicher und notwendiger Grund der empirischen Einzeltatsachen von 
Philosophie, als die Regel ihrer Veranderungen und als das Ordnungsprinzip, 
das ihre Mannigfaltigkeit gliedert. 

Kann nun in diesem genauen Verstande von einem Wesen der Philoso- dw verschie- 
phie gesprochen werden? Es ist das keineswegs selbstverstandlich: Der Name 'd^Nam^Tais 
Philosophie oder philosophisch hat so viele nach Zeit und Ort verschiedene ^ ita -^ s a % ea 

' r ' diese Voraus- 

Bedeutungen, und so verschiedenartig sind die geistigen Gebilde, die von ihren ?««iiag. 
Urhebern mit diesem Namen bezeichnet wooden sind, dafi es scheinen konnte, 
die verschiedenen Zeiten hatten an immer andere geistige Gebilde das schbne 
von den Griechen gepragte Wort Philosophie geheftet. Denn die einen ver- 
stehen unter Philosophie die Grundlegung der Einzelwissenschaften; andere 
erweitern diesen Begriff der Philosophie, indem sie solcher Grundlegung die 
Aufgabe hinzufiigen, aus ihr den Zusammenhang der Einzelwissenschaften ab- 
zuleiten, oder Philosophie wird auf den Zusammenhang der Einzelwissenschaf- 
.ten eingeschrankt, dann wieder wjxjiXJAilfi&ofjh.ie definiert als die Geisteswissen- 

Die Kultur der Gegenwart. I. 6, 3. Auflj J*AY H '.', 1 ?■ "H& '*> * 

{ £HiL!0,'M£K 



2 Wilhelm Dilthey: Das Wesen der Philosophie 

schaft, die Wissenschaft der inneren Erfahrung; endlich versteht man unter 
ihr auch die Verstandigung iiber die Lebensfiihrung oder die Wissenschaft von 
den allgemeingiiltigen Werten. Wo ist das innere Band, das so verschieden- 
artige Fassungen des Begriffs der Philosophie, so mannigfache Gestalten der- 
selben miteinander verkniipft — das einheitliche Wesen der Philosophie? 
Kann ein solches nicht gefunden werden, dann haben wir es nur mit verschie- 
denen Leistungen zu tun, die unter wechselnden geschichtlichen Bedingungen 
als Bediirfnis der Kultur hervortraten, und die nur auCerlich und durch die 
historischen Zufalle der Namengebung eine gemeinsame Bezeichnung tragen 
— es gibt dann Philosophien, aber keine Philosophie. Dann hat auch die 
Geschichte der Philosophie keine innere notwendige Einheit. Sie empfangt 
dann unter der Hand der einzelnen Darsteller je nach dem Begriff, den diese 
im Zusammenhang ihrer eigenen Systeme von ihr sich bilden, immer wieder 
einen anderen Inhalt und einen anderen Urafang. Es mag der eine diese Ge 
fchichte darstellen ais den Fortgang zu einer immer tiefer reicheuden Be- 
griindung der Einzelwissenschaften, ein anderer als die fortschreitende Bj- 
sinnung des Geistes iiber sich selbst, ein anderer als die zunehmende wissen- 
schaftliche Verstandigung iiber die Leben serf ah rung oder die Lebenswerte. 
Urn nun zu entscheiden, wiefern von einem Wesen der Philosophie zu spre- 
chen ist, miissen wir uns von den Begriffsbestimmungen der einzelnen Phi- 
losophen zu dem geschichtlichen Tatbestand der Philosophie selbst wenden: 
dieser gibt das Material fur die Erkenntnis dessen, was Philosophie ist; das Er- 
gebnis dieses induktiven Verfahrens kann dann tiefer in seiner Gesetzmafiig- 
keit vcrstanden werden. 

Die Method?. Nach welcher Methode kann nun die Aufgabe gelost werden, aus dem 

historischen Tatbestande das Wesen der Philosophie zu bestimmen? Es han- 
delt sich hier um ein allgemeineres methodisches Problem der Geisteswissen- 
schaften. Die Subjekte aller Aussagen in denselben sind die gesellschaftlich 
aufeinander bezogenen individuellen Lebenseinheiten. Das sind zunachst die 
Einzelpersonen. Ausdrucksbewegungen, Worte, Handlungen sind die Mani- 

Din Be K riffs- festationen derselben. Und die Aufgabe der Geisteswissenschaften ist, diese 
GeistcswTsspn- nachzuerleben und denkend zu erfassen. Der seelische Zusammenhang, der 
schaften. gj^ m diesen Manif estationen ausdriickt, ermoglicht es, in denselben ein ty- 
pisch Wiederkehrendes aufzuweisen und die einzelnen Lebensmomente in 
den Zusammenhang von Lebensphasen und zuletzt in den der Lebenseinheit 
zu bringen. Die Irdividuen existieren aber nicht isoliert, sondern sie sind auf- 
einander bezogen in Familien, zusammengesetzteren Verb an den, Nationen, 
Zeitaltern, schliefiUch der Menschheit selbst. Die Zweckmafiigkeit in diesen 
singularen Organisationen ermoglicht die tvpischen Auffassungsweisen in den 
Geisteswissenschaften. Doeh erschopft kein Begriff den Gehalt dieser indivi- 
duellen Einheiten, vielmehr kann die Mannigfaltigkeit des anschauiich in ihnen 
Gegebenen nur erlebt, veistanden und beschrieben werden. Und auch ihre 
Verwebung im geschichtlichen Verlaufe ist ein Singulares und fur das Den- 
ken unausschopfbar. Nicht willkurlich indes sind die Forderungen, die Zu- 



L^ 



Einleitung i 

sammenfassungen des Singularen. Es gibt keine unter ihnen, die nicht der 
Ausdruck der erlebten Struktureinheit des individuellen und Gemeinschafts- 
lebens ware. Es gibt keine Erzahiung eines noch so einfachen Tatbestandes, 
welche ihn nicht zugleich verstandlich zu machen suchte, indem sie ihn allge- 
meinen Vorstellungen oder Begriffen von psychischen Leistungen unterordnet; 
keine, welche nicht das vereinzelt in die Wahrnehmung Fallende auf Grund 
der veifiigbaren allgemeinen Vorstellungen oder Begriffe zu einem Zusammen- 
hang erganzend verkniipfte, wie ihn das eigene Erleben darbietet; keine, welche 
nicht nach den erreichbaren Erfahrungen von Lebenswerten, Wirkungswerten, 
Zwecken die Einzelheiten, auswahlend und verbindend, zu einem Bedeut- 
samen, Sinnvollen vereinigte. In der geisteswissenschaftlichen Methode liegt 
die bestandige Wechselwirkung des Erlebnisses und des Begriffs. In dem 
Nacherleben der individuellen und kollektiven Strukturzusammenhange fin- 
den die geisteswissenschaftlichen Begriffe ihre Erfullung, wie andersehs das 
unnnttelbare Kacherleben selbst vermittels der allgemeinen Formen des Den- 
kens zu wissenschaftlicher Erkenntnis erhoben wird. Wenn diese beiden Funk- 
tionen des geisteswissenschaftlichen BewuGtseins zur Deckung gelangen, dann 
erfassen wir das Wesenhafte der menschlichen Entwicklung. Kein Begriff sell 
in diesem BewuCtsein sein, der sich nicht geformt hat an der ganzen Fiille des 
historischen Nacherlebens, kein Allgtmeines soil in ihm sein, das nicht Wesens- 
ausdruck einer historischen Realitat ist. Nationen, Zeitalter, geschichtliche 
Entwicklungsreihen — in diesen Fcrmungen schaltet nicht freie Willkur, son- 
dern, gebunden an die Notwendigkeit des Nacherlebens, suchen wir in ihnen 
das Wesenhafte der Menschen und der Volker zur Klarheit zu erheben. Man 
verkennt sonach vollstandig das Interesse, das der denkende Mensch der ge- 
schichtlichen Welt entgegenbringt, wenn man die BegHffsbildung in ihrem Be- 
reich nur als ein Hilfsmi'ttel ansieht, das Sii:gu)are, wie es ist, abzi:bilden 
und darzustellen; iiber alle Abbildung und Stilisierung des Tatsachlichen und 
Singularen hinaus will das Denken zur Erkenntnis des Wesenhaiten und Not- 
wendigen gelangen: es will den Strukturzusammenhang des individuellen und 
des gesellschaftlichen Lebens verstehen: nur so viel Macht gewinnen wir uber 
das gesellschaftliche Leben, als wir Regelmafiigkeit und Zusammenhang er- 
fassen und benutzen. Die logische Form, in wekher solche RegelmaOigkeiten 
zum Ausdruck kommen, sind Satze, deren Subjtkte allgemein sind wie ihre 
Fiadikate. 

Unter die mannigfachen allgemeinen Subjektsbegriffe, die dieser Auf- Ei^nscwt,.,, 
gabe in den Geisteswissenschaften dienen, gehbren nun auch solche wie Philo- der , Klasse von 

° , ' ° AllufniMn- 

sophie, Kunst, Religion, Rccht, Wirtschaft. Ihr Charakter ist dadurch bedingt, be gnffen, «ai w 
dafi sie nicht nur einen Sachverhalt ausdriicken, der in einer Vielheit von Sub- "rLLophir" 
jekten stattfindet, sonach ein Gleichformiges, Allgemeines, das in diesen sich BehSrt ' 
wiederholt, sondern zugleich einen inneren Zusammenhang, zu welchem die 
verschiedenen Personen durch diesen Sachverhalt miteinander verkniipft 
sind. So bezeichnet der Ausdruck Religion nicht nur einen allgemeinen Tat- 
bestand, etwa eine lebendige Beziehung des seelischen Zusammenhanges auf 



4 Wilhelm Dilthey: Das Wesen der Philosophie 

unsichtbare Krafte: er deutet zugleich einen gemeindlichen Zusammenhang 
an, in welchem zu religiosen Akten Individuen verbunden sind, u nd in welchem 
sie eine differenzierte Stellung zu den religiosen Leistungen haben. Sonach 
zeigen die Tatbestande in denjenigen Individuen, welchen Religion, Philoso- 
phie oder Kunst zugeschrieben wird, ein doppeltes Verhaltnis: sie stehen als 
das Besondere unter einem Allgemeinen, als Falle unter einer Regel, und sie 
sind zugleich als Teile untereinander nach dieser Regel verkniipft zu einem 
Ganzen. Der Grund hierfiir wird sich uns spater aus der Einsicht in die zwie- 
fache Richtung der psychologischen Begriffsbildung ergeben. 
i>\e. Fuu'-aioTi Die Funktion dieser Allgemeinbegriffe ist in den Geisteswissenschaften 

^emoinbpgrifi'e eme sen r bedeutsame. Denn in ihnen ist die Erfassung von RegelmaBigkeiten 
in aea Geistes- g anz w j e m ^en Naturwissenschaften nur dadurch moelich, dafl wir aus dem 

wisscnschafteti, ° . 

verwickelten Gewebe, als welches die mensthlich-gesellschaftlich-geschicht- 
liche Welt sich darstellt, einzelne Zusammenhange ausldsen, an denen dann 
Gleichformigkeiten, innere Struktur und Entwicklung aufgezeigt werden kon- 
nen. Analysis der empirisch gegebenen komplexen Wirklichkeit ist der erste 
Schritt zu den grofien Entdeckungen auch in den Geisteswissenschaften. Die- 
ser Aufgabe kommen zunachst Ailgemeinvorstellungen entgegen, in welchen 
solche Zusammenhange, deren jedesmaliges Vorkommen durch gemeinsame 
Ziige charakterisiert ist, bereits abgesondert und so, ausgeldst aus der kom- 
plexen Wirklichkeit, nebeneinandergestellt sind. In dem MaBe, als die Ab- 
grenzungen durch die Ailgemeinvorstellungen richtig vollzogen sind, konnen 
die so entstehenden allgemeinen Subjekte von Aussagen Trager fiir einen in 
sich geschlossenen Kreis von fruchtbaren Wahrheiten sein. Und schoii auf 
dieser Stufe bilden sich fur das in solchen Ailgemeinvorstellungen Ausgedruckte 
Namen wie Religion, Kunst, Philosophie, Wissenschaft, Wirtschaft, Recht. 

Das wissenschaftliche Denken hat. nun den in diesen Ailgemeinvorstellun- 
gen bereits enthaltenen Schematismus zu seiner Grundlage. Es mufi aber 
seine Richtigkeit erst der Priitung unterwerfen. Denn es ist gefahrlich fiir die 
Geisteswissenschaften, diese Ailgemeinvorstellungen hinzunehmen, da das 
Auffinden von Gleichformigkeiten und Gliederung davon abhangig ist, ob 
auch wirklich ein einheitiicher Sachverhalt in ihnen zum Ausdruck koramt. 
Sonach ist das Ziel der Begriffsbildung auf diesem Gebiete, das Wesen der 
Sache zu tinden, das schon in der Allgemeinvorstellung und Namengebung be- 
stimmend war, und von ihm aus die unbestimmte, ja vielleicht fehlerhafte* All- 
gemeinvorstellung zu berichtigen und zu eindeutiger Bestimmtheit zu erheben. 
Dies ist also die Aufgabe, die auch in bezug auf den Begriff und das Wesen der 
Philosophie uns gestellt ist. 
Der scMus auf Wie wird nun aber naher das Verfahren zu bestimmen sein, durch das 

aiiosojh™ »« von Allgemeinvorstellung und Namengebung auf sichere Weise fortgegangen 
cShrfnun^n werden kann zum Begriff der Sache? Die Begriffsbildung scheint einem Zir- 
setit schon em- k e i zu verfallen. Der Begriff der Philosophie kann ganz so wie der der Kunst 

Entschpidun^ 1-1 a 

dauber vora™, oder der Religiositat oder des Recnts nur gefunden werden, indem aus den 
^mXc/ST Tatbestanden, welche sie bilden, die Beziehungen der Merkmale abgeleitet 



*>s,.. 



Einleitung = 

■werden, welche den Begriff konstituieren. Hierbei wird schon eine Entscbei- 
dung dariiber vorausgesetzt, welche psychischen Tatbestande als Philosophic 
zu bezeichnen sind. Diese Entscheidung konnte aber von dem Denken doch 
nur vollzogen werden, wenn es bereits im Besitz von Merkmalen war, die zu- 
reichen, um an den Tatbestanden den Charakter der Philosophie festzustellen. 
So scheint man schon wissen zu miissen, was Philosophie sei, wenn man mit der 
Bildung dieses Begriffes aus Tatsachen anfangt. 

Die methodische Frage ware freilich sofort geldst, wenn diese Begriffe aus Em deduces 
allgcmeineren Wahrheiten abgeleitet werden konnten: dann wiirden die 1^^^' 
Schliisse aus den einzelnen Tatbestanden nur als Erganzung zu dienen haben. 
Und dies ist die Meinung vieler Philosophen gewesen, vor allem in der deut- 
schen spekulativen Schule. Solange aber diese sich nicht iiber eine allgemein- 
gultige Ableitung verstandigen kbnnen, oder fur eine Intuition die allgemeine 
Anerkennung gewinnen, wird es bei Schliissen verbleiben miissen, welche von 
den Tatbestanden aus nach empirischer Methode den einheitlichen Sachverhalt 
aufzufinden suchen — die genetische Gesetzlichkeit, die sich in den Phano- 
menen der Philosophie iiuCert. Dieses Verfahren mull die Voraussetzung nia- di 6 
chen, daC hinter der Namenbezeichnung, die es voifindet, ein einheitlicher ^MeTtcdT" 
Sachverhalt steckt, so dafi das Denken, wenn es von dem mit dem Kamen Phi- 
losophie oder philosophisch bezeichneten Umkreis der Erscheinungen ausgeht, 
nicht fruchtlos verlauft. Und die Giiltigkeit dieser Voraussetzung mufi durch 
die Untersuchung selbst erprobt werden. Sic gewinnt aus den mit dem Namen 
Philosophie oder philosophisch bezeichneten Tatbestanden eincn Wesensbe- 
griff, und der Wesensbegriff mufi dann die Erklarung ftir die Verteilung des 
Namens auf die Tatbestande ermbglichen. Nun sind in der Sphare soldier 
Begriffe wie Philosophie, Religion, Kunst, Wissenschaft iiberall zwei Aus- 
gangspunkte gegeben: die Verwandtschaft der einzelnen Tatbestande und der 
Zusammenhang, zu welchem dieselben vcrbunden sind. Und wie dann die 
besondere Natur eines jeden unter diesen allgemeinen Subjektsbegriffen fiir die 
Differenzierung der Methode fiuchtbar wird, b'etet sich in unserem Fall weiter 
der cigene Vorteil, dafi die Philosophie sich friih selber zum Bewufitsein ihres 
Tuns erhoben hat. So ist eine groGe Mannigfaltigkeit von Versuchen einer Be- 
griffsbestimmung, wie unser Verfahren sie anstrebt, vorhanden; sie sind der 
Ausdruck davon, was die einzelnen Philosophen, durch eine gegebene Kultur- 
lage bestimmt und von ihrem eigenen System geleitet, als Philosophie ange- 
sehen haben; daher sind diese DefinJtionen Abbreviaturen dessen, was fiir 
eine historische Form der Philosophie charakteristisch ist: sie eroffnen den Ein- 
blick in die inncre Dialekiik, in welcher die Philosophie die MogHchkeiten ihrer 
Stellung im Zusammenhange der Kultur durchlaufen hat. Jede dieser Mog- 
Hchkeiten mufi fiir die Begriffsbestimmung der Philosophie fruchtbar gemacht 
werden konnen. 

Der Zirkel, der im Verfahren der Begriffsbestimmung der Philosophic r>er p> an dw 
gelegen ist, ist unvermeidlich. Es besteht tatsachlich eine grofie Unsicherheit crfa r * nv 
in bezug auf die Grenzen, innerhalb deren Systemen der Name Philosophie, 



6 Wilhelm Dilthey: Das Wesen der Philosophic 

Arbeiten die Bezeichnung philosophisch beigelegt wird. Diese Unsicherheit 
kann nur iiberwunden werden, wenn man zunachst sichere, wenn auch unzu- 
reichende Bestimmungen der Philosophie feststellt und von diesen aus durch 
neue Verfahrungsweisen zu weiteren Feststellungen gelangt, welche allmahlich 
den Gehalt des Begrii'fs der Philosophic ausschopfen. Die Methode kann also 
nur sein, durch einzelne Verfahrungsweisen, deren jede fiir sich erne allgemcin- 
giiltige und vollstandige Auflosung der Aufgabe noch nicht gewahrleistet, doch 
schrittweise die Wesensziige der Philosophic genauer abzugrenzen und den 
Umfang der unler sie fallenden Tatbestande fester zu umschreiben und 
schliefilich aus der Lebendigkeit der Philosophic abzuleiten, warum Grenz- 
gebiete iibrigbleiben, die eine reinliche Umfangsbestimmung nicht gestatten. 
Es mufi zuerst versucht werden, an denjenigen Systemen, an denen die Bii- 
dung der Allgemeinvorstellung Philosophic fiir jeden sich vollzieht, einen ge- 
meinsamen Sachverhalt festzustellen. Es kann Jann die andere Seite, die der Be- 
griff darbietet, die Zugehongkeit der Systeme zu einem Zusammenhang be- 
nutz-t werden, das Resultat zu erproben und durch eine tiefer reichende Ein- 
sicht zu erganzen. Damit ist dann die Grundlage gegeben, die Stellung der so 
gewonnenen Wesensziige der Philosophic zu dem Strukturzusammenhang des 
IndJviduums und der Gesellschaft zu untersuchen, Philosophic als eine 
lebendige Funktion im Individuum und der Gesellschaft zu erfassen und so 
die Ziige zu einem Wesensbegriff zu verbinden, von welchem aus das Verhalt- 
nis der einzelnen Systeme zur Funktion der Philosophic verstanden, die syste- 
matischen Be^riffe von der Philosophic an ihren Ort eingestellt und die flie- 
Oende Grenze ihres Umfangs deutlicher gemacht werden kann. Dies ist der Weg, 
den wir zu durchlaufen haben. 

A. Historisches Verfahren zur Bestimmung des Wesens der Philosophie, 

I. Erste Bestimmungen iiber den allgemeinen Sachverhalt. 
Es gibt philosophische Systeme, die sich vor alien anderen dem BewuGtsein 
der Menschheit eingepragt haben und an denen man sich standig iiber das 
orientiert hat, was Philosophie sei. Demokrit, Platon, Aristotelcs, Descartes, 
Spinoza, Leibniz, Locke, Hume, Kant, Fichte, Hegel, Comte haben Systeme 
dieser Art geschaffen. Dieselben tragen gemeinsame Ziige, und an diesen ge- 
winnt das Denken einen MaCstab dafur, wiefern auch andere Systeme dem 
i>io forwaien Gebiete der Philosophie eingeordnet werden konnen. Zunachst konnen Ziige 
philosophie. formaler Natur an ihnen festgestellt werden. Gleichviel welchen Gegenstand 
die einzelnen Systeme haben oder welche Methode sie befolgen: im Unter- 
schiede von den Einzelwissenschaften sind sie auf den ganzen Umfang des em- 
pirischen Bewufltseins als Leben, Erfahren, Erfahrungswissenschaften fun- 
diert und sucheii so ihre Aufgabe zu losen. Sie tragen den Charakter derUniver- 
salitat. Dem entspricht das Streben, das Vereinzelte zu verbinden, Zusammen- 
hang zu stiften und ihn ohne Riicksicht auf die Grenzen der Einzelwissen- 
schaften ausz t udehnen. Der andere formale Zug der Philosophie liegt in der 
Forderung allgemeingultigen Wissens. Hiermit ist verbundeti das Streben, 






A. Historisches Verfahren usw. I. Erste Bestimmungen usw, II. Geschichtl. Ableitung usw. j 

in der Begrundung zuruckzugehen, bis der letzte Punkt fur die Fundierung der 
Philosophic erreicht ist. Dem, der sich vergleichend in die klassischen Systeme inbaitiich* 
der Philosophic vertieft, entsteht aber, zunachst in unbestimmten Umrissen, 3Stimmua ^"- 
auch eine Anschauung der inhaltlichen Zusammengehorigkeit der Systeme. 
Die Selbstzeugnisse der Philosophen iiber ihr Schaffen, die wohl verdienten, 
gesammelt zu werden, zeigen zunachst die Jugend aller Denker vom Kampf 
mit dem Ratsel des Lebens und der Welt erfiillt, und ihr Verhaltnis zum Welt- 
problem kommt in jedem der Systeme auf eigene Art zur Geltung, und die 
formalen Eigenschaften der Philosophen offenbaren in ihnen einen geheimen 
Bezug zu der innersten Richtung aaf die Festigung und Gestaltung der Per- 
sonlichkeit, auf das Durchsetzen der Souveranitat des Geistes, auf jene intel- 
lektuelle Beschaffenheit, die alles Tun zjm Bewufitsein erheben will und rrichts 
im Dunkel blofien Verhaltens zuriicklassen, das uni sich selber nicht weiB. 

II. Geschichtliche Ableitung der Wesenszuge der Philoso- 
phic aus dem Zusammenhang der Systeme. Nun tut sich ein Ver- 
fahren auf, welches in den inneren Zusammenhang dieser Ziige tiefer blicken 
lafit, die Differenzen der Begriffsbestimmungen der Philosophie erklart, jeder 
dieser Formeln ihre historische Stelle anweist und den Umfang des Begriffes 
genauer bestimmt. 

Im Begriff der Philosophie liegt nicht nur ein allgemeiner Sachverhalt, zasainmcnhaag 
sondern auch ein Zusammenhang derselben — ein historischer Zusammen- er losop te ' 
hang. Die Philosophen sind zunachst direkt dem Welt- und Lehensratsel zu- 
gewandt, die Begriffe, die sie von der Philosophie bilden, entspringen hieraus, 
jede Stellung, die der philosophische Geist dann im weiteren Verlauf einnimmt, 
bezieht sich auf diese Grundfrage zurtick, jede lebendige philosophische Arbeit 
entsteht in dieser Kontinuitat, und die Vergangenheit der Philosophie wirkt 
in jedem einzelnen Denker, so dafl er, auch wo er an der Losung des grofien 
Ratsels verzweifelt, durch diese Vergangenheit zu seiner neuen Position be- 
stimmt ist. So bilden alle Stellungen des philosophischen Bewufltseins, alle 
Begriffsbestimmungen der Philosophie, in denen diese Stellungen zum Aus- 
druck gelangen, einen historischen Zusammenhang. 

I. Entstehung des Namens in Griechenland, und was dort DerNime 
mit diese m Namen bezeichnet wurde. Der beziehungsreiche tiefsinnige os °p ,e - 
Zusammenhang von Religiositat, Kunst und Philosophie, in welchem die 
Orientalen lebten, ging bei den Griechen zu den differenzierten Leistungen 
dieser drei Formen des geistigen Schaffens auseinander. Ihr heller, selbstbc 
wufiter Geist loste die Philosophie von der Gebundenheit der Religiositat und 
von der seherischen Symbolik mit Philosophie oder Religiositat verwandter 
Dichtungen. Ihre plastische Anschauungskraft wirkte zur gesonderten Aus- 
bildung der Gattungen geistiger Schopf jngen. So entstand bei den Griechen 
zugleich die Philosophie, ihr Begriff und der Ausdruck (piXocotpia. Als cocpoc 
wird von Herodot jeder, bezeichnet, der in hoherer geistiger Tatigkeit sich 
hervortat. Der Name cotpietfic wird von ihm dem Sokrates, Pythagoras und 



^ 



8 Wilhelm Dilthey: Das Wesen der Philosophic 

anderen alteren Philosophen beigelegt, und von Xenophon wird er fiir die Na- 
turphilosophen gebraucht. Das zusammengesetzte Wort cpi\ococp€Tv bedeutet 
zunachst im Sprachgebrauch der Zeiten von Herodot und Thukydides iiber- 
haupt die Liebe zur Weisheit und das Suchen nach ihr: als die neue griechische 
Geisteshaltung. Denn in dies Wort legt der Grieche das Suchen nach der 
Wahrheit um der Wahrheit selbst willen — nach einem von jeder praktischen 
Anwendung unabhangigen Werte. So sagt bei Herodot Krosus zu Solon in 
jener typischen Darstellung des Gegensatzes orientalise hen Machtwillens zu 
dein neuen griechischen Ethos: er habe vernommen, dafi Solon (ptXoco<peuJV 
vide Lander Bewpinc eivextv — eine Erlauterang des ,,philosophierend" — 
durchwandert habe. Denselben Ausdruck gebraucht dann Thukydides in der 
perikleischen Grabrede, um einen Grundzug des damaligen athenischen Gei- 
stes auszusprechen. Zum technischen Ausdruck fur einen bestimmten Kreis 
geistiger Beschaftigung ist dann wohl das Wort ,, Philosophie" erst in der so- 
kratischen Schule erhoben worden. Denn die Uberlieferung, die dies dem Py- 
thagoras zuschreibt, dtirfte Sokratisch-Platonisches zuriicktibertragen. Und 
zwar hat nun der BegrJff der Philosophic in der sokratisch-platonischen Schule 
eine bemerkenswerte Zweiseitigkeit. 
KegaihcSeiic Philosophie ist nach Sokraies nicht Weisheit, sondern die Liebe zu ihr 

PMiosopWe i/ und das Suchen derselben; denn die Weisheit seiber haben die Gotter sich 
der sokratisch- vor b ena iten. Das kritische Bewufltsein. das in Sokrates und tiefer in Platon 

platomschen * 

Schaie. clas Wissen begriindet, setzt demselben zugleich Grenzen. Platon ist der erste, 
der nach alteren Andeutungen, besonders des Herakleitos, das Wesen des Phi- 
iosophierens zum Bewufitsein erhoben hat. Indem er von den Erfahrungen 
seines eigenen philosophischen Genies ausgeht, schildert er den philosophischen 
Trieb und seine Entfaltung zum philosophischen Wissen. Alles groGe Leben 
entspringt aus der Begeisterung, die in der hoheren Natur des Menschen ge- 
griindet ist. Wie wir in der Sinnenwelt befangen sind, auBert sich diese hohere 
Natur in einer unendlichen Sehnsucht. Der philosophische Eros geht von der 
Liebe zu schonen Gestalten durch verschiedene Stufen bis zu dem Wissen von 
den Ideen. Unser Wissen bleibt aber auch auf dieser hochsten Stufe nur eine 
Hypothese, und zwar hat diese die unveranderlicheu Wesenheiten zum Gegen- 
stande, die in der "Wirklichkeit realisiert sind, nie indes erreicht sie den ur- 
sachlichen Zusammenhang, der von dem hochsten Guten sich erstreckt zu den 
tinzelnen Dingen, in denen wir das Ewige anschauen. In dieser groCen Sehn- 
sucht, welcher unser Wissen nie genugtut, lag der Ausgangspunkt fiir em in- 
neres Verhaltnis der Philcsophie zur Religiositat, die in der Fiille des Gott- 
lichen Iebt. 

Dieposithc Das andere Moment, das die Philosophie nach ihrem sokratisch-plato- 

nischen Begriff enthalt, bezeichnet ihre positive Leistung. Die Erfassung des- 
selben war von noch allgemeinerer Wirkung. Philosophie bedeutet die Rich- 
tung auf das Wissen — Wissen in seiner strengsten Form als Wissenschaft. 
Allgemeingiiltigkeit, Bestimmtheit, Ruckgang auf die Rechtsgriinde aller An- 
nahmen wurden hier zuerst als Anforderung an jedes Wissen herausgehoben. 



A. Historisches Verfahren usw. II. Geschichll. Ableilmig der Wesensziige der Philosophic 9 

Gait es doch, dem ruhelosen traumerischen Spiel der metaphysischen Hypo- 
thesen wie dem Skeptizismus der Aufklarung ein Ende zu machen. Und zwar 
erstreckte sich sowohl bei Sokrates als in den ersten Dialogen Platons die 
philosophische Besinnung auf den ganzen Umfang des Wissens, in bewufttem 
Gegensatz zu dessen Emschrankung auf Erkenntnis von Wirklichkeit. Sie 
umfafite ebenso die Bestimmung der Werte, der Regeln und Zwecke. Ein er- 
staunlicher Tietsinn liegt in dieser Aut'fassung; Phiiosophie ist die Besonnen- 
beit, welche alles menschliche Tun zum Bcwufitsein, und zwar zu allgemein- 
giiltigem Wissen erhebt. Sie ist die Selbstbestimmung des Geistes in der Form 
des begrifflichen Denkens. Das Tun des Kriegers, des Staatsmannes, des Dich- 
ters oder des Religiosen kann sich nur vollenden, wenn das Wissen von diesem 
Tun die Praxis leitet. Und da alles Tun der Zweckbestimmung bcdarf, der 
letzte Zweck aber in der Eudamonie liegt, so ist das Wissen um die Eudamonie, 
um die in ihr begriindeten Zwecke und die von diesen geforderten Mittel das 
Starkstc in uns, und keine Kraft dunkler Instinkte und Leidenschaften kann 
sich durchsetztn, \venn das Wissen zeigt, dafi die Eudamonie durch diese dunk- 
len Gewalten gehindert wird. So kann nur die Herrschaft des Wissens das 
Individuum zur Freiheit und die Gesellschaft zu der ihr eigenen Eudamonie 
erheben. Auf dem Grunde dieses sokratischen Begriffs der Phiiosophie unter- 
nahmen die sokratischen Dialoge Platons einc Auflosung der Lebensprobleme. 
Und eben weil doch das Leben mit seinem Drang nach der Eudamonie, mit 
der Eigenmacht der Tugenden, in denen diese sich verwirklicht, nicht zu all- 
gemeingultigem Wissen erhoben werden konnte, mufiten diese Dialoge negativ 
enden: der Widerstreit in der sokratischen Schule war unlosbar: tiefsirmig 
und richtig erfafit die platonische Apologie in der Person des Sokrates das 
beides: wie er die Aufgabe der Allgemeingultigkeit des Wissens ergreift und 
wie das Nichtwissen doch sein Ergebnis ist. Dieser Begriff der Phiiosophie, 
nach welchem sie Scin, Werte, Giiter, Zwecke, Tugenden zum W 7 issen zu er- 
heben strebt und so zu ihren Gegenstanden das Wahre, Schone und das Gute 
hat, ist das erste Ergebnis der Besinnung der Phiiosophie iiber sich selbst: eine 
unermefiliche Wirkung ging von ihr aus, und der Kern des wahren Wesensbe- 
griffs der Phiiosophie war in ihr enthalten. 

Der sokratisch-platonische Begriff der Phiiosophie wirkt nach in der Ein- Nad^-irku^ 

. . n T-11 -n 1 - i- 11. i-i ■ i- i.i_ dieses Begriffs 

teilung derselben bei Anstoteles. Phiiosophie zerfallt nach lhm in die tneore- in seitier 
tische, poietische und praktische Wissenschaft; sie ist theoretisch, wenn ihr E ^^ ei 
Prinzip und Ziel das Erkennen ist, poietisch, wenn ihr Prinzip im kunstleri- 
schen Vermogen gelegen ist und ihr Ziel in einem hervorzubringenden Werke, 
' und sie ist praktisch, wo ihr Prinzip der Wille ist und ihr Ziel die Handlung 
als solche. Und zwar umfafit die poietische nicht nur die Theorie der Kunst, 
sonde-rn jegliches Wissen technischer Art, das seinen Zweck nicht in der Ener- 
gie der Person, sondern in der Herstellung eines aufieren Werkes hat. 

Aber Aristoteles hat seine Phiiosophie nicht wirklich nach dieser in Platon Der ne ue. B CJ! r.ff 
gegriindeten Einteilung.gegliedert. Ein veranderter Begriff derselben gelangte in " er ^oteu- 
mit ihm zur Geltung. Phiiosophie ist ihm nicht mehr hochste Steigerung der schcn Si:I,ul0 - 



10 WlLHELM Dn.THEY: Das Wesen der Philosophte 

Persbnlichkeit und der menschlichen Gesellschaft durch das Wissen: sie sucht 
das Wissen um seiner selbst willen: das philosophische Verhalten ist ihm cha- 
rakterisiert durch die theoretische BewuGtseinsstellung. Wie die veranderliche, 
doch vernunftgemaBe Wirklichkeit gegriindet ist in dem wandellosen und se- 
ligen Denken der Gottheit, das keinen Zweck und kein Objekt auBer sich selbst 
hat: so hat dann schliefilich die hochste unter diesen veranderlichen Wirklich- 
keiten, die menschliche Vernunft ihre oberste Funktion in dem rein theoreti- 
schen Verhalten als dem vollkommensten und gliicklichsten fur den Menschen: 
dieses aber ist ihm nun Philosophic; denn sie begriindet und umfaBt alle Wis- 
senschaften. Sie schafft eine Theorie des Wissens als Grundlage jegHcher Art 
von wissenschafthcher Arbeit, ihr Mittelpunkt ist dann eine universale Wissen - 
schaft des Seins: erste Philosophic, fur die in der Schule der Ausdruck Meta- 
physik sich bildete; auf die in dieser ersten Philosophie durchgebildete teleo- 
logische Weltauffassung grundet sich schliefilich der Zusammenhang der Wis- 
senschaften, v-elcher von der Erkenntnis der Natur durch die Lehre vom Men- 
schen zur Bestimmung des letzten Zweckes fur die Individuen und die Gesell- 
schaft reicht. Und nun ermoglicht das neue aristotelische Prinzip des ursach- 
lich wirkenden Zweckes, auch das Veranderliche der empirisch gegebenen Wirk- 
lichkeit dem Denken zu unterwerfen. So entsteht der neue Begriff der Philo- 
sophie: als die Einheit der Wissenschaften bildet sie den objektiven Wirklich- 
keitszusammenhang in Begiiffen ab, der von der Erkenntnis Gottes bis zur 
Erkenntnis der Zwecksetzung im Menschen reicht. 
Die phiiosopWn- Der griechischen Unterordnung der Einzelwisserischaften unter die Phi- 
losophie entsprach die Organisation der Philosophenschulen. Diese Schulen 
waren nicht nur Mittelpunkte der Diskussion iiber die Prinzipien, sondern auch 
Arbeitsstatten positiver Forschung. In wenigen Generationen gelangte eine 
ganze Anzahl von Naturwissenschaften wie von Geisteswissenschaften in diesen 
Schulen zu ihrer Konstituierung. Es ist Grund anzunehmen, dafi schon vor 
Platon irgendeine Ordnung und Stetigkeit in Schulung und gemeinsamer Ar- 
beit nicht nur die Py thagoreer, sondern auch die Schiiler anderer alterer Denker 
mit diesen und untereinander verbunden hat. Im hellen Lichte der beglaubigten 
Geschichte treten uns dann die Akademie und die peripatetische Schule ent- 
gegen, als rechtlich geordnete Verbande, in denen die Einheit des philosophi- 
schen Grundgedankens die einzelnen Wissenschaften zusammenhielt und die 
Leidenschaft der reinen Wahrheitserkenntnis jeder positiven Arbeit Leben und 
Beziehung auf das Ganze mitteiltc: ein unerreichtes Vorbild schopferischer 
Macht einer solchen Organisation. Platons Schule war eine Zeitlang Mittel- 
punkt der mathematischen und astronomischen Forschung; die gewaltigste 
wissenschaftliche Arbeit aber, die je in einer so beschriinkten ZeJt und an 
einer Stelle getan worden ist, vollbrachte die Genossenschaft um Aristoteles 
her. Die Grundgedanken der teleologischen Struktur und der Entwicklung, 
die Methode der Beschreibung, Zerghederung und Vergleichung fuhrten in 
dieser Schule zur Konstituierung der beschreibenden und zergliedernden Na- 
turwissenschaften wie der Politik und der Kunstlehre. 



A. Historisches Verfahien usw. II. Geschichtl. Ableitung der Wesenszuge der Philosophic 1 1 

In dieser Organisation der Philosophenschulen hat der griechische Begriff 
der Philosophic als der Gesamtwissenschaft seinen hochsten Ausdruck ge- 
funden. Es geschah dies, indem die Seite im Wesen der Philosophie sich gel- 
tend machte, nach welcher eine gemeinsame Aufgabe die Philosophierenden 
zu gemeinsamer Leistung verbindet. Denn liberal!, wo derseJbe Zweckinhalt 
in einer Anzahl von Personen wiederkehrt, setzt er die Individuen in Zusam- 
menhang imtereinander. Hierzu tritt in der Philosophie die verbindende Kraft, 
welche in ihrer Richtung auf Allgemeinheit uiidAllgemeingiiltigkeit gelegen ist. 

Die einheithche Leitung der wissenschafth'chen Arbeit, wie sie in der d;» Eman*ipa- 
Schule des Aristoteles ihre hochste Entwicklung gefunden hat, zerfiel wie das W i S s e «sciiafcen 
Reich Alexanders. Die Einzelwissens-haften reiften nun zur Sdbstandigkeit f d *" Prob ' era 

o der Steilung der 

heran. Das Band, das sie zusammengehalten hatte, zerriB. Die Nachfolger ^tniosopw© *u 
Alexanders begruudeteti aufterhalb der philosophtschen Schulen Anstalten, 
welche dem Einzelbetrieb der Wissenschaften dienten. Hier lag ein erstes 
Moment, das der Philosophie eine veranderte Stelle gab. Die Einzelwissen- 
schaften besetzten allmahlich das ganze Reich des Wirklichen in einem Ver- 
lauf, der in der neueren Zest dann wieder einsetzte und auch heute noch nicht 
zum AbschluB gelangt ist. Wenn die Philosophie irgendeinen Kreis der For- 
schung der Reife entgegengefiihrt hatte, lbste dieser sich aus ihrem Verbande. 
So ist es ihr zuerst mit den Naturwissenschaften gegangen; in der neueren Zeit 
schritt dann dieser Prozefi der Differenzierung fort: allgemeine Rechtswissen- 
schaft wurde seit Hugo de Groot und vergleichende Staatslehre seit Montes- 
quieu selbstandig; heute macht sich unter den Psychologen das Streben nach 
Emanzipation ihrer Wissenschaft geltend, und wie allgemeine Religionswissen- 
schaft, Kunstwissenschaft, Padagogik, Sozialwissenschaft in dem Studium der 
historischen Tatbestande und in der Psychologie fundiert sind, muC auch ihre 
Steilung zur Philosophie fraglich werden. Diese immerfort zunehmende Ver- 
schiebung in den Machtverhaltnissen innerhalb des Bczirks des Wissens stellte 
gleichsam von aufien der Philosophie die Aufgabe neuer Abgrenzungen ihres 
Gebiets. In ihrer inneren Entwicklung aber lagen Momente, die noch weit 
starker hierauf wirkten. 

Denn eben in dem Zusammenwirken jenes auCeren Faktors mit den von Leb«M- 
inncn wirkenden Kraften entstand nun die Veranderung in der Steilung der 
Philosophie, welche von dem Auftreten der Skeptiker, Epikureer und SLoiker 
bis auf die Schriftstellerei des Cicero, Lucretius, Seneca, Epictet und Marc 
Aarel sich entwickelte. Innerhalb der neuen Macht vernal tnisie im Gebiete 
des Wissens machte das Mifilingen der metaphysischen Wclterkenntnis, die 
Ausbreitung des skeptischen Geistes und eine in den alternden Nationen ent- 
standene Wendung in die Innerlichkeit sich geltend: es entwickelte =ich die 
Lebensphilosophie. In ihr tritt uns eine neue Steilung des philosophischen 
Geistes entgegen, die fur alle Zukunft von der grfifiten Bedeutung sein sollte. 
Noch wurde das Problem der groflen Systeme in seinem ganzen Unifang fest- 
gehalten. Doch die Forderung seiner allgemeingiil'jgen Losung wurde immer 
lafilicher gehandhabt. Die Gewichtsverteilung zwischen den einzelnen Auf- 



i 2 Wilhelm Dilthky: Das Wesen der Philosophic 

gaben wurde eine andere; dem Problem von Wert und Zweck des Lebens ord- 
nete sich nun das vom Weltzusammenhang unter; imromisch-stoischen System, 
dem wirksamsten, das die Welt gesehen hat, trat die personbildende Macht der 
Philosophie in den Vordergrund. Die Struktur der Philosophie, die Anordnung 
und das Yerhaltnis ihrer Teile wurde eine andere. Dieser Veranderung in der 
Stellung der Philosophie cntsprach nun auch das Auftreten neuer Begriffs- 
bestimmungen fur dieselbe. Die Philosophie ist in dieser von Cicero vertretenen 
Wendung 'Lehrerin des Lebens, Erfinderin der Gesetze, Anleiterin zu jeder 
Tugend', und Seneca definiert sie als die Theorie und Kunst der richtigen 
Lebensfiihrung. Es ist damit gegeben, daB sie eine Lebensverfassung ist, nicht 
blofle Theorie, und so gebraucht man gern den Ausdruck Weisheit fur sie. 
Aber geht man von dem neuen Begriff der Philosophie auf die Stellung der- 
selben zuriick, die er ausdriickt: so hat sie sich doch in volliger Kontinuitat 
aus den grofien metaphysischen Systemen entwickelt, ihr Problem tritt nur 
unter neue Bedingungen. 

Lange Jahrhunderte hindurch hat dann die Philosophie, wie dieser Zug 
in die unergrundlichen Tiefen des We;ens der Dinge die alternde Welt zur 
Religion fiihrte, in der Unterordnung unter die Religion ihr wahres Wesen 
verloren; die Stellung, die sie nun zur Aufgabe einer allgemeinguhigen uni- 
versalen Erkenntnis einnahm, die Begriffe von ihr, die so entstanden, gehoren 
nicht in die Linie der reinen Entwicklung ihres Wesens: in der Theorie 
von den Zwischengliedern zwischen Philosophie und Religion wird davon zu 
reden sein. 

2, Die Formen der Philosophie in der moderneri Zeit, -wie sie 
in den Begriffen von ihr zum Ausdruck gelangt sind. Als nun nach 
den Vorbereitungen der Renaissance, in denen eine sich verweltlichende Kunst, 
Literatur und mit ihr verwandt eine freie Lebensphilosophie die Kultur be- 
herrschten, die Wissenschaften der Natur sich definitiv konstituierten und die 
der Gesellschaft zum erstenmal in dem natiirlichen System den Charakter 
eines von einer Idee getragenen Zusammenhangs annahmen, als so die Er- 
fahrungswissenschaften die Erkenntnis des Universums nach ihren Methoden 
zu verwirklichen unternahmen: da entstand im 17. Jahrhundert ein neues Ver- 
haltnis der Krafte der gei&tigen Kultur. Der Mut zu strengem allgememgiil- 
tigen Wissen und der Umgestaltung der Welt durch dasselbe durchdrang die 
leitenden Volker: in ihm war en die Einzelwissenschaften und die Philosophie 
verbiindet: sie traten so in den scharfsten Gegensatz zur Reh'giositat und lie- 
Ben Kunst, Literatur, Lebensphilosophie hinter sich; daher wurde die Rich- 
tung auf objektive W'elterkenntnis mit dem Charakter der Allgemeingultig- 
keit, wie sie in den grofien Systemen des Altertums geherrscht hatte, unter 
den neuen Bedingungen noch zielbewufiter und methodischer durchgefiihrt. 
So anderte sich auch der Charakter und der Begriff der Metaphysik. Sie war 
aus der naiven Stellung zur Welt durch den Zweifel hindurch zur bewufiten 
Erfassung des Verhaltnisses des Denkens zur Welt vorwarts gegangen ; _nuji 
sondert sie sich von. den Einzelwissenschaften durch das Bewufitsein iiber ihre 



A. Historisches Verfahren usw. II. Geschichtl. Ableitung der Wesensziige der Philosophic 13 

besondere Methode. Sie findet auch jetzt den ihr eigenen Gegenstand im 
Sein, das uns in keiner Einzelwissenschaft ats solcher gegeben ist; aber in der 
methodischen Forderung strenger Allgemeingiiltigkeit und in einer fortschrei- 
tenden Selbstbesinnung iiber das metaphysische Verfahren liegt ein unter- 
scheidendes Moment ihrer neuen Entwicklung. Jene Forderung verbindet sie 
mit den mathematischen Naturwissenschaften, und der methodische Charakter 
der Universalitat und der letzten Begriindung sondert sie von ihnen. Das 
diesem neuen methodischen Bewufitsein entsprechende Verfahren gilt es dem- 
nach festzustellen. 

a) Der neue Begriff der Metaphysik. Descartes unternahm sof or t I'tuiowphie ai* 
nach der Begrundung der Mechanik, seine neue konstruktive Methode fur l!n ""'kt?!! as on ' 
die Bestimmung des Wescns der Philosophie zu benutzen. Das erste Merkmal v^n^rm. 

t> r Dps canes. 

dieser Methode nach ihrem Gegensatz zu den Einzelwissenschaften lag in der ^ Uobbc*. 
allgemeinsten Fassung des Problems und dem Ruckgang von den ersten An- 
nahmen derselben zu einem obersten Prinzip. Hier brachte sie Grundziige, 
die im Wesen der Philosophie gelegen sind, nur zu einem vollendeteren Aus- 
druck als irgendein friiheres System. In der Methode der Durchfiihrung lag 
aber nun ihre geniale Eigentumlichkeit. Die mathematischen Naturwissen- 
schaften enthalten Voraussetzungen in sich, die jenseit der Einzelgebiete dor 
Mathematik, Mechanik, Astronomie gelegen sind. Stellt man diese in evidenten 
Begriffen und Satzen clar und erfafit man den Rechtsgrund ihrer objektiven 
Geltung, so kann auf sie ein konstruktives Veriahren gebaut werden; damit 
erhalt die mechanische Betrachtung erst ihre Sicherheit und die Moglichkeit 
weitcrer Ausdehnung. Descartes machte dies Galilei gegeniiber geltend, und 
hierin erblickte er die Uberlegenheit des Philosophen gegen den Physiker. 
Desselben konstruktiven Verfahrens bedienten sich dann Hobbes und Spinoza. 
Eben in seiner Anwendung auf die Wirklichkeit — deren gegebene Eigen- 
schaften er natiirlich uberall dabei voraussetzt — ergibt sich Spinozas neuer 
pantheistisches System der Identitat von Geist und Natur: es ist eine Inter- 
pretation der in der Erfahrung gegebenen Wirklichkeit auf Grund der einfachen 
evidenten Wahrheiten; in dieser Metaphysik der Identitat ist dann die Lehre 
von dem ursachlichen Nexus der seelischen Zustande gegriindet, der durch die 
Sklaverei der Leidenschaften zur Freiheit fuhrt. Leibniz endlich ist in der 
Durchfiihrung dieser neuen philosophischen Methode weitergekommen ah: 
irgendein anderer. Bis zu seincm Tode ist er mit der herkulischen Arbeit be- 
schaftigt ge wesen, seine neue allgemeine Logik als GrundSage des konstruktiven 
Verfahrens auszubilden. Die Abgrenzung der Philosophie durch das Merkmal 
der Methode hat seit dem 17. Jahrhundert in den mctaphysischen Systemen 
sich erhaiten. 

Die konstruktive Methode dieser Denker erlag dann der Erkenntniskritik .vufm^ng der 
von Locke, Hume und Kant, wenn auch in Leibniz gerade fur eine Theorie McihoJe durch 
des Wissens Grundlagen bestehen bleiben, die erst in der neuesten Zeit ihr Kant " 
voiles Verstandnis linden. Der Schlufi aus der Evidenz der einfachen Begriffe 
und Satze auf ihre objektive Geltung envies sich als unhaltbar. Die Kategorien 



14 WiLHELM DlLTHEY; Das Wesen der Philosophic 

der Substanz, der Kausalitat und des Zweckes wurden auf die Bedingungen 
des auffassenden Bewufitseins zuruckgefuhrt. Wenn die Sicherheit der Ma- 
thematik diese konstruktive philosophische Methode garantiert hatte, so zeigte 
Kant in der Anschauung die unterscheidende Grundlage der mathematischen 
Evidenz auf. Und auch das konstruktive Verfahren in den Geisteswissen- 
schaften, wie es sich im Recht und in der natiirlicben Theologie darstellt, er- 
wies sich als unfahig, der Fulle der geschichtlichen Welt im Denken und im 
politischen Handeln genugzutun. Es gait sonach, wenn man nicht zur Ver- 
werfung jeder der Metaphysik eigenen Methode kommen wollte, ihr Verfahren 
neu zu gestalten. Und eben Kant, der die konstruktive Methode der Philoso- 
phic gestiirzt hat, hat die Mittel einer sole hen Umgestaltung entdeckt. Er 
hat das Unterscheidende seiner kritischen Lebensarbeit — und da ihm in die- 
ser das Hauptgeschaft der Philosophic lag, das Unterscheidende der Philoso- 
phic selber — in der Methode gesehen, die er als die transzendentale bezeichnet 
hat. Das Gebaude, das er mit ihrcn Mitteln zu errichten gedachte, sollte die 
so gefundenen Wahrheiten zu seiner Grundlage haben, und in diesem Ver- 
stande hat er den Namen der Metaphysik beibehalten. Auch erfafite er bcreits 
das neue inhaltliche Prinzip, auf welches Schelling, Schleiermacher, Hegel, 
Schopenhauer, Fechner, Lotze die Metaphysik begriindeten. 
Die metaphy- Die iiuBere Welt ist nach der groBen Einsicht der neuen, auf Erkenntnis- 

sische Methode . . , _ .. _ .. . .. in. 

der deutschen theone tunriierten rhnosopme von Locke, rlume una Kant nur als rhanomen 
spekuiadot.. ^ r uns ^ a . R ea litat ist (nach den englischen Denkern unmittelbar, nach Kant 
freilich aufgefatit unter den Bedingungen des BewuBtseins) in den Tatsachen 
des BewuOtseirs gegeben: diese Realitat aber — da? ist das entscheidend Neue 
im Standpunkt Kants — ist soelischer Zusammenhang, und auf ihn gcht jeder 
Zusammenhang der auBeren Wirklichkeit zuriick. Die einfachen Begriffe und 
Satze, welche die konstruktive Philosophie zugrunde gelegt hatte, sind sonach 
nur vom Verstand isolierte und abstrakt formulierte Elemente dieses Zusam- 
menhangs. Von dieser Konzeption Kants ging die neue deutsche Metaphysik 
aus; daher blicktcn die deutschen Melaphysikcr von Schelling bis Schopen- 
hauer mit Hufi und Verachtung auf Reflexion und Verstand, die mit diesen ab- 
straktcn Elementen eines Lebendigen, den Substanzen, den kausalen Rela- 
tionen, den Zwecken ihr Wesen treiben. Mit Hirer neuen Methode, die vom see- 
iischen Zusammenhang ausging, konnten sie endlich den Geisteswissenschaften 
gerecht werden, welche durch die Anwendung jener Reflexionsbegriffe seicht 
und trivial geworden waren. Und eben diese Annahme eines geistigen Zu- 
sammenhanges fiihrte den Begriff der Evolution, die von der Erfahrung am 
Universum festgestellt worden war, iiber in die fruchtbare Anschauung der 
Entwicklung. Es war der letzte und vollkommcnste Versuch, eine eigene phi- 
losophische Methode zu entwickeln. Ein Versuch von gigantischer Grbfiel 
Aber auch er muflte mifilingcn. Es ist wahr: im Bewufitsein liegt die Moglich* 
keit, den Zusammenhang der Welt zu erfassen. Und wenigstens den formalen 
Operationen, durch welche es das tut, kommt der Charakter der Kotwendigkeit 
zu. Aber auch' diese metaphysische Methode findet nicht die Briicke, die 



A. Historisches Verfahren usw. II. Geschichtl. Ableitung der Wesensziige der Philosophic i ^ 

von der Notwendigkeit als einer Tatsache unseres Bewufitseins hintiberfuhrt 
zu der objektiven Geltung, und umsonst sucht sie einen Weg, der von dem 
Zusammenhang des Bewufitseins zu der Einsicht fiihrt, dafi uns in dieseni 
das mnere Band der Wirklichkeit selbst gegeben sei. 

So wurden nun in Deutschland die Mbglichkeiten der metaphysischen Die beiden 

-ii.il i ■ in i i -j ii_ i. - Grutidrichtungen 

Methode erprobt — erne nacn der anderen, und stets mit demselben negativen dicser deutKC i, eu 
Erfolg. Unter ihnen haben wiihrend des 19. Jahrhunderts zwei um die Hen- "'"^'J^" 
schaft gerungen. Schelling, Schleiermacher, Hegel, Schopenhauer gingen aus spelling, 
von dem Zusammenhange des Bewufitseins, und jeder von ihnen entdeckte von He g «i. Herbatt, 
hier aus sein Prinzip des Universums. Aui der Grundlage von Herbart gingen Io,,e ' Fcchn( ' r - 
Lotze und Fechner von dem im Bewufitsein als Inbegriff der Erfahrungen Ge- 
c;ebenen aus und ur.ternahmen den Nachweis, dafi eine wklerspruchslose be- 
griffliche Erkenntnis dieses Gegebenen nur durch die Zuriickluhrung der ge- 
gebenen Sinnenwelt auf geistige Tatsachen und Zusammenbange moglich sei. 
Jene gingen von Kant und Fichte aus, welche die Philosophic zur allgemein- 
giiitigen Wissenschaft hatten erheben wollen. Diese griffen zunachst auf 
Leibniz zuiiick, fur den die Welterklarur.g nur eine wohlbcgriindete Hypo- 
these gewesen war. Die Denkgewaltigsten innerhaib der ersten Richtung, 
ScheUing und Hegel, nahmen ihren Ausgangspunkt in dem Satze Fichtos, 
dafi der in dem emp'irischen Ich sich manitestierende allgemeingiiitige Zu- 
sammenhang des BewuCtseins den des Universums hervorbringt; schon dieser 
Satz war eine falsche Interpretation des Be-wufitseinstatbestandes; indem sie 
nun aber den von ihnen angenommenen Zusammenhang Jm Bewufitsein, da 
er die Bedingung der im BewuBtsein erscbeinenden Welt ist, in den des Uni- 
versums selbst, das reine Ich in den Weltgruud umwandeln zu diirten glaubten, 
uberschritten sie alles Erfahrbare. In ruheloser Dialektik, von Fichtes und 
Schelliugs intellektualer Anschauung bis zu Kegels diaiektischer Mei.hode, 
haben sie umsonst ein Veifahren gesueht. welches die Identitat des logischen 
Zusammenhangs nut der Natur der Dinge, des Zusammenhangs im Bewufit- 
sein mit dem im Universnm erwicse. Und ganz vernichtend wirkte der Wider - 
spruch zwischen dem objektiven Weltzusammenhang, den sie so fanden, und 
der Ordnung der Erscheinungen nach Gesetzen, wie die Erfahrungswissen- 
schaften sie festgestellt haben. Die andere Richtung aber, deren Fuhrer auf 
demBoden von Herbart, Lotze und Fechner waren und die das Gegebene durch 
die Hypothese eines geistigen Zusammenhangs zu widersprauhsloser begriff- 
licher Erkenntnis bringen wollte, verfiel einer nicht minder zerstorenden in- 
neren Dialektik. Der Weg ven der Mannigfaltigkeit des in der Erfahrung Ge- 
gebenen zu den Miittern aller Dinge, hindurch durch Begriffe, die durch keine 
Anschauung bclegt wcrden konnen, fiihrte sie in eine Nacht, in der Reale oder 
Monadrn, Zeitliches oder Unzeitliches, ein allgemeines Bewufitsein so gut als 
ein UnbewuBtes von ausdeutendem Tiefsinn gefunden werden mochten. Sie 
hauften Hypothesen, die in dem Unzulanglichen, Unerfahrbaren keinen festen 
Grund, aber auch keinen Wiclerstand fanden. Ein Hypothesenkomplex war 
hier ebenso moglich als der andere. Wie hatte diese Metaphysik die Aufgabe 



1 6 WlLHELM Dilthey: Das Wesen der Philosophic 

erfiillen konnen, in den groOen Krisen des Jahrhunderts dem Leben des Ein- 
zelnen und der Gesellschaft Sicherheit und Festigkeit zu geben! 

Und so ist auch dieser letzte und grofiartigste Versuch des menschlichen 
Geistes miClungen, im Unterschied von dem Verfahren der Erfahrungs- 
wissenschaften eine philosophische Methode zu linden, auf welche eine Meta- 
physik gegrtindet werden konnte. Es ist nicht moglich, die in der Erfahrung 
gegebene Welt, deren Erkenntnis die Arbeit der Einzelwissenschaften ist, 
durch eine von ihrem Verfahren unterschiedene metaphysische Methode zu 
tieferem Verstandnis zu bringen., 

b) Die neuen unmetaphysischen Wesensbestimmungen der 
Philosophic Die innere Dialektik der Aufgabe, einen Wesensbegriff der 
Philosophic zu gewinnen, in dem sich ihre selbstandige Bedeutung den Ein- 
zelwissenschaften gegeniiber behaupte, treibt zu anderen Moglichkeiten. 
Kann nicht eine Methode aufgefunden werden, welche der Metaphysik neben 
den Erfahrungswissenschaften ihr Existenzrecht sichert, so muB die Philoso- 
phie auf neuen Wegen dem Bedtirfnis des Geistes nach Universalitat, nach 
Begriindung, nach Erfassen der Realitat genugtun. Der Standpunkt des 
Skeptizismus muB auch in der neuen Lage der Forschung iiberwunden werden. 
Vorwartstastend sucht die Phiiosophie eine Stellung des BewuOtseins zum 
Gegebenen, welche der durch die neu gegriindeten Erfahrungswissenschaften 
geschaffenen Situation genug tate. Und wenn eine Methode nicht gefunden 
werden kann, die der Phiiosophie einen ihr eigenen Gegenstand schafft, ein 
Sein, wie Substanz, Gott, Seele, aus dem die Ergebnisse der Einzelwissen- 
schaften ableitbar waren, so entsteht nun zunachst die Moglichkeit, ausgehend 
von der gegenstandlichen Erkenntnis der Einzelwissenschaften selbst, nach 
deren Begriindung in der Theorie der Erkenntnis zu suchen. 
Phiiowpuir Ms Denn Ein Gebiet ist unbestreitbar der Phiiosophie eigen. Wenn die 

theorie." Einzelwissenschaf ten das Reich der gegebenen Wirklichkeit unter sich auf- 
geteilt haben und jede einen Ausschnitt aus ihr behandelt, so entsteht eben 
hiermit ein neues Reich: diese Wissenschaften selber. Der Blick wendet sich 
vom Wirklichen zum Wissen von ihm und findet hier ein Gebiet, das jenseits 
der Einzelwissenschaften liegt. Seitdem dasselbe in den Horizont des mensch- 
lichen Nachdenkens trat, ist es stets als die Domane der Phiiosophie ancr- 
kannt worden: — Theorie der Theorien, Logik, Erkenntnistheorie. Erfaflt 
man dies Gebiet in seinem vollen Umfang, so eignet der Phiiosophie die ganze 
Lehre von der Begriindung des Wissens im Gebiet der Wirklichkeitserkennt- 
nis, der Wertbestimmung, der Zwecksetzung wie der Regelgebung. Und ist 
nun so der ganze Inbegriff des Wissens ihr Gegenstand, so fallen unter ihn 
die Beziehuugen der einzelnen Wissenschaften zueinander, ihre innere Ord- 
nung, nach welcher jede neue die fruheren voraussetzt und sich uber sie mit 
den ihrem eigenen Gebiete angehbrenden Tatsachen aufbaut. Unter diesem 
erkenntnistheoretischen Gesichtspunkt wachst auch in den Einzelwissen- 
schaften selbst der Geist der Begriindung und des Zusammenhangs. Ihm 
dient der gesellige Betrieb der Einzelwissenschaften in den Universitaten und 



A. Historisches Verfahren usw. II. Geschichtl. Ableitung der Wesenszuge der Philosophic 17 

den Akademien, und die Philosophic hat in diesen Kbrperschaften ihre Auf- 
gabe und Bedeutung darin, diesen Geist wach zu erhalten. Der klassische 
Reprasentant dieses erkenntnistheoretischen Standpunkts innerhalb der Er- 
fahrungswissenschaften selbst ist Heimholtz. Er hat das Existenzrecht deriMmUoUz. 
Philosophie neben den einzelnen Wissenschaften darauf gegriindet, dafi sie 
im Wissen ihren besonderen Gegenstand habe. Immer werde der Philosophie 
das notwendige Geschaft verbleiben, ,,die Quellen unsres Wissens und den 
Grad seiner Berechtigung zu untersuchen". ,,Die Philosophie hat ihre grofie 
Bedeutung in dem Kreise der Wissenschaften als Lehre von den Wissens- 
quellen und den Tatlgkeiten des Wissens, in dem Sinne, wie Kant und, soweit 
ich ihn verstanden habe, der altere Fichte sie genommen liaben." 

Indem die wesentliche Leistung der Philosophie in die Erkenntnistheorie 
verlegt wurde, erhielt sich doch ihre Beziehung zu ihrern Grundproblem. 
Eben an der Kritik der Intention einer objektiven Erkenntnis von Weitzu- 
sammenhang und Weltgrund, hochstem Wert und letztem Zweck hatte die 
Erkenntnistheorie sich entwickelt. Aus der vergeblichen metaphysischen 
Arbeit entsprang die Untersuchung uber die Grenzen des menschlichen Wis- 
sens. Und die Erkenntnistheorie erfaGte im Lauf ihrer Entwicklung allmah- 
lich die universalste Stellung des Bewufitseins zu dem ihm Gegebenen, die 
daher auch unser Verhaltnis zum Welt- und Lebensratsel am vollkommen- 
sten ausdriickt. Es ist diejenige, die Platon schon eingenommen hatte. Phi- 
losophie ist die Besinnung des Geistes iiber alle seine Verhaltungsweisen, 
bis in deren letzte Voraussetzungen. Dieselbe Stellung wie Platon hat Kant 
der Philosophie gegeben. Die Weite seines Blickes zeigt sich darin, dafi seine 
Kritik und Begrundung des Wissens sich gleichmafiig erstreckt auf Wirklich- 
keitserkenntnis, wie auf die Beurteilung asthetischer Werte und die Priiiung 
des teleologischen Prinzips der Weltbetrachtung und auf die allgemeingiiltige 
Begrundung der sittlichen Regeln. Und wie jeder philosophische Standpunkt 
von der Erfassung der Wirklichkeit fortzuschreiten strebt zur Feststellung 
der Regeln des Handelns, so hat auch dieser erkenntnistheoretische in seinen 
groBten Vertretern stets die Richtung auf die praktische, reformatorische 
Wirkung der Philosophie und ihre personbildende Kraft entwickelt. Schon 
Kant erklart, der Begriff von Philosophie, nach welchem sie die logische Voll- 
kommenheit der Erkenntnis zum Zweck hat, ist nur ein Schulbegriff ; ,,es 
gibt aber noch cinen Weltbegriff der Philosophie, nach welchem sie die Wis- 
senschaft von der Beziehung aller Erkenntnis auf die wesentlichen Zwecke der 
menschlichen Vernunft ist". Es gilt nun, urn mit Kant zu reden, den Zu- 
sammenhang zwischen dem Schulbegriff der Philosophie und ihrem Welt- 
begriff aufzufinden, und die heutige neukantische Schule ist dieser Forderung 
in ausgezeichneten Arbeiten gerecht geworden. 

Eine andere unmetaphysische philosophische Geisteshaltung entstand im pwiosophie au 
Kreise der Einzelforscher selbst. Sie begniigt sich mit der Beschreibung der z^mmlnLngs 
phanomenalen Welt in Begriffen und mit der Bewahrung der gesetzlichen „ nnd dcr J 

° Oft G'.iederung der 

Ordnung derselben, wie sie in derErprobung durch das Experiment und durch wiwonachmftan. 

Die Kultar der Gegenwart. I. 6. 3. Aufl. t 



1 8 Wilhelm Dilthey: Das Wesen tier Philosophie 

dasEintreten der nach derTheorie vorausberechneten Wirkung gebotenwird. 
Geht die Erkenntnistheorie von der Positivitat der Ergebnisse der Einzel- 
wissenschaften aus, vermag sie ihnen keine neuen gegenstandlichen Erkennt- 
nisse hinzuzufiigen und innerhalb des Zusammenhangs ihrer Begriindungen 
keine neuen Begriindungen aufzufinden, so bleibt dieMbglichkeit, sich an den 
positiven Charakter ihrer Ergebnisse ein fur allemal zu halten, den festen 
Punkt, den das neue Philosophieren sucht, in ihrer praktisch bewahrten 
Selbstgeniigsamkeit zur Erfassung des Gegebenen zu finden und jede Re- 
flexion uber ihre AUgemeingiiltigkeit als unfruchtbar abzulehnen. Und ver- 
folgt man die langen Schlufiketten der Erkenntnistheoretiker, die Schwierig- 
keiten der Begriffsbildung auf ihrem Gebiet, den Streit der erkenntnistheore- 
tischen Parteien, so sind das gewkhtige Momente, fiir diese neue philosophische 
Haltung sich zu entscheiden. So verlegt die Philosophie ihren Mittelpunkt 
in das Bewufitsein vom logischen Zusammenhang der Wissenschaften. In 
Die Euzykiopu- dieser neuen Stellung scheint die Philosophie die gegenstandliche Auffassung 

D'Aiembert.' der Welt, losgelost von metaphysischen und erkenntnistheoretischen Unter- 
comtc. suchungen, endlich zu erreichen. Wenn die Erfahrungswissenschaften die 
einzelnen Teile oder Seiten der Wirklichkeit erforschen, so bleibt der Philo- 
sophie die Aufgabe, die innere Beziehung der Einzehvissenschaften aufein- 
ander zu erkennen, nach welcher sie zusammen das Ganze der Wirklich- 
keit zur Erkenntnis bringen. 

Sie ist dann Enzyklopadie der Wissenschaften in einem hoheren phi- 
losophischen Verstande, In der spateren Zeit des Altertums, seit der Ver- 
selbstandigung der Einzehvissenschaften sind Enzyklopadien entstanden; 
der Schulbetrieb forderte sie, auch bestand das Bediirfnis eines Inventars der 
grofien Arbeiten der alten Welt, und — was uns hier wichtig ist — seitdem 
dann die nordischen Vblker hercinbrachen und nach dem Ende des west- 
romischen Reiches sich die germanischen und romanischen Staaten auf dem 
Boden der antiken Kultur mit deren Hilfsmitteln einzurichten begannen, 
haben von Martianus Capella ab solche enzyklopadische Arbeiten, wenn 
auch noch kummerlich, den antiken Gedanken von der Abbildung der Welt 
in den Wissenschaften aufrechterhaltcn. In den drei groBen Werken des 
Vincenz von Beauvais war ein solcher Begriff der Enzyklopadie am vollkom- 

PhiiosopMc ais mensten vertreten. Aus den durch das Mittelalter hindurch fortgehenden In- 

wU^Mchlften ventarisierungen des Wissens ist nun die moderne philosophische Enzyklo- 
znsammen- p^die hervorgegangen. Ihr grundlegendes Werk stammt von dem Kanzler 

wissenschaft, Bacon : von ihm ab hat die Enzyklopadie bewufit das Prinzip der inneren 
Beziehungen der Wissenschaften gesucht. Hobbes zuerst entdeckte es in 
der natiirlichen Ordnung der Wissenschaften, wie sie durch das Verhaltnis 
bestimmt ist, nach welchem eine die Voraussetzung der andern ist. Im Zu- 
sammenhang mit der franzo'sischen Enzyklopadie haben dann D'Aiembert und 
Turgot diesen Begriff der Philosophie als universaler Wissenschaft durchge- 
fiihrt. Und auf dieser Grundlage hat schliefilich Comte die philosophie posi- 
tive als das System der inneren Beziehungen der Wissenschaften nach ihrer 



A. Historisches Verfahren usw, II. Geschichtl. Ableitung der Wesensziige der Philosophic iq 

systematischen und historischen Abhangigkeit voneinander samt ihrem Ab- 
schlufi in der Soziologie zur Darstellung gebracht. Auf diesem Standpunkt 
vollzog sich eine methodische Analysis der Einzelwissenschaften. Die Struk- 
tur einer jeden derselben wurde untersucht, es wurden die in dieser enthal- 
tenen Voraussetzungen festgestellt, und in diesen ist nun das Prinzip der Be- 
ziehungen der Wissenschaften zueinander gewonnen worden; es konnte zu- 
gleich gezeigt werden, wie in diesem Fortgang von Wissenschaft zu Wissen- 
schaft neue Methoden entstehen: schliefilich wurde so als das eigentliche 
Werk der Philosophic die Soziologie gefordert und methodisch bestimmt. 
Und damit vollendete sich die mit der Aussonderung der positiven Wissen- 
schaften in ihnen gesetzte Tendenz, ihren Zusammenhang aus ihnen selber, 
ohne Hinzuziehung einer allgemeinen erkenntnistheoretischen Grundlegung, 
sonach als positive Philosophic, herzustellen. Es war ein bedeutsamer Ver- 
such, Philosophie als den immanenten Zusammenhang der gegenstandlichen 
Erkenntnis zu konstituieren. Wie diese positivistische Auffassung der Phi- B*deutuc 4 un d 

... , . . f "11 Grenzen diesec 

losophie von dem in den mathematischen isaturwissenscnaften entwickelten p(>S itivistischfw 
strengen Begriff des allgemeingiiltigen W issens ausgeht: so liegt ihre weitere besh e 4m,^ 
Bedeutung fiir die philosophische Arbeit darin, daO sie die so entspringenden 
Anforderungen geltend macht und die Wissenschaften reinigt von jedem 
unbeweisbaren Zusatz, der aus den metaphysischen Konzeptionen hervorge- 
gangen ist. Schon durch diesen inneren Gegensatz zur Metaphysik ist die 
neue philosophische Stellung von der Metaphysik historisch bedingt. Es ist 
weiter aber die Richtung auf ein universales, allgemeingultiges Weltbegreifen, 
durch welche auch dieser Zweig der Philosophie mit ihrem Stamm zusammen- 
hangt. 

Diese zweite unmetaphysische Stellung des philosophischen Geistes reicht 
nun aber weit Liber das Gebiet des Positivismus hinaus. Indem sich in diesem 
durch die Uberordnung der Naturerkenntnis iiber die geistigen Tatsachen eine 
Weltanschauung einmischt, wird er zu einer einzelnen Doktrin innerhalb 
dieser neuen Stellung des philosophischen Geistes. Wir finden dieselbe Stel- 
lung auch ohne diesen Zusatz weit verbreitet, und zwar wird sie von vielen 
und hervorragenden Forschern auf dem Gebiet der Geisteswissenschaften ein- 
genommen. Besonders wirksam tritt sie in der Staats- und Rechtswissenschaft 
hervor. Die Auffassung der Imperative, welche an die einem Staate Zugeho- 
rigen in der Gesetzgebung gerichtet sind, kann sich einschranken auf die In- 
terpretation des Willens, der in ihnen zum Ausdruck kommt, und auf die lo- 
gische Analyse und historische Erklarung, ohne auf allgemeine Prinzipien, 
wie etwa die Idee der Gerechtigkeit, zur Begriindung des positiven Rechtsund 
zur Priifung seiner Richtigkeit zuruckzugehen. In solchem Verhalten liegt eine 
dem Positivismus verwandte philosophische Stellung. 

Diese zweite antimetaphysische Stellung der Philosophie findet als po- 
sitivistische Auffassung der Wirklichkeit, zumal in dem heutigen Frankreich, 
darin die Grenze ihrer Macht, so grofi diese auch dort heute ist, daC die in 
ihr enthaltene phanomenale Auffassungsweise nicht vermag, der Realitat des 



20 WlLHELM DlLTHEY; Das Wesen der Philosophic 

historischen BewuBtseins und der kollektiven Lebenswerte gerecht zu werden, 

und ebenso ist diese philosophische Stellung als positive Interpretation der 

Rechtsordnungen aufierstande, Ideale zu begriinden, die ein auf Umgestal- 

tung der Gesellschaft gerichtetes Zeitalter leiten konnten. 

Phiio=opiiie ais Suchte die erkermtnistheoretische Richtung das Unterscheidende der 

^ebafroaer™ Philosophie in ihrer methodischen Stellung und fand in ihr die methodische 

Wts-iersciiaft Selbstbesinnung, das Streben der Philosophic nach letzten Voraussetzungen 

der innfren . 

Eriahrui-. s . mre Fortentwickl u ng, suchte anderseits das positive Denken das Charak- 
teristische der Philosophie in ihrer Funktion innerhalb des Systems der 
Wissenschaften und setzte das Streben der Philosophie nach Universalitat 
sich in ihm fort: so blieb noch die Moglichkeit iibrig, der Philosophie ihren be- 
sonderen Gegenstand so zu suchen, daB darin ihr Streben nach Erfasaung der 
Realitat Befriedigung fande. Die Versuch?, auf metaphysischem Wege in die 
Realitat einzu Jringen, waren miljlungen, die Realitat des BewuOtseins als Tat- 
sache trat um so starker ia ihrer Bedeutung hei'vor. In der inneren Erfahrung 
ist diese Realitat des Bew^Btsems uns gegeben, und mit ihr die Moglich- 
keit, die Mannigfaltigkeit der Erzeugnisse des menschlichen Geistes, wie sie 
in den Geisteswissenschaften zur Erfassung gelangt, aus ihrem Ursprung tiefer 
zu erkennen. Die innere Erfahrung ist der Ausgangspunkt fur die Logik, die 
Erkenntnistheorie und jede Lehre von der Erzeugung einer einheitlichen Welt- 
ansicht, und auf ihr beruhen Psychologic, Asthetik, Ethik und verwandte 
Disziplinen. Das ganze so umschriebene Gebiet ist imraer als philosophisch 
bczeichnet worden. Auf diesen Sachverhalt griindet sich diejenige Ansicht 
vom Wesen der Philosophie, welche sie als Wissenschaft der inneren Erfah- 
rung oder als Geisteswissenschaft begreift. 
Hume an.d did Dieser Standpunkt hat sich seit der Zeit entwickelt, in welcher die Psy- 

| LLpjyciwL chologie im 18. Jahrhundert durch die Ausbildung der Assoziationslehre eine 
■j pac^ ?J!!! lI(, ■ empirische Grundlage erhielt und sich vor ihr ein weites Reich fruchtbarer 

| Beneve, Lipps. Anwendungen in Erkenntnislehre, Asthetik und Ethik auftat. David Hume 
'I in seinem Hauptwerk iiber die menschliche Natur sieht in dem auf die Er- 

; fahrung gegriindeten Studium des Menschen die wahre Philosophie. Indem 

1 er die Metaphysik verwirft, die Erkenntnistheorie ausschlicfilich auf die neue 

j' 1 Psychologie begriindet und in dieser zugleich die erklarenden Prinzipien fiir 

\ die Geisteswissenschaften aufzeigt, entsteht ein in der inneren Erfahrung ge- 

|. griindeter Zusammenhang der Geisteswissenschaften. Nachdem die Natur- 

F wissenschaften geschaffen sind, liegt in diesem Zusammenhang, dessen Mittel- 

I. punkt die Lehre vom Menschen ist, die andere und groBere Aufgabe fiir den 

i menschlichen Geist. An ihm haben dann Adam Smith, Bentham, James Mill, 

John Stuart Mill, Bain fortgearbeitet. John Stuart Mill will ganz wie Hume 
unter Philosophie ,,die wissenschaftliche Kenntnis vom Menschen als einem 
I intellektuellen, moralischen und sozialen Wesen" verstanden wissen. In 

Deutschland hat Beneke denselben Standpunkt vertreten. Er ubernahm ihn 
von der englischen und schottischen. Schule, und nur in dessen Durchfuhrung 
steht er unter dem EinfluC von Plerbart. In diesem Sinne erklart er schon in 



fe*-= 



A. Historisches Verfahren usw. II. Geschichtl. Ableitung der Wesensziige der Philosophie 2 1 

seiner ,,GrundIegung zur Physik der Sitten": ,,Dringt meine Ansicht durch, 
so wird die ganze Philosophie zur Naturwissenschaft der menschlichen Seele." 
Ihn leitete die grofie Wahrheit, dafi die innere Erfahrung uns eine voile Wirk- 
lichkeit im Seelenleben aufschlieBt, wahrend die in den Sinnen gegebene Au- 
fienwelt uns nur als Phanomen gegeben 1st. Und er zeigte dann in seiner ,,pragma- 
tischen Psychologie", wie ,,alles was uns in der Logik, der Moral. derAsthe- 
tik, der Religionsphilosophie, ja selbst in der Metaphysik fiir unsre Erkenntnis 
als Gegenstand vorliegt", nur dann klar und tief erfafit werden kann, ,,wenn 
wir es nach den Grundgesetzen der menschlichen Seelenentwicklung auffassen, 
wie sie in der (theoretischen) Psychologie in ihrem allgemeinsten Zusammen- 
hange dargelegt wcrden". Unter den spateren Denkern hat Theodor Lipps in 
seinen ,,Grundtatsachen des Seelenlebens" ausdrucklich Philosophie als Gei- 
steswissenschaft oder Wissenschaft von der inneren Erfahrung definiert. 

Das grofie Verdienst dieser Denker fiir die Ausbildung der Geisteswissen- 
schaften ur.terliegt keinem Zweifel. Erst seitdem die grundlegende Stellung 
der Psychologie in diesem Gebiete erkannt und unsre psychologischen Erkennt- 
nisse auf die einzelnen Geistcswissenschaften angewandt worden sind, began- 
nen diese den Anforderungen an allgemcingiiltiges Wissen sich anzunahern. 
Aber der neue philosophische Standpunkt der Philosophie als Wissenschaft 
von der inneren Erfahrung konnte die Frage nach der Allgemeingultigkeit der 
wissenschaftlichen Erkenntnis nicht beantworten und in seiner Eingeschrankt- 
heit vermochte er auch der Aufgabe, die der Positivismus sich mit Recht ge- 
stellt hat, nicht gerecht zu werden. So ist denn auch Theodor Lipps zu einer 
neuen Fassung seines Standpunktes fortgegangen. 

Es macht sich nun in dieser Auffassung der Philosophie ein hochst be- 
deutsames Verhaltnis dieser dritten unmetaphysischen Stellung des philoso- 
phischen Denkens zu den metaphysischen Problemen der Philosophie geltend, 
das auch Namengebung und geschichtlicher Verliuf bestatigen. Naturwissen- 
schaften heben aus dem Erlebnis nur Teiiinhalte heraus, welche zur Bestim- 
mung der Veranderungen in der von uns unabhangigen physischen Welt die- 
nen konnen. So hat es Naturerkenntnis nur mit Erscheinungen fiir das Be- 
wufitsein zu tun. Der Gegenstand der G^isteswissenschaften dagegen ist die 
in der inneren Erfahrung gegebene Realitat der Erlebnisse selber. Hier also 
besitzen wir eine Realitat, erlebt — eben freilich nur erlebt — -, welche zu er- 
fassen die nie endende Sehnsucht der Philosophie ist. Man sieht, wie auch diese 
Abgrenzung einer Begriffsbestimmung der Philosophie den Zusammenhang 
ihres Wesens mit ihrem urspriinglichen Grundproblem aufrechterhalt./ 

3. Schlufi auf das Wesen der Philosophie. Die eine Seite des Das negaHY? 
Ergebnisses aus dem historischen Sachverhalt ist negativ. In jeder der Be- ^fSlJrifiiT 
griffsbestimmungen erschien nur Ein Moment ihres Wesensbegriffs. jede bMammiingMi 

» ° _ ° •* . der Philosophic. 

derselben war nur der Ausdruck eines Standpunktes, den die Philosophie 
an einer Stelle ihres Verlaufes eingenommen hat. Sie sprach aus, was einem 
oder mehreren Denkern in einer bestimmten Lage als Leistung der Philoso- 
phie erfordcrlich und moglich erschien. Jede derselben bestimmt einen be- 



2 2 WlLHELM Diltkey: Das Wesen der Philosophic 

sonderen Kreis von Erscheinungen als Philosophic und schliefit aus diesem 
die anderen mit dem Namert Philosophic bezeichneten Erscheinungen aus. 
Die groCen Gegensatze der Standpunkte, wie sie nun mit gleicher Kraft ge- 
geneinander wirken, gelangen in Definitionen der Philosophic zum Aus- 
druck. Sie behaupten sich gleichberechtigt einander gegeniiber. Und der 
Streit kann nur geschlichtet werden, wenn ein Standpunkt iiber den Parteien 
auffindbar ist. 

sie sind aus d<- .„ Der Gesichtspunkt, aus welchem die dargestellten Begriffsbestimmun- 

siandpunkte gen der Philosophie entworfen worden sind, war sonach der des systema- 
mtworfen. tischen Philosophen, welcher aus dem Zusammenhang seines Systems in 
einer Definition auszusprechen sucht, was ihm als wertvolle und lbsbare 
Aufgabe erscheint. Er ist damit unzweifelhaft in seinem Recht; er definiert 
dann seine eigene Philosophie; er leugnet nicht, dafi die Philosophie im Laufe 
der Geschichte sich auch andere Aufgaben gestellt hat, er erklart aber ihre 
Auflosung fur unmoglich oder fur wertlos, und so erscheint ihm die Arbeit 
der Philosophie an ihnen als eine lang anhaltende Illusion. Sofern der ein- 
zelne Philosoph sich dieses Sinnes seiner Begriffsbestimmung klar bewufit 
ist, kann iiber seine Berechtigung kein Zweifel sein, die Philosophie auf 
Erkenntnistheorie einzuschranken oder auf die Wissenschaften, die in der 
inneren Erfahrung gegriindet sind, oder auf die systematische Ordnung der 
Wissenschaften, in welcher sie die Erkenntnis verwirklichen. 

Qer bistonschc Die Aufgabe einer Wesensbestimmung der Philosophie, welche die 

Namengebung von ihr und die Begril'fe der einzelnen Philosophen iiber sie 
deutlich macht, fuhrt notwendig von dem systematischen zu dem historischen 
Standpunkt. Es ist zu bestimmen, nicht was jetzt oder hier als Philosophie 
gilt, sondern was immer und iiberall ihren Sachverhalt ausmacht. Alle die 
einzelnen Begriffe von ihr deuten nur auf diesen allgemeinen Sachverhalt, 
welcher die Mannigfaltigkeit dessen, was als Philosophie aufgetreten ist und 
die Unterschiede in diesen Auffassungen erklarlich macht. Und eben da- 
durch, daG die Selbstgewiflheit, mit welcher die einzelnen Systeme in ihrer 
Eigenart auftreten und iiber Philosophie sich aussprechen, auf diesem histo- 
rischen Standpunkt in ihrer Notwendigkeit verstanden wird, erweist sich die 
Uberlegenheit dieses Standpunktes. Jede Losung der philosophischen Pro- 
bleme gehort, geschichtlich angesehen, einer Gegenwart und einer Lage in 
ihr an: der Mensch, dies Geschopf der Zeit, hat, solange er in ihr wirkt, darin 
die Sicherheit seines Daseins, daC er, was er schafft, aus dem FluC der Zeit 
heraushebt, als ein Dauerndes: in diesem Schein schafft er frohmutiger und 
kraftvoller. Hierin liegt der ewige Widerspruch zwischen den schaffenden 
Geistern und dem geschichtlichen BewuGtsein. Es ist jenen natiirlich, das 
Vergangene vergessen zu wollen und das zukiinftige Bessere nicht zu achten: 
dieses aber lebt in dem Zusammenfassen aller Zeiten, und es gewahrt in allem 
Schaffen des einzelnen die diesem mitgegebene Relativitat und Verganglich- 
keit. Dieser Widerspruch ist das eigenste still getragene Leiden der gegen- 
wartigen Philosophic Denn in dem Philosophen der Gegenwart trifft das 



Standpunkt. 



A. Historisches Verfahren usw. II. Gescbichtl. Ableitung der Wesensziige der Philosophic 23 

eigene Schaffen zusammen mit dem geschichtlichen BewuBtsein, da seine Phi- 
losophic heute ohne dieses nur einen Bruchteil der Wirklichkeit umfassen 
wtirde. Sein Schaffen muB sich wissen als ein Glied in dem historischen Zu- 
sammenhang, in welchem er mit BewuBtsein ein Bedingtes erwirkt. Dann 
wird ihm eine Auflosung dieses Widerspruchs moglich, wie sie an einer spateren 
Stelle hervortreten wird: er kann sich nun ruhig der Macht des geschichtlichen 
Bewufitseins uberlassen, und auch sein eigenes Tagewerk kann er unter den 
Gesichtspunkt des historischen Zusammenhangs stellen, in welchem das We- 
sen der Philosophic in der Mannigfaltigkeit ihrer Erscheinungen sich ver- 
wirklicht. 

Auf diesem geschichtlichen Standpunkt wird jeder Einzelbegriff der Phi- Abieitunc der 
losophie zu einem Fall, der auf das Bildungsgeset2 zuriickweist, das der Sach- Wesenszttgc. 
verhalt der Philosophic enthalt. Und so unhaltbar jede der aus dem syste- 
matischen Standpunkt entworfenen Begriffsbestimmungen der Philosophic 
fur sich ist, so wichtig sind sie nun doch alle fur die Auflosung der Frage nach 
dem Wesen der Philosophic Sind sie doch ein wesentlicher Teil des histori- 
schen Tatbestandes, aus dem wir nunmehr schlieOen. 

Wir fassen zu diesem Schlufi alle empirischen Data, die durchlaufen 
wurden, zusammen. Der Name Philosophic envies sich als verteilt auf Tat- 
bestande der verschiedensten Art. Eine auGerordentliche Beweglichkeit zeigtc 
sich in dem Wesen der Philosophic: ein immer neues Stellen von Aufgaben, 
Sich-anpassen an die Zustande der Kultur: sie erfafit Probleme als wertvoll 
und wirft sie dann wieder hin: auf einer Stufe der Erkenntnis erscheinen ihr 
Fragen als losbar, die sie dann nachher als unaufloslich fallen laftt. Immer aber 
sahen wir in ihr dieselbe Tendenz zur Universalitat, zur Begriindung, dieselbe 
Richtung des Geistes auf das Ganze der gegebenen Welt wirken. Und stets 
ringt in ihr der metaphysische Zug, in den Kern dieses Ganzen einzudringen, 
mit der positivistischen Forderung der Allgemeingultigkeit ihres Wissens. Das 
sind die beiden Seiten, die ihrem Wesen eignen und sie auch vor den nachst- 
verwandten Gebieten der Kultur auszeichnen. Im Unterschied von den Ein- 
zelwissenschaften sucht sie die Auflosung des Welt- und Lebensratsels selbst. 
Und im Unterschied von Kunst und Religion will sie diese Losung in allgemein- 
giiltiger Weise geben. Denn das ist nun das Hauptergebnis aus dem erorterten 
historischen Tatbestande: ein folgerichtiger, in sich geschlossener geschicht- 
Hcher Zusammenhang fuhrt von der mctaphysischen Welterkcnntnis der Grie- 
chen, welche das grofie Ratsel der Welt und des Lebens allgemeingultig aufzu- 
losen unternahm, bis zu dem radikalsten Positivisten oder Skeptiker der Ge- 
genwart; alles was in der Philosophic geschieht, ist irgendwie durch diesen 
Ausgangspunkt, durch ihr Grundproblem bestimmt; alle MogHchkeiten werden 
durchlaufen, wie der menschliche Geist sich zu dem Ratsel der Welt und des 
Lebens verhalten kann. In diesem historischen Zusammenhang ist die Lei- PHiosopMe ais 
stung jeder einzelnen philosophischen Position die Verwirklichung einer Mog- eiQC z!^ eC k_ n lm 
lichkeit unter den gegebenen Bedingungen; jede brachte einen Wesenszug der *"»*ammenhang 
Philosophic zum Ausdruck, und sie wies zugleich durch ihre Begrenzung auf 



24 Wilhelm Dilthey: Das Wesen der Philosophic 

den teleologischen Zusammenhang, in dem sie bedingt ist — als Tett eines 
Ganzen, in welchem allein die ganze Wahrheit ist. Dieser zusammengesetzte 
historische Tatbestand erklart sich daraus, dafi die Philosophie eine Funktion 
im Zweckzusammenhang der Gesellschaft ist, welche durch die der Philosophie 
eigene Leistung bestimmt ist. Wie sie in ihren einzelnen Positionen diese 
Funktion ertullt, ist bedingt von deren Verhaltnis zum Ganzen und zugleich 
von der Kulturlage nach Zeit, Ort, Lebensverhaltnissen, Personlichkeit. Da- 
her duldet sic keine starren Abgrenzungen durch einen bestimmten Gegen- 
stand oder eine bestimmte Methode. 

Dicse Funkfiu-i Dieser Sachverhalt, der das Wesen der Philosophie bildet, verbindet alle 

ne^i!denen , fi.tfP' 1 ^ oso ph* acnen Denker. Hier findet ein wesentlicher Zug seine Erklarung, 

wirk?nm ist, m ,-j er uns an $ en Erscheinungen der Philosophie entgeeeneetreten ist. Der Name 

emeu Zissam men- . ° r e> & s> 

y,™? Philosophie, so sahen wir, bezeichnet ein gleichformig Wiedcrkehrcndes, das 

liberal] da ist, wo dieser Name auftritt, zugleich aber einen inneren Zusammen- 
hang derer, die daran teilnehmen. Wenn die Philosophie eine Funktion ist, 
die in der Gesellschaft eine bestimmte Leistung voHbringt, so setzt sie die- 
jenigen, in denen dieser Zweck lebt, dadurch in ein inneres Verhaltnis. Die 
Haupter der Philosophenschulen sind so mit ihren Schiilern verbunden. In 
den Akademien, die seit der Begriindung der Einzelwisscnschaften dann 
hervorgetreten sind, finden wir diese EinzeKvisscnschaften in gemeinsamer 
Arbeit, sich wechselsf itig erganzend, gctragen von der Idee der Einheit des 
Wis sens, und das Bewufitsein dieses Zusammenhangs verkorpert sich in phi- 
losophischen Naturen wie Platon, Aristoteles und Leibniz. Endlich haben im 
Verlauf des 18. Jahrhunderts auch die Universitaten sichj zu Organisationen 
der gemeinsamen wissenschaftlichen Arbeit entwickelt, m welcher die Lehrer 
untereinander und mit den Schulern verbunden sind, und auch in ihnen fiel 
der Philosophie die Funktion zu, das Bewufitsein von Begriindung, Zusam- 
menhang und Ziel des Wissens lebendig zu erhalten. Alle diese Organisationen 
umfafit der innere Zweckzusammenhang, in welchem von Thales und Pytha- 
goras ab ein Denker dem andern Probleme aufgibt und Wahrheiten iiberlie- 
fcrt: Moglichkeiten der Losung werden in solcher Aufeinanderfolge durchge- 
dacht: W'eltanschauungen werden fortgebildet. Die groOen Denker wirken 
als Krafte auf jede Folgezeit. 

N<Hts Aufgabe, III. Die Z wise he ngl ie de r zwischen der Philosophie und der 

«*bnnK t B«er!ff*-^ e ^S^ 0S ^ tat i Literatur und Dichtung. Die Systeme der groflen Den- 
biidung uad ] cer in denen sich in erster Linie und unbezweifelbar die Philosophie darstellt 

historische r r ' 

ZusammenhaDg und der Zusammenhang dieser Systeme in der Geschichte haben uns zu einer 
kernhaften Einsicht in die Funktion der Philosophie gefuhrt. Aus dieser Funk- 
tion der Philosophie kann nun aber die Verteilung der Namen Philosophic 
und philosophisch noch nicht vollstandig abgeleitet werden. Diese Namen er- 
strecken sich auch auf Erscheinungen, die nicht ausschliefilich von dieser 
Funktion der Philosophie bestimmt sind. Der Horizont der Betrachtung mufi 
sich erweitern. ura diese Tatsachen zu erklaren. 



A. Historisches Verfahren usw. III. Die Zwischenglieder zwischen der Philosophic usw. 25 

Die Verwandtschaft der Philosophic mit Religion, Literatur und Dich- 
tung ist stets bemerkt worden. Das innere Verhaltnis zu dem Welt- und Le- 
bensriitsei ist alien dreten gemeinsam. Und so sind denn die Namen Philoso- 
phic und philosophisch oder ihnen verwandte Bezeichnungen sowohl auf gei- 
stige Tatbestande im Gebiet der Religiositat als auf solche der Lebenserfah- 
rung, der Lebensfiihrung, des schriftstellerischen Wirkens und der Dichtung 
ubertragen worden. 

Die griechischen Apologeten bezeichnen kurzweg das Christentum als Db Formeu 
Philosophic Christus lost nach Justin als die Mensch gewordene gottliche '™n f und phiio- 
Vernunft definitiv die Fragen, mit denen die wahrhaften Philosophen gerun- ■ t0 P ,,if "- Gnosis. 

' r o Mystik 

gen haben. Und nach Minucius Felix besteht die Philosophic, die sich im 
Christentum vollendet, in den ewigen Wahrheiten uber Gott, menschliche Ver- 
antwortlichkeit und Unsterblichkeit, die in der Vernunft gegrundet sind und 
durch sie erwiesen werden konnen: die Christen sind heute die (wahren) Phi- 
losophen und die Philosophen in den heidnischen Zeiten sind schon Christen 
gewesen. Eine andere sehr bedeutende christliche Gruppe bezeichnet das Wis- 
sen, das den Glauben vollendet, als Gnosis. Die haretische Gnosis grundei 
sich in der Erfahrung von der moralischen Macht des Christentums, die Seeie 
von der Sinnlichkeit zu befreien, und sie gibt dieser Erfahrung eine metaphy- 
sische Interpretation in leligionsgeschichtlichen Intuitionen. Innerhalb der 
Kirche hat der Alexandriner Clemens die Gnosis als den zum Wissen erhobenen 
christlichen Glauben gefaBt und ihr das Recht zugesprochen, den hoheren Sinn 
der heiligen Schriften zu deuten. Origenes bestimmt in der Schrift tiber die 
Prin2ipien, dem durchgefiihrten System der kirchlichen Gnosis, diese als das 
Verfahren, welches den in der Tradition der Apostel enthaltenen Wahrheiten 
ihre Begrimdung gibt. Und innerhalb der gleichzeitigen griechisch-rb'mischen 
Spekulation tritt ein analoges Zwischenglied im Neuplatonismus auf: denn der 
philosophische Trieb findet hier seine letzte Befriedigung in der mystischen 
Vereinigung mit der Gottheit, sonach in dem religioscn Vorgang: daher Por- 
phyrios Motiv und Ziel der Philosophic in der Rettung der Seeie erblickt und 
Proklos fur seine Denkarbeit den Naraen der Theologie dem der Philosophic 
vorzieht- Die Denkmittel, durch welche Religion und Philosophic zu innerer 
Einheit gebracht werden, sind in alien diesen Systemen dieselben. Das erste 
ist die Logoslehre. In der gbttlichen Einheit ist eine Kraft gegrundet sich mit- 
zuteilen, und so gehen aus ihr als wesensverwandt die philosophischen wie die 
religiosen Formen der Mitteilung hervor. Das andere Denkmittel ist die alle- 
gorische Auslegung. Durch sie wird das Partikulare und Historische in dem 
Religionsglauben und den heiligen Schriften zu einer universalen Weltan- 
schauung erhoben. In den Systemen selber werden philosophischer Trieb, Re- 
ligionsglaube, verstandesmafiige Begriindung und mystische Vereinigung mit 
der Gottheit so miteinander verbunden, dafi die religibsen und die philosophi- 
schen Prozesse als Momente desselben Vorgangs sich darstellen. Denn in die- 
sem Zeitalter des grofien Ringens der Religionen entsteht nun aus der An- 
schauung der Entwicklung der bedeutenden Persb'nlichkeiten der neue schbp- 



2 6 WiLHELM Dilthey: Das Wesen der Philosophic 

ferische Gedanke von einem allgemeinen Typus der Entwicklungsgeschichte 
der hoheren Seelen. Auf ihm beruhen dann die hbchsten Formen der mittel- 
alterlichen Mystik, so dafl auch in ihnen nicht eine bloOe Vermischung dieser 
beiden Gebiete, sondern ein psychoiogisch tief gesehener innerer Zusammen- 
hang derselben anzuerkennen ist. Ein solches geistiges Phanomen mufite ein 
volliges Schwanken in der Namengebung zur Folge haben. Noch Jakob Bohme 
bezeichnet sein Lebenswerk als eine heilige Philosophic 

Deuten schon alle diese Tatsachen auf die innere Beziehung von Re- 
ligiositat und Philosophic, so wird sie schlieBlich darin offensichtlich, dafi die 
Geschichte der Philosophie diese Zwischenglieder zwischen ihr und der Re- 
ligiositat nicht aus sich ausschlieBen kann. Dieselben haben ihre Stelle in 
dem Fortgang von der Lebenserfahrung zum psychologischen Bewufitsein 
uber dieselbe wie in der Entstehung und der Ausbildung der Lebensan- 
schauung. So notigt diese Zwischenschicht zwischen der Religiositat und der 
Philosophie, hinter die bisher festgestellten Wesensziige der Philosophie zu 
Zusammenhangen von weiterem Umfang und tieferer Grundlage zuruckzu- 
gehen. 
Formeo Dieselbe Nbtigung ergibt sich auch, wenn wir die Beziehungen zu Lebens- 

iwiscben Philo- ., T . i r-i- 1 t r ■ 

sophie und Kanst erlahrung, Literatur und JJichtung ins Auge fassen, wie sie in Namengebung, 
ranp/LhTratar, Begriffsbestimmung und historischem Zusammenhang sich erweisen. Die- 
Dichtung. jenigen, die als Schriftsteller fur ihre Einwirkung auf das Publikum einen 
unangreifbaren Standpunkt zu gewinnen streben, begegnen sich auf diesem 
Wege mit denen, welche von der philosophischen Forschung aus selber vor- 
wartsschreiten und, am System verzweifelnd, das Wissen uber das Leben 
freier, menschlicher begriinden und aussprechen wollen. 

Als Vertreter der ersten Klasse kann Lessing angesehen werden. Sein 
Naturell hatte ihn zum Schriftsteller gemacht. Als junger Mensch nahm er 
von den philosophischen Systemen Notiz, dachte jedoch nicht daran, in 
ihrem Streit Partei zu nehmen. Aber jede der kleinen und grofien Aufgaben, 
die er sich setzte, notigte ihn, teste Begritfe und Wahrheiten aufzusuchen. 
Wer das Publikum fiihren will, muC selbst auf einem sicheren Weg sein. So 
wurde er von eingcschrankten Aufgaben zu Problemen von immer allge- 
meinerer Art fortgefuhrt. Ohne die systematische Arbeit des Philosophen 
durchzumachen, loste er diese Probleme aus der Kraft seines eigenen Wesens, 
wie die Zeit es formiert hatte. Ein Lebensideal erhob sich in ihm aus dem 
Leben selber; aus der Philosophie um ihn her kam die deterministische Lehre 
ihm zu, und die Menschen, die er so gut kannte, bestatigten sie; auf diesen 
Grundlagen entstand ihm dann in seinen theologischen Studien eine gewisse 
Vorstellung von der gottlichen Kraft, in welcher der notwendige Zusammen- 
hang der Dinge gegriindet ist. Diese Momente und andere, die ihnen ver- 
wandt waren, fiihrten ihn so zu einer gewissen inneren Struktur seiner 
Ideen, die von den Wesenszugen der Philosophie, wie sie dargelegt worden sind, 
immer noch sehr verschieden ist. Und doch tragt niemand Bedenken, von 
Lessings Philosophie zu reden. Er greift an einer bestimmten Stelle in die 



A. Historisches Verfahren usw. III. Die Zwischenglieder zwischen der Philosophic usw. 2" 

Geschichte dieses Lebensgebietes ein und behauptet da seinen Platz. In all 
den Schriftstellern sonach, fur die er reprasentativ ist, haben wir es mit einer 
Zwischenschicht zu tun, welche die Philosophie mit der Literatur verbindet. 
Eben derselben Zwischenschicht gehort nun auch die andere Klasse an, 
die von der systematischen Philosophie fortging zu einer subjektiveren, form- 
loseren Art, das Lebens- und Weltratsel aufzulosen. Diese Gruppe nimmt in 
der Geschichte des menschlichen Geistes eine sehr hervorragende Stelle ein. 
Vor allem, so oft eine Epoche des systematischen Denkens zu Ende gegangen 
war, so oft die Lebenswerte, die in ihr galten, der veranderten Lage des Men- 
schen nicht mehr entsprachen und die fein und subtil durchgearbeitete be- 
griff liche Welterkenntnis neu erfahrenen Tatsachen nicht mehr genugtun 
konnte, traten solche Denker hervor und kiindeten einen neuen Tag im Leben 
der Philosophie an. Von dieser Art waren jene Philosophen der stoisch-ro- 
mischen Schule, die von der Philosophie des Handelns aus dahin kamen, die 
Last der griechischen Systematik von sich zu werfen und in einer freieren In- 
terpretation des Lebens selber ihr Ziel zu suchen. Mark Aurel, der in seinen 
Selbstgesprachen die geniaiste Form, fur dies Verfahren gefunden hat, sieht 
das Wesen der Philosophie in einer Lebensverfassung, der gemaB der Gott in 
unserm Innern von der Gewalt der Welt unabhangig und von ihrem Schmutz 
rein erhalten wird. Doch hatten diese Denker einen festen Hintergrund fur 
ihre Lebensbetrachtung in der Systematik der stoischcn Lehre, und so blie- 
ben sie noch in einer direkten inneren Verbindung mit der Bewegung der unter 
der Forderung der Allgemeingultigkeit stehenden Philosophie. Ja, sie haben 
in dieser Philosophie ihren Platz als Fortentwicklmig der auf dem pantheisti- 
schen Determinismus aufgebauten Persbnlichkeitslehre: einer Richtung, die 
in der deutschen Philosophie des 19. Jahrhunderts wiedergekehrt ist und auch 
da wegen des Charakters einer solchen Persunlichkeitslehre eine starke Ten- 
denz zeigt, in freieren Darstellungen sich auszusprechen. Deutlicher aber lost 
sich von der Philosophie mit ihrer Forderung der Allgemeingultigkeit eine 
Reihe moderner Denker los. Die Kunst der Lebenserfahrung und Lebensftih- 
rung im Zeitalter der Renaissance hat als ihre feinste Bliite die Essays des 
Montaigne gezeitigt. Montaigne lafit die Lebensbeurteilung der mittelalter- 
lichen Philosophie hinter sich, und entschiedener noch als Mark Aurel gibt er 
jede Anforderung an Begriindung und Allgemeingultigkeit auf. Seine Ar- 
beiten erstrecken sich nur in gelegentlichen und kurzen Ausfuhrungcn iiber 
das Studium des Menschen hinaus: seine Essays sind ihm seine Philosophie. 
- Denn diese ist die Bildnerin der Urteilskraft und der Sitten, ja im Grunde sind 
Festigkeit, Aufrichtigkeit die wahre Philosophie selbst. Und wie Montaigne 
selbst sein Werk als Philosophie bezeichnet, ist er an seinem Platze unentbehr- 
lich in der Geschichte dieses Lebensgebietes. Ebenso haben Carlyle, Emerson, 
Ruskin, Nietzsche, selbst Tolstoj, Maeterlinck in der Gegenwart irgendeine 
Beziehung zur systematischen Philosophie uml noch selbstbewufiter, hiirter 
als Montaigne wenden sie sich von ihr ab, noch folgerichtiger haben sie jede 
Verbindung mit Philosophie als Wissenschaft aufgehoben. 



28 Wilhelm DlLTHEY: Das Wesen der Philosophie 

AHe diese Erscheinungen sind, ebenso wie die Mystik, nicht eitie triibe 
Mischung der Philosophie mit einem andern Lebensgebiet, sondern wie in dieser 
kommt auch in ihnen eine seelische Entwicklung zum Ausdruck. Suchen wir 
das Wesen dieser modernen Lebensphilosophie zu erfassen. Es bildet die 
Eine Seite derselben, wie hier in allmahlicher Abstufung die methodischen 
Forderungen der Allgemeingiiltigkeit und Begriindung nachlassen; das Ver- 
fahren, das aus der Lebenserfahrung eine Deutung des Lebens gewinnt, nimmt 
in dieser Abstufung immer freiere Formen an; Apercus werden zur unmetho- 
dischen, aber eindrucksvollen Lebensdeutung verbunden. Diese Gattung der 
Schriftstellerei ist darin der antiken Kunst der Sophisten und Rhetoren, 
welche Platon so scharf aus dem Bezirk der Philosophie verwies, verwandt, dafi 
an die Stelle des methodischen Beweises die Uberredung tritt. Und dennoch 
verkniipft eine Starke innere Beziehung einige dieser Denker mit der philoso- 
pbischen Bewegung selbst. Ihre Kunst der Uberredung ist eigen verbunden 
mit einem furchtbaren Ernst und einer gro6en Wahrhaftigkeit. Ihr Auge 
bleibt auf das Ratsel des Lebens gerichtet, aber sie verzweifeln daran, dieses 
vermittels einer allgemeingiiltigen Metaphysik, auf Grund einer Theorie des 
Weltzusammenhangs aufzulosen; das Leben soil aus ihm selber gedeutet wer- 
den — das ist der groBe Gedanke, der diese Lebensphilosonhcn mit der Welt- 
erf ahrung und mit der Dichtung verkniipft. Von Schopenhauer ab hat dieser 
Gedanke sich immer feindlkher gegen die systematische Philosophie entwickelt; 
jetzt bildet er den Mittelpunkt der philosophischen lnteressen der jungen Ge- 
neration. Eine Richtung der Literatur von eigner GroGe und selbstandigem 
Charakter kommt in diesen Schriften zum Ausdruck, Und wie sie den N&men 
der Philosophie selbst fur sich in Anspruch nehmen, bereiten sie, wie die rcll- 
giosen Denker cs einstmals taten, heute neue Entwicklungen der systemati- 
schen Philosophie vor. Denn nachdem die allgemeingultige Wissenschaft der 
Metaphysik fiir immer zerstort ist, muS eine von ihr unabhangige Methode 
gefunden werden, Bestimrmmgen iiber Werte, Zwecke und Regeln des Lebens 
zu finden, und auf der Grundlage der beschreibenden und zcrgliedernden Psy- 
chologie, welche von der Struktur des Seelenlebens ausgeht, wird innerhalb 
methodischer Wissenschaft eine, wenn auch bescheidenere und weniger dik- 
tatorische Losung dieser Aufgabe zu suchen sein, welche die Lebensphilosophen 
der Gegenwart sich gestellt haben. 

Das zusammengesetzte Verhattnis, das zwischen Religion, Philosophie, 
Lebenserfahrung, Dichtung in dieser Schicht sich auf tut, notigt uns zuriick- 
zugreifen auf die Beziehungen, die zwischen diesen Kraften der Kultur in der 
Einzelperson und in der Gesellschaft obwalten. Die Unsicherheit der Ab- 
grenzung, wie sie in der Beweglichkeit der Merkmale der Philosophie begriin- 
det ist und zuruckweist auf die Begriffsbestimmung der Philosophie als einer 
Funktion, kann erst ganz verstanden werden, wenn wir auf den Lebenszusam- 
menhang im Individuum und in der Gesellschaft zuruckgehen und ihm die 
Philosophie einordnen. Dies geschieht durch die Anwendungeinesneuen Ver- 
fahrens. 



B. Das Wesen der Philosophic usw. I, Einordnung der Funktion der Philosophic usw. 29 

B. Das Wesen der Philosophie verstanden aus ihrer Stellung 
in der geistigen Welt. 

Aus den Tatbestanden, die den Namen der Philosophic tragen, und aus Aufgabe der 
den Begriffen von ihnen, wie sie in der Geschichte der Philosophic sich ge- '^nkt^AeT 
bildet haben, sind bisher induktiv die Wesenszii^e derselben abgeleitet wor- ^"^ophis in 

' . . " cn allgememen 

den. Sie fiihrten zuriick auf cine Funktion der Philosophic als eines gleich- zjsammepiiang, 
formigen Sachverhalts in der Gesellschaft. Und durch diescn gleichformigen etns,ean " 
Sachverhalt fanden wir alle philosophierenden Personen zu dem inneren Zu- 
sammenhang der Geschichte der Philosophic vcrbunden. In vielartigen 
Zwischenformen erschien dann Philosophic in dem Bereich von Religion, Re- 
flexion iiber das Leben, Literatur, Dichtung. Diese Induktionen aus dum 
historischen Tatbestand erhalten nun ihre Bestatigung und ihre Verbindung 
zu der abschlieCenden Erkenntnis des Wesens der Philosophic, indem diese 
in den Zusarnmenhang eingeordnet wird, in welchem sie ihre Funktion aus- 
ubt: so wird ihr Begriff durch die Darstellung seines Verhaltnisses zu den 
iibergeordneten und den nebengeordneten vollcndet. 

I. Einordnung der Funktion der Philosophie in den Zusarn- 
menhang des Seelenlebens, der Gesellschaft und der Geschichte. 
1. Stellung in der Struktur des Seelenlebens. Historisch gegebene 
Ziige verstehen wir immer nur aus der Innerlichkcit des Seelenlebens. Die 
Wissenschaft, welche diese Innerlichkeit beschreibt und zergliedert, ist die 
descriptive Psychologies Sie erfafit daher auch die Funktion der Philosophie 
in dem Haushalt des geistigen Lebens gleichsam von innen und bestimmt sie 
in ihrem Verhaltnis zu den nachstverwandten geistigen Leistungen. So voll- 
endet sie den Wesensbegriff der Philosophie. Dcnn die Begriffe, unter welche 
der von der Philosophie gehorl, haben zu ihrem Inhalt die innere Beziehung 
der Merkmale, welche auf Grund von Innehaben des Erlebten und von Nach- 
verstehen anderer cinen realen Zucammenhang darstellen; wogegen die theo- 
retische Naturwissenschaft nur an in den Sinnen gegebenen Phanomenen 
Gemeinsamkeiten feststellt. 

Alie menschlifhen Erzeugnisse entspringen aus dem Seelenleben und seelenleben, 
dessen Beziehungen zur aufieien Welt. Da can die Wissenschaft iiberall Re- keiJifa^seibei!, 
gehr.aCigkeil.en aufsucht, so muB auch das Studium der geistigen Erzeugnisse ^i^^ 6 ",. 
von den RegelmaBigkeiten im Seelenleben ausgehen. Diese sind von zweierlei msfligkeiten. 
Art. Das Seelenleben zeigt Gleichformigkeiten, die an den Verander.mgen 
in ihm festgestellt werden konnen. In bezug auf diese verhalten wir uns ahn- 
Hch wie gegenuber der aufieren Natur. Die Wissenschaft stellt sie fest, in- 
dem sie aus den zusammengesetzten Erlebnissen einzelne Prozesse aussondert 
und Regelmafiigkeiten an denselben induktiv erschliefit. So erkennen wir die 
Prozesse von Assoziation, Reproduktion oder Apperzeption. jede Veran- 
derung ist hicr ein Fall, der in dem Verhaltnis der Unterordnung unter die 
Gleichformigkeiten steht. Sie bilden eine Seite des psychologischen Erkla- 



30 WlLHELM DlLTHEY: Das Wesen der Philosophie 

rungsgrundes fur die geistigen Erzeugnisse: so enthalten die eigentumlichen 
Eildungsprozesse, in welchen Wahrnehmurgen zu Phantasiebildern sich urn- 
bilden, den einen Teil der Erklarungsgriinde fur Mythos, Sage, Legende und 
ktinstlerisches Schaffen. Die Vorgange des Seelenlebens sind aber noch durcb 
erne andere Art der Beziehung miteinander verbunden. Sie sind als Teile 
zum Zus am men hang des Seelenlebens vereinigt. Diesen Zusammenhang 
nenne ich die psychische Struktur. Sie ist die Anordnung, nach weleher 
psychische Tatsachen von verschiedener Beschaffenheit im entwickelten See- 
lenleben durch eine intiere erlebbare Beziehung miteinander verbunden sind. 
Die Grundform dieses seelischen Zusammenhangs ist dadurch bestimmt, daiJ 
sich alles psychische Leben von seinem Milieu bedingt findet und riickwarts 
auf dies Milieu zweckmafiig einwirkt. Empfindungen werden hervorgerufen 
und reprasentieren die Mannigfaltigkeit der auGeren Ursachen; angeregt 
durch das Verhaltnis dieser Ursachen zu unserem Eigenleben, wie es in dem 
Gefuhl sich aufiert, wenden wir diesen Eindriicken unser Interesse zu, wir 
apperzipieren, unterscheiden, verbinden, urteilen und schliefien: unter der 
Einwirkung des gegenstandlichen Auffassens entstehen auf der Grundlage der 
Gefuhlsmannigfaltigkeit immer richtigere Abschatzungen des Wertes der Le- 
bensmomente und der aufieren Ursachen fur dies Eigenleben und das System 
seiner Triebe: von diesen Wertsehatzungen geleitet, andern wir durch zweck- 
mafiige Willenshandlungen die Beschaffenheit des Milieus oder wir passen die 
eigenen Lebensvorgang'e durch die innere Tatigkeit des Willens unseren Be- 
diirfnissen an. Das ist menschliches Leben. Und in seinem Zusammenhang 
sind Wahrnehmung, Erinnerung, Denkprozefi, Trieb, Gefuhl, Begehren, Wil- 
lenshandlung auf die mannigfaltigste Weise miteinander verwebt. Jedes Er- 
lebnis, als einen Moment unseres Daseins erfiillend, ist zusammengesetzt. 
Die struktur <iea Der psychische Strukturzusammenhang hat einen teleologischen Cha- 

rakter. Wo in Lust und Leid die seelische Einheit das ihr Wertvolle erfahrt, 
reagiert sie in Aufmerksamkeit, Auswahl der Eindriicke und Verarbeitung 
derselben, in Streben, Willenshandlung, Wahl unter ihren Zielen, Aufsuchen 
der Mittel fur ihre Zwecke. 
Cegeusiand- So macht schon innerhalb des gegenstandlichen Auffassens eine Zielstre- 

ynd*wirki^ n bigkeit sich geltend: die Formen der Representation irgendeiner Wirklichkeit 
keitscrkenntmi. kiijgn Stufen in einem Zweckzusammenhang, in welchem das Gegenstand- 
liche zu immer vollstandigerer und bewufiterer Representation gelangt. Diese 
Verhaltungsweise, in der wir das Erlebte und Gegebene auffassen, erzeugt unser 
Weltbild, unsere Begriffe von Wirklichkeit, die Einzehvissenschaften, an 
welche die Erkenntnis dieser Wirklichkeit sich verteilt — sonach den Zweck- 
Gefiihi, wm- zusammenhang der Wirklichkeitserkenntnis. — An jeder Stelle dieses Vorgangs 
ie * jTebPM- " n wirken Trieb und Gefiihl. In diesen ist der Mittelpunkt unserer seelischen 
«rfahran S . Struktur; alle Tiefen unseres Wesens werden von da aus bewegt. Wir suchen 
eine Lage unseres Lebensgefuhls, welche auf irgendeine Art unsere Wiinsche 
schweigen macht. Das Leben befindet sich in der bestandigen Annaherung 
an dieses Ziel: bald scheint es dasselbe ergriffen zu haben, bald entfernt ea 



B. Das Wesen der Philosophic usw. I. Einordnung der Funktion der Philosophic usw. 3 j 

sich wieder von ihm. Nur die fortschreitenden Erfahrungen lehren jeden ein- 
zelnen, worin fur ihn das dauernd Wertvolle besteht. Die Hauptarbeit des 
Lebens ist nach dieser Seite, durch Illusionen hindurch zu der Erkenntnis des- 
sen zu kommen, was uns wahrhaft wertvoll ist. Den Zusammenhang von Vor- 
gangen, in dem wir die Lebenswerte und die Werte der Dinge erproben, nenne 
ich Lebenserfahrung. Sie setzt die Kenntnis dessen voraus, was ist — sonach 
unser gegenstandlich.es Auffassen, und fiir sie konnen unsere Willenshand- 
lungen, deren nachster Zweck auf Veranderungen drauBen oder in uns selbst 
gerichtet ist, zugleich Mittel der Feststellung der Werte unserer Lebensmo- 
mente wie der aufieren Dinge sein — falls sich unser Interesse hierauf richtet. 
Durch Menschenkenntnis, Historie, Dichtung erweitern sich die Mittel der 
Lebenserfahrung und ihr Horizont. Und auch auf dieseni Gebiete kann unser 
Leben seine Sicherheit erst durch die Erhebung zu allgemeingultigem Wissen 
erlangen. Ob dieses je die Frage nach dem unbedingt Wertvollen beautwor- 
ten kann? — Auf das BewuBtsein von den Werten des Lebens ist ein dritter wiUe, Zwsck 
und letzter Zusammenhang gegriindet, in wclchem wir durch unsere Wil- un P,e " 
lenshandlungen Sachen, Menschen, Gesellschaft, uns selbst zu leiten und zu 
ordnen streben. Ihm gehoren Zwecke, Guter, Pflichten, Regeln des Lebens, 
die ganze ungeheure Arbeit unseres praktischen Handelns in Recht, Wirt- 
schaft, Regulierung der Gesellschaft, Herrschaft liber die Natur. Auch inner- 
halb dieser Verhaltungsweise geht das BewuBtsein zu immer hoheren For- 
men fort, wir suchen als die letzte hochste ein Handeln auf Grund eines allge- 
meingultigen Wissens, und wieder entsteht die Frage, wieweit dies Ziel er- 
reichbar ist v 

Ein Wesen, in welchem eine Zielstrebigkeit gesetzt ist, die irgendwie auf seeiisctic 

,..,„,., ri ti -1 ■ 1-1 t-i'j-c Eatwicklung. 

die in den Trieben geforderten Lebenswerte gerichtet 1st, das in der Difie- 
renzierung der Leistungen und ihrer wechselseitigen inneren Beziehung auf 
dies Ziel hin sich auswirkt — wird sich entwickeln. So entspringt aus der 
Struktur des Seelenlebens seine Entwicklung. Jeder Moment, jede Epoche 
unseres Lebens hat einen selbstandigen Wert in sich, sofern ihre besonderen 
Bedingungen eine bestimmte Art von Befriedigung und Erfullung unseres Ca- 
seins mdglich machen; zugleich aber sind alle Lebensstufen miteinander ver- 
bunden zu einer Entwicklungsgeschichte, indem wir streben, in dem Fort- 
riicken der Zeit eine immer reichere Entfaltung der Lebenswerte, eine immer 
fester und hoher geformte Gestalt des Seelenlebens zu erreichen. Und auch 
hier zeigt sich wieder dasselbe Grundverhaltnis zwischen Leben und Wissen: 
in der Steigerung der BewuCtheit, in der Erhebung unseres Tuns zu gultigem, 
wohlbegrundetem Wissen liegt eine wesentliche Bedingung fiir die feste Ge- 
stalt unseres Inneren. 

Dieser innere Zusammenhang lehrt, wie die empirisch festgestellte Funk- E^rdming der 
tion der Philosophic aus den Grundeigenschaften des Seelenlebens mit innerer i>hiiosc. P hio in 
Notwendigkeit hervorgegangen ist. Stellt man sich ein Individuum vor, das d s t "kt'u^ be 
ganz isoliert ware und dazu frei von den Zeitschranken des Einzellebens, so 
wird in diesem Auffassung der Wirklichkeit, Erleben der Werte, Verwirklichung 



32 WlLHELM DlLTHEY: Das Wesen tier Philosophic 

der Guter nach Regeln des Lebens stattfinden: eine Besonnenheit iiber sein 
Tun muB in ihm entstehen, und sie wird sich erst vollenden in einem allgemein- 
guItigenWissen iiber dasselbe; und wie in den Tiefen dieser Struktur Auffassen 
von Wirklichkeit, innere Gefiihlserfahrung derWerte und die Realisierung von 
Lebenszwecken miteinander verbunden sind, so wird es diesen inneren Zu- 
sarnmenhang in allgemeingultigem Wissen zu erfassen streben. Was in den 
Tiefen der Struktur zusammenhangt, Welterkenntnis, Lebenserfahrung, Prin- 
zipien des Handelns, das mufi auch zu irgendeiner Vereinigung ira denkenden 
Bewufitsein gebracht werden. So entsteht in diesem Individuum die Philo- 
sophie. Philosophie ist in der Struktur des Menschen angelegt, jeder, an 
welcher Stelle er stehe, ist in irgendeiner Annaherung an sie begriffen, und 
jede menschliche Leistung tendiert, zur philosophischen. Besinmmg zu ge- 
langen. 
D: e sonaie 2. Die Struktur der Gesellschaft und die Stellung von Reli- 

Regeima'ai-^ '' g i o n , Kunst und Philosophie in derselben. Der Einzelmensch als 
^ang/m'Ir" isoliertes Wesen ist eine bloBe Abstraktion, Blutsverwandtschaft, drtliches 
Zusammenleben, Zusammenwirken in der Arbeitsteilung, Machtbeziehung 
in Herrschaft und Gehorsam machen das Individuum zum Gliede der Ge- 
sellschaft. Da nun diese Gesellschaft aus den strukturierten Individuen be- 
steht, wirken sich in ihr dieselben strukturellen Regelmafiigkeiten aus. Die 
subjektive und immanente Zweckmafiigkeit in den Individuen auCert sich 
in der Geschichte als Entwicklung, Die einzelseelischen RegelmaBigkeiten 
formen sich urn in solche des sozialen Lebens. Die Differenzierung und hdhere 
Beziehung der differenzierten Leistungen aufemander im Individuum nimmt 
in der Gesellschaft als Arbeitsteilung festere und wirksamere Formen an. Die 
Entwicklung wird durch die Verkcttung der Geschlechter unbeschrankt: denn 
die Erzeugnisse jeder Art von Arbeit bestehen fort als Grundlage fur immer 
neue Generationen ; geistige Arbeit breitet sich bestandig raumlich aus, geleitet 
vomBewufltseinder Solidaritatund desFortschritts: so entstehen Kontinuitat 
der gesellschaftliehen Arbeit, Wachstum der inihr aufgewandtengeistigen Ener- 
l'liiioicpint c-..i git; und zunehmende Gliederung der Arbeitsleistungen. Diese rationalen Mo- 
rjenhanff in d^r mente, die im Leben der Gesellschaft wirken und von der sozialen Psychologie 
/K^h!rl ls -stel\ erkannt werden, stehen unter Bedingungen, auf denen das eigenste Wesen 
geschichtlichen Daseins beruht; Rasse, Klima, Lebensverhaltnisse, standische 
und politische Entwicklung, persbnliche Eigenart der Individuen und ihrer 
Gruppen geben jedem geistigen Erzeugnis seinen besonderen Charakter; aber 
in all dieser Mannigfaltigkeit entstehen doch aus der immer gleichen Struktur 
des Lebens dieselben Zweckzusammenhange, die ich als Systeme der Kultur 
bezeichne: nur in verschiedenen geschichtlichen Modifikationen. Die Philo- 
sophie kann jetzt bestimmt werden als eines dieser Kultursysteme der mensch- 
lichen Gesellschaft. Denn in dem Nebeneinander der Personen und der Ab- 
folge der Geschlechter sind diejenigen, in denen die Funktion, durch allgemein- 
giiltige Begriffe sich zu Welt- und Lebensratsel in Verhaltnis zu setzen, ent- 
halten ist, zu einem Zweckzusammenhang verbunden. Es ist nunmehr die 



B. Das Wesen der Philosophic usw. I. Einordnung der Funktion der Philosophic usw. 33 

Aufgabe, den Ort dieses Kultursystems im Haushalt der Gesellschaft zu be- 
stimmen. 

In der Wirklichkeitserkenntnis verketten sich die Erfahrungen der Ge- uer z wet: k- 
nerationen auf der Grundlage der Gleichartigkeit des Denkens und der Iden- a^^S- 
titat der von uns unabhaneigen Welt. Wie sie so in bestandieer Erweiterun£ UobenAuffassemi 

. °. ° . te ° (die Einzel- 

begriffen ist, dnferenziert sie sich in der wachsenden Zahl von Einzelwissen- wisaeoscJiaften) 
schaften, und bleibt doch Eine durch die sie alle verbindende Beziehung auf uLdiungen (die" 
das Eine Wirkliche und die ihnen gemeinsame Forderung der Allgemeingiil- o^n"^ 
tigkeit ihres Wissens. So hat an diesen Einzelwissenschaften die Kultur un- 
seres Geschlechtes ihre feste, allverbindende, allvorwartsdringende leitende 
Grundlage. 

Von diesem grofien System erstreckt sich die menschliche Kultur bis zu 
dem Inbegriff derjenigen ihrer Systeme, in denen sich die Willenshandlungen 
zusammengefaBt und differenziert haben. Denn auch die Willenshandlungen 
der Individuen sind zu Zusammenhangen verbunden, welche im Wechsel der 
Generationen sich erhalten. Die RegelmaCigkeiten in den einzelnen Spharen 
des Handelns, die Selbigkeit der Wirklichkeit, auf welche es sich bezieht, die 
Forderung des Ineinandergreifens der Handlungen fur die Realisierung ge- 
wisser Zwecke erwirken die Kulturzusammenhange von wirtschaftlichem 
Leben, Recht und Naturbeherrschung. All dies Tun ist mit Lebenswerten er- 
fiillt; Freude, Steigerung unseres Daseins liegt in solchen Tatigkeiten selbst 
und wird aus ihnen gewonnen. 

Es gibt aber zunachst jenseit dieser Spannung des Willens einen Genufi tiemciusamo 
der Lebenswerte und der Werte der Dinge, in welchem wir ausruhen von dieser Religion, [Cun*t 
Spannung: Lebensfreude, Geselligkeit und Fest, Spiel und Scherz: das ist]J^«^^" B 
dann die Luft, in welcher die Kunst sich entfaltet, deren Eigenstes ist. in einer zweckzu- 
Region des freien Spieles zu verweilen, in der doch zugleich die Bedeutung des 
Lebens sichtbar wird. Ein romantisches Denken hat oftmals die Verwandt- 
schaft von Religion, Kunst und Philosophie hervorgehoben. Dasselbe Welt- 
und Lebensratsel steht ja vor der Dichtung, der Religion und der Philosophie; 
ein verwandtes Verhaltnis zu dem gesellschaftlich-geschichtlichen Zusammen- 
hang ihrer Lebenssphare ist im Religiosen, im Dichter und im Philosophen: 
umfangen von dieser sind sie doch einsam: ihr Schaffen erhebt sich iiber alle 
Ordnungen um sie her in eine Region, in der sie ganz allein den uberall wir- 
kenden Kraften der Dinge gegenuberstehen — uber alle geschichtlkhen Re- 
lationen zu dem zeitlosen Umgang mit dem, was immer und uberall Leben 
erwirkt. Sie fiirchten die Bande, mit denen Vergangenheiten und Ordnungen 
ihr Schaffen umstricken wollen. Sie hassen den Verbrauch der Personlichkeit 
durch die Gemeinschaften, die nach ihrem Bedurfnis Ehre und Geltung ihrer 
Glieder bemessen. So trennt ein tiefgreifender Unterschied die festumspan- 
nende Verbindung in den aufieren Organisationen, den Zwecksystemen des 
Wissens oder denen des auCeren Handelns von dem Zusammenwirken in den 
Kulturzusammenhangen von Religion, Dichtung und Philosophie. Am freiesten 
aber walten die Dichter. Selbst die festen Beziehungen zur Wirklichkeit losen 

Die Kultur der Gegenwarf, I. 6. 3. A.uil. 1 



s:nnmfDliinj 



31 WlLHELM Dilthey: Das Wesen der Philosophic 

sich in ihrem Spiel mit Stimmungen und Gestaltcn. Diese Gemeinsamkeiten 
nun von Religion, Dichtung und Philosophic, durch die sie in sich verbunden 
und von den anderen Lebensgebieten getrennt sind, beruhen schlieClich darin, 
dafi die Einspannung des Willens in begrenzte Zwecke hier aufgehoben ist: 
der Mensch lost sich aus dieser Gebundenheit an das Gegebene, Bestimmte, 
indem er sich auf sich selbst und den Zusammenhang der Dinge besinnt: es 
ist ein Erkennen, das'nicht diesen oder jenen eingeschrankten Gegenstand zu 
seinem Objekt hat, ein Handeln, das nicht an einer bestimmten Stelle des 
Zweckzusammenhanges vollzogen werden soil. Die Einstellung des Blickes 
und der Intention in das Gesonderte, nach Ort und Zeit Bestimmte wurde die 
Ganzheit unseres Wesens, das BewuGtsein unseres Eigenwertes, unserer Un- 
abhangigkeit von der Verkettung nach Ursachen und Wirkungen, von der 
Bindung an Ort und Zeit auflosen: stunde dem Menschen nicht immer wieder 
das Reich der Religion, Poesie und Philosophie offen, in dem er von solcher 
Beschranktheit sich erlost findet. Die Anschauungen, in denen er hier lebt, 
mussen immer irgendwie die Beziehungen von Wirklichkeit, Wert und Ideal, 
Zweck und Regel umspannen. Anschauungen: denn das Schopferische der 
Religion liegt immer in einer Konzeption des wirkenden Zusammenhanges, zu 
welchem das Individuum sich verhalt, Dichtung ist immer Hinstellen eines 
Geschehnisses, erfafit in. seiner Bedeutsamkeit; und von der Philosophie ist 
ja offensichtig, daB ihr begriffliches, systematisches Verfahren dem gegen- 
standlichen Verhalten angehbrt. Die Dichtung nun verbleibt in der Region 
von Gefiihl und Anschauung, da sie nicht nur jede begrenzte Zweckbestim- 
mung, sondern das willentliche Verhalten selbst von sich ausschlieGt. Da- 
gegen Hegt der furchtbare Ernst der Religion und Philosophie darin, dafi sie 
den inneren Zusammenhang, der in der Struktur unserer Seele von der Wirk- 
lichkeitsauffassung zur Zwecksetzung geht, in seiner objektiven Tiefe erfassen 
und aus dieser selber das Leben gestalten wollen. So werden sie zu einer ver- 
antwortiichen Besinnung iiber das Leben, welches eben diese Totalitat ist; 
sie werden, gerade im guten BewuDtsein ihrer Wahrhaftigkeit, zu tatfrohen 
Kraften der Gestaltung des Lebens. Innig verwandt, wie sie so sind, mussen 
sie sich, eben weil sie dieselbe Intention der Gestaltung des Lebens haben, 
befehden bis zum Kampf um ihr Dasein. Der Tiefsinn des Gemiites und die 
Allgemeingiiltigkeit des begrifflichen Denkens ringen in ihnen miteinander. 
Die Auf-av Religion, Kunst, Philosophie sind so gleichsam eingeschaltet in die un- 

wn Rem^n,* erbittHch festen Zweckzusammenhange von Einzelwissenschaften und von 
rin™** h-" d O ft l nun g en des gesellschaftlichen Handelns. Sie stehen so, unter sich ver- 
erfaweo. wandt und doch nach ihrem geistigen Verfahren sich fremd, in den merkwlir- 
digsten Beziehungen. Diese gilt es nun zu erfassen. Das fuhrt darauf zuriick, 
wie im menschlichen Geiste der Zug zur Weltanschauung liegt und wie die 
Philosophie diese allgemeingultig zu begriinden strebt. Dann wird sich uns 
auch die andere Seite der Philosophie auftun, wie von den im Leben entwickel- 
ten Begriffen und Wissenschaften her die philosophische Funktion der Ver- 
allgemeinerung und Verbindung in Wirksamkeit tritt. 



B, Das Wesen der Philosophic usw, II. Weltanschauungslehre, Religion u. Dichtung usw. 35 

II. Weltanschauungslehre. Religion und Dichtung in ihren Elemental 
Beziehungen zur Philosophic Religion, Kunst und Philosophic haben ^Tibeo." 
eine gemeinsame Grundform, die in die Struktur des Seelenlebens zuriick- 
reicht. In jedem Moment unseres Daseins besteht ein Verhaltnis unseres Ei- 
genlebens zur Welt, die uns als ein anschauliches Ganze umgibt. Wir fiihlen 
uns, den Lebenswert des einzelnen Moments und die Wirkungswerte der Dinge 
auf uns, dies aber im Verhaltnis zur gegenstandlichen Welt. 1m Fortschreiten 
der Reflexion erhalt sich die Verbindung von Erfahrung iiber das Leben und 
Entwicklung des Weltbildes. Lebenswertung setzt Kenntnis dessen voraus 
was ist, und Wirklichkeit tritt unter wechselnde Beleuchtungen vom Innen- 
leben her. Nichts ist fluchtiger, zarter, veriinderlicher als die Stimmung des 
Menschen gegenuber dem Zusammenhang der Dinge. Dokumente einer solchen 
sind jene Heblichen Gedichte, die an ein Naturbild den Ausdruck inneren Le- 
bens knijpfen. Und bestandig wechseln in uns, wie Schatten von Wolken, die 
iiber eine Landschaft hingehen, Auffassung und Schatzung von Leben und 
Welt. Der Religiose, der Kiinstler, der Philosoph unterscheiden sich nun da- 
durch von den Dutzendmenschen, ja auch von Genies anderer Art, dafl sie 
solche Lebensmomente festhalten in der Erinnerung, ihren Gehalt zum Be- 
wufitsein erheben und die Einzelerfahrungen zu allgemeiner Erfahrung iiber 
das Leben selber verbinden. Damit erfiillen sie eine bedeutsame Funktion, nicht 
fur sich nur, sondern auch fur die Gesellschaft. 

So erheben sich allenthalben Interpretationen der Wirklichkeit: die ihr Wcd^ei. 
Weltanschauungen. Wie ein Satz einen Sinn oder eine Bedeutung hat und 
zum Ausdruck bringt, so mochten diese Interpretationen Sinn und Bedeutung 
der Welt aussprechen. Wie wechselnd aber sind nun doch schon in jedem 
einzelnen Individuum diese Interpretationen! Sie andern sich unter der 
Wirkung der Erfahrungen allmahlich oder plbtzlich. -Die Epochen des mensch- 
lichen Lebens durchlaufen in typischer Entwicklung, wiejCioethe sah, ver- 
schiedene Weltanschauungen. Zeit und Ort bedingen ihre Mannigfaltigkeit. 
Wie eine Vegetation von unzahligen Formen bedecken Lebensansichten, 
kunstlerischer Ausdruck von Weltverstandnis, religibs bestimmte Dogmen, 
Formeln der Philosophen die Erde. Zwischen ihnen scheint, wie bei den Pflan- 
zen am Boden, ein Streit um Dasein und Raum zu bestehen. Da gewinnen 
nun einzelne derselben, getragen von der einheitlichen Grofie der Person, Festiguog. 
Macht iiber die Menschen. Heilige wollen Leben und Sterben Christi nach- 
leben, lange Reihen von Kunstlern sehen den Menschen mit den Augen Raf- 
faels, Kants Idealismus der Freiheit reiflt Schiller, Fichte t ja die meisten wirk- 
samen Personen der folgenden Generation mit sich fort. Das Gleiten und 
Schwanken der seeh'schen Vorgange, das Zufallige und Partikulare im Ge- 
halt der Lebensmomente, das Unsichere und Wechselnde in der Auffassung, 
Wertung und Zwecksetzung, diese innere Unseligkeit des so irrig von 
Rousseau oder Nietzsche gepriesenen naiven Bewufitseins wird iiberwunden. 
Die blofie Form des religibsen, kunstlerischen, philosophischen Verhaltens 
bringt Festigkeit und Ruhe und schafft einen Zusammenhang, der den 



36 Wilhelm Dilihey: Das Wesen der Philosophic 

religiosen Genius mit den Glaubigen, den Meister mit den Schulern, die 
philosophische Personlichkeit mit denen, die unter ihrer Macht stehen, ver- 
bindet. 
strnitur der So klart sich jetzt auf, was unter Welt- und Lebensratsel als dem ge- 

uur °meinsamen Gegenstand von Religion, Philosophic, Dichtung zu verstehen ist. 
In der Struktur der Weltanschauung ist immer eine innere Beziehung der 
Lebenserfahrung zum Weltbilde enthalten, eine Beziehung, aus der stets ein 
Lebensideal abgeleitet werden kann. Die Analyse der hoheren Gebilde in 
diesen drei Spharen des Schaffens ebenso wie die Beziehung von Wirklichkeit, 
Wert und Willensbestimraung als Struktur des Seelenlebens fiihren zu dieser 
Einsicht. Sonach ist die Struktur der Weltanschauung ein Zusammenhang, 
in welchem Bestandteile von verschiedener Provenienz und verschiedenem 
Charakter vereinigt sind. Der Grundunterschied zwischen diesen Bcstand- 
ceilen geht zuriick in die Differenzierung des Seelenlebens, welche als dessen 
Struktur bezeichnet worden ist. Die Anwendung des Namens Weltanschauung 
auf ein geistiges Gebilde, das Welterkenntnis, Ideal, Regelgebung und oberste 
Zweckbestimmung einschliefit, rechtfertigt sich dadurch, daG nie in ihr die 
Intention zu bestimmten Handlungen gesetzt ist, sie sonach nie bestimmtes 
praktisches Verhalten einschlieBt. 

Das Problem des Verhaltnisses der Philosophic zu Religion und Dichtung 
kann nun zuruckgefiihrt werden in die Frage nach den Beziehungen, die sich 
aus der verschiedenen Struktur der Weltanschauung in diesen ihren drei 
Formen ergeben. Denn sie treten nur insofern in innere Beziehungen, als sie 
eine Weltanschauung vorbereiten oder enthalten, Wie der Botaniker die 
Pflanzen in Klassen ordnet und das Gesetz ihres Wachstums erforscht, so 
muC der Zergliederer der Philosophic die Typen der Weltanschauung auf- 
oia Lebro von suchen und die GesetzmaCigkeit in ihrer Bildung erkennen. Eine solche ver- 
aiischauungru gleichende Betrachtungsweise erhebt den menschlichen Geist iiber die in sei- 
ner Bedingtheit gegrundete Zuversicht, in einer dieser Weltanschauungen die 
Wahrheit selber ergriffen zu haben. Wie die Objektivitat des groflen Ge- 
schichtsschreibers die Ideale der einzelnen Zeiten nicht meistern will, so mufi 
der Philosoph das betrachtende Bewufitsein selber, das sich die Gegenstande 
unterwirft, geschichtlich-vergleichend auffassen und sonach iiber ihnen alien 
seinen Standpunkt einnehmen. Dann vollendet sich in ihm die Geschicht- 
lichkeit des Bewufitseins. 

Die religiose Weltanschauung ist nun ihrer Struktur nach verschieden 
von der dichterischen und diese von der philosophischen. Dem entspncht 
eine Verschiedenheit in der Anordnung der Typen der Weltanschauung in- 
nerhalb dieser drei Kultursysteme. Und aus den Grundunterschieden der phi- 
losophischen Weltanschauung von der religiosen und der dichterischen ergibt 
sich die Moglichkeit des Oberganges einer Weltanschauung aus der religiosen 
oder kiinstlerischen Form in die philosophische und umgekehrt. Das Vorwie- 
gende des Uberganges in die philosophische Form ist in der seelischen Tendenz 
gegrundet, seinem Tun Festigkeit und Zusammenhang zu geben, was schliefi- 



B. Das VVesen der Philosophic usw. II. Weltanschauungslehre, Religion u. Dichtung usw. 37 

lich nur im allgemeingtiltigen Denken erreicht wird. So entstehen die Fragen: 
Worm besteht die Eigenart der Struktur dieser verschiedenen Formen ? nach 
welchen gesetzlichen Verhaltnissen transformiert sich die religiose oder kiinst- 
lerische in die philosophische? An der Grenze dieser Untersuchung nahern 
wir uns dem allgemeinen Problem, fur dessen Behandlung hier kein Raum ist: 
der Frage nach den gesetzlichen Verhaltnissen, welche die Variability in der 
Struktur und die Mannigfaltigkeit der Typen der Weltanschauung bestimmen. 
Die Methode mui3 auch hier sein, dafi zunachst die historische Erfahrung be- 
fragt und dann der in ihr liegende Sachverhalt der psychischen Gesetzlich- 
keit eingeordnet wird. 

1 . Die religiose Weltanschauung und ihre Beziehungen zur R'gnff <*er 
philosophischen. Der Begriff der Religion gehort derselben Klasse an als 
der von Philosophie. Er bezeichnet zunachst einen Sachverhalt, der an ge- 
sellschaftlich aufeinander bezogenen Individuen als ein Teilinhalt ihres Le- 
bens wiederkehrt. Und weil dieser Sachverhalt die Individuen, denen er gleich- 
formig angehort, in innere Beziehungen zueinander setzt und zu einem Zu- 
sammenhang verbindet: so bezeichnet der Begriff Religion zugleich einen Zu- 
sammenhang, der die religios bestimmtea Individuen als Glieder 2u einem 
Ganzen verknupft. Die Bcgriffsbestimmung unterliegt hier derselben Schwie- 
rigkeit, die in bezug auf die Philosophie sich gezeigt hat. Der Umfang der 
religiosen Tatsachen miifite nach Namengebung und Zusammengehbrigkeit 
festgestellt werden, um den Wesensbegriff aus den diesem Umfang unterste- 
henden Tatsachen ableiten zu kdnnen. An dieser Stelle kann das methodische 
Verfahren, das hier die Schwierigkeiten lost, nicht selbst vorgelegt, sondern 
nur seine Ergebnisse konnen fiir die Zergliederung der religiosen Weltan- 
schauung benutzt werden. r 

Relieios ist eine Weltanschauung, sofern sie ihren Ursprung in einer be- Die StruktTir dcr 
stimmten Art von Erfahrung hat, die im religiosen V organ g begriindet 1st. anachamiag. 
Wo irgend der Name Religion auftritt, hat diese zu ihrem Merkmal den Ver- 
kehr mit dem Unsichtbaren: denn dieser findet sich ebensogut in ihren pri- 
mitiven Stufen, als in jenen letzten Verzweigungen ihrer Entwicklung, in 
welchen dieser Verkehr nur noch in der inneren Beziehung der Handlungen zu 
einem alles Empirische uberschreitenden und so das religiose Verhaltnis er- 
moglichenden Ideal besteht oder in dem Verhalten der Seele zu dem ihr ver- 
wandten gottlichen Zusammenhang der Dinge. Durch diesen Verkehr ent- 
wickelt sich die Religion in der Geschichte ihrer Formen zu einem immer um- 
fassenderen und vollkommener differenzierten Strukturzusammenhang. Das 
Verhalten, in welchem dies geschieht und das sonach den hervorbringenden 
Grund aller religiosen Anschauungen und den Erkenntnisgrund fiir jede reli- 
giose Wahrheit enthalten mufi, ist die religiose Erfahrung. Diese ist eine Form 
der Lebenserfahrung, hat aber darin ihren spezifischen Charakter, daC sie die 
Besinnung ist, welche die Vorgange des Verkehrs mit dem Unsichtbaren be- 
gleitet. Wenn die Lebenserfahrung ein an den Erlebnissen fortschreitendes 
Sichbesinnen iiber die Lebenswerte, die Wirkungswerte der Dinge und die 



^g Wilhelm Dilthey : Das Wesen der Philosophic 

daraus flieBenden hbchsten Zwecke und obersten Regeln unseres Handelns 
ist, so liegt nun das Eigentumliche der religiosen Lebenserfahrung darin, dafi 
sie, wo die Religiositat sich zu vollem Bewufitsein erhebt, in dem Verkehr mit 
dem Unsichtbaren den hbchsten und unbedingt giiltigen Lebenswert und in 
dem unsichtbaren Gegenstand dieses Verkehrs den unbedingt giiltigen hoch- 
sten Wirkungswert, das, von dem alles Gltick und alle Seligkeit ausgeht, er- 
fahrt: woraus sich dann auch ergibt, daB von diesem Unsichtbaren aus alle 
Zwecke und Regeln des Handelns bestimmt werden miissen. Hierdurch ist 
nun das Unterscheidende in der Struktur der religiosen Weltanschauung be- 
dingt. Sie hat ihren Mittelpunkt in dem religiosen Erlebnis, in welchem die 
Totalitat des Seelenlebens wirksam ist: die in ihm gegriindete religiose Er- 
fahrung bestimmt jeden Bestandteil der Weltanschauung: alle Anschauungen 
iiber den Zusammenhang der Welt entspringen, sofern man sie isoliert be- 
trachtet, aus diesem Verkehr und miissen diesen Zusammenhang sonach als 
eine Kraft erfassen, die mit unserem Leben in Verhaltnis steht, und zwar als 
eine seelische Kraft, da nur eine derartige solchen Verkehr mbglich macht. 
Das Ideal des Lebens, d. h. die innere Ordnung seiner Werte mufi bestimmt 
sein durch das religiose Verhaltnis: endlich mufi sich aus ihm die hochste Regel 
fur die Beziehungen der Menschen untereinander ergeben. 
Erste Art d.-s Durch die verschiedene Art, welche dieser religiose Verkehr, die religiose 

d°m UqLm- Erfahrung und das BewuBtsein von ihr annehmen kann, sondern sich die ge- 
bar^n. schichtlichen Stufen und Formen, in denen die religiose Weltanschauung sich 
ausbiidet. 

In der uns zuganglichen alteren Religiositat finden wir stets einen Glau- 
ben und eine Praxis miteinander verbunden. Sie setzen sich gegenseitig vor- 
aus. Denn wie auch der Glaube an lebendige, willentlich wirkende Krafte urn 
den Menschen her entstanden sein mag: wir finden die Fortbildung dieses 
Glaubens, soweit wir sie in Vblkerkunde und Geschichte feststellen kbnnen, 
durch die Art bestimmt, in welcher die religiosen Gegenstande ebeti durch das 
Handeln auf sie Gestalt erhalten, und anderseits bestimmt dann wieder den 
Kultus der Glaube, da das religiose Handeln in ihm erst sein Ziel erhalt. Re- 
ligion ist den Naturvblkern die Technik, das Unfafiliche, der blofl mechanischen 
Veranderung Unzugangliche zu beeinflussen, seine Krafte in sich aufnehmen, 
sich mit ihm zu vereinigen, in erwunschtes Verhaltnis zu ihm zu treten. Sol- 
che religiose Handlungen werden von dem einzelnen, dem Hauptling oder 
dem Zauberer-Priester vollzogen. So bildet sich fur deren Handhabung eine 
Berufsklasse aus. Am Beginn jeder Differenzierung der mannlichen Berufe 
entsteht dies unheimliche, keineswegs besonders respektierte, doch mit bald 
furchtsamer, bald erwartungsvoller Scheu betrachtete Metier des Zauberers, 
Medizinmannes oder Priesters. Aus ihm bildet sich allmahlich ein geordneter 
Stand, er wird Trager des ganzen religiosen Verhaltnisses, einer Technik von 
magischen Handlungen, BiiBungen und Reinigungen, und er ist so lange In- 
haber des Wissens, bis sich eine selbstandige Wissenschaft absondert. Er mufi 
sich durch Enthaltungen freimachen fur den Gott, er mufi sein Verhaltnis 



B. Das Wesen der Philosophic usw. II. Weltanschaimngslehre, Religion u. Dichtung usw. $g 

zum Unsichtbaren durch Entsagungen bewahren, die ihn in seiner Heiligkeit 
und Wiirde von alien anderen Personen absondern: das ist die erste beschrankte 
Art, in welcher das religiose Ideal sich vorbereitet. 

Aus diesem Verkehr mit dem Unsichtbaren, der auf Erlangung von Gii- Die primitive 
tern, Abwendung von Ubeln gerichtet und durch besondere Personen ver- TeiB """ n 
mittelt ist, entwickeln sich die primitiven religibsen Ideen innerhalb dieser 
Schicht der Religiositat. Sie beruhen auf dem mythischen Vorstellen und 
dessen innerer Gesetzlichkeit. Es liegt schon in der ursprunglichen Lebendig- 
keit und Totalitat des Menschen, dafl er in alien seinen Beziigen zur AuGen- 
welt AuCerungen eines Lebendigen erfahrt, und es ist das die allgemeine Vor- 
aussetzung eines religibsen Verkehrs. Die Technik der religibsen Handlungen 
mufite diese Form des Auffassens verstarken. Subjektiv, wechselnd, mannig- 
fach wie diese Erfahrungen waren, erhielten sie doch in jeder Horde oder je- 
dem Stamm Gleichformigkeit durch die Gemeinsamkeit der religiosen Er* 
fahrung, und sie gewannen Sicherheit durch die eigene, am Faden der Analogie 
verlaufende Logik derselben. Wo noch kein Vergleich wissenschaftlicher Evi- 
denz sich darbot, konnte viel leichter solche Glaubenssicherheit und Uberein- 
stimmung in ihr sich bilden. Wo Traum, Vision, anormale Nervenzustandc 
aller Art als Wunder in das Tagesleben hineinreichten, erhielt in ihnen die re- 
ligiose Logik ein Erfahrungsmaterial, welches Einwirkungen des Unsicht- 
baren zu belegen besonders geeignet war. Die suggestive Kraft der Glaubens- 
inhalte, ihre gegenseitige Betatigung, die nach derselben religibsen Logik wie 
ihre erste Feststellung fortging, dann die gleichsam experimented Beglaubi- 
gung, die aus der erprobten Wirkung eines Fetischs, einer Manipulation des 
Zauberkiinstlers kam, ganz wie wir heute die Kraft eines Gnadenbildes durch 
die Kranken erprobt und in Abbildungen und Berichten der Wallfahrtsorte 
zu Zeugnismassen fixiert sehen, dann auch die Aktionen der Zauberer, Orakel- 
priester, Monche, heftige Bewegungen und aufiergewbhnliche Zustande mit 
Erscheinungen und Offenbarungen, hervorgerufen durch Fasten, larmende 
Musik, Berauschung irgendeiner Art — all das starkte die religiose Art von 
GewiBheit. Aber das Wesentliche war doch, dafi auf den ersten uns zuganglichen 
Kulturstufen nach der Natur des damaligen Menschen und seiner Lebensbe- 
dingungen der religiose Glaube aus uberall gleichen, wirksamen Erlebnissen 
von Geburt, Tod, Krankheit, Traum, Wahnsinn seine primitiven religibsen 
Ideen entwickelte, die daher allerorts gleichermaBen wiederkehren. In jedem 
lebendigen beseelten Kbrper wohnt ein zweites Ich, die Seele (auch wohl 
als Mehrheit gedacht), das ihn vorubergehend verlaBt, im Tode sich von 
ihm sondert und mannigfacher Wirkungen in seinem schattenhaften Dasein 
fahig ist. Die ganze Natur ist von geistartigen Wesen belebt, die auf den Men- 
schen einwirken, und die er durch Zauber, Opfer, Kultus, Gebet fur sich zu 
stimmen strebt. Himmel, Sonne und Gestirne sind Sitze gbttlicher Krafte. 
Nur hingewiesen sei hier auf eine andere Klasse von Ideen, welche bei den 
Vblkern niederer Stufe auftritt und die sich auf den Ursprung der Menschen 
oder der Welt bezieht. 



40 Wilhelm Dilthev: Das Wesen der Philosophic 

Enistehung ner Diese pnmitiven Ideen bilden die Grundlage der religiosen Weltan- 

T anschl"unjf. schauung. Sie formen sich urn, sie wachsen zusammen, jede Veranderung im 
Zustand der Kultur arbeitet an dieser Entwicklung. Innerhalb der allmah- 
lichen Umgestaltung der Religiositat liegt das entscheidende Moment fiir den 
Fortschritt zu einer Weltanschauung in der Veranderung des Verkehrs mit 
dem Unsichtbaren. Jenseits des offiziellen Kultus mit seinen Tempeln, Opfern, 
Zeremonien entsteht ein freieres, esoterisches Verhaltnis der Seele zum Gbtt- 
lichen. Ein religios vornehmerer Kreis tritt in dies besondere Verhaltnis zur 
Gottheit, er schliefit sich darin ab, oder er gestattet auch den Zugang. In den 
Mysterien, in dem Einsiedlerleben, im Prophetentum gelangt das neue Ver- 
haltnis zur Geltung. In dem religiosen Genius offenbart sich die geheimnis- 
volle Macht der Personlichkeit, kraft deren sie den Zusammenhang ihres We- 
sens in Welterfassung, Wertung des Lebens und Gestaltung seiner Ordnungen 
in sich zusammennimmt. Die religiosen Erfabrungen und ihr vorstellungs- 
mafiiger Niederschlag treten gleichsam in einen anderen Aggregatzustand. Das 
Verhaltnis der religiosen Personen zu denen, die unter ihrer Wirkung stehen, 
empfangt eine andere innere Form. Nicht einzelne Wirkungen werden er- 
fahren oder versucht, sondern der Zusammenhang der Seele tritt in diesen in- 
ner en Verkehr. Diese grofien Personlichkeiten horen auf, unter der Gewalt 
unverstandener, naturdunkler Krafte zu stehen und an dem heimlichen Be- 
wuBtsein des Mifibrauchs, der Falschung derseiben sich zu ergbtzen und zu 
leiden. Die Gefahr, die in diesem neuen, reineren Verhaltnis verborgen ist, 
ist eine andere, die Steigerung des BewuCtseins von sich selbst, die aus der 
Wirkung auf die Glaubigen entspringt und aus dem Verkehr mit dem Unsicht- 
baren den Charakter einer besonderen Beziehung zu diesem empfangt. Unter 
den Kraften aber, die von diesem neuen Verhaltnis ausgehen, ist eine der 
starksten, dafi es durch die innerliche Beziehung, in die alle Momente des re- 
ligiosen Verkehrs und alle Seiten seines Gegenstandes zueinander treten, eine 
einheitliche Weltanschauung vorbereitete. Uberall wo Anlagen und Verhalt- 
nisse eine normale Entwicklung mbglich machten, hat sich eine religiose 
Weltanschauung gebildet, gleichviel wie lange Zeit diese Veranderung in dem 
Verkehr mit dem Unsichtbaren an den verschiedenen Stellen, wo zu ihr fort- 
gegangen wird, in Anspruch nehmen mag, welche Stufen durchlaufen werden, 
einerlei ob die Namen der religiosen Persbnlichkeiten vergessen sind. 
strukur i:nd Struktur und Gehalt der religiosen Weltanschauung, wie sie sich so aus- 

seihm. bildet, sind bestimmt von dem religiosen Verkehr und der in ihm sich aus- 
bildenden Erfahrung. Daher auch mit einer seltsamen Zahigkeit die primiti- 
ven Ideen in bestandiger Fortwandelung doch ihre Kraft behaupten. Welt- 
auffassen, Wertgebung, Lebensideal erhalten so in der religiosen Sphare ihre 
eigene Form und Farbe. 
Das gegenstanfi- ] n d en Erfahrungen des religiosen Verkehrs findet sich der Mensch be- 

J'che Auffassen . ° . b 

i» der reiieieser stimmt durch em Dynamisches, das unerforschhch und innerhalb des sinn- 

nsc auur e.ij cnen Kausalnexus unbeherrschbar ist. Es ist willentlich und seelisch. So 

entsteht die Grundform des religiosen Auffassens, wie sie sich in Mythos, Kult- 



B. Das Wesen der Philosophic usw. II. Weltanschauungslehre, Religion u. Dichtung usw. 41 

handlung, Anbetung sinnlicher Objekte, in der Symbolik der Liturgien und 
in der allegorischen Auslegung der heiligen Schriften geltend macht. Die auf 
Seelenglaube, Gestirnkultus gegriindete und im primitiven Verkehr mit dem 
Unsichtbaren entwickelte Methode des religiosen Sehens und Feststellens er- 
reicht hier den inneren Zusammenhang, welcher der Stufe der Weltanschauung 
entspricht. Der Verstand kann die in dieser Art zu sehen enthaltenen Annah- 
men nicht begreifen, sondern nur zersetzen. Das Einzelne und Sichtbare 
meint und bedeutet hier etwas, das mehr als das 1st, in dem es erscheint. Dies 
Verhaltnis ist von der Bedeutung der Zeichen, dem Meinen imUrteil, dem Sym- 
bolischen in der Kunst unterschieden und doch ihnen verwandt. Es liegt in 
ihm eine Representation ganz eigener Art: denn eben nach dem Verhaltnis 
alles Erscheinenden, Sichtbaren zu dem Unsichtbaren bedeutet nur ernes das 
andere und ist doch mit ihm eins. Hieraus ergibt sich, dafi auch auf dieser 
Stufe des inneren Verkehrs mit dem Unsichtbaren das Hineinscheincn des- 
selben in das sichtbare Einzelne, das Wirken in diesem, das Sich-Darbieten 
des Gottlichen in Fersonen und in religiosen Akten fortdauert. Und auch die 
mit dieser Stufe zusammenhangende Vereinheitlichung der Gottheiten hat 
nur in einem kleineren Teil von Volkern und Religionen diesen Zug des reli- 
giosen Auffassens dauernd iiberwinden konnen. Auf verschiedenen Wegen 
hat sich von fruh an die Zusammenfassung der gottlichen Krafte in einer 
hb'chsten vollzogen. Dieser Vorgang hatte sich bis um das Jahr 600 v. Chr. 
bei den wichtigsten Volkern des Ostens durchgesetzt. Die Einheit derNamen, 
die Herrschaft des im Sieg bewahrten starksten Gottes, die Einzigkeit des 
Heiligen, die Aufldsung al/er Unterschiede in dem mystischen religiosen Ge- 
genstande, die Einsicht in die einmutige Ordnung der Gestirne — diese und 
andere ganz voneinander unterschiedene Ausgangspunkte fiihrten zu der 
Lehre von dem Einen Unsichtbaren. Und wie in den Jahrhunderten, in denen 
diese groBe Bewegung bei den ostlichen Volkern sich vollzog, ein hbchst le- 
bendiger Verkehr zwischen ihnen bestand, kann man nicht zweifeln, daB der- 
selbe auch der Verbreitung des grofiten Gedankens dieser Zeiten fbrderlich 
gewesen ist. Aber jede dieser Anschauungen von der die Welt bedingenden 
Einheit tragt an sich die Marke ihres religiosen Ursprungs in den Merkmalen 
von Giite, vorsehender Einsicht, Beziehung zu menschlichen Bediirfnissen. 
Und in den meisten von ihnen ist nach der Grundkategorie religiosen Auf- 
fassens das Gottliche umgeben von Kraften, die im Sichtbaren liegen, oder 
es muB als Gott auf der Erde erscheinen, es kampft mit damonischen Gewal- 
ten, es erweist sich an heiligen Orten oder in Wundern, es wirkt in Handlun- 
gen des Kultus. Die Sprache, in welcher der religiose Verkehr iiber das Gott- 
liche sich aufiert, mufi uberall sinnlich-geistig sein. Symbole "wie Licht, Rein- 
heit, Hohe sind der Ausdruck fiir die im Gefiihl erfahrenen Werte im gott- 
lichen Wesen. Die allgemeinste abschlieCende reale Auffassungsform fiir den 
gottlich bedingten Zusammenhang der Dinge ist die teleologische Verfassung 
der Welt. Hinter dem Nexus der auCeren Objekte, in ihm und iibcr ihm be- 
steht ein geistiger Zusammenhang, in dem die gottliche Kraft sich zweck- 



42 Wilhelm DlLTHEY: Das Wesen der Phiiasophie 

maCig aufiert. An diesem Punkte geht nun die religiose Weltanschauung uber 
in die philosophische. Denn das metaphysische Denken ist von Anaxagoras 
bis zu Thomas und Duns Scotus vcrherrschend von dem Begrilf des teleolo- 
gischen Weltzusammenhangs bestimmt ge wesen. 
wertgcbnng Iii dem innerlichen Verkehr mit dem Unsichtbaren erfahrt das naive Le- 

mi r |3 ens 5 ewu (3 tse i n e { ne Umwendung. In dem Grade, in welchem der Blick des 
religiosen Genies auf das Unsichtbare gerichtet ist und sein Gemiit in dem 
Yerhaltnis zu ihm aufgeht, verzehrt diese Sehnsucht alle Werte der Welt, so- 
fern sie nicht dem Verkehr mit Gott dienen. So entsteht das Ideal des Hei- 
ligen und dieTechnik der Askese, welche das Vergangliche, Begehrliche, Sinn- 
liche im Individuum zu vernichten strebt. Das begriffliche Denken ist nicht 
imstande, diese Umwendung vom Sinnlichen zum Gottiichen auszudriicken. 
Sie wird in der Symbolsprache, die sich durch ganz verschiedene ReUgionen 
erstreckt, als Wiedergeburt bezeichnet, ihr Ziel als die Liebesgemeinschaft 
der menschlichen Seele mit dem gottiichen Wesen. 

In der Sphare der Willenshandlung und der Lebensordnungen entsteht 
ebenfalls aus dem innerlichen religiosen Verkehr ein neues Moment, das zu 
der Weihe der weltlichen Beziehungen hinzutritt. Alle, welche in dem reli- 
giosen Verhaltnis zu der Gottheit stehen, sind dadurch zu einer Gemeinschaft 
verbunden, und diese ist jeder anderen in dem Grade uberlegen, als der Wert 
der religiosen Beziehung den von anderen Lebensordnungen iiberwiegt. Die 
ir.nerliche Tiefe und Starke der Verhaltnisse in dieser Gemeinschaft haben in 
der religiosen Symbolsprache einen eigenen Ausdruck gefunden: die in der 
Gemeinschaft Ycrbundenen werden als Briider una ihre Beziehung zur Gott- 
heit wird als Gotteskindschaft bezeichnet. 
Typen der Aus diese m Charakter der religiosen Weltanschauung konnen die Haupt- 

re anstha»aa». typen und deren Beziehungen zueinander verstanden werden. Evolution des 
Universums, Immanenz der Weltvernunft in den Lebensordnungen und dem 
Lauf der Natur, ein geistiges All- Ernes, hinter allem Geteilten, in das die Seele 
ihr Eigenwesen hingibt, die Dualitat der guten, reinen, gottiichen Ordnung 
und der damonischen, der ethische Monotheismus der Freiheit — diese Grund- 
typen der religiosen Weltanschauung erfassen alle das Gottliche auf Grund 
der Wertbeziehungen, die der religiose Verkehr zwischen dem Menschlichen 
und dem Gottiichen, dem Sinnlichen und dem Sittlichen, der Einheit und 
der Vielheit, den Ordnungen des Lebens und dem religiosen Gute feststellt. 
In ihnen haben wir die Vorstufen der philosophischen Weltanschauungen an- 
zuerkennen; sie gehen in Typen der Philosophie iiber. Religion, Mystik geht 
bei alien Volkern, die zur Philosophic halb oder ganz fortgeschritten sind, der 
Philosophic voraus. 
Die religiose Diese Veranderung hangt mit einer allgemeiner;n zusammen, die sich in 

scutch ("ndla der Form der religiosen Weltanschauung vollzieht. Die religiosen Vorstel- 
V ^h» d^cd^ ^ un g en treten abermals in einen anderen Aggregatzu stand. Die Religion und 
uuj. die religiese Weltanschauung setzen sich allmahlich — denn alle diese Ver- 

anderungen vollziehen sich langsam — in die Form des begrifflichen Denkens 



B. Das Wesen der Philosophic usw. II. Weltanscliauungslehre, Religion u. Dichtung usw. 43 



um. Nicht so, als ob deren begriffliche Form die anschauliche verdrangte. 
Bleiben doch auch die niederen Arten des religiosen Verkehrs bestehenneben 
den hoheren: sie erhalten sich in jeder entwickelteren Religion als deren un- 
tere Schichten. Die Magie in der religiosen Prozedur, die Knechtschaft unter 
den mit magischer Kraft ausgestatteten Priestern, der grobste sinnliche 
Glaube an die Wirkung religioser Orte und Bilder dauern fort in derselben 
Religion, in derselben Konfession neben tiefsinniger Mystik, die aus der hochst 
gesteigerten InnerlichHeit des religiosen Verkehrs envachst. Ebenso behalt 
nun die Bilderschrift der religiosen SymboHk ihre Geltung neben der theolo- 
gischen Begriffsbildung. Aber wenn die Stufen des religiosen Verkehrs sich 
wie hohere und niedere zueinander verhielten, so besteht ein solches Verhalt- 
nis nicht zwischen den mannigfachen Modilikationen in der Form der reli- 
giosen Weltanschauung. Denn das liegt nun in der Natur der religiosen Er- 
lebnisse und Erfahrungen: sie mbchten ihrer objektiven Geltung sich ver- 
sichern, und nur in begrifflichem Denken konnte dies Ziel erreicht werden. 
Aber in dieser begrifflichen Arbeit selber stellt sich ihre ganzliche Unzulang- 
lichkeit zu solchcm Unternehmen heraus. 

Diese Vorgange konnen am grundlichsten an der indischen und an der MiBimgen, mch- 
christlichen Religiositat studiert werden. In der Vedantaphilosophie und in ^dischen und 
der Philosophic des Albertus und Thomas vcrwirklichte sich eine solche Um- ^^jos^t 
setzung. Hier wie dort aber zeigte sich die Unmbglichkeit, die innere in dem 
partikularen religiosen Verhalten gegriindete Schranke zu uberwinden. Aus 
dem besondcren Verhalten der religiosen Personen, die aber ihre Vorausset- 
zungen in einem alteren Dogmenkreise hatte, entsprang dort die Intuition 
vom Heraustreten aus der Verkettung von Geburt, Werken, Vergeltung, Wan- 
derung durch das Wissen, in welchem die Seele ihre Identitat mit dem Brah- 
man erfaflt. So erwuchs der Widerspruch zwischen der furchtbaren Realitat, 
in welcher das Dogma den unentrinnbaren Kreis von Tiiter, Tat und Leiden 
fafite, und dem Scheinwesen alles Geteilten, das die metaphysische Lehre for- 
derte. Das Christentum stellte sich zuerst dar in Dogmen ersten Grades: 
Schopfung, Siindenfall, Offenbarung Gottes, Gemeinschaft Christi mit Gott, 
Erlosung, Opfer, Genugtuung. Sowohl diese religiosen Symbole als ihre Be- 
ziehungen aufeinander gehbren einer ganz anderen Region als der des Ver- 
standes an. Ein inneres Bediirfnis trieb nun aber weiter, den Gehalt dieser 
Dogmen aufzuklaren und die in ihnen enthaltene Anschauung gottlicher und 
menschlicher Dinge herauszuheben. Man tut der Geschichte des Christentums 
unrecht, w 7 enn man die Aufnahme der Theoreme der griechisch-rbmischen 
Philosophic nur als ein aufleres Schicksal ansieht, das ihm durch seine Um- 
gebung aufgedrungen sei: sie war zugleich eine innere, in den Bildungsgesetzen 
der Religiositat selbst liegende Notwendigkeit. Indem nun die Dogmen den 
Kategorien des Weltzusammenhangs eingeordnet w T erden, entstehen die Dog- 
men zweiten Grades: die Lehre von den Eigenschaften Gottes, der Natur 
Christi, dem Prozefi des christlichen Lebens im Menschen. Und hier verfallt 
nun die Innerlichkeit der christlichen Religion einem tragischen Schicksal. 



44 WlLHELM Dilthey: Das Wesen der Philosophie 

Diese Begriffe isolieren die Momcnte des Lebens, stellen sie gegeneinander. So 
entsteht der unlosliche Streit zwischen der Unendlichkeit Gottes und seinen 
Eigenschaften, diesen Eigenschaften untereinander, dem Gottlichen und 
Menschlichen in Christus, der Freiheit des Willens und der Gnadenwahl, der 
Versohnung durch das Opfer Christi und unserer sittlichen Natur. Die Scho- 
lastik arbeitet sich vergeblich an ihnen ab, der Rationalismus zersetzt durch 
sie das Dogma, die Mystik geht zuruck in erste Linien einer religibsen Ge- 
wiliheitslehre. Und wenn nun von Albertus ab die Scholastik dazu fortgefuhrt 
wird, die religiose Weltanschauung umzusetzen in eine philosophische, diese 
loszulosen von der anders gearteten Sphare der positiven Dogmen, so kann 
sie auch so die Schranken nicht uberwinden, die in dem christlichen Verkehr 
mit Gott gegeben waren: die in ihm gesetzten Eigenschaften Gottes verbleiben 
unvertraglich mit seiner Unendlichkeit und die Bestimmung des Menschen 
Keiativ scibsriin- ( ] urc j 1 j nn m j t dessen Freiheit. Dioselbe Unmoglichkeit einer Umsetzung der 

diger An'ang der , 

I'UriosopLie bci religicisen in die philosophische Weltanschauung zeigte sich iiberall, wo dieser 
neuTrenvaikem. Versuch gemacht wurde. Philosophie entstand in Griechenland, wo ganz un- 
abhangige Personen sich direkt der WelterkenntnJs in allgemeingiiltigem Wis- 
sen zuwandten. Und sie wurde bei den neueren Volkern wiederhergestellt 
durch Forscher, welche unabhangig von den kirchlichen Ordnungen dasselbe 
Problem der Welterkenntnis sich stellten. Beide Male entstand sie im Zusam- 
menhang mit den Wissenschaften, sic beruhte auf der Konstituierung der 
Welterkenntnis in eineni festen Geriist ursachlicher Zusammenhange im Ge- 
gensatz zu den Weltwertungen der Religion. Ein verandertes inneres Ver- 
halten macht sich in ihr geltcnd. 
ubeieinstim- Aus dieser Analyse ergibt sich, in welchen Ziigen die religiose Weltan- 

TchUd°wit"hf» schauung gleichformig mit der philosophischen ist, sowie worin sie sich von 
beiden Anen der mr un terscheidet. Die Struktur beider 1st in den grofien Ziigen dieselbe. Die- 
selbe innere Beziehung von Wirklichkeitsauffassen, Wertgebung, Zweck- 
setzung, Regelung hier wie dort. Derselbe innere Zusammenhang, in dem so 
die Personlichkeit in sich zusammengefafit und gefestigt ist. Und ebenso ist 
in dem gegenstandlichen Auffassen die Kraft enthalten, das personliche Leben 
und die gesellschaftlichen Ordnungen zu gestalten. So nahe sind beide ein- 
ander, so verwandt eine der andern, so iibereinstimmend in bezug auf das Ge- 
biet, das sie beherrschen wollen, dafJ sie iiberall zusammenstofien miissen. 
Denn ihr Verhaltnis zu dem Welt- und Lebensratsel, wje es so vox beiden aus- 
gebreitet liegt, ist nun doch ganzlich verschieden — so verschieden als reli- 
gioser Verkehr und das breite Verhaltnis zu alien Arten von Wirklichkeit, so 
verschieden als die in ihrer Richtung festgelegte, selbstsichere, religiose Er- 
fahrung und eine Lebenserfahrung, die alles innere Tun und Verhalten gleich- 
mafiig und gleichmiitig zur Besonnenheit erhebt. Dort bestimmt das grofie 
Erlebnis von einem unbedingten unendlichen gegenstandlichen Werte, dem 
alle endlichen untergeordnet sind, von dem unendlichen Lebenswerte des Ver- 
kehrs mit diesem unsichtbaren Gegenstande das ganze gegenstandliche Auf- 
fassen und die gesamte Zwecksetzung: das transzendente Bewufitsein eines 



B. Das Wesen der Philosophie usw. II. Weltanschauungslehre, Religion u. Dichtung usw. 45 

Geistigen ist ja selbst nur die Projektion des grofiten religiosen Erlebnisses, in 
dem der Mensch die Independenz seines Willens vom ganzen Naturzusammen- 
hang erfaCt; die Farbung dieses Ursprungs der religiosen Weltanschauung 
teilt sich jedem ihrer Ziige mit: die Grundform des Sehens und Feststellens, 
die hierdurch gegeben ist, waltet geheimnisvoll, gefahrlich, unuberwindlich in 
jedem religiosen Gebilde. Hier dagegen ein ruhiges Gleichgewicht in den see- 
lischen Verhaltungsweisen, ein Anerkennen dessen, was jede derselben hervor- 
bringt, ein Benutzen sonach der Einzelwissenschaften und eine Freude an den 
weltlichen Lebensordnungen, aber eine nie endende Arbeit, zwischen diesem 
allem einen allgemeingiiltigen Zusammenhang aufzufinden — und ein immer 
zunehmendes Erfahren von Grenzen des Erkennens, von Unmoglichkeit einer 
gegenstandlichen Verknupfung des in den verschiedenen Verhaltungsweisen 
Gegebenen — Resignation. 

So entstehen die historischen Verhaltnisse zwischen diesen beiden Arten Die wstomch^ 

. Verhaltnisse 

von Weltanschauung, die an Namengebung, Begriffsbestimmung und histo- ZW i SC h,. n ih ne n. 
rischem Sachverhalt festgestellt worden sind. Religiositat ist subjektiv, in ^^^" 
den sie bestimmenden Erlebnissen partikular, ein Unauflosliches, hbchst Per- 
sonliches ist in ihr, das jedem, der nicht an den Erlebnissen teilnimmt, als 
„eine Torheit" erscheinen mufi. Sie ist und bleibt an die Schranken gebunden, 
die in ihrem Ursprung aus der einseitigen, historisch und personlich bedingten 
religiosen Erfahrung, in der inneren Form des religiosen Anschauens und der 
Richtung auf das Transzendente gelegen sind. Indem sie nun aber in ihrem 
Kulturkreis auf wissenschaftliche Ergebnisse, begriffliches Denken, weltliche 
Bildung trifft, erfahrt sie ihre Wehrlosigkeit in all ihrer inneren Kraft, ihre 
Schranken bei allem Anspruch der Mitteilung und der Wirkung in das Weite. 
Der Religiose, der tief genug empfindet, diese Schranken einzusehen und dar- 
unter zu leiden, muB streben, sie zu uberwinden. Das innere Gesetz, nach wel- 
chem die Allgemeinvorstellungen sich nur in begrifflichem Denken vollenden 
konnen, zwingt in dieselbe Bahn. Die religiose Weltanschauung strebt sich 
umzusetzen in eine philosophische. 

Aber die andere Seite dieses geschichtlichen Verhaltnisses liegt nun doch Bedbug der 

. _ ,. , rciiRJSson 

darin, dafl die religiose Weltanschauung, ihre begnfthche Darstellung und sdmftsteiier fur 
ihre Begrundung die philosophische in einem weiten Umfang vorbereitet hat. ^"/^X"- 
Zunachst waren die Ansatze zu einer Begrundung des religiosen Wissens sehr sopMe. 
fruchtbar fur die Philosophie; gleichviel wie es sich mit der Selbstandigkeit 
des Augustinus in bezug auf die Satze verhalten mag, die auf Descartes iiber- 
gingen: von Augustinus kam doch die Anregung zu dem neuen erkenntnis- 
theoretischen Verfahren. Satze anderer Art gehen von der Mystik zu dem 
Cusaner und von da zu Bruno, und Descartes und Leibniz sind in bezug auf 
die Unterscheidung der ewigen Wahrheiten von der nur teleologisch verstand- 
lichen Ordnung der Tatsachlichen von dem Albertus und Thomas bestimmt. 
Es zeigt sich ferner immer mehr, in welchem Umfang die logischen und meta- 
physischen Begriffe der Scholastiker auf Descartes, Spinoza und Leibniz ge- 
wirkt haben. Und die Typen der religiosen Weltanschauung stehen in mannig- 



46 Wilhelm Dilthey: Das Wesen der Philosophie 

fachen Beziehungen zu denen der philosophischen. Der Realismus eines guten 
und eines bbsen Reiches, den die Zarathustrareligiositat vertrat, und der von 
da in die jiidische und christliche Religiositat Ubergegangen ist, ging ein Ver- 
haltnis ein zu der Zergliederung der Wirklichkeit nach bildender Kraft und 
Materie und teilte so dem Platonismus eine eigene Farbung mit. Die Lehre 
von der Evolution, die von den niederen gottlichen Wesen zu den hoheren 
fuhrt, wie sie bei den Babyloniern und den Griechen auftritt, bereitete die 
von der Evolution der Welt vor. Die chinesische Lehre von dem geistigen 
Zusammenhang in den naturlichen Ordnungen und die indische von dem 
Schein und Leiden der sinnlichen MannigfaltJgkeit und der Wahrheit und 
Seligkeit der Einheit sind die Vorbereitung der beiden Richtungen, in denen 
der objektive Idealismus sich entfalten sollte. Endlich die israelkische und 
christliche Lehre von der Transzendenz eines heiligen Schopfers war die Vor- 
bereitung fur denjenigen Typus der philosophischen Weltanschauung, der in 
der christlichen wie in der mohammedanischen Welt die weiteste Ausdehnung 
erlangt hat. So haben alle Typen der religibsen Weltanschauung die philoso- 
phische beeintlufit, vornehmlich aber liegt in ihnen die Grundlage sowohl fur 
den Typus des objektiven Idealismus als den des Idealismus der Freiheit. Die 
Gnosis schuf das Schema fur die wirkungsvollsten pantheistischen Werke: 
Hervorgang der mannigfaltigen Welt, die Schonheit und Kraft in ihr und zu- 
gleich das Leiden der Endlichkeit und Getrenntheit, Ruckkehr in die gott- 
liche Einheit: die Neuplatoiiiker, Spinoza und Schopenhauer haben es zur 
Philosophie entwickelt. Und die Weltanschauung des Christentums, der Idea- 
lismus der Freiheit entwickeke 2unachst in der Theologie Probleme und Lo- 
sungen derselben, die dann sowohl auf Descartes als auf Kant gewirkt haben. 
So wird deutlich, warum und an welchen Stellen die religibsen Schriftsteller 
Platz finden miissen in dem geschichtlichen Zusammenhang der Philosophie 
und auch den Namen von Philosophen erhalten konnten — und wie doch keine 
von der Religiositat bedingte Schrift in dem Zusammenhang der Philosophie, 
in welchem die Moglichkeiten allgemeingiiltiger Lbsung der philosophischen 
Probleme sich in innerer folgerichtiger Dialektik entwickelt haben, eine Stel- 
lung beanspruchen darf. 
Unterden, 2. Die Le ben s an schau u n g der Dichter und die Philosophie. 

ni'diSieEi J e( * e Kunst niacht an einem Einzelnen und begrenzt Hingestellten Bezie- 
cinc Leb eos : hungen sichtbar, die tiber es hinausreichen und ihm daher eine allgemeinere 

anscbauung mit- 01 •*-.»•« 

teiien. Bedeutung geben. Der Eindruck der Erhabenheit, den die Gestalten Michel- 
angelos oder die Tongebilde von Beethoven hervorrufen, stammt aus dem be- 
sonderen Charakter der in diese Gebilde hineingelegten Bedeutung, und diese 
setzt eine Seelenverfassung voraus, die als ein Festes, Starkes, immer Gegen- 
wartiges, Zusammenhangendes sich, was an sie herantritt, unterordnet. Aber 
nur eine Kunst ist durch ihre Mittel befahigt, mehr als eine solche Seelenver- ' 
fassung auszudrucken. Alle anderen Kunste sind gebunden an die Vergegen- 
wartigungen eines sinnlich Gegebenen, hierin haben sie ihre Kraft und ihre 
Schranke, die Dichtung allein schaltet frei im ganzen Bereich der Wirklichkeit 



B. Das Wesen der Philosophic usw. II, Weltanschauungslehre, Religion u. Dichtung usw. aj 

wie der Ideen: denn sie hat in der Sprache ein Ausdrucksmittel, fur alles was 
in der Seele des Menschen auftreten kann — aufiere Gegenstande, innere Zu- 
stande, Werte, Willensbestimmungen — und in diesem ihrem Ausdrucksmittel 
der Rede ist schon eine Fassung des Gegebenen durch das Denken enthalten. 
Wenn also irgendwo in den Werken der Kunst eine Weltanschauung zum Aus- 
druck kommt, so ist es in der Dichtung. 

Ich versuche die hier entstehenden Fragen so zu behandeln, dafi die Un- Gegenstana d er 
terschiede der asthetischen und psychologischen Standpunkte dabei nicht 'Eriebnis?" 
beruhrt zu werden brauchen. AUe dichterischen Werke vom fliichtigsten Volks- 
lied bis zur Orestie des Aischylos oder dem Faust Goethes stimmen darin iiber- 
cin, dafi sie ein Geschehnis darstellen: dies Wort in einem Sinne genommen, 
in dem es Erlebbares wie Erlebtes, eigene wie fremde Erfahrungen, Uber- 
liefertes wie Gegenwartiges einschliefit. Die Darstellung des Geschehnisses herausgehoben 

i T\- i • i ■ i i- i r^ i • • t-> i • iii i aus dem Willens- 

m der Dichtung ist der unwirkhche Schein einer Realitat, nacherlebt und zunuusammcnhaag, 
Nacherleben dargeboten, herausgehoben aus dem Zusammenhang der Wirk- 
lichkeit und den Beziehungen unseres Willens und unseres Interesses zu ihnen. 
So ruft es keine tatsachliche Reaktion hervor: Vorgange, die sonst uns zum 
Handeln aufregen wurden, storen das willenlose Verhalten des Betrachters 
nicht mehr: keine Hemmung des Willens, kein Druck geht von ihnen aus: so- 
lange jemand in der Region der Kunst verweilt, ist aller Druck der Wirklich- 
keit ihm von der Seele genommen. 1 : Ist nun ein Erlebnis in diese Welt des aIs sc-ii«n vom 
Scheines gehoben, so sind die Vorgange, die es im Leser oder Zuhorer hervor- a>arakte r 
ruft, nicht dieselben, als sie in den es erlebenden Personen waren. Um die unlerschlodea . 
ersteren genauer aufzufassen, sondern wir die Vorgange des Nacherlebens darin 
von denen, welche die Auffassung der fremden Lebendigkeit als Wirkungen be- 
gleiten: der Verlauf, in welchem ich die Gefiihle und Willensspannungen in 
Cordelia auffasse, ist verschieden von der Bewunderung und dem Mitleid, die 
aus diesem Nacherlebnis entspringen. Das bloCe Verstehen einer Erzahlung ao hingesteiit, 
oder eines Schauspiels schliefit dann weiter in sich Prozesse, die uber die in den dtuiamkeifrur 
Personen derselben sich abspielenden hinausreichen. Der Leser einer poe- Auifassung 
tischen Erzahlung mufi die Prozesse des Beziehens vom Subjekt auf Pradi- 
kat, von Satz auf Satz, von Aufierem auf Inneres, von Beweggriinden auf 
Taten, und von diesen auf Folgen in sich vollziehen, um Worte des Berichtes 
in das Bild des Vorganges und diesen in den inneren Zusammenhang umsetzen 
zu konnen. Das Tatsachliche mufi er den in den Worten enthaltenen Allge- 
meinvorstellungen und allgerneinen Relationen unterordnen, um es zu ver- 
stehen. Und je mehr der Leser in diesen Vorgang sich vertieft, desto weiter 
gehen dann die Vorgange des Erinnerns, Apperzipierens, Beziehens uber das 
in der Erzahlung vom Dichter Ausgesprochene hinaus. Zu etwas, das er nicht 
sagte, aber vielleicht eben durch das Ausgesprochene im Leser hervorbringen 
■wollte. Um das es ihm vielleicht mehr zu tun war, als um das Gesagte. Der 
Leser fafit allgemeine Zuge eines Lebensverhaltnisses an dem Erzahlten auf, 
durch welche dessen Bedeutsamkeit verstanden wird. Ebenso erganzt der Zu- 
schauer eines Dramas, das er auf der Buhne sieht und vernimmt, zu einem hier- 



48 Wilhelm Diltheit: Das Wesen der Philosophic 

liber hinausgehenden Zusammenhang; eine Seite des Lebens tut sich ihm auf 
in der Art, wie in der dramatischen Handlung die menschlichen Taten dem 
Schicksal anheimfallen, das uber sie richtet. Er verhalt sich zu dem, 
was da vorgeht, wie zum Leben selber; legt aus, ordnet das Einzelne 
seinem Zusammenhang ein oder als Fall einem allgemeinen Sachverhalt. 
Und ohne dafi er es zu merken braucht, leitet ihn dabei der Dichter; 
aus dem vorgestellten Geschehnis laCt er ihn ein uber dasselbe Hinausreichendes 
schopfen. So erweist sich, dafi sowohl die epische als die dramatische Dich- 
tung dem Leser, Hbrer oder Zuschauer ein Geschehnis so vorstellen, dafi dessen 
Bedeutsamkeit zur Auffassung gelangt. Denn als bedeutsam wird ein Ge- 
schehnis aufgefafit, sofern es uns etwas von der Natur des Lebens offenbart. 
Die Dichtung ist Organ des Lebensverstandnisses, der Poet ein Seher, der 
Dm Dichter den Sinn des Lebens erschaut. Und hier begegnen sich nun das Verstandnis 

iorrot das Erleb- , , -. . iir-ir i-,- 

nis so, das dessen des Auttassenden und das Schaffen des Djchters. Denn in diesem vollzieht 
S^Au^S sich der geheimnisvoile Prozefi, durch welchen der harte, eckige Rohstoff eines 
kommt. Erlebnisses erhitzt und umgeschmolzen wird in diejenige Form, die es dem 
Auffassenden als bedeutsam erscheinen laflt. Shakespeare liest in seinem 
Plutarch die Biographien von Casar und Brutus; er verbindet sie zu dem 
Bilde des Vorganges. Nun erleuchten sich gegenseitig die Charaktere von 
Casar, Brutus, Cassius, Antonius; es ist eine Notwendigkeit darin, wie sie sich 
zueinander verhalten, und wenn nun unter diesen grofien Personlichkeiten 
die Kopfe der begehrlichen, urteilslosen, bedientenhaften Masse sichtbar wer- 
den, so wird deutlich, was das Ende des zwischen den Hauptpersonen ver- 
laufenden Konfliktes sein mufi. Der Dichter kennt Elisabeth, die Konigs- 
natur Heinrichs V. und andere Konige aller Sorten: seiner Seele geht ein We- 
senszug menschlicher Dinge auf, der alle Tatsachen des Plutarch in Zusammen- 
hang bringt und unter den der geschichtliche Vorgang als ein Fall sich unter- 
ordnet: das Siegreiche der die Wirklichkeit meisternden skrupellosen Herr- 
schernatur iiber die republikanischen Ideale, die keine Republikaner mehr 
finden. So erfafit, gefuhlt, verallgemeinert wird dieses allgemeine Lebensver- 
haltnis ihm zum Motiv einer Tragodie. Denn Motiv ist eben ein Lebensver- 
haltnis, dichterisch in seiner Bedeutsamkeit aufgefaflt. Und nun wirkt in 
diesem Motiv eine innere Triebkraft, Charaktere, Vorgange, Handlungen so 
aneinander anzupassen, dafi jener allgemeine Zug in der Natur der Dinge ge- 
sehen wird, ohne dafi der Dichter ihn ausspricht — oder auch nur aussprechen 
konnte. Denn in jedem allgemeinen Zug des Lebens liegt ein Verhaltnis zur 
Bedeutung des Lebens iiberhaupt, sonach etwas ganz Unergrundliches. 
indirekto und So ergibt sich nun die Antwort auf die Frage, inwiefern der Dichter eine 

direkto Dar- - . ■ i 1 • „. 

steiiun- d^r B e - Lebensansicnt oder gar erne Weltanschauung ausspreche. Jedes lynsche, epi- 

^lebnu^lr sclle oder d^matische Gedicht erhebt ein einzelnes Erfahrnis in die Besin- 

d«r Dichtung. nung iiber seine Bedeutsamkeit. Hierdurch unterscheidet es sich von der unter- 

haltenden Fabrikware. Es hat alle Mittel dazu, diese Bedeutsamkeit sehen 

zu lassen, ohne sie auszusprechen. Und die Anforderung, dafi die Bedeutung 

des Geschehnisses in der inneren Form der Dichtung zum Ausdruck gelange, 



B. DasWesen der Philosophic usw. II. Weltanscliauungslehre, Religion u. Dichtung usw. 40 

mufi schlechterdings in jeder Dichtung erfiillt sein. In derRegel gehtdanndie 
Dichtung irgendwie dazu fort, der Bedeutsamkeit dessen,was vorgeht, auch einen 
allgemeinen Ausdruck zu geben. Einige der schbnsten lyrischen Gedichte und 
Volkslieder sprechen oft das Zustandsgefuhl schlicht aus; aber die tiefste 
Wirkung entsteht doch, wenn das Gefiihl des Lebensmomentes in gesetzma- 
Bigem Fortschreiten sich erweitert und in dem Bewufitsein von der Bedeutsam- 
keit desselben ausklingt: in Dante und Goethe geht dies Verfahren bis an die 
Grenze der Gedankendichtung. In den Erzahlungen scheint das Geschehen 
plotzlich anzuhalten und das Licht des Denkens fallt auf dasselbe, oder das 
Gesprach beleuchtet wie in den weisen Worten von Don Quixote, Meister und 
Lothario die Bedeutung dessen, was-geschieht. Im Drama tritt mitten in seinen 
stiirmischenVerlauf die Reflexion der Personen iiber sich und das, was geschieht, 
hervor und befreit die Seele des Zuschauers. Ja viele grofie Dichtungen gehen 
noch einen Schritt weiter. Sie verbinden die Ideen iiber das Leben, wie sie aus 
Geschehnissen hervorgehen, in Gesprach, Monolog oder Chor zu einer zu- 
sammenhangenden und allgemeinen Auffassung des Lebens. Hiervon sind 
die griechische Tragbdie, Schilicrs Braut von Messina, Holderlins Empedokles 
hervorragende Beispiele. 

Dagegen verlafit die Dichtung ihr eigenes Bereich, so oft sie, losgelbst Lehrdichtung. 
vom Erlebnis, Gedanken liber die Natur der Dinge auszusprechen unternimmt. wertvoiies 
Dann entsteht erne Zwischenform zwischen Dichtung und Philosophie oder ^dieTpVio- 
Naturbeschreibung und deren Wirkung ist ganz verschieden von der eigentlich soph "' und Dich ~ 
dichterischer Werke. Schillers Gotter Griechenlands, die Ideale sind als in- 
nere Erlebnisse, die nach der Gesetzmafiigkeit des Gefiihls ablaufen, wahre 
tiefe Lyrik, dagegen gehbren andere beruhmte Gedichte von Lucrez, Haller, 
Schiller der Zwischengattung an, weil sie ein Gedachtes mit Gefiihlswerten 
ausstatten und in Phantasiebilder verkleiden. Diese Zwischenform hat ihr 
Recht durch grofie Wirkungen erwiesen; aber reine Dichtung ist sie nicht. 

Alle echtc Dichtung ist durch ihren Gegenstand, das einzelne Erlebnis, zergiicdenmg 
gebunden an das, was der Poet an sich, an anderen, an jeder Art von Uberlie- kJ lt district-' 
ferung menschlicher Geschehnisse erfahrt. Der lebendige Quell, aus dem ihr nisses - 
Wissen von der Bedeutsamkeit dieser Geschehnisse flieBt, ist die Lebenser- 
fahrung. Diese Bedeutsamkeit ist viel mehr als ein im Geschehnis erkannter 
Wert. Denn nach der Struktur des Seelenlebens ist der ursachliche Zusam- 
menhang in ihm eins mit seine m teleologischen Charakter, nach dem eine Ten- 
denz auf Hervorbringung von Lebenswerten und das lebendige Verhaltnis 
zu Wirkungswerten aller Art in ihm besteht. Daher schopft der Dichter aus 
der Lebenserfahrung und er erweitert deren bisherigen Bestand, so oft er 
Zeichen, die auf ein Inneres deuten, feiner sieht, als bisher geschehen, oder eine 
Mischung von Zugen in einem Charakter neu gewahrt, ein eigenes Verhaltnis, 
das aus der Natur zweier Charaktere folgt, zuerst beobachtet, kurz so oft eine 
Nuance des Lebens ihm sichtbar wird. Aus solchen Elementen baut bich eine 
innere Welt auf. Er verfolgt die Geschichte der Leidenschaften und die Ent- 
wicklung von Menschen der verschiedensten Arten. Er gliedert die Welt der 

Die Kultur der Gegenwart. I. 6. 3. Aufl. 4 



\i 



50 Wilhelm Dilthey: Das Wesen der Philosophic 

Charaktere nach Verwandtschaft, Verschiedenheit und Typen. Und dies alles 

tritt in eine zusammengesetzte hdhere Form, wenn er umfassende allgemeine 

Ziige im individuellen oder im gesellschaftlich-geschichtlichen Leben erfafit. 

Und damit ist noch nicht der hbchste Punkt ■seines Lebensverstandnisses er- 

reicht. Sein Werk wird urn so reifer sein, je mehr das Motiv, das in einem sol- 

chen Lebensbezug besteht, in das Verhaltnis zum ganzen Zusammenhang des 

Lebens erhoben wird: dann wird es in seinen Grenzen gesehen, und doch zu- 

gleich in den hochsten ideellen Beziehungen. Jeder grofie Dichter muB diesen 

Fortgang in sich durchmachen, wie er aus der einseitigen Kraft von Kabale 

und Liebe, oder von den ersten Fragmenten des Faust zu Wallenstein und zu 

Goethes spaterem Lebenswerk fortfiihrt. 

I inline. Teo^enz Diese Besinnung iiber die Bedeutung des Lebens kann erst voile Begriin- 

riscben Leber.s- dung in der Erkenntnis der gottlichen und meuschlichen Dinge und ihren Ab- 

ansicht. in Weit- sc h] u £} ers t ] n einem Ideal der Lebensfuhrung finden. So liegt in ihr die Ten- 

anacbauung \on . 

cio-rbMon- denz zu einer Weltanschauung. Diesem inneren Zug im Dichter kommen 
ubenuglheiJ Lebenslehre, Philosophie und Wissenschaften um ihn her entgegen. Was er 
aber von ihnen auch aufnehmen mag: der Ursprung seiner Weltanschauung 
gibt derselben eine eigene Struktur. Sie ist unbefangen, allseitig und uner- 
sattlich alle Wirklichkeit in sich aufzunehmen im Unterschied von der relt- 
gibsen. Ihr gegenstandliches Auffassen der Natur und des letzten Zusammen- 
hangs der Dinge ist immer an der Vertiefung in die Bedeutsamkeit des Lebens 
orientiert, und eben diese gibt ihren Idealen Freiheit und Lebendigkeit. Der 
Philosoph ist um so uissenschaftlicher, je mehr er die Verhaltungsweisen dau- 
ber trennt und die Anschauung zerlegt: der Dichter schafft aus der Totalitat 
seiner Krafte. 
Lobensansicht Wenn Anlage und Umgebung einen Dichter zur Ausbildung einer Welt- 

ha l n g derwer P kc. ansc h auun g bestimmen, dann kann sie doch aus dem einzelnen Werk nur in 
beschranktem Umfang abgelesen werden. Sie macht sich hier am wirkungs- 
vollsten geltend nicht in direkter Aussprache, die nie erschopfend ist, sondern 
in der Energie der Verbindung des Mannigfaltigen zur Einheit, der Teile zu 
einem gegliederten Ganzen. Bis in die Melodie der Verse, in den Rhythmus 
der Gefuhlsfolge ist die innere Form jeder wahren Dichtung durch die Bewufit- 
seinsstellung des Poeten und seines Zeitalters bestimmt. Die Typen der Tech- 
nik in jeder Dichtungsart miissen begriffen werden als der Ausdruck indivi- 
dueller, geschichtlicher Verschiedenheiten in der Art, das Leben aufzufassen. 
Wie aber so ein Kbrper entsteht, dessen Seele ein an dem Geschehnis heraus- 
gehobener Lebensbezug ist, kann in diesem die Weltanschauung des Dichters 
immer nur einseitig erscheinen: ganz ist sie nur in dem Dichter_sei£is.t. Daher 
die hbchste Wirkung der wahrhaft groi3en Dichter erst dann entsteht, wenn 
zu dem Zusammenhang fortgegangen wird, in dem die in den einzelnen Werken 
hingestellten Lebensbezuge zueinander stehen. Als auf Goethes erste starke 
Dichtungen Tasso und Iphigenie folgten, brachten sie nur eine maflige Wir- 
kung auf eine begrenzte Zahl von Personen hervor, wie dann aber die Schlegel 
und ihre romantischen Genossen deren inneren Zusammenhang in einer Le- 



B. Das Wesen der Philosophic usw. II. Weltanschauungslehre, Religion u. Dichtung usw. 5 1 

bensverfassung und die Beziehungen des Stils zu dieser zur Erkenntnis brach- 
ten, steigerte dies Goethes Wirkungen, So wenig berechtigt ist das platte 
Vorurteil, daC die Wirkung von Kunstwerken durch asthetisches oder literar- 
historisches Verstandnis Schaden leide. 

Die Formen der dichterischen Weltanschauung besitzen eine grenzenlose Keine ab ge - 
Mannigfaltigkeit und Beweglichkeit. In dem Zusammenwirken dessen, was der dii-hte^" 
das Zeitalter an den Dichter heranbringt. mit dem, was er von seiner Lebens- nscbe ( n uvu " 
erfahrung aus erzeugt, entstehen ihm von auGen feste Bindungen und Schran- 
ken seines Denkens. Aber der innere Zug, das Leben aus den Erfahrungen 
iiber dasselbe zu deuten, drangt stets gegen diese Schranken an. Selbst da, 
wo ein Dichter das systematische Gerust seines Denkens von aufien empfangt, 
wie Dante, Calderon oder Schiller, ruht doch nie die Kraft der Umbildung in 
ihm. Je freier er aber aus der Erfahrung des Lebens schopft, desto mehr steht 
er unter der Macht des Lebens selbst, das ihm immer neue Seiten zuwendet. 
So offenbart die Geschichte der Dichtung die unendlichen Moglichkeiten, das 
Leben zu fuhlen und zu gev/ahren, die in der menschlichen Natur und ihren 
Beziehungen zur Welt enthalten sind. Das religiose Verhaltnis, das Gemein- 
den bildet und Tradition schafft, der Charakter des philosophischen Denkens, 
der in der Kontinuitat fester Begriffsbildung sich auflert, wirken auf die Um- 
grenzung der Weltanschauung zu festen Typen: der Dichter ist auch darin der 
wahre Mensch, dafi er sich der Wirkung des Lebens auf ihn frei uberlaBt. In 
dem Dutzendmenschen ist die Besinnung iiber das Leben zu schwach, als daC 
er in der modernen Anarchie der Lebensanschauungen zu einer festen Position 
gelangte: in dem Dichter ist die Wirkung der verschiedenen Seiten des Lebens 
zu stark, seine Sensibilitat ftir dessen Nuancen ist zu grofij als dafi ein abge- 
grenzter Typus der Weltanschauung ihm jederzeit fiir daSj was aus dem Le- 
ben zu ihm spricht, geniigen kbnnte. 

Die Geschichte der Dichtung zeigt die Zunahme des Strebens und der zauahme d« 
Kraft, das Leben aus sich selber zu verstehen. Der Einflufi der religiosen defLe^T 
Weltanschauung auf die Dichter tritt, wie im einzelnen Volke, so auch in der ausihra selbst * 
Menschheit immer mehr zuriick; die Wirkung des wissenschaftlichen Denkens 
ist in bestandiger Zunahme begriffen: der Kampf der Weltanschauungen ge- 
geneinander mmmt jeder derselben fiir sich immer mehr von ihrer Macht iiber 
die Gemiiter; die Starke der Phantasie wird bei den hochkultivierten Volkern 
stetig verringert durch die Disziplin des Denkens. So wird es fiir die Dichter 
zu einer methodischen Regel beinahe, die Wirklichkeit der Dinge vorurteils- 
frei zu interpretieren. Und jede heute bestehende Richtung der Poesie sucht 
diese Aufgabe nur in einer besonderen Art zu losen. 

Aus diesen Eigenschaften der dichterischen Lebensansicht und Weltan- Die geschicht- 
schauung ergibt sich das geschichtliche Verhaltnis der Poesie zur Philosophie, wirk un gVon 
Die Struktur der dichterischen Lebensansichten ist der beerifflichen Giie- D j<* tu °e « nd 

° Philosophic. 

derung der philosophischen Weltanschauung ganz heterogen. Kein regel- 
mafiiger Fortgang von jener zu dieser kann stattfinden. Da sind keine Be- 
griffe, die aufgenommen und fortgebildet werden kbnnten. Dennoch wirkt 

4* 



52 Wilhelm Dk.they: Das Wesen der Philosophic 

die Dichtung auf das philosophische Denken. Die Dichtung hat die Entste- 
hung der Philosophic in Griechenland und ihre Erneuerung in der Renaissance 
vorbereitet. Ein regelmaftiger, bestandig fortdauernder EinfluB geht von ihr 
auf die Philosophen aus. Sie hat objektive Betrachtung des Weltzusammen- 
hangs, welche sich ganz von der Beziehung auf die Interessen und die Niitz- 
lichkeit befreit hat, zuerst in sich ausgebildet und damit das philosophische 
Verhalten vorbereitet: unermefilich muB die Wirkung gewesen sein, die hierin 
von Homer ausging, Sie war vorbildlich fur die freie Bewegung des Blickes 
iibcr die ganze Weite des Weltlebens. Ihre Intuitionen iiber den Menschen 
wurden zum Material fiir die psychologische Analyse und konnten durch diese 
nie ganz ausgeschopft werden. Sie sprach das Ideal einer hoheren Menschheit 
freier, heiterer und menschlicher aus, als Philosophic es jemals vermag. Ihre 
Lebensansicht und Weltanschauung bestimmte die Lebensverfassung groBer 
Philosophen. Die neue Freude der Renaissancekiinstler am Leben wurde in 
der Philosophic von Bruno an zur Lchrc von der Immanenz der Werte in der 
Welt. Goethes Faust enthielt eineii neuen Begriff von der allseitigen Kraft 
des Menschen, ins Ganze zu gehen — anschauend, genieBend, wirkend, und 
so wurde er neben dem Ideal der transzendentalen Schule wirksam in der 
Richtung der Philosophie auf die Erhohung des menschlichen Daseins. Schil- 
lers historische Dramen iibten eine starke Einwirkung auf die Entwicklung des 
geschichtlichen Bewufitseins. Der dichterische Pantheismus in Goethe be- 
reitete die Ausbildung des philosophischen vor. Und wie durchdringt nun der 
EinfluB der Philosophie alle Dichtung! Sie drangt sich in ihr innerstes Ge- 
schaft, eine Lebensansicht auszubilden. Sie bietet ihre fertigen Begriffe, ihre 
geschlossenen Typen der Weltansicht dar. Sie umstrickt die Dichtung — ge- 
fahrlich und doch nicht zu entbehren. Euripides studiert die Sophistea, Dante 
die mittelalterlichen Denker und den Aristoteles, Racine kommt von Port- 
Royal, Diderot und Lessing aus der Philosophie der Aufklarung, Goethe ver- 
senkt sich in Spinoza und Schiller wird zum Schuler von Kant. Und wenn 
Shakespeare, Cervantes, Moliere sich keiner Philosophie gefangen geben, so 
durchdringen doch unzahlige feine Einwirkungen philosophischer Doktrinen 
ihre Werke als die unentbehrlichen Mittel, die Seiten des Lebens festzuhalten. 

Aosgangsptrnkt III. Die p hi los o phisc he Weltanschauung. Das Unternehmen, 

pboo^pu* die Weltanschauung zur AUgemeingiiltigkeit zu erheben. So ver- 

Tmdwx « k n (ipf t die Tendenz zur Entwicklung einer Lebensansicht und einer Weltan- 

rfitigcn weif- schauung Religion, Dichtung und Philosophie. In diesen geschichtlichen Be- 

U uo„. 2 j e j lun g en hat s j ch ^j e philosophie ausgebildet. Die Tendenz zu einer allge- 

meingultigen Lebens- und Weltanschauung war von Anfang an in ihr wirksam. 

Wo irgend an verschiedenen Stcllen der bstlichen Kultur die Entwicklung 

durch die religiose Weltanschauung zur Philosophie angesetzt hat, blieb diese 

Tendenz aUeinherrschend und alle andere philosophische Arbeit ihr unter- 

geordnet. Als dann in Griechenland Philosophie m vollem Verstande hervor- 

trat, hat sich schon in der altpythagoreischen Schule und Herakleitos dieselbe 



B. Das Wesen der Philosophic usw. III. Die philosophische Weltanschauung = 7 

Tendenz durchgesetzt, das ganze Dasein in einer Weltanschauung zu umfassen. / 
Und die ganze weitere Entwi'cklung der Fhilosophie iiber zwei Jahrtausende 
hindurch war von demselben Streben beherrscht, bis in die Epoche, als nach- 
einander vom Ende des 17. Jahrhunderts ab Locke, die neuen Versuche von 
Leibniz, Berkeley auftraten. Wohl hatte sie wahrend dieser Zeit zu kampfen 
gegen den sinnlichen Verstand, die Weltleute, die positiven Forscher. Dies 
aber war eine Opposition, die gleichsam von aufien gegen ihr Streben sich 
geltend machte. Und der Skeptizismus, der aus dem Innern der Philosophic 
selbst hervorging, aus dem Nachdenken iiber Yerfahrungsweisen und Trag- 
weite des Erkennens, hatte den Mittelpunkt seiner Arbeit eben in dem Ver- 
haltnis zu demselben unzerstorbaren Bediirfnis unseres Geisl.es; die Negativi- 
tat des skeptischen Verhaltens diesem Bediirfnis gegeniiber verschuldete die 
Unwirklichkeit seiner BewuGtseinsstellung. Und wir haben gesehen, wie auch 
in den beiden Jahrhunderten, welche die Arbeit von Locke, Leibniz und Ber- 
keley fortgefuhrt haben, ein inneres Verhaltnis zu dem Problem einer all- 
gemeingijltigen Weltanschauung fortbestand. Gerade der Grofite unter den 
Denkern dieser beiden Jahrhunderte, Kant, ist am starksten durch dies Ver- 
haltnis bestimmt. 

Diese zentrale Stellung der Weltanschauung in der Philosophic kann auch So ^ediagte* 

•t tt 1 i ■ 11*1 1 ■ ,, . Verhaltnis zu 

an mrem Verhaltnis zu den beiden anderen geschichthchen Kraften festge- Kelson on* 
stellt werden. Aus ihr erklart sich, daB die Religiositat in unaufhorlichen Dlchlung 
Kampfen mit der Philosophie gelebt hat und die Dichtung, die ihr soviel ge- 
geben und von ihr soviel empfangen hat, nur in bestandigem inneren Kampf 
gegeniiber den Herrsc hafts an spriichen der abstrakten Lebensauffassung sich 
behaupten konnte. Hatte vielleicht Hegel darin recht, dafl Religiositat und 
Kunst untergeordnete Formen der Wesensentfaltung der Philosophie seien: 
bestimmt, immer mehr in die hohere BewufUseinsweise der philosophischen 
Weltanschauung sich umzusetzen? Die Entscheidung dieser Frage hangt vor- 
nehmlich davon ab, ob der Wille zu einer wissenschaftlich begriindeten Welt- 
ansicht je sein Ziel erreicht. 

1. Die Struktur der philosophischen Weltanschauung. Die AasWMung fer 
philosophische Weltanschauung, wie sie so unter dem Einflufi der Richtung 
auf Allgemeingiiltigkeit entsteht, mufi ihrer Struktur nach wesentlich ver- 
schieden sein von der religiosen und der dichterischen. Sie ist im Unterschied 
von der religiosen universal und allgemeingiiltig. Und im Unterschied von 
der dichterischen ist sie eine Macht, die reformatorisch auf das Leben wirken 
will. Sie entfaltet sich auf der umfassendsten Grundlage, fundiert auf das 
empirische Bewufitsein, die Erfahrung und die Erfahrungswissenschaften, nach 
den Bildungsgesetzen, die in der Vergegenstandlichung der Erlebnisse im 
begrifflichen Denken gegriindet sind. Indem die Energie des diskursiven ur- 
teitenden Denkens, in weichem iiberall die Beziehung der Aussage auf einen 
Gegenstand enthalten ist, in alle Tiefen der Erlebnisse dringt, wird die ganze 
Welt des Gefuhls und der Willenshandlung vergegenstandiicht zu Begriffen 
von Werten und deren Relationen, zu Zweckgedanken und zu Regeln, welche 



54 Wilhelm DiltheY: Das Wesen der Philosophic 

die Bindung des Willens ausdriicken. Die Arten der Gegenstande, die den Ver- 
haltungsweisen entsprechen, treten auseinander. In jeder Sphare, die durch 
ein Grundverhalten bestimmt ist, bildet sich systematischer Zusammenhang. 
Die Verhaltnisse von Begriindung, wie sie zwischen den Aussagen bestehen, 
fordern fur die Wirklichkeitserkenntnis einen festen Maflstab der Evidenz. 
In der Region der Werte entsteht eben hieraus der Fortgang des Denkens 
zu Annahmen iiber objektive Werte, ja zur Forderung eines unbedingten 
Wertes. Und ebenso kommt im Gebiete unserer Willenshandlungen das Den- 
ken erst zur Ruhe, wenn es zu einem hochsten Gut oder einer obersten Regel 
gelangt ist. Die Momente, welche das Leben bilden, legen sich so auseinander 
zu Systemen durch die Verallgemeinerung der Begriffe und die Generalisa- 
tion der Satze. Die Begriindung als die Form des systematischen Denkens 
verkettet in jedem dieser Systeme die begrifflichen Glieder immer durchsich- 
tiger, vollstandiger. Und die hochsten Begriffe, zu denen diese Systeme ge- 
langen, das allgemeine Sein, der letzte Grund, der unbedingte Wert, das hochste 
Gut fassen sich zusammen in dem Begriff eines teleologischen Weltzusam- 
menhangs, in welchem die Philosophic sich mit der Religiositat und dem kiinst- 
lerischen Denken begegnet. So sindnach inneren Bildungsgesetzen die Grund- 
ziige des teleologischen Schemas der Weltauffassung entstanden, und ebenso 
war in der Sache selbst die Dauer dieses Schemas bis zum Ausgang des Mittel- 
alters und seine naturliche Macht bis zum heutigenTage begrundet; auf. seiner 
Grundlage oder in Opposition gegen dasselbe sirid die Grundformen der philo- 
sophischen Weltanschauung auseinandergetreten. 
Mannixfaitigkcit Wenn die Weltanschauung begrifflich erfafit, begrundet und so zur All- 

der so entstehen- . .... , , , .... ..,,-..,. 

daa metaphysi- gemeingultigkeit erhoben wild, so nennen wir sie Metaphysik. Sie breitet 
schen sysieme. s ^ - m e j ne Mannigfaltigkeit von Gestalten aus. Individualitat, Umstande, 
Nation, Zeitalter rufen wie bei den Dichtern so auch bei den Philosophen eint 
unbestimmte Zahl von Nuancen der Weltansicht hervor. Denn die Moglich- 
keiten, wie die Struktur unseres Seelenlebens von der Welt affiziert wird, sind 
grenzenlos, und ebenso wechseln bestandig nach der Lage des wissenschaft- 
lichen Geistes die Mittel des Denkens. Aber die Kontinuitat, welche die Denk- 
vorgange verknupft, die Bewufitheit, welche die Philosophic charakterisiert 
haben nun zur Folge, dafi ein innerer Zusammenhang die Gruppen der Systeme 
verbindet und Zusammengehorigkeit verschiedener Denker zueinander ge- 
fuhlt wird sowie dafi der Gegensatz zu anderen Gruppen zum BewuBtsein 
kommt. So trat in der klassischen griechischen Philosophie der Gegensatz zwi- 
schen der teleologischen Metaphysik, gleichsam dem naturlichen System der- 
selben, und der Weltanschauung hervor, welche die Welterkenntnis auf die 
Erfassung der Wirklichkeit nach den Beziehungen von Ursachen und Wir- 
kungen einschrankt. Wie dann das Problem der Freiheit von der Stoa ab in 
seiner Bedeutung zur Geltung kam, sonderten sich immer klarer die Systeme 
des objektiven Idealismus, nach welchen der Grund der Dinge den Weltzu- 
sammenhang determiniert, von denen des Idealismus der Freiheit, in denen das 
Erlebnis des freien Willens festgehalten und in den Weltgrund selbst projiziert 



B. Das Wesen der Philosophie usw. III. Die philosophische Weltanschauung 55 

wird. Es bildeten sich Grundtypen der Metaphysik aus f welche in den ent- 
scheidenden Unterschieden der menschlichen Weltanschauungen wurzeln. Sie 
haben eine grofie Mannigfaltigkeit von Weltanschauungen und systematischen 
Formen unter sich. 

2. Typen der philosophischen Weltanschauung. Die historische verfahrec, 
Induktion, durch welche diese Typen festgestellt werden mussen, kann hier 'bMtimwe".** 
nicht vorgelegt werden. Die empirischen Merkmale, von denen diese Induk- 
tion ausgeht, liegen in der inneren Verwandtschaft der metaphysischen Sy- 
steme, in dem Verhaltnis von Umformung, nach welchem ein System das an- 
dere bedingt, in dem BewuDtsein der Denker uber ihre Zusammengehbrigkeit 
und ihren Gegensatz, vor allem aber in der inneren historischen Kontinuitat, 
in welcher ein solcher Typus immer klarer sich ausbildet und immer tiefer sich 
begriindet, und in der Wirkung, welche von solchen typischen Systemen, wie 
dem von Spinoza, Leibniz oder Hegel, von Kant oder Fichte, von d'Alembert 
oder Hobbes oder Comte ausgegangen ist. Es gibt zwischen diesen Typen For- 
men, in denen diese Weltanschauungen noch nicht zu klarer Souderung ge- 
langt sind; andere Formen mochten, der Konsequenz des Denkens trotzend, 
den Inbegriff der metaphysischen Motive fcsthalten; diese erweisen sich stets 
unfruchtbar fiir die Fortentwicklung der Weltanschauung und uiuvirksam 
in Leben und Literatur, so stark sie auch in ihrer komplizierten Grundbestim- 
mung oder durch technische Vorziige sein mogen. Aus der bunten Man- 
nigfaltigkeit solcher Nuancen der Weltanschauung treten bedeutsam die fob 
gerichtigen, rein wirkungsstarken Typen derselben hervor. Von Demokrit, 
Lucrez, Epikur zu Hobbes, von ihm zu den Enzyklopadisten, zum modernen 
Materialismus sowie zu Comte und Avenarius kann trotz der groflen Verschie- 
denheit der Systeme doch ein Zusammenhang verfolgt werden, welcher diese 
Gruppen von Systemen zu einem einheitlichen Typus verkniipft, dessen erste 
Form als materialistisch oder naturalistisch bezeichnet werden kann und dessen 
wcitere Entwicklung folgerichtig unter den Bedingungen des kritischen Be- 
wufltseins zum Positivismus im Verstande Comtes fuhrt. Herakleitos, die 
strenge Stoa, Spinoza, Leibniz, Shaftesbury, Goethe, Schelling, Schleiermacher, 
Hegel bezeichnen die Stationen des objektiven Idealismus. Platon, die helle- 
nistisch-romische Philosophie der Lebensbegriffe, die Cicero reprasentiert, 
die christliche Spekulation, Kant, Fichte, Maine de Biran und die ihm ver- 
wandten franzbsischen Denker, Carlyle bilden die Stufen der Entwicklung des 
Idealismus der Freiheit, Aus der dargelegten inneren GesetzmaGigkeit, die 
in der Bildung der metaphysischen Systeme wirksam ist, geht die Differen- 
zierung der Metaphysik in diese Ordnungen von Systemen hervor. Und auf 
diese Entwicklung und die in ihr auftretenden Modifikationen wirkt zunachst 
der von uns.dargestellte Verlauf, in welchem das Verhaltnis zur Wirklichkeit 
bestimmte Positionen durchmacht; so begegnete uns friiher der Positivismus 
als den hervorragendsten Fall des unmetaphysischen Verfahrens in sich ent- 
haltend, das einen festen Grund fur das Erkennen sucht, wahrend er jetzt in 
seiner Totalitat als eine auf dies Verfahren erkenntnistheoretisch begriindete 



5 6 Wilhelm Dilthey: Das Wesen der Philosophic 

Umformung einer Weltanschauung betrachtet wird; dann aber ist die Ent- 
wicklung und nahere Nuancierung der Typen durch den Verlauf bedingt, in 
welchem auf Grund der Beziehungen von Werten, Zwecken und Bindungen 
des Willens die Idealbegriffe sich in der Menschheit entfaltet haben. 
iiatcriaihmus Die Wirklichkeitserkenntnis hat ihre Grundlage in dem Studium der Na- 

^aturerkenntnis tur. Denn dieses allein vermag den Tatsachen eine Ordnung nach Gesetzen 
RCKrundrter a bzugewinnen. In dem Zusammenhang der so entstehenden Welterkenntnis 
{Comtev regiert der Begriff der Kausalitat. Wenn derselbe das Erfahren einseitig be- 
stimmt, so ist fur die Begriffe von Wert und Zweck kein Raum. Und da in 
der Anschauung der Wirklichkeit die physische Welt an Ausdehnung und 
Kraft so uberwiegt, dafi die geistigen Lebenseinheiten nur wie Interpolationen 
im Texte der physischen Welt erscheinen, da ferner nur die Erkenntnis dieser 
physischen Welt an Mathematik und Experiment die Hilfsmittel hat, das 
Ziel des auffassenden Yerhaltens zu erreichen: so nimmt diese Welterklarung 
die Form der Interpretation der geistigen aus dieser physischen Welt an. Und 
wenn dann auf dem kritischen Standpunkt der phanomenale Charakter der 
physischen Welt erkannt ist, so setzen sich Naturalismus und Materialismus 
D S1 - objekiiv.- in den naturwissenschaftlich bestimmten Positivismus um. Oder die Welt- 
anschauung ist von der Verhaltungsweise des Gefuhlslebens bestimmt. Sie 
steht unter dem Gesichtspunkte der Werte der Dinge, der Lebenswerte, der 
Bedeutung und des Sinnes der Welt: die ganze Wirklichkeit erscheint dann 
als der Ausdruck eines Inneren, und so wird sie gefafit als die Entfaltung ernes 
unbewuBt oder bewuBt wirkenden seelischen Zusammenhangs. Dieser Stand- 
punkt erblickt sonach in dem vielen, geteilten, eingeschrankten Einzelwirken- 
den ein ihm immanentes Gottlich.es, das nach dem im Bewufitsein auffind- 
baren Verhaltnis teleologischer Kausalitat die Erscheinungen bestimmt: ob- 
jektiver Idealismus, Panentheismus oder Pantheismus entstehen so. Wenn aber 
i>er idealismus das Willensverhal ten die Weltauffassung bestimmt, dann entspringt das 
Schema der Unabhangigkeit des Geistes von der Natur oder seiner Transzen- 
denz: in der Projektion auf das Universum bilden sich die Begriffe der gott- 
Hchen Personalitat, der Schopfung, der Souveranitat der Personlichkeit dem 
Weltlauf gegenuber. 

Jede dieser Weltanschauungen enthalt in der Sphare des gegenstand- 

lichen Autfassens eine Verbindung von Welterkenntnis, Lebenswurdigung und 

Prinzipien des Handelns. Darin, dafi sie der Personlichkeit in ihren verschie- 

denen Leistungen innere Einheit geben, beruht ihre Macht. Und jede von 

ihnen hat darin Anziehungskraft und Moglichkeit folgerichtiger Entwicklung, 

dafj sie das vieldeutige Leben von einer unsrer Verhaltungsweisen aus nach 

dem in dieser enthaltcnen Gesctze gedankenmaBig erfaCt. 

Verhaitms dcr 3. Die Unlosbarkeit der Aufgabe. Abnahme der Macht der 

weiirLset aTf. M e t a p h y s i k. In einem unermefiHchen Reichtum von Lebensformen hat 

iSerutfgd" d ' e Metaphysik sich ausgebreitet. Sie geht rastlos von Moglichkeit zu Mog- 

Aiisemeir,. lichkeit vorwarts. Ihr genugt keine Form, sie setzt jede um in eine neue. Ein 

Autiesang. geheimer innerer Widerspruch, der in ihrem Wesen selber Hegt, tritt in je- 



B. Das Wesen der Philosophic usw. HI. Die philosophische Weltanschauung 57 

dem ihrer Gebilde neu heraus und zwingt sie, die gegebene Form fallen zu 
lassen und eine neue zu suchen. Denn die Metaphysik ist ein merkwiirdiges 
Doppelwesen. Ihr Streben ist die Auflosung des Welt- und Lebensratsels, und 
ihre Form ist die Allgemeingiiltigkeit. Mit dem einen Antlitz wendet sie sich 
der Religion und der Dichtung zu und mit dem andern den Einzelwissenschaf- 
ten. Sie ist selber weder eine Wissenschaft im Sinne der Einzelwissenschaften, 
noch ist sie Kunst oder Religion. Die Voraussetzung, unter der sie ins Leben 
tritt, ist, daft es einen Punkt in dem Geheimnis des Lebens gabe, der dem 
strengen Denken zuganglich sei. Wenn er existiert, wie Aristoteles, Spinoza, 
Hegel, Schopenhauer annahmen, dann ist Philosophic mehr als jede Religion 
und jede Kunst und auch mehr als die Einzelwissenschaften. Wo werden 
wir diesen Punkt antreffen, an welchem begriffliche Erkenntnis und ihr Ge- 
genstand, das Weltratsel zusammenhangen und dieser einmalige singulare 
Weltzusammenhang nicht nur einzelne Regelmafiigkeiten des Geschehens ge- 
wahren laBt, sondern an dem sein Wesen denkbar wird? Er mufl jenseits des 
Gebietes der Einzelwissenschaften und jenseits ihrer Methoden gelegen sein. 
Die Metaphysik mufi sich iiber die Reflexionen des Verstandes erheben, um 
ihren eigenen Gegenstand und ihre eigene Methode zu finden. Die Versuche 
hierzu in der Sphare der Metaphysik sind durchlaufen und das Ungeniigende 
in ihnen ist aufgezeigt worden. Die seit Voltaire, Hume und Kant entwickelten 
Griinde, "welche den bestandigen Wechsel der metaphysischen Systeme und 
ihr Unvermogen, den Anforderungen der Wissenschaft zu geniigen, erklarlich 
machen, sollen hier nicht wiederholt werden. Nur das dem vorliegendcn Zu- 
sammenhang Angehorige hebe ich heraus. 

Wirklichkeitserkenntnis nach den kausalen Relationen. Erleben von Das unbrfriedi- 
Wert, Bedeutung und Sinn und das willentliche Verhalten, das in sich den Metaphysik. 
Zweck fur die Willenshandlung und die Regel fur die Bindung des Willens 
enthalt — das sind vcrschiedene Verhaltungsweisen, welche in der seclischen 
Struktur verbunden sind. Ihre psychische Relation ist fur uns im Erlebnis 
da; sie gehort unter die letzten erreichbaren Tatsachen des Bewufltseins. Das 
Subjekt verhalt sich in dieser verschiedenen Weise zu den Gegenstanden, 
hinter diese Tatsache kann nicht zu einem Grand deiselben zuruckgegangen 
werden. So konnen die Kategorien von Sein, Ursache, Wert, Zweck nach 
ihrer Provenienz aus diesen Verhaltungsweisen weder aufeinander noch auf 
ein hoheres Prinzip zuriickgefiihrt werden. Wir konnen die Welt nur unter 
einer der Grundkategorien auffassen. Wir konnen gleichsam immer nur eine 
Seite unsres Verhaltnisses zu ihr gew T ahren — nie das ganze Verhaltnis, wie 
es durch den Zusammenhang dieser Kategorien bestimmt wiirde. Dies ist 
der erste Grund fur die Unmoglichkeit der Metaphysik: will sie sich durch- 
setzen, so muB sie immer entweder durch Trugschltisse diese Kategorien in 
inneren Zusammenhang bringen, oder sie mufl das in unserem lebendigen Ver- 
halten Enthaltene verstummeln. Eine weitere Grenze des begrifflichen Den- 
kens zeigt sich innerhalb jeder dieser Verhaltungsweisen. Wir konnen keine 
letzte Ursache als ein Unbedingtes zu dem bedingten Zusammenhang der 



58 Wilhelm Dilthev: Das Wesen der Philosophic 

Vorgange hinzudenken: denn die Anordnung eincr Mannigfaltigkeit, deren 
Elemente sich gleichfbrmig zueinander verhalten, bleibt selbst ein Ratsel, und 
aus dem unveranderlichen Einen kann weder die Veranderung noch die Viel- 
heit begriffen werden. Wir konnen den subjektiven und relativen Charakter 
der Wertbestimmungen, der aus ihrem Ursprung im Gefiihl stammt, nie iiber- 
winden: ein unbedingter Wert ist ein Postulat, aber kein erfullbarer Begriff. 
Wir konnen einen hbchsten oder unbedingten Zweck nicht aufweisen, da dieser 
die Feststellung eines unbedingten Wertes zur Voraussetzung hat, und die 
Regel des Handelns, die allgemeingiiltig in der gegenseitigen Bindung der 
Willen enthalten ist, gestattet nicht, die Zwecke des Einzelnen oder der Gesell- 
schaft abzuleiten. 
Daa positive Wenn nun aber so keine Metaphysik den Anforderungen an wissenschaft- 

Reschichte lichen Beweis zu genugen vermag, so bleibt eben doch als fester Punkt fur 
die Philosophic das Verhaltnis des Subjektes zur Welt zuruck, nach welchem 
jede Verhaltungsweise desselbcn eine Seite der Welt zum Ausdruck bringt. 
Die Philosophic vermag die Welt nicht in ihrem Wesen durch ein metaphy- 
sisches System zu erfassen und allgemeingultig diese Erkenntnis zu erweisen; 
aber wie in jeder ernsten Dichtung ein Zug des Lebens, so wie er vorher nicht 
gesehen worden war, sich aufschliefit, wie Dichtung so die verscliiedenen Sei- 
ten des Lebens uns in immer neuen Werken offenbart, wie wir die Gesamt- 
anschauung des Lebens in keinem Kunstwerk besitzen und doch vermittels 
ihrer aller uns dieser Gesamtauffassung annahern: so tritt uns in den typischen 
Weltanschauungen der Philosophic dieselbe Eine Welt entgegen, wie sie er- 
schcint, wenn eine machtigc philosophische Personlichkeit einer der Verhal- 
tungsweisen zu ihr die anderen unterwirft und den in dieser enthaltenen Ka- 
tegorien die anderen Kategorien unterordnet. So bleibt von der ungeheuren 
Arbeit des metaphysischen Geistes das geschichtliche Bewufltsein zuriick, das 
sie in sich wiederholt und so die unergrundliche Tiefe der Welt an ihr erfahrt. 
iSicht die Relativitat jeder Weltanschauung ist das letzte Wort des Geistes, 
der sie alle durchlaufen hat, sondern die Souveranitat des Geistes gegenuber 
einer jeden einzelnen von ihnen und zugleich das positive Bewufitsein davon, 
wie in den verschiedenen Verhaltungswcisen des Geistes die Eine Realitat 
der Welt fur uns da ist, und die dauernden Typen der Weltanschauung sind 
der Ausdruck der Mehrseitigkeit der Welt. 
Die weit- Es ist die Aufgabe der Weltanschauungslehre, methodisch aus der Zer- 

an3 iehr e anGS gliederung des geschichtlichen Verlaufs von Religiositat, Dichtung und Meta- 
physik im Gegensatz zum Relativismus das Verhaltnis des menschlichen Gei- 
stes zu dem Ratsel der Welt und des Lebens zur Darstellung zu bringen. 

Besimume: iibar IV. Ph i los op hi e und Wiss e n s c h af t. In der begriindenden und be- 

innerha^b d"r griffHchen Arbeit der Metaphysik selber wachst bestandig die Besinnung iiber 

Metaphysik. (j as £> en ken selbst, iiber seine Formen und iiber seine Gesetze. Die Bedingun- 

gen, unter denen wir erkennen, werden untersucht: die Annahme, dafi eine 

von uns unabhangige Wirklichkeit besteht und unsrem Denken zuganglich 



B. Das Wesen der Philosophic usw. IV. Philosophic und Wissenschaft jg 

ist, der Glaube, dafl Personen aufier uns bestehen und von uns verstanden 
werden konnen, und zuletzt die Voraussetzung, dafi dem Verlauf unsrer in* 
neren Zustande in der Zeit Realitat zukomme und die Erlebnisse, wie sie sich in 
der inneren Erfahrung abbilden, im Denken zu giiltiger Darstellung gelangen 
konnen. Die Besinnung uber die Vorgange, in denen die Weltanschauung 
entsteht, und uber die Rechtsgriinde, welche die Voraussetzungen der Welt- 
anschauung rechtfertigen, begleitet die Bildung der Weltanschauung und 
wachst bestandig in dem Kampf der metaphysischen Systeme. 

Und zugleich entspringt aus der eigensten Natur der philosophischen BedehaDgen des 
Weltanschauung ihr Verhaltnis zu der menschlichen Kultur und deren Zweck- Denken/a^den 
zusammenhangen. Die Kultur gliederte sich uns nach den inneren Beziehuneen T , f' nieI u* n . 
zwischen der Welterkenntnis, dem Leben und den Erfahrungen des Gemiites 
und den praktischen Ordnungen, in denen sich die Ideale unseres Handelns 
realisieren. Hierin aufiert sich der seelische Strukturzusammenhang, und eben 
dieser bestimmt auch die philosophische Weltanschauung. So tritt sie in Ver- 
haltnis zu alien Seiten der Kultur. Und wie sie nach Allgemeingultigkeit 
strebt und iiberall Begriindung und Zusammenhang aufsucht, muB sie in alien 
Spharen der Kultur sich geltend machen: zum BewuBtsein erhebend, was da 
geschieht, begrtindend, kritisch urteilend, verkniipfend. Hier aber kommt ihr 
nun das in den Zweckzusammenhangen der Kultur selber entstandene Nach- 
denken entgegen. 

i. Die aus der begrifflichen Technik im Kulturleben ent- Eatstehung 
stehenden Funktionen der Philosophic Nicht in der Weltanschauung p u ' n ^ o p ne ^ c a ^ 
allein hat sich die Besinnung des Menschen uber sein Tun und das Streben 1er Tecbo,k acr 

° _ Kuiturgebieie 

nach allgemeingultigem Wissen entwickelt. Ehe Philosophen auftraten, war 
aus der politischen Tatigkeit die Sonderung der Funktionen des Staates, die 
Einteilung der Verfassungen hervorgegangen; in der Praxis des Rechtsge- 
schafts und des Prozesses hatten die Grundbegriffe der biirgerlichen Rechts- 
ordnung und des Strafrechts sich ausgebildet; die Religionen hatten Dogmen 
formuliert, voneinander gesondert und aufeinander bezogen ; Arten der Kunst- 
ubung waren unterschieden worden. Denn jeder Fortgang menschlicher 
Zweckzusammenhange zu zusammengesetzteren Formen vollzieht sich unter 
der Leitung des begrifflichen Denkens. 

So bilden sich Funktionen der Philosophie aus, welche das Denken, das 
in den einzelnen Gebieten der Kultur sich vollzogen hat, weiterfiihren. Wie 
keine feste Grenze die religiose Metaphysik von der philosophischen trennt, so 
geht auch das technische Denken in kontinuierlicher Ausbildung in das phi- 
losophische uber. Uberall ist der philosophische Geist zugleich charakterisiert 
durch die universale Selbstbesinnung und die in ihr gegriindete persongestal- 
tende und reformatorische Macht und zugleich durch die dem philosophischen 
Kopfe einwohnende starke Tendenz auf Begriindung und Zusammenhang. 
Solche Funktion der Philosophie ist von vornherein nicht an die Gestaltung 
der Weltanschauung gebunden, und auch da, wo Metaphysik nicht gesucht 
oder nicht anerkannt wird, besteht sie. 



60 Wilhelm Dilthey: Das Wesen der Philosophic 

philosophic ais 2. Die allgemeine Lehre vom Wissen und die Theorie liber 

Tb^rTedes die einzelnen Kulturgebiete. So entspringt aus dem Charakter der 

w^saons. Philosophic als Selbstbesinnung des Geistes die andere Seite derselben, welche 

mit dem Streben nach einer aiigememgiiltigen Weltanschauung immer zu- 

sammen bestanden hat. In der Weltanschauung wird das in den Verhaltungs- 

weisen gegrundete Erfahren zu einer objektiven gegenstandlichen Einheit zu- 

sammengenommen. Wenn aber die Verhaltungsweisen selber in ihren Bezie- 

hungen zu den Inhalten ins Bewufitsein erhoben werden, das in ihnen ent- 

stehende Erfahren untersucht, seine Rechtsbestandigkeit gepriift wird: dann 

zeigt sich die andere Seite der Selbstbesinnung. Von ihr aus angesehen, ist 

Philosophic die Grundwissenschaft, welche Form, Regel und Zus am men hang 

aller Denkprozesse zu ihrem Gegenstand hat, die von dem Zweck bestimmt 

sind, giiltiges Wissen hervorzubringen. Sie untersucht als Logik die Bedin- 

gungen der Evidenz, die den richtig vollzogenen Prozessen anhaftet, und zwar 

auf jedem Gebiet, in dem Denkprozesse auftreten. Sie geht als Erkenntnis- 

theorie von dem BewuBtsein der Realitat des Erlebnisses und der objektiven 

Gegebenheit der aufieren Wahrnehmung auf die Rechtsgriinde dieser Voraus- 

setzungen unseres Erkennens zuriick. Als solche Theorie des Wissens ist sie 

W iss ens c haft. 

Die phiiosophi- Auf Grund dieser ihrer wichtigsten Funktion tritt sie nun in Beziehung 

wciche ans dem zu den verschiedenen Spharen der Kultur und ubernimmt in jeder von ihnen 

Sm", Aufgaben eigener Art. 

In der Sphare der Weltvorsteilung und der Welterkenntnis tritt sie in 
Verhaltnis zu den Emzelsvissenschaften, welche die einzelnen Teile der Welt- 
erkenntnis erzeugen. Diese ihre Leistung schliefit sich am nachsten an Logik 
und Erkenntnistheorie als die grundlegende Arbeit der Philosophic an. Sie 
klart die Verfahrungsweisen der einzelnen Wissenschaften vermittels der 
allgemeinen Logik auf. Sie setzt mit ihr die in den Wissenschaften entstan- 
denen methodischen Begriffe in Zusammenhang. Sie erforscht die Vor- 
aussetzungen, die Ziele, die Grenzen des einzelwissenschaftlichen Erkennens. 
Und sie wendet die so gewonnenen Ergebnisse auf das Problem der inneren 
Struktur und der Zusammenhange in den beiden groBen Gruppen der Natur- 
wissenschaften und der Geisteswissenschaften an. Keine ihrer Beziehungen 
zu irgendeinem System der Kultur ist so klar und deutlich. Keine hat sich 
in so systematischer Folgerichtigkeit entwickelt, und so gibt es auch unter den 
einseitigen Begriffsbestimmungen der Philosophie keine, die so einleuchtend 
ware, als dafi sie die Theorie der Theorien, die Begriindung und die Zusam- 
menfassung der Einzehvissenschaften zur Erkenntnis der Wirklichkeit sei. 
Bwiehung zu Weniger durchsichtig ist das Verhaltnis der Philosophie zu der Lebens- 

d e " a ^'^' erfahrung. Leben ist die innere Beziehung der psychischen Leistungen im 
Zusammenhang der Person. Lebenserfahrung ist die wachsende Besinnung 
und Reflexion iiber das Leben. Durch sie wird das Relative, Subjektive, Zu- 
iallige, Vereinzelte der elementaren Formen zweckmaBigen Handelns zur 
Einsicht in das flir uns Wertvolle, Zweckmafiige erhoben. W ; as bedeuten im 



B. Das Wesen der Philosophic usw. IV. Philosophie und Wis sen sch aft 61 

Gesamthaushalte unseres Lebens die Leidenschaften? welchen Wert hat in 
einem natiirHch verstandenen Leben die Aufopferung ? oder der Ruhm und 
die auBere Anerkennung? An der Losung solcher Fragen arbeitet aber nicht 
nur die Lebenserfahrung des einzelnen, sondern diese erweitert sich zu der, 
welche die Gesellschaft erwirbt. Die Gesellschaft ist der umfassende Regulator 
des Gefuhls- und Trieblebens; Grenzen, die aus dem Bediirfnis des Zusam- 
menlebens entspringen, setzt sie den regellosen Leidenschaften in Recht und 
Sitte: durch Arbeitsteilung, Ehe, Eigentum schafft sie Bedingungen fur die 
ordnungsmaBige Befriedigung der Triebe. So befreit sie von dieser furcht- 
barcn Herrschaft: das Leben gewinnt Raum fiir die hoheren geistigen Gefuhle 
und Strebungen, und diese vermogen das Ubergewicht zu erlangen. Die Le- 
benserfahrung, welche die Gesellschaft in solcher Arbeit macht, erwirkt im- 
mer angemessenere Bestimmungen der Lebenswerte und gibt ihnen mittels 
der offentlichen Meinung eine feste geregelte Stellung: hierdurch erzeugt die 
Gesellschaft aus ihr selber eine Wertabstufung, die daun den einzelnen be- 
dingt. Auf diesem Boden der Gesellschaft machen sich nun die individuellen 
Lebenserfahrungen geltend. Sie entstehen auf mannigfache Art. Ihren 
Grundstock bilden die persOnlichen Erlebnisse, sofern ein Wert in ihnen auf- 
geht. Andere Lehren empfangen wir als Zuschauer, welche die Passionen der 
Menschen gewahren — ihre Leidenschaften, die bis zur Zerriittung ihrcr selbs- 
und folgerichtig ihres Verhaltnisses zu anderen Personenhinfuhren — ihreLeir 
den, die hieraus folgen. Und wir erganzen diese Lebenserfahrungen durch die 
Historie, die in grofien Ziigen Menschenschicksal zeigt, und durch die Dich- 
tung: sie vor aUem offenbart die schmerzlich s(iOe Spannung der Leidenschaft, 
die Illusion derselben, ihre Auflosung. Alles wirkt zusammen, damit der Mensch 
freier werde und offen fur die Resignation und das Gliick der Hingebung an 
die grofien Objektivitaten des Lebens. 

Unmethodisch, wie diese Lebenserfahrung zuniichst ist, mufi sie, in dem 
sie die Tragweite und die Grenzen ihres Verfahrens gewahr wird, sich steigern 
■/M einer mcthodischen Besinnung, welche den subjektiven Charakter der 
Wertbestimmung zu iiberwinden strebt. So geht sie in Philosophie uber. 
Alle Etappen, die auf diesem Wege liegen, sind von Schriften besetzt, die liber 
Lebenswerte, Charaktere, Temperamente, Lebensfuhrung handeln. Und wie 
Poesie ein wichtiges Glied in der Ausbildung der Lehrc von Temperamenten, 
Charakteren und Lebensfuhrung ist, so bereitet dann wieder dieses Lesen in den 
Seelen der Menschen, dieses eigene Abschiitzen der Werte der Dinge, ein un- 
ersattliches Verstehenwollen die bewufitere Erfassung der Bedeutung des Le- 
bens vor. Homer ist der Lehrer der reflektierenden Schriftsteller, und Euri- 
pides ist ihr Schiiler. Auf derselben Grundlage entwickelt sich jede eigen er- 
worbene Religiositat. Erfahrungen uber das Leben, eine furchtbare Starke 
der Einsicht in die Illusion, welche alien diesseitigen Lebensgiitern anhaftet, 
erwirken in jedem religiosen Genie die Hingabe an die transzendente Welt. Das 
religiose Erlebnis ware leer und fade, wenn nicht auf dem Grunde der erlebten 
Misere, Niedertracht oder mindestens der Kleinlichkeit menschlicher Dinge, 



62 WilhelM Dilthev: Das Wesen der Philosophic 

der Trennungen und des Leides in ihnen die Erhebung zum Heiligen sich voll- 
zbge, gleichsam ah eine Entriickung iiber diesen verderblichen Kreis. Diesen 
Weg in die Einsamkeit sind Buddha, Lao-tse und, wie einige 5tellen der Evan- 
gelien noch verraten, auch Christus gegangen, Augustinus und Pascal haben 
ihn beschritten. Und zusammen mit den Wissenschaften und geschichtlichen 
Lebensordnungen bilden nun die Lebenserfahrungen die reale Grundlage der 
Philosophic Das personliche Moment in den grofitcn Philosophen beruht 
auf ihnen. Ihre Lauterung und Begriindung bildet einen wesentlichen und 
geradezu den wirksamsten Bestandteil in den philosophischen Systemen. Dies 
zeigt sich besonders deutlich in Platon, der Stoa, Spinoza, ja in beschrankterem 
Umfang auch in Kant fur den, welcher seine Anthropologic mit seinen friihe- 
ren Schriften zusammenhalt. So entsteht nun in der Philosophic das System 
der immanenten Lebenswerte und das der gegenstandlichen Wirkungswerte : 
jene haften an einem Zustand der Seele, diese kommen einem AuOeren zu, 
das die Fahigkeit hat, Lebenswerte zu erzeugen. 
*u den Lebens- Die Philosophie hat endlich in dem kulturgeschichtlichen Zusammen- 
hang ein Verhaltnis zur praktischen Welt, ihren ldealen und ihren Lebens- 
ordnungen. Denn sie ist die Besinnung iiber den Willen, seine Regeln, Zwecke 
und Giiter. In den Lebensordnungen von Wirtschaft, Recht, Staat, Herr- 
schaft iiber die Natur, Sittlichkeit hat dieser seinen Ausdruck gefunden. So 
kann nur an ihnen das Wesen des willentlichen Verhaltens aufgeklart werden. 
Nun geht durch sie alle hindurch das Verhaltnis von Zwecksetzung, Bindung 
und Regel. Hieraus ergibt sich das tiefste Problem der Philosophie auf diesem 
Gebiet: die groCe Frage, ob alle sittliche Regel ableitbar aus Zwecken ist. Die 
Einsicht, zu der Kant in seinem kategonschenlmperativ sich erhob, kann da- 
hin fortgebildet werden, dafi es nur Ein unbedingtes Festes in der sittlichen 
Welt gibt, namlich daC die gegenseitige Bindung der Willen in ausdrucklichem 
Vertrag oder im stillschweigenden Annehmen vom Bestande der Gegenseitig- 
keit eine unbedingte Giiltigkeit fur jedes Bewufitsein hat: daher denn Recht- 
Uchkeit, Rechtschaffenheit, Treue, Wahrhaftigkeit das feste Geriist der mora- 
Hschen Welt bilden: ihm sind alle Zwecke und alle Regeln des Lebens, selbst 
die Giite, das Streben nach Vollkommenheit eingeordnet — in einer Rang- 
ordnung des Sollens, die von dem PflichtmaCigen absteigt zu der moralischen 
Forderung von Gute und Hingabe an andere und von da zu der von person- 
licher Vervollkommnung. Indem die philosophische Analyse des moralischen 
BewuBtseins den Geltungsbereich der sittlichen Ideale feststellt, das Bindende 
der Pflicht von der Beweglichkeit der Zwecke sondert, bestimmt sie die Be- 
dingungen, unter denen die Zwecksysteme innerhalb der Gesellschaft sich 
ausbilden. Und indem dann die Philosophie die Tatsachlichkeit der Lebens- 
ordnungen, wie die Geisteswissenschaften sie beschreiben und zergliedern, aus 
der Struktur des Individuums und der Gesellschaft verstandlich macht, indem 
sie aus dem teleologischen Charakter derselben ihre Entwicklung und ihre 
Bildungsgesetze ableitet, alle diese Notwendigkeiten aber unter jenes oberste 
Gesetz der Bindungen des Willens stellt, wird sie zu einer inneren Kraft, welche 



B. Das Wesen der Philosophic usw. IV. Philosophic und Wissenschaft 63 

auf die Steigerung des Menschen und die Fortentwicklung seiner Lebensord- 
nungen hindrangt, gibt aber zugleich feste Mafistabe fiir diese in der sittlichen 
Regel und in den Realitaten des Lebens. 

Blicken wir an diesem Punkte noch einmal zuriick auf die philosophische 
Weltanschauung. Hier erst kann die ganze Breite ihrer Grundlage iibersehen 
werden. Die Bedeutung tritt hervor, welche die Lebenserfahrung fur die Aus- * 
bildung der Weltansicht hat. Und zuletzt zeigt sich, wie in den grofien Gebie- 
ten, die durch die Arten des seelischen Verhaltens bedingt sind, Probleme von 
selbstandiger Bedeutung enthalten sind, welche ganz unabhangig von ihrer 
Stelle in der Weltanschauung behandelt werden konnen. 

So ergibt sich aus den Beziehungen der Philosophic zu den verschiedenen Die pwiosopbi- 
Gebieten des menschlichen Lebens ihr Recht, nicht nur das Wissen uber diese sc iiaften, die sich 
und die einzelnen Wissenschaften, in welchen das Wissen sich konsolidieit hat, aQ, ^° Kd.tur° 
zu begriinden und zu verbinden, sondern auch in besonderen philosophischen beriehen. 
Disziplinen, wie Rechtsphilosophie, Religionsphilosophie, Philosophie der 
Kunst dieselben Gebiete zu bearbeiten. Es unterliegt wohl k?inem Streit, dafi 
jede dieser Thecrien aus den historischen und gesellschaftlxhen Sachvcrhal- 
ten geschbpft werden mufi, die das Gebiet von Kunst oder Religion, von Recht 
oder Staat ausmachen, und insofern fallt ihre Arbeit mit der Arbeit der Ein- 
zelwissenschaften zusanimen. Es ist auch klar, dafi jede philosophische Theo- 
rie solcher Art, welche, anstatt aus dem Material selbst zu schopien, an das 
in den Einzelwisstinschaften Gebotene sich halt und das«elbe nur etwa hier 
und da nachpriift, kein Existenzrecht besitzt. Aber nach der Eingeschranktheit 
menschlicher Kraft wird der Einzelforscher nur in seltenen Ausnahmen Logik, 
Erkenntnistheorie und Psychologie so sicher beherrschen, dafi nicht eben von 
diesen aus die philosophische Theorie neues hinzubrachte. Berechtigt ist 
solche abgesonderte philosophische Theorie doch immer nur als ein Provi- 
sorisches, aus den Unzulanglichkeiten der gegenwartigen Situation Entsprin- 
gendes. Dagegen wird die Aufgabe, die inneren Beziehungen der Wissenschaf- 
ten untereinander, von denen die logische Konstitution einer jeden derselben 
abhangt, zu erforschen, immer ein wichtiger Teil der Funktionen der Philo- 
sophie bleiben. 

Die nahere Darstellung der Philosophie als Wissenschaft ist in dem Zu- 
sammenhang dieses Werkes ausgeschlossen, da dasselbe die einzelnen Diszi- 
plinen, in denen dieser Inbegriff der Funktionen der Philosophie sich voll- 
zieht, zu gesonderter Darstellung bringt. 

3. Der philosophische Geist in den Wissenschaften und in Das phio- 
der Literatur. Der Einflufi der Metaphysik ist in bestandiger Abnahme be- Leis^ngc^der" 
griffen, dagegen nimmt die Funktion der Philosophie bestandig an Gewicht F £° s 3 ^ e v r en in 
zu, nach welcher diese das in den einzelnen Kulturgebieten entstandene Den- Dichte™ und 
ken begriindet und verknupft. Auf diesem Verhaltnis beruht die Bedeutung 
der positivistischen Philosophie von d'Alembert, Comte, Mill, Mach, dafi sie 
eben aus der inneren Beschaftigung mit den Einzehvissenschaften stammt, ihr 
Verfahren fortsetzt und den Mafistab ihres allgemeingultigen Wissens iiberall 



64 Wilhelm Dilthey: Das Wesen der Philosophic 

anlegt. Und auf anderem Gebiete ist das philosophische Denken von Carlyle 
oder Nietzsche eben darin positiv, daB es die in der Lebenserfahrung ent- 
haitene, von den Dichtern und den Schriftstellern uber Lebensfiihrung aus- 
gebildete Verfahrungsweise zu verallgemeinern und zu begriinden strebt. Es 
ist nun naturlich, dafi eben in diesem freien Verfahren die Philosophie immer 
melir das ganzc geistige Leben der Neuzeit beeiniluflt. Der methodische, ge- 
neralisierende und die Wissenschaften verkniipfende Geist, der in der Natur- 
forschung von Galilei, Kepler und Newton bestimmend war, hat dann auf der 
Grundlage der positivistischen Richtung von d'Alembert und Lagrange die 
franzosische Naturforschung durchdrungen, und er wirkte fort auf dem Boden 
der Naturphilosophie und des Kantischen Kritizismus in Ernst von Baer, 
Robert Mayer, Helmholtz und Hertz. Und eben dieser philosophische Geist 
hat sich insbesondere seit den groOen sozialistischen Theoretikern in den Ein- 
zehvissenschaftcn der Gesellschaft und der Geschichte geltend gemacht. So 
ist fur die heutigc Lage der Philosophie charakteristisch, dafi die starksten 
Wirkungen derselben nicht von den Systemen ausgehen, sondern eben von 
diesem freien philosophischen Denken, das die Wissenschaften und die ganze 
Literatur durchdringt. Denn auch in dieser gehtvon Sehriitstellern wie Tolstoj 
und Maeterlinck eine bedeutsame philosophische W irkung aus. Drama, Roman 
und jetzt auch Lyrik sind zu Tragern starkster philosophischer Impulse 
geworden. 
Die wirkuusca Der philosophische Geist ist uberall, wo frei von der Systemform der Phi- 

s'chen (iTistes iosophie ein Denker das, was im Menschen einzeln, dunkel als Instinkt, Auto- 
ritat oder Glaube auftritt, der Priifung unttrwirft. Er ist uberall, wo For- 
scher mit methodischem BewuOtsein ihre Wissenschaft auf deren letzte Rechts- 
griinde zuriickfuhren oder zu Generalisationen vordringen, die mehrere Wis- 
senschaften verkniipfen und begriinden. Er ist uberall, wo Lebenswerte und 
Ideale einer neuen Prufung unterworfen werden. Was irgend ungeordnet oder 
feindlich ringend im Innern einer Zeit oder im Herzen eines Menschen auftritt, 
soil durch das Denken versohnt, was dunkel ist, soil aufgeklart, was unmittel- 
bar dasteht, eines neben dem anderen, soil vermittelt und in Zusammenhang 
gesetzt werden. Dieser Geist lafit kein Wertgefuhl und kein Streben in seiner 
Unmittelbarkeit, keine Vorschrift und kein Wissen in ihrer Vereinzelung, fur 
jedes Geltende fragt er nach dem Grunde seiner Gultigkeit. In diesem Sinne 
bezeichnete sich das i&.Jahrhundert selbst mit Recht als das philosophische: 
kraft der in ihm sich durchsetzenden Herrschaft der Vernunft iiber das Dunkle, 
Instinktive, unbewuCt Schaffende in uns und die Zuriickfuhrung jedes ge- 
schichtlichen Gebildes auf seinen Ursprung und sein Recht. 

Philosophie ein V. Der We s e n sbegr if f der Philosophie. Ausblick in ihre Ge- 

Hch^unTdn schichte und Systematik. Die Philosophie erwies sich als ein Inbegriff 

Kaitnraystem. se hj- verschiedener Funktionen, die durch die Einsicht in ihre gesetzmaBige 

Verbindung zum Wesen der Philosophie zusammengeschlossen werden. Eine 

Funktion bezieht sich immer auf einen teleologischen Zusammenhang und be- 



B. Das Wesen der Philosophic V, Der Wesensbegriff der Philosophic Ausbh'ck usw. 65 

zeichnet einen Inbegriff zusammengehoriger Leistungen, die innerhalb dieses 
Ganzen vollzogen werden. Der Begriff ist weder aus der Analogie des organi- 
schen Lebens hergenoramen, noch bezeichnet er eine Anlage oder ein urspriing- 
liches Vermogen. Die Funktionen der Philosophic beziehen sich auf die teleo- 
Iogische Struktur des philosophierenden Subjektes und auf die der Gesellschaft. 
Es sind Leistungen, in denen die Person sich in sich selbst wendet und zugleich 
nach auBen wirkt; hierin sind sie denen der Religiositat und der Dichtung ver- 
wandt. So ist Philosophie eine Leistung, die aus dem Bedtirfnis des einzelnen 
Geistes nach Besinnung iiber sein Tun, nach innerer Gestaltung und Festigkeit 
des Handelns, nach fester Form seines Verhaltnisses zum Ganzen der mensch- 
lichen Gesellschaft entspringt, und sie ist zugleich eine Funktion, vrelche in 
der Struktur der Gesellschaft gegriindet und fur die Vollkommenheit des 
Lebens derselben erforderlich ist: sonach eine Funktion, die gleichformig in 
vielen Kopfen stattfindet und diese zu einem gesellschaftlichen und histori- 
schen Zusammenhang verbindet. In diesem letzteren Verstande ist sie ein 
Kultursystem. Denn die Merkmale eines solchen sind Gleichformigkeit der 
Leistung in jedem Individuum, das dem Kultursystem angehdrt, und Zusam- 
mengehbrigkeit der Individuen, in denen diese Leistung stattfindet. Nimmt 
diese Zusammengehorigkeit feste Formen an, so entstehen in einem Kultur- 
system Organisationen. Unter alien Zweckzusammenhangen binden die der 
Kunst und der Philosophie die Individuen am wenigsten aneinander; denn die 
Funktion, die der Kunstler oder der Fhilosoph vollbringt, ist von keinem Ge- 
fiige des Lebens bedingt: ihre Religion ist die der hochstcn Freiheit des Gei- 
stes., Und wenn die Zugehorigkeit des Philosophen zu den Organisationen von 
Universitat und Akademie seine Leistung fur die Gesellschaft steigert: sein 
Lebenselement ist und bleibt die Freiheit seines Denkens, die niemals beein- 
trachtigt werden darf und von der nicht nur sein philosophischer Charakter, 
sondern audi das Zutrauen zu seiner unbedingten Wahrhaftigkeit und damit 
seine Wirkung abhangen. 

Die allgemeinste Eigenschaft, welche nun alien Funktionen der Philoso- Aiigcmcinstc 
phie zukommt, ist in der Natur des gegenstandlichen Auffassens und des be- Funktioimn d e 7 
grifflichen Denkens gegriindet. So angesehen erscheint Philosophie nur als p^ " ? 111 ^ 
das folgerichtigste, starkste, umfassendste Denken; und sie ist vom empiri- 
schen Bewufitsein durch keine feste Grenze gesondert. Es ergibt sich aus der 
Form des begrifflichen Denkens, daB das Urteilen fortschreitet zu hochsten 
Generalisationen, die Bildung und Einteilung der Begriffe zu einer Architek- 
tonik derselben mit hochster Spitze, das Beziehen zu einem allumfassenden 
Zusammenhang und das Begriinden zu einem letztcn Prinzip. Das Denken 
bezieht sich in diesem Tun auf den gemeinsamen Gegenstand aller Denkakte 
der verschiedenen Personen, den Zusammenhang der sinnlichen Wahrnehmung, 
zu welchem die Vielheit der Dinge sich im Raume und die Mannigfaltigkeil 
ihrer Veranderungen und Bewegungen sich in der Zeit ordnet; die Welt. Dieser 
Welt sind alle Gefuhle und Willenshandlungen eingeordnet durch die ortliche 
Bestimmung der ihnen zugehorigen Korper und die in sie verwobenen An- 

Die Kultur der GegcnwarC. I. 6. 3. Anil. c 



66 Wilhelm Dilthey: Das Wesen der Philosophic 

schauungsbestandteiie. Alle in diesen Gefiihlen oder Willenshandlungen ge- 
setzten Werte, Zwecke, Giiter sind ihr eingegliedert. Das menschliche Leben 
ist von ihr umfafit. Und indem nun das Denken den ganzen Gehalt an An- 
schauungen, Erlebnissen, Werten, Zwecken, wie er im empirischen BewuCt- 
sein, dem Erfahren und den Erfahrungswissenschaften erlebt und gegeben ist, 
auszudriicken und zu vereinigen strebt, schreitet es von der Verkettung der 
Dinge und der Veranderungen in der Welt dem* Weltbegriff entgegen, es geht 
begrundend zuriick auf ein Weltprinzip, eine Weltursache, es sucht Wert, 
Sinn und Bedeutung der Welt zu bestimmen, und es fragt nach einem Welt- 
z week. Uberall, wo nun dies Verfahren der Verallgemeinerung, der Anord- 
nung zum Ganzen, der Begriindung sich, vom Zug des Wissens getragen, von 
dem partikularen Bedurfnis, von dem eingeschrankten Interesse loslbst, geht 
es iiber in Philosophic Und uberall, wo das Subjekt, das auf diesc Welt sich 
in seinem Tun bezieht, in demselben Sinne zur Besinnung iiber dies sein Tun 
sich erhebt, ist diese Besinnung philosophisch. Die Grundeigenschaft in alien 
Funktionen der Philosophic ist sonach der Zug des Geistes, der iiber die Bin- 
dung an das bestimmte, endliche, eingeschrankte Interesse hinausschreitel 
und jede aus einem eingeschrankten Bedurfnis entstandene Theorie einer ab- 
Dia in der schliefienden Idee einzuordnen strebt. Dieser Zug des Denkens ist in der Gc- 
P Fnnktion IS wi"' setzmaBigkeit desselben gegriindet, er entspricht Bediirfnissen der mensch- 
kenden Krafts lichen Natur, die kaum eine sichere Zergliederung zulassen, der Freude ani 
Wissen, dem Bedurfnis einer letzten Festigkeit der Stellung des Menschen zur 
Welt, dem Streben, die Bindung des Lebens an seine eingeschrankten Bedin- 
gungen zu uberwinden. Jedes seelische Yerhalten sucht nach einem der Rela- 
tivitat entnommenen festen Punkte. 
Abieitnng Diese allgemeiiie Funktion der Philosophic aufiert sich nun unter den 

LfYstungel^er versc ^' e ^ enen Bedingungen des geschichtlichen Lebens in all den Leistungen 
pbiiosophie. derselben, die wir durchlaufen haben. Einzelne Funktionen von groBer Ener- 
gie entstehen aus den mannigfachen Bedingungen des Lebens: die Ausbil- 
dung der Weltanschauung zur AUgemeingultigkeit, die Besinnung des Wis- 
sens iiber sich selbst, die Beziehung der Theorien, die in den einzelnen Zweck- 
zusammenhangen sich bilden, auf den Zusammenhang alles Wissens, ein die 
ganze Kultur durchdringender Geist der Kritik, der universalen Zusammen- 
fassung und der Begriindung. Sie erweisen sich alle als einzelne Leistungen, 
die in dem einheitlichen Wesen der Philosophic gegriindet sind. Denn dieser 
paflt sich jeder Stelle in der Entwicklung der Kultur und alien Bedingungen 
ihrer geschichtlichen Lagen an. Und so erklart sich die bestandige Differen- 
zierung ihrer Leistungen, die Schmiegsamkeit und Beweglichkeit, in welcher 
sie bald in die Breite des Systems sich entfaltet, bald ihre ganze Kraft an 
einem einzelnen Problem geltend macht und die Energie ihre Arbeit immer 
in neue Aufgaben verlegt. 
AusbLi<* in die Die Grenze ist erreicht, an welcher aus der Darstellung des Wesens der 

Philosophic er Philosophic riickwarts ihre Geschichte erleuchtet und vorwarts ihr systema- 
tischer Zusammenhang aufgeklart wird. Ihre Geschichte ware verstanden, 



System, 



U. Das Wesen der Philosophic V. Der Wesensbegriff der Philosophie. Ausblick usw. 67 

wenn aus dem Zusammenhang der Funktionen der Philosophie die Ordnung 
faBlich wiirde, in welcher, unter den Bedingungen der Kultur, die Probleme 
nebeneinander und nacheinander auftreten und die Moglichkeiten ihrer Auf- 
losung durchlaufen werden. Wenn die fortschreitende Besinnung des Wis- 
sens iiber sich selbst nach ihren Hauptstadien beschrieben wiirde, Wenn 
die Geschichte verfolgte, wie die in den Zweckzusammenhangen der Kultur 
entstehenden Theorien durch den zusammentassenden phifosophischen Geist 
auf den Zusammenhang der Erkenntnis bezogen und dadurch fortgebildet 
werden, und wie die Philosophie in den Geisteswissenschaften neue Diszi- 
plinen schafft und dann an die Einzelwissenschaften abgibt. Und wenn sie 
zeigte, wie aus der Bewufitseinslage einer Epoche und dem Charakter der Na- 
tionen die besondere Gestalt eingesehen werden kann, welche die philoso- 
phischen Weltanschauungen annehmen, und zugleich doch das bestandige 
Fortschreiten der groflen Typen dieser Weltanschauungen. So iiberliefert dann AusbKck in ih r 
die Geschichte der Philosophie der systematischen philosophischen Arbeit die 
drei Probleme der Grundlegung, der Begrundung und Zusammenfassung der 
Einzelwissenschaften und die Aufgabe der Auseinandersetzung mit dem nie 
zair Ruhe zu bringenden Bediirfnis letzter Besinnung iiber Sein, Grund, Wert, 
/week und ihren Zusammenhang in der Weltanschauung, gleichviel in welcher 
Form und Richtung diese Auseinandersetzung stattfindet. 



Literatur. 

Die nennenswerten philosophischen Denker haben sich durchgangig iiber das Wesen 
der Philosophie ausgesprochen, sei es in besonderen Abhandlungen oder in Kapiteln ihrer 

Werke oder mindestens an zersireuten Stellen derselben Es entspra'che nicht clem Wert- 
verhaltnis dieser AuBerungen, wenn etwa hier die E nzelabhandlungen als besi nders hierher- 
gehorig aufgezahlt wiirden. Und wenn unter diesen AuBerungen oder auch nur unier den 
Abhandlungen, was doch der Raum und die Obersichtlirhkeit erfordern wiirden, eine Aus- 
wah) getroffen wiirde, so ware das dem Streben nach Objektivitat nicht entsprechend , das 
fur diese Arbeit leiiend gewesen ist. Nur das sei zu bemerken gestattet, daB Ideen zu 
der hier vorgetragenen Weltanschauungslebre schon seit langen Jabren in meinen Arbeiten 
im Archiv fiir Gescbichie der Philosophie und in den Beiichten der Berliner Akademie 
der Wissenschaften geauBert worden smd. 



LOGIK UND ERFCENNTNISTHEORIE. 

Vox 
Alois Riehl. 

Die LoRik &e, Einleitung. Erst die Schule des Aristoteles brachte fur eine Gruppe 

wbMn e schafts- zusammen S e honger Schriften des Meisters den Namen Logik auf, ebenso wie 
icbre. auch erst sie die Gesamtheit jener Schriften, um des gemeinschaftlichen 
Zweckes willen, den sie ihnen zuschrieb, als Organon bezeichnete. Von den 
beiden Hauptteilen, in die das Organon zerfallt, der friiher verfafiten Topik 
und den Analytiken, deeken sich nur diese letzteren mit der Disziplin, die wir 
noch heute Logik nennen, und zwar entsprechen die ersten Analytiken un- 
serer formalen Logik oder der logischen Elemental eh re, wahrend die zweiten 
die Stelle der heutigen Methodenlehre und Erkenntnistheorie, die Aristoteles 
nicht trennt, einnehmen. Durch die enge Verbindung mit der Topik, wofiir 
ein Grund in der syllogistischen Form auch der dialektischen Schliisse gegeben 
war, hat sich schon ini Altertum die Auffassung vom Wesen der Logik iiber- 
haupt verschoben. Nur die Topik namlich, das Zwischenglied zwischen Rhe- 
torik und eigentlicher Logik, ist wirklich eine techniache oder praktische Diszi- 
plin. Ihr Objekt ist der dialektische Streit. Sie will fur diesen Streit die 
Regeln geben; darum erortert sie, worauf ihr Name hinweist, die allgemeinen 
Gesichtspunkte der Widerlegung und zeigt, wie aufgestellte Definitionen und 
Satze umzustoBen seien. So tritt sie, als die Kunstlehre des Disputierens, der 
Rhetorik, der Kunstlehre des Uberredens, zur Seite. Die Anschauung, da0 
auch die reine Logik ein Instrument des Wissens sei, ein Werkzeug zur Schop- 
fung von Erkenntnis, iibertragt, was nur von einem Teile des Organon gilt, 
auf das Ganze. Seither hat sich diese Anschauung immer wieder geltend ge- 
macht, in verschiedenen Formen des Ausdrucks: die Logik eine Denklehre, 
eine Kunstlehre des Denkens, die Logik eine normative Wissenschaft, die dem 
Denken seine, d. i. ihre Gesetze vorzuschreiben hat; selbst mit der Ethik hat 
man sie verglichen, wahrend andere vorzogen, sie als die Medizin des Geistes 
zu bezeichnen. Dieser Anschauung gegenliber halten wir an dem rein wissen- 
schaftlichen Charakter der Logik fest und glauben dafur Aristoteles selbst zum 
Gewahrsmann zu haben. Nirgends klcidet Aristoteles seine Schliisse in syllo- 
gistische Formen, er kann also diese Formen nicht als Vorschriften oder Nor- 
men betrachtet haben, nach welchen wir schliefien sollen. Sie gehbren ihm 
zur Theorie des Schlusses, ja sie erschopfen nach seiner Meinung diese Theorie; 
sie dienen dazu, durch Auflosung der Beweise, der in den meisten Fallen ihre 
Erganzung, ein Einschieben von Satzen, vorherzugehen hat, das innere Ge- 



Einleitung (,n 

fiige der Notwendigkeit des Beweisverfahrens selbst sichtbar zu machen. 
Aristoteles kennt iiberhaupt keine ,,Normen" des Denkens. Selbst der Satz 
des Widerspruchs ist nach ihm zunachst ein Prinzip der Dinge, und zwar das 
oberste aller, und erst infolge davon ein Gesetz des sich auf Dinge beziehenden 
Denkens. Weil es unmoglich ist, dafi einer und derselben Sache dasselbe und 
in derselben Hinsicht zugleich zukommt und nicht zukommt, deshalb konnen 
auch zwei sich widersprechend entgegengesetzte Aussagen von dem namlichen 
Gegenstand nicht zugleich wahr sein, und kein Mensch kann mit Sinn und Ver- 
stand dasselbe und in derselben Beziehung sowohl bejahen als verneinen, er 
selbst ware sonst ein solches unmogliches Ding mit zwei entgegengesetzten, 
einander aufhebenden Pradikaten. 

Die Begrundung der Logik, ihre GestaLtung zu einer selbstandigen wissen- 
schaftlichen Disziplin, ist unter den Verdiensten des Aristoteles vielleicht das 
grofite, wie es sicher das dauerndste ist. Fur alle Folgezeit bis auf die Gegen- 
wart sind die logischen Lehren des Aristoteles maBgebend geblieben; auch wo 
man ihre Bedeutung einschrankte oder anders bestimmte, konnte man an ihrer 
Richtigkeit nicht zweifeln. Und einzig die Elemente des Euklid konnen sich 
an fortdauernder Wirkung mit dem Organon des Aristoteles messen. In diesen 
beiden Grundwerken aus dem wissenschaftlichen NachlaO des Altertums of- 
fenbart sich auf gleich entscheidende Weise das Genie der Griechen fur die 
formale Wissenschaft, — ihr Genie und zugleich die eigentumliche Begrenzt- 
heit desselben: die ausschliefiliche Befassung mit festen Definitionen und Fi- 
guren, ein, wie man sagen konnte, ihrer architektonischen und plastischen 
Kunst verwandter Geist. Innerhalb dieser Grenzen haben die Alten in ihrer 
Logik und Geometrie fur alle Zeiten Muster begrifflicher Strenge aufgestellt. 
So ist es nicht das geschichtliche Interesse allein, das die Logik der Gegenwart 
mit Aristoteles verbindet. Kant ging sogar so weit, zu behaupten: wie die Lo- 
gik seit Aristoteles keinen Schritt riickwarts zu tun brauchte, so habe sie bis 
jetzt auch nicht vermocht, einen Schritt vorwarts zu tun, und sei daher allem 
Anscheine nach abgeschlossen und vollendet. Man braucht dieses Urteil, das 
schon fur Kants eigene Zeit nicht vollig zutreffend war, noch weniger fur un- 
sere Zeit gelten zu lassen und kann dennoch iiberzeugt sein, dafi es fur die 
Logik noch heute von sachlichem Werte sei, sich an Aristoteles zu orientieren, 
namentlich in den Fragen nach ihrer Aufgabe, der Stellung, die ihr im Systeme 
der Wissenschaften zukommt, ihrem Unterschied von der Psychologie, ihrem 
Verhaltnis zur Erkenntnistheorie, den prinzipiellen Fra_gen„also, iiber welche 
eine voile Ubereinstimmung noch nicht erreicht isty 

Kein Zweifel, Aristoteles hat die Logik als allgemeine Wissenschaftslehre 
aufgefaBt, als die Theorie der Theorien, und sein Gesichtspunkt bei ihrer Be- 
grundung war der methodologische. Darauf, was eine Wissenschaft zur Wissen- 
schaft macht, zielt die Untersuchung in den Analytiken. Sie geht auf den wis- 
senschaftlichen Beweis, und ihr Gegenstand ist das beweisbare Wissen: so 
bestimmt Aristoteles selbst die Aufgabe seiner logischen Hauptschrift. Mit 
dem einen Teil dieser Doppelaufgabe, dem wissenschaftlichen Beweise seiner 



70 Alois Riehl: Logik und Erkenntnistheorie 

Form nach, beschaftigen sich die ersten Analytiken, die zweiten fiigen die Be- 
trachtung jener grundsatzlichen Vgraussetzungen hinzu, worauf ein auch dem 
Gehalte nach notwendiges Wissen beruht. Beide zusammen bilden die Lehre 
des Aristoteles von der Gewifiheit der Erkenntnis, seine Apodeiktik. Den Na- 
men Analytik aber fuhrt die ganze, formal-logische wie erkenntnistheoretische 
Diszipltn von ihrem Verfahren der Auflosung der Beweise in die zugehorigen 
Schlufiformen und der Zuriickfuhrung der wissenschaftlichen Erkenntnis auf 
ihre Prinzipien. 

Im Mittelpunkte steht die Theorie des Syllogismus. Die Logik des Ari- 
stoteles ist auf dem Syllogismus aufgebaut; alle ihre weiteren Lehren grup- 
pieien sich um das syllogistische Verfahren. Die Schlusse werden in Satze auf- 
gelbst, die Satze in Begriffe: so gewinnt Aristoteles vom Syllogismus aus den 
Zugang zu einer rein logischen Lehre von den Urteilen und den Begriffen. 
Fur die ersten Analytiken kommen die Urteile lediglich in ihrer Funktion als 
Vordersatze zu den daraus abzuleitenden SchluGsatzen in Betracht, nicht so- 
fern sie Ausdruck sachlicher Verhaltnisse sind, und ebenso werden hier die Be- 
griffe nur als Bestandteile der Satze eingefuhrt, als Termini oder Grenzpunkte 
der Pramissen und folglich des Schlusses. Durch dieses einfache Verfahren 
gestaltet sich die logische Theorie des Aristoteles unabhangig von alien wei- 
teren Annahmen iiber die Natur und den Ursprung der Begriffe, unabhangig 
auch von seiner eigenen Annahme, dafi sich in den Begriffen die allgemeinen 
Wesenheiten der Dinge zu erkennen geben. Der Terminus in einem Schlusse 
hat, unmittelbar wenigstens, nichts mit dem Wesensbegriff, dem Abkbmmling 
der sokratisch-platonischen Begriffsphilosophie, zu tun. Die Aufgabe einer 
reinen oder formalen Logik war damit umgrenzt, die Logik von der Psycho- 
logic geschieden und der Erkenntnistheorie, die bei Aristoteles von der Meta- 
physik nicht wohl zu trennen ist, vorangestellt. 

A. Logik. 

Logik un( i I. Aufgabe der Logik. Die Form der Wissenschaft ist selbst Gegen- 

P3ycholog10 stand einer Wissenschaft und diese: die Logik, eine und dieselbe, wie ver- 
schieden auch die Objekte des Wissens ihrer Beschaffenheit nach sein mogen. 
Eben daher kann die Logik ihre theoretische Grundlage nicht wieder einer 
Einzelwissenschaft, wie der Psychologie, zu verdanken haben, und nur in 
einer Zeit, die sich mit Recht des Aufschwunges der psychologischen Forschung 
ruhmt, konnte einen Augenblick dieses einfache Sachverhaltnis verkannt 
werden. Zur Auflosung einer Gleichung brauchen wir keine psychologische 
Theorie des mathematischen Vorstellens, noch konnten wir eine solche dafur 
gebrauchen. Ebensowenig aber setzte uns eine noch so genaue Kenntnis der 
psychischen Prozesse und Akte des Urteilens und Folgerns in den Stand, einen 
Schlufi richtig zu Ziehen, oder die Richtigkeit eines gegebenen Schlusses zu 
beweisen. Ob wir jene Kenntnis besitzen oder nicht: die Einsicht in die Not- 
wendigkeit des Schlusses geht jedenfalls nicht aus ihr hervor, noch konnte sie 
durch sie im geringsten erhbht werden; sie ergibt sich vielmehr aus der Be- 



Aufgabe der Logik -, \ 

trachtung der Verbindung der Satze durch die Beziehungen der in den Satzen 
vorkommenden Begriffe. So unabhangig ist die Logik von der Psychologic 
Hbchstens in der Einleitung in die Logik mogen psychologische Erorterungen 
am Platze sein; aber auch hier nur, um die Logik von der Psychologie zu unter- 
scheiden und ihren Platz wieder zu raumen, nachdem dieser Zweck erreicht 
ist. Die Logik ist eine objektive Wissenschaft gleich der ihr am nachsten ver- 
wandten Mathematik. Irrefiihrende, doppelsinnige Erklarungen, die von ihr 
im Schwange sind: wie Vernunftwissenschaft, Lehre von den Denkgesetzen 
u. dgl. konnen an ihrer wahren Natur nichts andern; und statt an die Worte 
halte man sich an das Verfahren der Logiker. Dieses aber ist iiberall und iiber- 
einstimmend dasselbe: die objektive Analyse der Form eines wissenschaft- 
lichen Zusammenhanges nicht die subjektive de.r Prozesse des Wissens. Wie 
sollte auch irgendein logischer Lehrsatz, etwa die Giiltigkeit eines bestimm- 
ten Modus einer Schlufifigur, psychologisch, durch Beobachtung der hierbei 
ausgeiibten Tatigkeit des Subjektes, zu begriinden sein? Stellt doch ein sol- 
cher Satz an die Denktatigkeit des Subjektes eine Forderung, die von dem 
Objekte des Denkens ausgelit, und nach der sich unser Denken zu richten hat. 
Wollen wir daher fortfahren, in der Logik von Denkgesetzen zu reden, so 
haben wir darunter weder Naturgesetze des Denkens zu verstehen, seiche 
gewifi wie der Denkvorgang selbst sehr zusammengesetzt sind, noch auch un- 
mittelbar Normen fur das Denken, denn dazu macht die logischen Gesetze 
erst ihr Gebrauch. Denkgesetze im Sinne der Logik sind Gesetze des Gedach- 
ten, des Gegenstandlichen iiberhaupt, und sofern ist die Logik die Wissen- 
schaft von den einfachsten Verhaltnissen der Objekte des Denkens und eine 
Art Mathematik der Erkenntnis. Ihr einziges Prinzip ist der Grundsatz der 
Identitat, oder negativ ausgedruckt; der Satz vom Widerspruch; Analysis 
des Gedachten durch das Prinzip der Identitat: — dies die exakte Definition 
ihres rein formalen Teiles. Die Psychologie aber gehort zur Logik, wie jede 
andere Einzelwissenschaft auch, als Substrat def Untersuchung, nicht als 
Fundament derselben. 

Wissenschaft und Logik gehoren zusammen. Nur einige wenige Satze Lo^ik und 
der logischen Elementarlehre bleiben, nachdem sie einmal gefunden waren, sse,isc a 
unberiihrt von den Fortschritten des wissenschaftlichen Erkennens und der 
Veranderung seiner Ziele, und auch sie erfahren in dem neuen Zusammen- 
hange, in den sie eintreten, eine teilweise neue Auffassung ihrer Bedeutung. 
Die Methodenlehre aber der modernen Wissenschaft kann mit derjenigen der 
antiken, d. h. griechischen nur noch in den allgemeinsten Grundziigen zu- 
sammenfallen. Das Altertum kannte, von einzelnen Spuren in der pythago- 
reischen und platonischen Philosophic abgesehen, den Begriff des mathema- 
tischen Naturgesetzes nicht. Seine Wissenschaft oder Philosophie wandte 
sich den Formbegriffen der Ditige zu, den der Anschauung naherliegenden 
Begriffen ihrer Arten und Gattungen. Die Verallgemeinerung, die sie an- 
strebte, ist die klassifizierende durch Abstraktion. Was in der Euklidischen 
Geometrie die Zerlegung der Figuren bedeutet und iiberhaupt die Erforschung 



j 2 Alois Riehl: Logik und Erkenntnistheorie 

der Mafibeziehungen der Gebilde, eben das bedeutet in der antiken Logik die 
Zerlegung der Begriffe in ihre Umfangsteile und die Betrachtung der Urn- 
fangsbeziehungen. Auch von den SchluBoperationen sind es vor allem die 
direkten oder deduktiven und unter diesen wieder die durch Subsumtion der 
Begriffe sich voHziehenden Arten, welche die alte Logik untersuchte und deren 
Gesetze sie ermittelte. Eine Theorie der induktiven Schliisse dagegen ist nur 
in den Anfangen vorhanden, auch konnte das Bediirfnis nach einer solchen 
erst in der neueren Zeit erwachen. In der Logik der Alten, ihrer Geometrie und 
selbst ihrer Statik haben wir Schopfungen und Offenbarungen eines und des- 
selben wissenschaftlichen Geistes zu erkennen, und man konnte versucht sein, 
im Gleichnis, das vielleicht mehr als ein Gleichnis ist, von einem statischen 
Gebrauch der Begriffe im Altertum zu reden, im Gegensatze zu dem dynami- 
schen und entwickelnden in der neueren Wissenschaft. 

Logit und II. Zur Kritik der aristotelischen Logik. In dem Ausbau seiner 

ihr v/rhaitnis Logik muBte sich auch Aristoteles an den Stand des Wissens seiner Zeit und 
bei Anatoteies. fa e Aufgaben, die es sich stellte, gebunden zeigen. Man hat nicht ohne Grund 
in der syllogistischen Logik das Gegenstiick zur Metaphysik der substantiellen 
Formen, der zu Wesenheiten und Ursachen erklarten Begriffe gesehen. Doch 
tritt bei Aristoteles dieser Zusammenhang erst in der Anwendung der logischen 
Formen auf die Probleme der Erkenntnistheorie hervor. Erst die zweiten 
Analytiken schreiben dem SchiuBprinzip, das die ersten der Theorie des Syl- 
Iogismus zugrunde gelegt hatten, realen Sinn zu. Sie fordern erst, dafi der 
Mittelbegriff im Schlusse der Ursache in der Wirklichkeit zu entsprechen habe. 
So erst wird der Schlufi zu einem, ,apodeiktischen", bei dem sich logische Not- 
wendigkeit und reale oder ontologische decken, und die syllogistische Ablei- 
tung eines Satzes kann als das Abbild des Werdens und der Gestaltung der 
Dinge selbst erscheinen, als der adaquate Ausdruck der Bestiinmungen ihrer 
Eigenschaften durch ihre begrifflichen Formen. Wir verstehen daraus, dafi 
Aristoteles zur Uberschatzung des Syllogismus kommen mufite, dessen Ent- 
deckung er sich mit Recht zura Verdienste rechnet. Sind unsere Art- und 
Gattungsbegriffe nicht blofie Stufen der Abstraktion, sondern Begriffe all- 
gemeiner Wesen oder Dinge, so vollzieht wirklich die Einordnung des ein- 
zelnen in seine Art und vermittels dieser in die Gattung einen reellen Fort- 
schritt des Erkennens. Das Neue, u das andere als das bereits Vorliegende", 
zu dem eine solche Einordnung fiihrt, ist nicht eine ohne den Syllogismus un- 
bekannt bleibende Erkenntnis tatsachlicher Art, sondern die Einsicht in den 
Grund oder die Ursache des im SchluCsatze ausgedriickten Sachverhaltes. 
Sokrates stirbt an seinem Menschsein, die Notwendigkeit seines Sterbens, nicht 
dessen Tatsachlichkeit, ist das, was syllogistisch erkannt werden soil, und die 
Einwendungen, welche Mill, ankniipfend an dieses Musterbeispiel des in der 
Schullogik unsterblichen sterblichen Menschen, gegen den Syllogismus erhebt, 
treffen wenigstens die Auffassung des Aristoteles nicht. Zuzugeben ist indes: 
ohne die Annahme unveranderlicher Formen in der Natur als der wirkenden 



Syllogistik. 



Kritik der Syllogistik -. 3 

Prinzipien und Zwecke der Dinge hatte vermutlich Aristoteles auch in der 
Logik nicht alles Gewicht auf die Unter- und Uberordnung der Begriffe ge- 
legt und nicht von vornherein die nicht-subsumierenden Formen des Schlie- 
fJens (und schon Plato deutete auf solche hm) von seiner Betrachtung ausge- 
schlossen. Mit der Theorie solcher nicht-syllogistischer Schluftformen, die zu 
nicht minder notwendigen Konsequenzen fiihren wie die syllogistischen, sind 
der Logik wichtige und zum Teil noch ungeloste Aufgaben gestellt. 

Nach Aristoteles stellt der Syllogismus den einzigen und wahren Typus Kntik der 
aller deduktiven Schlufifolgerungen dar, der Folgerungen, die von dem All- 
gemeinen auf das Besondere schliefien. Begreiflicherweise hat die ganze tra- 
ditionelle Logik an dieser Anschauung festgehalten. Wir wundern uns nur, 
dafi selbst Mill sie noch teilte. Auch nach Mill ist der Syllogismus, der freilich 
nur ein SchluC von Besonderem auf Besonderes sein soil, die Richtschnur aller 
,,rationativen" Schliisse und seine Theorie der wesentliche Teil der deduktiven 
Logik. Doch kann diese Auffassung unmittelbar nur auf das erste aristotelische 
Schlufischema, die erste syllogistische Figur, bezogen werden, und auch in 
dieser gilt sie streng genommen nur von dem ersten Modus mit allgemein be- 
jahendem SchluDsatz, — den Modus Barbara hat ihn d:e scholastische Lo- 
gik mit unabsichtlich mitbezeichnendem Ausdiuck benannt. Dieser Modus 
ist in der Tat, wenn wir ihn nicht zu formalistisch auffassen, fur wesentliche 
Gruppen unserer deduktiven Schliisse die gemafie logische Form. Nach ihm 
wenden wir Naturgesetze auf neue, bei ihrer Aufstellung nicht vorgesehene 
Falle an, und auch die klassifikatorischen Merkmale eines Dinges werden in 
dieser Weise gefolgert. Es gibt aufier ihm keine zweite Art, syllogistisch all- 
gemein bejahende Satze abzuleiten. Vor allem aber; in dieser Schlufiweise 
allein kommt das Prinzip des aristotelischen Syllogismus rein und unmittel- 
bar zum Ausdruck. Der Mittelbegriff ist in ihr wirklich, auch der Allgemein- 
heit nach, der mittlere Begriff, und welcher der Major des Schlusses ist, wel- 
cher der Minor, ist hier schon in ihrer Stellung zum Medius gegeben, wogegen 
dies in der zweiten und der dritten Figur erst aufierlich, durch Riicksicht auf 
den Schlufisatz, festgesetzt werden jnul3. Auch erfolgt in diesen beiden Fi- 
guren der Schlufi nicht durch Unterordnung, sondern in der einen durch Ent- 
gegehsetzung, in der anderen durch Herausstellung eines den beiden AuBen- 
begriffen gemeinsamen Umfangsteiles; es gibt in der zweiten Figur gultige 
Modi mit verneinenden Untersatzen, in der dritten solche mit partikularen 
Obersatzen, die also nicht wirkliche Obersatze sind; dort fehlt die Unter-, hier 
die Uberordnung. Aristoteles selbst betrachtet daher nur sein erstes Schema 
als vollkommene, an sich beweisende Schlufiform und fiihrt seine zweite und 
sogar die dritte Figur, unter Verkennung ihrer Eigenart und mit offenbarer 
Kunstelei, auf die erste zuriick. Er kennt also im Grunde nur eine Art des de- 
duktiven Schlusses, das erste Schema. Ganz folgerichtig haben sich daher alle 
Angriffe, die schon im spateren Altertume und mit verstarktem Grade zu Be- 
ginn der neueren Philosophic gegen den Syllogismus erhoben wurden, gegen jenes 
Schema und seine hauptsachliche Schlufiweise, den Modus Barbara, gerichtet. 



74 Alois Riehl: Logik und Erkenntnistheorie 

Gaiiiei ubcr Soweit die Syllogistik in die Voraussetzung eines an sich bestehenden 

Sjitoghmus Systems realer Begriffe oder allgemeiner Dinge verflochten ist, kann sie zu- 
samt dieser Voraussetzung nur noch historisches Interesse beanspruchen. 
Nun sind aber, wie wir wissen, ihre Regeln nicht direkt aus dieser Vorausset- 
zung abgeleitet, mag ihre Ableitung auch mittelbar durch sie beeinflufit wor- 
den sein; sie brauchen daher nicht notwendig das Schicksal der aristotelischen 
Metaphysik zu teilen. In der Tat kommt ihnen zunachst und unfraglich eine 
regulative oder, wie man auch sagen kann, kritische Bedeutung zu; sie stellen 
einen ,,Kanon" des SchlieBens dar, wenn sie auch nicht mehr als dessen ,,Or- 
ganon" betrachtet werden, Keiner hat diesen der ublichen Logik verbleiben- 
den Wert richtiger bestimmt, als der Forscher und Denker, der die Wissen- 
schaft und ihre Theorie am weitesten iiber Aristoteles hinausgefiihrt hat. Die 
Logik, erklart Galilei, ist wohl ein ganz vortreffliches Werkzeug, unsere Argu- 
mentationen zu regeln und bereits fertige oder gefundene Beweise auf ihre 
Schlufikraft hin zu priifen, denn sie zeigt, wie aus zugestandenen oder gege- 
benen Pramissen die notwendigen Konkiusionen zu Ziehen sind; eine Anwei- 
sung zum Auffinden der Beweise aber vermag sie nicht zu geben, hierinsei ihr 
die Mathematik weitaus uberlegen. Damit ist zugleich angedeutet, daG die 
Schwierigkeit nicht im Ziehen der Schliisse liegt, sondern in der Aufstellung 
der Pramissen, und zwar ist es bald der Obersatz, den wir suchen, in anderen 
Fallen bildet wieder die Auffindungdes Untersatzes den wesentlichen Teil unse- 
rer SchluBoperation. Fraglich erschein t nur, ob es noch in den Bereich einer Logik 
falle, jene Anweisung zu geben, und ob eine solche Kunst der Erfindung uber- 
haupt moglich ist. Vielleicht miissen wir uns bescheiden, mit Galilei zu sagen: 
die sicherste Weise, zur Wahrheit zu gelangen, sei: Erfahrungen der Sinne 
jeder wie immer gearteten Argumentation des blofien Verstandes den Vorzug 
zu geben, was, wie Galilei hinzufugt, eigentlich auch im Sinne des Aristoteles 
ist. Vermochte die Logik auch nichts weiteres zu leisten als Klarheit und Be- 
stimmtheit in unsere Begriffe zu bringen, Ordnung und Folgerichtigkeit in die 
Verbindung der Satze; — schon durch diese Praxis ware ihre Theorie hin- 
langlich gerechtfertigt. Allein zunachst und vor allem ist sie eine theoretische 
Disziplin; und auch die Lehre von den Syllogismen muC neben und vor ihrer 
regulativen Bedeutung eine rein theoretische besitzen. Unsere wissen^schaft- 
lichen Erkenntnisse folgen nicht bloC der Zeit nach aufeinander, sie gehen 
auch inhaltlich auseinander hervor, und der Syllogismus hat nicht aufgehbrt, 
einen Bestandteil unserer Schlufilehre zu bilden, weil wir aufgehort haben, ihn 
im Sinne des aristotelischen und des mittelalterlichen „Realismus" aufzufassen. 

Aigebriische III. Die We i t e r e n t w i c lei u n g der Logik. Nach zwei Richtungen 

g ' erfolgte seit Aristoteles die Weiterentwicklung der Lehre von den Schluflfol- 
gerungen, dieses Hauptteiles der deduktiven Logik, und im Grunde waren 
schon bei Aristoteles selbst die Ausgangspunkte fur beide Wege gegeben, Ob- 
schon an den sprachlichen Ausdruck der Begriffe und Satze mehr, als wir bil- 
ligen konnen, gebunden, und ofters Sprachliches und Logisches ineinander 



Fortbildung der Logik yc 

mengend, bediente sich doch Aristoteles zur Darstellung der syllogistischen 
Verhaltnisse einer allgemeinen Bezeichnungsweise fur die Begriffe; er setzt 
an ihre Stelle Buchstaben und ordnet diese in Reihen, welche den einzelnen 
syllogistischen Figuren entsprechen. So ist eigcntlich schon er der Urheber 
auch der algorithmischen oder mathematischen Logik, des Logikkalkuls. Mit 
Kntschiedenheit und aus prinzipiellen Erwagungen hat aber doch erst Leibniz 
den Weg der mathematischen Darstellungs- und Auffassungsart der logischen 
Beziehungen betreten. Die Form der Syllogismen, deren Erfindung Leibniz 
fur eine der schonsten und bemerkenswerLesten erklart, die der menschliche 
Geist gemacht habe, ist, so driickt er sich aus, eine Art allgemeinster Mathe- 
matik, deren Bedeutung noch nicht sehr bekannt sei. Leibniz denkt dabei an 
eine Rechnung auf der Grundlage idencischer Satze; er bringt die Urteile aut 
Gleichungen, und schon bei ihm findet sich der Grundsatz der ,,Quantifika- 
tion des Pradikats", wonach bei einem allgemein bejahenden Satze das Pra- 
dikat in der Regel partikular zu verstehen sei. Doch bewegen sich seine Ver- 
suche noch imRahmen der Syllogistik. Erst G. Boole liefi diese Beschrankung 
fallen; er wurde dadurch zum Schopfer einer neuen Disziplin, der Algebra der 
Logik, von der man nur zweifeln kann, ob sie ein neuer Zweig der mathemati- 
schen Analysis sei, oder eine Reform der altcn Logik bedeute. Keinesfalls ist 
sie damit abgetan, daC man sie als ,, logischen Sport" bezeichnet Dadurch, 
dafi sie zeigte, wie ein beliebig komplexes System logischer Satze nach irgend- 
einem Elemente des Systems aufzulosen sei, hat sie die Theorie des Schlusses 
unabhangig gemacht von der Anzahl der Pramissen. DaC sie nicht vermag, die 
ganze, auch qualitative, Mannigfaltigkeit der Beziehungen der Merkmale und 
Begriffe wie Summanden oder Faktoren darzustellen, ist kein Einwand gegen 
sie. Denn diese Darstellung liegt ganz ebenso aufierhalb der logischen Auf- 
fassung, wie sie aufierhalb der mathematischen liegt. Gegenstand einer rein 
logischen Untersuchung koniien iramcr nur analytische Beziehungen sein, Be- 
ziehungen durch Identitat der Inhalts- oder Umfangsteile von Begriffen. Wa^ 
aber die algebraische Logik dennoch bestimmt, eine logisch-mathematische 
Spezialitat zu bleiben, ist ihr Unvermogen, so wesentliche Unterschiede aus- 
zudrucken, wie den Unterschied der drei SchluGfiguren. Hier zeigt der sprach- 
liche Ausdruck seine Uberlegenheit iiber den algebraischen. GewiS, auch die 
Sprache ist nur ein Symbol der Gedanken, aber sie ist ihr erstes und nachstes 
Symbol; ktinstliche Zeichen dagegen sind Symbole von Symbolen. Wir be- 
durfen daher immer wieder sprachlicher Satze, um die Bedeutung der Zeichen 
zu erklaren und die Gesetze anzugeben, unter denen sie, nach unserer Fest- 
stellung, stehen sollen. 

Die zweite Richtung fiir die Fortbildung der Logik war gefunden, seit Fortbildung de r 
Kant, unbefriedigt durch die Erklarung, welche die Logiker von einem Urteil UHeiLie^re *". 
tiberhaupt geben, das Merkmal der objektiven Einheit des Bewufitseins der 
darin enthaltenen Begriffe in die Definition des Urteils aufgenommen hatte. 
Die Reform der Logik ist zur Reform der Urteilslehre geworden. Alle unsere 
PJrkenntnisse : Erfahrungen wie gedankliche Uberzeugungen, werden nicht 



-6 ALOIS Riehl: Logik und Erkenntnistbeorie 

blofi in sprachlichen Satzen oder ihnen aquivalenten Formen ausgedriickt, sie 
sind auch logisch betrachtet Urteile- Auch der Schlufi ist nur ein vermitteltes 
Urteil iiber den Zusammenhang von Urteilen, Wir geben daher nicht bloG zu, 
wir fordern, daG ebenso, wie die Pramissen beweisend sind fur die Konklusion, 
so auch diese beweisend sein mufi fiir die Pramissen; bestreiten aber, dafi der 
Schlufi deshalb zu nichts Neuem fiihrt. Auch die Erkenntnis eines analytischen 
Zusammenhanges ist Erkenntnis; vermchrt sie auch nicht unser Wissen nach 
aufien hin, so klart sie es doch nach innen hin auf, Besteht aber der SchluB 
in der Anwendung eines Naturgesetzes, so wird durch ihn entweder eine bisher 
unbekannte Tatsache entdeekt, oder eine bekannte erklart. — Wir schliefien 
aus den Anomalien in den Storungen einer Planetenbahn auf die Existenz 
eines noch unbekannten Planeten und erklaren die Doppelbrechung aus der 
Ungleichheit der Elastizitiit in der Richtung der Achsen des Kristalles: in dem 
einen wie in dem anderen Falle wird unsere Erkenntnis durch den Schlufi er- 
weitert. Ist sonach der Schlufi mit seinen Pramissen und ihrer Konklusibn 
als einheitliches Ganzes aufzufassen, ist er selbst ein Urteil, das „Zusammen- 
hangsurteil", so sind auch die naturlichen Arten der Schliisse nach den Ar- 
ten oder Formen der Urteile zu unterscheiden, und es ist der Schlufisatz, der 
durch seine Form die Art des Schlusses selbst bestimmt. 

IV. Begriffe und Definitionen. Auch zu den Begriffen hat die mo- 
derne Logik ein anderes Verhaltnis als die antike Wissenschaftslehre. Siefafit 
die Begriife als Mittel und Werkzeuge einer wissenschaftlichen Untersuchung 
und eher noch als Anfang statt als Abschlufi und Endziel des Erkennens 
auf. Allc Begriffe sind fiir sie tatsachlich, was von den Ideen Platons faisch- 
lich behauptet worden ist: ,,Methodenbegriffe", d. i. Regeln der gedanklichen 
Vorstellung der Objekte. Die Angabe einer solchen Kegel ist die Definition des 
betreffenden Begriff s. So wird durch die Verbindung der nachst hoheren Gat- 
tung mit dem Unterschied der Art der Begriff einer Gruppe von Dingen und 
Vorgangen definiert, es wird durch sie der Ort bestimmt, den der zu erklarende 
Begriff innerhalb eines wohlgeordneten Systems von Begriffen einnimmt. Diese 
sonach als topisch zu bezeichnende Definition nimmt ihren Ursprung in der 
generalisierenden Abstraktion, der gedanklichen Hervorhebung der iiberein- 
stimmenden Merkmale einer gegebenen Gruppe von Dingen und Vorgangen. 
Eine zweite Art von Definitionen, wir bezeichnen sie als die genetische, ist das 
Ergebnis einer analytischen Abstraktion, der Zuruckfuhrung der Vorgange 
in der Natur und im Denken auf letzte Einfachheiten, aus deren Verbindung 
die definitorische Regel hcrvorgeht. Diesen beiden Hauptarten der Definition 
entsprechen zwei Arten von Begriffen: die Begriffe von Klassen und die Be- 
griffe von Gesetzen oder Funktionen. Es ist die Aufgabe der fortschreitenden 
Wissenschaft, Klassen begriffe auf Gesetzesbegriffe zuruckzufiihren, alle Be- 
griffe als Funktionen zu gebrauchen. So suchen wir die Klassifikation der 
Pflanzen und der Tiere auf Gesetze der Abstammung und Entwicklung zu- 
riickzufuhren und besitzen seit der Entdeckung der Entstehung chemischer 



Neue SchluBlehre -j - 

Atome und der Isotopen ties Bleies und des Stickstoffs bereits die Umrisse eines 
genetischen Systems der Atome. Begriffe und Definitionen sind der Sache 
nach dasselbe; denn entweder wird der Begriff erst durch die Definition gege- 
ben, wie dies beispielsweise bei den Definitionen, von denen die Geometrie, 
die Arithmetik und Algebra ausgehen, der Fall ist, oder er wird durch die De- 
finition dargestellt und entwickelt. Das letzteregeschieht, sooft die mehr oder 
minder unbestimmte und schwankende mit cinem Worte einer uns bekannten 
Sprache verschmolzene Bedeutungsvorstellung fixiert und klar und deutlich 
bestimmt wird. 

Dennoch besteht, obzwar nicht dem Wescn, doch dem Gebrauche nach, 
ein Unterschied zwischen Begriffen und ihren Definitionen. Wir bedienen uns 
namlich im Denkverkehr, nicht bloB mit anderen, sondern auch mit uns selbst, 
statt der ausfuhrlichen Definitionen eines Zeichens fiir sie ; der Begiiffsbcnen- 
nung. Begriff und Definition unterscheiden sich dann, wie sich Potentielles 
von seinem Aktuellen unterscheidet. Begriffe sind mogliche Definitionen, De- 
finitionen verwirklichte Begriffe, jene entha'.ten in implizierter oder unzerleg- 
ter Form, was in diesen expliziert und ausgelegt wird. — Definitionen werden 
in der Form von Satzen, in der Form also von Aussagen ausgedriickt; dennoch 
sind sie selbst keine Aussagen oder Urteile. Ihre sprachliche Einkleidung darf 
uns hier nicht tauschen. In einer Definition wird nie mehr als Ein Begriff ge- 
geben oder erklart; es hat aber keinen verstandlichen Sinn, zu sagen, ein Be- 
griff werde von sich selber ausgesagt. 

V. Neue Schlufilehre, Eine ,,Tafel der Urteile" aufzustellen, ist ge- .,'r»fci« -dor 
genwartig zu einer der wichtigsten Aufgaben der Logik geworden. An die 
Spitze hat die Einteilung der Urteile hinsichtlich ihrer Objekte in zwei Grund- 
formen zu treten. Wie es zwei Gebiete der Erkenntnis gibt, voneinander ver- 
schieden und unabhangig, das eine, gebildet durch die Beziehungen der 
Begriffe, das zweite Dasein und Tatsachen umfassend, so gibt es auch zwei 
Hauptklassen von Urteilen: Satze iiber Begriffe und Aussagen iiber Dinge, 
oder Realbehauptungen. Diese beiden Urteilsarten lassen sich sowenig wie 
ihre Objekte unmittelbar ineinander iiberfiihren. Ihre wesentliche Verschie- 
denheit zeigt sich an der verschiedenen Bedeutung der Allgemeinheit, wenn 
wir diese Satzen der einen oder solchen der anderen Art zuschreiben. Ein all- 
gemeiner Satz von der Form: alle A sind B } kann bedeuten: die A i welche B 
sind, sind alle A, anders ausgedrtickt: es gibt in Wirklichkeit kein Ding A, wel- 
ches nicht zugleich B ist, keinen Menschen, der nicht auch stevblich ware, kurz 
eine Klasse A, die nicht B ist, existiert nicht. Die Allgemeinheit ist hier die 
empirische Ailheit der verglichenen Falle, und der SchlufJ von einem solchen 
Allgemeinen auf das Besondere und Einzelne hat zu seinem Prinzip das ,, dic- 
tum de omni et nullo". Die namliche Formel: alle A sind B, von einem begriff- 
Hchen Satze gebraucht, hat den wesentlich verschiedenen Sinn: A ist not- 
wendig B — das ebene Dreieck im Euklidischen Raume notwendig das Drei- 
eck mit der Winkelsumme von zwei Rechten — , hier ist die Allgemeinheit eine 



78 ALOIS Riehi,: Logik uml Erkenntnisthcorie 

rationelle und absolute, von der Existenz und Zahl der Falle, oder der Wieder- 
holung des Begriffes, schlechthin unabhangige. Es gibt ein untriigliches Kenn- 
zeichen, in jedem einzelnen Falle zu unterscheiden, welche Art Allgemeinheit 
ein bestimmter Satz hat. Schon Locke hat es angegeben : jeder Satz, von dessen 
Wahrheit oder Falschheit eine gewisse Erkenntnis moglich ist, betrifft kein 
Dasein, jeder partikuiare, bejahende oder verneinende Satz dagegen, der auf- 
hort, gewifi zu sein, sobald man versucht, ihn allgemein zu machen, hat nur 
allein wirkliche Existenz zum Gegenstande. Kein empirischer Satz lafit sich 
auf dem Wege der Empiric allein in cinen unbedingt allgemeinen oder not- 
wendig gultigen Satz verwandeln; es bedarf dazu stets der Vermittlung eines 
begrifflich allgemeinen Satzes in Gestalt eines Gesetzes, und auch dann noch 
bleibt das rein Empirische in ihm mit der Klausel versehen: weiterc Prufung 
vorbehalten. 
Hauptari^n Aus dieser Grundunterscheidung der Urteile ergeben sich unmittelbar 

Schii-ssp! zwei Hauptarten von Schlussen: Schlusse aus Satzcn iiber Begriffe und solche 
aus Realbehauptungen oder Urteilen iiber Dinge. Ist der Schlufisatz ein Satz 
von unbedingter oder rationeller Allgemeinheit, drlickt er also eine Beziehung 
von Begriffen aus, so mussen auch die Pramissen Beziehungen von Begriffen 
zum Gegenstande haben oder reine Begriffssatze sein; die Zahl der Pramissen 
ist dabei nicht beschrankt. Jede Verkettung rein analytischer Schlusse, aber 
auch die Verbindung von Axiomen zu Lehrsatzen und der Lebrsatze zu wei- 
teren Folgerungen in der Weise Euklids liefern dazu Beispiele. 1st der Schlufi- 
satz eine einfache Realbehauptung, gibt er dem bloBen Stattfinden einer Tat- 
riache Ausdruck, so sind auch die Satzc, aus dencn er gefolgert ist, einfache 
Realbehauptungen. Auch hier ist die Zahl der Urteile nicht festgelegt. Nun 
kann aber der SchluBsatz Tatsachlichkeit und Notwendigkeit in bezug auf ein 
und dasselbe Objekt behaupten. In diesem Falle ist ein allgemeingultiger und 
notwendiger Satz, ein mathematisches Naturgesetz z. B., als Obersatz voraus- 
zusetzen, dem ein Satz von tatsachlicher Giiltigkeit untergeordnet wird; nur 
so kann der Schlufisatz die Bedeutung eines tatsachlichen Satzes mit der eines 
notwendigen verkniipfen. Diese schr wesentliche SchluOart, man kann sie von 
ihrem hauptsachlichen Anwendungsgebiete den Schlufi der experimentellen 
Wissenschaften nennen, entspricht, wie man sieht, dem ersten Modus des ersten 
aristotelischen Schemas; auch kannte Aristoteles selbst diese Verbindung eines 
Satzes der Notwendigkeit mit einem solchen des Stattfindens zum Schlusse 
auf notwendiges Stattfinden, merkwurdigerweise jedoch, ohne ihre prinzipielle 
Bedeutung zu beachten. In diesem Schlusse allein ist die eine der beiden Pra- 
missen auch der Bedeutung nach und nicht blofi aufierlich der Obersatz, und 
der Schlufisatz folgt hier, gegen die iibliche Regel, der ,,starkeren" Framisse. 
Schon darum findet hier ein Fortschritt des Erkennens statt. Uberdies voll- 
zieht sich in dieser Form, wie schon bemerkt, die Anwendung eines Naturge- 
setzes, es sei zur Entdeckung einer noch unbekannten oder zur Erklarung einer 
bekannten Tatsache. Mit dem Begriffe eines Naturgesetzes verbinden wir das 
Merkmal ausnahmsloser Giiltigkeit. Mit w^elchem Rechte, hat die Erkenntnis- 



Neue Schlufllehre 



79 



theorie zu priifen; urn den Schlufi aus einem solchen Gesetze logisch zu recht- 
fertigen, geniigt, dafi sicher der im Gesetze ausgedruckten mathematischen 
Funktion der Naturgrofien wahre Allgemeinheit zukommt. — Eine besondere 
Stelle nimmt die dritte syllogistische Figur ein. Ihre Schlufisatze sind, der 
logischen Bedeutung nach, verneinend, auch wo sie dem Wortlaut nach be- 
jahend sind. Sie verneinen auf Grund eines oder mehrerer Beispiele die ver- 
meintliche Allgemeinheit eines Satzes. Der Buddhismus zeigt, dafi es auch 
atheistische Religionen geben kann, heifit: es ist falsch, dafi Religion und 
Theismus irgendeiner Gestalt notwendig zusammengehbren, geschweige, daft 
sie dasselbe sind. Und da es uns nur auf die \\ iderlegung dieser gewohnlichen 
Meinung ankommt, lassen wir im Schlufisatz das Beispiel fallen. Nicht alle 
syllogistischen Schliisse sind Schlusse durch Subsumtion; denn es gibt in der 
dritten Figur eine gultige Schlufiweise aus zwei allgemein verneinenden Vor- 
dersatzen (Lotzes Schlufimodus): — ist ein anderes, iiberdies zur Sache ge- 
horiges Beispiel. In alien dergleichen Fallen ist der Satz, den wir ver- 
neinen wollcn, in Gedanken zu erganzen; die Figur selbst enthalt ihn nicht, 
sie enthalt auch keinen v,irklichen Obersatz, sie wehrt nur die Moglichkeit 
ab, falsche Satze als Obersatze zu gebrauchen. Den Geist von Yorurteilen, 
in Gestalt iibereilter Verallgemeinerungen, zu befreien, ist ihre wichtige 
Funktion. 

Wie diese Ubersicht zeigt, gibtes nicht-syllogistische Formen des direkten 
oder deduktiven Sthlusses. Die traditionelle Logik hat von diesen Formen 
keine Kenntnis genommen, obschon sie in der Wissenschaft wie im taglichen 
Leben von weit ausgedehnterem Gebrauche sind alb jene des Syllogismus selbst. 
Hierher gehoren die Schlusse durch Obertragung und Zusammensetzung von 
Verhaltnissen (z. B. raumliehen: A Hegt nordlich von B, B westlich von C\ also 
A nordwestlich von C, und zeitlichen: das Ereignis m ist friiher als n, n friiher 
als O] also m friiher als o), ferner der Gr6fien\ergleirhung (p ist st-hwerer als 
q, q schwerer als r; p schwerer als r) und namentlich die damit verwandten 
Schlusse der Mathematik, die man mifiverstandlich zu den Syllogismen 
zahlte. Es ist daher von besonderer Wichtigkeit fur die Theorie der Schlusse, 
die mathematische Schlufiweise von der syllogistischen zu unterscheiden. Der 
Syllogismus schliefit von dem Allgemeinen durch Subsumtion auf das Beson- 
dere und Einzelne, das mathematische Schlufiverfahren geht den Weg vom 
Einfachen zum Zusammengesetzten und damit stcht es der Induktion sogar 
naher als der syllogistischen Deduktion. Eskennt streng genommen auch keine 
Subsumtion. Die Lehrsatze der Mathematik werden nicht aus den Axiomen auf 
dem Wege einer rein logischen Folgerung abgeleitet und auch ihre Beweise lassen 
sich nicht in Schlusse durch Subsumtion auflosen. Die Stelle der Einfuhrung des 
Mittelbegriffes in den Syllogismus vertritt in der mathematischen Gedanken- 
entwicklung die Erfindung von Konstruktionen. Unter Konstruktion darf 
nicht bloB die geometrische verstanden werden, das Entwerfen und Zerlegen 
von Figuren, das Ziehen von Linien; Konstruktion ist auch der Ansatz und die 
Umformung einer Gleichung, und die Analysis konstruiert, indem sie ihre 



80 Alois Riehl: Logik und Erkenntnistheorie 

Zeichen nach den arithmetischen Axiomen kombiniert und die Kombinationen 
nach Hankels Prinzip der Permanenz verallgemeinert. 

Auch in der Natur werden Grofien zusammengesetzt und Gestalten er- 
zeugt und je einfacher die Gestaltungsvorgange in ihr sind, desto mehr nahern 
sich auch ihre Erzeugnisse, wie Kristalle und gewisse Formen niederer Lebe- 
wesen zeigen, der Einfachheit und Regelmafiigkeit geometrischer Konstruk- 
tionen. Das Buch der Natur ist in geometrischen Zeichen geschrieben — lau- 
tet ein Ausspruch Galileis. 

Bacons VI. Die Logik der Induktion. Wie in der Geschichte der Philosophie 

uberhaupt, war auch in der Geschichte der Logik die Schopfung der mo- 
dernen Wissenschaft das Ereignis, das ihre zweite Epoche herbeifiihrte, die 
Epoche der induktiven Logik. Nicht Bacon, ein Mann des Planemachens, ein 
dilettierender Kopf, — der Schbpfer der neueren Wissenschaft selbst hat auch 
das ,,neue Organon" geschaffen. Bacons lnduktionsmethode steht sogar hin- 
ter der von Aristoteles gelehrten tatsachlich zuriick, auch enthalt sie, bis auf 
die kleine Korrektur der Beriicksichtigung der ,,negativen Instanzen", nichts 
Neues, Aristoteles hat der Induktion ihre richtige Stelle angewiesen. Er be- 
trachtet den induktiven SchluC als die Umkehrung des deduktiven. Wahrend 
dieser, der Syllogismus, durch den Mittelbegriff zeigt, daG der Oberbegriff dem 
Unterbegriff zukommt, hatdie Induktion durch den Unterbegriff zu zeigen, daC 
der Oberbeg-iff dem Mittelbegriff zukommt. Sie hat die Obersatze der Syllo- 
gismen aufzufinden. Aristoteles will induktiv, durch die einzelnen Falle, die 
allgemeine Verbindung zweier Begriffe erweisen (in seinem, freilich wunderlichen 
Bcispiel der Begriffe: langlebig und gallenlos sein), sein Schlufi stiitzt sich auf 
das Vorkommen zweier verschiedener Eigenschaften an den namlichen Dingen; 
Bacon dagegen geht der namlichen Eigenschaft oder Erscheinung (der War me in 
seinem Beispiel) in den verschiedenen Fallen ihres Vorkommens nach, seine 
Absicht ist, induktiv die Definition ihres Wesens, ihrer,,Form" zu finden. In 
der Weise des Aristoteles schliefien auch wir noch (um ein sinnvolles Beispiel 
zu wahlen) auf die Zusammengehorigkeit von Doppelbrechung und einachsiger 
Kristallform, wogcgen in der Methode Bacons noch keine Induktion durchge- 
fuhrt worden ist, auch von Bacon selbst nicht; denn seine ,,TabeUe der An- 
wesenheit" von Warme schliefit charakteristisch genug mit einem ,,und so 
we iter". 
Gaiitei iiber den Weder der Weg Bacons aber, noch auch das Verfahren des Aristoteles 

e< schiuB. e fiihrt zum Ziele. Wir wollen wissen, wie, um in unserem Beispielefortzufahren, 
Doppelbrechung und Kristallform zusammenhangen, wie diese die Ursache 
von jener ist, und dies eben vermag bloBe Induktion nicht zu zeigen. Sie lie- 
fert hochstens eine empirische Regel als Material fur die Erklarung, die wir 
suchen, die Erkiarung selbst kann sie nicht geben. Diese liegt uberhaupt nicht 
auf demWege derVergleichung der Falle und der AbstraktionihrerindieBeob- 
achtung fallenden iibereinstimmenden Merkmale. Galilei zuerst hat dies er- 
kannt. Durch reine Induktion lafit sich nach ihm eine irgend wertvollere Er- 



Induktion 8 1 

kenntnis nicht erzielen. Demi soli der induktive Schlufi durch alle Einzelfalle 
gefiihrt werden, so ist er unmbglich, wo die Zahl der Falle nicht zu erschepfen 
ist, und unntitz, wo er moglich ist. Er kann immer nur die Summe der ein- 
zelnen Falle Ziehen, und in einen Satz von empirischer Allgemeinheit zusam- 
menfassen, was wir schon wissen, ohne zur Erkenntnis der Natur der Falle 
das geringste hinzuzufiigen. Galilei setzt daher die Analyse des einzelnen Falles 
an die Stelle der Vergleichung der vielen oder der samtlichen Falle derselben 
Art: er setzt die Analyse an die Stelle der Abstraktion. Die Richtigkeit dieses 
Verfahrens erhellt sofort, wenn wir erwagen, dafi schon jeder einzelne Vorgang 
in der Natur, fiir sich genommen, das Gesetz seines Geschehens enthalten mufi. 
Die Ermittlung dieses Gesetzes in dem einen Falle bringt also das Verstandnis 
aller Falle derselben Art mit sich, und die Verallgemeinerung ist hier die Folge 
der Erkenntnis, nicht umgekehrt die Erkenntnis eine Folge der Verallgemei- 
nerung. Eine neue Art von Begriffen war damit gefunden, die der Gesetzes- 
begriffe, und der wissenschaftlichen Erkenntnis eine neue Aufgabe gestellt. 

Zwar war audi dem Altertume die analytische Methode nicht unbekannt. Pisto and 
Plato hat sie entdeckt, aller Wahrscheinlichkeit nach bei dem Versuche, ge- 
wisse geometrische Aufgaben aufzulbsen. In ihrer Anwendung auch auf Pro- 
bleme der reinen Philosophic fiihrt sie den Namen der ,,hypothetischen Be- 
griffserorterung", den ihr wohl zuerst Zeller, mit Beziehung auf Ausspriiche 
Platos, gegeben hat. Es handelt sich bei ihr um die Priifung einer Annahme, 
die zur Losung einer Aufgabe eingefuhrt wird, durch Entwicklung ihrer Kon- 
sequenzen und Vergleichung der Konsequenzen mit dem Gegebenen oder An- 
erkannten. Der subsumierenden Deduktion des Syllogismus ist damit eine 
konstruierende gegenubergestellt, und dafi diese einen Fortschritt des Erken- 
nens bewirkt, liegt am Tage. 

In der Methode Galileis ist diese Methode Platos enthalten; nur fiigt Gali- Gaiiieis 
lei einen wesentlichen Bestandteil hinzu: das Experiment. Plato priift die 
theoretischen oder begrifflichen Konsequenzen seiner Annahmen wieder an 
Begriffen; er bleibt bei der Begriffsforschung und reinen Mathematik stehen. 
Galilei, der von Erfahrungen der Sinne ausgeht, wendet sein analytisches Ver- 
fahren, den ,,metodo risolutivo", den er den Weg der Erfindung nennt, auf 
Erscheinungen in der Natur an und priift die Folgen seiner Annahme an Tat- 
sachen der Erfahrung durch den Versuch. Dabei ist jedoch zu beachten, dafi 
dies Tatsachen sind, die selbst erst unter Anleitung der Theorie, die durch 
sie gepriift werden soil, aufzufznden waren. Und wie die Erfahrung die Theorie 
bestatigt, so erweitert die Theorie die Erfahrung. Die Geschichte der Ent- 
deckung und des Beweises der Gesetze des freien Falles der Korper wird fiir 
immer das Paradigma der neuen Methode bleiben. Und was dieser Geschichte 
ihre entscheidende Bedeutung gerade fiir das Studium und die Fortbildung der 
Logik verleiht, ist das vollig klare Bewufitsein, das Galilei von seinem Ver- 
fahren besafi. Auf Anlafi der Beobachtung, dafi fallende Korper eine Ge- 
schwindigkeitszunahme oder Beschleunigung erfahren, fuhrte Galilei „nach 
langen Uberlegungen" zur Erklarung der Fallerscheinungen den Begriff der 

Die Kultur &ev Gcgeniv.-Ltt. I. 6 6 



Methode. 



82 Alois Rjehl: Logik und Erkenntnistheorie 

gleichformig beschleunigten Bewegung ein, der Geschwindigkeitszunahme im 
Verhaltnis der Zeit, und leitete daraus das Verhaltnis der Raume zu den Zei- 
ten ab. Nun laflt er in Gedanken die naturlich beschleunigte Fallbewegung 
mit der gleichformig beschleunigten Bewegung zusammenfallen und zeigt 
durch den Versuch auf der schiefen Ebene, dafi ,,das, was das Experiment den 
Sinnen vorfuhrt, den erlauterten Erscheinungen durchaus entspricht", wo- 
mit die Hypothese bewiesen ist, d. h. aufgehort hat, Hypothese zu sein. Die 
Theorie erlautert die Erscheinungen, die erlauterten Erscheinungen bewahr- 
heiten die Theorie. In diesem Wechselverhaltnis von Erfahrung und Denken, 
dem Zusammenwirken, ja der Einheit von Induktion und Deduction besteht 
das Wesen der experimentellen Methode, mag es auch in verwickelten Fallen 
weniger leicht zu erkennen sein als in jenem, auch durch seine Einfachheit 
klassischen Beispiele. — Auf das analytische Verfahren folgt das synthetische, 
der M metodo compositivo"; es geht von dem gedanklich wiesachlich Einfachen 
in der Erkenntnis, das jenes ermittelt hat, zu dem Zusammengesetzten, ungleich 
dem Verfahren der alten Wissenschaft und ihm iiberlegen, das von dem All- 
gemeinen zum Besonderen fiihrt. „Wie in der Mathematik, so mufi auch in der 
Naturphilosophie bei der Erforschung der schwierigen Dinge die analytische 
Methode der synthetischen vorhergehen", erklarte auch Newton, 
Einbeit der Die moderne Logik ist zugleich mit der modernen Wissenschaft entstan- 

wissenscnaft- , , . , 

lichen Ketbod?. den; diese aber war zunacnst Natur wissenschaft oder, wofiir sie sich selbst 
erklarte: Naturphilosophie. Man glaube aber nicht, dafi der wissenschaftliche 
Beweis in den sogenannten Geisteswissenschaften nach wesentlich anderen 
Methoden gefuhrt wird, oder die AuUindung seiner Ausgangspunkte sich an- 
ders vollzieht wie auf dem Gebiete der Naturwisscnschaften. Zwar wurde 
neuerdings vcrsucht, zwischen den ,,Gesetzeswissenschaften" und den histo- 
rischen Disziplinen eine weite Kluft aufzutun, bis zu einem Gegensatze beider, 
und es mag richtig sein, dali das Erkennen dort mehr auf das AUgemeine geht, 
hier sein Interesse an dem Einzelnen, ja Einmaligen nimmt. Ein Dualismus 
.\uch der Methoden aber lafit sich daraus nicht ableiten. Sollte wirklich in 
den historischen Wissenschaften im engeren Sinne Auswahl und Ordnung der 
Tatsachen aus dem Gesichtspunkte allgemein giiltiger ICulturwerte erfolgen, 
was nur von der Philosophic der Geschichte gelten konnte, so miifJten doch 
diese Wertbegriffe entweder vorausgesetzt werden, als irgendwie gegeben oder 
postuliert, und dann ist die Methode ihres Gebrauches die synthetische, oder 
sie wurden durch RuckschluC aus den historischen Tatsachen zu folgern sein, 
und das Verfahren, das dabei befclgt wird, ist das analytische. Schon durch 
ihre Werturteile fallt ubrigens die Geschichtsphilosophie aus dem Kreise rein 
theoretischer Disziplinen heraus, und auch ihre Methode istnoch weniggeklart: 
Anders die Geschichtswissenschaft. Ihr Verfahren ist ihr schon durch ihre 
Aufgabe klar und bestimmt vorgezeichnet. Sie hat durch Schlufifolgerung zu 
ermitteln, was einst wirklich war; gleichviel, ob es sich um einstmalige Ver- 
;inderungen der Erdoberflache, die Entwicklung der pflanzlichen und tieri- 
schen Lebewelt, oder die Geschichte der Volker und Kulturen handelt. Der 



Induktion g^ 

Schlufi von gegenwartigen Tatsachen, den .jQuellen", auf vergangene Tat- 
sachen auf Grund des gesetzlichen Zusammenhanges der Gegenwart mit der 
Vergangenheit ist der historische Schlufi. — Niemals konnen sachliche Prin- 
zipien die allgemeine Form des wissenschaftlichen Beweises andern. Die Wis- 
senschaften, geschieden durch ihre Gegenstande, sind durch die Methode zur 
Einheit des Wissens verbunden. 

Methodenlehre zu sein, zu zeigen, wie das Wissen beschaffen ist, in wel- Bedeutimg der 
chen Beziehungen seiner Elemente es besteht, wird fiir immer die Hauptan- '^ T die iJgik 
gelegenheit der Logik bleiben. Der methodologische Gesichtspunkt ist der ihr der Gegenwa*t. 
wesentliche, wie er auch der urspriingliche war und schon ihre Entstehung 
beherrscht hat. Auch sind alle wirklichen Fortschritte der Logik in der neueren 
Zeit Fortschritte in der Methodenlehre gewesen, wogegen die Rubriken der 
Elementarlehre, einmal aufgestellt, nicht mehr erweitert werden konnten. 
Vor allem ist es die Theorie der induktiven Methode (nicht zu verwechseln 
rait dem rein induktiven Schlusse), die seit Hume, dem Mill folgte, im Mittel- 
punkte der logischen Untersuchung blieb. Was aber Hume, von der Grundlage 
der reinen Erfahrung aus, suchte, ohne es f inden zu konnen, war in dem Werke 
Galileis und seiner Nachfolger bereits enthalten und brauchte nur heraus- 
gestellt zu werden. Ohne Deduktion, so haben wir erkannt, 1st auch eine In- 
duktion nicht mdglich. Sie ist selbst, in einem wesentlichen Stadium ihres 
Prozesses, eine hypothetische Deduktion, eine Konjektur -s«ermittels eines 
deduktiven Schlusses. Es gibt in Wahrheit nur.Ein Schlufiverfahren in zwei 
Richtungen seiner Anwendung: der direkten, die von den Pramissen aus zu dem 
Schlufisatze vorschreitet, und der umgekehrten, die von dem SchluBsatz aus 
zuriick auf die Pramissen fiihrt. Und wie jede inverse Operation die direkte, 
deren Umkehrung sie ist, zu ihrer Voraussetzung hat, so setzt auch der in- 
direkte Rtickschlufi den direkten Schlufi voraus. Die induktive Methode be- 
ginnt mit einem solchen Rtickschlufi, Wir betrachten eine zu untersuchende 
Erscheinung als ableitbar von gewissen Voraussetzungen und fuhren, geleitet 
von der Natur der Erscheinung, versuchsweise eine dieser moglichen Voraus- 
setzungen ein, ura sie deduktiv in ihre Folgen zu entwickeln und zu sehen, ,,ob 
die denknotwendigen Folgen unseres (hypothetischen) Bildes wieder die Bilder 
der naturnotwendigen Folgen des abgebildeten Gegenstandes sind". Erfah- 
rung der Sinne a!s Ausgang, durch die Theorie erweiterte, experimentelle Er- 
fahrung als Schlufi: — zwischen diesen beiden Endpunkten verlauft die In- 
duktion, und die Zwischenstadien des Prozesses sind von deduktiver Natur. 

So brauchte die Logik in der Tat seit Aristoteles keinen Schritt ruck- 
warts zu tun, wohl aber hat sie auf dem ihr von Aristoteles gewiesenen Weg 
mehr als einen Schritt vorwarts getan. Gegeniiber der neueren, im 1 7. Jahr- 
hundert geschaffenen, in der zweiten Halfte des 19. Jahrhunderts machtvoll 
entwickelten Wissenschaft zu leisten, was Aristoteles der Wissenschaft seiner 
Zeit gegeniiber geleistet hat, — dies ist in kurzen Worten die Aufgabe ihrer Ge- 
genwart, wie es auch das Programm ihrer Zukunft enthalt. 

6* 



S^ Alois Riehl: Logik und Erkenntnistheorie 

B. Erkenntnistheorie. 

Wrhitimis zur I. Ihre Probleme. Die Logik bedarf nicht der Erkenntnistheorie zu 

osl ' ihrer Begriindung. Als die Lehre von der Form einer Wissenschaft iiberhaupt 
ist sie selbst die aligemcmste wissenschaftliche Disziplin, die keine andere mehr 
iiber sich hat, sie kann daher nicht weiter begrundet werden, wie sie auch keiner 
weiteren Begriindung bedarf. Wohl aber schlieftt sich an ihre Untersuchungen, 
namentlich jene der Methodenlehre, eine Reihe allgemeiner Fragen an, die zu 
keiner Wissenschaft in gleich naher Beziehung stehen, wie zu ihr, die Psycho- 
Iogie nicht ausgenommen. 

; Die Logik nimmt die Objekte des Denkens als gegeben an, sie betrachtet 
sie lediglich nach den Yerhaltnissen, die sie zueinander haben, sofern sie ge- 
dacht werden; mit der Frage dagegen des Ursprungs unseres gegenstandlichen 
Wfssens hat sie sich, als reine Logik, nicht zu befassen. Ihre Wahrheiten blei- 
ben, was sie sind, woher auch imraer die Objekte des Denkens stammen mbgen; 
sie bleiben „\Vahrheiten an sich" und bilden die Theorie der Gewifiheit der Er- 
kenntnis ihrer Form nach. Desgleichen vermag die Logik nur zu zeigen, wie 
unter der Voraussetzung der Gesetzlichkeit alles Geschehens in der Natur auf 
giiltige Weise Naturgesetze abzuleiten und zu beweisen sind, das Stattfinden 
dieser Voraussetzung selbst und ob es von nur tatsachlicher oder daruber hin- 
aus von notwendiger Guitigkeit sei, ist kein Gegenstand ihrer Untersuchung. 
Das Prinzip unserer induktiven Folgerungen: der allgemeine Kausalsatz ist 
kein rein logischer Grunosatz; es behauptet etwas von den Dingen selbst und 
kann daher fiir die Logik nie mehr bedeuten als ein Postulat unseres PJrkennens; 
der Beweis dieses Postulates, er mag nun zu erbringen sein oder nicht, gehort 
jedenfalls nicht in ihren Bereich. 

In solchen, von der Logik nicht zu lbsenden Fragen hat die kritische Er- 
kenntnistheorie ihre Aufgaben. Sie priift die Quellen unseres Wissens und 
stellt den Grad seiner Berechtigung fest. Der Ursprung der Erkenntnis, ihre 
Realitat, oder Guitigkeit von den Dingen, die Bestimmung ihrer Grenzen — 
dies sind die Probleme von der umfassendsten Bedeutung, von denen sie handelt. 
Ihr Gegenstand ist die Wissenschaft ihrem Gehalte nach; zusammen mit der 
Logik, welche die Form der Erkenntnis bestimmt, bildet sie daher die allgemeine 
Wissenschaftslehre. Philosophie und positive Forschung treten durch sie in 
Kontakt. Fiir die Philosophie aber ist sie, und nicht die Metaphysik, die cigent- 
liche Grundwissenschaft; denn sie erst hat zu entscheiden, ob iiber den Urn- 
kreis der Erfahrung und positiven Wissenschaft hinaus eine theoretische Er- 
kenntnis iiberhaupt noch mbglich sei. Sogar geschichtlich hat diese Frage nach 
der Moglichkeit einer Metaphysik den Anstofl zu ihrer Entstehung gegeben. Es 
mag dahingestellt bleiben, ob sie selbst auch alle weiteren Probleme der theore- 
tischen Philosophie umfasse; sicher ist, daiJ sie alle beherrscht. jeder der philo- 
sophischen W'eltanschauungen, die im Laufe der Geschichte hervorgetreten sind, 
entspricht eine bestimmte Art, das Wesen der Erkenntnis aufzufassen; es gibt 
zu jeder einen zugehorigen erkenntnistheoretischen Standpunkt, gleichviel ob 



Erkenntnistheorie. Probleme 85 

sich der Urheber des Systems selbst dessen bewufit war oder nicht. Daher las- 
sen sich die Grundtypen der philosophischen Systeme nach den mbglichen er- 
kenntnistheoretischen Richtungcn ordnen und uberblicken, zum augenschein- 
lichen Beweis der zentralen Stellung, welche die Erkenntnistheorie in der Philo- 
sophic und Wissenschaft einnimmt. 

Die Frage nach dem Ursprung der Erkenntnis hat einen doppelten Sinn, Die Frage nacu 
und es ist notwendig, ihre beiden Bedeutungen sorgfaltig zu unterscheiden. Sie dc^rt^t^ 
kann die Frage nach der Entstehung und Entwieklung unserer Vorstellungen 1,a! '' 1!! , edoppel ' e 
sein, und fur diese psychologische Frage hat auch das Ursprungliche in unserer 
Erkenntnis den psychologischen Sinn des Anfanglichen, der Zeit nach Ersten 
in der Ausbildung des Bewufitseins. Wir wollen wissen, wie der Mensch zu sei- 
nenVorstellungender Dingegekommen sei, kraft welcher Fahigkeiten und Akte 
seines Geistes, und suchen zur Erklarung dafur die psycliischen Vorgange in 
ihre elementaren Prozesse zu zerlegen, die inYerbindungmit aufieren Ursacheu 
zur Entwieklung des Bewufitseins fiihren. Kurz, hier ist von der Entstehung 
der Erfahrung und der Erwerbur.g von Erkenntnis die Rede. Verschieden von 
dieser psychologischen Frage nach dem Lrsprung ur.seres Wissens ist die er- 
kenntnistheoretische; urspriinglich in ihrem Sinn ist nicht das der Zeit nach 
Friihere, sondern das der Ordnung der Begriffe nach \ orangehende, also die Er- 
kenntnis Bedingende, im Unterschied von dem, was in ihr ubgeleiteter Xatur 
ist. .So geht, um ein Beispiel Kants und in Kants Worten anzufuhren, ,,die Zeit 
als formale Bedingung der MogHchkeit der Veranderungen vor diesen objektiv 
(d. i. dem Begriffe nach) voran, allein subjektiv und in der Wirklichkeit des 
Bewufitseins ist diese Vorstellung, so wie jede andere, durch Veranlassung der 
Wahrnehmungen gegeben". Wir wollen in der Erkenntnistheorie die objektiven 
Voraussetzungen des Wissens ermitteln, nicht seinen subjektiven Quellen nach- 
gehen; hier ist daher unsere Frage: was Erfahrung als solche enthalte, Erkennt- 
nis ihrem Begriffe nach bedeute und unter welchen Bedingungen Erfahrung 
Erkenntnis ist. Psychologic und Erkenntnistheorie meinen demnach bei der 
Frage nach dem Ursprung unserer Vorstellungen Verschiedenes, ja Ungleich- 
artiges, und diesen Unterschied mufi man sich gegenwartig halten, um den Sinn 
zu verstehen, in welchem bei Kant, und schon vor ihm bei Hume, von Erkennt- 
nlssen a priori die Rede ist. A priori-sein bedeutet nicht: vor der Erfahrung im 
Geiste priiexistieren ; ausdriicklich lehnt Kantein solches,,Praformationssystem'' 
des Geistes ab, es bedeutet: unabhiingig von der Erfahrung erkennbar sein, 
driickt also ein begriffliehcs, nicht ein zeitliches YerhiiUnis zur Erfahrung aus. 
Die Kennzeichen der Aprioritat: wahre Allgemeinheit und strenge Notwendig- 
keit, sind innere Merkmale gewisser Erkenntnisse selbst, nicht Folgen ihrer Ent- 
stehung aus dem Subjekte. Apriorismus und Entwicklungslehre schliefien daher 
keineswegs, wie immer beh.aupf.et w r ird, einander aus; sie konnen zusammen 
bestehen, ihre Ergebnisse konnen sich niemals stb'ren oder widersprechen, denn 
sie behandeln ganz verschiedene Aufgaben. Die Meinung vollends, Kant sei 
durch Darwin widerlegt, sollte ihres Unverstandes wegen nicht langer ernst ge- 
nommen werden. Durch Berufung auf die Entwieklung des Bewufitseins liifit 



86 Alois Riehl: Logik und Erkenntnistheorie 

sich nichts gegen die Annahme von Erkenntnissen a priori entscheiden. Ent- 
wickelt sind alle unsere Erkenntnisse, auch diejenigen, die um ihrer Bedeutung 
willen a priori heiBen. So war es auch die Meinung Kants, der sich in der Frage 
der Entstehung der Begriffe fut die Entwicklungslehre, die Theorie ihrer „Epi- 
genesis" erklarte. 

Locke, Hume 1 1. E n t w i c k 1 u n>g der Erkenntnistheorie. Zwar begann die Erkennt- 
nistheorie in Lockes Versuch iiber den menschlichen Verstand mit einer psy- 
chologischen Reflexion iiber den Ursprung der Begriffe; Locke verfolgte jedoch 
seine Vorstellung iiber ihre Abstammung aus aufierem und innerem Sinn nicht 
weiter ins einzelne. Den grofiten Teil des zweiten Buches des Essay, das von 
den ,,Ideen" handelt, als dem Material des Erkennens, nimmt die Analyse des 
Inhalts der Vorstellungen ein, und im vierten Buche, der eigentlichen Erkennt- 
nistheorie Lockes, ist iiberhaupt von der Entstehung der Begriffe nicht mehr 
die Rede. Hume hat in der zweiten, reiferen Darstellung seiner theoretischen 
Philosophic das Psychologische der ersten in die Einleitung verwiesen und man 
kann die hier aufgenommenen Erorterungen tiberschlagen, ohne fur das Ver- 
standnis der tlauptsache: der Priifung des Erkenntniswertes der reinen Er- 
fahrung, irgend Wesentliches zu vermissen. Kant endlich halt sich an die ,,tran- 
szendentale" Aufgabe, die objektive Giiltigkeit der reinen, von der Erfahrung 
unabhangigen Erkenntnisse fur die Erfahrung zu beweisen. Er redet zwar, in 
der Sprache der Psychologie seiner Zeit, von Erkenntnisvermogen, handelt aber 
in W ahrheit von Erkenntnisarten. So untersucht er nicht die „Sinnlichkeit", 
als das Vermogen des Subjekts, Vorstellungen zu empfangen, sondern die Be- 
griffe des Raumes und der Zeit, nicht Verstand und Vernunft als Krafte oder 
Fahigkeiten des Geistes, sondern die logischen Einheitsbegriffe in Urteilen, die, 
auf mogliche Anschauung bezogen, die Bedeutung von Kategorien oder reinen 
Verstandesbegriffen gewinnen, und die Ideen oder Begriffe der reinen Vernunft, 
sofern sie als Werkzeuge fur metaphysische Erkenntnisse betrachtet werden. 
Ja, so nebensachlich erschien ihm fur seinen Zweck die psychologische Frage 
nach dem Ursprung der aligemeinen Erkenntnisbegriffe, dafi er schreiben 
konnte: ,,diese Begriffe mogen uns beiwohnen, woher sie wollen, (die Frage ist:) 
woher nehmen wir die Verkniipfung derselben?", das will sagen: wie lafit sich 
ihre Verknupfung als gultig von den Dingen beweisen? In diesen objektiven 
Charakter der Erkenntnistheorie muC man sich einleben, um das Eigentiimliche 
ihrer Fragestellung und den Unterschied ihrer Methode von der psychologischen 
Analyse zu sehen. 
Di<- beijen Erkeuntnistheoretische Uhtersuchungen beherrschen schon durch ihre Zahl 

in'd^Erktnnt- 3 ^^ e Philosophic der Gegenwart. Aber auch iiber die eigentliche Fachphilosophie 
nistheonc der hinaus sehen wir llathematiker und Naturforscher sich an ihnen beteiligen. 

Gpgpnivart. _ ° 

Fur jene bilden namentlich die Fragen nach den Grundlagen der Geometrie und 
dem Verhaltnis von Anschauung und Denken in ihr den Gegenstand solcher 
Untersuchungen. Indem diese die Denkbarkeit Nicht-Euklidischer Geometrien 
zeigten, bestatigten sie den einen Teil der Lehre Kants, wonach die geometrischen 



Erkenntnistheorie. Entwicklung 8 y 

Axiome nicht denknotwendig (in Kants Terminologie nicht analytische Satze) 
sind, wahrend sie den anderen, der ihre anschauliche Notwendigkeit erklart, 
nicht widerlegten. Die Naturforschung ihrerseits ist zu Ergebnissen gelangt, die 
schon vermbge ihrer prinzipiellen Wichtigkeit und aufierordentlichen Allgemein- 
heit zugleich von philosophischer Bedeutung sind. Zu dem Satze von der Er- 
haltung der Masse ist ura die Mitte des vorigen Jahrhunderts der Satz von der 
Erhaltung der Energie hinzugekommen, eine halb philosophische Entdeckung, 
wie ein Naturforscher sie mit Recht genannt hat. In der Tat haben auch richtige 
Vorstellungen tiber den Kausalzusammenhang der Vorgange in der aufieren 
Natur wesentlich zu seiner Auffindung verholfen. Und noch ein drittes Gesetz 
aufier den Grundsatzen der Erhaltung von Materie und Energie bezieht sich 
gleich diesen auf das Ganze der unserer aufieren Erfahrung zuganglichen Welt, 
der Sinnenwelt: das Prinzip der Vermehrung der Entropie. Es steht neben den 
beiden genannten Prinzipien und nimmt eine Ausnahmestellung ein, sofern es 
das einzige uns bekannte Gesetz ist, das die allgemeine Richtung des Geschehens 
in der Natur bestimmt. So weittragende Fortschritte des Naturerkennens for- 
dern von selbst zur Untersuchung ihrer Grundlagen auf. Aufierdem aber schei 
nen noch infolge der Entdeckung neuer Tatsachen gewohnte naturwissenschaft 
liche Vorstellungen und Theorien unsicher geworden zu sein, und der Natur 
forscher sieht sich auch aus diesem Grunde genotigt, Erfahrung und Theorie 
die Fundamente seiner Lehrgebaude, von neuem zu priifen. Man denkt dabei 
heute vor allem an die Relativitatstheorie. Auch dieKluft zwischen der unbeleb 
ten und der belebten Natur liefi sich trotz aller Berauhungen nicht uberbriicken 
vitalistische Hypothesen, zu denen man wieder greift, sind ein Auskunftsmittel 
das nur geeignet ist, unsere Unwissenheit zu verdecken, wahrend die Kluft 
selbst dadurch erweitert wird. Wohl aber gewinnt solchen Versuchen gegen 
liber Kants Kritik der teleologlschen Urteilskraft fur die Gegenwart neues 
Leben. — So haben Philosophic und Naturwissenschaft auf dem gleichsam 
neutralen Boden der Erkenntnistheorie eine Annaherung vollzogen, die zu den 
hochsten Hoff nungen berechtigt und bestimmt zu sein scheint, die wissenschaf t- 
HcheDenkart umzugestalten und eine Revolution in unserer Gesamtauffassung 
der Dinge herbeizufiihren. 

III. Der erkenntnistheoretische Positivismus. In zwei Haupt- I)icKrkenatais - 

■i i ■ i i • i ■ i -in i /-« theorie in der 

nchtungen bewegen sich die erkenntmstheoretischen Bestrebungen der Ge- wissenschaft 
genwart. Die eine folgt den Spuren Plumes, obschon ihre Vertreter dies nicht der Ge £ enwart - 
zu wissen scheinen; die zweite setzt mit Bewufitsein den Weg fort, den Kant 
vor mehr als einem Jahrhundert der Erkenntniskritik gewiesen hat. Die, wel- 
che ihr folgen, suchen die Faden, welche Philosophic und positive Forschung 
zu wechselseitigem Nutzen verbinden, dort wieder anzukniipfen, wo sie durch- 
schnitten worden waren. Nur in ihren Ausgangspunkten und Zielen sind hier 
die beiden Richtungen zu charakterisieren. 

Der moderne Positivismus, die Philosophic der reinen Erfahrung, be- J^s Priuzip der 
trachtet und behandelt die allgemeine Aufgabe des Erkennens als Minimum- 



88 Alois Riehl: Logik und Erkenntnistheorie 

aufgabe, als das ,,Denken der Welt gemafl dem Prinzip des kleinsten Kraft- 
mafies": eine Analogie mit einem Prinzip der Mechanik wird zur Norm des 
wissenschaftlichen Denkens gemacht. Die Wissenschaft soil nur dazu be- 
stimmt und geschaffen sein, Erfahrungen zu ersetzen, Erfahrungen zu erspa- 
ren: die sei ihre okonomische Funktion, und diese ihr wahrer und einziger 
Zweck. Wir fiihlen, wird uns gesagt, das Okonomisieren der Gedanken als 
biologisches Bedurfnis, sein Gelingen als angenehme Entlastung. Diese Er- 
sparung der Prinzipien sei nicht blofi ein okonomischer Grundsatz der Ver- 
nunft, sondern ein inneres Gesetz der Natur. Nun 1st es gewifi eine richtige, 
schon einem grofien Scholastiker bekannte Maxime der Methode, in den 
Voraussetzungen des Wissens moglichst grofie Sparsamkeit waken zu las- 
sen; der Grund davon braucht aber kein rein okonomischer zu sein. Auch die 
asthetische Vereinfachung, die Kunst des Weglassens ist mehr als nur okono- 
misch. Denkbkonomie ist kein erkenntnistheoretisches Prinzip, sondern besten- 
falls eine biologische Hypothese, und als solche logischer und erkenntnis- 
theoretischer Beurteilung unterworfen; wie sollte sie selbst also Logik und Er- 
kenntnistheorie begriinden konnen? Sie mag geeignet sein, eine der Folgen 
der Erkenntnis anzugeben, sicher erschopft sie deren Bedeutung nicht, noch 
geniigt sie auch nur, ihr Verfahren zu beschreiben. Auch hat sie nie ein For- 
scher bewufiterweise zum Ziele seiner Forschung gemacht. Einsicht in die Not- 
wendigkeit des Geschehens suchte Galilei, und darum lehrte er, die Verhalt- 
nisse der Erscheinungen auf mathematische Gesetze zuruckzufiihren. Nicht 
Bequemlichkeit (um einen starkeren Ausdruck Lamberts nicht zu gebrauchen), 
sich und anderen Erfahrungen zu ersparen, ist das Bedurfnis des Forschers; 
was er erstrebt, war und ist das Veistandnis der Tatsachen, der Sieg des Ge- 
dankens uber den Stoff. Die Naturgesetze sind gewifi auch Ableitungsformeln 
fur Erfahrungen, aber sie sind mehr als dies, und weder ihre eigentliche Be- 
deutung liegt in diesem Nebenerfolg, noch das Motiv, das zu ihrer Aufsuchung 
treibt. Denken wir uns, alle Tatsachen der Wahrnehmung seien uns bekannt 
und stiinden offen vor unseren Sinnen da: — wenn wirklich die Ersparung von 
Erfahrungen der Zweck der Erkenntnis ware, so miifite in diesem Falle das 
Bedurfnis des Erkennens erloschen. In Wahrheit wurden wir auch dann nicht 
aufhoren, nach Gesetzen zu forschen, vorausgesetzt nur, unser Geist bliebe, 
was er ist. Niemals konnen Tatsachen die Gesetze ersetzen. Zwar sind diese 
in gewissem Sinne in den Tatsachen der Natur enthalten, sie waren sonst nicht 
Naturgesetze, aber durch sinnliche Erfahrung allein sind sie nicht zu erkennen. 
Man kann Gesetze nicht wahrnehmen, und die Notwendigkeit nicht sehen. 
Auch bei vollkommener Erfahrung blieben Kenntnis und Erkenntnis verschie* 
den; und Gesetze sind mehr als blofie Stellvertreter von Tatsachen. 
Humes bioio- Der erste, der die Erkenntnis biologisch erfafite, war Hume, und vergli- 

^'Steorie". 111 ' chen mit seinem Positivismus bedeutet das moderne Gegenstuck keinen Fort- 
schritt. Da sich unsere naturlichen Uberzeugungen, unsere ^Vernunft", durch 
Vernunft nicht rechtfertigen und ebensowenig durch Erfahrung beweisen las- 
sen (Erfahrung beruht vielmehr auf ihnen), so mussen sie, lehrt Hume, aus 



Positivismus 89 

einem Prinzip stammen, fruher und machtiger als Vernunft und Erfahrung. 
Dieses Prinzip ist em Instinkt, eine Aufierung des Willens zum Leben; unsere 
nattirltchen Uberzeugungen sind Gewohnheiten und ihr Ursprung em biolo- 
gischer, daher brauchen sie nicht erst logisch, auf dem Umwege durch lange 
und immer unsichere Argumentationen begriindet zu werden. Hume wies nach, 
daB reine Erfahrung keine Erkenntnis ist und Wissenschaft auf reine Erfah- 
rung sich nicht griinden lafit. Da er aber an dem Erfahrungsursprung aller Be- 
griffe festhielt, muflte er mit der Leugnung aller Moglichkeiten von objektiver 
Erkenntnis enden, und um aus diesem totalen Skeptizismus gegen Vernunft 
und Erfahrung einen Ausweg zu finden, unterwarf er beide dem Leben und 
seinen lnstinkten. 

Die reine Erfahrung, von der der Positivismus ausgeht und auf die er die "'« „reine-< 

to . „ , . . Erfahrung. 

Erkenntnis beschrankt, ist selbst mchts Positives, nichts Gegebenes; sie 1st 
im Vorausblick auf die Theorie und zugunsten derselben zurechtgemacht, ein 
Produkt der Abstraktion, ein blofier Auszug aus der Erfahrung, welche wirk- 
lich gegeben ist. Man kann aus der Erfahrung das Denken nicht ausschalten, 
und man kann ebensowenig das Denken von den Empfindungen ableiten. 
Erfahrung als solche ist ein Urteil, das die Empiindung nur benutzt, um durch 
sie einen Gegenstand zu bestimmen. Schon darum kOnnen Empfindungen und 
Gegenstande nicht dasselbe sein, Aber auch andere und noch einleuchtendere 
Griinde verwehren es, die Empfindungen absolut zu setzen, sie als die Elemente 
des Wirklichen zu betrachten, die Dinge dagegen als blofte Gedankensymbole 
fur Empfindungen. Ganze Klassen von Sinneseindrucken, Tone z. B., zeigen 
sich abhangig von anderen Elementen, ihre eigene Natur also schlieBt es aus, 
sie selbst als Elemente zu betrachten. Was oder wo ist der Ton, ehe die Saite 
gestrichen wird ? Sind ferner die Empfindungen selbst die Dinge, so gibt es 
im Verlauf der Dinge keine Regelmafjigkeit; und folglich keine Erfahrung. 
Empfindungen sind, gerade soweit das Zeugnis der reinen Erfahrung gilt, un- 
zusammenhangend und unterbrochen. In der Welt der blofien Empfindungen 
kann es Wirkungen geben ohne Ursachen und Ursachen, die ohne Folgen blei- 
ben. Nur wenn es eine von den Sinneseindrucken verschiedene Welt von Din- 
gen gibt, ist auch der Verlauf der Empfindungen selbst regelmaCig und geord- 
net. Deshalb liefl Hume die Einbildungskraft eine neue Sorte von Perzep- 
tionen erfinden, welche die tatsachlichen Liicken zwisehen den Empfindungen 
ausfullen sollen. So unumganglich ist die Voraussetzung von Objekten, die 
von den Impressionen verschieden sind und fortbestehen, wenn diese vcrschwin- 
den. Der Gedanke eines von seiner Erscheinung verschiedenen Dinges soil 
nach dem Positivismus ,,ungeheuerlich" sein — und doch ist dieser Gedanke 
ein methodologischer Begriff, unvermeidlich und notwendig fiir jedermann, 
den Positivisten nicht ausgenommen, um das gemeinschaftliche Wahrnehmen 
eines und desselben Objektes und das eigene Wiederwahrnehmen des namlichen 
Dinges zu erklaren./ Die Realitat aufierer Dinge ist eine Bedingung der Er- 
fahrung, und nicht 'diese Realitat uberhaupt wird erst durch Erfahrung be- 
wiesen, die Erfahrung wird durch sie moglich. ' 



go Alois Riehl: Logik und Erkenntnistheorie 

Hier u. a. liegen die Probleme Kants. Man kann nicht aufier sich empiin- 
clen; soil also die Wirklichkeit der AuOenwelt, entsprechend unserer naturlichen 
Uberzeugung, gewifi sein, so mufi sie schon durch die blofie auBere Wahrneh- 
mung gewahrleistet werden; dies aber ist nur moglich, wenn die allgemeine 
Form der aufieren Wahrnehmung in uns ist, als die Form der Anschauung 
auCerer, von uns verschiedener Dinge. So erklart die Idealitat der allgemeinen 
Form der Erscheinung der Dinge die Realitat der Erfahrung. 

Bfgriff dec IV. Der erkenntnistheoretische Kritizismus. Kants Theorie der 
" ' runs ' Erfahrung ist noch nicht geschichtlich geworden. Ihre tiefgehenden und trotz 
der scholastischen Verkleidung im Grunde auch einfachen Gedanken greifen 
bestimmend in die erkenntnistheoretische Forschung der Gegenwart ein. Und 
wie sie schon einmal der Philosophie des Wissens, als diese durch Verfolgung 
einer einseitig empiristischen Richtung auf den Strand des Skeptizismus ge- 
raten war, zu neuer Bewegung und Entwicklung verholfen haben, so scheinen 
sie heute abermals berufen zu sein, den selbst in wissenschaftliche Kreise ge- 
drungenen Zweifeln an der Sicherheit und Realitat des Erfahrungswissens als 
solchen ein Ende zu machen. 

Die Induktion in den Naturwissenschaften, bemerkt ein Forscher unserer 
Zeit, ist mit einer prinzipiellen Ungewiijheit behaftet, die fur die Methoden der 
Mathematik nicbt besteht. Sie beruht auf dem Glauben an eine allgemeine 
Ordnung des Universums, eine Ordnung, die aufler uns ist. Dieses prinzipielle 
Bedenken gegen die GewiBheit der Naturerkenntnis im allgemeinen besteht 
uach Kants Lehre nicht. Das Universum des Xaturforschers ist die Welt un- 
serer auCeren Erfahrung und diese Welt nicht im metaphysischen Sinne des 
Wortes aufier uns. Sie steht unter den Bedingungen, die von seiten des Sub- 
jektes Erfahrung ermbglichen, d. h. begriinden. Nun ist es die Entdeckung 
Kants, daB die obersten Gesetze der Natur, die Prinzipien des Naturerkennens, 
identisch sind mit eben diesen Bedingungen, dafi sie die Grundsatze sind, auf 
denen Erfahrung ihrer Moglichkeit nach beruht. Sie gelten also notwendigvon 
der Natur, weil sie von der Erfahrung der Natur gelten; und nicht darin liegt 
ihr Beweis, dafi ohne sie Naturwissenschaft nicht moglich ware, denn so weit 
hatten sie immer erst die Bedeutung von Postulaten des Erkennens, er liegt 
darin ; dafi ohne sie der Gegenstand der Naturwissenschaft: die Erfahrung 
nicht moglich ist. Den Nachweis davon liefert Kant durch die Analyse des Be- 
griffs der Erfahrung. 

Erfahrung ist nicht schon durch die Sinnesemdriicke selbst gegeben. Es 
geniigt zu ihr auch nicht die Vergleichung der Wahrnehmungen und deren 
Verbindung zu einem Urteil, das den Zustand des wahrnehmenden Subjektes 
ausdriickt. Die Wahrnehmungen und ihre Verhaltnisse mussen daruber hin- 
aus auf Objekte bezogen und dadurch als allgemeingultig anerkannt werden. 
; ,Was Erfahrung unter gewissen Umstanden mich lehrt, mufi sie unter den 
gleichen Umstanden mich jederzeit und jedermann lehren, und die Giiltig- 
keit davon ist nicht auf das Subjekt eingeschrankt." Diese dem Empirischen 



Kritizismus 



9' 



als solchern wesentliche Allgemeingiiltigkeit ist urspriinglicher als die AUge- 
meinheit bestimmter Erfahrungen, die ihren Grund in der bestandigen Wieder- 
bolung gleicher Falle hat; sie ist schon jedem einzelnen Falle, jeder besonderen 
Wahrnehmung eigen. Darum ist der Satz, der die Abhangigkeit jeder, auch 
einer einmaligen Veranderung, von einer ihr vorangegangenen Veranderung 
behauptet, allgemeiner als der Satz, der das Eintreten gleicher Veranderungen 
infolge gleicher Antezedentien ausdriickt, der Kausalsatz allgemeiner als der 
Satz der Gleichfbrmigkeit des Geschehens in der Natur. Die positive Forschung 
hat es mit empirisch gegebenen Dingen und deren Verhaltnissen zu tun, hier 
aber, in der Philosophic der Erfahrung, ergeht die Frage nach den Vorausset- 
zungen, unter denen iiberhaupt Dinge und Verhaltnisse erst zu empirischen 
werden. Von alien Dingen, die zu unserer Erfahrung gelangen oder gelangen 
kbnnen, erkennen wir etwas a priori, dasjenige namlich, wodurch sie fur uns 
Dinge der Erfahrung werden, mit anderen Worten, wodurch es von unserer 
Seite aus moglich ist, Erfahrung von Dingen zu erlangen. Wissen wir auch 
nicht, was die Dinge selbst und abgesehen von unseren Wahrnehmungen sind, 
wie wir dies auch nicht zu wissen brauchen; so wissen wir doch. was sie fur uns 
sind, namlich Grund der Allgemeingultigkeit unserer Wahrnehmungen und 
folglich einer dadurch moglichen Erfahrung. 

Wir urteilen, so oft wir cine Erfahrung machen. Erfahrung ist ein Urteil, 
das durch die Wahrnehmungen ein Objekt bestimmt. Ohne die Beziehung auf 
ein Objekt blieben die Wahrnehmungen subjektiv und individuell. Diese Be- 
ziehung selbst aber kann nur durch Denken vollzogen werden. Es muB daher 
Begriffe geben, wie immer sie entstanden oder entwickelt sein mbgen, die das 
Denken eines Objektes iiberhaupt ausmachen oder bestimmen: ursprungliche 
Begriffe, die zur Beurteilung der Wahrnehmungen dienen und diese zur Er- 
fahrung erheben. Gegenstande mbgen durch die Wahrnehmungen gegeben sein 
--- und gewiO ist in ihnen der EinfluB der Dinge auf unsere Sinne gegeben — 
aber dadurch sind sie noch nicht als Gegensiiinde erkannt, und was ich wissen 
fflufi. 11111 etwas iiberhaupt als Gegenstand erkennen zu kbnnen, kann nicht 
aus dem erkannten Gegenstande selbst abgeleitet sein, denn seine Vorstellung 
kommt allererst durch dieses Wissen zustande. Die Gegenstande der Erfahrung 
ferner sind nicht isoliert. Sie bilden insgesamt die Einheit und Einzigkeit einer 
alles umfassenden, in sich aufnehmenden Erfahrung, zu der alle kiinftigen wie 
vergangenen Erfahrungen gehbren. Wie es also zur Moglichkeit der Erfah- 
rung Begriffe geben mufl, durch die ein Gegenstand iiberhaupt gedacht wird, so 
mufi es auch ursprungliche Verbindungen dieser Begriffe geben: Urteile a priori, 
die jenen der Erfahrung wesentlichen Zusammenhang ihrer Objekte der all- 
gemeinen Form nach bestimmen. Ohne jene Begriffe hatten die Erscheinun- 
gen fiir uns keine Objekte, ohne diese Urteile die Objekte keine Verkniipfung 
zur Einheit der Erfahrung. Unter Natur verstehen wir „das Dasein der Dinge, 
sofern es nach allgemeinen Gesetzen bestimmt ist", oder, da uns die Dinge in 
der Wahrnehmung als Erscheinungen gegeben werden, die allgemeine Gesetz- 
mafiigkeit der Erscheinungen. Ebendasselbe aber verstehen wir unter Erfah- 



9 2 Alois Riehl: Logik und Erkenntnistheorie 

rung; denn nur durch allgemeingultige Verkniipfung der Erscheinungen be- 
steht Erfahrung im Unterschied von blofler Wahrnehmung. Natur iiberhaupt 
und mogliche Erfahrung sind mithin Wechselbegriffe, und so konnte Kant 
sagen: die Sinnenwelt ist entweder gar kein Gegenstand der Erfahrung oder 
eine Natur — und umgekehrt, fugen wir hinzu: sie ist Natur, weil sie Gegen- 
stand der Erfahrung ist. 
K^ts jiewris Grundsatze a priori, wie der allgemeine Kausaisatz, konnen niemals als 

Grandsiiue ccr Prinzipien der Dinge selbst, — wohl aber konnen sie als Prinzipien der Erfah- 
' *!-ch*i't Ser "' run S der Dinge bewiesen werden, und sie sind dam in a priori, d. i. unabhangig 
von der Erfahrung, weil die Erfahrung von ihnen abhangt. ,,Alles dasjenige 
ist in Ansehung der Gegenstande der Erfahrung notwendig, ohne welches die 
Erfahrung von diesen Gegenstanden selbst unmoglich sein wiirde. Ohne diese 
ursprungliche Beziehung auf mogliche Erfahrung, in welcher die Gegenstande 
der Erkenntnis vorkommen, konnte die Beziehung der Erkenntnis auf irgend- 
ein Objekt nicht begriffen werden/' Allc empirischen Urteile iiber Objektc 
beruhen jederzeit zugleich auf eincm urspriinglichen Urteil oder schlieflen ein 
solches ein, das die gegebenen Erscheinungen auf ein Objekt iiberhaupt be- 
zieht. Yon diesem allgemeinen Gesichtspunkt aus fiihrt Kant den Beweis der 
Grundsatze der Erfahrung: der Prinzipien der Beharrlichkeit der Substanz, 
der Kausalitat der Veranderungen, der Wechselwirkung der Dinge und Vor- 
gange zur Gemeinschaft einer Xatui . 

Diese Prinzipien gehoren zusammen; sie definieren, sie erklaren den Be- 
griff uer Gesetzlichkeit der Natur oder der Erfahrung iiberhaupt. Sie bestim- 
men die allgemeinen Verhaltni^ie der empiritchen Objekle in der Zeit, als der 
Form der Erscheinungen. Absolutes Entstehen oder Yergchen, darauf allein 
zielt Kants Beweis der Beharrlichkeit eines Substrates der Erscheinungen, 
ist kein moglicher Gegenstand der Erfahrung; die Einheit dieser, die nichts 
anderes ist als die notwendige Einheit der Zeit selbst, wiirde aufgehoben sein, 
wenn etwas aus nichts entstehen oder in nichts vergehen konnte. Zwar kann 
nur die Beobachtung zeigen, was beharrt, was das Substrat in den Erscheinun- 
gen ist, dafi es aber in jeder Erscheinung etwas geben mufi. was alle Zeit da 
ist und der Grofie nach unveranderlich bleibt, ist dabei immer schon voraus- 
gesetzt, und nur unter dieser Voraussetzung zeitliche Erfahrung moglich. 
Denn nur im Gegensatz zu einer beharrlichen Erscheinung lafit sich Verande- 
rung iiberhaupt vorstellen. Dafi die Masse beharrt, ist ein empirisches Gesetz. 
dafi irgend etwas notwendig beharrt, ein Gesetz des Empirischen. Angenom- 
men, die Masse zeigte sich veranderlich, wie es die elektrodynamische Theorie 
der Materie wirklich annimmt, so konnte sie nur das Veranderliche von irgend 
etwas Unveranderlichem sein. Der Grundsatz der Beharrlichkeit der Substanz, 
ist somit allgemeiner als der Satz von der Erhaltung der Masse und der Energie. 
Er ist das Korrelat der Einheit des Denkens in der Zeit und darum ein schlecht- 
hin universelles Gesetz aller zeitlichen Erscheinungen als solcher. Desgleichen 
mufi die Beobachtung zeigen, welche Veranderung einer bestimmten anderen 
vorangegangen ist, dafi aber in dem Vorangegangenen die Ursache der ein- 



Kritizismus 03 

getretenen Veranderung zu finden sein mufi, eine Veranderung also niemals 
von selbst erfolgen kann, sondern nur auf Grund einer ihr vorangegangenen 
Veranderung, kann keine Beobachtung zeigen. Man kann den allgeraeinen 
Kaasalsatz nicht aus der regelmafiigen und zugleich objektiven Folge der 
Wahrnehmungen herleiten, wie Hume wollte, denn wir brauchen den Satz, 
um zu erkennen, welche Folge von Wahrnehmungen wirklich eine objektive 
Folge sei. Nicht die Folge der Veranderungen wird durch den Kausalsatz er- 
kannt oder gar erst durch ihn hervorgebracht, sie wird in der empirischen 
Anschauung durch die Erscheinungen selbst gegeben: die Objektivitat ihrer 
Folge wird durch dieses Prinzip beurteilt. Es bestimmt die allgemeine Form 
des Geschehens in der Natur, die Ankniipfung jeder Veranderung an eine ihr 
vorangegangene. Ursachloses Geschehen ist von aller Natur notwendig aus- 
geschlossen, weil die Zeit die Form der Erscheinungen ist und ein absoluter 
Anfang einer Zeitreihe kein Gegenstand der Erfahrung sein kann. Jede Be- 
gebenheit, dies aljein sagt der allgemeine Kausalsatz, gibt auf irgendeine Be- 
dingung sichere Anweisung, und dadurch allein erkennen wir sie als Begeben- 
heit. Wir haben, wie Hume unwidersprechlich zeigte, keine Erfahrung vom 
Wesen einer Ursache und wodurch sie ihre Wirkung herbeifuhrt, wohl aber 
haben wir den Begriff davon, was das Gesetz der Ursachlichkeit fiir unsere 
Erfahrung bedeutet. Kausalitat ist der Grundsatz der Erfahrung der Ver- 
anderungen, eine der Formen, in denen durch Wahrnehmungen ein Objekt 
bestimmt wird. Beharrlichkeit eines Gegenstandes in aller Erfahrung, oder 
Substanzialitat, Abhangigkeit oder Kausalitat der Veranderungen und Wech- 
selwirkung bestimmen das Dasein der Erscheinungen in der Zeit auf allge- 
mein- und darum objektiv giiltige Weise. Vor Kant war die Substanz ein We- 
sen, die Ursache eine Kraft, seit Kant sind Erhaltung der Substanz und Ur- 
sachlichkeit Gesetze der Erfahrung als soldier. Das Gesetzmafiige ist nur dar- 
um die wesentliche Voraussetzung fiir den Charakter des Wirklichen, wie 
Helmholtz es nannte, weil es die Voraussetzung fur die Erfahrung ist, in der 
allein alles fiir uns Wirkliche angetroffen wird. 

Die obersten formalen Gesetze der Erfahrung und dadurch der Natur sind 
als AusfluC eines einzigen Prinzips zu betrachten. Sie driicken die Einheit 
des denkenden BewuCtseins in aller Wahrnehmung und Erfahrung aus. Hier 
in diesem hochsten Punkt der Philosophic des Wissens sind der empirische und 
der reine Faktor des Erkennens, sind Gehalt und Form der Erfahrung ursprung- 
Hch verkniipft. Erscheinungen sind Vorstellungen, die durch Dinge gegeben , 
werden, und wie sie notwendig den allgemeinen Formen des Anschauens ge- 
mafi sein miissen, durch die sie erscheinen, d. i. zu sinnlichen Vorstellungen 
werden, so miissen sie auch in die Einheit des Denkens verkniipft werden kon- 
nen, widrigenfalls sie gar nicht vorgestsllt werden konnten. Sie miissen also 
ganz ebenso eine urspriingliche Beziehung zum Verstande, ram Denken haben, 
wie sie ein Verhaltnis zur Sinnlichkeit haben. Das heifit: sie miissen in einer 
Form gegeben sein, die es moglich macht, von ihnen einen Begriff zu bekom- 
men, den Begriff nainlich eines Objektes iiberhaupt. Objektiv begreiflich in 



94 Alois Riehl: Logik und Erkenntnistheorie 

diesem Sinne sind sie aber nur dann, wenn schon ihre Wahrnehmungen und 
deren empirische Verhaltnisse in jenen allgemeinen Verbindungen stehen, die 
durch die Gesetze einer durch Wahrnehmungen mbglichen Erfahrung ausge- 
driickt werden. Nichts kann in unsere Erfahrung gelangen, was nicht schon 
in seiner Wahrnehmung der Einheit des Denkens entspricht. Und darum sind 
die Bedingungen der Erfahrung zugleich Bedingungen der Objekte selbst, so- 
weit diese zur Erfahrung gelangen. Sie gelten, wie man sagen kann, von der 
unserer Erfahrung zugekehrten Seite der Dinge selbst. 

Kants Theorie der Erfahrung darf nicht subjektivistisch gedeutet werden. 
Von Anthropologic oder Psychologie ist in ihr nicht die Rede, so wenig wie 
von einem Idealismus der Dinge. Das Mifiverstandnis freilich, das das Wort 
vom ,,transzendentalen Idealismus" veranlafit hat und das von Fichte ausging 
und durch Schopenhauer popular geworden ist, scheint kaum noch ausrott- 
bar zu sein. Die Lehre von der Idealitat der allgemeinen Formen des An- 
schauens wurde zu einer Lehre der Idealitat der empirischen, in diesen Formen 
angeschauten Dinge gemacht, trotz Kants lautem Protest gegen diese MilJ- 
deutung seiner Absicht, welche vielmehr dahin ging, den Idealismus in dur 
„rezipierten" Bedeutung des Wortes zu widerlegen. Man horte wohl den Pro- 
test, versaumte aber, die eigene falsche Auffassung danach zu berichtigen. 
Seither kann man zum Uberdrufi von Kants ,,hyperidealistischen" Anschauun- 
gen reden hbren, obgleich Kant nicht nur behauptet, sondern darauf dringt, 
daC den aufieren Erscheinungen wirkliche Dinge entsprechen, deren Eigenari 
in alien rein empirischen Yerhaltnissen zum Ausdruck komrat. 
scbiuC. Unsere physikalischen Grundbegrilfe mogcn sich wandeln, sie sind bogar 

gegenwartig in der Tat in Umwandlung begriffen, die psychologische Analyse 
auch der hdheren seelischen Funktionen mag zur Entdeckung neuer Gesetze 
des psychischen Geschehens fiihren:, das System unseres Wissens ist seinem 
besonderen Gehalte nach unabschliefibar. Jede kiinftige Erfahrung aber steht 
von vornherein unter den Gesetzen, welche Erfahrung tiberhaupt ermbglichen; 
ist sie Erfahrung, so gelten von ihr notwendig die Grundsatze, die das Dasein, 
die Entwicklung und die Verbindung der Erscheinungen nach den Momenten 
der Zeit: Dauer, Folge und Gleichzeitigkeit bestimmen. Und dazu kommt 
noch ein Gesetz, das, entsprechend der Nichtumkehrbarkeit der Zeit, die all- 
gemeine Richtung des Geschehens in der Natur normiert. Eine Ausnahme von 
diesen Gesetzen ist nicht mbglich, weil eine Erfahrung von einer solchen Aus- 
nahme nicht mbglich ware. Die Prinzipien unseres Erfahrungswissens sind 
unwaudelbar, fortschreitend sind nur die Erfahrungen unter der Herrschaft 
dieser Prinzipien. 



L.iteratur. 

A. Zur Logik. 

Zu S. 73. t)ber die Logik des Aristoteles ist zu vergleichen, auBer C. Peantl, Ge- 
schichte der Logik im Abendlande I. Abschnitt IV (Leipzig, 1855), das vielfach abschliefiende 
Werk von H, Maier: Die Syllogistik des Aristoteles (Tubingen, 1896 — 1900), insbesondere 
der zweiten Halfte zweiter Teil: Die logische Theorie des Syllogismus und die Entstehung 
der aristotelischen Logik. 

Zu S. 80 ff. Die Weiterentwicklung der Logik. 1. Schriften, die den Logikkalkul betreffen : 
G. BOOLE, The mathematical analysis of logic (Cambridge, 1 847) und An investigation of the laws 
of thought (London, 1854). AuBerdem: L. SCHRODER, Der Operationskreis des Logikkalkuls 
(Leipzig, 1877) und Vorlesungen uber die Algebra der Logik, 3 Bande (Leipzig, 1890 — 1895); 
neuestens auch Russell, The principles of mathematics, Vol. I (Cambridge 1903). Hervor- 
zuheben ist noch L. Couturat, La logique de Leibniz (1901). — Man kann, wie im Texte, die 
formale oder reine Logik als die Analysis des Denkbaren durch das Prinzip der Identitat defi- 
nieren und so die enge Beziehung der Logik zu der mathematischen Analysis zum Ausdruck 
bringen. Zugleich gibt sich in dieser Erklarung die Uberordnung der logischen iiber die 
mathematische Analysis zu erkennen. Will man die Logik als einen Teil der Mathematik 
auffassen, so darf man dabei nicht iibersehen, dafi sie deren allgemeinsten und darum von 
den ubrigen mathematischen Doktrinen unabhangigen Teil bildet. Was ihr Gebiet von dem 
der eigentlichen Mathematik trennt, ist der Begriff der Zahl, auf welchem Algebra und Ana- 
lysis beruhen. Logische Einheiten (Begriffe) sind nicht zu sich selbst addierbar; auf sie laBt 
sich daher auch nicht die rekurrierende SchluBweise anwenden, in welcher Poincare' (La 
science et 1'hypothese) das eigentliche Verfahren der Mathematik erblickt, und der iiblich 
gewordene Ausdruck: identischer Kalkul ist als irrefiihrend abzuweisen. Obrigens wird die 
algebraische Logik aus dem im Texte angedeuteten Grunde niemals die verbale, also die 
, .logische" Logik zu verdrangen vermogen, so wenig wie irgendeine Pasilogie oder Pasi- 
Iingua die lebendige Sprache ersetzen kann. 

2. Darstellungen der Logik aus methodologisclien Gesichtspunkten: von deutschen 
Werken sind auszuzeichnen: Ch. Sigwart, Logik. I. Band: Die Lehre vom Urteil, vom 
Begriff und vom SchluB, 2. Aufl. (Tubingen, 1889), 4. Aufl. (1911). II. Band: Die Methoden- 
lehre, 4. Aufl. (1911). W. Wundt, Logik. Eine Untersuchung der Prinzipien der Erkenntnis 
und der Methoden wissenschaftlicher Forschung. I. Band: Allgemeine Logik und Erkenntnis- 
theorie, 4. Aufl. (Stuttgart, 191 1). II. Band in zwei Abteilungen: Methodenlehre. 4. Aufl. 
(1920). B. Erdmann, Logik. I. Band: Logische Elementariehre (Halle, 1892, 2. Aufl. 1907). 
— Von alteren Schriften verdient noch immer H. Lotze, Logik (Leipzig, 1874; 2. Aufl. 1881) 
riihmlich genannt zu werden. Von den englischen Autoren steht B. Bosanquet, Logic or the 
morphology of knowledge, 2 Bande (Oxford, 1SS8) Lotzes Anscliauungen nahe. Von den 
alteren Werken der englischen Literatur bleibt J. Stuart Mill, A system of logic, rationa- 
tive and inductive, zuerst erschienen London, 1843, ms Deutsche ubersetzt von ]. Schiel 
(Braunschweig, 1849), das geschichtlich bedeutendste ; sachlich ist es durch W. Stanley 
Jeyons, The principles of science (London, 1874) uberholt. Wesentlich gefordert wurde 
durch Jevons namentllch die Theorie der Induktion. Von den deutschen Logikern schlofl 
sich Sigwart in der Methodenlehre an Jevons an. Seither ist hinzugekommen und mit Aus- 
zeichnung zu erwahnen das umfangreiche Werk von J. v, Kries , Logik, Grundzugc einer 
kritischen und formalen Urteilslehre (Tubingen, Verlag von J. C. N. Mohr-Paul Siebeck 1916)- 

Zu S. 85. Plato und Galilei. Zwischen der analytischen Methode Platos und der 
experimentellen Gatileis besteht nicht bloB die im Texte gezeigte innere Verwandtschaft, 
sondern hochst wahrscheinlich auch ein geschichtlicber Zusammenhang. Von Viviani wissen 



96 



Literatur 



wir, wie eifrig Galilei in seiner Pisaner Studienzeit Plato las, dessen Schriften er iiber alles 
schatzte. Schon damals war Galilei in seinen Disputationen ein gefiirchteter Gegner derer, 
die Aristoteles gegen Plato verteidigten. Spater, in den Schriften GaHleis, finden sich iiber- 
all die Zeugnissse seiner langen und tiefen Vertrautheit mit Plato. Wiederholt wird das 
Wort von der Anamnesis, der Wiedererinnerung, aus dem Menon mit Beifall angefiihrt und 
von Galilei in eigener und freier Weise gedeutet. Er bezieht es auf die Erkenntnis solcher 
Satze, die von uns auf das sicherste und das vollkommenste gewuBt und eingesehen werden, 
— der mathematischen Satze. Der Menon aber enthalt die deutlichste Darstellung der ana- 
lytischen Methode Platos. Auch Kepler nennt in einem Schreiben an Galilei Plato und 
Pythagoras seine und Galileis echte Meister. So hat Platos Genius, wie er in der Kunst 
Michel Angelos wieder auflebte, auch an der Schopfung der modernen Wissenschaft mit- 
gewirkt. 

Zu S. 86. Einheit der wissenschaftlichen Methode. — Dagegen: H. RlCKERT, Die 
Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung. Eine logische Einleitung in die histo- 
rischen Wissenschaften iTiibingen und Leipzig, 1902), 2. Aufl. 1913, und Geschichtsphilosophie 
(aus: Die Philosophie des :o. Jahrhunderts, Festschrift fur Kuno Fischer [Heidelberg, 1905]). R. 
unterscbeidet die ,,generalisierende" Betrachtungsweise der Natur wissenschaften von der indivi- 
dualisierenden der Geschichtswissenschaften im weiteren Sinne des Wortes; wenn er aber 
jene mit der wertfreien , diese mit einer wertverbindenden Auffassung identifiziert und 
behauptet, daB es nur fur wertende Wesen „Geschichte" gibt, so kann er dabei nur an die 
Geschichte im engeren Sinne gedacht haben, an die von ihm so genannte Kulturwissenschaft, 
die er in Gegensatz bringt zu der Naturwissenschaft. Damit kommt die von Rickert aus 
logiscben Gesichtspunkten bekampfte Unterscheidung zwischen Natur- und Geisteswissen- 
schaften sachlich wieder zur Geltung. Die allgemeinen Wertbegrifie, die der Historiker 
nach R.s Forderung zur Auswabl seines Stoffes heranbringen soil, finde nicht die Geschichts- 
wissenschaft, sondern die Geschichtsphilosophie, womit zugestanden ist, daB es eine Ge- 
schichtswissenschaft gibt ohne vorhergehende Beziehung auf Wertbegriffe. In der Praxis 
der Forschung trifft auch der Historiker in der Tat die Auswahl aus seinem Stofie nicht 
nach Wertgesichtspunkten, sondern nach Graden historischer Wirksamkeit, die sich wieder 
aus dem Zwecke seiner Untersuchung ergeben. Eine und dieselbe geschichtliche Tatsache 
gewinnt daher, je nach der Verschiedenheit des Zusammenhanges , in dem der Historiker 
sie betrachtet, sehr verschiedene Akzente; ihr objektiver Wert dagegen bleibt derselbe. 
Freilich soil nach R. der Historiker seine Objekte nicht eigentlich bewerten, er soil sie nur 
auf Werte beziehen — eine psychologisch nicht durchfuhrbare Forderung, da etwas auf 
Werte beziehen und es bewerten ein und der namliche unteilbare Urteilsakt des Geistes ist. 
Da jedes historische Ereignis ein einmaliges ist und auf eine einzige Weise vor sich ge- 
gangen, so kann auch seine wahre wissenschaftliche Darstellung nur eine einzige sein, wie 
entgegengesetzt der Historiker personlich das Ereignis bewerten mag. Die „generalisie- 
rende" Betrachtung der Naturwissenschaft soil nach R. die Gewinnung eines Systems von 
Begriffen zum Ziele haben, die zueinander in den Verhaltnissen der Unter- und Oberord- 
nung stehen und durch Ausscheiden des Individualen gebildet werden; und wirklich hat 
dieses Ziel, zum groflen Teile, der antiken Naturphilosophie vorgeschwebt. So gewifi aber 
Abstraktion und Analyse verschieden sind, so weit unterscheidet sich auch der Gesetzes- 
begnff der modernen Wissenschaft von dem Gattungs- oder Formbegriff der antiken Philo- 
sophie. Ohne Zweifel reicht auch der Naturforscher, wenn er will, zu den wirklichen 
Dingen und Vorgangen herab, hat er doch die Gesetze aus den Dingen und Vorgangen 
der Wirklichkeit abgeleitet. Er braucht nur die Konstanten seiner Formeln zu bestimmen, 
urn den Ruckweg zu den realen Vorgangen zu nehmen. Wahrend aber fur den Natur- 
forscher die Tatsachen das Gegebene sind und die Gesetze das Gesuchte, sind fur den 
Historiker die Tatsachen, weil sie der Vergangenheit angehort haben und nur noch in 
jhren Wirkungen, wozu auch die historischen Quellen gehoren, da sind, das, was er sucht, 
und die Gesetze, nach denen er sie ermittelt, das fur ihn Gegebene oder Vorausgesetzte. 
Hierin liegt aber kein Gegensatz der Metboden, sondern nur der Ausgangspunkt fur die 



Literatur 



97 



Anwendung der Methoden. Nicht die Richtung auf das Individuelle im Unterschiede zu der 
auf das AUgemeine, die Richtung auf d^s Ganze, auf geisiige Einheiten und Systeme, unter- 
scheidet die Historie im engeren Sinne von der analysierenden Naturwissenschaft. Der 
Gesamtgegenstand aber, in den die beiden Wissensgebiete sich teilen, ist individuell: die 
einmalige und in einem einzigen Entwicklungsgange begriffene Wirklichkeit. 

B. Zur Erkenntnistheori e, 
Zu S. 92. Der erkenntnistheoretische Positivismus. Die Werke von R. Avenarius, 
Kritik der reinen Erfahrung, I. Band (Leipzig, 1888), II. Band (1890); dessetben Autors: Der 
menschlicbe Weitbegrifi Leipzig, 1891) und von E. MaCH, Die Analyse der Empfindungen 
5. Auft. (Jena, 1906), Erkenntnis und Irrtum (Leipzig, 190;}; auflerdem in Machs Prinzipien 
der Warmelehre [1896) die SchluBabschnitte. — Was ,,reine" Erf-ihrung sein soil, bleibt bei 
Avenarius unbestimmt, und seine Erklarung hieriiber: „reine Erfahrung ist Erfahrung, welcher 
nichts beigemischt ist, als was selbst wieder Erfahrung ist", bewegt sich augenscheinlich im 
Zirkel. Schon die Unterscheidung von Avenarius zwischen R Werten (Reizen), sofern sie als 
Bestandteile einer „Umgebung" vorausgesetzt werden, und E~Werten (Empfindungen), die 
als Inhalte einer Aussage angenommen werden, enthalt nicht mehr reine, voraussetzungs- 
lose Erfahrung, sie ist das Ergebnis einer Theorie. Mach verfahrt konsequenter: nach ihm 
sind die Empfindungen selbat, also ,,Farben, Tone. Warmen, Drucke, Raume, Zeiteiv die 
Elemente des Wirklichen, und ein Unierschied zwischen Erscheinungen und dem, was er- 
scheint, besteht nicht. Machs Erkenntnislehre ist das gen.iue Gegenstiick der Lehre Ber- 
keleys. Wabrend fur diesen die Aufienwelt nicht existiert, weii sie aus Empfindungen 
zusammengesetzt ist und Empfindungen nur als „ldeen" im perzipierenden Geiste und durch 
denselben existieren konnen, ist fiir Mach der perzipierende Geist, „das Ich" nur ein eigen- 
artiger Zusammenhang der allein wirklichen Empfindungen oder Elemente. „Das Ich ist 
nicht zu retten." Soil hier unter Ich blofl die Fonnel eines Bewufitseins iiberhaupt ver- 
standen werden, das ,,Vorwort, das alie unsere Vorstellungen regiert", wie Kant es nennt, 
so braucht es nicht „gerettef' zu werden. Ist aber damit der emheitliche Zusammenhang 
des BewuBiseins gemeint, so ist dieser Zusammenhang nicht bloB „eigenartig" ; er ist einzig- 
artig, sofern er die Voraussetzung fiir die Vorstellung jedes anderen , wirklichen oder mog- 
lichen Zusammenhanges bildet: die „synthetische Einheit der Apperception 1 ', ohne welche 
nichts zu erfahren moglich ist. 

Zu S. 94.. Begritf der Erfahrung. Zu vergleichen sind auch fiir die weiter folgenden 
Ausfuhrungen im Texte: Kant, Prolegomena und Poincar£, La science et l'hypothese (Paris, 
ohne J.), deutsch mit wertvollen Anmerkungen und Ausfiihrungen von F. und L. Lindemann, 
2. Aufi. (Leipzig, B. G. Teubner, igo% und desselben Verfassers La valeur de la science, 
deutsch von E. und H. Weber (Leipzig, 1906). Wie nahe Poincare den im Texte ver- 
tretenen Anschauungen kommt, zeigen insbssondere seine Ausfuhrungen uber die nicht- 
Euklidischen Geometrien. Die Satze: die ersten Grundlagen der Geometrie sind uns nicht 
durch die Logik auferlegt, aber ebensowenig hat die Geometrie ihren Ursprung in der 
Erfahrung, denn man mag es wenden wie man will, der geometrische Empirismus gibt 
keinen verstandiichen Sinn, stehen mit dem, was Kant uber Raum und Geometrie lehrt, in 
bestem Einklange Wenn aber P. hinzufiigt: deshalb beruhen die Grundlagen der Geo- 
metrie nur auf Ubereinkommen, dieses Obereinkommen sei jedoch nicht wilikiirlich, so 
versaumt er anzugeben, wodurch dieses Obereinkommen beschrankt wird, da dies weder 
durch die Sinnesemdriicke geschehen soil, noch durch die Erfahrung. Das Objekt der Geo- 
metrie ist nach P. das Studium einer besonderen Gruppe; der allgemeine Begnff der Gruppe 
aber praexistiere im Geiste, nicht als Form der Sinnlichkett, wie gegen Kant bemerkt sein 
soil, sondern als Form des Verstandes. Dann aber miiflten uns im Widerspruch gegen 
Poincares ersten Satz die Grundlagen der Geometrie durch die Logik auferlegt sein. Es ist 
namlich offenbar dasselbe zu sagen: etwas „praexistiere als Form des Verstandes", und zu 
sagen: es sei durch die Logik begriindet. 

Die Kultur der Gegenwart, I. 6. 3. Aufl. - 

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METAPHYSIK. 

Von 

WlLHELM WUNDT. 

steUunK dcr Einleitung. Man hat Hegel das Wort in den Mund gelegt, von alien 

VeVpfangrnhpu seinen Schiilern habe ihn nur einer verstanden, und der habe ihn miBverstan- 
und Gcgecwm d en< rj; e Geschichte ist vielleicht erfunden. Aber fur allcs, was man Meta- 
physik nennt, oder was, falls es diesen Namen verschmaht, dessen Stelle ein- 
nimmt, ist sie charakteristisch. Den ersten echten Metaphysiker, den die Ge- 
schichte der Philosophic kennt, den Heraklit, nannten schon die Alten um 
der tiefsinnigen Schwerverstandlichkeit seiner Ausspruche willen den ,,Dun- 
keln". Sogar der Name ,, Metaphysik" hat den Sinn, den wir heute mit ihm 
verbinden, eigentlich nur einem MiCverstandnis zu danken. Was in der Ord- 
nung der Aristotelischen Lehrschriften ,,nach der Physik" (u^ia tcc cpuciKa) 
kam, diese auBerliche Benennung deuteten zuerst die Neuplatoniker in das 
um, ,,was uber die Natur hinausgehe", eine Interpretation, die bis zum heutigen 
Tag die gelaufige geblieben ist. 

Die Metaphysiker selbst untcrsttitzen solche Mifiverstiindriisse, da sie 
nicht selten mit einer gewissen Geringschatzung auf das Tun und Treiben der 
empirischen und praktischen Disziplinen herabsehen, womit sich dann bei 
den meisten noch eine griindlichc Verachtung anderer metaphysischer Systeme 
verbindet. Auch dafiir ist der alte Heraklit ein Vorbild. In einem seiner Aus- 
spriiche, der sich wahrscheinlich auf die Philosophen seiner Zeit bezieht, be- 
zeichnet er diese als „Leute, die weder zu hciren noch zu reden verstehen", 
und hochst anzuglich meint er, Vielwisserei und Verstand seien zweierlei, 
wie man an Pythagoras und Xenophanes sehen konne. Seitdem hat noch 
jeder Metaphysiker sein eigenes System fur das allein wahre erklart. Dafi aber 
diese Erscheinung nicht in personlicher AnmaGung, sondern schlieBlich in der 
Eigenart der Metaphysik ihren Grund hat, das ist sehr treffend von Kant an- 
gedeutet worden, als er fur seine kritische Philosophic dieselbe Unfehlbarkeit 
in Anspruch nahm. Wenn diese Philosophic, so meint er, sich als eine solche 
ankiindige, vor der es iiberall noch gar keine gegeben habe, so tue sie nichts an- 
deres, als ,,was alle Philosophen getan haben, tun werden, ja tun miissen, die 
eine Philosophie nach ihrem eigenen Plane entwerfen". 

Diese zwei altiiberlieferten Eigenschaften, ihre Dunkelheit und der An- 
spruch eines jeden Systems auf ausschliefiliche Geltung, wiirden vielleicht 
schon geniigen, die Metaphysik in der offentlichen Meinung der gelehrten wie 
der ungelehrten Welt zu diskreditieren, auch wenn nicht als eine dritte Eigen- 



Stellung der Metaphysik in Vergangcnheit und Gegenwart oo 

schaft noch die hinzukame, dafi sie anerkanntermafien eine ganzhch nutzlose 
Wissenschaft ist. Man kann zu Ehre und Ansehen in der Welt kommen, ohne 
etwas von ihr zu wissen; ja man kann selbst in den einzelnen der Erkenntnis 
der Katur oder des geistigen Lebens dienenden Gebieten Bedeutendes leisten, 
ohne sich jemals mit ihr behelligt zu haben. Es gibt kein noch so abgelegenes 
naturwissenschaftlich.es Problem, dessen Losung nicht moglicherweise in der 
Zukunft einen praktischen Wert gewinnen konnte. Philologie und Geschichte 
fordern, indem sie die geistigen Schatze der Vergangenheit erschlieflen, da- 
mit indirekt zugleich die Gesittung. Selbst andere Teile der Philosophic, wie 
Logik, Asthetik, Ethik, konnen sich als allgemeine geistige Bildungsmittel in 
den Dienst des Lebens stellen. Von allem dem ist bei der Metaphysik keine 
Rede. Darum ist es vornehmlich dieser Gesichtspunkt des Nutzens, unter dem 
sie von dem grofien Utilitarier Francis Bacon an bis herab zu dem Positivis- 
mus des 19. und 20. Jahrhunderts als eine teils uberflussige, teils ruckstan- 
dige Scheinwissenschaft bekampft worden ist. 

Nun sind freilich die Metaphysiker geneigt, alle diese Mangel fur ebenso 
viele Vorziige zu halten. Wirft man ihnen den Widerstreit vor, in dem sie 
miteinander stehen, so entgegnen sie mit Hegel, eben dies bezeichne die 
hochste Form des Wissens, daB jedes System die vorausgegangenen als seine 
aufgehobenen Momente enthalte. Behauptet man die Unfruchtbarkeit ihrer 
Bestrebungen, so erwidern sie mit Schopenhauer, das gerade sei der Adels- 
brief des Genies, Unniitzes zu produzieren. Aber dem Forscher, der sich auf 
seinem fest abgegrenzten Einzelgebiet sicher fuhlt, konnen solche Ausspruche 
nicht imponieren. Aufgehobene Momente gibt es word allerwarts; doch er 
zieht es vor, sie schlecht und recht Irrtumer zu nennen, und er meint, nur 
das habe wirklichen Wert, was sich fur die Dauer nicht als irrig herausstellt. 
Das Unnutze vollends lafit er allenfalls da gelten, wo es das Leben verschont, 
und das tut nach seiner Meinung die Kunst besser als alle Philosophic. 

Wie ware es drum, wenn wir, nachdem sich die Welt mit zweifelhaftem 
Erfolg, beinahe konnte man sagen mit zweifellosem Mifierfolg um die Meta- 
physik splange bemiiht hat, uns endlich einmal entschlossen, sie und alles 
was unter einem anderen Namen ihr gleichsieht, fur abgetan zu erklaren? 
Im Hinblick auf die Rolle, die sie in der Kultur vergangener Zeiten gespielt, 
konnte ihr ja immerhin in den Werken uber Geschichte der Philosophie ein 
ehrendes Begrabnis zuteil werden. Aber sind nicht alle Aufgaben, die sich die 
Wissenschaft heute noch stellen kann, auf der einen Seite von der Naturfor- 
schung einschliefilich der Mathematik, auf der anderen Seite von den histo- 
rischen Disziplinen in Anspruch genommen, zu denen fiir solche, die ihrer zu 
bedurfen glauben, allenfalls auch noch die Psychologie treten mag? Ich muflte 
mich sehr irren, wenn diese Gedanken nicht in ziemhch weiten Kreisen der 
wissenschaftlichen Welt, teils offenkundig, teils wenigstens im stillen ver- 
breitet waren. Manner, denen selbst etwas von der Neigung zu philosophi- 
schen Verallgemeinerungen innewohnt, gehen auch wohl noch einen Schritt 
weiter. Sie sagen etwa: heute hat nicht mehr die Metaphysik, die doch nur 



100 Wilhelm Wundt: Metaphysik 

eine verkappte Mythologie ist, die ,,Weltratsel" zu losen, sondern die Natur- 
wissenschaft. Oder auf der anderen Seite denkt man, die wahre Philosophic 
sei die Geschichte oder vielleicht auch die Psychologie, da ihr Objekt, der 
Mensch mit seinen Schopfungen, schliefilich das einzig wertvolle Problem der 
Philosophie sei. Der partikulare Positivismus — wenn ich unter diesem Na- 
men alle diese Uberzeugungen zusammenfassen darf — schillert also wieder 
in sehr verschiedenen Farben, deren Widerspiel dem menschlichbegreiflichen 
Motiv entspringt, die Dinge fur die wichtigsten zu halten,mit denen man sich 
selber beschaftigt. 

Doch mag man sich auch hier wie dort bei dieser Denkweise beruhigen, 
der Wunsch, iiber die Grenzpfahle des eigenen Gebietes hinaus in die Welt 
zu blicken, regt sich immer wieder. Und so ereignet sich denn das merkwur- 
dige Schauspiel, daG in dem Augenblick, wo man die alte Metaphysik zu Grabe 
getragen wahnt, unerwartet eine neue entsteht, die zwar manchmal durch- 
aus nicht als solche gelten will, die aber gleichwohl die zu jeder Zeit der Meta- 
physik eigenen Merkmale so augenfallig an sich tragt, dafi sie es sich wohl 
oder ubel gefallen lassen mu6, zu ihr gezahlt zu werden. Auch sind die Histo- 
riker der neuesten Philosophie bereits an der Arbeit, diese eben erst entstan- 
denen Systeme oder die Entwiirfe zu ihnen in dem grofien Mausoleum ge- 
wesener Metaphysik beizusetzen und sie mit den Signaturen zu versehen, an 
denen sich kunftige Geschlechter iiber sie orientieren kbnnen. Dabei ist es 
ein bemerkenswertes Kennzeichen dieser neuesten Metaphysik, dafi sie nur zu 
einem kleinen Teil von ,,Phi!osophen", d. h. von solchen gemacht wird, denen 
das Philosophieren fachmafiig oder nach selbstgewahltem Beruf obliegt, son- 
dern dafi sie inmitten der positiven Wissenschaften entsteht, unter den Phy- 
sikern und Chemikern, Zoologen und Physiologen, unter Juristen, National- 
okonomen, Theologen und Historikern. Nur die Philologie hat sich, nament- 
lich seit ihr in der Kantphilologie auf dem Felde der Philosophie selbst eine 
Tochter erbliiht ist, bis jetzt gegen den Sirenengesang der Spekulation sprbde 
erwiesen, darin unahnlich ihrer Vergangenheit in dem Zeitalter Kants und 
Schellings. Nicht die am wenigsten merkwiirdige unter diesen Erscheinungen 
der Gegenwart ist es aber, dafi unter alien den genannten Gebieten gerade 
das exakteste und positivste, die Naturwissenschaft, vorzugsweise zur Kon- 
zeption solcher metaphysischer Ideen gelangt ist. 
Aij^emeine Mag man nun iiber diese Erscheinung denken wie man will, jedenfalls 

MetiphysJ spricht sie nicht dafiir, dafi jene Ansicht, die in der Metaphysik blofi eine 
Vwssenschaft vergangener Zeiten sieht, auf die Dauer recht behalt. Wohl aber 
]egt sie die Frage nahe, worin denn jener spekulative Trieb, der, wenn er 
aus der Philosophie nahezu verschwundcn scheint, um so kraftiger sich in der 
positiven Wissenschaft zu regen beginnt, seine letzte Quelle habe. Im Hin- 
blick auf das, was die Metaphysik zu alien Zeiten erstrebt hat, wird man wohl 
unbedenklich sagen durfen: es ist der Einheitstrieb der menschlichen Ver- 
nunft selbst, der sich nicht daran geniigen lassen will, das Einzelne zu erken- 
nen und innerhalb der beschrankten Sphare, der es zunachst angehbrt, mit 



Allgemeine Definition der Metaphysik IO i 

anderem Einzelnen in Beziehung zu setzen, sondern der zu einer Weltan- 
schauung gelangen mochte, in der die getrennten oder nur lose verbundenen 
Bruchstiicke unseres Wissens zu einem Ganzen geeint sind. Das ist natiir- 
lich ein Bedurfnis, das nicht bei jedem Menschen und nicht zu jeder Zeit gleich 
lebendig zu sein braucht. Aber es ist doch ein solches, das, so wenig wie das 
religiose oder das sittliche Bedurfnis, jemals ganz wird verschwinden konnen. 
Ob jener spekulative Trieb je sein Ziel erreicht, kann man gewiC bezweifeln; 
ja man darf wohl vermuten, daB dieses Ziel, ebenso wie das sittliche Ideal, zu 
jeder Zeit nur dem gerade bestehenden Zustande der Kultur und des geistigen 
Lebens entsprechen konne. Aber daB der spekulative Trieb selbst jemals ver- 
schwinden werde, wird man eben deshalb, weil sein Ziel in uni so groBere Feme 
ruckt, je naher man ihm zu sein glaubt, mit gutem Grunde bezweifeln diirfen. 
Damit ist jedoch der Inhalt dessen, was Metaphysik sei, jedenfalls noch 
nicht zureichend bestimmt. Denn nicht jeden Versuch, aus jenem Einheits- 
bedurfnis heraus eine Weltanschauung zu gestalten, werden wir ein System 
der Metaphysik nennen. Sonst wtirde jede religiose Weltanschauung oder je- 
des dichterische Weltbild, in dem Phantasie und Gemiit ihre Befriedigung 
suchen, auch Metaphysik sein. Doch so sehr hier in der Tat manchmal die 
Begriffe und die Dinge selbst ineinanderflieBen, so wird man doch den eigent- 
lichen Begriff der Metaphysik in dem Sinne begrenzen miissen, daB wir nur 
diejenigen Versuche zur Ausgestaltung einer einheitlichen Weltanschauung 
der Metaphysik zurechnen, die vom wissenschaftlichen Erkenntnisbediirf- 
nis ausgehen und daher auch in erster Linie dieses zu befriedigen streben. 
Nur insofern wir den Begriff in dieser Weise einschranken, sind wir in der Tat 
berechtigt, die Metaphysik, als einen Versuch, dem Ausdruck zu geben, was 
die Wissenschaft der Zeit bewegt, selbst der Wissenschaft zuzuzahlen. Dem- 
nach lafit sich die Definition der Metaphysik wohl in den Satz zusammenfassen: 
Metaphysik ist der auf der Grundlage des gesamten wissen- 
schaftlichen Bewufltseins eines Zeitalters oder besonders hcr- 
vortretender Inhalte desselben unternommene Versuch, eine die 
Bestandteile des Einzelwissens verbindende Weltanschauung zu 
gewinnen. Darin liegt ausgesprochen, daB die Metaphysik weder ein unver- 
iinderliches noch auch nur ein immer in gleicher Richtung sich entwickelndes 
System sein kann. Vielmehr nimmt sie nicht blofi an den mannigfachen 
Schicksalen des wissenschaftlichen Denkens iiberhaupt teil, sondern es spiegeln 
sich auch in ihr die verschiedenen Richtungen dieses Denkens, und in ihrer 
Geschichte pragt sich meist zugleich der vorherrschende EinfluB bestimmter 
Wissensgebiete aus, die hn Vordergrund des allgemeinen Interesses stehen. 
Darum erzeugt in der Regel ein bestimmtes Zeitalter nicht blofl ein metaphy- 
sisches System, sondern mehrere nebeneinander, und in dem Gegensatz sol- 
cher gleichzeitiger Systeme kommt, ebenso wie in dem vorherrschenden Ein- 
fluB bestimmter positiver Gebiete, der allgemeine Geist des Zeitalters in der 
Mannigfaltigkeit seiner Bestrebungen wie in seinen Eigentiimlichkeiten gegen- 
iiber anderen Zeiten zum Ausdruck. 



102 Wilhelm Wundt: Metaphysik 

So darf man es denn auch als eine Signatur unserer Zeit betrachten, dafi 
in der Gegenwart der metaphysische Trieb weniger in der Philosophic als in 
den positiven Wissenschaften und nicht zum wenigsten auch in den Kreisen 
der Gebildeten iiberhaupt lebendig ist, und dafi unter den Wissenschaften die 
Naturforschung, unter den Vertretern der allgemeinen Bildung die Kiinstler 
und Literaten in erster Linie stehen. Zeigen diese Erscheinungen zunachst, 
daB jenes Einheitsbediirfnis des Denkens, das schliefilich die Wurzel aller Meta- 
physik bildet, heute in der Naturwissenschaft besonders stark sich wieder 
regt, so kommt darin wohl auBerdem die Tatsache zur Geltung, dafi Uberhaupt 
seit langer Zeit, im-besondere seit dem Zeitalter der Renaissance, die Natur- 
wissenschaft einen vorherrschenden EinfluB auf die philosophische Spekula- 
tion ausgeiibt hat, und daB sie infolgedesscn noch heutc in dem metaphysischen 
Denken machtiger nachwirkt als etwa die Geschichte. Diese Macht der Tra- 
dition, welcher der Einzelne unbeschadet seiner Selbstandigkeit nun einmal 
nicht entgehen kann, spricht sich in diesem Fall uberdies in der bekannten, 
in gewissen Grenzen selbst ftir das wissenschaftliche Denken giiltigen Regel 
aus, dafi es etwas absolut Neues unter der Sonne nicht gibt. In Wahrheit gilt 
diese Regel weniger ftir die Wirklichkeit selbst, die mindestens unserer Be- 
trachtung immer neue Seiten bietet, wenn sie nicht gar neue Schopfungen 
hervorbringt, als fur das Denken, das um diese Wirklichkeit seine Faden spinnt. 
Mag es mit dem Inhalt und Umfang des Erlebten und Erkannten reicher und 
vielgestaltiger werden, die alten Denkmittel andern sich nicht erheblich, und 
mit ihnen erstrecken sich gewisse allgemeinste Anschauungen, den verander- 
ten Bedingungen sich anpassend, mit wunderbarer Beharrlichkeit durch den 
Wan del der Zeiten. Das gilt aber wiederum vor allem von den metaphysischen 
Weltanschauungen, da an ihnen eben jener Einschlag, den unser Denken zu 
dem ihm gegebenen veranderlichen Inhalt hinzubringt, schliefilich den Haupt- 
anteil hat. Selbstverstandlich will das nicht sagen, dafi die Metaphysik stehen 
geblieben sei, wahrend unsere Welterkenntnis im einzelnen und teilweise die 
Welt selbst fortgeschritten ist. Wohl aber lehrt die Geschichte, dafi sich die 
Grundziige jener Weltanschauungen, zwischen denen sich heute noch das 
metaphysische Denken bewegt, schon in verhaltnismafiig friiher Zeit entwickelt 
haben. Darum, so wenig auch mehr die Alten, wenn wir etwa von der Kunst 
der Darstellung absehen, auf irgendeinem einzelnen Gebiet der Natur oder 
der Geschichte heute ftir uns maBgebend sind, in der Philosophic sind sie im- 
mer noch unsere Lehrmeister, und sie sind es gerade deshalb, weil da, wo sich 
die aufieren Bedingungen des Wissens nach Inhalt und Umfang verhaltnis- 
mafiig einfacher gestalten, die allgemeinen Motive der grundlegenden Welt- 
anschauungen um so klarer zutage treten. 
Die drei Ent- Schon die Philosophie der Griechen hat die drei Stufen zuriickgelegt, 

derivi U e"aph U ysik^' e man w ohl als allgemein giiltig fiir die Entwicklung des metaphysischen 
Denkens betrachten darf. Nur hat sich alferdings die dritte dieser Stufen in 
der griechischen Philosophie noch nicht von der zweiten geschieden. Vielmehr 
ist eine prinzipielle Ausbildung dieser letzten und, soviel sich vorlaufig iiber- 



Entwicklungsstufen der Metaphysik 1 03 

sehen laBt, wohl nicht weiter zu tiberschreitenden Richtung erst in der neue- 
ren Philosophic eingetreten. Jene drei Entwicklungsstufen konnen wir aber 
fijglich als die poetische, die dialektische und die kritische bezeichnen. 
Das poetische Stadium herrscht in den Anfangen der Philosophic Aus der 
Mythendichtung hervorgegangen, ist es in der Willkiirlichkeit und in der sinn- 
lichen Anschaulichkeit seines Denkens noch durchaus dem Mythus verwandt. 
In der in ihm zur Herrschaft gelangenden Idee der Welteinheit und in dem 
allmahlich zu ihr hinzutretenden Gedanken einer der Welt selbst imma- 
nenten Gesetzmafiigkeit strebt es jedoch uber den Mythus hinaus und 
bereitet allmahlich das zweite, dialektische Stadium vor. In diesem van del t 
sich jenes Bild einer allgemeinen GesetzmaGigkeit in die Forderung einer be- 
griffiichen Notwendigkeit um. Das Weltgesetz gilt nun nicht mehr als 
ein aufterlich angeschautes, sondern als ein innerlich begriffenes, das eben dar- 
um nicht anders sein konne. Diese dem Denken immanente Notwendigkeit 
gilt so zugleich fiir die wahre Wirklichkeit der Dinge selbst. Endlich in dem 
dritten, dem kritischen Stadium, wird der gesamte lnhalt der Welterkenntnis 
einer kritischen Analyse untervorfen, welche die einzelnen Elemente dersel* 
ben auf ihre Herkunft und auf ihren Zusammenhang mit den allgemeinen 
Erkenntnisfunktionen priift. Dabei verwandelt sich dann die Forderung der 
Denknotwendigkeit in die andere einer Nachweisung des logischen Ur- 
sprungs der Erkenntnis und der den Erkenntnisinha.it ordnenden 
Begriffe. 

Diese drei Stadien, welche die Metaphysik in ihrer Entwicklung durch- 
Iaufen hat, sind nun nicht blofi derart einander gefolgt, dafl sich mannigfache 
Ubergange zwischen sie einschoben, sondern nie hat ein spateres Stadium 
jemals die vorangegangenen ganz zu verdrangen vermocht. In der Blutezeit 
der dialektischen Metaphysik herrscht daher ebenso noch in mannigfachen 
Nachwirkungen die poetische, wie sich bereits Symptome der kommenden kri- 
tischen Richtung erkennen lassen. Nachdem die kritische Philosophic ent- 
standen, bestehen aber nun erst recht alle drei Richtungen nebeneinander. 
Sie tun das nicht nur in den metaphysischen Systemen der Philosophen, son- 
dern auch in jenen inmitten der Einzelgebiete erbliihenden metaphysischen 
Weltanschauungen, die fiir den philosophischen Geist der Zeit besonders be* 
zeichnend sind. 

Die Verhaltnisse dieses Ineinandergreifens der philosophischen Entwick- 
lung der einzelnen Zeitalter in den geschichtlichen Verlauf des philosophischen 
Denkens bringen es mit sich, dafi die Philosophic der Griechen bis zum heutigen 
Tage fiir uns das reinste Abbild einer in sich selbst begriindeten Entwick- 
lungsgeschichte des abendlandischen Denkens gebheben ist, und diesen Cha- 
rakter hat sie um so mehr bewahrt, als gerade darin die Philosophic der Grie- 
chen in alien ihren Stadien einer Selbstandigkeit zustrebt, in der sie die zahl- 
reichen Spuren der Abhangi'gkeit und der Aufnahme fremder geistiger Schop* 
fungen, wie sie der Mythus, die Kunst und selbst die Dichtung mannigfach 
aufzeigen, mit Eriolg zu iiberwinden gesucht hat. Von alien geistigen Schop* 



lO^ WlLHELM WUNDT: Metaphysik 

fungen der Griechen erscheint uns noch heute ihre Philosophie als die unab- 
hangigste, die in sich geschlossenste. Wo immer wir auf einer spateren Stufe 
eine philosophische Weltanschauung mit dem allgemeinen MaBstab einer Ent- 
wicklungsgeschichte des philosophischen Denkens zu messen versuchen, da ist 
es immer wieder die griechische Philosophie, der wir in erster Linie diesen 
MaBstab entnehmen konnen. Das ist aber urn so mehr gerechtfertigt, als eben 
in diesem vorbildlichen Charakter der griechischen Philosophie zugleich der 
alle spateren Wechsehvirkungen tiberragende EinfluO begriindet liegt, den sic 
im ganzen wie ihre einzelnen Schopfungen auf das spatere abendlandische Den- 
ken ausgeubt hat. Zwar kommen dabei stets weitere Bedingungen hinzu, die 
aus der Kultur der Zeit entspringen und durch die Eigenart dieser von veran- 
derlicher Natur sind, aber stets sind es dann zugleich hellenische Vorbilder 
und Nachwirkungen, die sich mit den neuen Motiven verbinden. Dennoch 
wiirde es verfehlt sein, wenn man die Aufeinanderfolge jener drei Stadien der 
philosophischen Entwicklung, der poetischen, der dialektischen und der kri- 
tischen, etwa auf eine Nachwirkung bezichen wollte, die hierin die griechische 
auf die spatere Philosophie ausgeubt hatte. Vielmehr ist es gerade die beson- 
dere Kultur der Zeit, in der eine neue Entwicklung einsetzt, die wiederum 
abnliche Bedingungen in sich zu schlieCen pflegt, wie sie in einer allerdings 
nirgends sonst sich wiederholenden Klarheit und Einheit in der griechischen 
Philosophie zutage getreten ist. So ist es vor allem die bellenistische Zeit, 
in der auf der einen Seite die griechische Philosophie ihre Selbstandigkeit em- 
biiGt, auf der andern das Christentum als der mehr und mehr bestimmende 
Faktor in die Entwhklung des Denker.s. eingr^ift, und in der zugleich das, was 
wir eine griechische Metaphysik nenr.en konnen, ncu wieder aufbliiht. So ge- 
waltig sich die neue Religion von der alten scheidet, aus deren Wurzeln die 
griechische Philosophie erstanden war, so verwandt erscheinen in dieser Wie- 
derbelebung der alter Philosophie irnmanenten poetischen Schbpferkraft die 
philosophischen Erzeugnisse dieses Zeitalters. Sie auflern sich nicht blofi in 
ihrer Beteiligung an der Ausbildung der spezifisch christlichen Weltanschauung, 
sondern fast mehr noch, weil ungebundener, in den verschiedensten auch 
auCerhalb des Christentums sich bewegenden halb mythologischen, halb philo- 
sophischen Gedankenerzeugnissen des Neuplatonismus. Wiederum eigenartig 
und doch im tiefsten Grunde ubereinstimmend, darum aber auch auf die al- 
teren Vorbilder zuruckgreifend, auDert sich diese poetische Gestaltung des 
philosophischen Denkens in der Zeit der beginnenden Renaissance, in der die 
Ideen des Neuplatonismus. nur zum Teil verundert durch die inzwischen ein- 
getretene Erweiterung des Gesichtskreises und doch beschrankt durch die Ent- 
fernung von den Vorbildern des griechischen Altertums, allerorten wieder 
auftauchen. Endlich wird man nicht umhin konnen, zuzugestehen, dafi auch 
die letzte grofie Geistesstromung, die wir erlebt haben, und die auf deutschem 
Boden ihren Ursprung genommen hat, die Romantik, als ein letztes und doch, 
wie sich an manchen Spuren deutlich erkennen laBt, als ein nicht endgultiges 
Glied sich anschlieCt. 



Entwicklungsstufen der Metaphysik !0 = 

Mit derselben Allgemeingultigkeit, mit der allera Anscheine nach jede neue 
philosophische Aera mit Mythus und Dichtung beginnt, scheint aus dem. poe- 
tischen der dialektische Antrieb und aus diesem schlieClich der kritische mit 
seiner die Gedanken durch die Macht der Begriffe in ein geschlossenes System 
zwingenden Ordnung zu entspringen. Den wichtigsten Wendepunkt in dieser 
Entwicklungbildet der Ubergang von der poetischen zur dialektischen Meta- 
physik. Seine liber alle Philosophen hervorragende Stellung verdankt Plato 
neben der Macht seines Denkens der Tatsache, daB er mitteninne zwischen 
der poetischen und der dialektischen Metaphysik steht. Er ist, von wenigen 
sparlichen Anfangen vor ihm abgesehen, der Schopfer der Dialektik, dieses 
fur alle Zeiten machtigsten Werkzeugs des philosophischen Denkens, und er 
steht der poetischen Form dieses Denkens noch nahe genug, um, wo die Dia- 
Jekttk versagt, wirkungsvoll zum urspriinglicheren Hilfsmittel des Mythus 
greifen zu konnen, wahrcnd in einzelnen Zusammenhangen bereits seine Dia- 
lektik in die Sphare des kritischen Denkens hinuberreicht. 

Bezeichnet das kritische Stadium den Endpunkt der philosophischen 
Entwicklung, so ist ubrigens mit ihm nicht das Schicksal der Philosophie selbst 
beendet, sondern es pflegt sich an dieses noch ein ietztes anzuschlieBen, in 
welchem die Philosophie, so weit sie nicht in rein schulmafiigem Betrieb als 
Uberlieferung vorangegangener Zeiten fortbesteht, in einer doppelten Form 
geistiger Ersatzmittel an die Stelle der geschwundenen schopferischen Kraft 
des philosophischen Denkens zu treten pflegt. Die eine dieser Formen besteht 
in einer Skepsis, die sich in die Probleme vertieft, um sie als Selbsttauschun- 
gen des menschlichen Intellekts nachzuweisen; die andere in der volligen Ne- 
gation der Philosophie uberhaupt, die, indem sie deren Existenz ignoriert, in 
dem zusammenhanglosen Einzehvesen einen vollgiiltigen Ersatz zu finden 
glaubt. Dabei ist es ubrigens bemerkensv."ert, daB die selbst als eine Abart der 
Philosophie auftretende Skepsis ihrerseits offenbar einer bestimmten Regel- 
maOigkeit ihrer Formen keineswegs entbehrt. Diese besteht in zwei Verbin- 
dungen, die sie eingeht, und von denen die eine ruckwarts, nach dem Mythus, 
die zweite vorwarts, nach der positiven Wissenschaft gerichtet ist. Vor allem 
verbindet sich namlich die Skepsis mit der Mystik und durch diese mit dem 
Streben nach einer Erneuerung des religibsen BewuBtseins. So soil nach grie- 
chischer Uberlieferung Pyrrho, der Eegriinder der antiken Skepsis, Oberpriester 
des Apollo gewesen sein. Unter den positiven Wissenschaften ist es aber die 
Mathematik, die zu jeder Zeit eine bemerkenswerte Affinitat zur Skepsis und 2ur 
Mystik bewahrt hat. Als der klassische Reprasentant steht am Ende der grie- 
chischen Philosophie Sextus Empiricus und die ihm verwandtemeistgleichzeitig 
dem Empirismus zugeneigte Skepsis neuerer Zeit. In dieser Verbindung der drei 
Faktoren mag die Mystik als Ersatz, die Mathematik als Kontrast wirksam sein. 1 ) 

l ) Ein mustergiiltiges Beispiel von kulturgeschkhtlich vielleicht hohem Werte fiir diese 
Verbindung bieiet aus allerneuester Zeit das Werk von O. Spen^ler, Der Untcrgang des 
Abendlandes, 1920, Bd. 1. Es kommt be? ihm hinzu, a)s eine Resuhante jener drei Fak- 
toren, die iibngens auch den alteren Gestaltungen der Skepsis nicht fehlt, die stark pessi- 
mistische Stimmung, die freilich zugleich in den ZeitverbaUnissen ihre begreifliche Quelle hat. 



ro6 Wilhelm Wundt: Metaphysik 

Von solchen ganz oder, soweit die an sich mannigfaltiger Gestaltungen 
fahige Skepsis in Frage kommt, relativ leeren Intervallen darf aber nach dem 
faisherigen Verlauf der Geschichte wohl angenommen werden, daC sie vermoge 
des niemals ganz erloschenden philosophischen Triebcs einer neuen Entwick- 
lung Platz machen, die dann freilich, da sie unter der Wirkung der gesamten 
vorangegangenen Stadien steht, in einem Nebeneinander verschiedener Stro- 
mungen zum Durchbruch kommen kann. Damit hangt es zusammen, dafi 
nach derartigen Intervallen vor allem die Einzeiwissenschaften selbst, jede ge- 
malJ der Bedeutung, die sie im bffentlichen Leben einnimmt, zu Ursprungs- 
zentren einer neuen Philosophic zu werden pflegen. So hat im griechischen 
Aitertum vornehmlich das Nachdenken iiber den Staat dem philosophischen 
Denken seine Impulse gegeben. In der christlichen Philosophie sind diese 
von dem Kampf der religiosen Bekenntnisse ausgegangen; von der Zeit der 
Renaissance an ist auf Jahrhunderte hinaus die Naturwissenschaft die herr- 
schende Macht gewesen. In der neuesten Zeit endlich, etwa seit dem Wende- 
punkt des 18. und 19. Jahrhunderts, zum Teil noch eingreifend in die natur- 
wissenschaftliche Stromung, ist das Problem der menschlichen Gesellschaft 
und als seine Kronung das ethische zum unbedingt herrschenden geworden. 
Das 1st der Zustand, der unsere heutige philosophische Lage zu einer besonders 
dringlichen macht, weil die sittlichen Probleme diejenigen sind, die am tief- 
sten in das Leben des einzelnen Menschen wie der Vblker eingreifen. 

Es kann hier nicht der Ort sein, diese einander folgenden, in sich ver- 
wandten und doch zugleich mannigfach nach den Kulturbedingungen ab- 
weichenden Entwicklungen der Metaphysik eingehend zu sehildern. Es mag 
hier genugen, vorzugsweise auf Anfang und Ende der Entwicklung des meta- 
physischen Denkens einen kurzen Blick zu werfen: auf jenen Anfang, den in 
unserer abendlandischen Kultur die Philosophie der Griechen bildet; auf das 
Ende, das in der Gegenwart durch die nach einem zumeist der Philosophie 
entfremdeten Intervall in den innerhalb der Einzelforschung sich regenden 
roetaphys schen Stromungen zutage tritt. 

Die poedsdio I. Die poetische Metaphysik. Die poetische Metaphysik treffen wir 

' der^ntlLea 11 ^^ ai " ausgepragt bei den altesten griechischen Kosmologen. Bald steht sie hier 

Philosophy, auch ihrem Inhalte nach der kosmologischen Dichtung nahe, wie bei den Py- 
thagoreern und anderen zu den orphischen Kulten in Beziehung tretenden 
Theologen. Bald ringt sie kraftiger nach begrifflicher Gestaltung, wie bei den 
ionischen Vhysikern und vor allem bei Heraklit und in der Schule der Eleaten. 
Ist es bei Heraklit der Gedanke einer unwandelbaren GesetzmaBigkeit und 
Verniinftigkeit des Weltprozesses, so ist es bei den Eleaten die Idee eines hinter 
dem Sinncnschein verborgenen unveranderlichen Seins, was diese Denker be- 
reits wie von hoher Warte aus die in der spateren Zeit so folgenreichen Be- 
griffe der Kausalitat und der Substanz vorausahnen lafit. Und so ist denn 
auch bei den jiingeren loniern, in der qualitative!! Elementenlehre eines Era- 
pedokles und Anaxagoras und in dem Demokritischen System der niechani- 



Poetische und dialektische Metaphysik 107 

schen Atomistik, der Drang nach logischer Begrund ing der vorgetragenen Leh- 
ren wohl zu spiiren. Doch die?er Drang ist noch allzu unbestimmt, um mehr als 
einen gewissen einheitlichen Charakter der Weltbetrachtung zu erreichen, wie 
ihn ganz besonders das Demokritische System zeigt, Wenn einmb.1 Atome 
sein miissen, so mag es ja am emfachsten sein, alles Geschehen auf StoB und 
Bewegung derselben zuruckzufiihren. Aber warum miissen Atome, warum 
miissen iiberhaupt Elemente sein? Oder warum mufi es einen einzigen Ur- 
stoff oder einen ewig sich wiederholenden Flufl der Dinge geben? Diese Fra- 
gen bleiben unbeantwortet, denn sie werden. nicht erhoben. Jeder dieser poe- 
tischen Metaphysiker denkt sich die Welt in seiner Weise, weil ^s ihm ethisch 
oder asthetisch so am besten gefallt. Es ist die Willkur der schopferischen 
Phantasie, die in dem Aufbau dieser Systeme waltet, nicht die Gesetzmafiigkeit 
des strengen logischen Denkens. Und mehr diese Willkiir, als die phantastische 
Natur der Konzeptionen macht das Poetische dieser Metaphysik aus. In die- 
sem Sinne ist eben das mechanische Getriebe der Demokritischen Wirbelbe- 
wegungen nicht minder wie das den Raum erfiillende, alles Wechsels und aller 
Mannigfaltigkcit entbchrende ,,Sein'" der Eieaten oder das in unaufhorlichem, 
regelmafligem Wechssl der Dinge zerstorende und wiedererzeugende Welt- 
feuer Heraklits eine kosmologische Dichtung, von den mythologischen Dich- 
tungen der alteren Kosmologen und Theologen nur durch den freiHch bedeut- 
samen Umstand geschieden, dafi es nicht menschenahnliche, die Naturerschei- 
nungen bewegende Gotter sind, aus deren Willen und aus deren Schicksalen 
der Lauf der Welt enlspringt, sondern dafi die Natur ihr Gesetz in sich selbst 
tragt. Darum kampft nun aber auch schon diese alteste Metaphysik lebhaft 
gegen den Polytheismus der Volksreligion, an deren Stelle sie mehr und mehr 
eine monotheistische Anschauung zu setzen strebt. 

II. Die dialektische Metaphysik. Aus der poetischen ist die dia- Die dialektische 
lektische Metaphysik nicht direkt, etwa dadurch, daB man willkurliche Phan- ' a er anuken 
tasieschopfungen unmittelbar in logische Notwendigkeiten umgewandelt hatte, 
sondern auf einem eigentiimlichen Umwege hervorgegangen, der freilich beim 
Lichte besehen geschichtlich wie psychologisch begreiflich ist. Wie sollte auch 
aus einer immer noch halb mythologischen Dichtung ein mit dem Prinzip der 
logischen Notwendigkeit operierendes Gedankensystcm entstehen, aufier in- 
dem man es versuchte, eben die Willkur jener Dichtung als eine der strengen 
Begrundung widersprechende Gesetzlosigkeit darzutun ? So ist cs denn zunachst 
der Kampf der poetischen Kosmologien wider einander gewesen, aus dem sich 
die neue Denkweise emporgearbeitet hat. Nicht in der Begrundung der ei- 
genen Gedankendichtung, die solchen Versuchen unzuganglich ist, sondern in 
der Widerlegung fremder Weltanschauungen wurzelt daher der Ursprung der 
Dialektik. Hierin besteht die einzigartige Stellung, die der Eleate Zeno in 
der Geschichte dieser alteren Spekulation einnimmt. Die Waffen, mit denen 
er den eleatischen Grundgedanken gegen die gemeine Weltansicht wie gegen 
die den Wandel der Dinge lehrenden Kosmologen verteidigt, sie sind dem ei- 



Philo3opbie. 



108 Wilhelm Wundt: Metaphysik 

genen Arsenal der Gegner entnommen, die er auf ihrem Boden mit der zum 
erstenmal glanzend geiibten Kunst der dialektischen Beweisfiihrung zu be- 
siegen sucht. Wenn die Vielheit der Dinge, wenn Bewegung und Veranderung 
sich selbst widersprechende Begriffe sind, dann sind alle kosmologischen Dich- 
tungen, die diese Begriffe voraussetzen, unhaltbar. Das veranderlich Seiende 
aber bleibt vor der fiir ein naives Denken untiberwindlichen Macht dieser Dia- 
lektik eigentlich doch nur aus Scheming bestehen, und die Tage sind daher 
nicht fern, wo sich nun dieser dialektische Kampf gegen alle und jede kosmo- 
logische Spekulation kehrt. Es ist die Sophistik, in der die negative Rich- 
tung der Dialektik diesen Schritt tut. Doch indem sie die alte Naturphiloso- 
phie zerstort, stellt sie zugleich die sittliche Weltanschauung in Frage, die bis 
dahin Religion und Staat beherrscht hatte. Trotz der sonstigen Gegensatze 
ihrer Meinungen batten die Kosmologen diese Weltanschauung in so iiberein- 
stimmendem Sinne bevahrt, daB die Lebensmaximen, die uns in den Ausspru- 
chen eines Heraklit oder Demokrit erhalten sind, mehr nur nach der indivi- 
duellen Temperamentsrichtung dieser Denker als nach dem wesentlichen In- 
halte abweichen. 

Diese Seite der neu erstandenen, in dem ersten BewuBtsein ihrer sieg- 
reichen Macht alles zerstorenden Dialektik ist es nun aber auch, die den Wider- 
stand herausfordert und so das dialektische Denken selbst in den Dienst der 
sich regenden neuen reformatorischen Ideen treten lafit. Dafi diese Um wand- 
lung der zerstorenden in eine positive, aufbauende Dialektik unter dem Zei- 
chen der sittlichen und religiosen Reformation steht, ist iiberaus bedeutsam. 
Denn schwerlich waren auf dem Boden der natunvissenschaftlichen Speku- 
lation, auf dem sich die vorangegangene poetische Metaphysik vornehmlich 
bewegte, die Antriebe machtig genug und die Hilfsmittel hinreichend gewesen, 
um den gewaltigsten Aufschwung, den wohl die Geschichte der Philosophic er- 
lebt hat, zustande zu bringen. Doch die ethischen und religiosen Interessen 
erwiesen sich hier, wie beinahe zu jeder Zeit, schliefilich als die grofieren gegen- 
iiber den theoretischen Fragen. Auch hatte das ethische Problem fiir den Be- 
ginn eines ernst gerichteten, nach Wahrheit ringenden Denkens den ungeheuren 
Vorzug, dafi die Tatsachen, um die es sich bei ihm handelte, in den Erschei- 
nungen des alltaglichen Verkehrs und in den Forderungen des biirgerlichen Le- 
bens alien erkennbar waren und daher keiner besonderen Vorbereitung be- 
durften, um sie einer strengeren wissenschaftlichen Betrachtung zuganglich 
zu machen. So kam es, daS ein und derselbe Mann als der sittliche Reforma- 
tor seiner Zeit und als der Begriinder einer schopferischen Dialektik vor uns 
steht: Sokrates. Wenn daher spater Aristoteles den Zeno den Erfinder der 
Dialektik genannt hat, so ist zwar dies im allgemeinsten Sinne sicherlich zu- 
treffend. Ohne Zeno und die Sophistik ware Sokrates unmoglich gewesen. 
Doch den groCeren Schritt der Umwandlung der Dialektik in ein fruchtbares, 
nicht ideenzerstorendes, sondern ideenschaffendes Werkzeug verdankt die Ge- 
schichte des Denkens dem Manne, der in der wunderbaren Kunst seiner Ge- 
sprachfuhrung dieses Werkzeug an den Problemen iibte und vervollkommnete, 



Idealistische und realistische Richtung I00 

die in der praktischen Lebenserfahrung uberall vorlagen, und zu dereii Be- 
handlung es keiner weit hergeholten Argumente bedurfte. Indem er die Pro- 
bleme des sittlichen Lebens in Probleme des Wissens umwandelte, bereitete er 
aber jene Ausdehnung der Dialektik auf den gesamten Umfang der damaligen 
Wissenschaft vor, die in des Sokrates groCtem Schiiler, in Plato, zum er- 
stenmal zu einer universellen Weltanschauung gefiihrt hat, die sich ganz auf 
diesem neuen Boden des begrifflichen Denkens erhebt. 

Hatte Zeno die Dialektik in ihrer ersten, eristischen Form geschaffen, Ueaiutisebe 
Sokrates diese Form in eine schdpferische, neue Quellen des Wissens erschlie- un R^h'tung. ' 
fiende umgewandelt, so wurde Plato der Urheber der neuen Wissenschaft, die 
aus diesem Sokratischen Denken erwuchs: der dialektischen Metaphysik. Aber 
freilich, ganz war die Zeit noch nicht gekommen, wo sich der Bau dieser neuen 
Wissenschaft ltickenlos vollenden liefi. Wie sehr immer Plato bemuht sein 
mochte, in seiner Schule mannigfache Gebiete des Einzelwissens, vor allem die 
Mathematik und ihre Anwendungen, zu pflegen und bei den alteren kosmolo- 
gischen Systemen, bei den Eleaten, bei Heraklit und den Pythagoreern, nach 
brauchbaren Ankniipfungen zu suchen, der poetischen Erganzungen konnte 
er gleichwohl nicht entraten, und das Bedurfnis nach ihnen wuchs in dem 
MaBe, als er von den. ailgemeinsten Problemen zu einzelnen Anwendungen 
iiberging, Im Phadrus, im Philebus, im Staat greift er mannigfach, wo die 
Hilfsmittel des strengen Denkens versagen, zum Mythus, bis schliefilich der 
Timaus, der sich nun selbst den Problemen der alteren Kosmologie zuwendet, 
ganz in dieses mythische Gewand gekleidet ist. So tritt denn uberhaupt das 
Prinzip der dialektischen Metaphysik bei diesem ihrem Ursprung eigentlich 
weniger in dem Gesamtaufbau des Systems als in einzelnen, manchmal sogar 
in nebensachlichen Ausfiihrungen hervor, die der Ausiibung der dialektischen 
Methode giinstige Angriffspunkte bieten. Insbesondere unter den Unsterb- 
lichkeitsbeweisen des Platonischen Phadon findet sich einer, dem nicht einmal 
die vornehmste Stelle unter diesen Beweisen zukommt, der aber die Denk- 
weise der dialektischen Metaphysik bereits so ausgepragt an sich tragt, dafi 
er eigentlich alles, was in der Zukunft der Scharfsinn der Metaphysiker dieser 
Richtung hervorgebracht hat, in seinem SchoGe birgt. ,,Die Seele — so lafit 
sich etwa dieser Beweis formulieren — ist das Prinzip des Lebens; was aber 
nach seinem Begriff das Merkmal des Lebens hat, kann nicht das entgegen- 
gesetzte Merkmal an sich tragen: also muG die Seele immer leben." Wir sehen 
hier das Vorbild des beriihmten ontologischen Gottesbeweises: ,,Die Idee des 
absolut GroBten schlieGt das wirkliche Dasein dieses GroBten als Merkmal in 
sich. Denn ware das nicht, so konnte etwas noch Grofieres existieren, was 
jener Idee widerspricht." 

Aus diesem ontologischen Gottesbeweis, wie er sich schon bei Augustin 
angedeutet findet und dann von Anselm von Canterbury in seiner fur die Fol- 
gezeit mafigebenden Fassung entwickelt wurde, ist der leitende Gedanke der 
neueren ontologischen Metaphysik hervorgegangen, wie ihn Spinoza in die 
klassischen Worte der ersten Definition seiner ,,Ethik" gefafit hat: ,, Unter 



no Wilhelm Wundt: Metaphysik 

Substanz verstehe ich das, dessen Wesen die Existenz einschlieOt, oder das, 
dessen Natur nur als existierend vorgestellt werden kann." Neben dem Uber- 
gang der theologischen in die allgemeinere philosophische Form des Begriffs 
ist es die Ersetzung des Beweises durch die Definition, worm hier ein wesent- 
licher Fortschritt liegt. Ein Begriff, der vermoge der logischen Evidenz der 
ihm zukommenden Merkmale sich selbst beweist, bedarf keines Beweises; man 
braucht ihn nur mittels jener notwendigen Merkmale zu definieren, um ein- 
zusehen, dafi er Wirklichkeit besitzen mufi. Es ist der gleiche Gedanke, der 
schliefilich auch noch die letzten einflufireich gewordenen Gestaltungen der 
dialektischen Metaphysik, die Wissenschaftslehre Fichtes und die Logik He- 
gels beherrscht, und dem von Hegel der abschliefiende Ausdruck der ,,Iden- 
titat von Denken und Sein" gegeben wurde. In der Tat schlummert ja diese 
Identitat schon in jenem Vnsterblichkeitsbeweis Platos aus dem Begriff der 
Scele als dem Grund des Lebens, nur dafi er sich hier noch hinter einer parti- 
kularen Anwendung verbirgt. Diese Anwendung erweitert der ontologischc 
Beweis zu dem Begriff des absoluten Seins; und aus der ihm hier noch an- 
haftenden spezifisch religiosen Bedeutung erhebt ihn Spinoza zum vollig ab- 
strakten Begriff des Seienden in seiner Definition, die den Grundgedanken 
der Eleaten aus der Sphare der poetischen Inspiration vollig in die der dia- 
lektischen Argumentation iibertragt. Aber unvermeidlich treibt nun auch in 
der neuen Gestalt, die er so gewonnen, der Seinsbegriff iiber sich selber hin- 
aus. Das absolute Sein kann in dem Augenblick, wo es als identisch mit dem 
Denken erkarmt ist, die Mannigfaltigkeit der Dirge nicht mehr ausschlieCen 
oder sich ihr verneinend gegenuberstellen. Darum enthalt Spinozas unend- 
liche Substanz zugleich die unendliche Fiille der Seinsformen, die sich in der 
Wirklichkeit der Dinge entfaltet. Diese Entfaltung nicht als eine gegebene, 
selbst nicht weiter abzuleitende, sondern als eine ebenso notwendige wie das 
Sein selbst zu begreifen, das ist daher schliefilich der Gedanke, der Hegels 
Dialektik in Bewegung setzt und sie zu dem ungeheuren Unternehmen an- 
treibt, die gesamte Erscheinungswelt als eine in sich notwendige Entwicklung 
der absoluten Idee zu erweisen. 

RwiiitiMfte Etwas abseits von diesen Weiterbildungen der Platonischen Ideen und 
Kichtung. £ oc h j m i e t z t e n Grunde ihnen gesinnungsverwandt stehen diejenigen Rich- 
tungen dialektischer Metaphysik, die eine realistische Tendenz verfolgen, 
indem sie die denkende Verkniipfung der Begriffe in engerem Anschlusse an 
die empirische Wirklichkeit vorzunehmen suchen. Wird dort alles Endiiche 
unter dem Bilde des Unendlichen betrachtet, so mochte man hier umgekehrt 
von dem Boden der endlichen Dinge in das Reich des Unendlichen empor- 
steigen. Der mustergultige Reprasentant dieser Denkweise ist Aristoteles. 
Seine Metaphysik kommt wirklich „nach der Physik" in jener ursprunglichen 
Bedeutung des Wortes, nach der die Begriffe in unserem Erkennen aus den 
einzelnen Denkbestimmungen ihren Ursprung nehmen, in die sich die Erfah- 
rungsinhalte zerlegen lassen. Dann aber werden sie als die Prinzipien erfafit, 



Realistische Richtung 1 1 1 

die an sich einer iibersinnlichen Welt angehoren, so dafi schliefilich doch wie- 
derum alle Erscheinungen als Verwirklichungen allgemeiner Ideen von uni- 
verseller und notwendiger Katur erscheinen. So sind es die Begriffe von Stoff 
und Form oder Dynamis und Energie (potentia und actus, wie sie spater die 
Scholastik genannt hat), die, weil sie sich uns als Begriffsbestimmungen der 
Dinge ergeben, die Dinge selbst konstituieren. Da diese Begriffe die Formen 
sind, die das Wesentliche der Erscheinungen enthalten, so bilden sie erne 
Stufenfolge, die in der Idee einer reinen Form als der hochsten iibersinnlichen 
Stufe dieser Begriffsleiter endet. Eben deshalb ist nun aber diese reine Form 
■wiederum die oberste Ursache, aus der schliefilich alle einzelnen Formbestim- 
mungen oder Bewegungen und deren Differenzierungen entspringen. Dem- 
nach entscheiden auch hier die Begriffe iiber Sein und Nichtsein und sie er- 
rkhten jenseits der sinnlichen eine tibersinnliche, nur in Begriffen zu errei- 
chende Welt. Aber den Anstofi zur Bildung dieser Begriffswelt gibt doch das 
einzelne sinnliche Ding, die ,,Substanz" im strengsten Sinne des Wortes, wie 
sie Aristoteles nennt. So birgt diese eigentiimliche Abschwachung dialektischer 
Metaphysik schon einen starken Zug nach der kritischen Denkweise in sich. 
Sie will nicht ganz aus Begriffen a priori die Welt konstruieren, sondern sie 
sucht die Begriffe selbst zunachst aus der Betrachtung der konkreten Welt- 
inhalte zu gewinnen. Darum bevorzugt sie vor der dialektischen Begriffs- 
^erlegung die logische Abstraktion. Doch die Prinzipien, die ihr diese liefert, 
werden nun wiederum als die Werkzeuge einer Dialektik verwendet, welche 
die Wirklichkeit aus Begriffen aufbaut. 

Klar tritt dieses Verhaltnis bei demjenigen neueren Metaphysiker her- 
vor, der, an Universalitat des Wissens ein moderner Aristoteles, selbst mit 
Vorliebe Aristotelische Begriffsunterscheidungen anwendet, so sehr auch sonst 
seine Weltanschauungen eigenartige, in der Gedankenwelt der Renaissance wur- 
zelnde Ziigebietet: bei Leibniz. Das Argument, durch das er das System 
der Monaden und ihrer Flarmonie nicht nur als ein asthetisch und ethisch 
befriedigendes, sondern als ein begrifflich notwendiges darzutun meint, be- 
steht in dem Satze, dafi das Zusammengesetzte das Einfache als seine Vor- 
aussetzung fordere. Demnach weise die ungeheure Zusammensetzung der Welt- 
erscheinungen auf einfache Wesen als die letzten substantiellen Trager dieser 
Mannigfaltigkeit hin. Nun ist offenbar die zusammengesetzte Beschaffenheit 
der Erscheinungswelt ein aus der Erfahrung abstrahierter Begriff. Aus diesem 
Erfahrungsbegriff wird dann aber mittels der dialektischen Bewegung des 
Denkens nach dem Prinzip der Korrelation entgegengesetzter Begriffe die Ein- 
fachheit als das wahre Wesen der Dinge abgeleitet. So drangt sich hier von selbst 
die Frage auf: wiirde denn das reine Denken jemals zu einem solchen begriff- 
lichen Fortschritt gelangen, wenn nicht auch dieser bereits in der Erfahrung 
vorgebildet ware ? Einfachheit und Zusammensetzung als relative Bestimmungen 
sind in der Tat uberall schon den Dingen selbst eigen, und die dialektische 
Metaphysik braucht blofi diese Eigenschaf ten ins Absolute zu erheben, uranun 
in dem schlechthin Einfachen den letzten Weltgrund zu erblicken. 



I [2 Wilhelm VVundt: Metaphysik 

III. Die kritische Metaphysik. Gedanken solcher Art sind es ge- 
wesen, die zur kritischen Stufe der Metaphysik gefuhrt haben. Ihre Anfange 
reichen bereits in die griechische Philosophic zurijck. Besonders bei Aristo- 
teles vermischen sich uberall kritische Gesichtspunkte mit der im ganzen sein 
System beherrschenden dialektischen Ontologie, und von ihm ausgehend 
ist besonders bei dem Erkenntnisproblem die kritische Betrachtungsweise der 
Philosophic erhalten geblieben. Zu einem einheitlichen System hat dann aber 
erst, nachdem auf idealistischer Seite Leibniz, auf realistischer David Hume 
die Vorbereitungen geliefert, vornehmlich Kant die kritische Methode er- 
hoben. Aus reinen Begriffen lafit sich keine Wirklichkeit aufbauen — das ist 
das Grundthema, das in Kants Kritik der iiberlieferten dialektischen Meta- 
physik bei alien den einzelnen metaphysischen Ideen wiederkehrt, die, wie 
die Unsterblichkeit der Seele, die unendliche Kausalitat der Welt, die Exi- 
stenz Gottes, Hauptobjekte dialektischer Beweise gewesen waren. Gleich- 
wohl will auch die aus dieser Wider legung der spekulativen Systeme hervor- 
gehende kritische Philosophic nicht die Metaphysik iiberhaupt beseitigen, son- 
dern sie will ihr nur eine andere Aufgabe im System des Wissens und gegen- 
iiber den positiven Einzelwissenschaften zuweisen. Die Metaphysik soil Eer- 
nerhin nicht mehr aus reinen Denkbestimmungen heraus ein System errich- 
ten, das sich als ein hoheres Wissen iiber der empirischen, der notwendigen 
Einheit ermangelnden Eiuzelerkenntnis erhebt, sondern sie soli zwischen das 
nachste Geschaft der Philosophic, die kritische Prufung der Quellen und For- 
men der Erkenntnis, und die in den positiven Wissenschaften gepflegten ein- 
zelnen Gebicte als Vermittlorin try ten. Lhr Hauptgeschaft besteht daher in 
dem Nachweis, daB jene aJlgemeingiiltigen Formen, welche die kritische Prii- 
fung des Erkenntnisvermogens entdeckt hat, uberall das Einzelwissen be- 
herrschen, indem sie diejenigen Grundsatze desselben festlegen, die neben 
einem mannigfaltigen Erfahrungsgehalt als a priori notwendige anzusehen sind. 
Auf diese Weise ist schliefitich das Verhaltnis der kritischen zur dialektischen 
Metaphysik am einfachsten nach der Stellung zu ermessen, die hier wie dort 
jenes grundlegende Gebiet, das wir heute „Erkenntnistheorie" nennen, zur 
Metaphysik einnimmt. Der dialektischen Metaphysik ist die Erkenntnistheorie 
untergeordnet, denn diese gilt selbst als der metaphysischen Begrtindung be- 
diirftig. Die kritische Metaphysik sieht nicht nur in der Erkenntnistheorie 
sozusagen ihre Vorgesetzte, sondern sie empfangt sogar erst von den Erfah- 
rungswissenschaften her die erforderlichen Weisungen iiber alles das, worin 
sie ihnen niitzlich werden kann. Man merkt an dieser Beschrankung den ge- 
flissentlichen Gegensatz, in den auch hier die kritische zur dialektischen Meta- 
physik tritt, und man merkt nicht minder das vornehmlich unter dem Ein- 
flufi der Naturwissenschaften und der empirischen Richtungen der Philoso- 
phic machtiger gewordene Streben, die Erfahrung als letzte Erkenntuisquelle 
in ihre Rechte einzusetzen. Mit Rucksicht auf das Mafl des Einflusses, den 
sich hier auf der einen Seite die empirische Denkweise erringt, und den auf 
der anderen die Nachwirkungen der vorangegangenen aprioristischen Systeme 



Die kritische Metaphysik ! I ^ 

ausiiben, ist nun aber auch der Spielraum, in welchem sich eine ihrer allge- 
raeinen Tendenz nach kritische Metaphysik bewegen kann, ein ziemiich gro- 
fier; und es ware sicherlich ebenso einseitig, wenn man diese Richtung ledig- 
lich an der kritischen Philosophic Kants, als wenn man etwa alle dialektische 
Metaphysik an der Platonischen Dialektik und Ideenlehre messen wollte. Viel- 
mehr lafit sich gerade von Kant sagen, dafi er durch sein Streben, zwischen 
Empirismus und Rationalismus gewissermafien den „ehrlichen Makler" zu 
spielen, nicht ganz unbetrachtliche Nachwirkungen der altesten Gestaltung 
dialektischer Metaphysik, der Platonischen, erkennen lafit, wie man ja auch 
umgekehrt in dem wunderbaren Dialog, in dem Plato vorzugsweise der Er- 
kenntnistheorie nahe tritt, in dem Theatet, schon die Anfange eirier kunst- 
voll geubten kritischen Methode finden kann. Insbesondere ist es die Ver- 
mittlerrolle zwischen Rationalismus und Empirismus, durch welche die fur 
die Stellung der Kantschen Metaphysik mafigebende Grunc-age bestimmt 
wird: was ist in den einzelnen Wissenschaften als a priori notwendig anzu- 
sehen, und was ist empirisch? Diese Fragestellung bringt es mit sich, dafi 
die uberragende Macht der dialektischen Metaphysik in Wahrheit zu einem 
blofien Schatten ihrer ehemaligen Herrlichkeit wird. Ftihrt doch die kritische 
Prufung des reinen Erkenntnisvermbgens Kant zu dem Ergebnis, dafi die aller 
Erfahrung vorausgehenden Erkenntnisnormen auf die fur die mathematische 
Begriffsbildung unerlafilichen Anschauungsformen, Raum und Zeit, und, ab- 
gesehen von einigen fur solche metaphysische Anwendung unerheblichen 
Nebenbegriffen, auf die allgemeinen Kategorien der Substanz und der Kau- 
salitat beschrankt seien. Metaphysik als Naturphilosophie bedeutet also fur 
Kant faktisch nicht mehr als einen allgemeinsten Umrifi abstrakter Mechanik 
nebst den wesentlichsten Feststellungen iiber den Begriff der Materie. Aus- 
geschlossen bleibt ihm aber der gesamte iibrige Inhalt der Naturwissenschaft, 
ausgeschlossen natiirlich auch die Psychologic Alle diese Gebiete betrachtet 
er als rein, empirische, der metaphysischen Grundlegung unzugangliche, bei 
denen eigentlich nur eine Beschreibung der Sukzession der Erscheinungen, 
keine kausale Erkenntnis moglich sei. Und noch diirftiger ist es im Grunde 
mit dem diesem theoretischen parallel gehenden praktischen Teil der Philo- 
sophic bestellt, die sich auf die kritische Analyse des reinen Willensvermogens 
griindet. Doch ist hier die allgemeine Formel des kategorischen Imperativs: 
„Handle so, dafi die Maxime deines Wollens zugleich als Prinzip einer allge- 
meinen Gesetzgebung gelten konne" zugleich dehnbar genug, um die ganze 
rationalistische Moralphilosophie ohne Schwierigkeiten in sich aufzunehmen, 
was besonders in Kants ,,metaphysischer Rechtslehre" deutlich wird, in der 
so ziemiich der Inhalt des alten Naturrechts wenigstens in seinen Haupt- 
gedanken wieder Unterkunft findet. Eng sind daher die Grenzen, in die Kant 
die Metaphysik einschrankt. Nicht mehr an der Spitze der Wissenschaften 
soil sie marschieren, sondern mit einer bescheidenen Vermittlerrolle zwischen 
Vernunftkritik und empirischem Wissen soil sie sich begnugen. Doch diese 
Beschrankung mochte schon nach dem bekannten Gesetz der Kontraste da- 
Die Kultur der Gegenwart. I. 6. 3. Aufl. g 



H4 Wilhelm Wundt : Metaphysik 

hin wirken, dafi nun die nach ihm kommende metaphysische Flut wieder um 
so hoher stieg. Sicher ist, dafi die kritische Ara der Metaphysik ihre dialek- 
tische Vorlauferin nicht auf die Dauer verdrangt hat, sondern dafi sie ihr 
eher durch einzelne Ansatze zu neuen Methoden der Begriffsdeduktion fri- 
schen Mut einflofite. 

Kegels system. IV. Die Emeuerung der dialektischen Metaphysik in der 
Philosophic des 19. Jahrhunderts. So geschah es, dafi die verwegenste 
Ausgestaltung der Dialektik, welche die Welt bisher gesehen, das Hegelsche 
System, dieser neuen Ara angehort, und dafi in der gleichen Zeit in dem 
System Herbarts sogar die alte, vermeintlich von Kant fiir immer begra- 
bene Ontologie wieder auflebte. Uberaus bezeichnend fiir das Verhaltnis die- 
ser neueren Dialektiker zu Kant sind die Worte, mit denen Herbart die 
kritische Philosophic pries: ,,Hatte Kant", so meinte er, ,,nichts weiter ge- 
schrieben als den einzigen Satz: hundert wirkliche Taler enthalten nicht im 
mindesten mehr als hundert mogliche, so wurde man daraus schon erkennen, 
dafi er der Mann war, die alte Metaphysik zu stiirzen; denn er wufite, dafi das 
Mogliche den Begriff, das Wirkliche aber den Gegenstand und dessen Po- 
sition bedeute." Man konnte diesen Satz auch frei ubersetzen: ,,Die alte onto- 
logische Metaphysik ist tot, — es lebe die neue!" Denn in dem ,, Gegenstand 
und seiner Position" deutete Herbart bereits seinen nochmaligen Versuch an, 
den reinen Seinsbegriff durch eine ihm angeblich immanente Denknotwendig- 
keit zur Wirklichkeit zu erheben, um dann aus ihm wiederum die Welt der 
Erscheinungen mit Hilfe reiner Denkbestimmungen zu gewinnen. 

So haben sich denn in einer jener merkwurdigen Parallelen, deren die 
Geschichte der Philosophic so manche kennt, im Laufe des 19. Jahrhunderts 
nebeneinander jene beiden Richtungen der dialektischen Metaphysik erneuert, 
die schon im Altertum in der Platonischen Ideenlehre und dem Realismus 
der Aristotelischen Philosophie einander gegeniibergetreten waren. In He- 
gels System feiert, nachdem Fichte und Schelling durch die Neubelebung des 
dialektischen Denkens die Vorbereitungen geliefert, die Kunst der Begriffs- 
dialektik, die Plato zuerst zu einer den gesamten Umfang des Wissens um- 
fassenden Lehre auszubilden gesucht hatte, ihre hochsten Triumphe. Sah sich 
der Schopfer der ,, Ideenlehre" gezwungen, bald stillschweigend, bald offen- 
kundig die Dichtung zu Hilfe zu nehmen, wo sich ihm die Mitt'el des reinen 
Denkens versagten, so fugte Hegel in unverdrossener Gedankenarbeit ein 
GHed seiner vom voraussetzungslosen Sein ausgehenden und schliefilich wie- 
der aus der Fulle der Erscheinungen in diesen Anfang zuriickkehrenden Be- 
griffskette an das andere. Sein System umfafite so den gesamten Inhalt 
menschlichen Wissens in einer begrifflichen Spiegelung, die ihn von dem Bo- 
den der Erfahrung, auf dem sich die positiven Wissenschaften bewegen, in 
den Ather des reinen, die Dinge aus ihrer immanenten Notwendigkeit be- 
greifenden Denkens erhob. Es umfafite den Zusammenhang der abstrakten 
logischen Begriffe wie den Lauf der Natur und die Geschichte des Geistes. 



Die Erneuerung der dialektischen Mctaphysik im ili. Jahrhundert 115 

So war es in der Tat eine dialektische Metaphysik hochsten Stiles, wenn auch 
ihr Urheber, in Erinnerung daran, daB schon im Altertum die Dialektik die 
Mutter der Metaphysik gewesen war, diesen Namen verse hm ah te. Und doch 
war beim Lichte besehen die Tendenz dieser neuen Dialektik so grundver- 
schieden von der alten Ideenlehre, dafi im Yergleich damit sicherlich Kant, 
der kritische Philosoph, der Zerstorer der alten Ontologie, der echtere Pla- 
toniker gewesen war. Denn die Ideenlehre hatte es unternommen, den Glau- 
ben an die iibersinnliche Welt in ein sicheres Wissen und darum diese iiber- 
sinnJiche Welt selbst in die eigentlich allein wirkliche Welt zu verwandeln, 
so dafi ihr alles Sinnliche von dem Schleier des tauschenden Scheins umhiillt 
wurde. Diese neue Dialektik aber ging im Gegenteil darauf aus, eben diese 
sinnlich wirkliche Welt als die einzig wirkliche, die gesetzmaCige Verkettung 
der Erscheinungen als die notwendige Entfaltung jenes Absoluten selbst dar- 
zutun, das die Ideenlehre in falscher Sonderung des Zusammengehorigen und 
seinem Wesen nach Identischen zu ein em fur sich existierenden Sein hyposta- 
siert hatte. Die dialektische Form war also die alte geblieben; doch der In- 
halt dieser Form war ein vollig nc-uer geworden. Flier hatte das HegeJsche 
System nicht nur die alte Metaphysik, sondern auch die kritische Kants weit 
uberholt. Kein Wunder daher, daB eine Schopfung, die aus solchen Gegen- 
satzen zusammengesetzt war, auch in dem Eindruck, den sie hervorbrachte 
und zum Teil noch hervorbringt, und in den Wirkungen, die sie ausiibte, 
nach ganz verschiedenen Richtungen auseinanderging. Wo dem Urheber die- 
ses Systems die eigene, tiefere Kenntnis und im Grunde auch das eigene Inter- 
esse mangelte, in der Naturphilosophie, da uberwog begreiflicherweise der 
Eindruck des dialektischen Schematismus so sehr, dafi das System als weit- 
hin abschreckendes Beispiel unfruchtbarer und vollig unwissenschaftlicher 
Begriffsspielerei erscheinen konnte. Als nun noch namentlich von der Mitte 
des 19. Jahrhunderts an unter dem EinfluB der zunehmenden Teilung der 
wissenschaftlichen Arbeit das Interesse an allgemeineren, uber die nachsten 
Aufgaben des wissenschaftlichen Einzelbetriebs hinausreichenden Fragen ohne- 
hin abnahm, da gab der Zusammenbruch der Hegelschen Philosophic den letz- 
ten Anstofi zu jener in weiten Kreisen immer mehr urn sich greifenden Uber- 
zeugung, dafi es mit der Philosophic iiberhaupt und insonderheit mit der 
Metaphysik ein fur allemal vorbei sei. Dennoch gewann dieses selbe Hegelsche 
System ein anderes Aussehen, wenn man, unbehelHgt von der dialektischen 
Form, seinen Inhalt ins Auge fafite und hier wieder das in den Vordergrund 
stellte, was auch dem Interesse und der Kenntnis seines Urhebers am nach- 
sten lag: die Gebiete der Gesellschaft, der Geschichte, der Kunst, der Reli- 
gion, endlich der Entwicklung der Philosophic selbst. Hier gibt es denn doch 
zu denken, daB nicht blofi Historiker der Philosophic wie Eduard Zeller und 
Kuno Fischer, Asthetiker wie Friedrich Vischer, Theologen wie Emanuel Bie- 
dermann und Richard Rothe teils dauernd, teils wenigstens in ihren Ausgangs- 
punkten von Hegel beeinflufit waren, sondern daB diese auch in radikalen 
Religionsphilosophen wie Ludwig Feuerbach und David StrauB und nicht 

S* 



T 1 6 WlLHELM Wt/NDT : Metaphysik 

zum wenigsten in den Sozialphilosophen der jungsten Vergangenheit, in Fer- 
dinand Lassalle und Karl Marx, nachgewirkt hat. Und auch heute, wo diese 
unmittelbaren Einflusse mehr zuruckgetreten sind, werden wir nicht ver- 
gessen diirfen, dafi das Hegelsche System, so verfehlt es im einzelnen sein 
mochte, zwei Gedanken vor allem in den Geisteswissenschaften heiraisch ge- 
macht hat: den der Entwicklung und den einer Gesetzmafiigkeit, die das 
geistige Leben wohl in anderen Formen, aber doch schliefilich nicht weniger 
beherrscht wie das Reich der Natur. 
Herbam Wie in Hegel die idealistische, so wiederholte sich nun um die gleiche 

'Zeit in Herbart die realistische Richtung der dialektischen Metaphysik auf 
einer hbheren Stufe. Damit trat freilich zugleich der innere Gegensatz dieser 
Richtungen mehr hervor als das, worin doch schlieBlich auch sie uberein- 
stimmten. In der Tat, Dialektiker sind diese modernen Metaphysiker beide. 
Aus Fichtes eigentiimlicher Erneuerung und Umbildung der Platonischen Dia- 
lektik ist Hegels Selbstbewegung des Begriffs ebensogut wie Herbarts De- 
duktion der absolut einfachen realen Substanz, diese auf ihre abstrakteste 
Form reduzierte Leibnizsche Monade, hervorgegangen. Aber wie unendlich 
verschieden ist das Ergebnis hier und dort! Wenn Hegels absolutes Sein die 
ganze Unendlichkeit der Erscheinungswelt in ihrem ewigen Werden in sich 
birgt, so bilden die einfachen Substanzen Herbarts ein abgeschlossenes, an 
sich entwicklungsloses System, eine Art hoherer Atomwelt, die zu den ge- 
Iaufigen Hypothesen der Naturwissenschaft iiber die Materie wie zu den See- 
ienbegriffen der alten Psychologie nahe Beziehungen bietet. Daher denn 
auch Herbart mit groCem Aufwand von Scharfsinn eine allgemeine Theorie 
des Geschehens entwickelte, die gleichzeitig als eine neue Form physischer 
Mechanik wie als eine eigenartige geistige Mechanik sich clarstellte. Dieses 
starre System bot jedoch fur eine wissenschaftliche Weiterbildung keine nen- 
nenswerten Anknupfungspunkte. So hat es zwar zu einer Zeit in den Krei- 
sen, die der Hegelschen Begriffsdialektik besonders abgeneigt waren, in denen 
der Physiker und Mathematiker, ein gewisses Ansehen genossen; auch hat es 
durch die Forderung exakter Methode zum Teil auf die neuere Psychologie 
eingewirkt. In seinem allgemeinen EinfluC vermochte es aber den spekula- 
tiven Idealismus, den es bekampfte, weder zu verdrangen noch zu ersetzen, 
als er seine offentliche Geltung eingebuCt hatte. So haben diese Unterneh- 
mungen einer Erneuerung der dialektischen Metaphysik langst beide sich aus- 
gelebt, noch bevor das Jahrhundert zu Ende ging. Ergebnislos sind sie dar- 
um nicht gewesen. Nur gingen ihre bleibenden Wirkungen zumeist iiber die 
Grenzen der Philosophic selbst hinaus. Hier aber sind sie heute noch deutlich 
zu spiiren, obgleich man sich ihres Ursprungs selten mehr bewufit ist. 

Schopenhauer, V. Die Metaphysik in der Philosophic der Gegenwart. Wer zu 

^VcTner"" ^ er Zeit, da die Systeme Hegels und Herbarts in Verfall geraten waren, es 

xiefasciic. unternommen hatte, der Metaphysik ihre Zukunft vorauszusagen, dem ware 

wohl nichts naher gelegen als zu vermuten, dafi, wie es nach den analogen 



Die Metaphysik in der Philosophic der Gegenwart 1 1 -. 

Entwicklungen des 17. und 18. Jahrhunderts geschehen war, so auch nun 
ein neues Zeitalter kritischer Metaphysik anbrechen werde, da dies nun 
einmal die natiirliche Ordnung im Laufe der Dinge zu sein scheine. In der 
Tat ist dieses Gefiihl in den letzten Dezennien des vorigen Jahrhunderts vor- 
nehmlich bei den offiziellen Vertretern der Philosophic, denen durch das histo- 
rische Studium ihres Faches solche Analogieschliisse nahe lagen, ein weit ver- 
breitetes gewesen. In dem Ruf ,,Zurlick zu Kant!" fand es seinen vernehm- 
Hchen Ausdruck. Aber deutlich zeigte es sich wiederum auch in diesem Fall, 
dafi die Philosophic einer Zeit nicht von denen oder doch zum geringsten Teil 
von denen gemacht wird, die berufen sind, sie zu lehren, sondern dafi sie mit 
allgemeinen geistigen Stromungen zusammenhangt, die sich in Kunst, Litera- 
tur und offentlichem Leben meist deutlicher und friiher zu erkennen geben 
als in den Fortschritten der Wissenschaft. So stand denn auch der Philo- 
soph, in dem die allgemeine Stimmung dieser Zeit ihren sprechendsten Aus- 
druck fand, Schopenhauer vdllig aufierhalb der von ihm gehaBten und 
verspotteten ,,Universitatsphilosophie". Sein Hauptwerk war, wie so viele 
andere Versuche, eine ncue Lusung des Weltproblems zu finden, unbeachtet 
geblieben. Aber als die Zeit gekommen war, da wurde es wiederentdeckt, 
um nun, beinahe ein halbes Jahrhundert nach seinem ersten Erscheinen, zu 
dem popularsten metaphysischen Werke zu werden, das seit lange existiert 
hatte. War es doch an sich schon eine merkwiirdige Erscheinung, dafi, nach- 
dem eben erst von vielen Seiten das Ende aller Metaphysik proklamiert war, 
nun auf einmal eine Zeit kam, die formlich nach Metaphysik diirstete. Frei- 
lich waren es nicht die Vertreter der strengen Wissenschaft, auch nicht die 
der Fachphilosophie, die plotzlich von diesem metaphysischen Taumel ergriffen 
wurden. Ihnen lagen bestenfalls erkenntnistheoretische oder wegen ihrer prak- 
tischen Bedeutung ethische Fragen am Herzen. Aber da drangte sich nun die 
Schar der Kiinstler, der Literaten, der allgemein Gebildeten heran zur Philo- 
sophic Ihnen war an der Frage, ob die Kausalitat ein apriorisches oder 
empirisches Prinzip, ob die erste oder zweite Auflage der Kantischen Kritik 
der authentische Text sei und ahnliche mehr, iiber die sich die Fachphilosophen 
ereiferten, herzlich wenig gelegen. Sie verlangten nach einer Metaphysik, die ihnen 
das Ratsel des Lebens deute, die ein Fiihrer sein konne auf den Wegen in Kunst 
und Beruf, gegeniiber den Fragen der Religion und der Ordnungen des Lebens. 
Auch darauf kam es ihnen nicht an, dafi diese Metaphysik besonders exakt sei. 
Viel wertvoller schien es, wenn sie Ausdruck einer Personlichkeit war, die sich 
ganz und unverhiillt in ihrem Werke mitteilte. Auf einem Gebiete, wo es, wie 
ihnen schien, doch keine Gewifiheit gab, verlangten sie nicht nach Beweisen, son- 
dern nach persbnlicher Uberzeugung und vor allem nach einer Stimmung, die 
der eigenen verwandt war. Diesem Bedurfnis kam Schopenhauer zu der Zeit, 
da seine Philosophic Aufnahme fand, vollauf entgegen. Diese Philosophic 
wirkt mit der uberzeugenden Kraft des wirklichen Erlebens; und die Stim- 
mung, die in ihr hervorbrach, lebte in der Zeit selbst, in der die Schriften 
dieses Philosophen manchem wie eine Offenbarung erschienen. Wohl lebte 



1X8 WlLHELM WUNDT: Metaphysik 

auch in dieser Metaphysik etwas von jenem Streben nach Riickkehr zu Kant, 
das in. der sonstigen Philosophic der Zeit so lebhaft hervortrat. Aber die Be- 
ziehung zur kritischen Philosophie blieb im Grunde eine aufierliche. Hatte 
doch Schopenhauer hier gerade den Punkt vorangestellt, wo der kritische 
Philosoph selbst einen mystischen. Zug nicht verleugnen konnte: die Lehre 
vom Willen alsdem ,,intelligibem Charakter' des Menschen. Auf dieser Grund- 
lage errichtete Schopenhauer ein metaphysisches Lehrgebaude, das eigent- 
lich durch und durch philosophische Dichtung war, und das vor allem in sei- 
nen wirksamsten Teilen, in der Schilderung des Willens in der Natur, seines 
Ringens und Strebens, in der Darstellung der Formen der Kunst als symbo- 
lischer Aufierungen dieses vergeblichen, doch in der Illusion des Moments 
beseligenden Strebens, endlichin der Ausmalung der Trostlosigkeit des Daseins 
eine der eindrucksvollsten Gestaltungen poetischer Metaphysik ist, welche 
die Geschichte kennt. 

Doch dieser Ruckfall aus den skeptischen und kritischen Stimmungen 
einer mit ihren Idealen zerfallenen Zeit in das poetische Stadium des meta- 
physischen Denkens, wie er uns in Schopenhauer entgegentritt, ist keine ver- 
cinzelte Erscheinung, sondern ein pragnanter Charakterzug dieser ganzen die 
neueste Philosophie einleitenden Entwicklungsphase. Unter den Schrift- 
stellern, die unmittelbar nach der Ausbreitung der Philosophie Schopenhauers 
in die Arena traten, hat in der nachsten Zeit keiner in so weite Kreise gewirkt 
wie Eduard von Hartmann mit seiner ,,PhiIosophie des Unbewufiten". 
Er gab, was der mit seinem Denkcr. noch in dem Anfang des Jahrhunderts 
wurzelnde Schopenhauer zum Teil vermissen liefi, die Vermittlung mit den 
positiven Wissenschaften, namentlich mit den fiihrenden Naturwissenschaften 
der Zeit, die sich hier in geistvoller, wenn auch nicht ganz vorurteilsloser Weise 
in den Dienst einer poetisch-mystischen Metaphysik gestellt sahen, die neben 
Schopenhauer auch noch zu Hegel und namentlich zu Schilling Beziehungen 
suchte. Ganz anders geartet freilich war Gustav Theodor Fechners von 
lebensfreudigem und zugleich tief religiosem Optimismus erfiilltes philoso- 
phisches Glaubensbekenntnis, das um dieselbe Zeit, nachdem es lange kaum 
Beachtung gefunden, allmahlich einen kleineren Kreis stiller Verehrer um sich 
jiammelte. Aber eine Dichtung war diese Schopfung erst recht, so sehr auch 
sie in der Naturwissenschaft ihre Stiitzpunkte zu finden suchte. Als eine 
letzte Gestaltung ist dieser poetischen Richtung endlich auch noch die glan- 
zcrAe Erscheinung Friedrich Nietzsches zuzuzahlen, in dem allerdings 
der Dichter und Prophet fast ganz den Philosophen abloste, der nun aber um 
so mehr in dem Widerhall, den der Ausdruck seiner Stimmungen fand, ein 
sprechender Zcuge des philosophischen Bedurlnisses war, das diese Zeit er- 
fiillte. Dieses Bediirfnis war auf eine Weltanschauung gerichtet, in der sich 
das eigene Denken und Fiihlen widerspiegelte, unbekiimmert darum, was eine 
strengere philosophische Kritik dazu sagen mochte. In diesem Motiv liegt 
wohl vor allem der merkwurdige, alien diesen Erscheinungen gemeinsame 
Zug einer mehr mit der Phantasie und dem Gefuhl als mit den Hilfsmitteln 



Die Metaphysik in der Naturwissenscliaft der Gegenwart ng 

der Wissenschaft arbeitenden Philosophie begriindet. Dennoch wiirde das 
philosophische Bild der Gegenwart ein unvollstandiges sein, wenn man nicht 
neben diesen Stromungen der poetischen Metaphysik auch die andern beachten 
wollte, die, indem sie den engeren Kontakt mit den positiven Wissenschaften 
zu wahren suchen, zumeist ganz andere Richtungen einschlagen. Hier ist es 
aber gerade ein bemerkenswerter Zug der Zeit, daO diese metaphysischen 
Stromungen groflenteils auflerhalb der offiziellen Philosophie selbst liegen, 
da sie zumeist in den einzelnen positiven Wissenschaften ihren Ursprung 
nehmen. 

VI. Die Metaphysik in der Naturwissenscliaft der Gegenwart. Naturwissen- 
Da8 die Metaphysik unserer Zeit fast mehr als bei Philosophen von Fach in u«. ta physiL 
den einzelnen Wissensgebieten zu Hause ist, scheint mir eine der merkwur- 
digsten Eigentumlichkeiten dieser Zeit zu sein, durch die sie sich zugleich 
auffallend von der unmittelbar vorangegangenen Periode unterscheidet. Wah- 
rend die eigentlicheu Philosophen mit Logik, Erkenntnistheorie, F.thik und 
ganz besonders eifrig mit der Pfiege der Geschiehte der Philosophie beschaf- 
tigt sind, wachst zusehends das metaphysische Interesse innerhalb der Einzel- 
gebiete. Unter den Philosophen auflerhalb der Philosophie oder, wie man sie 
meist auch nennen konnte, unter den Metaphysikern wider Willen nehmen 
aber die Naturforscher unbedingt die erste Stelle ein. Doch je mehr hier aus 
dem freien Bedurfnis des Spekulierens unversehens eine Metaphysik hervor- 
wachst, urn so weniger kummert sich diese in der Regel um die Gedanken- 
arbeit vergangener Zeiten; und auf das Weltbild, das sie entwirft, hat natiir- 
lich der zunachst in einem begrenzten Erfahrungskreis erworbene Standpunkt 
den entscheidenden Einflufi. Anderseits hat aber die Unbefangenheit und 
nicht selten eine gewisse naive Ursprunglichkeit solcher Systeme ihren eige- 
nen Wert; und sie sind gerade darum, weil ihre Urheber offiziell alle und jedt 
Metaphysik bekampfen, interessante Zeugnisse fiir den unausrottbaren spe- 
kulativen Trieb des menschlichen Geistes. Besonders bei diesen im wesent- 
lichen unabhangig von philosophischer Uberlieferung entstandenen Gedan- 
kengebauden bewahrt es sich ubrigens, dafi ein neues Stadium der Metaphy- 
sik die vorangegangenen nicht beseitigt, sondern in mancherlei Formen neben 
sich bestehen lafit. Denn gerade diese frei entstandenen Gedankenbildungen 
der neuesten naturwissenschaftlichen Literatur spiegeln gewissermaGen die 
ganze Vergangenheit der Metaphysik in einem der Gegenwart angehdrenden 
Augenblicksbilde. Ich nenne hier nur drei Vertreter solcher neuester philo- 
sophischer Stromungen, die charakteristische Reprasentanten der drei Arten 
von Metaphysik sind, die wir oben als die allgemeinen Entwicklungsformen 
spekulativer Systeme kennen lernten: Ernst Haeckel, Wilhelm Ostwald und 
Ernst Mach. Ich wahle sie, weil sie die bekanntesten und genanntesten sind, 
und weil in ihnen zusammen vielleicht nicht vollstandig, aber doch nach ihren 
Hauptrichtungen die in den naturwissenschaftlich interessierten Kreisen herr- 
schenden Weltanschauun^en zum Ausdruck kommen. Und ich nenne sie in 



120 Wilhelm WONDT: Metaphysik 

dieser Reihenfolge, obgleich chronologisch und wohl auch nach dem MaO der 
philosophischen Bedeutung die umgekehrte die richtige ware. Aber sie ent- 
sprechen in der hier gewahlten Folge jenen drei allgemeinen metaphysischen 
Stadien. Haeckels ,,Weltratsel", die jiingste dieser Erscheinungen, fiihren uns 
mitten hinein in eine poetische und halb und halb mythologische Spekulation. 
In Ostwalds ,,Vorlesungen iiber Naturphilosophie" tritt uns eine eigentum- 
liche Spielart dialektischer Metaphysik entgegen, die in manchem ungewollt 
an den alteren Ontologismus eines Aristoteles und Leibniz anklingt. Endlich 
Mach in seiner ,, Analyse der Empfindungen" und einigen sie erganzenden Ar- 
beiten ist der Vertreter einer kritischen Metaphysik, die am griindlichsten 
mit der uberlieferten Philosophic ins Gericht geht; und in der nun die alte 
Peripetie des Skeptizismus und Kritizismus, der Umschlag einer abstrakt era- 
pirischen Erkenntnistheorie in eine mystische Metaphysik, in uberaus beleh- 
render Weise wiederkehrt. 
Uacckei. Ernst Haeckels ,,Weltratsel", dieses nach der Zahl und Grofie der 

Auflagen quantitativ erfolgreichste Werk der modernen popular-philosophi- 
schen Literatur, ist bekanntlich das Objekt heftiger Angriffe gewesen, die 
sich besonders gegen die Zuverlassigkeit seiner Angaben an den Stellen, wo 
sich der Verfasser aufierhalb seiner Spezialgebiete bewegt, gerichtet haben. 
Wir lassen diese Dinge hier ganz aufier Betracht. Uns interessiert nur die 
eigenartige Metaphysik, die das Werk e nth alt, und die man, um sie richtig 
zu wurdigen, moglichst losgelost von den besonderen Bedingungen der in- 
dividuellen Bildung und der eigentiimlichen Spezialisierung der wissenschaft- 
lichen Arbeit betrachten mul3, unter denen es entstanden, und deren Symptom 
es teilwcise ist. Entschliefit man sich, das zu tun, so gewinnt man, wie ich 
meine, erst den geeigneten Gesichtswinkel, um diese Losung der Weltratsel 
richtig zu wurdigen. Lassen wir also aile die Ausdrucke, in denen die moderne 
WJssenschaft in dieses System hereinragt, moglichst beiseite, die Atomistik 
und Energetik, den Mechanismus und Vitalismus, die Biogenese und Phylo- 
genese und manches andere, so ergibt sich als der bleibende, von solchen wan- 
delbaren Vorstellungen und Namen unabhangige Kern dieser Weltanschauung 
ungefahr der folgende. Aus Stoff und Kraft sind alle Dinge zusammengesetzt. 
Der Stoff besteht aus der schweren Masse und dem leichten Ather. Beide sind 
aber nicht tot, sondern die ihnen innewohnende Kraft auBert sich in Empfin- 
dung und Willen oder, wie man das namliche auch ausdrucken kann, in Fuh- 
len und Streben. Diese sind an die Bewegungen der Materie gebunden; die 
Atome fuhlen Lust bei der Yerdichtung, Unlust bei der Spannung und Ver- 
diinnung der Stoffe. Daher ist jede AuGerung der Wahlverwandtschaft der 
Elemente von Lust begleitet, ebenso wie die Yereinigung der Geschlechter. 
Diese selbst entspringt aber daraus, daC sich jenes Fuhlen und Streben der 
Atome in der organischen Natur zunachst zu den die Lebenserscheinungen der 
Zellen begleitenden Empfindungen steigert, welche Steigerung endlich in 
spezifischen Zellen, den Seelenzellen, ihren hochsten Grad erreicht, wobei 
sich die letzteren in Empfindungs- und Willenszellen scheiden. In diesen 



Haeckel i 2 1 

hochsten Gestaltungen des Stoffs ereignet sich dann jene Spiegelung der 
Fiihlungen und Strebungen, in der das Bewufitsein und die Gedankenbildung 
bestehen. 

Das sind die wesentlichen Grundziige dieser Metaphysik, wenn man von 
dem Kolorit der Zeit moglichst absieht. Wollte man in der Geschichte der 
Philosophic nach den nachsten Yerwandten des Systems suchen, so wiirden 
sie etwa in der Region der jiingeren ionischen Physiker zu finden sein. Ana- 
logien wie die der Verbindung und Trennung der Stoffe mit der der Geschlech- 
ter sind ganz im Sinne dieser alten noch halb mythischen Naturphilosophie. 
Darum hatte Haeckel Fiihlen und Streben, Anziehung und AbstoDung eben- 
sogut mit Empedokles Liebe und Hafi nennen konnen. Schon der aufgeklarte 
Demokrit wiirde aber wahrscheinlich dieses Weltbild abgelehnt haben, nicht 
weil es willkiirlich ist — darin blieb ja auch die Atomistik in den Grenzen der 
dichtenden Metaphysik — , sondern weil es die innere Einheit der Gedanken 
vermissen lasse; und der grimme Heraklit wiirde iiber diese Philosophie schwer- 
lich milder als iiber die seiner anderen Zeitgenossen geurteilt haben. In der 
Tat gehort diese Spekulation ganz und gar dem poetischen Stadium der 
Metaphysik an. Sie bewegt sich in einer Reihe willkiirlicher Einfalle und unbe- 
stimmter Analogien, bet denen man sich trotz moderner Anspielungen in die 
Zeit zuruckversetzt fiihlt, wo die Kunst des strengen logischen Denkens noch 
nicht entdeckt war und die positive Wissenschaft sich noch auf ihrer Kind- 
heitsstufe befand. Gerade in diesen Eigenschaften besitzen aber die ,,Welt- 
ratsel" doch wieder einen typischen Wert, Sie zeigen an einem mustergiil- 
tigen Beispiel, dafi, wenn jemand, ohne sich viel um das zu kiimmern, was 
die Geschichte des Denkens bis dahin geieistet hat, frisch und frohlich daran 
geht, sich seine Weltanschauung nach eigenem Bediirfnis zu modeln, er im- 
mer wieder da anfangt, wo auch die Philosophic angefangen hat, mit Dichtung 
und Mythus. Den meistcn wird diese Form primitiver Metaphysik durch ihrc 
Religion entgegengebracht. Wo das nicht der Fall ist, wo der Einzelne frei 
seinen spekulativen Neigungen nachgeht, da wird aber stets ein solches mehr 
oder weniger verschwommenes, aus freier Dichtung und halb vergessenen 
Mythen zusammengesetztes Gebilde entstehen, eine primitive Philosophie in 
neuem, mit Ornamenten moderner V» issenschaft ausgestattetem Gewande. 
Die meisten behalten diese phantastischen Ausfliige ins Reich metaphysischer 
Spekulation vorsichtig fur sich. Haeckel hat mit voller Offenheit sein System 
entworfen. Dafi so viele, ahnlich aufgeklarte, aber von den Dokumenten der 
Geistesgeschichte nicht sonderlich beschwerte Gemuter in dieser Schilderung 
ein Abbild ihrer eigenen Phantasiegebilde gefunden haben, kann nicht wun- 
dernehmen. Darin zeigt wiederum der Beifall, dessen sich die ,,Weltratsel" 
erfreuten, dafi jene primitive poetisch-mythologische Metaphysik kein sin- 
gulares Phanomen ist, sondern dafi sie oder etwas, das ihr ungefahr ahnlich 
sieht, eben in Kreisen, die sich der religidsen Metaphysik ihrer Kinderjahre 
entwachsen fiihlen und nun irgendeinen Ersatz dafiir haben mochten, weit 
verbreitet ist. 



I2 2 Wilhelm WUNDT; Metaphysik 

o^aid. Ein Werk ganz anderen Schlages ist Wilhelm Ostwalds ,,NaturphiIo- 

sophie". Darin allerdings steht sie mit Haeckels ,,Weltratseln" auf gleichem 
Boden, dafl sie nicht blofi Naturphilosophie ist — darin ist der Titel viel- 
leicht irreleitend — , sondern dafl sie eine umfassende Weltanschauung, also 
kurz gesagt eine Metaphysik enthii.lt. In der Tat miindet die energetische 
Naturbetrachtung in Spekulationen iiber das Bewufltsein, das gcistige Leben 
und das Schone und Gute aus. Stehen auch diese Teile an Wert betrachtlich 
hinter den naturphilosophischen Entwicklungen zuriick, und treten die psy- 
chologischen und ethischen Gedanken in ungleich bescheidenerer Form auf, 
da der Verfasser auf diesen Gebieten bemiiht ist, seine Ubereinstimmung 
mit den grofien Philosophen der Vergangenheit, vornehmlich mit Kant und 
Schopenhauer, zu betonen, so ist doch das Buch von dem Gedanken beseelt, 
alles, Natur und Geist, das Leben des Einzeinen und der Menschheit, dem 
einen groCen Prinzip der Energie mit seinen zunachst fiir die Naturwissen- 
schaft gultigen Grundsatzen unterzuordnen. In dieser riicksichtslosen Sub- 
sumtion alles Wirklichen unter den mit beharrlicher Konsequenz festgehal- 
tenen Begriff bewahrt sich aber das Werk als ein echter Nachkommling dia- 
lektischer Metaphysik. Wenn in dieser dereinst das Sein, das Werden, die 
Substanz nacheinander die alles tragenden Begriffe gewesen sind, warum sollte 
nicht auch einmal die Energie gewahlt werden? Waren doch dazu ohnehin 
schon in der Spekulation der Vergangenheit Ankniipfungspunkte genug vor- 
handen, in der alten bei Aristoteles. in der neueren bei Leibniz. Mochten auch 
dent Verfasser selbst bei der Ausspinnung seiner Gedanken diese Beziehun- 
reu niche o-e^enwards sein. "era-ie in d^r unbeabsichtigten und unerkaunten 
Ubereinstimmung bewahrt es sich wieder, wie sehr das metaphysische Denken 
bei yller Mannigfaltigkeit doch immer urn die gleichen Pole sich dreht. Von 
den beiden Spielarten dialektischer Spekulation, der platonisierenden, die den 
herrschenden Begriff als einen dem Denken selbst immanenten voIHg a priori 
zu finden sucht, und der aristotelischen, die ihn 2unachst dem Gegebenen 
entlchnt, dann aber in riicksichtsloser Konsequenz auf das All der Dinge aus- 
dehnt, schliefit sich die energetische- Metaphysik begreiflicherweise der zwei- 
ten, ihr aber in Wirklichkeit enger an, als man im Hinblick auf die gewaltige 
Verschiedenheit der zeitlichen Bedingungen denken sollte. Der Formbegriff 
des Aristoteles, den dieser schon in seiner allgemeinsten Gestaltung die „Ener- 
geia" genannt hatte, tritt uns, allerdings in modernisierter, durch die An- 
n ah me des Konstanzprinzips und des Prinzips der allmahlichen Uniformie- 
rung der Energien (der sogenannten ,,Entropie") umgestalteter Form ent- 
gegen. Ja, selbst der erganzende Begriff der aristotelischen ,,Dynamis", der 
Moglichkeit oder Anlage, fehlt nicht. In der Form der ,,potentiellen Energie", 
die sich noch unter verschiedenen anderen Ausdrucken verbirgt, kehrt er 
wieder. Auch kann sich die moderne Energetik zwar von der dem Begriff 
des ,,Moglichen" nun einmal anhaftenden Unbestimmtheit nicht ganz befreien, 
nur empfangt derselbe in Anlehnung an die quantitativen MaBbeziehungen 
der Energie eine exaktere Fassung. Selbstverstandlich soil ubrigens dieser 



Ostwald 



123 



Hinweis auf den Ideenzusammenhang mit einer sonst unserem modernen 
Denken so fremdartigen Physik und Metaphysik der Originalitat dieses geist- 
vollen Versuchs nicht den geringsten Eintrag tun. Epigonen sind wir alle. 
Ein Gedanke mag noch so neu und fruchtbar sein, von je allgemeinerer Trag- 
weite er 1st, um so eher wird sich erweisen lassen, daC er im Keim schon in 
alteren Anschauungen enthalten war, aus denen dann meist auch manche Ver- 
mittelungen zu uns heriiberfiihren. So bildet in der Tat Leibniz die Brucke 
zwischen Aristoteles und der modernen Energetik. Denn er ist es, der das 
Prinzip der Konstanz in einer der heutigen bereits wesentlich gleichenden 
Form erfaOt hatte. Auch das tut schliefilich, wie ich meine, der Bedeutung 
dieser naturphilosophischen Leistung keinen Eintrag, dafi sie nicht einmal auf 
dem Gebiete der Naturwissenschaft durchftihrbar ist, wie denn ja heute schon. 
nach dem bei wissenschaftlichen Hypothesenbildungen so manchmal be- 
wahrten Gesetz der Bewegung in Gegensatzen, die durch die Energetik eine 
Zeitlang zuriickgedrangten atomistischen Vorstellungen in der modernen 
,,Elektronentheorie"' in einer den alten Atombegriff weit iiberflugelnden Ge- 
stalt wiederum auftauchen. Aber diese naturphilosophischen Fragen liegen 
liier aufierhaib unserer Aufgabe. Das Produkt einer inmitten der positiven 
Wissenschaft zur Entwicklung gelangten Metaphysik ist Ostwalds Energetik 
vor allem deshalb, weil sie sich nicht auf eine energetische Naturphilosophie 
beschrankt, sondern die Scbranken zwischen Natur- und Geisteswissenschaf- 
ten durchbricht und, auf die Ideen des Schonen, Guten, der Menschheit und 
ihrer Bestimmung iibergehend, sich zu einer energetischen Weltbetrachtung 
umfassendster Art erweitert, Und gerade hier wird dann diese Philosophic 
ohne Frage zu einer jener Formen dialektischer Metaphysik, wie sie zum er- 
stenmal mit seiner bewundernswerten Gabe logischer Scheidung Aristoteles, 
;ille Erfahrung unter einen einheitlichen Begriffsschematismus zwingend, mit 
Erfolg durchgefiihrt hat, Xun geht freiJich die energetische Metaphysik in 
ihrer neuesten Gestaltung mehr als die des alten Philosophen von der Natur- 
wissenschaft, und sie geht selbstverstandlich ganz und gar von der modernen 
Naturwissenschaft aus. Sie mufi sich daher bemiihen, die Prinzipien, die hier 
fur den allgemeinen Begriff der Energie gewonnen worden sind, auch auf 
geistigem und ethischem Gebiet als gultig zu erweisen. Unter jenen Prinzi- 
pien steht aber das der Konstanz voran. Wenn es eine spezifische geistige 
Energie gibt, wie das die Einordnung des geistigen Lcbens in die energetische 
Weltanschauung verlangt, so raufi demnach auch sie dem Gesetze der Ver- 
wandlungen der Energie und ihrer Erhaltung untertan sein. In der Tat lehrt 
ja schon die alltagliche Beobachtung, und die Physiologie bestatigt es, dafi 
geistige Anstrengung korperliche Ermudung, also einen Verbrauch der im 
Gchirn und den Geweben aufgesammelten Energiewerte herbeifuhrt. Man 
kann sich also wohl vorstellen, die chemische Energie gehe beim ,,DenkprozeC" 
unmittelbar in „ geistige Energie" tiber und werde dadurch aufgebraucht. 
Wenn man trotz dieser langst bekannten Tatsache in neuerer Zeit in der Regel 
darauf verzichtet hat, einen solchen Ubergang anzunehmen, so liegt aller- 



124 Wilhelm Wundt: Metaphysik 

dings gerade vom energetischen Standpunkte aus hierfur anscheinend ein 
durchaus zureichender Grund darin, dafi die bei den seelischen Vorgangen 
im Gehirn verschwundene chemische Energie, soviel wir wissen, vollstandig 
wieder in anderen Formen physischer Energie, teils als Warme, teils als me- 
chanische Leistung der Muskeln, vielleicht auch noch in andern Formen der 
Energieverwandlung zum Vorschein kommt. Vom rein naturwissenschaft- 
lichen Standpunkte aus wiirde also zur Einfiihrung „geistiger Energie" als 
einer neuen Energieform nirgends Anlafi sein. Um so deutlicher scheiden sich 
hier die Wege des Naturforschers und des Metaphysikers. Jener uberlafit das 
Geistige, als eine Welt, in die sein eigentliches Gebiet nirgends fuhrt, der Fsy- 
chologie. Der Metaphysiker aber mufi darauf ausgehen, den alles tragenden 
Begriff, den er zur Grundlage seiner Weltbetrachtung genommen hat, auch 
hier zu verwenden. In der Tat geht daher, wie Ostwald lehrt, die chemische 
Energie in geistige Energie Liber, und diese verwandelt sich dann wieder in 
die physischcn Energiewerte, die man bis dahin als die direkten Produkte des 
im Organismus stattfindenden Energiewandels betrachtet hatte, Nach Ost- 
wald sind sie das in Wahrheit nicht. Denn das Postulat, alles Seiende dem 
Energiebegriff zu subsumieren, fordert, daC hier die ,, geistige Energie" als 
Zwischenglied eingefiigt werde. Messen lafit sich natiirlich diese nicht di- 
rekt, sondern nur vermittels ihrer Riickverwandlung in physische Energie. 
Aber nach dem Prinzip des Energiewechsels ist das keine Gegem'nstanz. Eben- 
so wenig kbnnte es als eine solche ange»ehen werden, da!C eventuell auch noch 
ancere anonyme Energien, vielleicht solche ganz transzendenter Art, wenn 
sich das 5peku!a.tive Eedurinis hcrausstellen sollte, als Zwischenglieder in die 
Reihe der Naturvorgiinge eingefQhrt wurdcn. Auch das ist klar, dafi diese 
energetische Grundlegung der Psychologic dem Tatbestand des psychischen 
Geschehens nicht im geringsten vorgreift, d. h. daB sie daruber, wie man sich 
den Zusammenhang des letzteren eigentlich zu denken habe, nichts aussagt. 
In allem dem tragt sie das Geprage echter Metaphysik an sich. Wie die Spi- 
nozistische Substanz, so en t halt die Energie alle denkbaren Moglichkeiten, 
und darum enthalt sie notwendig auch das Wirkliche, das vor allem moglich 
sein mufi, um wirklich zu werden. Wie im ubrigen dieses Wirkliche beschaffen 
sei, das ist eigentlich fur den Metaphysiker als solchen gleichgultig. An die 
Substanz Spinozas erinnert die Energie als metaphysisches Weltprinzip 
schliefllich aber auch in ihrer Anwendung auf das Gebiet der Ethik, Denn der 
gleiche Gedanke der Selbsterhaltung, den Spinoza zum Grundstein seiner 
sittlichen Weltanschauung nimmt, kehrt in der energetischen Ethik wieder. 
Hier ist das Qbereinstimmende Motiv oficnkundig genug. 1st es doch das 
Prinzip des Beharrens, das mit bciden Begriffen verbunden wird. Daneben 
ist dann freilich auch hier wieder der Begriff hinreichend unbestimmt, dafi 
er sich ohne Schwierigkeit mit den verschiedensten ethischen Nebengedanken, 
wie sie die Stimmung der Zeit oder die individuelle Neigung mit sich bringen, 
verbinden lafit. Bei allem dem ist es iibrigens unverkennbar, dafi die aufier- 
halb der Naturphilosophie liegenden metaphysischen Folgerungen der Enei- 



Mach 



125 



gctik mit einer gewissen Willkiir behaftet sind, da sie sich auch mit sehr abwei- 
chenden Annahmen iiber das geistige Leben und seine Prinzipien verbinden 
liefie, w r ahrend die rein naturphilosophische Energetik, auch nachdem sie 
durch die weitere Entwicklung der Naturwissenschaft, wie der Urheber selbst 
ancrkannt hat, heute unhaltbar geworden 1st, immerhin geschichtlich eine be- 
deutsame Vorbereitung zu der Beseitigung des alten starren Atombegriffs ge- 
bildet hat, die in der neueren Relativitatstheorie der Physik eingetreten ist. 

Ostwald hat sein Werk Ernst Mach gewidmet. Er hat damit ausdriick- Macii. 
]ich bezeugt, dafl er die mannigfaltigsten Anregungen diesem scharfsinnigen 
Naturforscher und Philosophen verdankt. Aber b'eim Lichte besehen ist 
dieser Einflufi doch in dem entscheidenden Punkt, wo die Wege der Mcta- 
physiker sich scheiden, nicht zur Wirkung gelangt: in der Stellung zur Er- 
kenntnistheorie. Ostwald ist Metaphysiker von Anfang an. Die Energie gilt 
ihm als ein urspriinglich gegebener Begriff, dem sich alles zu fugen hat. Fiir 
Mach ist die kritische Prufung der Erkenntnis das Primare. Die metaphysischen 
Gedanken, wo er sich iiberhaupt zu ihnen herbeilaBt, entstehen erst auf dieser 
crkenntnistheoretischen Grundla^e. Darin dokumentiert er sich von vorn- 
herein als den kritischen Metaphysiker; und in gewissem Sinne konnte man 
ihn, wenn man ihn mit der alteren Form des Kritizismus vergleichen wollte, 
einen umgekehrten Kant nennen. Bei Kant hatte es sich vor allem darum 
gehandelt, die a priori in "der menschlichen Vernunft liegenden Erkenntnis- 
bedingungen aufzufinden; als solche ergaben sich ihm Raum und Zeit als die 
anschaulichen Formen, und die Stammbegriffe des Verstandes, wie Einheit, 
Vielheit, Reaiitat, Substanz, Kausalitat usw., als die logischen /Formen des 
Erkennens. Zu alien diesen apriorischen Formen mufi dann ein Empfindungs- 
mhalt hinzukommen, um die allezeit in die Grenzen der Erfahrung eingeschlos- 
sene Erkenntnis moglich zu machen. Hit dieser ,,Materie der Empfindung" 
beschaftigt sich aber Kant nicht weiter. Er nimmt sie als ein Gegebenes hin. 
Umgekehrt Mach. Auch er geht von dem Satze aus, daB auBerhalb der Er- 
fahrung keine Erkenntnis moglich sei. Doch als letzte Elemente der Erfahrung 
betrachtet er gerade die von Kant vernachlassigten, die „Materie der Empfin- 
dung". Die Anschauungsformen, Raum und Zeit, gehoren nach ihm mit zur 
Empfindung. Denn jede Gesichts- oder Tastempfindung hat schon als solche 
einen Ort im Raum, eine Ausdehnung, zeitliche Dauer usw. Die Stammbe- 
griffe des Verstandes glaubt er dagegen entbehren zu konnen. Er ersetzt sie 
faktisch durch das allgemeine Vermogen unseres Verstandes, die ihm gege- 
benen Empfindungsinhalte willkurlich zu verknupfen. Da die zu diesem Zweck 
einzuschlagenden Wege vollkommen unserem freien Ermessen anheimgegeben 
sind, so wahlen wir den bequemsten Weg, denjenigen, auf dem die Data der 
Empfindung in der einfachsten Weise miteinander verkniipft werden. Alle 
Wissenschaft kann nichts weiter tun, als nach diesem Prinzip der ,,Okono- 
mie des Denkens" die letzten Inhalte der Erfahrung, die Empfindungen, zu 
verbinden; und was auf solche Weise zustande kommt, bleibt immer nur eine 
irgendwie beschaffene Beschreibung der Erfahrungsinhalte selbst. Ausdriicke 



I2& Wilhelm Wundt: Metaphysik 

wie ,,Erklarung" und ,,erklarende Wissenschaft" sind zu verwerfen, well es 
einen anderen Erkenntnisinhalt als die Empfindungen nicht gibt und eine 
Verknupfung gegebener EmpfindungsinhaJte eben eine Beschreibung ist, 
nichts weiter. Es kann moglicherweise verschiedene Arten solcher Beschrei- 
bung geben. Unter diesen ist dann jedesmal diejenige zu bevorzugen, welche , 
die einfachste ist und die groBte 2ahl von Erfahrungen umfafit. In diesem j 
Sinne ist jede mathematische Formulierung eines sogenannten Naturgesetzes, i 
wie des Fallgesetzes, des Pendelgesetzes, eine Beschreibung, die dem Prinzip 
der Okonomie dadurch nachkommt, daC sie sehr viele einzelne Erscheinungen 
zu einem einzigen Ausdruck zusamrnenfaBt. Die mathematischen Operationen, 
die eventuell solche verschiedene Formeln zueinander in Beziehung setzen, • 
sind nichts als technische Hilismittel, um die Beschreibungen zu vereinf achen . ■ 
Die Art und Weise, wie jene Yerknupfungen vorgenommen werden, kann. aber 1 
wieder einen doppelten Zweck verfolgen. Wir konnen uns entweder die Auf- \ 
gabe stellen, die Empfindungen in ihrem wechselseitigen Verhaltnis zu be- 
schreiben: dann stehen wir auf dem Standpunkte des Naturforschers. Oder j 
wir konnen die Beziehungen beschreiben wollen, in denen die Empfindungen 
zu dem empfindenden Subjekt, dem ,,Ich", stehen: dann nehmen wir den | 
Standpunkt des Psychologen ein. Fur beide ist demnach der letzte Erf ah - 
rungsinhalt der namliche, und beide Beschreibungen miissen daher auch in 
ihrem letzten Resultate wieder zusammentreffen. j 

Mach selbst will diese Gedanken nicht als eine ausgefiihrtc Weltan- 
schauung betrachtet wissen. sondern nur als den Umrifi zu einer solchen, der 
uberall noch der naheren Ausfiihrung bediirfe. So soil denn auch hier von 
einer kritischen ErOrterung dieses interessanten Entwurfs abgesehen werden. 
Eine solche wiirde ja leicht darauf hinweisen konnen, dafi weder die Beschran- 
kung der ursprunglichen Erfahrungsinhalte auf Empfindungen und die Ein- 
beziehung der Raum- und Zeitvorstellungen unter diese psychologisch halt- 
bar, noch die Reduktion der Aufgaben der Naturforschung auf die Beschrei- 
bung von Empfindungskomplexen durchfiihrbar sei usw. Hier haben wir es 
mit diesem Entwurf nur als einem Beispiel kritischer Metaphysik zu tun, das 
wiederum inmitten des Anschauungskreises der Naturforschung entstanden 
ist. Daran darf nicht irre machen, dafi sich auch Mach einen ,,Antimeta- 
physiker" nennt und in der Reduktion aller wissenschaftlichen Aufgaben auf 
die „ Beschreibung", also in dem Verzicht auf alle apriorischen Prinzipien und 
auf alle Folgerungen, die iiber die Erfahrung hinausfuhren, den Beweis dieses 
seines antimetaphysischen Sinnes erblickt. Vielmehr besteht eben hierin 
schon bei Kant das Kriterium der kritischen Richtung der Metaphysik, dafi 
sie nicht ein uberempirisehes Wissen vermitteln, sondern nur der Anwendung 
der durch die kritische Analyse aufgezeigten Prinzipien auf die Erfahrung 
dienen soil. Entspricht daher Machs Wissenschaftslehre in dieser Beziehung 
der allgemeinen Tendenz kritischer Metaphysik, so trifft sie nun aber weiter- 
hin auch in der allgemeinen Natur dieser Prinzipien mit ihr zusammen. Ge- 
wiB, so energisch Kant die Aprioritat jener Prinzipien betont, so entschieden 



Mach 



12' 



bekennt sich Mach zur ,,reinen", alle Aprioritat ablehnenden Erfahrung. Aber 
den Versicherungen der Metaphysiker darf man bekanntlich gerade da, wo sie 
am zuversichtlichaten sind, manchmal am wenigsten trauen. Kant hat neben 
den Prinzipien a priori, nach denen er in erster Linie seine Metaphysik orien- 
tierte, auch der ,,Materie der Empfindung" nicht bloC infolge ihrer Unent- 
behrlichkeit iiberhaupt, sondern auch in ihren ganz spezifischen Formen im 
stillen einen sehr erheblichen Anteil an seiner Metaphysik eingeraumt. Bei 
Mach ist alles, was sich in Empfindungsinhalteund deren Verkniipfung auflost, 
,,reine Erfahrung", Aber da selbst fur die Erfahrung die reine Empfindung 
sehr wenig, die Art ihrer Verknupfung beinahe alles bedeutet, so fallt doch 
auch hier das entscheidende Gewicht auf jenes Prinzip der „Okonomie des 
Denkens", das sich beim Lichte besehen als ein apriorisches herausstellt. Denn 
offenbar ist es ganz unmbglich, anzunehmen, dieses Prinzip sei etwa erst durch 
Erfahrung gefunden. Wollte man dies tun, so wiirde ja darin die Voraussetzung 
liegen, die einfachste Art der Verknupfung sei in den Dingen selbst schon 
vorgebildet, sie sei also nicht ein subjektives Prinzip der Beschreibung, son- 
dern ein objektives Gesetz der Natur, was Mach ausdriicklich ablehnt, da 
ein solches Gesetz wiederum ein metaphysisch.es, seine Autsuchung also eine 
,,Naturerklarung" im alten Sinne sein wiirde. Ist aber, wie Mach energisch 
betont, das Prinzip der Okonomie subjektiv, das heifit anders ausgedriickt 
a priori, so ist natiirlich auch die Annahme ausgeschlossen, dafi es je einmal 
plotzlich entstanden ware. Es mu0 zu jeder Zeit das wissenschaftliche Denken 
beherrscht haben, wenn es sich auch begreiflicherweise erst allmahlich in sei- 
ner vollen Reinheit durchsetzen konnte. Alle jene metaphysischen Begriffe, 
deren sich die altere Naturwissenschaft bedient hat, die Materie, die Kausalitat, 
sie konnen daher nur als unvollkommenere Anwendungen der gleichen Okonomie 
des Denkens gelten, da sie in der Tat in irgendeiner Weise zur Vereinfachung 
der Beschreibung gedient haben, wie die miter ihrer Herrschaft gewonnenen 
Formulierungen der Erscheinungen, z. B. das Fallgesetz, das Pendelgesetz 
u. a. zeigen. Welches ist nun aber der tiefere Unterschied des Okonomieprinzips 
von diesen seinen metaphysischen Vorlaufern? Es laftt sich nur der eine 
entdecken, dafi es nicht mehr in naiver Weise, wie dereinst der Begriff der 
Materie und der Kausalitat, objektiviert wird, sondern dafi es a!s ein rein 
subjektives Prinzip unseres eigenen Denkens gilt. Eben das ist es aber ja, 
was bereits Kant den dogmatisch iiberlieferten Begriffen der Naturwissen- 
schaft gegeniiber betont hatte. Diese sind nach ihm unserem Verstand im- 
manent, und nur darum sind sie objektiv gesetzgebend fur die Erscheinungs- 
welt. Es ist der namliche kritische Standpunkt, den auch Mach einnimmt. 
Nur haben die angenommenen Prinzipien ihren Namen gewechselt. Anstatt 
der Vielheit der Kategorien ist das Okonomieprinzip allein ubrig geblieben. 
Mag diese Vereinfachung vielleicht als ein Vorzug erscheinen, so mufi man 
doch andererseits zugeben, dafi Kant wenigstens den Versuch gemacht hat f 
seine Kategorien aus den allgemeinen Denkfunktionen abzuleiten. Das Oko- 
nomieprinzip dagegen kommt wie aus der Pistole geschossen, man weifi nicht 



128 WilHelm Wundt: Metaphysik 

woher; ja es hat den unverkennbaren Nachteil, daG es eigentlich eine hochst 
unbestimmte teleologische Maxime und, wie jede Zweckbetrachtung, viel- 
deutg ist. Indem aber dieses Prinzip auf die M Materie der Empfindung" an- 
gewandt wird, um die brauchbarsten Formulierungen fur die Verkniipfung 
def Erscheinungen zu finden, wird auch hier mutatis mutandis kein anderer 
Weg eingeschlagen als der, den Kant in seinen „metaphysischen Anfangs- 
griinden der Naturwissenschaft" schon gegangen war: der Weg von einem 
a priori aufgestellten Prinzip zur Erfahrung. Und das eben ist der Weg der 
kritischen Metaphysik. Wohl konnte man einen gewissen Unterschied noch 
darin finden, daG in Kants Begrundung neben den begrifflichen Prinzipien 
auch die Aprioritat der Anschauungsformen eine Rolle spielt, wahrend Mach 
Raum und Zeit zu den empirisch gegebenen Empfindungen rechnet. Auch dieser 
Unterschied verschwindet jedoch, wenn man spater erfahrt, wie sich Mach die 
EntstL-hung dieser Raum- und Zeitempfindungen denkt. Da hbren wir, daG die 
Bestimmung eines Ortcs im Raum schlieGlich von unserem Willen abhange, 
ja daG die Raumempfindung und der Wille, etwas irgendwo zu sehen, eigent- 
lich identisch seien; und ebenso wird die ,,Zeitempfindung" als eine Funktion 
der ,,Aufmerksamkeit" betrachtet. Damit scheint namentlich in die soge- 
nannte ,,Raumempfindung" ein leiser Kachklang nicht der Kantischen Aprio- 
ritat der Anschauungsformen, wohl aber der Willensmetaphysik Schopen- 
hauershineinzuspielen, ein interessanter Ruckschlag in die poetische Stufe der 
Metaphysik, der freilich um so weniger zu verwundern ist, je skeptischer im 
iibrigen dieser kritische Standpunkt alle Metaphysik ab'ehnt. Denn die grofiten 
Skepciker sind, wie schon oben bemerkt, meist zugleich die groGten Mystiker 
gewesen. So reprasentiert denn auch Mach, beim Lichte besehen, gleichzeitig 
die zwei Standpunkte, die am Ende der Entwicklung der Metaphysik stehen: 
den positiven des kritischen Metaphysikers und den negativen des Skeptikers. 

Ersebnis VII. Die Zukunft der Metaphysik. Was bleibt nun als die Frucht 
U "biick DS dieses Spazierganges in dem Irrgarten der neuesten Metaphysik? Sollen wir 
schlieBen, daG, wie Mach es ausdnickt, Metaphysik uberhaupt eine bloGe 
Scheinwissenschaft sei ? Oder sollen wir sie, was vielleicht allgemeinerer Zu- 
stimmung begegnet, jedenfalls von den Gebieten des positiven Wissens fern- 
halten? Ich wiirde mich vielleicht der letzteren Meinung anschliefien, wenn 
nicht neben anderem gerade das Beispiel der drei erwahnten ausgezeichneten 
Naturforscher eindringlich lehrte, daG es sehr leicht ist, sich gegen die Meta- 
physik zu erklaren, daG es aber offenbar sehr schwer ist, nach diesem Vorsatz 
zu handeln. Diese drei Manner sind ausgesprochene Antimetaphysiker. Den- 
noch sind sie alle in Wirklichkeit selbst Metaphysiker, und zwar reprasen- 
tieren sie die samtlichen Stadien, die uberhaupt die Metaphysik in ihrer Ent- 
wicklung durchgemacht hat: das poetisch-mythologische, das dialektisch- 
ontologische, das kritische. Warum es aber unmoglich ist, die Metaphysik zu 
verbannen, auch wenn man den besten Willen dazu hat, auf diese Frage 
geben, wie ich meine, gerade die Beispiele dieser philosophierenden Naturfor- 



Die Zukunft der Metaphysik I 2 q 

scher die Antwort: der Metaphysik wird man nicht ledig, weil metaphysische 
Probleme und Hypothesen gar nicht das spezifische Eigentum einer beson- 
deren Wissenschaft sind, sondern weil sie iiberall, auf alien Gebieten wieder- 
kehren. Der Physiker schlagt sich mit ihnen herum, wenn er die Frage er- 
wagt, ob Atome oder ein kontinuierlicher Ather seinen theoretischen Entwick- 
lungen bessere Dienste leisten, oder wenn er auf Grund des Satzes von der 
„Entropie" liber die Zukunft der energetischen Venvandlungen oder gar der 
Welt selbst spekuliert; der Astronom, wenn er erwagt, ob und in welchem 
Sinn der mathematische Unendlichkeitsbegriff auf das Weltsystem anzuwen- 
den sei; der Physiologe, wenn er iiber den Ursprung des Lebens oder iiber 
die Beziehungen der physischen zu den psychischen Lebenserscheinungen re- 
flektiert, der Soziologe, wenn er die Frage nach den letzten Zwecken der ge- 
scllschaftlichen Bildungen und nach dem Sinn der Geschichte erhebt usw. usw. 
Erwagungen iiber diese und ahnliche Fragen lassen sich nun einmal nicht ver- 
bieten. Wirft man sie zur einen Tiir hinaus, so kommen sie zu einer anderen 
wieder herein. Glaubt man z. B. des metaphysischen Begriffs der Materie 
ledig zu sein, so sieht man sich bereits inmitten einer Metaphysik der Energie. 
Darum, wenn die Metaphysik als philosophische Wissenschaft verschwande, 
als Metaphysik der positiven Wissenschaften wiirde sie fortleben. Ja unver- 
kennbar befinden wir uns gegenwartig in einera Zustand, der dieser Grenze 
einigermaBen nahekommt. Die Philosophen sind in ihren metaphysischen Spe- 
kulationen sehr enthaltsam und meistens auch ziemlich vorsichtig geworden 
— aber die Physiker, Physiologen und Soziologen spekulieren unentwegt wei- 
ter. So erhebt sich von alien Seiten von neuem die alte Frage Kants: 1st 
Metaphysik als Wissenschaft tiberhaupt moglich? 

Auf sie ist wohl vor allem zu antworten: wenn sie notwendig ist, so muB 
sie auch moglich sein. Beweisen aber die metaphysischen Fragen, die immer 
und immer wieder in den positiven Gebieten auftauchen, ihre Notwendigkeit, 
so deuten sie vielleicht auch den Weg an, auf dem eine solche Grenzwissen- 
schaft denkbar ist, ohne sich, wie das so manche metaphysische Systeme der 
Vergangenheit und der Gegenwart tun, mit dem wissenschaftlichen Bewufit- 
sein der Zeit im ganzen oder in einzelnen Richtungen in Widerspruch zu setzen. 
Der Philosoph sollte sich entschlieGen, nicht noch einmal das Weltproblem 
in alien seinen Teilen von Anfang an losen zu wollen, sondern die Anlaufe 
zu solchen Losungen, die ihm die positiven Wissenschaften bieten, sollte er 
aufnehmen, vergleichen, ihre verschiedenen Anspriiche gegeneinander ab- 
zuwagen und sie so weit wie moglich zu Ende zu fiihren suchen. Der philo- 
sophische Metaphysiker ist nach diesem Programm nicht mehr ein souve- 
raner Bauherr, der seine Plane ganz nach eigener Phantasie oder mit den 
Hilfsmitteln der zufalligen Erfahrungen, die er gesammelt, ausfiihrt, sondern 
em Architekt, der auf dem Terrain des positiven Wissens, unter der Aufsicht 
und nach den Bediirfnissen der hier befehlenden Sondereigen turner sein 
Werk zu vollenden und iiberall darauf zu sehen hat, da£) die Teile zu einem 
harmonischen Ganzen zusammenstimmen. Hierin oder, urn nicht mehr im 

Die Kultur der Gegenwart. I. 6. 3. Aufl. g 



xxo WlLHELM Wundt: Metaphysik 

Bilde zu reden, in der Ausgleichung der von den einzelnen Wissenschaften her 
sich erhebenden Forderungen, in der Auflosung der zwischen ihnen auftreten- 
den scheinbaren Widerspriiche, endlich in der strengen Berucksichtigung der 
allgemeinen erkenntnistheoretischen Prinzipien wiirde fur ihn selbst immer 
noch reichliche Arbeit iibrig bleiben. In letzterer Beziehung ist es vor alleni 
e J n e 5 , was eine philosophische Metaphysik zu dem, was sie auf den einzelnen 
Gebieten an Vorarbeiten vorfindet, hinzubringt: das ist die Voraussetzung, 
dafi schliefilich die verschiedenen Teile des menschlichen Wissens nicht in Wi- 
derstreit miteinander treten konnen, und dafi, wo ein solcher zu besteheu 
scheint, dies nicht in der Sache, sondern in unserer einseitigen oder irrigen 
Auffassung seinen Grund hat. Dieses von den positiven Wissenschaften zu- 
nachst auf ihren Einzelgebieten festgehaltene und dann von ihnen mehr und 
mehr auf ihre Gesamtheit sich ubertragende logische Prinzip dcs auszuschh'e- 
fienden Widerspruchs, nicht das teleologische Sparsamkeitsprinzip der klein- 
sten Anstrengung ist es, das in Wahrheit das wissenschaftliche Denken von 
frCihe anbeherrscht hat, und das sich nunnaturgemafi allmahlich von den Ein- 
zelgebieten auf das Ganze fortsetzen mufi. Das Widerspruchslose und das 
Einfache treffen aber durchaus nicht immer zusammen. Vielmehr mussen 
wir sehr haufig die verwickelteren Losungen der Probleme den einfacheren 
vorziehen, weil jene der Wirklichkeit besser entsprechen. 

In welcher Weise auf dieser Basis in einer dem wissenschaftlichen Bc- 
wufitsein der Zeit adaquaten Form der Versuch eines metaphysischen Systems 
moglich sei, dies zu erwagen ist hier nicht der Ort. Ich habe anderwarts den 
Entwurf eines solchen zu geben versucht. Hier konnte es sich nur darum 
handeln, die Motive anzudeuten, aus denen metaphysische Fragen entstehen, 
und die Wege, die mbglicherweise bei ihrer Beantwortung eingeschlagen wer- 
den konnen. 

Nur auf zwei Mifiverstandnisse sei noch hingewiesen, die von Philoso- 
phen wie Nichtphilosophen solchen metaphysischen Betrachtungen nicht sel- 
ten entgegengebracht, und die freilich meist durch die Metaphysiker selbst 
unterstiitzt werden. Das eine besteht darin, dafi man meint, in den metaphy- 
sischen Voraussetzungen, die durch einen Riickgang von den Tatsachen der 
Wirklichkeit zu den fur diese anzunehmenden letzten Bedingungen gewonnen 
werden, sei eine Art ,,hdherer Wirklichkeit" enthalten, der gegenuber die 
gesamte Erf ahrungs welt, wie sie uns in der Natur und Geschichte gegeben ist, 
eigentlich nur ein tauschender Schein sei. Es ist die alte Verwechslung von 
Erscheinung und Schein, die von der Zeit der Eleaten an bis auf Schopen- 
hauers Erneuerung der poetisch-mythologischen Vedantaphilosophie der In- 
der immer und immer wiedergekehrt ist. Gegen diese Verwechslung hat schon 
Hegel treffend bemerkt, dafi es eine andere Wirklichkeit als die der Erschei- 
nungen-fiir uns- iiberhaupt nicht gibt. Wie aber das Verhaltnis der hypothe- 
tischen Grenzbegriffe der Metaphysik zu dieser Wirklichkeit zu denken sei, 
das zeigen uns jene Begriffe gerade da, wo sie in den einzelnen Wissensgebieten 
bereits vorgebildet sind. Fechner hat geklagt, die warme, leuchtende und 



Die Zukunft der Metaphysik i^i 

tonende Natur werde von der Physik in ein kaltes, von einem unendlichen 
Gewirre schwingender Atome erfiilltes Chaos verwandelt. Die Klage ist un- 
berechtigt. Denn die schwingenden Atome konnen die lebendige Wirklichkeit 
der Erscheinungswelt nicht aufheben: sie konnen sie nur durch Begriffe er- 
ganzen, die den objektiven Zusammenhang dieser Erscheinungswelt verstand- 
Hch machen. Geradeso lassen die letzten Folgerungen der Metaphysik die 
Wirklichkeit unangetastet. Sie suchen sie nur zu einer die Fiille der Erschei- 
nungen zusammenfassenden Einheit zu erganzen. 

Das zweite Mifiverstandnis besteht darin, dafi man den letzten Grenzbe- 
griffen der Metaphysik die gleiche Aufgabe zuweist, die in den Einzelgebieten 
die in ihnen auftretenden metaphysischen Hilfshypothesen zum Teil zu er- 
fiillen haben, namlich die einer Deduktion der Erscheinungen. Wie also etwa 
der Physiker aus bestimmten Annahmen iiber die Konstitution der Materie 
Licht- und elektrische Phanomene interpretiert, so soil eine iiber alien Ein- 
zelgebieten schwebende philosophische Metaphysik die gesamte Erscheinungs- 
welt aus den letzten und hochsten Einheitsideen, zu denen sie gelangt ist, 
deduzieren. In der Philosophic selbst ist diese irrige Auffassung we it ver- 
breitet. Sie stammt hier aus einer Zeit, wo die Arbeitsteilung, die einen so 
wesentlichen Charakterzug der neueren Wissenschaft ausmacht, weniger ent- 
wickelt war, und wo bei im ganzen beschrankteren Hilfsmitteln der Einzelne 
leichter alle Teile des vielgegliederten Ganzen durchdringen konnte. Heute 
ist der Versuch, alles das, was die besonderen Wissenschaften schon geleistet 
haben, noch einmal und womoglich besser leisten zu wollen, zu einem groben 
Anachronismus geworden. Darum muBten nicht nur die Unternehmungen 
Schellings und Hegels, sondern auch die etwas bescheidener angelegte Na- 
turphilosophie Herbarts uberall da, wo diese Manner nicht selbst bis zu einem 
gewissen Grade inmitten der Einzelarbeit standen, notwendig Schiffbruch 
leiden. Fiir die Metaphysik gibt es zwar einen Regressus, der zu den letzten 
Einheitsideen hinauffiihrt, aut" welche die metaphysischen Grenzbegriffe der 
Einzelgebiete als ihre Erganzung und Vereinigung hinweisen; es kann aber 
keinen der Metaphysik spezifisch eigentiimlichen Progressus geben, der nun 
aus diesen Ideen alles Einzelne ableitet, ahnlich wie etwa der theoretische 
Physiker aus bestimmten Voraussetzungen gewisse Xaturerscheinungen. Und 
wenn iiberhaupt ein absteigendes Verfahren solcher Art moglich ware, so 
miifite es richtig ausgefiihrt notwendig wieder in die Reihen einmunden, die 
von den Einzelgebieten her jenen Regressus bilden halfen. Nie und nimmer 
kann also die Metaphysik dasselbe leisten wollen, was besser und mit dazu 
geeigneteren Hilfsmitteln die Einzelwissenschaften zu leisten haben. Nie und 
nimmer konnen aber auch hinwiederum diese der Aufgabe nachkommen, das 
Ganze des menschlichen Wissens, wie es auf einer gegebenen Stufe seiner Ent- 
wicklung beschaffen ist, zu einer einheitlichen Weltanschauung zu gestalten. 
Wo sie das doch unternehmen, da fuhrt dies zu unzulanglichen, gewisse Ge- 
sichtspunkte, die fiir eine beschrankte Sphare ihre Bedeutung besitzen mogen, 
einseitig verallgemeinernden Betrachtungsweisen. Vielleicht ist es nicht un- 



132 Wilhelm Wundt : Metaphysik 

gerecht, wenn man hierin auch den Hauptmangel der oben als Beispiele der 
drei metaphysischen Stufen erwahnten neuesten Systeme sieht. Aber auch 
die samtlichen Einzelgebiete des Wissens zusammengenommen konnen fiir das 
was hier zu leisten ist keinen Ersatz bieten. Bestenfalls verhalten sich diese 
zerstreuten Glieder gleichgiiltig gegeneinander. Schlimmstenfalls wider- 
sprechen sie einander — ein Widerstreit, der vom Standpunkt der Einzelbe- 
trachtung aus immer nur durch einen Machtspruch gelbst werden kann, wel- 
cher die dem Betrachtenden naherliegenden oder wertvolleren Tatsachen als 
die alleingultigen anerkennt. Solche Einseitigkeit zu vermeiden, die Ergebnisse 
der Einzelgebiete zu einer widerspruchslosen, dem gegebenen Zustand der 
Wissenschaft adaquaten Weltanschauung auszugleichen — das wird fortan, 
wie immer, eine letzte Aufgabe der Wissenschaft bleiben. Und mag die 
Metaphysik diese Aufgabe noch so oft verfehlt haben und sie nochweiter ver- 
fehlen, der Versuch, sie zu Ibsen, muC immer und immer wieder gemacht wer- 
den. Die Reihe dieser Lbsungsversuche wird aber auch fernerhin einen wich- 
tigen Bestandteil der Geschichte des menschlichen Denkens bilden, in dem 
mehr vielleicht als in anderen Erscheinungen der geistige Charakter der Zei- 
ten sich spiegelt. 



Literatur. 

Die Metaphysik bildet, namentlich in der akeren Zeit bis herab auf Kant, einen so 
vorherrschendcn Bestandteil der Philosophic, daB ihre Literatur nahezu mit der Literatur 
der letzteren zusammenfallt. Hier soil daher nur auf die Hauptschriften hingewiesen werden, 
auf die in der obigen Darstellung ausdriicklich Bezug genommen wurde. 

Zu S. 98. Die hier erwahnten Ausspriicbe Heraklits findet man, ebenso wie die auf 
uns gekomnienen Lehisatze dieses und der anderen vorsokratischen Philosophen in vortreff- 
lichen dem gnechischen Text beigegebenen 0berset2ungen in H. DlELS, Die Fragmente der 
Vorsokratiker (Berlin, 1903, 2. Aufl, iquy). 

Zu S. icg, Der hier erwahnte ontologische Beweis fiir die Unsterblichkeit 1st der 
vierte und letzte in der Reihe der von Plato aufgefiihrten Beweise, Pbadon 96Eff. tin 
iibrigen kommen fiir die Platoniscbe Metaphysik hauptsachlich in Betracht die Dialoge Par- 

menides, Theiuet, Phadrus. sowie tier Staat. 

Zu S. 1 io. Das Verhaltnis der realisiischen zur idealistUchen Richtung der Metaphysik, 
wie es sich in den Systemen ries Plato und Aristoteles zuerst herausgebildet hat, erhellt mit 
besonderer DeutHchkeit, wenn auch freilich in einseniger Beleuchtung, aus den zahlreichen 
Stellen der Aristotelischen Metaphysik, die sich kritisch gegen die Platonische Ideenlehre 
wenden. Namentlich das erste Buch ist sowohl hierfiir wie fiir das Verhaltnis des Aristo- 
teles zu seinen alteren Vorgangern bedeutsam. 

Zu S. til, Unter den zahlreichen Schriften von Leibniz, in denen Teile seiner Philo- 
sophie entwickelt sind, kommen fiir die metapbysischen Grundgedanken hauptsachlich in 
Betracht: Nouveaux Essais sur l'entendement humain, Erdmann, p. 1 ^4 fT. ; Gerhard, Philos. 
Schriften, V, p. 3gff.; La Monadologie, Erdmann, p. 7oaff.; Gerhard VI, p. &qi&.\ Prin- 
cipes de la nature et de la grace, Erdmann, p. /i4ff.; Gerhard VI, p. 598ff. Als exote- 
rische und durch das Motiv der Akkommodation an das dogmatische Christentum stark be- 
einflufite Darstellung sind dagegen die Essais de Tht : cd;ce'e, Erdmann, p. 468ff.; Gerhard 
VI, p. 25 ft. nur mit Vorsicht zu benutzen. 

Zu S. 1 1 z, Ober das Verhaltnis der kritischen zur dogmatischen Metaphysik im Sinne 
Kants orientiert im allgemeinen die Einleitung zu den n Prulegomena zu jeder kiinftigen 
Metaphysik", Die Metaphysik selbst oder, wie Kant sie auch nennt, der „doktrinale" Teil 
der Philosophic ist dann von ihm ausgefuhrt einerseits in den ,,Metaphysischen Anfangs- 
griinden der Naturwissenschaft" von 17S6, anderer&ejis in der , .Metaphysik der Sitten" von 
1797. Bei der letzteren darf freilich nicht ubersehen werden, dafi sie ein Alterswerk Kanis 
ist. So kebrt denn besonders in der ^metfiphysiscben Rechtslehie" das ^atu^echt der 
Wolflschen Schule in ziemlich unveranderter, an den kritischen Philosophen wenig erinnern- 
der Gestalt wieder. Inieressante Erganzungen versprecben bier die fiir die Kantausgabe der 

Berliner Akademie in Aussicht gestellten Vorlesungen Kanls iiber Metaphysik. Doch wird 
man bei solchen Vorlesungen nie vergessen diirfen, daB das 18. Jahrhundert sich im aka- 

demischen Unterricht sirenger, als das in unserer Zeit geschiebt, an bestimmte Lehrbucher 

hielt, wie denn auch Kant Baumgartens „Metapbysica" seiner Vorlesung zugrunde iu 

legen pflegte, 

Zu S. 114ft. Will man Hegels philosophische Anschauungen richtig wiirdigen, so ist 
vor allem zu raten, daB man sicb nicht an die dreibandige ,,EnzykIopadie der philoso- 
phischen Wissenschaften" halte, die durch das Streben des Herausgebers, spatere Kollegien- 
hefte in den ursprungljchen Text hineinzuarbeiten, verunstahet worden ist. Die beste Ein- 
fiihrung in das System Hegels geben vielmehr, wenn man die eigenen Weike bzw. die Be- 



134 Literatur 

arbeitungen seiner Vorlesungen zu Fuhrern wablen will, neben der Vorrede und Einleitung 
der Rechtsphilosophie (Bd. 8 der gesammelten Werke) die Philosophie der Geschichte 
(Bd. 9), Asthetik (Bd. io in drei Abt.) und die Geschichte der Philosophie (Bd. r 3 — 1 5 ». 
Eine vortrefiliche Darstellnng des Hegelscben Systems bietet Kuno Fischer im 7. (bzw. 8.) 
Band der Geschichte der neueren Philosophie. 

Zu S. 116. Herbart, Hauptpunkte der Metaphysik (1808). Allgemeine Metaphysik 
nebst den Anfangen der philosophischen Naturiehre (1828). Werke herausgeg. von Harten- 
Stein, Bd. 3 und 4. 

Zu S. 117. Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung (1. Aufl. 1S19, 2. Aufl. 
1844). Die erste Auflage war fast imbeachtet geblieben und die Verlagshandlung war im 
Begriff, den Rest der Exemplare einstampfen zu lassen, als die offentliche Aufmerksamkeit 
sich dem einsamen Philosophen zuzmvenden begann. Schopenhauer selbst erlebte noch 
eine 3. Auflage (1859'. Die Hauptverbreuung seiner Werke begann aber erst nach seinem 
Tode mit der von Julius Frauenstadt veranstalteten Gesamtausgabe in 6 Banden 

Zu S. 118. Eduard von Hartmann, Philosophie des Unbewufiten. 1. Aufl. 1869, 
10. Aufl. i8'.;o in 3 Banden. Eine reicke Literatur kniipfte namentlich in den ersten Jahren 
nach seinem Erscheinen an dieses Werk an. Vgl, die von Hartmann selbst in dem Vorwort 
zur 7. Aufl. von i8;6 gegebene Ubersicht dieser Literatur. Unter den zahlreichen spateren 
Werken Hartmanns ist besonders seine 1896 erschienene Kategorienlehre fur die Meta- 
physik von Bedeutung. Sie ist ohne Frage an philosophischem Gehalt der Philosophie des 
Unbewunten weit iiberlegen. Ober Hartmanns philosophische Gesamtleistung vgl. Arthur 
Drews, Eduard von Hartmanns philosophisches System im Grundrifi (1902). 

Zu S. 118. G. Th. Fechner, Zendavesta oder fiber die Dinge des Himmels und des 
Jenseits, 3 Bde. (1851). 2. Aufl. herausgeg. von Kurd Lafiwitz 1,1902). 

Zu S izoff. Ernst Haeckel. Die Weltratsel. Gemeinverstandliche Studien zu einer 
monetise hen Philosophie 'J-9'-' . Se : :dem in einer Volksausgabe in vielen Auflagen vcr- 
breitet. E:r.e reiche. grouenteils polemische Literatur kniipft in den folgenden Jahren an 
dieses Werk an, aus der hier hervorgehoben werden mag: Fr. PAULSEN in den PreuIJ. 
Jahrbb. Bd. lot, E. Adickes, Kant contra Haeckel* (1906) und die kritische Studie von 
O. D. CHWOLSON, Hegel, Haeckel, Kossuth und das zwtilfte Gebot (1896). DaS a'hnliche 
metaphysische Gedanken, wie sie in Haeckels Schriften niedergelegt sind, gelegentlich auch 
bei den Vertretern der exakten Naturwissenschaften zu finden sind, dafiir bieten L. Boltz- 
manns Populare Schriften (1905), bes. S. 309, 364ff., einen entsprechenden Beleg. 

Zu S. I22ff. W. Ostwald, Vorlesungen iiber N at ur philosophie (1902, 4. Aufl. 1907). Der 
Pfiege der Beziehungen zwischen Naturwissenschaft und Philosophie sind auBerdem Ostwalds 
seit 1902 erscheinende Annalen der Naturphilosophie gewidmet. Neben der Energetik hat 
besonders die neovitalistische Stromung in der neueren Naturwissenschaft teils zu Versuchen 
eigentiimlicher Systembildung, teils zu einzelnen Theorien gefiihrt, die sich mit metaphysi- 
schen Weltanschauungen beriihren. Ich hebe aus dieser Literatur hervor: P. N. Cossmann, 
Elemente der empirischen Teleologie (1899). J. ReinKE, Die Welt als Tat (1899) und Ein- 
leitung in die theoretische Biologie (1901). Camillo Schneider, Vitalismus (1903I. Hans 
Driesch, Analytische Theorie der orgaaischen Entwicklung (1894); Die „SeeIe" als elemen- 
tarer Naturfaktor (1903 ; Xaturbegrifie und Natururteile (,1904). Vgl. dazu meine Schrift: 
Naturwissenschaft und Psychologie (Sch'.-jBkapitel zur 5. Aufl. der Physiol. Psychol.) (1903). 

Zu S. i25ff. Ernst MaCH, Die Analyse der Empfindungen (1885, 2. Aufl. 190a); Po- 
pular- wissenschaftliche Vorlesungen ^ieg6); Prinzipien der Warmeiehre (189b). Daraus be- 
sonders die Schluflabschnitte S. 362 ff. 

Zu S. 130. W. Wundt, System der Philosophie (1889, 4. Aufl. 1920). 



PSYCHOLOGIE. 

Von 
Hermann Ebbinghaus, durchgesehen von Karl BChler. 

Einleitung. Die Psychologie hat eine lange Vergangenheit, doch nur 
eine kurze Geschichte. Sie ist dagewesen und alter geworden jahrtausende- 
iang, aber eines stetigen und anhaltenden Fortschreitens zu reiferer und rei- 
cherer Gestaltung hat sie sich in frtiheren Zeiten kaum je zu erfreuen ge- 
habt. Im 4. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung errichtete die staunens- 
werte Kraft des Aristoteles sie als einen Bau, der den Vergleich mit jedem Anstoteips. 
anderen Wissen der damaligen Zeit sehr zu seinem Vorteil zu bestehen ver- 
moclite. Aber dieser Bau ist dann ohne alizu bedeutende Yeranderungen und 
Erweiterungen stehen geblieben bis in das 18., ja das 19. Jahrhundert hinein. 
Erst in so junger Vergangenheit finden wir eine zuniichst langsamer und neuer- 
dings rascher fortschreitende Entwicklung der Psychologie. 

Woran das lag, dieses lange Stillestehen und naturgemafl also Zuruck- 
bleiben unserer Wissenschaft, vermogen wir in seinen allgemeinsten Griinden 
wohl anzugeben. 

,,Der Seele Grenzen kannst du nicht ausfinden, und ob du jegliche StraBe sdiwkri-keit 
abschrittest, so tiefen Grund hat sie", lautet ein Ausspruch Heraklits, un ^ derPs y cholo E'°- 
er trifft die Wahrheit voller, als sein Urheber nur entfernt ahnen konnte. Die 
Bildungen und Vorgange unseres Seelenlebens bieten der wissenschaftlichen 
Erkenntnis die grdfiten Schwierigkeiten, groCere noch als die ihnen in mancher 
Hinsicht verwandten korperlichen Lebenserscheinungen der hoheren Organis- 
men. Bei ihrem unablassigen Wechsel und ihrer Fliichtigkett, bei ihrer un- 
geheuren Verwicklung, bei der Verborgenheit vieler doch unzweifelhaft mit- 
spielender Momente ist es schwer, sie auch nur einzufangen und ihrem wahren 
lnhalte nach zu beschreiben, schwerer noch, Einsicht in ihren ursachlichen 
Zusammenhang zu gewinnen und ihre Bedeutung zu verstehen. Die voile 
GroCe dieser Schwierigkeiten beginnen wir eigentlich erst jetzt recht zu er- 
kennen. Wo auch immer in neuerer Zeit die Forschung in intensiver Beschaf- 
tigung mit einem psychischen Sondergebiet in die Tiefe und zu sicherem Ein- 
zelwissen vorgeschritten ist, wie auf den Gebieten des Sehens, des Horens, 
des Gedachtnisses u. a.: das erste und ubereinstimmende Ergfcbnis war uberall, 
daC die Dinge unvergleichlich viel feiner und reicher und sinnvoller gestaltet 
sind, als selbst eine kuhne Phantasie sich vorher hatte ausmalen konnen. 

Daneben besteht ein zweites Hemmnis. Die ihrem eigentlichen Wesen Praktisdie v^r- 
und Zusammenhang nach so schwer zu ergrundenden seelischen Dinge sind '/^ £ ee ™* 
uns nach ihrer blofien Oberflachengestaltung sozusagen uberaus vertraut und Iebon 



136 Hermann Ebbinghaus: Psychologie 

gelaufig. Lange vor jeder wissenschaftlichen Betrachtung hat die Sprache 
fiir die praktischen Zwecke der Menschenbehandlung und der Verstandigung 
iiber menschliches Wesen den ifh taglichen Leben wichtigsten Gesamtbetati- 
gungen der Seele Namen geben miissen, wie Verstand, Aufmerksamkeit, Phan- 
tasie, Leidenschaft, Gewissen usw., und mit diesen hantieren wir unablassig 
wie mit den bekanntesten GrbBen. Das Gewohnte und AUtagliche aber wird 
u ns zu einem Selbstverstandlichen und ruhig Hingenommenen ; es weckt 
keine Verwunderung iiber seine Eigenart und reizt die Neugier nicht zu seiner 
naheren Betrachtung. DaB solche Aufierungen des Seelenlebens wie die ge- 
nannten Wunder und Ratsel enthalten, bleibt der popularen Psychologie da- 
her durchweg verborgen; iiber die in ihnen enthaltenen Verwicklungen wird 
sie durch die Einfachheit der Worte hinweggefiihrt; und wenn sie die seelischen 
Vorgange in bestimmten Einzelfallen jenen gelaufigen Bezeichnungen unter- 
geordnet und etwa gesagt hat, daB jemand seine Aufmerksamkeit angespannt 
oder seiner Phantasie freien Spielraum gelassen habe, so halt sie sie fiir er- 
klart und alles, was sich iiber sie sagen lafit, fiir erledigt. 
Voreia- Endlich aber hat noch ein dritter Umstand verzbgernd auf das Fort- 

e«nommen eit. sc h re it en jer Psychologie eingewirkt und wird voraussJchtlich noch lange fort- 
fahren es zu tun. Einer Anzahl ihrer wichtigsten Probleme gegeniiber sind 
wir nicht unbefangen genug, wir hangen mit allzu starken Interessen an einem 
bestimmten Ausfall der Antworten mehr als an einem anderen. Die Vorstel- 
lung einer strengen GesetzmaBigkeit alles seelischen Geschehens und also 
auch der volligen Determiniertheit unserer Handlungen, die doch die Grund- 
voraussetzung aller ernsthaften psychologischen Forschung bildet, liefl sich 
nicht nur dem Konig Friedrich Wilhelm I. mit Erfolg darstellen als eine alle 
Grundlagen der Ordnung in Staat und Armee untergrabende Lehre, nach der 
er nicht mehr berechtigt sein wiirde, die Desertionen seiner grofien Grenadiere 
zu bestrafen: sie gilt auch heute noch zahlreichen Leuten als ,,gefahrlich", 
Sie zerstore alle Mbglichkeit von Strafen und Belohnungen, mache alles Er- 
ziehen, Ermahnen, Beraten zu einem sinnlosen Tun, wirke lahmend auf die 
Energie unseres Handelns und sei wegen solcher Konsequenzen durchaus ver- 
werflich. Ganz ahnlich wird, durch ihren Zusammenhang mit den tiefsten 
Gemutsbediirfnissen und dem starksten Sehnen der Menschen, die ruhige Er- 
orterung anderer Grundfragen beeintrachtigt und verwirrt, so der Frage nach 
dem eigentlichen Wesen der Seele, nach ihrem Verhaltnis zum Leibe 
und zu dessen Leben und Sterben, neuerdings namentlich der Frage nach 
der Entwicklung des Seelenlebens aus niederen tierischen Gestaltungen 
zu der hoheren menschlichen. Was lediglich als wahrscheinlichste Deutung der 
erfahrbaren Tatsachen, als rein auf sich gestellte w-issenschaftHche Theorie 
gelehrt und beachtet werden sollte, wird zu einer Sache des Glaubens und 
der guten Gesinnung oder auch umgekehrt zu einem Zeichen rnutvoller Unab- 
hangigkeit des Geistes und der Erhabenheit iiber Aberglauben und herge- 
brachte Vorurteile. Alles sehr begreiflich bei der ungeheuren praktischen 
Wichtigkeit jener Fragen. Aber doch eben alles auch sehr wenig fbrderlich 



Einleitung j ■tn 

fur die Auffindung der rein sachlich zutreffendsten Antworten und zugleich 
ablenkend von der muhevollen und stetig fortschreitenden Einzelforschung. 

Allein "wie schon eingangs betont, hat die Psychologic nun doch ange- 
fangen, in eine aufsteigende Entwicklung einzutreten. Welche giinstigen Urn- 
stande haben es ihr denn ermoglicht, die entgegenstehenden besonderen 
Schwierigkeiten wenigstens teilweise zu iiberwinden? 

Es sind ihrer viele, aber im wesentlichen fiihren sie alle auf einen Um- Nat ur w»se». 
stand zuruck: den Aufschwung und den Fortschritt der Naturwissenschaf-o acUa , ft , un - d 

° Psychologic. 

ten seit dem 16. Jahrhundert. Indes auf zwei ganz verschiedene Weisen hat 
dieser sich geltend gemacht; die Wirkung einer ersten Welle wurde erst durch 
eine hinterher laufende zweite zu voller Hohe gesteigert. Zunachst wirkten 
die Naturforschung — wenn wir absehen von der unklaren Gleichsetzung des 
Geistigen mit dem Materiellen, die sie freilich auch hervorbrachte — als glan- 
zendes Vorbild und befruchtendes Beispiel auf die Psychologie. Sie fiihrte 
zu der Ausbildung von Vorstellungen nach Analogie der fiir die materiel- 
len Dinge als mafigebend erkannten. oder sie rief Yersuche hervor, nach ahn> 
lichen Methoden Ahnliches zu leisten, wie sie seibst aufzuweisen hatte. 
So vorwiegend im 17. und 18., aber auch hinterher nodi im 19. Jahrhundert. 
Danach trat eine direktere Wirkung hinzu: ein unmittelbares Eindrin- 
gen und Ubergreifen der Naturforschung in einzelne Gebiete der Psychologie. 
Im Verlauf ihrer naturlichen Weiterentwicklung wurde jene an mehreren Stel- 
len zu Untersuchungen gefuhrt, die gleichzeitig auf den ihr vorgezeichneten 
Wegen wie auch in der Interessensphare der Psychologie lagen. Indem sie 
sie in Angriff nahm und schone Ertrage daraus gewarm, empfingen nun auch 
die Psychologen kraftige Anstofie, nicht abseits zu stehen, sondern jene Pro- 
bleme gleichfails aufzunehmen und fiir ihre doch andersartigen Zwecke selb- 
standig zu verfolgen. So im 19. Jahrhundert, vornehmiich in seiner zweiten 
Halfte. 

Einige besondere Gestaltungen und Ergebnisse dieser zweifachen allge- 
meinen Einwirkung seien etwas eingehender erortert. 

Als bedeutsamste Frucht jener indirekten, durch Analogien wirken- str* Jlge Ge se t*- 
den Fdrderung ist zu nennen die Wiedergewinnung der soeben erwahnten Vor- '^fefucben^ 
stellung von der durchgangigen, unverbriichhehen GesetzmaCigkeit alles see- Gcschehens. 
lischen Geschehens, die, wie ich sagte, die Grundlage alles ernsthaften Be- 
triebes der Psychologie bildet. Sie war schon dem spateren Altertum ge- 
laufig, aber dann von den theologischen Vertretern der Philosophie und Psy- 
chologie im Mittelalter wieder zuriickgedrangt worden. Zwar fublten sich 
diese immer wieder zu ihr hingezogen durch die Betrachtung der Allmacht 
und Allwissenheit Gottes. Denn wenn Gott allmachtig ist, so gibt es auch in 
der Zukunft kein Geschehen, weder in der aufieren Natur noch in der Men- 
schenbrust, das nicht allein von ihm abhinge; und wenn er zugleich alhvissend 
ist, oder auch wenn in der zeitlosen Gottheit der menschliche Unterschied 
von Gegenwart und Zukunft iiberhaupt verschwindet, so muii die Zukunft 
von Gott bereits jetzt gekannt sein, also unabanderlich festliegen. Aber noch 



138 Hermann Ebbinghaus: Psychologie 

starker wurden sie jederzeit immer wieder von solchen deterministischen Ge- 
danken hinweg und zu der Behauptung einer Freiheit (d. h. einer nicht voll- 
standigen Eestimmtheit) des geistigen Geschehcns getrieben, sowohl durch 
das populare psychologische und ethische Denken wie namentlich durch die 
Yersenkung in die Heiligkeit und Gerechtigkeit Gottes. Denn, wie konnte 
Gott auch das siindhafte Tun der Menschen gewoiit und, sei es auch nur 
indirekt, verursacht haben ? Oder, wie konnte er die Menschen strafen fur 
Dinge, die sie nun einmal nach unabanderlichen und von ihm doch geschaffe- 
nen Gesetzen zu tun gezwungen waren? Die Menschen, so folgerte man, ob- 
wohl ganz und gar von Gott stammend, sind offenbar durch das Gdttliche 
in ihnen nicht unbedingt gebunden, sie konnen sich rein villkiirlich und ur- 
sachlos davon abwenden. 

Die junge Betrachtung des Geschehcns in der Natur fiihrte zu einer an- 
rieren Entscheidung. Hobbes und Spinoza vertreten sie mit einer noch 
heute imponierenden Klarheit und Scharfe; mit dem Streben nach einer etwas 
schonenden Bemantelung tritt doch auch Leibniz fur sie ein; sie ist seit- 
dem fur die Psychologie nicht mehr verloren gegangen. Die Vorgange des 
geistigen Lebens, so lehren diese Denker, sind in einer Hinsicht voilig gleich- 
artig denen der aufieren Natur, mit denen sie ja enge verbunden sind: sie 
sind jederzeit vollkommen eindeutig bestimmt durch ihre Ursachen und sie 
konr.en niemals anders sein, als wir sie tatsachlich finden. Freiheit im Sinne 
von Ursachlosigkeit ist ein leerer Begriff. Wo von man einzig mit Recht spre- 
then kann. i;t Freiheit i;:i Sinne der Abwesenheit von Zwang, Bestimmtwerden 
i-ines Dinges oder Wescns allein durch seine eigene Natur, durch die ihm selbst 
innewohneudcii Eigenschaften. So wie man vom Wasser sagt, daB es frei 
dahinfliefit, wenn es nicht durch Felsblocke oder Wehre gehemmt wird, oder 
von einem Pferde, daB es frei herumlauft, wenn es nicht angebunden oder 
im Stall e eingesperrt ist, so kann man auch das Wohltun eines Menschen seine 
freie Tat nennen, wenn es aus seinen eigenen Uberlegungen und Trieben her- 
vorquillt und nicht durch Gewalt oder Drohungen erzwungen wird. Gesetz- 
mafiige Wirkungen bestimmter Ursachen aber sind darum doch alle diese Er- 
scheinungen, das FUeBen, das Herumlaufen wie das Wohltun. Was die Men- 
schen immer wieder zu der Verkennung dieser Gleichartigkeit und zu dem 
Glauben an jene falsch verstandene Freiheit verleitet, ist lediglich ihre Un- 
kenntnis. Von der Fulle der sich durchkreuzenden Motive fur ihre Handlun- 
gen sehen sie me ist nur einige; fiir ihr unmittelbares Bewufltsein erfolgt daher 
die Entscheidung in der Tat oft grundlos. ,,Ein holzerner Kreisel," sagt Hob- 
bes, ,,dcr von den Jungen gepeitscht wird und herumlauft, bald an die eine 
Wand, bald an eine andere — wenn er seine eigene Bewegung empfande, so 
wiirde er denken, sie wurde von seinem eigenen Willen hervorgebracht, es 
sei denn, er ftihlte, was ihn peitschte." Nicht anders ein Mensch, der hierhin 
um eine Pfriinde, dorthin um ein Geschaft lauft und dabei denkt, er tue es 
allein vermoge seines Willens: er sieht die Peitschen nicht, die diesen Willen 
bestimmen, Um die Gedanken und Triebe der Menschen wahrhaft zu begrei- 



Gcschichte. Assoziationspsychologie ! 7n 

fen, raufi man daher von ihnen ganz ebenso handeln wie von natiirlichen Kor- 
pern oder auch wie von den Linien und Flachen der Mathematik. Die angeb- 
Hchen Gefahren einer solchen Auffassung der Dinge verschwinden, sobald 
man ihr ohne Voreingenommenheit begegnet und sie zu verstehen sucht. 
MiBbraucht mag sie werden, von unreifcn Geistern namlich, aber „wozu die 
Wahrheit auch immer gebraucht werden nidge, wahr bleibt doch wahr", und 
es handelt sich nicht darum, ,,was sich zum Predigen eignet, sondern was 
wahr ist". 

Getragen von dicser Anschauung der allgemeinen GesetzmaBigkeit des Assoziations- 
Seelenlebens entwickclt sich dann die Wiirdigung einer wichtigen besonderen psyc ologlf ' m 
GesetzmaBigkeit, gleichfalls in Anlehnung an die Naturwissenschaft. Fur die 
gewohnliche Vorstellung ist das Kommen und Gehen unserer Gedanken ein 
vollig regelloses und jeder Berechnung spottendes Spiel. Zwar findet sich 
schon bei Plato und Aristoteles deutlich erkannt und ausgesprochen, daB 
auch hier in Wirklichkeit eine Ordnung walte, daB der Lauf der Gedanken 
beherrscht werdc von Beziehungen der Ahnlichkeit zu den gerade gegenwar- 
Ugen Eindriicken oder von ihrem friiheren Zusammensein mit diesen Ein- 
driicken. Aber dieses Wissen war nicht viel anderes als die Kenntnis einer 
Kuriositat geblieben ; theoretisch war es in keiner Weise verwertet worden. 
Jetzt wurde es in Yerbindung gebracht mit neu gewonnenen physikalischen 
Einsichten. Jene GesetzmaBigkeit der Gedankenfolge, denkt sich Hobbes, 
beruht rJarauf, daft unsere Vorstellungen mit materiellen Bewegungen in den 
Nerven und anderen Organ en innig zusammenhangen, und dafi diese Bewe- 
gungen nun, wenn einnial erregt, sobald nicht wieder zur Ruhe kommen kon- 
nen, sondern erst durch Widerstande allmahlich aufgezehrt werden miissen. 
Die Gesctze der Gedankenfolge sind ihm so etwas Ahnliches auf geistigem 
Gebiet wie das Tragheitsgesetz auf materiellem. Fiir Hume ioo Jahre 
spater beruhen sie auf einer Art Attraktion; wohl begreiflich nach dem Auf- 
treten Newtons. Und da man nun Tragheit und Attraktion als die wichtig- 
sten Grunderscheinungen des materiellen Geschehens erkannt hatte, lag es 
nahe, die ihnen an die Seite gesetzte reproduktive GesetzmaBigkeit als das 
Fundamentalphanomen des geistigen Lebens aufzufassen und aus ihr ebenso 
mannigfache und bedeutende Folgen fiir dieses abzuleiten, wie es aus jenen 
fur die physische Welt gelang. So entstand die englische Assoziationspsy- 
chologie, der Versuch, die verschiedenen, von alters her halb hypostasierten 
und zusammenhanglos nebeneinander ges tell ten Fahigkeiten der Seele, wie 
Gedachtnis, Phantasie, Verstand, und ebenso die grofien begrifflichen Ergeb- 
nisse ihrer Betatignng, wie namentlich das BewuBtsein des Ich und das der 
Aufienwelt, samtlich als natiirliche und sozusagen mechanische Ergebnisse 
des von den Assoziationsgesetzen beherrschten Vorstellungsgetriebes zu be- 
greifen. Keine Frage, dafi dieses Streben, das auch in der sensualistischen 
Psychologi'e Frankreichs zum Ausdruck gelangt, trotz grofier Mangel und 
Einseitigkeitcn doch im ganzen einen ungeheuren Fortschritt gegen die Ver- 
gangenheit darstellt, 



140 Hermann Ebbinghaus: Psycliologie 

Krfabrungs- Wie der erklarenden Naturwissenschaft der Galilei und Newton die 

Assoziationspsychologie, so entspricht der beschreibenden Naturwissenschaft 
der Linne und Buffon die Erfahrungsseelenlehre der deutschen Auf- 
klarung. Indes ihre Bedeutung ist vorwiegend — einzelne Ausnahmen, z. B. 
Tetens, abgerechnet — negativ. Der Absicht nach will zwar auch sie die 
seelischen Erscheinungen erklaren, d. h. sie zunachst in sorgfaltiger Selbst- 
beobachtung erfassen und dann durch ihre Zergliederung die einfachsten 
Krafte aufsuchen, aus denen sie hervorgehen. Aber ihre tatsachliche Leistung 
verharrt fast ganz bei dem blofien Beschreiben der der ersten Beobachtung 
sich darbietenden Vorgange, und die erzielten Resultate lehren eindringlich, 
dafi das Beschreiben, wenn es nicht, wie neuerdings bisweilen, zugleich im 
Sinne von Erklaren verstanden wird, ein unfruchtbares Tun bleibt. Die zahl- 
reichen verschiedenen Aufierungen der Seele, die schon die volkstumliche 
Psychologie unterscheidet, werden lediglich in einer gewissen Gruppierung 
nebeneinander und iibereinander geordnet, und das Erklaren besteht darin, 
dafi jede als Wirkung eines besonderen Vermogens betrachtet wird. So er- 
halten wir eine groDe Fulle verwickelter und innerlich in mannigfacher Weise 
verwandter seelischer Leistungen, wie Wahrnehmung, Verstand, Vernunft, 
Einbildungskraft, aber auch Abstraktionsfahigkeit, Witz, Bezeichnungsver- 
mogen, als vollig selbstandige und einander fremde Vermogen nebeneinander 
stehend; und rein aufierlich, wie lauter kleine homunculi in dem einen grofien 
homo, operieren diese nun bald miteinander, bald gegeneinander. Das Dich- 
tungsvermugen z. B. ,.i=t eine AuCerung der Einbildungskraft in Verbindung 
mit dem Yerstande". In Verbindung mit der Vernunft dagegen liefert die* 
Einbildungskraft das ,,Vorhersehungsvermogen". ,,Der Witz tut der Urteils- 
kraft oft Abbruch und verflihrt diese zu falschen Urteilen . . . Die Urteils- 
kraft mufi daher gegen den Witz sehr auf ihrer Hut sein". Der Fortschritt 
geschah hier nicht durch Weiterbildung, sondern durch Opposition. Diese 
richtete sich aber auch gegen die Assoziationspsychologie, 

Zu den Mangel n der Assoziationspsychologie gehort vor allem dieser: sie 
gibt kein Verstandnis fur die Erscheinung der Aufmerksamkeit. Der eigen- 
artige Vorgang, dafi von einer grofteren Fulle von sinnlichen Eindriicken oder 
Vorstellungen, die der Seele gleichzeitig sozusagen nahegelegt werden, stets 
nur einige wenige sich fur sie durchzusetzen und in ihr wirksam zu werden 
vermogen, ist aus der assoziativen Verknupfung der Vorstellungen nicht zu 
erklaren. Die Assoziationspsychologen gehen daher an dieser iiberaus wich- 
tigen Tatsache entweder mit vblligem Stillschweigen oder mit sehr unzulang- 
lichen Behandlungen vortiber und lassen so den Gegnern ihrer Bemiihungen 
urn eine gesetzmafiige Erklarung der Phanomene eine willkommene Handhabe 
zur Verfiigung. Die Seele scheint in der Tat in der Erscheinung des Aufmer- 
kens ganz im Sinne der popularen Auffassung sich als eine ihren eigenen In- 
halten selbstandig gegeniiberstehende Realitat zu erweisen. 
Herbart. Es ist das wesentliche Verdienst Herbarts, hier einen schwachen Punkt 

erkannt und Abhilfe versucht zu haben. ,,Die GesetzmafJigkeit im Seelen- 



Die » Erfahrungsseelenlehre «. Herbart I 11 

leben", davon ist er iiberzeugt, „gleicht vollkommen der am Sternenhimmel" ; 
es handelt sich nur darum, die richtigen Voraussetzungen zu finden, urn sie 
zu verstehen. Dabei Ieiten auch ihn, nur unausgesprochen, physikalische 
Analogien. Die Vorstellungen denkt er sich gleiehsam als elastische 
Kbrper, die auf einen Raum von beschrankter Fassungskraft angewiesen sind 
und sich in diesem durch gegenseitigen Druck zwar zusammenpressen und 
verkleinern, aber niemais vernichten konnen. Werden nun mehrere Vorstel- 
lungen gleichzeitig hervorgerufen, so werden sie wegen der Einheit der Seele, 
in der sie zusammen zu sein gezwungen sind, und wegen der Gegensatze, 
die zwischen ihnen bestehen, zu einander widerstrebenden Kraften. Sie hem- 
men sich wechselseitig, d. h. sie beeintrachtigen sich in der Klarheit, mit 
der sie vorgestellt werden, und in der Energie, mit der sie sich im BewuCtsein 
geltend machen. Unter geht aber keine von ihnen; sondern sie werden in 
eben dem Grade, in dem sie jene Hemmung erleiden, in Vorstellungsstre- 
bungen venvandelt, und sobald die Widerstande nachlassen, treten sie aus 
der ihnen aufgezwungenen Verdunkelung wieder hervor zu klarem BewuCt- 
sein. Indem nun Herbart weiter £ev,*i=se einfache Voraussetzungen macht 
iiber die Starke der Hemmungen, findet er, daB schon zwei Vorstellungen 
hinreichen, um eine dritte aus dem Bewufitsein vollig zu verdriingen, und ge- 
winnt so mit freudiger Genugtuung durch die Betrachtung eines einfachen 
Mechanismus ,,Aufschlufl iiber das allgemeinste aller psychologischen Wunder", 
dariiber namlich, daB von unserem samtlichen Wissen, Denken, Wiinschen 
in jedem einzelnen Augenblick unvergleichlich viel weniger uns wirklich be- 
schaftigt, als auf gehorige Veranlassung in uns hervortreten konnte, ohne daB 
doch das jeweilig Abwesende uns etwa vollig entlaufen ware. Dabei unterlafit 
Herbart nicht, auch das Assoziationsprinzip noch in seine Voraussetzungen 
in geeigneter Weise aufzunehmen; und indem er so iiber zwei Erklarungs- 
mittel, Hemmung und Assoziation, verfugt, vermag er zugleich den Kampf 
gegen die bloB klassifizierende und hypostasierende Vermogenspsychologie mit 
ganz besonderem Nachdruck und Erfolg zu fuhren. Die samtlichen herkbmm- 
Hch nebeneinander gestellten Betatigungen der Seele, selbst das Fiihlen und 
Begehren, glaubt er lediglich als verschiedene Ergebnisse der Vorstellungs- 
mechanik verstandlich machen zu konnen. 

Aber noch durch ein anderes Mittel sucht Herbart „eine Seelenfor- 
schung herbeizufuhren, weiche der Naturwissenschaft gleiche: . . wo es irgend 
sein kann, durch Erwagung der Grofien und durch Rechnung". Der Gedanke 
die Psychologie auf solche Weise zu fbrdern, ist auch vorher schon hie 
und da aufgetaucht; die glanzcnden Erfolge, die das Messen und Rechnen 
der Naturforschung gebracht hatte, hatten die Uberlegung, ob sich fiir 
die Psychologie nicht Ahnliches tun lasse, naturlich nahegelegt. Allein man 
fand die richtigen Handhaben nicht und beruhigte sich daher in der Regel bei 
der das Unvermogen rechtfertigenden Behauptung von der UnmogHchkeit 
eines solchen Unternehmens. Am bekanntesten ist die Abweisung Kants ge- 
worden, daB Mathematik auf die Phanomene des inneren Sinnes und ihre Ge- 



keitdeslnlollek- 
tualismc 



142 Hermann Ebbinghaus: Psychologic 

setze nicht anwendbar sei, weil die Zeit, in der doch die Seelenerscheinungen 
zu konstruieren seien, nur eine Dimension habe. Auch Herbart ist hier kein 
Bahnbrecher geworden; er hat an keinem einzigen Beispiele gezeigt, wie eine 
auch nur irgendwie auf Seelisches sich beziehende Messung anzustellen sei. 
Indes, er erkannte doch wenigstens, daC das Seelenleben sich nicht nur hin- 
sichtlich der Zeit, sondern auch noch in anderen Beziehungen der Recbnung 
darbietet, und betonte zugleich diese bis dahin vollig vernachlassigte Seite 
der Sache mit solchem Nachdruck, dafi bald auch richtigere Wege zu ihrer 
Aufhellung gefunden wurden...- 
uozuiiingiicb. Starke und langdauernde Anregungen sind von Herbart ausgegangen. 

Aber die weiteren Fortschritte der Psychologie geschahen gleichwohl nicht, 
in direkter Verfolgung des von ihm eingeschlagenen Weges. Manche seiner 
allgemeinen Yoraussetzungen und vor allem seine Rechnungsgrundlagen stan- 
den doch allzusehr in der Luft, urn durch die ungefahre Ubereinstimmung ein- 
zelner Folgerungen mit der Erfahrung glaubhaft zu werden. Zudem hatte 
schon langst eine starke Opposition eingesetzt gegen den ganzen von ihm so- 
wohl wie von den Assoziationspsychologen vertretenen Intellektualismus. 
Ist das Seelenleben wirklich nichts anderes als ein Getriebc von Yorstellungen. 
ein bloGes Miteinander und Gegeneinander von Vorstellungsreihen und Vor- 
stellungsmassen, was ist dann z. B. cine Erscheinung wie die Religion? Ein 
kleiner Komplex wahrer und verstandesmaBig zu begriindender Vorstellun- 
gen, vermehrt um einen grofien Komplex aberglaubischer Erdichtungen, die 
von Priesterr. und Fursten ersonnen oder doch gepflegt werden, uai die Meit- 
schen in ihrer Botmiir.gkeit zu ernnUcn? Mit einer eo niedrigen Bewertung 
war der Sache doch nicht beizukommen. Oder was ist die Kunst? Ist si:, 
wirklich die Lyrik Goe thes z. B. oder die symphonische Musik Bee th ovens, 
eine Veranstaltung zur Vermittlung von Erkenntnissen bloB durch die Sinne, 
wie der Name Asthetik andeutet? Namentlich das Wesen aller einheitlichen 
Individuality jene Eigenart der Persbnlichkeit und des Charakters, die sich 
in aller Verschiedenheit und allem Wechsel der Betatigungen des Seelenleben.^ 
doch stets als sein gleichbleibender und dem Ganzen einheithche Bestimmt- 
heit gebender Kern bekundet, erscheint als Resultat blofier Vorstellung-- 
mechanik unbegreiflich. Und so erheben immer zahlreicher und eindringlicher 
Manner wie Rousseau, Kant, Fichte, Schopenhauer ihre Stimmen, 
um neben dem Vorstellungsleben der Seele ihr Gefiihls- und Willensleben zu 
betonen oder vielmehr als AuCerung ihres eigcntlichsten und innersten We- 
sens an die erste Stel'.e zu setzen. Deni Intellektualismus trat der heute so- 
genanr.te Yoluntarismus entgegen. 

Die Ubertragung nalurwissenschaitlicher Aii^.'hauuiigen auf die seeli- 
sche Forschung hattc eben trotz der machtigen von ihr ausgegangenen An- 
triebe doch auch ihre Schattenseite. Die ersten glanzenden Errungenschaften 
der neueren Naturwissenschaft waren vorwiegend solche der Physik, besonders 
der Mechanik. Kein Wunder, dafi man sich, um fiir die Psychologie Ahnliches 
zu leisten, zunachst an mechanisch-physikalischcn Vorgangen orientierte. Be- 



Gegen den Intellektualismus. Sinnesphysiologie 143 

harrung, Anziehung und AbstoBung, wie wir gesehen haben, daneben Aggre- 
gat und chemische Verbindung waren die Kategorien, mit denen man operierte. 
Kein Wunder aber auch, dafi damit vielfach den Dingen Gewalt angetan und 
ihre Betrachtung in die lire geleitet wurde. 1st die Seele ein Mechanismus, 
so ist sie es doch nicht in der Weise einer noch so kunstvollen Uhr oder einer 
galvanischen Batterie. Sie ist gebunden an den organischen Korper, zunachst 
an das Nervensystem, und dessen Bau und Funktionen sind irgendwie be- 
stimmend fiir ihr eigenes Sein und Geschehen. Will man also materielie 
Analogien heranziehen und fruchtbar machen fiir das Yerstandnis der seeli- 
schen Bildungen, so sind sie dem zwar auch physikalisch-chemisch bedingten, 
aber doch in hochster Verwicklung so bedingten organischen Leben zu ent- 
nehmen. Erscheinungen wie Individualitat und Charakter, wie Gefiihls- und 
Willensleben der Seele haben ihre Analogie in dem einheitlichen Wesen des 
pflanzlichen und tierischen Organismus, in der eigenartigen Bestimmtheit 
seines innersten Lebenstriebes und in den mannigfachen Einzeltrieben, in 
denen dieser unablassig seine Entfaltung und gleichsam seine Befriedigung fin- 
det. So sind denn im Laufe des 19. Jahrhunderts die im engeren Sinne me- 
chanischen Kategorien allmahlich aus der Psychologie gewichen und haben 
biologischen, wie Reflex, Reflexhemmung, Ubung, Assimilation u. a., Platz 
gemacht. Namentlich die grofie Errungenschaft der neueren Biologie, der 
Entwicklungsgedanke, ist ohne weiteres auch von der psychologischen Be- 
trachtung ergriffen und fur das Yerstandnis der seelischen Vorgange sowohl 
innerhalb der Einzelseele wie innerhalb der menschlichen Gemeinschaften 
fruchtbar verwertet worden. 

Aber neben alle diese aus Ubertragungen und Analogien fliefienden For- Dirckt« Fordo- 
derungen der Psychologie durch die Naturwissenschaft trat nun im Verlaufe ^e durchVo 
des 19. Jahrhunderts, wie oben vorweg bemerkt, eine andere und direktere. Nat s 1 ^ i f * scn " 
In ihrem natiirlichen Fortschreitcn wurde die Naturforschung selbst an ver- 
schiedenen Stellen auf psychologische Fragen gefiihrt, und indem sie diese 
eifrig aufnahm und zunachst fiir ihre Zwecke verfolgte, wurde sie unmittelbar 
bahnbrechend fiir die Psychologie. 

Die ersten und zugleich auch starksten dieser Impulse gingen aus von 1. sinues- 
den Fortschritten der Sinnesphysiologie. Mit den dreifiiger Jahren des F )S100E1C ' 
19. Jahrhunderts beginnt ein ungemein reges und erfolgreiches Arbeiten auf 
diesem. Gebiet. Zahlreiche Physiologen und Physiker wetteifern in dem ge- 
nauen Studium des Baues und der Funktionen der Sinnesorgane, und natur- 
gemafi konnen sie nicht haltmachen bei den ihrer Arbeit zunachst liegenden 
materielien Funktionen; sie miissen ohne weiteres auch die durch diese ver- 
mittelten und sie erst verstandlich machenden geistigen Leistungen, die Emp- 
findungserlebnisse der Seele, in den Bereich ihrer Untersuchungen ziehen. 
Hauptsachlich ist es das durch seine dioptrischen und mechanischen Hilfs- 
apparate besonders reichlich ausgestattete und durch die Feinheit und Mannig- 
faltigkeit seiner Funktionen besonders wichtige Auge, das die Beobachter 
scharenweise anzieht; indes auch die Hautsinne und das Gehor finden Beach- 



144 Hermann Ebbinghaus: Psychologie 

tung. Joh. Miiller, E. H. Weber, Brewster, vor alien — besonders viel- 
seitig und weitblickend und besonders erfindungsreich — der etwas jungere 
Helmholtz sind einige der bedeutendsten Trager dieser Forschungen aus 
einer groGen Zahl anderer. Sie liefern der psychologischen Erkenntnis Ar- 
beiten, wie diese sie bisher nie gekannt hatte: beruhend auf wohliiberlegten 
selbstandigen Fragen an die Natur, auf der kunstvollen Herstellung geeigneter 
Umstande zu ihrer Beantwortung, dem Experiment, und womoglich auf 
genauer Messung der Resultate und ihrer Ursachen. Als E. H. Weber im 
Jahre 1829 die anscheinend kleinliche Neugier hatte, wissen zu wollen, mit 
welcher Feinheit an verschiedenen Stellen der Haut zwei getrennte Beruhrun- 
gen eben als solche erkannt werden kbnnen, und spater: mit welcher Genauig- 
keit wir zwei auf die Hand gelegte Gewichte gegeneinander abzuwiegen ver- 
mogen, oder als er uberlegte, wie er wohl die beim Heben von Gewichten durch 
die Muskeln vermittelte Wahrnelimung von der durch die Haut vermittelten 
gesondert untersuchen konne, geschah mehr fur den wahren Fortschritt der 
Psychologie als durch alle Distinktionen, Definitionen und Klassifikationen 
der Zeit etwa von Aristoteles bis Hobbes zusammengenommen, Sogar die 
iiberraschende, allerdings erst spater sichergestellte Entdeckung neuer, d. h. 
bis dahin ganzlich unbeachtet gebliebener, Sinnesorgane machte man damals: 
der Muskeln und der Bogengange des Ohres. Das bedeutete abcr eine ganz 
besondere Erweiterung des Gesichtskreises, da die neuen Organe nicht, wie 
die bereits bekannten, auCere Reize. sondern innere Reize, Vorgange im Kor- 
per selbst, zu unserer Kenntnis bringen. 
j. o.Th. Fechncr. Auf eigentumliche Weise wurdc dann ein cinzelnes Resultat der sinnes- 

physiologischen Untersuchungeu zum Ausgangspunkt einer neuen starken Be- 
wegung. Der Weg der Biologie in dem zweiten Viertel des 19. Jahrhunderts 
ging nicht nur hin zu methodischer und exakter Untersuchung des empirisch 
Gegebenen, er ging zugleich auch fort von naturphilosophischen Spekulatio- 
nen; eine Zeitlang lebte in vielen Kopfen das jiingst Vergangene und das 
nachst Zukiinftige in gleicher Starke nebeneinander. Der bedeutendsten 
einer war G. Th. Fee hner. Einerseits ist er phantasievoller Philosoph, be- 
fruchtet durch Schellingsche Naturphilosophie und angeregt von dem Her- 
bartschen Gedanken einer Ubertragung der Mathematik auf die Psychologie. 
Als solcher spekuliert er iiber die moglichen exakten Beziehungen zwischen 
Leib und Seele, sucht nach einer mathematischen Fassung der Abhangigkeit 
des Geistigen von den ihm zugehorigen Nervenprozessen und findet daSur 
eines Morgens, Oktober 1850, im Bette eine ihm plausibel scheinende Formel. 
Gleichzeitig aber ist er hochst exakter Physiker, gewohnt, fur das plausibel 
Scheinende sogleich nach einer erfahrungsmafiigen Bestatigung umzuschauen, 
und zugleich frei von der gewohnlichen Scheu nachdenkender Naturen, die 
Dinge nicht nur mit ihren Gedanken, sondern auch mit den Handen zu be- 
greifen. Bei der Verfolgung seiner Ideen stofit er auf einige Ergebnisse der 
Arbeiten E. H. Webers, fuhrt dessen Untersuchungen weiter mit scharferen 
Methoden und in langen Reihen entsagungsvoller Versuche, zugleich mit Auf- 



Psychophysik 14.5 

spiirung unbeachtet gebliebener fremder Beobachtungen, und gelangt so dazu f 
das erste mathematisch formulierte Gesetz des Seelenlebens, das von ihm so- 
genannte Webersche Gesetz auszusprechen, dafi namlich einer gleichma- 
Gigen Zunahme des Geistigen eine um gleiche Vielfache fortschreitende Zu- 
nahme der aufieren Reize entspricht (s. S. 160). Das Ganze seiner Unter- 
suehungen, Formulierungen, Folgerungen fafit er zusammen als einen neuer: 
Wissenszweig, die Psychophysik, „eine exakte Lehre von den Beziehungen 
zwischen Leib und Seele". 

Eine Unzahl von Schritten, bestatigenden, bestreitcnden, diskutierenden, 
weiterfiihrenden Inhalts, wurde durch diese Schopfung hervorgerufen. Die 
von ihnen zunachst in den Mittelpunkt gestellte Frage nach der Giiltigkeit 
des von Feohner aufgestellten Gesetzes hat inzwischen an Wertschatzung 
sehr eingebiiflt. Aber in dreifacher Hinsicht ist doch das Werk Fechners 
auch unabhiingig von jener ersten Wirkung fiir die Psychologie von Bedeutung 
geworden. Er ersetzte einmaJ die vollig in derLuft stehenden mathematischen 
Fiktionen Herbarts, die — kaum begreiflich — H. Lotze noch im Jahre 
1852 der Aufsuchung empirischer Formeln vorzuziehen erklart hatte, durch 
eine wirkliche Messung psychischer Gebilde und durch eine auf realem Boden 
stehende zahlenmafiige Formulierung einer psychischen Gesetzmafiigkeit. 
Er stellte weiter die Dinge in einen grufien Zusammenhang, brachte das an- 
scheinend Kleine und Abgelegene in eine Verbindung mit den hochsten psycho- 
logischen Fragen und zwang dadurch auch die von der Philosophie herkom- 
nienden und von den sinnesphysiologischen Anregungen bis dahin wenig be- 
riihrten Psychologen, von dem neuen Betriebe ihrer Wissenschaft Kenntnis 
zu nehmen. Und endlich bildete er fiir alle psycho-physischen Untersuchungen 
sorgfaltige Methoden aus, die den vielfach ungenugenden Verfahrungsweisen 
der Physiologen iiberlegen waren, und die fiir das weitere Eindringen in die 
Kenntnis der Empfindungs- und Wahrnehmungsvorgange von grofier Bedeu- 
tung geblieben sind. *• 

Ungefahr gleichzeitig mit den ersten Wirkungen der Psychophysik, in j. Personiki^ 
den sechziger Jahren, wurde ein dritter AnstoB fiir die Psychologie wirksam. R<. a kri ™ieV 
Wenn auch schwacher als die beiden erwahnten, trug er doch nicht wenig da- 
zu bei, den Gesichtskreis fiir die der experimentellen Behandlung zuganglichen 
psychologischen Fragen zu erweitern. Er entstammte einer schon im Jahre 
1796 gefundenen, aber Iange Zeit weder beachteten noch verstandenen Tat- 
sache, namlich dem Bestehen eines auffallend groBen Zeitunterschiedes zwi- 
schen den durch den Direktor der Sternwarte zu Greenwich und den durch 
seinen Assistenten registrierten Sterndurchgangen. Erst ein Vierteljahrhun- 
dert etwa spater erkannte Bessel t dafl solche Differenzen zwischen den 
Beobachtungsresultaten verschiedener Individuen etwas ganz allgemeines und 
Normales seien, und dafi sie durch die verschiedene Art und Weise bedingt 
werden, wie man es anfangen kann, einem Gesichtseindruck und periodisch 
wiederkehrenden Gehorseindriicken, wie den Pendelschlagen einer Sekunden- 
uhr, gleichzeitig seine Aufmerksamkeit zuzuwenden. Und abermals einige 

Die Kultur der Gegemvarr, 1. 6 10 



146 Hermann Ebbinghaus : Psychologic 

Jahrzehnte spater entwickelten sich dann aus dem Studium dieser Erschei- 
nung, der sogenannten personlichen Gleichung, das zunachst auf die 
praktischen Zwecke der Astronomie beschrankt geblieben war, zwei Reihen 
von psychologisch wichtigen Untersuchungen, wieder zugleich experimenteller 
und messender Natur. Die erne Reihe verfolgt verhaltnismafiig einfache Fra- 
gen, namlich nach der Zeitdauer einfachster psychischer Prozesse: z. B. der 
bioBen Wahrnehmung von Eindriicken, der Unterscheidung einer Mehrheit 
von ihnen, ihrer Beantwortung mit einer einfachen Handlung oder mit der 
Reproduktion einer Vorstellung usw., alles wieder in seiner Abhangigkeit von 
der Verschiedenheit der Eindriicke, der begleitenden Umstande, der Indivi- 
duen, ihrer Gedankenrichtung. Die andere Reihe fuhrt hinein in das Studium 
hoherer seelischer Tatigkeiten, des Aufmerkens und Wollens: zu ihr gehoren 
z. B. Untersuchungen iiber das Verhalten der Aufmerksamkeit einer Mehr- 
heit von Eindriicken gegeniiber, iiber die Reihenfolge ihrer Auffassung, die 
Zahl der iiberhaupt noch in einem Akte zu umfassenden Eindriicke, iiber die 
Umsetzung von Vorstellungen in Bewegungen usw. 
4 Gehim- Die jiingste Forderung, die die Psychologie von seiten der Naturwissen- 

P ^whS^;"* schaft erfahren hat, ist ihr seit den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts 
von der Gehirnphysiologie und Gehirnp athologie gekommen, seit der 
Entdeckung des sogenannten Sprachzentrums durch Broca und der moto- 
rischen Rindenf elder durch Fritsch und Hitzig. Man hat diese Forderung 
bisweilen etwas geringschatzig beurteilt und aus den Fehlern und unfertigen 
Vorstellungen einzelner Forscher geiolgert, dafi die Psychologie aus ihren Ar- 
beiten nichts Nennenswertes lernen konne. Mit groficm Unrecht, scheint mir. 
Ganz abgesehen von Einzelheiten verdankt die Psychologie der Gehirnfor- 
schung zwei allgemeine Einsichten von der grofiten Bedeutung. Zunachst ist 
durch diese erkannt worden, dafi das emsige Suchen mehrerer Jahrhunderte 
nach einem sogenannten Sitz der Seele im Gehirn, d. h. nach einer mbglichst 
punktformigen Stelle, an der die Seele zu dem materiellen Organ in Beziehun- 
gen tritt, gegenstandslos ist. Natiirlich ist die Einsicht in diesen Tatbestand 
von grofiter Tragweite fur die Vorstellungen, die wir uns iiber das Wesen der 
Seele zu machen haben (s. S. 1481). Sodann ist der Psychologie aus den Ar- 
beiten der Gehirnpathologen erst das rechte Verstandnis erwachsen fur die 
ungeheure reale Verwicklung auch der ganz einfach erscheinenden seelischen 
Vorgange. Dafi unsere Vorstellungen von den Dingen zunachst nichts sind 
als Nachbilder der verschiedenartigen sinnlichen Eindriicke, die wir durch 
den Gesichts-, Gehors-, Geruchssinn usw. von ihnen erhalten, oder dafi unser 
Hantieren mit den Dingen auf den Erfahrungen beruht, die wir bei ihrem 
Betasten mit der rechten Hand, linken Hand usw. gewonnen haben, kann man 
auch durch unmittelbare Uberlegung erkennen und hat es so erkannt. Aber 
dafi nun alle diese verschiedenen Komponenten ihr reales Dasein auch dann 
noch betatigen, wenn das unmittelbare Bewufitsein nichts von 
ihnen weifi und es mit ganz einfachen Vorgangen zu tun zu haben glaubt, 
das hat erst das Studium von Fallen gelehrt, in denen durch eigenartige Ffirn- 



Gehirnphysiologie 1 47 

lasionen eine Spaltung jener gewohnlich harmonisch zusammenarbeitenden 
Faktoren und ein Ausfall einzelner von ihnen entstanden war. Die Psycholo- 
gic hat damit vielfach erst die richtige Stellung zu den von ihr aufzuwerfen- 
den Fragen gewonnen. Sie hat erkannt, daB gegeniiber der tatsachlichen Ver- 
wicklung der Dinge die mit Hilfe der popularen Begriffe, wie Wille, Verstand, 
Gedachtnis usf., gestellten Fragen vielfach direkt sinnlos werden; und jetzt 
erst, von richtigen und sachgemafien Fragestellungen aus, kann sie hoffen, 
auch zu einem Verstandnis der Erscheinungen vorzudringen. 

Im Laufe der letzten Jahrzehnte sind — zuerst durch Wundt — alle d:« tje^nwart. 
diese SchoGIinge einer neuen Psychologie dem alten Stamme aufgepfropft 
und so zu einem einheitlichen Ganzen vereinigt worden. Sie haben den teil- 
weise verdorrt erscheinenden Baum verjiingt und zu kraftigem Wachstum 
gebracht; nach alien Seiten hat er nun begonnen, neue Zweige zu treiben. 
Die Psychologie ist eine andere geworden, in den Lehrbuchern und auf den 
Kathedern; in psychologischen Laboratorien sind ihr zudem neue Pflegestatten 
erstanden, die den vblligen Urnschwung der Arbeitsweise am deutlichsten zum 
Ausdruck bringen. 

Zugleich hat sie damit begonnen, eine selbstandige und zunaehst um ihrer 
selbst willen betriebene Wissenschaft zu werden. Fruher stand sie durchweg 
im Dienste anderer Interessen. Das Studium des Seelenlebens gait nicht als 
Selbstzweck, sondern als nutzliche oder notwendige Vorbereitung, um andere 
und fur hoher geltende Zwecke zu erreichen. Fiir die meisten war sie ein 
Zweig oder eine Dienerin der Philosophic Man beschaftigte sich mit ihr, um 
vor alien Dingen herauszubringen, wie unsere Erkenntnisse zustande kommen, 
oder wie die Vorstellungen von Dingen der AuCenwelt sich bilden, und dies 
dann wieder, um sogleich metaphysische und ethische Ruckschliisse machen 
zu konnen, auf Geistigkeit oder Materialitat der Welt, auf das Wesen der Seele, 
eine verniinftige Lebensfiihrung u. a., oder auch wohl, um iiber alle diese Dinge 
willkommene Bestatigungen anderswoher stammender und bereits feststehender 
Meinungen zu erhalten. Fur andere standen praktische Zwecke im Vorder- 
grund. Sie trieben Psychologie, weil deren Lehrsatze dem praktischen Leben 
nahe liegen und fur viele andere Wissenschaften von Bedeutung sind, weil 
sie z. B. ,,moglichst deutliche Begriffe von der wahren Sittenlehre verschafft", 
oder weil sie den Menschen lehrt, sein Gedachtnis zu verbessern. Nun ist 
gewifi aufs innigste zu wunschen, dafJ der Psychologie die Verbindung mit der 
Philosophie niemals so weit verloren gehen mbge, wie es zum Schaden beider 
Teile zwischen Naturforschung und Philosophie vielfach der Fall ist. Die 
praktische Bedeutung der Psychologie ferner, ihre groCe Wichtigkeit fiir Er- 
ziehung, Recht und Moral, Sprache, Religion, Kunst usw. ist sicherlich zu 
keiner Zeit lebhafter empfunden und die Ursache zahlreicherer Arbeiten ge- 
worden als in der Gegenwart. Aber die Gegenwart hat zugleich einsehen ge- 
lernt, daC es hier wie anderswo fiir die wahre und bleibende Fbrderung philo- 
sophischer und praktischer Zwecke fruchtbarer ist, statt immer sogleich an 
diese zu denken und stets fiir sie etwas gewinnen zu wollen, sich zuvorderst 

lo* 



148 Hermann Ebbinghaus: Psychologie 

mit voller Hingebung in die Bearbeitung der Fragen selbst zu versenken, aus 
denen vielleicht einmal bedeutsame Folgerungen flieBen konnen, als ob es 
einstweilen nur galte, sie allein ins reine zu bringen. Und so hat unsere Zeit 
denn angefangen die Psychologie als eine sich selbst genugende und die Krafte 
eines Einzelnen vollauf in Anspruch nehmende Sonderwissenschaft zu 
betreiben. 

Einige auBere Daten mOgen erlautern, in welchem Umfange es der Fall 
ist. Bis in die letzten Jahrzehnte des vorigen Jahrhunderts hat die Psycho- 
logie es nicht zu einer lebensfahigen eigenen Zeitschrift zu bringen vermocht. 
Einzelne Ansatze dazu finden wir schon gegen Ende des 18. Jahrhunderts, 
so ein „Magazin zur Erfahrungsseelenkunde" und ein ,,Psychologisches Ma- 
gazin", aber beide sind nicht iiber wenige Bande hinausgekommen. Uber- 
haupt waren psychologische Veroffentlichungen kleineren Umfangs noch in 
den funfziger und sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts ziemlich selten, und 
was in der Art gearbeitet wurde, erschien in philosophischen, physiologischen 
oder gar physikalischen Zeitschriften. Seit den achtziger Jahren des Jahr- 
hunderts ist es hierin anders geworden wie vielleicht auf keinem anderen Wis- 
sensgebiet in gleicher Weise. Zuerst in groCeren Zwischenraumen, dann in 
immer rascherer Folge sind in den Hauptkulturlandern zahlreiche rein psy- 
chologische Zeitschriften ins Leben getreten, von denen noch keine ein- 
zige aus Mangel an Stoff oder wegen mangelnder Teilnahme der Leser einzu- 
gehen genotigt war. Vor dem Kriege bestanden ihrer fiinfzehn, sechs davon 
in deutscher, vier in englischer, drei in franzosischer, eine in italienischer 
Sprache und eine fur das skandinavische Sprachgebiet. Und daneben noch 
fast ebensoviele periodische Veroffentlichungen einzelner Gelehrter oder ein- 
zelner Institute, daneben auch zahlreiche wertvolle Arbeiten von psycholo- 
gischer Bedeutung in philosophischen, physiologischen, ophthalmologischen, 
psychiatrischen, padagogischen, kriminalistischen u. a. Zeitschriften. 

A. Allgemeine Anschauungen. 

Wie man es auch anfangen moge, eine Darstellung der Psychologie hat 
mit einer groCen Schwierigkeit zu kampfen: sie begegnet stets irgendwo leb- 
haftem Widerspruch. Urn den Leser nicht fiihrerlos zu lassen, eondern ihm 
das Einzelne in sinnvollem Zusammenhange zu zeigen, mufi sie allgemeine 
Anschauungen zugrunde legen, die natiirlich selbst erst aus der vorherigen 
Betrachtung bestimmter Einzeltatsachen gewonnen wurden. Aber gerade die 
wichtigsten allgemeinen Anschauungen iiber das Seelische in sachlicher Hin- 
sicht sind es nicht auch in personiicher Hinsicht. Sie erfreuen sich keineswegs 
allgemeiner Zustimmung, wie es auf anderen Gebieten — unbeschadet einer 
gelegentlichen Wandlung der Ansichten — in der Regel der Fall ist; erst in 
jiingster Vergangenheit ist der noch nie geschlichtete Streit um sie wieder 
heftig entbrannt. Der Leser wolle sich dieses Verhaltnisses bewuBt sein und 
es also den hier entwickelten allgemeinen Gedanken nicht schon zum Nachteil 
anrechnen, dafi sie nicht von alien vertreten werden; solche vermag ihm nie- 



Gehim und Seele 



149 



mand zu bieten. Sie sind immerhin Gemeingut einer groflen Zahl angesehener 
Forscher und gelten namentlich alien denen als die weitaus wahrscheinlichsten 
Grundanschauungen fur die Betrachtung des Seelenlebens, welche Wert dar- 
auf legen, ihre allgemeinen Vorstellungen iiber die geistige Welt in Einklang 
zu wissen mit dem zurzeit fur die materielle Welt als richtig Erkannten. 

I. Gehim und Seele. Die besonderen Tatsachen, die zu jenen leiten- 
den Anschauungen gefuhrt haben, liegen namlich eben auf dem Gebiet der 
Beziehungen des geistigen zu dem korperlichen Dasein. Wie jedermann ge- 
Iaufig ist, stehen die Vorgange unseres geistigen Lebens in engstem Zusammen- 
hang mit den Funktionen des Nervensystems, namentlich mit denen seines 
Hauptorgans, des Gehirns. Es ist niitzlich, sich die Griinde zu vergegenwar- 
tigen, auf denen diese Erkenntnis beruht. Im wesentlichen sind es zwei. 

Die zunehmende Grbfie und Entwicklung des Gehirns in der aufsteigenden 
Tierreihe — das ist der erste — findet sich im allgemeinen auch verbunden 
mit einer grofieren Hohe und einem grbBeren Reichtum des geistigen Lebens. 
Namentlich beim Vergleich von Mensch und Tier springt dieses Verhaltnis 
in die Augen. Es wird zwar etwas verdunkelt durch den Umstand, dafi das 
Gehim wie jedes andere Organ auch bestimmte Beziehungen zur Korpergrofie 
hat, so dafi man den Menschen nicht wahllos mit jedem Tier, sondern nur mit 
solchen vergleichen darf, die ihm an Kbrpergrbfie einigermafien nahe stehen. 
Verglichen mit diesen aber tritt die ganz einzige Stellung, die er in geistiger 
Hinsicht einnimmt, auch in materieller Hinsicht aufs evidenteste hervor. Die 
ihm zu allernachst stehenden Tiere, die anthropoiden Affen, schlagt er an 
absolutem sowohl wie an relativem Hirngewicht ungefahr um das Dreifache, 
die intelligentesten unter fernerstehenden Tieren, wie z. B. groBe Hunde, um 
das Acht- bis Zehnfache. Auch innerhalb der Menschenwelt allein gilt diese 
Beziehung. Freilich bei der ungeheuren Yerwicklung der Dinge auch hier 
wieder nicht fur jede beliebige Vergleichung, namlich nicht bei der Beschran- 
kung auf einzelne Individuen, sondern nur im Durchschnitt grbfierer Grup- 
pen, wie man ja auch nicht erwarten wird, die physische Kraft eines Menschen 
oder seines Armes stets genau der Masse seiner Muskeln proportional zu finden, 
wahrend doch niemand im Zweifel ist, dafi beide aufs engste zusammenhan- 
gen. Wenn man aber zur Ausgleichung der Zufalligkeiten den Durchschnitt 
aus zahlreicheren Einzelbeobachtungen nimmt, so findet man stets fur geistig 
hbherstehende Individuen ebenso wie fiir geistig hoherstehende Rassen grb- 
fiere oder reicher entwickelte Gehirne als fiir geistig tieferstehende. 

Die andere Tatsache, in der sich der enge Zusammenhang von Geistes- 
leben und Gehirn bekundet, besteht in dem gleichmafiigen Verhalten der bei- 
den bei Storungen ihrer normalen Beschaffenheit. Krankheiten oder Ver- 
letzungen des Gehirns sind im allgemeinen begleitet von Storungen des see- 
lischen Lebens, und umgekehrt geistige Storungen im allgemeinen von Ver- 
anderungen in der Struktur des Gehirns. DaB es nur im allgemeinen und 
nicht in alien Fallen sich so verhalten kann, ist unschwer zu verstehen. Die 
sichere Feststellung geistiger Storungen ist haufig eine schwierige Sache. Ge- 



1 50 Hermann Ebbinghaus: Psychologie 

schulte Psychiater sind bisweilen nach wochenlanger Beobachtung nicht im- 
stande, sich dariiber mit unbedingter Gewifiheit zu aufiern. Ebenso ist das 
Erkennen materieller Veranderungen im Gehirn vielfach eine schwierige Kunst. 
Trotz aufierordentlicher Fortschritte in der neueren Zeit steht die Forschung 
hier erst in ihren Anfangen; man lernt erst allmahlich, die feineren Folgen 
krankhafter Prozesse sichtbar zu rnachen und das Wesentliche an ihnen von 
dem Unwesentlichen zu scheiden. Aufierdem ist zu bedenken, daC gewisse 
Schadigungen des Gehirns unserer direkten Beobachtung vielleicht niemals 
zuganglich gemacht werden konnen, namlich Storungen der Funktion des 
lebenden Organs, die noch nicht zu bleibenden Veranderungen seiner Form- 
bestandteile gefiihrt haben. So sind fur eine groBe Zahl geistiger Storungen, 
wie Nervositat, Hysterie, die eigentlichen Geisteskrankheiten, zugehbrige ma- 
terielle Lasionen noch nicht bekannt. Gleichwohl aber wird die Gultigkeit 
des aufgestellten allgemeinen Satzes durch die ungeheure Zahl von Fallen, in 
denen er nachweisbar richtig ist, auch fur die anderen genugend gesichert, in 
denen er aus verstandlichen Griinden nicht direkt belegt werden kann. 

Von grofier Wichtigkeit fur unsere allgemeinen Anschauungen aber ist 
nun an diesem engen Zusammenhang zwischen Gehirn und Seelenleben die 
besondere Art, wie er besteht. 

Die volkstumliche Auffassung neigt dazu, ihn als einen raumlich ausge- 
dehnten vorzustellen, d. h. die wichtigsten Betatigungen der Seele an ver- 
schiedene Gehirnteile gebunden zu denken. Hinter der hohen Denker- 
stim z. B. throat nach verbreiteter Meinur.g der Verstand; das Hinterhaupt 
gait im Mitt- 'alter als 5::z dss Ged^chtnisses. So hat auch die Phrenologie 
Galls, die fur Religiositat, Selbstgefuhl, Ordnungsliebe und vieles andere be- 
stimmte Gehirr.teile als Sonderorgane anzugeben wuflte, zwar nicht bei den 
zunftigen Anatoaien und Physiologen, aber doch bei dem grofien Publikum 
vielen Anklans sefunden. 

Allein dam:: ist ei~e groSe Schwierigkeit gesetzt. Fiir die populare Auf- 
fassung ist die Seele dxh auch ein einfaches Wesen, eine unteilbare immaterielle 
Einheit, die zu der ausgedehnten Materie in einem scharfen Gegensatz steht. 
Wie solite sie da rait einem aus zahllosen Teilen bestehenden materiellen Or- 
gan wie das Gehirn durch dessen ganze Masse hindurch verbunden sein kon- 
nen? Offer/:: 3.- so folgerte man, kann diese Verbindung nur an einem 
einzigea Pu~kte stattfinden. Zu diesem miissen alle materiellen Erregun- 
gen, die fiir c:e imztaterielle Seele Bedeutung gewinnen sollen, fortgeleitet 
werden, und von ir.m aus gre::: sie ihrerseits ruckwirkend ein in das materielle 
Getriebe; nur an diesem al!e= beherrschenden Zentrum verkehrt sie mit dem 
Gehirn. Und so hat man denn jahrhundertelang iiberaus emsig nach einem 
solchen punktuellen ,,Sitz der Seele" gesucht und ihn im Laufe der Zeit in 
alien nur irgendwie dafiir in Betracht kommenden Hirnteilen vermutet. 

Seit etwa 40 jahren wissen wir mit volliger Sicherheit, dafl beide An- 
schauungen irrig sind, immerhin so. daS die erste der Wahrheit doch naher 
steht als die zweite. Ein punktueiler Seelensitz existiert nicht. Die 



Gehirn und Seele 



151 



in das Gehirn oder Uberhaupt in das Zentralnervensystem einstrahlenden und 
iiber weite Strecken verteilten Nervenbahnen Ziehen nicht einem gemeinsa- 
men Zentrum zu, in dem nun die unausgedehnte Seele mit ihnen alien zugleich 
in Verbindung treten konnte, noch kommen die ausstrahlenden Bahnen von 
einem solchen Zentrum her. Sondern die einstrahlenden Nerven splittern in 
der Nahe ihrer Eintrittsstellen in einzelne Fasern auseinander, und diese fin- 
den ebendort ihr Ende, sie horen vollstandig auf; die ausstrahlenden Nerven 
aber entspringen ganz ahnlich erst aus Zellen, die unmittelbar vor ihren Aus- 
trittsstellen gelegen sind. Die weiterhin nach dem Grofihirn zu verlaufenden 
Faserziige aber, die jene Endigungen fortsetzen oder jenen Anfangen vorge- 
ordnet sind, zeigen keine Spur einer zentralistischen Anlage. Sie verkorpern 
vielmehr eine ideale Dezentralisation: alles zieht aneinander vorbei und endigt 
raumlich getrennt voneinander; dennoch aber bildet das Ganze eine eng- 
geschlossene Einheit durch iiberaus vielseitige Verkniipfungen aller Teilgebiete 
untereinander. L'nd das Verhaltnis der Seele zu diesem kunstvollen Bau ist 
dieses. Die Zuordnung der seelischen Funktionen an verschie- 
dene Gehirnteile entspricht vollkommen der an der Peripherie 
des Kbrpers in seinen Sinnes- und Bewegungsorganen durchge- 
fiihrten Arbeitsteilung, Die Rinde des Hinterhauptlappens, die anato- 
misch zu den ihr diametral gegeniiberliegenden Augen in nahen Beziehungen 
stent, dient psychisch dem Sehen, den Gesichtsempfindungen und Gesichts- 
vorstellungen; eine andere Provinz, die anatomisch dem Ohre zugehbrige Rinde 
des Schlafenlappens, steht im Dienste des Horens. Das Scheitelhirn hat mit 
dem Tastsinn zu tun sowie mit den von Bewegungen der Glieder herriihrenden 
Empfindungen; andere Gebiete sind je den Geruchs- und Geschmacksemp- 
findungen zugeordnet. Von den vorderen Partien des Scheitelhirns nehmen die 
Anstofie zu willkurlichen und zweckvoll kombinierten Bewegungen der Ex- 
tremitaten und des Rumpfes ihren Au-sgang; von anderen Stelien aus werden 
die Bewegungen der Augen, der Sprachwerkzeuge u. a. — immer im Dienst 
des seelischen Lebens — hervorgebracht. Kurz, mit den verschiedenen letzten 
Elementen ihres Empfindungs- und Vorstellungslebens und ihrer zweck- 
vollen Handlungen sitzt die Seele sozusagen in verschiedenen Teilen des Ge- 
hirns; das ist die Art ihres Zusammenhanges mit ihm. Wenn es sich also um 
halbwegs verwickelte Kombinationen jener Elemente handelt, z. B. wenn man 
ein schreiendes Kind durch Streicheln und Zureden zu trosten sucht, so wird 
das Gehirn in einem groflen Teil seiner Ausdehnung gleichzeitig von der Seele 
in Anspruch genommen, nur nicht gleichmafiig durch die ganze Masse hin- 
durch, sondern in einer eigentiimlichen, netzformig verzweigten Weise. 

II. Wechselwirkung und Parallelismus. Es fragt sich nun, wie 
diese engen Beziehungen zwischen Seele und Gehirn zu versteben sind. Nach 
der popularen, weil nicht nur dem Denken, sondern auch den Wiinschen der 
Menschen zunachst liegenden Auffassung beruhen sie darauf, daC das Gehirn 
das notwendige Organ ist, dessen die ihrem Wesen nach ganz anders- 



1 5 2 Hermann Ebqinghaus : Psychologie 

artige Seele sich bedienen muB, um mit der AuBenwelt und auch mit anderen 
Seelen in Verkehr zu treten. Sie hat ein durchaus eigenartiges und von allem 
Materiellen unabhangiges Innenleben, wie es sich jedem bekundet z. B. in 
dem Denken nach logischen Normen statt nach tauschenden Sinneseindriik- 
ken, in dem willkiirlichen Aufmerken usw. Aber allerdings, zugleich ist sie 
auf die sie umgebende Welt angewiesen und bedarf eines dieser angehorigen 
Werkzeugs. Ein solches besitzt sie in dem Gehirn, mit dem sie in einem 
rein aufierlichen Verhaltnis wechselseitiger Einwirkung steht. Durch seine 
Vermittelung erhalt sie Kenntnis von den mannigfachen Vorgangen der 
AuBenwelt, ohne dabei iibrigens sklavisch an die sie treffenden Einflusse gc- 
bunden zu sein; sie steht bis zu einem gewissen Grade frei tiber den aufieren 
Eindrucken. Und durch dieselbe Vermittelung vermag sie auch ruckwarts 
wieder — abermals frei und ohne dem Zwang bestimmter Ursachen vdllig 
unterworfen zu sein — einzugreifen in das objektive Getriebe und ihren Wil- 
len in die Welt hinauszuwirken. 

Indes diese Auffassung von der Sache begegnet mehrfachen Schwierig- 
keiten. Recht wenig stimmt sie zunachst zu den Lokalisationstatsachen ; sie 
gehort im Grunde zu der eben durch diese widerlegten Vorstellung einer an 
einen ausdehnungslosen Punkt gebundenen Seele. Denn wie kann man von 
der Seele sagen, sie sei ihrem wahren Wesen nach etwas von Raum und Ma- 
terie vollig Verschiedenes, wenn sie gewisse Wirkungen allein hier, gewisse 
andere Wirkungen allein dort innerhalb eines materiellen Organs zu erleiden 
und auszuteilen vermag? Zweifellos wird s:e doch damit selbst zu einem We- 
sen von einer bestimmter. ran rr. lichen Ausdehnung und Gestalt. 

Von nicht geringerem Gewicht aber sind zwei andere Gegengriinde^ 
Steht die See'e als besonderes Wesen in einem Verhaltnis freien Gebens und 
Empfangens zu der Materie des Nervensystems, so miifite ein Grundsatz auf- 
gegeben werden, der zu den sichersten Errungenschaften der gegenwartlgen 
Xaturwissenschaft gehort: das Prinzip von der Erhaltung der Energie. 

Bei allem We:hsel des Geschehens an den materiellen Dingen bleibt be- 
kanntlich stets etwas in seinem Gesamtwerte ungeandert, was den einzelnen 
in wechselndern MaSe zukommt, namlich ihre Fahigkeit, unter geeigneten 
Umstanden mechanische Arbeit zu leisten, welche Fahigkeit eben Energie ge- 
nannt wird. Sie haftet in den verschiedensten Formen an ihnen: als Stofi- 
kraft, wenn s:e sich bewegen, als Anziehungskraft, wenn sie voneinander ent- 
fernt sind, als Warae, chemische Verwandtschaft usw. Die einzelnen For- 
men werden jederze:: auf die mannigfachsten Weisen ineinander ubergefuhrt 
und sozusagen verwandeit, aber alle diese L'msetzungen geschehen in bestimm- 
ten und stets gleichen numerischer. Verhaltnissen, einerlei ob sie vorwarts 
oder riickwarts, vermittelt oder direkt, schnell oder langsam erfolgen. Das 
einzelne Ding mag also je nach seiner Geschwindigkeit, seiner Lage, seiner 
Temperatur bald dieses, bald jenes Energiequantum besitzen: innerhalb der 
Gesamtheit von Dingen, mit denen es in jenem Umwandlungsverkehr steht, 
bleibt die EnergiegroBe stets konstant. Offenbar sind mit diesem Verhalten 



Wechselwirkung und Parallelismus 1 53 

freie Eingriffe von Seelen in das materielle Getriebe eines Organismus oder 
freie Abwendungen von diesem Getriebe vbllig unvereinbar. Kbnnte die Seele 
eine materielle Erregung hervorrufen, zu der in der unmittelbar vorangegan- 
genen Gestaltung der materiellen und ihrer eigenen Zustande nicht die voll- 
standigen Pramissen enthalten sind, so wurde Energie neugeschaffen; konnte 
sie einen materiellen Vorgang verhindern, dessen Energiewert nach Lage der 
Umstande noch gefordert wird, so wurde Energie vernichtet. 

Bis vor kurzem konnte man noch sagen: Nun wohl, das Konstantbleiben 
der Energie mag fiir das Gebiet des anorganischen Geschehens als bewiesen 
gelten. Wer vermag aber fur die ungeheuren Verwicklungen des organischen 
Lebens den gleichen Nachweis zu fiihren? Hier ist es eine reine Hypothese, 
der man die Hypothese des Nichtkonstantbleibens einstweilen mit gleichem 
Recht entgegensetzen kann. Seit einem Jahrzehnt etwa ist dieser Ausweg 
nicht mehr moglich: das Erhaltenbleiben der Energie auch bei den Lebewesen, 
ja sogar bei ihrem hochsten Vertreter, dem Menschen, ist durch Versuche 
direkt bewiesen. Wenn das Tier oder der Mensch keine auCere Arbeit leisten, 
so erscheint die gesamte in ihren Lebensvorgangen umgesetzte Energie wieder 
in der von ihnen abgegebenen Warme. Die Bewegung des Blutes in den Ge- 
fafien erwarmt deren Wande, die Bewegungen der Glieder erwarmen die Ge- 
lenkflachen und die angrenzenden Luftschichten; der Stoffwechsel, die Mus- 
kelkontraktionen, die Erregungsexplosionen in den Nerven, alles hat seine 
Beziehungen zu der von dem Organismus produzierten Warme, deren Uber- 
schuB uber die Umgebung dauernd nach aufien strahlt. Die Quelle dieses 
Energiestromes liegt in den zugefiihrten Nahrungsmitteln: ihr Verbrennungs- 
wert, vermindert urn den der Ausscheidungen, ist es, der in dem Spiel der 
Lebensprozesse in den verschiedensten Weisen umgesetzt wird und schlieCHch 
in der einen Form der Warme wieder in die AuBenwelt iibergeht. Und nun 
hat Rubner durch die sorgfaltigsten und im ganzen iiber Wochcn sich er- 
streckenden Messungen gefunden, dafi die in einer langeren Versuchsperiode 
von einem Tier abgegebene Warmeenergie bis auf y 2 Prozent 
(d. h. bis auf die unvermeidlichen Fehler solcher Untersuchungen) mit dem 
Energiewert der assimilierten Nahrung ubereinstimmt.„Einfachund 
glatt verlauft die Rechnung . . . Es gibt in diesem Haushalt kein Manko und 
keinen Oberschufi." Den Einwand, dafi man von einem Tier mit seinem ver- 
haltnismafiig niederen Geistesleben noch nicht auf den unvcrgleichlich hoher- 
stehenden Menschen schliefien konne, hat Atwater abgeschnitten. Seine 
sehr muhevollen Untersuchungen sind mit fiinf akademisch gebildeten Per- 
sonen unter mannigfacher Veranderung der Umstande angestellt, z. B. bei 
verschiedener Ernahrung, bei kbrperlicher Ruhe verbunden mit geistiger Ta- 
tigkeit und bei korperlieher Arbeit. Bei den einzelnen, je mehrere Tage urn- 
fassenden Versuchsgruppen verbleiben noch kleine Differenzen im Hochst- 
betrage von zwei Prozent zwischen den Gesamtwerten der zugefiihrten und 
der abgegebenen Energien; werden aber die samtlichen 66 Tage der Arbeits- 
experimente zusammen in Betracht gezogen, so geht die Differenz auf / 10 Pro- 



154 Hermann Ebbinghaus: Psychologie 

zent zuriick; bei den 4iTagen der Ruheexperimente verschwindet sie voil- 
standig. Auch in dem menschlichen Organismus ist mithin kein Platz fur 
die freie Betatigung selbstandiger Seelen. 

Aber auch fur eine unfreie, d. h. streng gesetzmaSige, Wechselwirkung sol- 
cher Seelen mit dem Kbrper besteht nicht die geringste Wahrscheinlichkeit. 
Die Werkzeughypothese — das ist der weitere Gegengrund gegen sie — ist 
der letzte Rest einer von den Menschen uberall versuchten, aber ausnahms- 
los nirgendwo, wo eine genauere Prufung mbglich war, stich- 
haltig gefundenen Anschauung. Das primitive Denken bevolkert die 
ganze Welt mit Geistern, Damonen, Kobolden, kurz mit seelenartigen Wesen, 
die in dem gleichen Verhaltnis zu den sie umgebenden Dingen gedacht werden 
wie die Seelen zum Gehirn. Fortschreitende Einsicht in den wahren Zusam- 
menhang der Dinge hat alle diese Vorstellungen als kindlich und unreif er- 
kennen lassen. Die Menschen sind ihnen mit der starksten Vorliebe und Vor- 
eingenommenheit entgegengekommen; wenn sie irgendwo der Wahrheit ent- 
sprachen, miiCte es sich herausgestellt haben. Aber die ungeheure Wucht der 
Tatsachen hat nach vielhundertjahrigen, immer ausgedehnteren Erfahrungen 
und verfeinerten Priifungen vielmehr zu der Anschauung gezwungen, dafi 
alle materiellen Vorgange ausschlieClich durch materielle Ursachen hervor- 
gebracht werden und ausschlieClich in materielle Wirkungen sich weiter fort- 
setzen, zuderAnnahme also, dafi alle N at urkausalitat eine geschlossene 
sei. Der ganze Zusammenhang unserer ubrigen Erfahrungen, nicht etwa 
besonderes \\ ohlgef alien an solcher .Anschauung oder ein morgen uberwun- 
dsner Modeglaube. spricht so ceutlich. wie irgend moglich gegen die Existenz 
abtrennbarer Seeien jeder Art. 

Auf alle \\ eise funrt mithin die populare Anschauung von den Beziehun- 
gen zwischen Seele und Gehirn in Schwiengkeiteti und Unmbglichkeiten. Wie 
soUen wir dcnn aber von den beiden sagen, dafi sie sich zueinander verhalten? 
Nun, wenn sie nich: z^ei selbstandig einander gegenuberstehende und auf- 
einar.cer ein^irker.ce Wesen sind, so bleibt wohl nichts anderes iibrig, als 
daC sie ein Y\esen sind. In gewisser Hinsicht natiirlich nur, da ja ihre gleich- 
zeitige Z-Ke:heit und Verschiedenheit wenn irgend etwas, doch eine gegebene 
Tatsache iii. Sie mussen als ein Wesen gedacht werden, das auf zwiefache 
Weise von sic'n Kunde zu geben vermag. Es hat zunachst yon sich selber 
Kunde, unmitreibar und ohne weitere Vermittlung. Da stellt es sich dar als 
ein unraumlicher, unablassig wechsemder und doch vielfach identischer Ver- 
band von Empfindur.gen, Yorstellungen, Gefuhlen, Wiinschen usf. ; wir nen- 
nen es Seele. Dasselbe Wesen aber %-ermag auch anderen gleichartigen We- 
sen durch Vermittlung der Since Kunde von seinem Dasein zu geben. Wird 
nun auf solche Weise von ihm Kenntnis genommen, so erscheint es als etwas 
volhg anderes, als ein Ausgedehntes, Weiches, Windungsreiches, kunstvoll 
aufgebaut aus zahllosen Zellen und Fasern, eben als Gehirn oder iiberhaupt 
als Nervensystem. Seele und Nervensystem sind nicht zwei getrenrvte und 
nur auCerlich in Wechselwirkung stehende Parteien, sie sind nur eine Partei, 



Seele und Organismus 155 

sind ein und dasselbe Reale, nur dieses ein Mai so, wie es un- 
mittelbar von sich selber weifi und fur sich ist, das andere Mai 
so, wie es sich anderen gleichartigen Realen darstellt > wenn 
es von diesen gesehen oder getastet wird. 

Wenn es so aussieht, als ob auBere Eindriicke auf die Seele wirkten und 
sie zu auflerlich hervortretenden Gegenwirkungen veranlaQten, so ist das 
wahre Verhaltnis ganz anders aufzufassen. Soweit diese Yorgange sichtbar 
oder tastbar sind, so weit bilden sie eine luckenlose Reihe materieller Umset- 
zungen durch das Nervensystem hindurch. Zugleich aber haben sie, eben so- 
weit sie durch das Nervensystem hindurchziehen, unabhangig von ihrem ma- 
teriellen Aussehen und sozusagc-n neben ihm noch ein anderes Leben; sie sind 
gleichzeitig eine Reihe ganz andersartiger Umsetzungen: von sinnlichen Wahr- 
nehmungen in Gedanken, Gefiihle, Wollungen. Die Glieder beider Reihen 
rufen einander nicht hervor, noch greifen sie ineinander ein. Dennoch ge- 
horen sie zugleich Glied fur Glied aufs engste zusammen; sie sind einander 
parallel, wie man uneigentlich sagt, denn sie sind vielmehr ihrem eigentlichen 
Wesen nach durchaus dasselbe. 

Indem nun aber so die Seele erkannt wird ais gleiches Wesens mit dem ,s«ei« 
Gehirn und Nervensystem und nur in ihrer Erscheinungsweise von diesen ver- un r * aB,M,i » s 
schieden, wird fur ihre allgemeine Auffassung noch anderes gewonnen. Das 
Nervensystem ist in gewisser Weise der ganze Organismus. Dessen Gesamt- 
leben ist in ihm gleichsam verdichtet enthalten, und alle Teilfunktionen seiner 
Organe sind in ihm zu einer Einheit verbunden; von ihm aus werden sie 
zum guten Teil hervorgerufen, jedenfalls in wechselseitige Beziehungen zu- 
einander gesetzt und geregelt zur Verwirklichung des Gesamtzwecks. Das all- 
gemeinste Wesen des Organismus aber besteht bekanntlich darin, ein auf 
seine eigene Entwicklung und Erhaltung gerichtetes System, eine Selbst- 
erhaltungsmaschine zu sein; und zwar verwirklicht er diese Selbsterhal- 
tung durch zwei grofie Mittel. 

Einmal durch Kampf. Der Organismus erhalt sich durch steten Kampf 
gegen seine aufiere Umgebung und ihre Krafte, gegen die belebte und unbe- 
lebte Natur, gegen gleichartige und verschiedene Wesen, aber auch durch den 
Kampf seiner eigenen Teile untereinander, um den Raum, um die Nahrungs- 
stoffe, kurzum die Vorherrschaft. Das Ziel des Kampfens ist immer das gleiche: 
Vermeidung, Schwachung, Vernichtung des der eigenen Erhaltung Schadlichen 
einerseits, und Nutzbarmachung, Starkung, Einverleibung des ihr Forder- 
lichen andererseits. Das zweite Mittel ist die Betiitigung einer gewissen 
Eigenart oder vielmehr zahlreicher, aber doch zu einem einheitlichen Ganzen 
verbundener Eigenarten. Das Saugetier wahlt und flieht anderes aus seiner 
Umgebung als der Vogel, der Lowe anderes als das Pferd. Die Mittel, mit 
denen jedes dieser Wesen den Dingen gege nub erges tell t ist, und dadurch auch 
die ganze Art und Weise, wie -es sich ihnen gegeniiber benimmt, wie es mit 
ihnen kampft, sind hochst verschieden. Die Geltendmachung dieser Eigen- 
arten des Organismus aber, der Gebrauch der ihm verliehenen Organe und die 



1^6 Hermann Ebbjnchaus: Psychologie 

Ausvibung der ihnen eigentiimlichen Funktionen ist ebenso wie der Kampl 
hochst notwendig fur seine Fortexistenz. Denn nur dadurch, daC sie betatigl 
werden, bleiben sie erhalten; werden sie es nicht, so verkummern sie. 

In der groCen Mehrzahl der Falle erfolgt die Verwendung der beiden Er- 
haltungsmittel in inniger Verflechtung: sie werden meist durch ein und den- 
selben Akt gleichzeitig beide ins Spiel gesetzt. Der Kampf urns Dasein ge- 
schieht durch die Betatigung der Eigenart, und diese Betatigung besteht eben 
darin, dafi das Individuum sich im Kampfe erhalt und sichert. Aber es be- 
steht doch zugleich auch eine gewisse Trennung: neben jenen AuCerungen 
der Seele, die gleichzeitig beides sind, vorwiegende Kampferscheinungen und 
vorwiegende Betatigungserscheinungen. 

Und was nun vom Organismus gilt, dasselbe gilt zugleich auch von der 
Seele. Sie ist ein Wesen derselben Art wie das Nervensystem und damit wic 
Jer ganze Kbrper, namlich ein seine eigene Erhaltung erstrebendes System 
innerlich erlebter Bildungen und Funktionen. Der typische Vertreter dieser 
Anschauung ist Spinoza, in neuerer Zeit Fechner. Diese Selbsterhaltung 
aber verwirklicht sie in zwiefacher Weise.. Einmal durch Kampf mit dem, 
was uns in auGerer Erscheinung als AuCenwelt gegeben ist: das ist die durch 
Darwin zu allgemeiner Anerkennung gebrachte Einsicht. Und zweiten^ 
durch Betatigung ihrer bestimmten Eigenart, durch das Ausleben und Sich- 
auswirken der ihr nun einmal verliehenen Krafte und Anlagen: das ist im 
Grunde die Meinung des Aristoteles. In einer sinngemaCen Vereinigung der 
Anschauungen dieser Manner, Spinozas oder Fechners, Darwins und des 
Aristoteles, besteht die allgemeine Anschauung von dem Wesen der Seele, 
(fie hier zugrur.de gelegt wird. Von ihr aus soil nun versucht werden, die wich- 
tigsten elementaren Erscheinungen dcs Seelenlebens und einige seiner hbhe- 
ren Verwicklungen im einzelnen verstandlich zu machen. 

B. Die Elementarerscheinungen des Seelenlebens. 

Urn sich zu erhalten im Kampfe mit der AuCenwelt, bedarf die Seele der 
Orientierung iiber die Welt, und um ihre Eigenart zu betatigen, bedarf sie des 
Materials, an dem die Betatigung geschieht, das ihr wiederum nur aus der 
AuCenwelt zugefuhrt wird. An ihm entfaltet sie mannigfache Tatigkeiten, ver- 
kniipfender, trennender, umbildender Art, und deren Resultate treten schliefi- 
lich wieder in sichtbaren Bewegungen der Organe ihres Korpers zutage. Ob- 
wohl alle diese Vorgange aufs innigste miteinander verbunden und ineinander 
verflochten sind una b:=we::en nicht einmal zeitlich auseinander treten, lassen 
sie sich doch durch Ar.r.'.yse und Abstraktion voneinander sondern. Wir be- 
trachten daher getrennt: i. die den Vorgangen der AuCenwelt entspringenden 
Eindriicke, 2. ihre innerseelische Verarbeitung, 3. die auf sie erfolgenden Ge- 
genwirkungen. 

1. Die I. Die letzten Elemente des Seelenlebens. Ihre Orientierung 

p ongon. .. ( ^ er ^j e AuCenwelt empfangt die Seele in den durch die Sinnesorgane des 



Die Empfindungen 157 

Korpers vermittelten Empfindungen, den Farben, Tonen, Geriichen usw. 
Uber sie vor allem hat die Forschung des 19. Jahrhunderts unsere Kenntnisse 
bereichert und vertieft. Zunachst hat sie ihre Zahl erheblich vermehrt. Von 
alters her zahlt man bekanntlich funf Sinne. Allein sowohl wenn man die Or- 
gane wie wenn man die ihnen entstammenden Empfindungsarten zahlt, muB 
man diese Zahl mindestens verdoppeln, um dem vorhandenen Reichtum ge- 
recht zu werden. 

Den ersten Anstofi zu dieser Erweiterung gab eine theoretische Schwie- KinastKetische 
rigkeit. Bei der Zuriickfuhrung aller unserer Erkenntnisse auf Erfahrungen Empfiudongen ' 
kam man in Verlegenheit fiir die Ableitung unseres BewuBtseins von raum- 
erfiillenden und widerstandleistenden Korpern. Die Eindrucke des Tast- 
sinns, die rein passiven Druckempfindungen wie auch die Empfindungen von 
bloBer raumlicher Ausdehnung, schienen mit Recht dazu nicht geniigend. 
Offenbar hat die Sache mit Bewegungen unserer Glieder und den dabei ent- 
falteten aktiven Anstrengungen zu tun; und so entstand die weitere Frage: 
woher wissen wir denn von diesen Bewegungen, von den dabei empfundenen 
Widerstanden der Dinge und unseren Kraftaufwendungen zu ihrer Uber- 
windung? Man fand die Antwort: durch Vermittlung der Muskeln, die von 
ihren Kontraktions- und Spannungszustanden den nervbsen Zentralorganen 
durch zentripetale Erregungen Nachricht geben. Damit war ein Teil des Rich- 
tigen getroffen, wie denn auch die vermuteten sensiblen Muskelnerven in den 
70er Jahren tatsachlich nachgewiesen wurden. Nur lehrten weitere Unter- 
suchungen, daB auch die die Muskeln umgebenden Fascien sowie die Sehnen, 
namentlich aber die Gelenke und Gelenkkapseln an dem Zustandekom- 
men jener Empfindungen beteiligt sind. So wird also neuerdings neben dem 
Tastsinn ganz allgemein ein weiterer Sinn anerkannt, der eigentlich selbst 
schon eine kleine Mehrheit bildet. Seine Organe sind in groBer Anzahl und 
in verschiedenen Formen durch den ganzen Kbrper verteilt, und seine Emp- 
findungen sind die zwar durchweg mitTasteindriicken verbundenen, aber doch 
von diesen wohl zu unterscheidenden Erlebnisse von Lage und Bewegung 
unserer Glieder, von Widerstand und Anstrengung. Man hat die ganze Gruppe 
da der anfanglich gewahlte Name Muskelempfindungen sich als zu eng er- 
wiesen hat, vielfach als kinasthetische Empfindungen bezeichnet. 

An diese erste Bereicherung schloB sich in den letzten Dezennien des Ham- 
vorigen Jahrhunderts eine zweite: der einheitlich gedachte Tastsinn oder Ge- ■^"'^"^^k'"' 1 
fiihlssinn der alteren Psychologie muBte sich eine Spaltung gefallen lassen. 
Naturlich hatte man von jeher die durch ihn vermittelten Eindrucke von 
Druck, Temperatur und dem Schmerz eines Stiches oder Schnittes begrifflich 
unterschieden. Aber in den 8oer Jahren entdeckte man, dafi hier eine viel 
tiefer gehende reale Sonderung besteht. Bei Priifungen der Haut mit sehr 
feinen und mcjglichst nur einzelne Punkte erregenden Reizen zeigte sich nam- 
lich ein Zweifaches. Erstens, daB die Haut nicht in ihrer ganzen Flache emp- 
findlich ist, sondern nur an einzelnen, voneinander isolierten, wenn auch stel- 
Jenweise sehr nahe aneinander liegenden Punkten. Und zweitens, daB diese 



158 Hermann Ebbinghaus: Psychologie 

Punkte fur Kalte und War me, fur Druck und fur Schmerz vollig voneinander 
verschieden und auch je in verschiedener Anordnung uber die Hautflache 
verteilt sind. Die Haut ist also nicht ein einfaches Sinnesorgan, sondern der 
Sitz dreier durchaus verschiedener Sinne, deren Endapparate, dicht durch- 
einander verflochten, aber doch raumlich voneinander getrennt, ihr gemein- 
schaftlich eingelagert sind: eines Temperatursinnes, eines Drucksinnes und 
eines Schmerzsinnes. 
Bogeugingeund Die eigenartigste Erweiterung der Empfindungspsychologie aber kniipft 
eoor B anc. ^^ an ^ a ^ zufallig gemachte und lange Zeit nicht verstandene Beobach- 
tungen. Das kompliziertest gebaute Sinnesorgan ist das innere Ohr. Es urn- 
faCt deutlich drei Teile: einen schneckenhausfbrmig gewundenen Teil (die 
Schnecke), ein System von drei nahezu rechtwinklig aufeinanderstehenden 
halbkreisformigen Rohrchen (die Bogengange), und drittens zwischen beiden 
zwei kleine Sackchen, die je einen aus mikroskopisch feinen Kalkkrist alien 
bestehenden festen Kbrper (Otolith) enthalten. Wegen ihres anatomischen 
Zusammenhanges und einer gewissen allgemeinen Ahnlichkeit der Grundzuge 
ihres Baues betrachtete man alle diese Teile als irgendwie im Dienste des Ho- 
rens stehend, wenn man auch nicht sagen konnte, in welcher Weise sie sich 
zu dritt an dieser Funktion beteiligen. Sehr grofi war daher das Erstaunen, 
als sich bei Reizungen und Verletzungen jener Bogengange und Sackchen 
bei Tieren keineswegs Hbrstorungen einstellten, sondern vielmehr Storungen 
in der Bewegung und Haltung: Ungeschickhchkeit und verminderte Kraft 
der Bewegungen, Taumeln. e:nseit:gc Drehungen, Lberschlagen nach vorn oder 
nach hinten, Yerrrehunger. ties Kopies u. a. Es hat uber ein halbes Jahrhun- 
dert gedauert, b:s elr.zelne Forscher ein Verstandnis dieser Erscheinungen ge- 
wannen, und erst: allrnahlich hat dann ihre Erklarung wieder allgemeinere An- 
erkennung gefuncen. Bogengange und Otolithensackchen, so lautet sie, sind 
beide zusammen ein besonderes Sinnesorgan, das mit dem Horen nichts zu 
tun hat, wiees auch nicht von dem Gehbrsnerven, sondern von einem anderen, 
aufierlich mit jer.e~ zusammenhegenden Nerven versorgt wird. Die Empfin- 
dungen, die es vermittelt, sind die der Bewegung und jeweiligen Haltung des 
Kopfes, und camit — indirekt — des Kbrpers uberhaupt. Zu allermeist frei- 
lich treten diese Empfindungen so eng mit kinasthetischen und Tastempfin- 
dungen verbunien auf, dafi sie sich in ihrer Eigenart nicht gesondert bemerk- 
lich machen; ur.ter Umstancen aber ist die Unterscheidung doch zu erreichen. 
Dreht man sich r.;i; geschJossenen Augen einigemal auf dem Absatz herum 
und stent dann pictziich szi'A, =0 hat man den lebhaftesten sinnlichen Eindruck, 
in entgegengesetzter Richtung els vorher gecreht zu wercen: das ist eine Emp- 
findung der Bogengange. Bewegt r,:an sich schnell in einem grbfieren Kreise, 
wie z. B. beim Karussellfahren, so eirpfincet man eine Neigung des Kbrpers 
nach aufien: das ist eine Empfindung der Otolithenorgane. Wird dieses Sinnes- 
organ, wie im Tierexperiment, kiinstlich gereizt oder verletzt, so fuhlen sich 
die Tiere gewissen Zwangsbewegungen unterworfen und suchen diese durch 
entgegengerichtete Bewegungenauszugleichen; wird es zerstort, sokommteine 



Empfindungen Ijg 

Quelle von Nachrichten iiber die Lagen und Bewegungen des Korpers vollig 
in For tf all. Beim Menschen, wo ein solcher Verlust im Gefolge von Ohren- 
krankheiten bisweilen eintritt, ist der Nachteil nicht besonders grofi: zu seiner 
Orientierung in den genannten Hinsichten hat er ja auCerdem noch die Ge- 
sichts-, die kinasthetischen und die Tastempfindungen. Aber bei Wasser- so- 
wie bei Lufttieren, bei denen diese 5inne zum Teil zuriicktreten, ist es ein sehr 
wertvolles und geradezu lebenswichtiges Organ. Leider hat man noch keinen 
vollig zutreffenden Namen fur den neuen Sinn gefunden. Die Bezeichnung 
statischer oder Gleichgewichtssinn, der man vielfach begegnet, ist nur 
von einer einzelnen Wirkung seines Hunktionierens hergenommen und wiirde 
zugleich auch fur andere Sinne zutreffen. 

Indes auch hiermit kann die Aufzahlung unserer Sinne und der durch sie o rg an- 
vermittelten Arten von Empfindungen noch nicht als abgeschlossen gelten. emp n ""*"' 
Was sind Hunger und Durst, Voile und Ubelkeit? Sicherlich in gewisser Hin- 
sicht etwas Ahnliches wie Tone oder Geriiche, also Empfindungen, nur daO 
wir sie nicht in die unserer. Kcrper umgebende AuBenwelt, sondern in ihn selbst 
versetzen, wie sie ja auch durch Vorgange in seinem lnnern hervorgerufen 
werden. Und auf welche Weise kommen wir zu ihrem Bewufitsein? Sicher- 
lich auch wieder ahnlich wie zu dem von Tonen und Geruchen: durch Rei- 
zung irgendwelcher nervoser Endapparate und Fortpflanzung der in ihnen 
hervorgerufenen Erregung zu den Zentralorganen. Der Ort dieser Reizung 
sind vermutlich irgendwelche Teile der Ernahrungsorgane, und diese mussen 
also auch als eine Art Sinnesorgan betrachtet werden. Denn dafi von einem 
Organ die Funktion eines Sinnesorganes gleichzeitig mit anderen Funktionen 
ausgeiibt werden kann, wird ja durch das Beispiel der Haut, der Muskeln 
und der Gelenke dargetan. Die gleichen Betrachtungen gelten dann aber auch 
von anderen Organsystemen des Korpers, z. B. von den Atmungsorganen mit 
den Empfindungen von Beklemmung und Leichtigkeit, von den Zirkulations-, 
Geschlechts-, Absonderungs- u. a. Organen. Kurz, wir besitzen noch eine 
ganze Gruppe von Sinnesorganen in den grofien Organsystemen des Kor- 
pers, deren erste und wichtigste Aufgabe allerdings die Yerrichtung der all- 
gemeinen Lebensfunktionen bildet, die aber zugleich auch von dem Ablauf 
dieser Funktionen den nervosen Zentralorganen Nachricht zu geben haben. 
Die durch sie vermittelten Empfindungen stehen ebenso selbstandig und eigen- 
artig nebeneinander und neben den iibrigen Empfindungen wie etwa die Far- 
ben neben den Tbnen und Geschmacken. Sie sind weniger reich gegliedert 
und meist schwerer voneinander zu sondern als die Empfindungen der hoheren 
Sinne, aber sie haben ftir das affektive Seelenleben eine grofie Bedeutung. 
Wegen der ebenerwahnten hinzugedachten Beziehung nicht auf auflere Dinge, 
sondern auf die Organe des eigenen Korpers pflegt man sie als Organempf in- 
dungen zu bezeichnen. 

Die Mannigfaltigkeit der Kunde iiber die Aufienwelt, die die Seele in ihren GroBer uaifcng 
Empfindungen erhalt, ist somit sehr groC. Eine bestimmte Zahl fur diese dungsawsfceit, 
Empfindungsarten oder fur die sie vermittelnden Organe lafit sich freilich 



i6o Hermann Ebbinghaus: Psychologic 

nicht angeben. Je nachdem man z. B. die Muskeln und die Gelenke, die At- 
mungsorgane und die Ernahrungsorgane gesondert zahlt oder in Gruppen ver- 
einigt, wird die Gesamtzahl grofier oder geringer. Man kann nur sagen, es 
ist fur alles gesorgt. Von dem Fernsten crhalt die Seele Kunde durch das 
Auge, von dem Nachsten, dem, was den Korper unmittelbar beriihrt oder in 
ihm selbst vorgeht, durch die Haut und die Organe des Korperinnern. Be- 
sonders mannigfaltig aber flieflen die Nachrichten von den in maGigen Ent- 
fernungen befindlichen Dingen, iiber welche Auge, Ohr und Mase im Verein 
sie in verschiedenen Hinsichten in Kenntnis setzen. 

Von grofiem Interesse sind nun zwei allgemeine Beziehungen zwischen 
den Empfindungen und den sie veranlassenden Vorgangen der AuGenwelt. Zu- 
nachst der erstaunliche Umfang, in dem die Seele vielfach verschiedenen 
Starkegraden einer bestimmten Art auGerer Vorgange vermittelst eines und 
desselben Organs zu folgen vermag. Dafi ihre Sinnesorgane durchweg eine 
sehr hohe Empfindlichkeit besitzen, d. h. noch auGerst schwache objektive 
Reizstarken fur das Empfinden nutzbar zu machen vermogen, ist bekannt. 
Kein unmittelbar auf Schall ansprechender physikalischer Apparat z. B. be- 
sitzt eine grofiere Empfindlichkeit als das Ohr. Aber der hier gemeinte Vor- 
zug besteht vielmehr darin, dafi nun dasselbe Ohr, das fur schwachste Schalle 
die Empfindlichkeit der feinsten Resonatoren besitzt, auch dem Donnerschlag 
groGer Geschiitze ausgesetzt werden kann, ohne zu zertrummern, daG dasselbe 
Auge, das ein auf Bruchteile reduziertes Glimmern eines Gluhwurmchens 
^■ahrzunehrr.en verrr.ag. auch unjestraft in die et^as verschleierte Sonne mit 
ihrer rr.^'.iener.rach gr^ueren Hdiigkeic schau?n dari. Kein kunstlicher Ap- 
parat hat einen gleichen Umfang der Leistungsfahigkeit aufzuweisen wie diese 
beiden Sinne, und in ahnlicher Weise funktionieren auch die meisten iibrigen 
fur eine sehr ausgedehnte Skala von Reizstarken., 
]>** wei^rschc In der Hauptsache liegt hier eine allgemeine Gesetzmafiigkeit fur die 

G * M ' n - Abhangigkeit der Empfindungen von den sie verursachenden Reizintensitaten 
zugrunde {das Webersche Gcsetz), die vielleicht selbst wieder auf der eigen- 
tiimlicheu Erregbarkeit der nervosen Substanz beruht. Bei zunehmender 
Steigerung der objektiven Reize namlich folgen ihnen die Empfindungen zwar, 
wie allbekannt, aber immer langsamer und trager, je weiter die Steigerung be- 
reits gediehen ist. Und zwar annahernd so, dafi zur Erzielung eines Empfin- 
dungszuwachses von stets gleicher Merklichkeit die zugehorigen Reize immer 
eir.e verhaltnismafiig gieiche Steigerung, d. h. eine Steigerung urn einen 
^"ei;!".en Bruchte:!. erfahren niussen. Um z. B. ein Licht, das objektiv iofach 
oder K-i'iach intensiver -it als ein anderes, noch in gleichem Grade, d. h. um 
eine gleich groC erscheinende Heiligkeilsstuf e, weiter aufzuhellen, 
bedarf es auch eines 10 i'ach und icofach starkeren Zuwachses der objektiven 
Reize als bei jenem anderen, dessen Intensitat als Einheit genommen wird. 
Angenommen, ein erfahrener Postbeamter vermbge durch Abwagen mit der 
bloGen -Hand eben noch bei einem Briefe von 21 g mit Sicherheit zu erkennen, 
dafi er die Gewichtsstufe von 20 g uberschreite, so bedarf er an der Gewichts- 



Empfindungen jgl 

grenze von 250 g eines Mehrgewichts von I2" s g, bei einem 5-Kilo-Paket eines 
solchen von 250 g. Auch bei weitgehender Steigerung der aufieren Reize wird die 
Seele also zwar immer noch von dieser Steigerung unterrichtet, wie es offen- 
bar zweckmaSig ist, aber doch in immer starkerem Zuruckbleiben hinter den 
objektiven Zuwiichsen, um noch mit demselben Apparat auskommen zu konnen. 

Die andere bemerkenswerte Beziehung der Empfindungen zu der Aufien- Bevorzugte 
welt besteht darin, dafi in ihnen die Orientierung iiber das Geschehende und fahfgkdt X 
Wechselnde entschieden bevorzugt ist vor der iiber das Zustandliche und Be- Bewe e an s uaJ 

, Veranaerung. 

harrende. Das Auge ubertrifft in der raschen Wahrnehniung von Helligkeiten 
und Farben bei weitem die empfindlichsten photographischen flatten; es 
vermag sozusagen Momentaufnabmen von Sternen 5. und 6. Grbfie zu machen. 
Aber dafur ist es nun auch fur langdauernde Zeitaufnahmen nicht geeignet. 
Schon nach verhaltnismaGig kurzer Zeit sieht es das mit fester Fixation be- 
trachtete Helle dunkler, das Dunkle heller, das Farbige grauer. Es pafit sich 
den einwirkenden Reizen bei langerer Dauer an, adaptiert sich ihnen, wie 
der technische Ausdruck lautet, so dafl sie ihm einen zunehmend geringeren, 
statt des auffallenden extremen einen mittleren und neutralen Eindruck 
machen. Der gleichen Erscheinung der Adaptation begegnen wir fast auf alien 
anderen Empfindungsgebieten. Dauernde Beriihrungen, dauernde Tem- 
peraturen, dauernde Geruche hbren wir fast schlechthin auf zu empfinden. 
Das von dem gerade Bestehenden Abweichende dagegen, das Neue gelangt 
sogleich und eben wegen der vorangegangenen Anpassung an ein anderes 
meist in besonderer Starke zum Bewufitsein. Offenbar eine fiir die Kampf- 
zwecke des Organismus und der Seele sehr niitzliche Einrichtung. Das Ge- 
fahrliche im Kampf sind die Uberraschungen. 

Verglichen mit hoheren Tieren steht der Mensch in seiner sinnlichen Aus- Menschen- und 
riistung nicht gerade an der Spitze. Die Vogel iibertreffen ihn an Scharfe des Tiers,nne - 
Gesichts (die wunderbaren Orientierungsleistungen der Brieftauben sind allein 
durch das Auge moglich), die Hunde und andere Tiergeschlechter an Feinheit 
des Geruchs. Da die Geruche meist am Boden haften, so wird beim Menschen 
mit seinem aufrechten Gange die Fahigkeit des Riechens nicht gentigend ge- 
iibt und ist alJmahlich zuriickgegangen. In bezug auf das Hbren scheint er 
den bestausgeriisteten anderen Wesen nicht nachzustehen. An Feinheit der 
Hautempfindungen ubertrifft er sie vielleicht. DaiJ er in einer Hinsicht, nam- 
lich fiir die Wahrnehmung der Lage und Bewegungen seines eigenen Korpers, 
ganz besonders reichlich ausgestattet ist, wurde schon bemerkt: namlich durch 
den Besitz des fur die Wassertiere unbedingt lebenswichtigen, fiir ihn aber 
nicht durchaus erforderlichen Bogengangs- und Otolithenorgans (S. 158). Da- 
fur ist er in einer anderen Hinsicht, wie ubrigens auch die Tiere, verhaltnis- 
mafiig knapp bedacht: namlich fur die direkte Wahrnehmung der elektro- 
magnetischen Vprgange, die in der Welt eine so groCe Rolle spielen. Nur inner- 
halb der geringen Breite von etwa einer Oktave komnien sie ihm als eigen- 
artige und nach ihrer Schwingungsfrequenz verschiedene Vorgange, namlich 
als Farben, zum Bewufitsein. 

Die Kultiir der Gegenwart. 1.6 H 



1 62 Hermann Ebbinghaus: Psychologie 

zur FunktioD Verhaltnismafiig noch unvollkommen unterrichtet sind wir iiber die Art 
uges. un{ j Weise, wie die besonderen Eigentumlichkeiten und Gesetzmafiigkeiten 
der verschiedenen Arten des Erapfindens durch entsprechende Eigentumlich- 
keiten der sie vermittelnden Organe bedingt werden, liber das, was man als 
Theorie des Sehens, Horens usw, zu bezeichnen pflegt. Vor etwa einem Men- 
schenalter schien vieles bereits befriedigend geklart, was sich seitdem wie der 
verdunkelt hat. Die emsige Vermehrung unserer Kenntnisse des tatsachlichen 
Verhaltens der Dinge hat erkennen lassen, dafi ihre inneren Verwicklungen 
viel grofier sind, als man sich zunachst vorgestellt hatte. Nur eine Einsicht, 
das Auge betreffend, darf als hinreichend gesichert gelten, ura sie hier mitzu- 
teilen. Unser Auge 1st ein Doppelorgan; es umschliefit zwei sich erganzende, 
aber doch verschiedenen Zwecken dienende Apparate: den einen fiir das Schen 
in der Dammerung und im Dunkeln, den anderen fur das Sehen im Hellen. 
Jedcr Zweck wird verwirklicht durch bestimmte Formelemente, die in den 
aufieren Schichten der Netzhaut des Auges mosaikartig ineinander gearbeitet 
sind. Dem Dammcrungssehen dienen die sogenannten Stabchen mit einem 
in ihnen enthaltenen lichtempfindlichen Stoff, dem Sehpurpur. Sie finden sich 
iiberwiegend in den peripheren Teilen der Netzhaut; nach ihrer Mitte zu wer- 
den sie seltener, im Zentrum fehlen sie ganzlich. Ihre einzige Funktion be- 
steht in der Vermittlung der Empfindung eines schwachen Weifi oder viel- 
mehr BlaulichweiB, wie bei einer Mondscheinlandschaft, natiirlich noch in 
verschiedenen Starkegraden. Die Funktion des Hellsehens haben die soge- 
iianr.ten Zapfer., die gerace die Mitte der Xetzhaut, die Stelle des deutlich- 
sten Sehens, ai'ein ausfullen, in ihrer nachsten Umgebung noch ziemlich 
reichlich, weiterhin aber nur sparlich vertreten sind. Sie vermitteln die ganze 
Mannigfaltigkeit unseres Farbensehens. Auf diesen Verhaltnissen beruht es, 
daB uns ,,bei Nacht alle Katzen grau" erscheinen, d. h. dafi wir keine Farben- 
unterschiedc, sondern nur noch Helligkeitsunterschiedc wahrnehmen; der Hell- 
apparat ist eben aufier Funktion gesetzt. Ferner, dafi wir in der Dammerung 
die Formen schlechter erkennen, z. B. nicht mehr lesen konnen; die Gegend 
des scharfsten Sehens funktioniert nicht mehr hinreichend. Ja, zur Wahrneh- 
mung sehr schwacher Eindriicke, z. B. der lichtschwachsten Sterne, mufi man 
seradezu an diesen vorbei, statt direkt nach ihnen hin visieren, wie den Astro- 
noraen wohl bekannt ist. Was beim Menschen vereinigt ist, ist bei TJeren bis- 
weilen getrennt. Hiihner z. B. und Schlangen haben nur den Hellapparat; 
bei der. Nachttieren ist der Dunkelapparat zwar nicht ausschlieCHch, aber 
doch vor~iegeni entwickelt. Daher kommt es, dafi die Hiihner mit der Sonne 
zu Bett gehen. wahrend die Redermause dann erst ihren Flug beginnen. In 
sehr seltenen Fallen findet man auch Menschen, die vermutlich nur einen, 
namlich den Dunkelapparat besitzen: die sogenannten total Farbenb linden. Sie 
sehen alles grau in grau, haben dabei aber — eben wegen Fehlens des Hell- 
apparates — eine grofie Lichtscheu und ferner — wegen der Funktionsuntiich- 
tigkeit des Netzhautzentrums — nur die geringe Sehscharfe des indirekten 
Sehens. 



Empfiadungen. Vorstellungen IO -j 

Durch ihre Empfindungen wird die Seele unterrichtet iiber die Aufien- a . Die 
welt. Aber es ware schlecht um sie bestellt, wenn sie darauf beschrankt ware. Vorstf,Uni « c,v 
Das Vergangene und das Zukunftige und andererseits das hinter dem nach* 
sten Hiigel Verborgene wurde fur sie nicht existieren. Von der grb'flten Wich- 
tigkeit fur ihre Betatigung in der AuBenwelt ist es daher, dafl sie noch durch 
eine zweite Art von Erlebnissen von ihr Kenntnis besitzt, durch Vorstellun- 
gen oder Gedanken. Sie vermag die Dinge noch irgendwie zu sehen mit ge- 
schlossenen Augen und noch irgendwie zu horen mit verstopften Ohren. Ich 
denke an einen Lowen und erkenne deutlich, er sieht ganz anders aus als ein 
Pferd, oder an meine letzte Gasthofswohnung und sehe deutlich, wie verschie- 
den sie ist von meinern Arbeitszimmer. 

Inhaltlich enthalten die Vorstellungen nichts Neues verglichen mit den 
Empfindungen. Es gibt von ihnen soviele Arten wie von diesen, mit ebenso 
vielen Besonderheiten, wie diese sie haben. Was man nicht empfinden kann, 
kann man auch nicht vorstellen; und wo Vorstellungen von dem Empfundenen 
abweichen oder dariiber hinausgehen, in den Erzeugnissen der Phantasie z. B., 
da geschieht es doch nur durch Umordnung von Elementen, die zuvor in an- 
deren Kombinationen als Empfindungen erlebt wurden. Gleichwohl wird der 
Empfindungsinhalt in den Vorstellungen nicht vollig getreu, sondern mit 
eigenartigen Veranderungen abgebildet. Die Vorstellungen haben eine nicht 
naher zu beschreibende, aber jedermann bekannte Blasse und Korperlosig- 
keit, verglichen mit der Greifbarkeit und sozusagen Materialitat der Empfin- 
dungen. Die vorgestellte Sonne leuchtet nicht und die vorgestellte Glut 
ihrer Tausende von Warmegraden warmt nicht. Nur in besonderen Fallen, 
z. B. in der Jugend und bei einzelnen Individuen, erheben sie sich zu solchen 
Graden sinnlicher Lebhaftigkeit, daB sie wohl mit schwachsten Empfindun- 
gen verglichen und verwechselt werden konnen. Bei irgendwie reichhaltigen 
Empfindungen weiter sind die ihnen entsprechenden Vorstellungen lucken- 
hafter und armer an unterscheidbaren Merkmalen, und endlich drittens cha- 
rakterisieren sie sich durch eine ihnen eigentumliche Fliichtigkeit und Unbe- 
standigkeit. Man will sie festhalten, aber man merkt, wie sie entschwinden; 
auf einmal sind sie durch andere ersetzt, oder sie verfiieBen und verwandeln 
sich wie kaleidoskopische Figuren. 

Alles das ist naturlich nicht ohne Nachteile flir die stellvertretende Be- 
deutung der Vorstellungen, aber zugleich auch von den grofiten Vorteilen. 
Indem die Vorstellungen gleichzeitig Abbilder und doch zum Teil nur Zei- 
chen und Abbreviaturen der empfindbaren Dinge sind, erleichtern sie der 
Seele aufs wirksamste deren Beherrschung; bei allzugrofier Ahnlichkeit mit 
den Dingen wurden sie in die Irre ftihren, wie die Halluzinationen. Gerade 
durch ihre Liickenhaftigkeit und Fliichtigkeit ferner ermbglichen sie der Seele 
die Bewaltigung einer grbCeren Vielheit der ihr zum Bewufitsein gebrachten 
Dinge, sowohl in jedem einzelnen Augenblick wie innerhalb eines bestimm- 
ten Zeitabschnittes; sie verhelfen ihr zu einer schnelleren und vielseitigeren 
Orientierung uber die Aufienwelt. 



164 Hermann Ebbinghaus: Psychologie 

y i>:c Grfuhia. AIs dritte Klasse seelischer Elementargebilde pflegt man den Empfin- 
dungen und Vorstellungen die Gefuhle von Lust und Unlust an die 
Seite zu stellen, wiirde sie ihnen aber vielleicht besser alsetwas Andersartiges 
gegenuberstellen. Sie sind nichts Selbstandiges und fiir sich Vorkommendes 
wie jene; sie treten immer nur auf als Begleiterscheinungen irgendwelcher 
Empfindungen oder Vorstellungen, als etwas an sie Gebundenes, ihnen An- 
haftendes. Gleichwohl aber — und darin besteht eine gewisse Schwierigkeit 
fur die richtige Auffassung des Verhaltnisses — darf diese Gebundenheit auch 
nicht als eine zu enge aufgefafit werden. Das mit bestimmten Empfindungen 
oder Vorstellungen verbunden auftretende Gefuhl wird nicht wie diese irn 
wesentlichen durch auCere Ursachen bestimmt; es kann nicht nur seinem 
Grade, sondern s-lbst seiner Art nach in anscheinend gleichartigen Fallen 
doch sehr verschieden sein. Der Geschmack des Honigs oder der Klang einer 
Melodie als bloBes sinnliches Erlebnis ist zu verschiedenen Zeiten nahezu iden- 
tisch. Aber diese gleichen sinnlichen Eindriicke konnen fiir das Gefuhl je 
nach Umstanden intensiv lustvoll oder indifferent oder gar direkt unlust- 
voll sein. 

Die Gebundenheit der Gefuhle an die entsprechenden Empfindungen 
und Vorstellungen ist also eine eigentumlich freie; es kommt auBer auf deren 
Inhalt noch auf manches andere an. So z. B. auf die in der Seele sonst noch 
vorhandenen Empfindungen und Vorstellungen und auf die dadurch entste- 
henden Zusammenhange und Gegensatze. Dieselben Farben oder Linien kon- 
nen zu schbnen und zu haBlichen Mustern verwebt sein, dieselben Schilde- 
rungen und Gedanken zu einem anziehenden oder abstoBenden Buch. Ferner 
auf die Haufigkeit der Wiederkehr der gleichen seelischen Erlebnisse. Fur 
die sich an sie anschheBenden Gefuhle besteht eine an die oben (S. 161) er- 
wahnte Adaptation anklingende Erscheinung: bei haufiger Wiederholung der- 
selben Inhalte wird das mit ihnen verbundene Gefuhl schwacher und schwa- 
cher; wir stumpfen gegen das bfter Erlebte ab bis zur Gleichgultigkeit. End- 
lich aber kommt es nicht wenig auch auf die bereits bestehenden, durch irgend- 
welche anderen Eindrucke geweckten Gefuhle an. Der Kummervolle oder 
der VerdrieBliche, sie erleben dieselben Begegnisse mit ganz anderen Gefiihlen 
als der Heitere oder der Hoffnungs voile. 

Die Gefuhle sind somit nicht Begleiterscheinungen der Empfindungen 
und Vorstellungen, die durch diese schon fest bestimmt sind; sie hangen viel- 
rr.ehr zugleich noch ab — und darin liegt ihre groBe allgemeine Bedeutung — 
von eir.er.: anderen Faktor: namlich von der Beziehung der einwirkenden ob- 
jektiven Vorgange zu YVohl und Wehe des Organismus oder der sein 
Innenleben ausmachenden Seele. Durch die Gefuhle erhalten die von der 
Aufienwelt Kunde gebenden Eindriicke die Bewertung, deren die Seele 
bedarf, um die objektiven Dinge fiir den Kampf um die Selbst- 
erhaltung richtig zu verwenden. Und zwar zeigen die Gefuhle der Lust 
an, daB die sie hervorrufenden Eindrucke oder deren Ursachen unter den ge- 
genwartigen Umstanden dem Organismus oder seinen zunachst in Anspruch 



Gefuhl und Wille 165 

genommenen Organen angemessen und forderlich sind, und die Gefiihle der 
Unlust umgekehrt, dafi die jeweiligen Einwirkungen unangemessen und scha- 
digend sind. 

Durch manche Besonderheiten der Gefiihle werden grofle Verwicklun- 
gen der seelischen Bildungen und dadurch wieder groCe Erschwerungen ihres 
Verstandnisses hervorgebracht. Die sich an Vorstellungen heftenden Gefiihle 
z. B. entlehnen ihren Charakter urspriinglich durchaus von den betreffenden 
Empfindungen: vorgestellte Priigel sind unangenehm, weil die wirklich emp- 
fangenen es waren. Aber durch die Verknupfung der Vorstellungen konnen 
darin oft vollstandige Verkehmngen eintreten: die Erinnerung an ein unan- 
genehmes Erlebnis kann bei aller Feinlichkeit zugleich zu einer Quelle von 
Lust werden. Weiter aber heften sich die Gefiihle, wie erwahnt, nicht nur an 
einzelne Empfindungen und Vorstellungen, sondern zugleich auch an deren 
Verhaltnisse und Beziehungen, an ihr raumliches Nebeneinander, ihr Nachein- 
ander usw. In jede Mehrheit von Empfindungen und Vorstellungen spielt 
also eine ungeheure Merge von GefuhUtonurgen hinein. So verschieden sie 
sind, sind sie doch samtlich Glieder derselben einfachen Mannigfaltigkeit, 
samtlich Gefiihle verschiedener Grade von Lust und Unlust. Und eben da- 
durch vereinigen und vereinheitlichen sie sich doch auch wieder bis zu einem 
gewissen Grade: sie flieBen zusammen und unterstutzen sich, soweit sie der- 
selben Art, und sie heben sich auf oder konipensieren sich teilweise, soweit sie 
entgegengesetzter Art sind. Daher das zugleich EinheitHche und doch uner- 
schopflich Mannigfache solcher Bildungen wie Liebe, Stolz, Ehrgefiihl. 

Als eine letzte Klasse seehscher EJemente, wie es ublich ist, Triebe und Triebe n ' d 
Willensakte zu nennen, besteht keine Veranlassung. Freilich sind auch sie 
etwas Elementares, aber doch in anderem Sinne als die bisher aufgezalten Ge- 
bilde. Worin besteht ein Trieb, z. B. der Nahrungstrieb eines ganz jungen 
Kindes? Nun, zunachst in stark unlustbetonten Empfindungen, wie Hunger 
oder Durst, und in mannigfachen reflektorisch hervorgerufenen Bewegungen, 
wie Schreien, Sichherumwerfen usw. Indem diese geschehen, werden sie be- 
wuCt in Empfindungen von Spannungen der Muskeln und Verschiebungen der 
Glieder, in kinasthetischen Empfindungen also (S. i ,57), denen dann die Beseiti- 
gung der Unlust zu folgen pflegt. Zwei Gruppen von Empfindungen mithin 
lassen sich hier und so bei jedem Trieb unterscheiden: die eine beliebiger Art 
und stark gefuhlsbetont, die andere herruhrend von reflektorischen Bewe- 
gungen, die objektiv das Resultat haben, Unlust zu beseitigen oder Lust 
dauernd zu erhalten; etwas anderes ist fur die Seele nicht vorhanden. Indem 
nun aber solche Triebe und ihre Anderungen wiederholt erlebt werden, hinter- 
bleiben mit immer grdfierer Deutlichkeit Vorstellungen von dem befriedigen- 
den Endergebnis des ganzen Prozesses. Schliefilich werden diese schon be- 
wufit, -wenn der dazu fiihrende Vorgang uberhaupt erst einsetzt. Mit dem Auf- 
treten der qualenden Hungerempfindung z. B. stellt das Kind auch schon die 
Flasche vor, die ihm Sattigung bringt, die Mutter, die mit ihr heraneilt, usw. 
Damit ist aus dem Triebe ein einfacher Willensakt geworden. Der Wille enthalt 



166 Hermann EbbinghauS: Psychologic 

zunachst den Trieb mit den zu ihm gehbrigen Empfindungen und Gefiihlen, 
daneben aber noch em weiteres: die geistige Vorwegnahme eines End- 
gliedes der empfundenen Tatigkeiten, das zugleich als lustvolle 
Beendigung der gegenwartigen Unlust oder als Aufrechterhal- 
tung der gegenwartigen Lust vorgestellt wird. Der Wille ist der 
vorausschauend gewordene Trieb. Von neuen Elementen aber aufier den be- 
reits besprochenen kann, wie man sieht, dabei nicht die Rede sein; aufier 
Empfindungen, Lust- oder Unlustgefuhlen, Vorstellungen ist nichts vorhanden. 

II. Die Grundgesetze des seelischen Geschehens. Die der Seele 
zugefuhrten und sie uber die AuBenwelt unterrichtenden Eindrlicke nimmt 
sie nicht einfach auf, wie sie auf sie eindringen, sondern sie zeigt lhnen gegen- 
iiber mannigfache selbstandige Verhaltungsweisen, in denen sich eben die Ei- 
genart ihres Wesens und besonders auch ihrer Zwecke bekundet. Im wesent- 
Hchen sind ihrer vier zu unterscheiden, die paarweise in einem gewissen Ge- 
gensatz zueinander stehen. Sie werden kurz bezeichnet durch die Namen 
Aufmerksamkeit und Gedachtnis, Ubung und Ermiidung. 
Aufmerksa^- Ein Schiff, das mehreren verschiedenen Einwirkungen, wie der Kraft 

seiner Schraube, des Windes, der Stromung, gleichzeitig ausgesetzt ist, folgt 
ihnen alien zugleich, und der Ort, den es nach einer gewissen Zeit einnimmt, 
ist derselbe, wie wenn jene einzelnen Krafte isoliert die gleiche Zeit nachein- 
^.nder eingewirkt hatteii. Sein Verhalten, wie das der aufieren Dinge iiber- 
/.aup:. eir.em gleichzeiti^en Angriff versehiedener Krafte gegeniiber wird be- 
r.errscht von den Ge;e:^ der ResuUa:~.:<.-::biidung. Vullig anders das Verhalten 
der Seele. Wenn sie gleichzeitig vielcs zu sehen bekommt, wie eine Volksszene 
auf der Biihne, vieles zu horen, wie die Musik eines Orchesters, und wenh 
aufier den hierin schon enthaltenen Anlassen zum Auftreten von mancherlei 
Gedanken noch andere auf sie einwirken, wie etwa ein leises Gefliister in der 
Nachbarschaft, so ist das Ergebnis ganz und gar nicht dasselbe, wie wenn alle 
diese Einwirkungen zeitlich getrennt voneinander sie trafen. Wird ihr ge- 
niigend Zeit gelassen, so vermag sie sehend, hdrend, vorstellend alien an sie heran- 
tretenden Einzelforderungen gerecht zu werden. Soli alles auf einmal ge- 
schehen, so ist sie dazu nicht mehr imstande; ihre Leistungsfahigkeit ist be- 
grenzt. Nicht alle Empfindungen und Vorstellungen, deren objektive Ur- 
sachen vorhanden sind, werden ihr bewufit. 'Einzelne besonders giinstige Ein- 
viricungen setzen sich durch und rufen die ihnen moglichen Wirkurigen auch 
r:it=i';hl:ch hervcr. Aber es geschieht stets auf Kosten zahlreicher anderer. 
\-p.d je energ:^:':.er cie Wirkur.g einze'.ner Vrsachen sich Bahn bricht, d. h. je 
deutlicher end starker eir.zelr.es Gesehene oder Gehbrte oder Gedachte in 
der Seele Geltung gewinnt, desto schwicher und unmerklicher werden die Wir- 
kungen der ubrigen. Sie sind nicht voiiig verioren fur die 'Seele, aber sie 
machen sich nicht gesondcrt ben;crklich, sondern gehen zu einem mehr oder 
wenigereinheitlichenTotaleindruckzusammen; siebilden einen diffusen Hinter- 
grund der klar bewufiten Erlebnisse. 



Aufmerksamkeit, Gedachtnis 167 

Man bezeichnet diese Auswahlerscheinung als Enge des Bewufitseins, oder 
auch — viel haufiger — als Aufmerksamkeit, ihr Gegenteil als Zerstreut- 
heit. In der ganzen Breite des anorganischen Geschehens ist nichts diesem 
Vorgange Ahnliches zu finden; das Seelenleben beherrscht und charakterisiert 
er in jeder seiner AuGerungen. Geistige Arbeit vertragt sich nicht mit dem 
Anhoren von Kindergeschrei; beiir. Ausr.:erzen von Druckfehlern kann man 
nicht auf den Sinn des Geschriebenen center* usf. 

Eur die populare Vorstellung besteht das Aufmerken in reiiien Willkur- 
akten der Seele. Je nach ihren IiUeressen ,,wendet sie ihre Aufmerksamkeit" 
diesen Dingen zu und von jene:: ab. Es bedarf keiner Worte, dafi eine so 
mythologische Auffassung umnogiich ist. Die Bevorzugungen und Yernach- 
lassigungen, in denen da= Aufmerken und Zerstreutsein besteht, sind streng 
gesetzmafiige Folgen befijmmter Eigentiimlichkeiten oder bestimmter Be- 
zichungen der die Stele treffenden Emdrueke. Yon diesen sind namentlich 
zwei von Bedeutung. 

Erstens der Gi.;uh;;v.\r; Jlt Eindriicke. Stark lustbetonte oder un- 
]ustbetonte Empfiudungcn ui,d \ nrsre-lungcn setzen sich in der Seele leich- 
ter durch, machen sich starker gtltend als indifferente Erlebnisse. Was in mei- 
ner Nahe Gutes oder Schlimmes liber mich selbst gesprochen wird, hore ich 
leicht, auch wenn es leise geaufiert und also physisch nur schwer vernehmbar 
ist Alles was man als Weckung der Aufmerksamkeit durch Interesse be- 
zeichnet, gehort hierher. Denn Interesse ist nichts als ein Gefuhl der Lust, 
hervorgebracht durch- das Entgegcnkommen, das ein neu auftretender Ein- 
druck bei friiher erworbenen Vorstellungen findet. Nun sind die Gefiihle der 
Lust und Unlust, wie vorhin gezeigt, Symptome des der Seele und dem Or- 
ganismus Forderlichen und Schadlichen. Somit werden von den auf die Seele 
einwirkenden und sie liber die AuCenwelt unterrichtenden Eindriicken vor- 
wiegend diejenigen fiir sie wirksam, die fur sie selbsi. fiir ihr Wohl 
und Wehe von besondercr Wichtigkeit sind. 

Eine zweite Ursache fiir das Aufmerken ist die Yerwandtschaft der an 
die Seele herantretenden Eindriicke mit den: zurzeit gerade in ihr Vorhande- 
nen. Wenn bestimmte Vorstellungen ini Bewuiksem sind, so erzwingen sich 
neben ihnen besonders leicht solche Empfindungen Beachtung, die das in jenen 
Vorstellungen Gedachte in sinnlicher Wirklichkeit enthalten, sowie solche Vor- 
stellungen, die jene vorhandenen niiher ausfuhren oder mit ihnen verwandt 
sind. Das leichtere BewuGtwerden dessen, was man beobachtet, beruht z. B. 
hierauf. AuBer dem Wohl und Wehe der Seele ist es also die Beziehung zu 
dem jeweilig in ihr herrschenden Gedankenlauf, die die Auswahl unter den auf 
sie andringenden Einwirkungen bestimmt. 

Die Aufmerksamkeit ist eine Erscheinung der Auswahl und Einschriin- Gedachtnis. 
kung. Aber in gllicklicher Ergauzung dieser ersten Gesetzmafiigkeit wird die 
Seele nun von einer zweiten beherrscht: sie geht gleichzeitig auch liber das 
durch aufiere Ursachen von ihr Geforderte hinaus und leistet unter Umstiinden 
weit mehr, als direkt von ihr verlangt wird. Wenn namlich das, was sich zur- 



1 68 Hermann Ebbinghaus: Psychologie 

zeit in der Seele durchsetzt und zum Bewufltsein gelangt, in gleichcr oder 
ahnlicher Gestalt friiher schon einmal von ihr erlebt worden 
ist, so erganzt und bereichert sie es jetzt durch Vorstellungen 
von clem, was friiher damit verbunden war oder darauf folgte, 
ohue dafi doch die fruheren Ursachen des Verbundenen jetzt vorhanden zu 
sein brauchen. Sehe ich den Himmel sich verdunkeln und die Baume sich 
biegen unler der Gewalt des Sturmwindes, so weifi ich, es folgt ein Gewitter. 
Riecht es nach Karbol oder Jodoform, so sehe ich mich um nach jemand mit 
einem Verbande. liberal! erweitert und vervollstandigt sich mir das unmittel- 
bar Gegebene auf Grund fruherer Erfahrungen. 

Die allgemeine Tatigkeit der Seele zu diesem Verhalten bezeichnet man 
als Gedachtnis, seine AuBerung als Reproduktion oder Assoziation. Die 
ungeheure Wicbtigkeit dieser Leistung liegt auf der Hand. Die Natur wie- 
derholt sich. Was sie in Begleitung oder als Folgeerscheinung gewisser Um- 
stande friiher gebracht hat, bringt sie bei Wiederkehr der gleichen oder ahn- 
lirhen Umstande auch wieder; nicht ausnahmslos, aber doch iiberwiegend 
haufig. Indem nun die Seele das friiher Dagewesene in Gedanken reproduziert, 
besitzt sie zumeist eine Kenntnis des objektiv Vorhandenen, noch ehe es di- 
rekt auf sie eingewirkt hat; und so vermag sie sich auch in ihren Gegenwir- 
kungen dem raumlich und zeitlich Entlegenen anzupassen und im Kampf 
mit den Dingen Umsicht und Voraussicht zu betatigen. 

Natiirlich besteht nun fur eine Seele von einigermaBen ausgedehnten Er- 
fahrungen fiir jedes Erlebnis, das sie gerade erfiillt, eine grofie Vielheit von 
Reproduktionicscgiichkeiteri. Ein B'att Papier, wie ich es gerade vor mir sehe, 
oder Gedanken, wie sie mich jetzt gerade beschaftigen, sind mir in zeitlicher 
Verki'.iipiur.g n::t zahlreichen verschiedenen Dingen schon vorgekommen, sie 
haben auch Beziehungen der Ahnlichkeit nach verschiedenen Seiten hin. 
Welche Wege unler cen zahlreichen als mbglich erscheinenden wird mein Vor- 
stellen nun wirklich e:nschlagen? Das hangt von einer grofien Anzahl ver- 
schiecerer EinCiisse ab. Aber es ist stets die streng gesetzmaCige Resultante 
des W ettbewerbs zahlreicfcer, je nach Urnstaiiden verschieden starker Fak- 
toren. 1c cen letzten Jahrzehnten hat man die meisten von diesen der experi- 
menteller; Lctersuchung zu unterwerfen verstanden und dabei sowohl manches 
gesichert ur.C als fundamental nachgewiesen, was aus friiheren, aber weniger 
zuverlassigen Ertahrungen schon bekannl war, als auch manches Neue ge- 
funden. 

Einiges cavon $ei kurz beriihrt. 

Besoncers leicht reproduziert unter sonst gleichen Umstanden wird das 
jiingst beuufit Gewesene. In der ersten Zeit nach der Yergegenwartigung oder 
Einpragung eines Inhaltes tritt er oft bei so geringfugigen Aulassen wieder ins 
Bewufitsein, dafi er dauernd zu beharren scheint (Perseveration). Da- 
nach vermindert sich die Reproduktionsmoglichkeit mit groCer SchnelHgkeit; 
die Sache wird vergessen. Weitertun aber schreitet dieser Prozefi dann mit 
einer erstaunlichen Langsamkeit fort: noch nach mehr als 20 Jahren konnte 



Gedachtnis, Ctbung l6q 

ich z. B. sichere Nachwirkungen von dem einmaligen Erlernen eines Gedichtes 
nachweisen. Es geht also so leicht nichts vollig fur die Seele verloren, wenn 
es auch sehr bald schon nicht mehr aus freien Stiicken reproduziert werden 
kann. 

Das wichtigste Mittel fiir die Sicherung der Reproduktion eines bestimm- 
ten Inhalts 1st, abgesehen von der Konzentration der Aufmerksamkeit auf 
ihn, seine oftere Wiederholung. Die nahere Cntersuchung dieses Faktors ist 
besonders haufig geschehen und hat u. a. die wertvolle Bestatigung eines durch 
die Praxis des TJnterrichts langst als zweckmafiig gefundenen Yerfahrens er- 
geben. Urn die Einpragung u:;d lar.gere Festhaltung eines Stoffes zu sichern, 
ist es nicht vorteilhaft, sie durch massenhafte einmalige Haufung von Wieder- 
holungen erzwingen zu wollen, sondern vielmchr, die Wiederholungen je in 
geringerer Haufigkeit uber eine langere Zeit zu verteilen, a'so wieder und wie- 
der zu dem Stotf zuriickzukehren und ihn, wenn auch jcdesmal nur mit ei- 
nigen Wiederholungen, immer aufs neue der Seele vorzufuhren. Stetige Re- 
petitionen sind mitliin fiir die Gewinr.ung dauernder Herrschaft uber einen 
Stoff unerlaClich, und eine auf kiirzereZeit zusamn;cngedrangte ; 
wenn auch viel intensivere Beschaf t igung rait ihm vermag ihren 
Wert nicht zu ersetaen. 

Dafi die Gedachtnisbegabung verschiedener lndividuen eine hochst ver- 
schiedene ist, hat man naturlich zujeder Zeit bemerkt. Aber auch hier ist 
wieder erst durch neuere Untersuchungen einige Aufklarung gebracht worden 
uber die Arten der vorkommenden Verschiedenheiten, sowie — zum Teil we- 
nigstens — uber ihre tiefere Begriindung. U, a. gehort die Verschiedenheit 
der sogenannten Gedachtnis- oder Auffassungstypen hierher. Die ver- 
schiedenen Arten von Empfindungen, w-ie Tone, Farben usw., haben fiir das - 

Vorstellungsleben der verschiedenen lndividuen vielfach eine sehr verschiedene \ 

Bedeutung. Die einen (visueller Typus) bevorzugen Gesichtsvorstellun- 
gen. Sie reproduzieren Formen und Farben leicht und mit groBer Lebhaftig- 
keit, sehen das blofi Gedachte gleichsam halb sinnlich vor sich und vermbgen j 

es nach rechts und links, nach oben und unten zu verfolgen und deutlich zu j 

unterscheiden. Bei anderen (auditiver Typus) spielen Gehorsvorstellun- 
gen eine bevorzugte Rolle, wieder bei anderen (motorischer Typus) die ; 

von Bewegungen, besonders der Sprachorgane, herriihrenden Vorstellungen. ; 

Extreme Falle dieser verschiedenen Einseitigkeiten sind selten; im allgemei- 
nen handelt es sich nur um ein gewisses Uberwiegen einer Vorstellungsart. 
Naturlich aber bedingen nun diese individuellen Unterschiede mannigfache 
Verschiedenheiten in den Aufierungen des Gedachtnisses. Der ausgepragt 
Visuelle verwechselt z. B. bei der Reproduktion leicht ahnlich aussehende Ele- f 

mente, der Auditive leicht ahnlich klingende. ' 

Bei haufiger Wiederkehr derselben Anf orderungen an die Seele entspricht t'bung. \ 

sie ihnen mit immer grofierer Vollkommenheit und doch zugleich mit immer [ 

geringerem Kraftaufwand. Diese Erscheinung wird als Ubung bezeichnet. j 

Sie aufiert sich auf verschiedene Weise. Auf dem Gebiet des sinnlichen Emp- 



[70 Hermann Ebhinghaus: Psychologie 

findens besteht sie in einer Verfeinerung der Leistungen: auch schwachere 
Reize werden noch gehort, gesehen, geschmeckt usw., namentlich werden ge- 
ringere Unterschiede der Farben, Tone, Beriihrungen usw. noch wahrgenom- 
men und richtig beurteilt, wenn die objektiven Einwirkungen haufiger, als 
wenn sie seltener erfolgen. In anderen Fallen finden wir eine Erweiterung 
der Leistung: ein Akt der Aufmerksamkeit umfafit eine grofiere Fulle von in 
Betracht kommenden Gedanken; die Gesamtheit der dauernd im Gedachtnis 
sozusagen aufbewahrten und also reproduktionsfahigen Vorstellungen nimmt 
oh zu einem gewissen Grade zu usw. Wieder in anderen Fallen bewirkt die 
Ubung eine Beschleunigung der Leistungen: die gleiche Zahl von wahr- 
nehmbaren Einzelheiten wird rascher liberblickt, die gleiche Zahl von Ele- 
menten in geringerer Zett dem Gedachtnis eingepragt oder reproduziert; die 
Schnelligkeit des Lesens, des Denkens, der Ausfiihrung von Bewegungen stei- 
'^ert sich. 

In der Erscheinung der Ubung haben wir mithin eine wunderbare Ver- 
vollkommnung der Anpassung der Seele an die Umgebung, in der sie ihre 
Selbsterhaltung erstrebt. Durch die Assoziation paBt sie sich den haufig wie- 
derkehrenden Vorgangen an, indem sie deren Verwicklungen und Verlauf vor- 
wegnhnmt, noch ehe diese fur sie sinnliche Wirklichkeit gewormen haben. In 
der Ubung betatigt sie eine noch weitergehende Anpassung an die besonders 
haufigen und im ganzen dadurch wohl besonders wichtigen Vorgange. 
EraQdca;. \\ enn die Wiederholungen einer seelischen Leistung in grbCerer Haufig - 

\r:t ur..T.:tteibir aureinanccr fc!°er.. so rufen sie die Erscheinung der Ermii- 
d-r.g, d. h. eine zur.ehmende Yerschlechterung der Leistung, hervor. Die 
Empfindkcr.keit fur ^uCere Reize und fur ihre Unterschiede wird stumpfer; 
die Aufmerksamkeit lal3t sich weniger energisch konzentrieren und ist zu- 
gleich weniger umfassend; die Aufnahme neuer "Vorstellungen in das Gedacht- 
nis ist erschwert usw. 

Die Ermudung ist offenbar cine Schutz- und AbwehrmaCregel der Seele. 
Liingere und zugleich starkere Inanspruchnahme durch eine bestimmte Art 
von Leistungen wiirde sie schadigen; sie vermag den Anforderungen auch 
nicht mehr gerecht zu werden und entzieht sich ihnen daher. Bei der Komi- 
nuitat der organischen Einrichtungen aber kann sie das Zuviel nicht erfolg- 
reich abwehren, wenn sie nicht schon bei dem Wenig einen Anfang macht. 
Die ersten Spuren der Ermudung zeigen sich daher schon bald nach dem Be- 
ginn einer mehrfach wiederholten geistigen Tatigkeit, und zwar zunachst in 
einer zur.ehrr.er.cen Beeir.triichtigur.g der Ubungsfortschritte. Nicht selten 
iiihrz ck.s zu cer zuiiz'.'.er.zeri Erscheinung, daC eine selbst fiir langere Zeit 
unterbrochene Tiitigkeir. ur..T.itic!bar nach ihrer ^iederaufnahme besser voll- 
zogen wird als am Endc der vorangcgang.nen Ubungsperiode. Die vorher er- 
worbene Ubung besteht dann, wenn auch etwas abgeschwacht, fort; die Er- 
mudung aber, durch die ihre Wirkungen vorher teilweise verdeckt waren, ist 
verschwunden, und es entsteht der paradoxe Anschein, als ob die Befahigung 
zu der Tatigkeit in der ubungsfreien Zwischenzeit Fortschritte gemacht hatte. 



Ermiidung, Spielen 171 

Die grofie praktische Bedeutung, die die Ermiidung durch ihre Bezie- 
hung zur Schadigung des Seelenlebens und des Organismus besitzt, hat in den 
letzten Jahren zu zahlreichen Untersuchungen ihres naheren Verhaltens ge- 
fuhrt. Namentlich die durch den Schulunterricht bewirkte Ermiidung hat die 
Geister viel beschaftigt. Aber befriedigende Aufklarung hieruber hat bei der 
grofien Verwicklung der Dinge erst in geringem Mafie gewonnen werden kbn- 
nen. Vor allem ist es die Frage geeigneter Prulungsmethoden, die hier Schwie- 
rigkeiten bereitet. Aufierdem aber: wenn auch in einem bestimmten Falle 
geistige Ermiidung auf irgendwelche Weise unzweifelhaft als vorhanden fest- 
gestellt ist, so fehlt uns einstweilen noch jede Moglichkeit zu entscheiden, ob 
und wann sie nun als schadlich betrachtet werden mufi. 

III. Die seelischen Gegenwirkungen. Die von der Aufienwelt kom- 
menden und von der Seele teils auslesend, teils bereichernd aufgenommenen 
Eindriicke rufen nun zugleich zahlreiche Gegenwirkungen hervor, die als Be- 
wegungen der korperlichen Organe zutage treten und wteder an die Aufien- 
welt iibergehen. Unter den Yenvicklungen des ausgebildeten Seelenlebens ist 
dieser Zusammenhang oft verdunkelt. Aber ursprunglicii besieht er durchaus. 
Von Hause aus wird jede Einwirkung der AuCeinvelt auf die Seele 
von dieser mit mannigfaehen Bewegungen beantwortet: Bewcgun- 
gen der vermittelnden Sirmcsorgaue, der Arme und Beine, des Kopfes, der 
Spraclxwerkzeuge, auch Bewegungen innerer Organe, wic des Herzens und 
der Blutgefafic, der Lunge usw. 

Diese Bewegungsreaktionen haben, abgesehen von den sogenannten Aus- Er! la itun gs - 
drucksbewegungen, einen zweifachen Charakter, Die einen zielen direkt ab 
auf die Erhaltung des Organismus. Die fiir ihn im ganzen oder fur seine 
Organe forderlichen Reize werden festgehalten, zu langerer Einwirkung veran- 
lafit oder direkt in den Kflrper aufgenommen. Schadliche und stbrende Reize 
dagegen werden abgewehrt und der Korper wird ihrer weitercn Einwirkung 
moglichst entzogen. 

Daneben aber gibt es noch eine zweite Klasse urspriinglicher Bewegungs- Spici- 
reaktionen. Wenn eine Katze eine Maus erblkkt, so erhascht sie sie und frifit cwosungpn - 
sie auf; das ist zweckmaBig fur ihre Erhaltung. Aber in der Regel lafit sie sie 
vorher noch einige Male laufen und erhascht sie wieder, obwohl dabei doch 
eine gewisse Moglichkeit des Entwischens bcsteht. Und wenn sie ein Garn- 
knauel oder eine rollende Kugel erblickt, so behandelt sic diesc mit Haschen 
und Loslassen ganz ahnlich wie eine Maus, obwohl sie uber ihre Ungenieflbar- 
keit doch sogleich im klaren sein mufi. Ganz ebenso beantwortet auch der 
Mensch aufier mit Erhaltungsreaktionen wie den vorhin erwahnten eine grofie 
Fulle der ihn treffenden Eindriicke mit Bewegungen, denen ein unmittelbarer 
Wert fur seine Erhaltung gar nicht zukommt: Strampeln und Zappeln, Zer- 
reiflen und Zusammensetzen, Herumbalgen usw, Menschen und Tiere kamp- 
fen nicht nur mit den Dingen, sie spielen auch mit ihnen. Was in solchem 
Spielen verwirklicht wird und seinen Sinn ausmacht, ist die Betatigung 



ij2 Hermann Ebbinghaus: Psychologie 

ihrer Organe und ihrer Krafte, die Ausbildung.Ubung und Er- 
haltung der ihnen verliehenen Fahigkeiten. Die in dem Spiel be- 
tatigten Krafte und Fahigkeiten sind aber naturlich keine anderen als die 
auch fur den Kampf mit der Aufienwelt in Betracht kommenden. Indem sie 
also betatigt und dadurch geiibt werden, wird der Spielende zugleich auch fur 
seine Erhaltung geschickter gemacht. Die Spielbewegungen, obwohl ihrem 
Charakter und nachsten Zwecke nach von den Erhaltungsbewegungen ver- 
schieden, sind also doch zugleich als Vorbereitungen und Ubungen ftir diese 
aufzufassen. 

Erhaltungsbewegungen und Spielbewegungen sind in grofier Mannigfal- 
tigkeit dem Organismus angeboren. Sie bilden eine reiche Mitgift fur ihn in 
seinem Vernal ten. gegenuber den auCeren Eindrucken. Fur die Seelc freilich 
sind s'e dabei zunachst sozusagen etwas DrauDenstehendes. Vermoge be- 
stimmter Verknupfungen der nervosen Bahnen werden die einzelnen Einwir- 
kungen mit bestimmten allemal gleichen Reaktionen beantwortet, reflekto- 
ri-ch, ohne dafi das Bewufitsein bei dem Erteilen dieser Antworten eine Rolle 
spielt. Aufierdem laufen sie lediglich in einfachen Reihen hintereinander ab. 
Ein gewisser Eindruck ruft eine gewisse Bewegnug hervor: der Anblick eines 
Gegenstandes z. B. sein Ergreifen und Hinfuhren zum Munde. Dadurch ver- 
andert sich irgend etwas in der Umgebung oder in dem Verhaltnis des Or- 
ganismus zu ihr — der Gegenstand etwa schmeckt bitter — und diese Ver- 
anderung gibt unter Umstanden Anlafi zu einer neuen Bewegung. In beiden 
Hinsichten treten nun a'. — ah'ich. Veranderur.gen ein: die ursprunglich rein 
reflektorisch den seelischen Yorgangen sich anschlieCenden Bewegungen wer- 
den in gewisser Weise in das seelische Getriebe hineingezogen; zugleich wer- 
den sie in naxn-giacher Weise verwickelt zu Bewegungen, die gleichzeitig 
mehreren Eir.drucken oder auch objektiv noch gar nicht verwirklichten Ein- 
driicken Rechr.ung tragen, zu sogenannten Handlungen. 
Beziehnne der Die Ursacher. d;e~er Yeranderungen Hegen in zwei besonderen Bezie- 

*^TS£ hungen der See'.e zu ce- durch ihren Korper geschehenden Bewegungen. Die 
leben. e [ ne g ent gewisserrr.a-c- zu der Seele hin: wenn irgendwelche der ur- 
sprunglich rein refiek;or:schen Bewegungen geschehen, so wer- 
den sie wahrgenommen. zum groCen Teil wenigstens; sie haben 
nicht seelische Ursachen. aber seelische Wirkungen. Zum Teil 
werden sie gesehen, zum Teil geben sie zu Hautempfindungen AnlaB, vor allem 
und durchweg werden sie fur c:e Seele von Bedeutung als kinasthetische Emp- 
findungen (S. 157, also curch die cer materiellen Vermittlung der Gelenke, 
Sehnen, Muskeln entstai^rr.encen Elndrucke. Naturlich assoziieren sich nun 
diese kinasthetischen Err.piincur.gen mit den gleichzeitig in der Seele sonst 
noch hervorgerufenen Eindrucken optischer, akustischer u. a. Art, und wenn 
hinterher einmal diese anderen Eindriicke wiederkehren, ohne dafl die sie 
vorher begleitende Bewegung stattfindet, so wird doch der ihr entsprechende 
kinasthetische Bewufitseinsinhalt als Vorstellung reproduziert. Das aber 1st 
nun von Bedeutung ftir die zweite Gesetzmafligkeit, die sozusagen von der 



Bewegungen, Wahrnehmung 173 

Seele fortgeht: kinasthetische Vorstellungen haben eine Tendenz, 
eben die Bewegungen wieder hervorzurufen, denen sie selbst 
ihre Entstehung verdanken; der bloCe Gedanke daran, wie einem 
bei Ausfiihrung einer bestimraten Bewegung zumute ist, be- 
wirkt bei geniigender Lebhaftigkeit die Bewegung selbst. Das 
unwillkiirliche halblaute Aussprechen lebhaft gedachter Worte, das Wiegen 
des Korpers oder doch des Kopfes beim Anhoren einer Tanzmelodie, die Mit- 
bewegungen, durch welche Billard- und Kegelspieler den abirrenden Ballen 
die lebhaft gewiinschte Richtung angeben, erlautern diese GesetzmaBigkeit. 
Vermoge dieser beiden Beziehungen werden nun also die ursprunglich 
blofl reflektorischen Bewegungen zugleich selbst zu seelischen Erlebnissen und 
zu Betatigungen der Seele. Ein Kind erblicke etwas Glitzerndes, WeiOes, er- 
greife es und fuhre es, wie die Kinder tun, reflektorisch zum Mund. Zufallig 
ist das Ergriffene ein Stuck Zucker; es schmeckt ausgezeichnet und wird von 
dem Kinde saugend festgehalten und assimiliert. Alle die dabei erlebten Ein- 
driicke, das Aussehen des Gegenstandes, die Arm- und Handbewegungen, der 
intensiv lustvolle Geschmack und die Saugbewegungen, liegen nun einander 
zeitlich so nahe, daB sie sich miteinander assoziieren, um so fester, je haufiger 
ahnliche Erfahrungen gemacht werden. In spateren Fallen wird daher das 
Kind beim Anbhck eines Stuckes Zucker sogleich dessen angenehmen Ge- 
schmack sowie die von den Arm- und Saugbewegungen herruhrenden Emp- 
findungen, die mit ihm verknupft waren, in der Vorstellung vorwegnehmenj und 
diese Vorstellungen werden mehr oder weniger starke Ansatze zu den ent- 
sprechenden Bewegungen ausldsen — der Arm wird sich ausstrecken, Mund 
und Zunge werden Saugbewegungen machen — auch wenn der Zucker zu- 
fallig so liegt, daB er gar nicht ohne weiteres ergriffen werden kann, sondern 
nur von weitem gesehen wird. Dann will das Kind den Zucker haben, 
d. h. die ursprunglich rein aufierlich dem Eindruck sich anschlieBenden Be- 
wegungen und deren Effekte gehen jetzt sozusagen erst durch die Seele hin- 
durch, als Vorstellungen wenigstens, und ihre objektive Verwirklichung wird 
unter Fortbestehen des urspriinglichen Reflexmechanismus mitbedingt durch 
diese seelische Vorwegnahme. Auf ahnliche Weise werden Xebenerfahrungen 
und Folgeerfahrungen, die bei der Ausfiihrung von Bewegungen gemacht wer- 
den, fur die Seele von Bedeutung, und die ihnen angemessenen Bewegungsreak- 
tionen greifen nun verandernd ein in die durch den Haupteindruck bewirkten. 
Die Bewegungen werden nicht mehr blindlings drauflos ausgefuhrt, sondern 
sie geschehen mit Anpassung an die geistig vorweggenommenen Folgen; sie 
werden umsichtiger und weitsichtiger. 

C. Verwicklungen des Seelenlebens. 

I. Die Wahrnehmung. In jedem Augenblick ihres wachen Daseins 
wird der Seele eine grofie Fiille aufierer Eindrucke zugefiihrt; Augen und Oh- 
ren, die Haut und die iibrigen Sinne sind unausgesetzt tatig, sie iiber die Vor- 
gange der AuBenwelt und die Veranderungen ihres eigenen Korpers auf dem 



174 Hermann Ebbinghaus: Psycholog-ie 

Laufenden zu erhalten. Aber was sie nun tatsachlich erlebt als Resultat 
der empfangenen Einwirkungen, ist sehr erheblich verschieden von der Summe 
der Empfindungen, die durch jene aufieren Reize an und fur sich hervor- 
gerufen werden konnten, d. h. von dem, was der Seele zum Bewufitsein kom- 
men wiirde, wenn sie blofi eine sinnliche Organisation besafle; es ist zugleich 
mitbestimmt durch die ganze ubrige Gesetzmafligkeit des Seelenlebens. Im 
Unterschied von dem blofien isoliert gedachten Empfinden bezeichnen wir 
dieses tatsachliche Erlebnis als Wahrnehmung. 

Wie anders sieht ein Zeitungsblatt aus, wenn man es aufrecht, als wenn 
man es verkehrt in die Hand nimmt. In dem einen Falle, bei verkehrter Be- 
trachtung, eine diffuse Vielheit unverstandlicher Einzelheiten, im anderen 
bestimmte und bekannte Dinge, sinnvoll geordnet zu einzelnen Gruppen oder 
einem grofieren Ganzen. Das erste ist das im wesentlichen durch die blofie 
Tatigkeit der Sinnc zustande gebrachte Resultat. Das andere ist das unter 
normalen Umstanden von der entwickelten Seele wirklich Erlebte. Die Ver- 
schiedenheit zwischen beiden aber beruht auf dem Walten von Aufmerksam- 
keit, Gedachtnis und Ubung. 
Auswahtcnder In jedem Wahrnehmungsakt kommt zunachst viel weniger zum Be- 

w a hraebm e ., c s S wufitsein, als nach den jeweilig auf die Seele einwirkenden objektiven Reizen 
an sich moglich ware. Je nach dem Gefuhlswert der Einwirkungen, nach den 
bisherigen Erfahrungen der Seele, nach den sie augenblicklich erfiillenden 
Gedanken rnachen sich einze'ne Inhalte vorwiegend geltend auf Kosten zahl- 
re:c:.cr anderer. ceren ob;ek:;ve Ursschen g'.eichr'alis vorhanden sind und die 
"ir.nescrgane a:::z:eren. Xur e:nen kleinen Ted der Dinge, die sich in jedem 
Mor.'.iT.: 3.1: rr.eir.er Netzhaut abbilden, nehme ich mit vollem Bewufitsein 
wahr unci 2u:h diese nur nach einigen ihrer Eigentiimlichkeiten; und wenn 
ich nun ger=.ce sichtbare Dinge wahrnehme, dann bleiben die gleichzeitig vor- 
har.denen h_r':^rer. oder tastbaren leicht unbeachtet. 
HcreichemJv-r Bafiir aber *r.~'z±.~. die Wahrnehmung andererseits wieder viel mehr, als 

\vahrnchmen=! nac - 1 cen e - :: "-"' -"ker. izT. :-'z ;ekiiven Reizen allein moglich ware: die Seele be- 
reichert und durch^eb: die rein sinnlich in ihr sich durchsetzenden Eindriicke 
sogleich mit rnannigfachen YorsteUungen auf Grund ihrer fruheren Erfah- 
rungen. Was sie unrer i.hr.i::hea Umstanden wie den gegenwartigen fruher 
regelmafjig oder haiiiig er.ei:: hat, das denkt sie jetzt ausdeutend in das sinn- 
lich Gegebene hir.ei" oder ergir.zend zu ihm hinzu, um so lebhafter und 
zwangsmaCiger, : e h^ufiger : er-e Erfahrungen gewesen sind. So sehen wir den 
Dingen ohne 7 .vei:ert= 3.-. wie sie =::h ar.fassen oder wie sie schmecken, ob 
sie heii3 oder kalt, sehwer oder lc:ch: sir.d. obwohl die sinnlichen Augen das 
natiirlich gar- nicht lehren kor.r.er.. Alles Sehen oder Horen von Entfernun- 
gen der Dinge von unserem Korper beruht auf solchen Ausdeutungen sinn- 
licher Zeichen, etwa der GroCe oder der Farbung von Gegenstanden oder der 
Starke von Gerauschen, durch hinzuassoziierte Vorstellungen auf Grund frii- 
herer Erfahrungen. Aber liberhaupt alles Kennen der Dinge, ihrer Eigen- 
schaften und ihrer Namen, alles \'erstehen ihrer Bedeutung und ihres Ge- 



Wahrnehmung', Sinnesiimschungeu 



/ J 



brauchs besteht in nichts anderem als in dem Hinzudenken der friiher durch 
die verschiedenen anderen Sinne von ihnen gewonnenen Eindriicke. Patho- 
logische Falls sind lehrreich fur den Yorgang. Durch krankhafte Prozesse im 
Gehirn werden jene assoziativen Bereicherungen bisweilen gestbrt; dann haben 
wir, wie sonst nur in der ersten Lebenszeit, ein rein sinnliches Empfinden ohne 
ein Erkennen und Verstehen der Objekte. Gewisse Kranke z. B. sind ohne 
nachweisbare Schadigung der Hautempfindlichkeit gleichwohl aufierstande, 
Gegenstande durch blofies Betasten zu erkennen (Tastlahmung); sobald 
man ihnen aber erlaubt, sie anzusehen, wissen sie, womit sie zu tun haben. 

Charakteristisch fiir die Wahrnehmung aber ist noch eine dritte Eigen- Gikdemdoi 
tiimlichkeit; es kommt uns in ihr eine ganz andereGliederung derDinge w^nehm<-»- 
zum Bewufltsein, als die bloOen Empfindungsreize bewirken wurden. Auch 
bei dem Anblick einer verkehrt gehaltenen Zeitung oder eines auf dem Kopf 
stehenden Bildes werden innerhalb des Ganzen einzelne Teile unterschieden. 
Aber es gt^chieht nach rein auCerlichen Gesichtspunkten. Die durch Ieere 
Zwischenraume voneinander getrennten oder etwa die schwarz eingerahmten 
Partien kommen in einer gewissen Sonderung zum Bewufltsein, ebenso zu- 
sammenhangende Flachen gleicher oder ahnlicher Farbung; aber das, was 
wir die sachliche Zusammengehorigkeit der Dinge nennen, spielt dabei gar 
keine Rolle. Ganz anders bei der Wahrnehmung des ausgebildeten Bewufit- 
seins. Bei einem fliichtigen Blick in ein Zimmer unterscheide ich ohne weiteres 
Tische, Stiihle, Bilder usw. als einheitliche selbstandige Dinge, ebenso bei 
einem Blick ins Freie einzelne Hauser, Baume, Wege usw. Aber es geschieht 
nicht mehr wegen des bloflen raumlichen Zusammenhanges der Teile dieser 
Dinge oder wegen anderer nebensachlicher Eigentumlichkeiten. Vielmehr 
fassen wir die Reizgruppen zusammenschlieCend und sondernd nach ihrer 
Zusammengehorigkeit auf, d. h. nach den Verbanden, in denen sie 
regelmaflig zusammen vorzukommen pflegen. Und wir verfahren 
so vermoge der Nachwirkung der Erfahrungen, in denen wir das regelmaflig 
Zusammenbleibende und das nur gelegentlich einmal Zusaramengeratene ken- 
nen gelernt haben. 

Die anscheinend so einfache und rein passive Aufnahme der aufieren 
Eindriicke in der sinnlichen Wahrnehmung ist also in Wahrheit ein recht ver- 
wickelter Vorgang. Die ganze Seele steckt dahinter und arbeitet auf solche 
Weise an der Verwirklichung ihrer Zwecke. In der weit uberwiegenden Mehr- 
zahl der Falle gelingt es ihr auch, diese zu erreichen. Allein doch nicht aus- 
nahmslos. Unter Umstanden entstehen vielmehr gerade aus jenen gesetz- 
mafiigen Betatigungen eigentumliche Verfehlungen des, wie man sagen darf, 
eigentlich Erstrebten, die als unvermeidliche Nebenwirkungen infolge der gro- 
flen Verwicklung der Dinge anzusehen sind. 

Das haufig Dagewesene ist, wie friiher schon gesagt, auch das in der Re- sinnes- 
gel Wiederkehrende. Wenn also die Seele bei der Wahrnehmung einzelner ausc unBen " 
Glieder einer haufig erlebten Gruppe von Eindrucken die iibrigen als Vorstel- 
lung hinzuerzeugt, noch ehe ihre sinnlichen Ursachen auf sie eingewirkt ha- 



176 Hermann Ebbinghaus: Psychologie 

ben, so ist das eine sehr zweckmafiige Vorwegnahme der objektiven Wirklich- 
keit, Aber die Natur geht nun doch ihre eigenen Wege. Wenn sie auch das 
friiher von ihr Gebrachte in der Regel wiederbringt, sie tut es nicht aus- 
nahmslos. Die Verwicklungen ihres Geschehens bringen nicht selten auch 
Abweichungen hervor: Wiederkehr einzelner Umstande eines Vorganges in 
einer anderen als der uberwiegend haufigen Verknupfung. An diesen Ab- 
weichungen mufi die Seele notwendig straucheln. Das ist der Fall in den so- 
genannten Sinnestauschungen. Wenn ich als Bewohner des Flachlandes 
auf klar und deutlich vor mir liegende Gegenstande zugehe, so habe ich sie 
nach vernal tn is mafiig kurzer Zeit in greifbarer Nahe. Allein im Hochgebirge 
sehen die Gegenstande auch in grofien Entfernungen noch klar und deutlich 
aus, und wenn ich nun auf Grund meiner weit uberwiegenden AUtagserfah- 
rungen ihnen eine geringere Entfernung andenke und andenken muB, so 
tausche ich mich. Ein Widerspruch also zwischen der durch die Gesetzmafiigkeit 
des Seelenlebens bedingten Vorwegnahme der objektiven Wirklichkeit und 
der durch die Gesetzmafiigkeit der Natur ausnahmsweise einmat abweichend 
gestalteten objektiven Wirklichkeit: das ist der allgemeine Typus der Sinnes- 
tauschungen. 

II. Die Erinnerung. Die Abstraktion. Wenn die geeigneten Ur- 
sachen in der Seele wirksam werden, um fruhere, assoziativ mit ihnen ver- 
bundene Wahrnehmungen als Vorstellungen zu reproduzieren, so geschieht 
ganz das gleiche vrie bei der Einwirkung aufierer Reize. Jene Ursachen setzen 
die ihnen an sich mogliche Wirkung, namlich die getreue Wiederbelebung des 
friiheren Erlebnisses, immer nur durch unter gleichzeitiger Mitbestimmung 
durch die Eigenart der Seele, d. h, die Erinnerungen sind geradeso wie die 
Wahrnehmungen selbst durchgangig mitbedingt durch die verschiedenen Ge- 
setzmafiigkeiten des Seelenlebens. 

Sie sind also zunachst luckenhafter und eingeschrankter als die Wahr- 
nehmungen und entfernen sich mithin in bezug auf Vollstandigkeit noch mehr 
als diese von dem Reichtura der objektiven Reize, die ihre aufieren Ursachen 
bilden. Man vergegenwartige sich eine Landschaft, ein StraBenbild, eine 
bekannte Person; stets fehlen eine grofie Menge von Einzelheiten, auch 
von solchen, die bei der Wahrnehmung selbst seinerzeit sicher zum BewuCt- 
sein kamen. Zugleich aber sind die Erinnerungen auch wieder reicher als die 
Wahrnehmungen. Sie enthalten Zusatze und Ausdeutungen, die aus anderen 
ahnlichen Wahrnehmungen assoziativ in sie hineingetragen werden, wie wenn 
etwa das Erinnerungsbild einer Landschaft durch einen Turm bereichert wird, 
der in Wirklichkeit an dicser Stelle nicht vorhanden war. Und endltch werden 
sie beeinfluCt und mehr oder weniger umgewandelt durch anderweitige in der 
Seele hervorgerufene Vorstellungen, so durch Fragen iiber das Wahrgenom- 
mene, durch die bestimmte Vorstellungen nahegelegt werden (Suggestiv- 
fragen), durch den Wunsch Eindruck zu machen, zu imponieren u. a. Er- 
innerungsbilder sind also nicht nur gelegentlich und ausnahmsweise, sondern — 
wie man neuerdings auch durch direkte Versuche iiber Erinnerungstreue be- 



Erinnerung. Abstraktion jjj 

statigt hat — ganz naturgemafi und gesetzmaBig ungenaue Wiedergaben des 
Wahrgenommenen, obschon sie natiirlich nur selten, zumal bei der Uberein- 
stimmung mehrerer voneinander unabhangiger Beobachter, ganz und gar un- 
zuverlassig sind. 

Auf jenen Ausdeutungen und Umgestaltungen der Erinnerungsbilder 
durch hineinassoziierte oder neben ihnen bestehende \ orstellungen beruht die 
sogenannte Phantasie, keine neue und von den anderen abzulosende Grund- 
funktion der Seele also, sondern ein Resultat derselben elementaren Betati- 
gungen, die, in anderen Verhaltnissen zusammenwirkend, die ihr insgemein 
entgegengesetzte Erinnerung liefern. Hier soil indes nicht diese Seite der 
Sache, sondern vielmehr die zuerst erwahnte Liickenhaftigkeit der reprodu- 
zierten Vorstellungen etwas weiter verfolgt werden. 

Sie beruht zunachst wie die der Wahrnehmungen auf der auswahlenden tfnt 5 tohu»g 

° abstrakter 

T&tigkeit des Aufmerkens. An den Dingen, die urs in der Wahrnehmung vomoiimigai 
zum Bewufitsein kommen, interessiert nicht alles in gleicher Weise. Dem Kinde 
z. B. ist an einer Tascher.uhr, wenn es auch manches andere daran bemerkt, 
vor allem das Ticken und das Glitzern des goldenen Gehauses interessant, an 
einem Hunde das furchterweckende Bellen oder die Vierbeinigkeit. Wenn nun 
die Wahrnehmungen der Uhr oder des Hundes zugleich haufig mit irgend- 
einem anderen und stets gleichen Eindruck verbunden vorgekommen 
sind und dann spater einmal durch die Wiederkehr dieses Zeichens als Vor- 
stellungen reproduziert werden, so werden diese Reproduktionen bei weitem 
nicht alles enthalten, was in der Wahrnehmung bewufit wurde, sondern nur 
einen Auszug daraus, eben jene vorwiegend interessierenden Einzelheiten, 
z. B. die blofie Vorstellung des Tickens oder des Bellens. 

In ahnhcher Weise aussondernd aber wirkt ein anderer Umstand: die 
Tatsache namlich, dafi die Reizgruppen der Aufienwelt und damit auch die 
von ihnen hervorgerufenen Wahrnehmungen weder immer genau dieselben 
noch auch immer vollig andere sind, sondern in einer gewissen Mischung von 
Gleichheit und Verschiedenheit wiederkehren. Die ubereinstimmenden Zuge 
gleichartiger Gebilde miissen naturgemaC ungleich haufiger wahrgenommen 
werden als die nicht ubereinstimmenden, da jene immer vorhanden sind, diese 
nur in einzelnen Fallen. Daher drangen sich die gemeinsamen Glieder auch 
bei der Reproduktion starker in den Vordergrund; sie werden leichter vor- 
gestellt als die anderen; diese dagegen storen sich wechselseitig wegen ihrer 
grofien Anzahl. Und bei der Wiederkehr eines mit ahnlichen Wahrnehmungen 
assoziierten gleichen Zeichens werden daher die ubereinstimmenden Glieder 
mehr und mehr von den nicht ubereinstimmenden abgetrennt und fur sich 
allein vorgestellt. 

Die GesetzmaCigkeiten des Seelenlebens bewirken somit fur das Vor- 
stellen einen eigenartigen Effekt: sie Ibsen es ab in unvergleichlich hoherem 
Mafie, als bei der Wahrnehmung der Fall ist, von den zufallig gegebenen Ver- 
banden der aufieren Eindriicke und bringen Vorstellungen hervor, sei es blofi 
von einzelnen hervorstechenden Ziigen der wahrgenommenen Dinge (abstrakte 

Die Kultur der Gegenwart. I. 6 12 



178 Hermann Ebbinghaus: Psychologie 

Vorstellungen), sei es von den einer Gruppe objektiver Dinge gemeinsamen 
Ziigen (AUgemeinvorstellungen), was beides haufig auf dasselbe hinaus- 
kommt. Die Seele bildet, und zwar nicht etwa willkiirlich und in bewuflter 
Erstrebung irgendeines Zwecks, sondern in vdllig absichtsloser Betatigung 
jhrer Eigenart, Vorstellungen, die in der tatsachlich. gedachten Einfachheit 
und Isolierung objektiv gar keine Vorbilder haben, deren Dasein in ihr selbst 
aber doch keinen Moment zweifelhaft sein kann, so z. B. die Vorstellung einer 
blofien Lange oder der blofien Farbe rot oder die Vorstellung von Farbe im 
allgemeinen, von einem Hunde, einem Baume im allgemeinen usw, 
Bedeutuug d rs Diese Bildungen sind fur alle hohere geistige Entwicklung von aufier- 

Abstrah.ercns orc ientlicher Bedeutung. Nur auf zweierlei sei hingewiesen. Erstlich wird da- 
durch jene sachliche Gliederung der sinnlich gegebenen Komplexe, auf deren 
Anfange oben (S. 17*) bei der Wahrnehmung hingewiesen wurde, weiterge- 
fiihrt. Die uns umgebenden und von uns wahrgenommenen Dinge bilden zu- 
meist eine fiir unsere Einsicht zufallig zusammengeratene, bunte und ver- 
wirrende Vielheit. Indem uns nun bei der gedanklichen Wiederbelebung der 
Eindriicke nur einzelne Ziige bewuBt werden, die zugleich durchweg einer 
Mehrheit von Dingen gemeinsam sind, indem wir also das Allgemeine an 
den Dingen herausdenken, ordnen wir sie geistig nach Klassen und Arten. Wir 
Ibsen sie heraus aus den Zufallig keiten der Umgebung und den Besonderheiten 
des einzelnen Falles und bringen sie zusammen nach ihren inneren Beziehungen, 
nach ihrer Verwandtschaft, wie wir sagen, und so gelangen wir allmahlich dazu, 
die ungeheure Mannigfaltigkeit des zusammenhanglos Gegebenen mit dem gei- 
stigen Auge ingeordneten Systemenzu iiberschauen. Zugleich aber haftet 
an dem Allgemeinen fur uns zumgu ten Teil die Erkenntnis des Gesetzmafiigen 
in dem Verhalten der Dinge, die uns doch erst ihre Beherrschung ermoglicht; 
das Einzelne und Individuelle ist dazu zu reichhaltig und verwickelt. Die Auf- 
findung von Ordnung also und Gesetz ist eine Wirkung des Abstrahierens. 
Aiaiogie. Falls nur einzelne Glieder eines durch Abstraktionsprozesse zustandc ge- 

kommenen Vorstellungsverbandes gegeben werden, so haben sie naturgemafi, 
audi wenn sie in einer ganz anderen als ihrer gewohnten Begleitung auftreten, 
die Tendenz, die iibrigen zu reproduzieren. Darin besteht im wesentlichen 
der Vorgang, den man als Denken nach Analogie bezeichnet. Im Deut- 
schen sind die Substantiva auf e in der Regel weiblichen Geschlechts; zwischen 
der blofien Endung e und dem weiblichen Artikel bildet sich daher ein en- 
gerer Zusammerihang, unabhangig von der Bedeutung der Worte. Dadurch 
wird z. B. die Sonne im Deutschen gegen den Gebrauch aller verwandten Spra- 
chen ein Femininum, und wenn Fremdworte auf e in das Deutsche aufgenom- 
men werden, so werden sie in der Regel durch Analogie weiblich, auch gegen 
ein abweichendes Geschlecht in ihrer urspriinglichen Sprache; so Etage, Loge, 
Blamage. Nachdem bei einer Anzahl von Infektionskrankheiten mikrosko- 
pisch kleine Organismen als Trager der Ansteckung nachgewiesen waren, 
konnte niemand, der um diesen Zusammenhang wufite, an die iibrigen Infek- 
tionskrankheiten denken, ohne fiir sic nach Analogie das Gleiche vorzustellen. 



Abstraktion. Die Sprache I yg 

III. Die Sprache. Allgemeinvorstellungen entwickeln sich zweifellos 
aueh bei hoheren Tisren, da diesen ja Aufmerksamkeit und Gedachtnis, ihre 
subjektiven Grundlagen, sicher nicht abgehen. Ein stubenreiner Hund be- 
sitzt offenbar eine Vorstellung von „Stube" im allgemeinen wie auch von 
„draufien" im allgemeinen. Immerhin konnen diese mit den bloflen Fahig- 
keiten der Tiere gewonnenen Gebilde eine grofie Hohe der Abstraktion und 
damit eine grofie Bedeutung nicht erreichen. Zum Zustandekommen von 
Allgemeinvorstellungen ist namlich erforderlich, wie gezeigt, dafi die nur teil- 
weise miteinander iibereinstimir.enden Wahrnehmungen haufiger mit ein und 
demselben anderweitigen Eindruck verbunden erlebt werden, durch dessen 
Wiederkehr sie dann als Vorstellungen geweckt werden. In dem natiirlichen 
Verlauf der Vorgange der Aufienwelt aber begegnen solche Verbindungen bei 
Dingen von groCer Verschiedenheit nur selten. Was gibt es wohl, was da in 
stets gleicher Beschaffenheit die Wahrnehmungen samtlicher Baume oder Bu- 
cher, Uhren usw. reselmafiis und doch auch wieder leicht abtrennbar be- 
gleitete? Man wird kaum etwas nennen konnen. Von aufierordentlicher Wich- 
tigkeit ist es daher, dafi der Mensch eine Fahigkeit besitzt, die ihm diesen 
Mangel aufs vollkommenste ersetzt. Was die Natur ihm nicht bietet: gleich- 
bleibende Zeichen in regelmafiiger Verkniipfung mit den halb gleichartigen, 
halb wechselnden Wahrnehmungen, das hat er aus sich heraus geschaffen und 
damit ein Mittel gewonnen, das abstrahierende Denken zu seiner hbchsten 
uberhaupt denkbaren Vollkommenheit zu steigern. Diese Schbpfung ist die 
Sprache. 

Fsychologisch betrachtet ist die Sprache ein durch feste Assoziationen 
zusammengehaltener Verband von zwei Bestandteilen, den Satzen und Wor- 
ten auf der einen, und ihrer Bedeutung, den Sachen, auf der anderen Seite. 
Als Vertreter des zweiten Bestandteils konnen alle moglichen seelischen In- 
halte auftreten: Empfindungen, Vorstellungen, Gefuhle; alle diese in jeder 
beliebigen Einfachheit, Verwicklung oder wechselseitigen Durchdringung. Die 
Vertreter des ersten Bestandteils dagegen entstammen stets bestimmten Klas- 
sen von Empfindungen, und stets nur einer kleinen Mehrheit von ihnen. Sieht 
man ab von der geschriebenen und gelesenen Sprache, die doch erst eine ver- 
haltnismaCig spate Errungenschaft ist und auch nur von einer niafiig grofien 
Minderheit der sprechenden Menschen erlernt wird, so sind es wieder zwei Be- 
standteile, die nun das eigentliche Wesen der Worte und Satze ausmachen: 
Tone und Gerausche, hervorgebracht durch die Tatigkeit der Sprachorgane, 
und die von eben dieser Tatigkeit herriihrenden Bewegungs- und Lageemp- 
findungen, Gehbrseindriicke also und kinasthetische oder Sprecheindriicke. 

Die groCe Bedeutung aller dieser Verknupfungen beruht natiirlich zu- n e d eU hi nt ; d lir 
nachst auf der ungeheuren Wichtigkeit, die die Sprache als Verstandigungs- Sprache - 
mittel fiir das menschliche Gemeinschaftsleben besitzt. Allein ganz abgesehen 
davon ist sie auch fiir das individuelle Seelenleben und seine Entwicklung 
von hbchstem W 7 ert. Sie ermbglicht, wie eben schon gesagt, eine Steigerung 
des abstrahierenden Denkens bis zu den auCersten erreichbaren Hbhen, die 

12* 



1 80 Hermann Ebbinghaus : Psychologie 

vollstandigste Auflosung des in der Anschauungs-, Gedanken- und Gefuhls- 
welt Gegebenen bis in seine letzten Elemente und deren Umordnung zu neuen, 
zunachst nach ihrer Ahnlichkeit gegliederten und dann nach mancherlei Zwek- 
ken zusammengefiigten Verbanden. Was waren Vorstellungen wie Tonhohe, 
Irrationszahl, Atomwarme, Wirklichkeit, Seligkeit ohne die Sprache? sie 
sind schlechthin undenkbar ohne sie. Diese Steigerung der Abstraktion be- 
deutet aber zugleich Steigerung der Macht unseres Denkens uber die Dinge 
in verschiedenen Hinsichten. Einmal in der Auffindung der die Dinge beherr- 
schenden Gesetzmafligkeiten. Physikalische Gesetze, chemische Gesetze, 
sprachliche, psychologische u. a. Gesetze hangen iiberwiegend an der Bildung 
hoher Abstraktionen: Beschleunigung, elektromotorische Kraft, Molekular- 
gewicht, Lautwandel usw. Ohne die Sprache ist keine Rede von diesen, also 
auch nicht von der Erkenntnis der Gesetze. Sodann ist hohere Abstraktheit 
gleichbedeutend mit einem grofieren Umfang der Vorstellungen, mit einer 
grofieren Fiille von Dingen, an denen die gedanklich herausgegriffenen wenigen 
Ziige sich fin den, d. h. sie ist gleichbedeutend mit einem grofieren Reichtum 
des stellvertretenden Denkens. Man nehme einen beliebigen allgemeinen Satz: 
etwa ein Wort Friedrichs des Grofien: ,, Jesus hat keinerlei Dogmen auf- 
gestellt, aber die Konzilien haben gut dafiir gesorgt", oder einen Vers eines 
Gedichtes: ,, Fullest wieder Busch und Tal still mit Nebelglanz", oder einen 
allgemeinen Hinweis auf kollektivisch zusammengefaBte Dinge: ,,Die Ereig- 
nisse der letzten 30 Jahre". Welche Fiille von Anschauungen, Gedanken, Zu- 
sa rumen hangen, Stirr.mungen wird dadurch angeschlagen ! Direkt bewuf3t 
wird davon iuu-erst wenig; nur gerade so viel klingt mit, wie zum Verstand- 
nis der Worte eriorderiich ist. Aber der ganze iibrige Reichtum wird dem Be- 
wuCtsein r.ahe gebracht. unmittelbar bereitgestellt zur Verfiigung der Seele 
und zum Dier.st an ihren Zwecken, falls besondere Umstande ein naheres Ein- 
gehen notig riichen, ohne sie doch nennenswert zu belasten, solange solchc 
Umstande fehler.. 

Zugleich aber leiitet die Sprache noch einen weiteren, uberaus wichtigen 
Dienst. Die von den c'.eichen auBeren Eindrucken hervorgerufenen und so 
auch die mit den gleic'nen Wort en verbundenen Vorstellungen sind mannig- 
fach verschieden von Indiv:cuum zu Individuum, ja sogar fiir ein und dasselbe 
Individuum von einer eiger.turrJichen Unstetigkeit und Fliichtigkeit. Das 
ist nicht ohne erhebliche Na:h:ei'e: die Beachtung zufalliger Eigentiimlich- 
keiten der Dinge trit: \;el:ach s.r. cie Stelle der groBen und allgemein wichtigen 
Grundzuge ihres Seins \ir.d Verbal tens; iiitteilung und richtiges Verstandnis 
der Gedanken werden erschvs-ert. Die Sprache nun ermoglicht, wenn auch 
nicht eine Beseitigung, so doch eine weseniiiche Einschrankung dieser Mangel. 
Sie legt die Bedeutung der die Dinge bezeichnenden Worte fest durch Beigabe 
einer Anzahl von naher eriauternden und bestimmenden Worten, durch eine 
Definition, und erhebt dadurch das unbestimmte und schwankende Vor- 
stellen zum begrifflichen Denken. Was heifit im taglichen Leben nicht 
alles Energie, Masse, Freiheit! Aber der Physiker definiert: Energie ist fiir 



Die Sprache. Das Denken 181 

mich die Fahigkeit, mechanische Arbeit zu Ieisten, weiter nichts, der Philosoph: 
frei ist ein Wesen, das unbehindert durch auCeren Zwang allein aus der Ge- 
setzmafiigkeit seiner Natur handelt; und die definierten Worte erhalten so 
eine fur alle ubereinstimmende und konstante Bedeutung. Freilich, genau ge- 
nommen gilt von den definierenden Wort en wieder dasselbe wie von den Wor- 
ten iiberhaupt: auch ihr Sinn ist nicht vollig bestimmt und fest begrenzt; um 
es zu werden, miifiten auch sie erst wieder definiert werden usf. Der Begriff 
ist also, sofern er eine vollkomrr.cn bestimmte und fur alle jederzeit identische 
Vorstellung sein soil, nie zu Ende zu denken; er ist eine Forderung, zu deren 
Erfullung ein kurzer Anlauf ger.ommcn wird, um dann abzubrechen. Gleich- 
wohl ist auch so schon der Gewinn gegeniiber dem nicht begrifflichen Denken 
ein ungeheurer; alles umfassendere Wissen, die Wissenschaft, beruht darauf. 

IV. Das Denken. Entwickelt sich aus dem Wahrnehmen nach der 

einen Seite, sozusagen in der Richtung der Hohe, das abstrakte Vorstellen, 
so nach der anderen, in die Breiie und Weite, nicht getrennt von jenem, son- 
dern sich seiner bedienend, das Denken und Xachdenken. 

Was ist das, Denken? d. h. geordnetes und zusammenhangendes Denken ? 
Vielleicht wird verstandlicher, was es ist, wenn zuvor gesagt wird, was es nicht 
ist, wozu es im Gegensatz steht. 

Einmal ist Denken nicht Traumen. Die Teile eines Traumes hangen zu-wcsen .t* 
meist zwar zusammen. Aber sie hangen uberwiegend zusammen wie die Glie* 
der einer Kette, je eines mit seinen beiden Nachbarn. Etwas, was mit ihnen 
alien verbunden ist und sie samtlich zu einer Einheit zusammenschliefit, 
fehlt. Die hochsten Grade dieses bloB kettenhaften Zusammenhangens zeigt 
bisweilen das ideenfliichtige Vorstellen der Irren. 

Sodann ist Denken nicht Griibeln, nicht dauerndes Verharren oder im- 
mer wiederholtes Zuriickkehren einer einzigen, in stets gleicher Weise sich 
darbietenden Vorstellung, v&e wenn man fortwahrend von einer bangen Er- 
wartung gequalt wird oder.-eine Melodie nicht loswerden kann. Auch dieser 
Gegensatz zeigt seine hochsten Grade in Zustanden geistiger Erkrankung: in 
den Zwangsvorstellungen der^ Irren, z. B. in der das ganze Dasein beherrschen- 
den Vorstellung, siindhaft und schlecht zu sein. 

Geordnetes Denken, kann man sagen, ist ein Mittleres zwischen Ideen- 
flucht und Zwangsvorstellungen. Es besteht in einer Abfolge von Vorstel- 
lungen, die nicht blofi als Glieder einer Reihe assoziativ zusammenhangen, 
sondern zugleich einer anderen, sie beherrschenden Vorstellung unter- 
geordnet und eingeordnet sind, zu der sie samtlich Beziehungen haben und 
durch die sie zu einem Ganzen verbunden werden. Ein einheitlicher Gedanke, 
wie der an meinen Beruf, an irgendein Erlebnis, die Zukunft Deutschlands, 
geht in dem Denken in geordneter Folge in die Teilgedanken auseinander, die 
in ihm enthalten sind. Ist diese Entfaltung erfolgt, so macht die bis dahin 
herrschende Vorstellung einer anderen Platz; das Denken schreitet fort. Da- 
bei konnen die verschiedenen Obervorstellungen, die so einander ablosen, 



1 8 2 Hermann Ebbingwaus : Psychologic 

selbst bloB reihenweise zusammenhangen, auch durch neue Wahrnehmungen 
ganz auBer Zusammenhang mit dem Bisherigen hervorgerufen werden. Oder 
sie konnen wieder gruppenweise hoheren Obervorstellungen untergeordnet sein, 
diese abermals hoheren usw., so daB das Ganze unter Umstanden ein hochst 
umfassendes und reichgegliedertes System von herrschenden und dienenden 
Vorstellungen verschiedenen Grades bildet. Beim absichtlichen Denken z. B. 
ist alles Ubrige immer dem Zielgedanken untergeordnet. So verhalt es sich 
ferner mit einem wohlgeordneten Vortrag, so mit den Abschnitten, Kapiteln 
und schliefilich dem Gesamtinhalt eines Buches usw. 

Rricmen. Wie das die sinnlichen Eindrucke erganzende und ausdeutende Wahr- 
nehmen vielfach das sinnlich Erfahrbare vorwegnehmend abbildet, noch ehe 
es direkt auf die Seele eingewirkt hat, so auch das von den sinnlichen Erleb- 
nissen freier sich loslosende Denken. Sein Inhalt stammt aus Erfahrungen, 
wird besonders stark beeinflufit von den haufigst wiederholten Erfahrungen 
— begreiflich bei der Gleichfbrmigkeit des objektiven Geschehens, daB er 
unter Umstanden auch mit tatsachlich zu machenden Erfahrungen zusammen- 
trifft, zumal offenbar die starksten Interessen dem Menschen Veranlassung 
geben, solches Zusammentreffen zu suchen. Vom Standpunkte dieser Bezie- 
hung zu dem Erfahrbaren haben die Gedankenbildungen besondere Namen. 
Das, was mit mbglichen Erfahrungen des Denkenden ubereinstimmt, heiBt 
Wahrheit, Erkenntnis, das, was nicht ubereinstimmt, Irrtum. Er- 
kenntni5.se ucd Irrtumer sind wie Wahrnehmungen und Sinnestauschungen 
gesetzrr.aGige Ergebnisse des seelischen Getriebes; die Eigenart des Seelen- 
lebens in Yerbindung mit der des auBeren Geschehens fiihrtmit Notwendigkeit 
zu den einen wie zu den anderen. 

v-r*>i.d Aber freilich, die Produktion von Wahrheiten in verschiedenen Seelen 
ist eine auBerst verschiedene. Zum Teil, weil z. B. durch die Wucht reicherer 
Erfahrungen ganz ohne Willkiir und Absicht die Reproduktionen in einer hau- 
figeren und besseren Anpassung an das Erlebte verlaufen mussen, 2um Teil 
aber auch, weil die Fahigkeit des erkennenden Denkens schon von Hause aus, 
als naturliche Anlage, in den einzelnen Individuen sehr verschieden ist, Man 
bezeichnet diese Fahigkeit als Verstand, Klugheit, Intelligenz; worin 
besteht sie? Nicht etwa allein in einem guten Gedachtnis, sofern hierunter 
die Fahigkeit einer besonderen getreuen oder nach besonders Ianger Zeit noch 
moglichen Reproduktion bestimmter Erlebnisse verstanden wird. Intelligenz 
ist nicht ohne ein gutes Gedachtnis in diesem Sinne, aber das Gedachtnis ist 
fiir sie wichtig r.ur sozusagen durch die Lieferung des Materials. Auch bei 
Dummen, selbst bei Idioten findet man oft eine erstaunliche Fahigkeit des 
getreuen Behaltecs von Daten, Yersen, Melodien u. a. Nur den einfachsten 
und haufigst wiederkehrenden Kombinationen des objektiven Geschehens ver- 
mag ein gutes Gedachtnis das Denken anzupassen; verwickelten Verhaltnissen 
gegeniiber versagt es; es muB noch etwas hinzukommen. 

Ein Diener habe einen Auftrag auszufuhren, aber diese Ausfuhrung er- 
weise sich aus irgendeinem Grunde als unmbglich. Fiir den Dummen ist da- 



Das Denken. Der Glaube 183 

mit die Sache erledigt. Der Fall der Unausfiihrbarkeit ist von seinem Auf- 
traggeber nicht vorgesehen; er verbindet daher keine Vorstellung damit, aufier 
der, dafi er nun nichts welter zu tun habe und nach Hause zuriickkehren kbnne. 
Das Denken des lntelligenten ist umfassender. Es klebt nicht an dem bloBen 
Auftrag, sondern reproduziert auch den Herrn, der ihn gegeben hat, und an- 
deres, was nach der Analogie ahnlicher Falle damit in Verbindung steht. Was 
mag der Auftrag fiir einen Zweck gehabt haben? Gibt es nicht noch andere 
Mittel, diesen zu erreichen ? usw. 

Beschranktheit des Gesichtskreises also und starres Verlaufen der Re- 
produktionen in den gewohntesten Bahnen auf der einen Seite, dagegen Urn- 
sicht und Beweglichkeit des Denkens bei gleichzeitiger Fest- 
h a 1 1 u n g eines herrschenden Gedankens oder eines einheitlichen 
Zweckes auf der anderen, das sind die unterscheidenden Eigentiimlichkeiten 
von Dummheitund Intelligenz. Nicht Gedachtnis allein ist es, noch Aufmerk- 
samkeit allein, was als elementare seelische Betatigung der Klugheit zu- 
grunde liegt, sondern beide vereint und beide wiederum in gleichzeitiger 
und hoherer Ausbildung der verschiedenen Seiten, die sich an 
ihnen unterscheiden lassen: Treue, Reichtum und Promptheit des Ge- 
dachtnisses, Energie der Konzentration und doch auch umfassende Weite und 
Beweglichkeit des aufmerksamen Denkens. 

V. Der Glaube. Indes, das Gesagte bedarf einer Erganzung. Man redet 
von Wahrheiten und Erkenntnissen in einem zwiefachen Sinne. In dem einen 
war bisher von ihnen die Rede; danach sind «ie gedankliche Bildungen, die die 
Eigenschaft haben, mit einer aufierhalb der Gedankenwelt des Vorste lien den 
vorhandenen Wirklichkeit ubereinzustimmen, objektiv ubereinzustimmen, 
einerlei ob dieses Verhaltnis selbst gedacht wird oder nicht. In dem anderen 
Sinne dagegen sind sie Gedankenbildungen, die subjektiv vorgestellt wer- 
den als jene Ubereinstimmung besitzend, Gedanken, verbuuden mit 
dem Glauben an ihre Wirklichkeit, mit der Uberzeugung von dem Vorhan- 
densein eines ihnen entsprechenden Objektiven. Die verbreitete Meinung ist 
gewifi, da6 beides zusammenialle, dafi das Wesen der Erkenntnisse eben darin 
bestehe, gleichzeitig objektiv richtig und subjektiv zwingend zu sein. Allein 
wenn auch diese Vereiuigung iiberaus haufig verwirklicht sein mag, sie ist 
es nicht entfernt ausnahmslos. Es gibt objektive Wahrheiten, um sie kurz 
so zu nennen, die nicht im mindesten geglaubt werden; bei jeder Verwerfung 
einer Lehre, die sich hinterher doch als richtig erweist, ist es der Fall. Und 
ebenso gibt es umgekehrt subjektive Wahrheiten, die von dem starksten 
Glauben getrageri werden, die um den Preis des eigenen Lebens nicht dahin- 
gegeben werden, denen aber doch unmoglich eine objektive Wirklichkeit ent- 
sprechen kann. Objektive Richtigkeit und subjektive Evidenz sind also nicht 
sich deckende, sondern sich kreuzende Eigeuschaften unserer Vorstellungen; 
sie miissen daher wohl auseinander gehalten werden. 

Wie nun die Seele zu dem einen, dem objektiv richtigen Denken, not- 



1 84 Hermann Ebbinghaus : Psychologic 

wendig gelangt, sahen wir. Es fragt sich, wie kommt sie zu dem anderen, 
dem mit Glauben verbundenen Denken, und wie betatigt sie es? 
Entstehong dca Der Glaube besteht, wie soeben gesagt, in der Vorstellung, dafi etwas 

wirklich sei oder der Wirklichkeit angehbre. Sein Gegenteil ist das Nicht- 
glauben oder der Unglaube, die Vorstellung der Nichtwirklichkeit von etwas. 
Diese beiden nun, Wirklichkeit und Nichtwirklichkeit, gehoren aufs engste 
zusammen, wie rechts und links, oben und unten. Jene ist nichts Verstand- 
liches ohne den Gegensatz zu dieser. Wie sollte aber Nichtwirklichkeit eine 
ursprungliche Vorstellung sein? Das ganz junge Kind weifi von beiden nichts. 
Es hat Empfindungen und hat Vorstellungen, aber es hat sie schlechthin und 
ohne Nebengedanken von einem solchen Unterschied. Indes es macht sehr 
bald Erfahrungen, die ihm den Unterschied aufdrangen. Das Kind ist hung- 
rig. Es schreit; zugleich denkt es in Reproduktion fruherer Erfahrungen an 
die Nahrung, die dem Hunger abhilft, und an die Mutter, die sie herbeibringt. 
Und siehe da, die Tiire off net sich, die Mutter mit der Nahrung tritt in der 
Tat herein, in vielen Hinsichten sehr ahnlich der vorher vorgestellten Mutter, 
aber zugleich doch auch von dieser auffallend verschieden durch die sinnliche 
Lebhaftigkeit und AufdringHchkeit, die Greifbarkeit und Bestimmtheit ihrer 
Gestalt und ihrer Worte. Zu einer anderen Zeit phantasiert das Kind. Das 
Zufallsspiel seiner Assoziationen gaukelt ihm seltsame Gestalten vor: huld- 
voile Prinzen mit goldenen Kronen auf dem Kopfe und den herrlichsten Ga- 
ben in der Hand. Aber wie es sich auch umschauen mag, die entsprechenden 
;inri:chen Erlebnii.se hierzu begegnen ihm nicht, sondern nur widersprechende. 
Katiirlich gehen diese Erlebnisse in ihrem ganzen Zusammenhang dann ein 
in das weitere Yorstellungsleben des Kindes. Hat es spater einmal wieder 
Veranlassung, nach der Mutter zu schreien, so stellt es nicht mehr einfach diese 
vor, sondern den ganzen fruheren Vorgang: die Ablosung der blassen und 
schattenhaften Vorstellung durch die sinnlich wahrgenommene Mutter und 
das Verhaltnis zwischen beiden, ebenso fur seine Traumereien die Verschieden- 
heit des hinterher sinnlich Geschauten von dem vorher Gedachten und die 
Unvereinbarkeit beider. Hunderte und aber Hunderte solcher Erfahrungen, 
die ja fur die Interessen des Kindes von der hochsten Bedeutung sind, miissen 
allmahlich ein Zwiefaches bewirken. Einmal bahnen sie eine immer tiefer 
werdende Furchung an in der Gedankenwelt des Kindes. Es wird darauf auf- 
jCrksam: zu den und den Vorstellungen gibt es vollkommen ahnliche oder 
■'liprcchende Erlebnisse, nur nicht von dieser matten und gleichsam kbrper- 
citn Ecsthaifer.heir, sondern von hochster Lebhaftigkeit und Eindringlich- 
keit und groLer Bestandigkeit; zu den und den anderen Vorstellungen dagegen 
indet sich dergleichen niemals: das sinnlich Gesehene vielmehr widerspricht 
hnen, sie existieren blofi als fluchtige Schemen. Zugleich aber vollzieht sich, 
da ja diese Erfahrungen nicht nur fur gesehene, sondern auch fur gehorte, ge- 
tastete usw. Dinge gemacht werden, eine Abstraktion. Dei: charakteristische 
Unterschied der beiden Gruppen, lernt das Kind, liegt darin, dafi die der eineti 
angehorigen Bildungen auf irgendeine Weise sinnlich wahrgenommen wer- 



Der Glaube 1S5 

den, daG sie, in beliebiger Auspragung, jenes Bestimmte und DeutHche an sich 
haben, was dem sinnlich Gesehenen, Getasteten, Gerochenen usw. gemeinsam 
ist, wahrend die Bildungen der anderen Gruppe unter dem sinnlich Wahrgenom- 
menen nicht vorkommen. Damit aber unterscheidet das Kind gewisse seiner 
Vorstellungen alswirklich von anderen alsunwirklich. Dennnichts anderes ist die 
urspriingliche Bedeutung dieser Worte als: zugehorig zu der Welt der sinnlich 
wahrgenommenenDinge, weil in wichtigen Eigentumlichkeitenm.it ihnen gleicher 
Art, oder ausgeschlossen von dieser Welt und beschrankt auf die der Gedanken. 

Sind die Vorstellungen des Wirklichseins und Xichtwirklichseins aber erst Notwer<% c 
einmal gewonnen, so fin den sie bald ausgiebige Verwendung. Xach den em- k '" t dwiuiidcK. 
drucksvollen Fallen geben auch minder eindrucksvolle Veranlassung zu ihrer 
Bildung; schliefilich werden sie nach bloBer Analogie auch in Fallen gedacht, 
wo an und fur sich solche Veranlassung nicht vorliegt. Dabei aber wird nun 
ein Unterschied von der ueitertragenden Bedeutung fiir das ganze Seelen- 
leben, Aus der Wahrnehmucg entstammen doch schliefilich alle Vorstellun- 
gen. Ihre Verkniipfungen freiiich linden sich nur zum Teil unter dem Wahr- 
genommenen, zurn Teil widerstreiten sie ihm; aber die Elemente auch der 
widerstreitenden Kombinationen sind wahrgenommen worden und finden sich 
einmal wieder in sinnlicher Wahrnehmung. Weil dem so ist, sind offenbar die 
Veranlassungen zum Denken von Wirklicbkeit unvergleichlich viel zahlreicher 
als zum Denken von Nichtwirklichkeit. Dadurch aber raufi sich erne viel star- 
kere Gewohnheit des Wirklichkeitsdenkens ausbilden als seines Gegenteils, 
und fiir die analogische Ubertragung auf an sich neutrale Falle kommt mit- 
hin fast nur die Wirklichkeitsvorstellung in Betracht. Anders ausgedriickt 
heifit das: das Kind, das ursprunglich weder Glauben noch Nicht- 
glauben kannte, dann aber beides gelernt hat, wird zunachst 
ungeheuer leichtglaubig. 

Kleine Kinder glauben bekanntlich so gut wie alles. Die Beschranktheit 
ihrer Erfahrungen gestattet ihnen nur in wenigen Fallen eine Kontrolle der 
in ihnen geweckten Vorstellungen auf Einstimmigkeit oder Widerstreit mit 
dem Wahrnehmbaren. Aber wo sie fehlt, bleiben sie nicht etwa zuriickhaltend 
und neutral, sondern zeigen eine weit iibenviegende Tendenz des Fiirwahr- 
haltens. Die Sprache, die die ZugehOrigkeit zu der wirklichtin Welt und die 
zu der blofien Gedankenwelt allgemein mit demselben \\ orte ,,sein" bezeichnet, 
untersttitzt sie darin; aber dafi sie es tut, ist doch auch nur eine Folge jener 
primitiven Leichtglaubigkeit. Unablassig erweitcrn sich jedoch die Erfah- 
rungen des Kindes, und diese Erweiterung vollzieht dann an der Fulle des 
ursprunglich Geglaubten eine zwiefache Arbeit, die zumeist das ganze Leben 
hindurch fortschreitet. 

Erstlich wirkt die Erfahrungserweiterung korrigierend und zuriickdrangend Ambiid^g d. s 
auf den Glauben. Was den zunehmenden Erfahrungen "widerstreitet, wird IjaubenT 
ausgestoBen aus dem Kreise des Geglaubten und mit Bewufitsein als Marchen 
und Fabel vorgestellt. Zum andern aber gibt dieselbe Erweiterung des Ge- 
sichtskreises dem Glauben auch seine festeste Stiitze und seinen sichersten 



1 86 Hermann' Ebbinghaus: Psychologic 

Halt. Sie bringt zahlreiche Einzelerfahrungen und vereinzelt Geglaubtes in 
einen grofien einheitlichen Zusammenhang und verknupft dadurch alles 
in gleicher Weise mit der absoluten Grundjage aller Wirklichkeit und der 
hbchsten Norm aller Gewifiheit, mit meinen gegenwartigen sinnlichen Wahr- 
nehmungen, iiberhaupt meinem ganzen Dasein in diesem Augenblick. Wenn 
ich, sei es auch noch so fluchtig und durch gedrangteste Stellvertretung, den- 
ken muB, daG ich mit derselben Greifbarkeit und Deutlichkeit, mit der ich 
jetzt dieses Papier und die daraufstehenden Worte sehe, zu der und der be- 
stimmten und seitdem so und so verlaufenen Zeit dort an jenem Orte etwas 
erlebt habe, so ist mein Glaube an die Wirklichkeit dieses Vorganges uner- 
schutterlich. Und was sich nun einem widerspruchsfreien Zusammenhange 
mit diesem festen Punkte erfahrungsgemafi einordnen lafit, das erlangt gleich- 
falls festgegriindete Gewifiheit; man nennt es bewiesen und das, was ver- 
moge dieses Zusammenhanges geglaubt wird, gewufit 

Ausscheidung gewisser Gedankenbildungen aus dem Kreise des Geglaub- 
ten und Zuweisung zu dem entschieden Nichtgeglaubten, und demgegenuber 
Vereinigung anderer Gedanken zu einem einheitlichen System festbegriindeter 
und unerschiitterlich geglaubter Wahrheiten, das ist also das Werk der Er- 
fahrung. Aber eine grofie Zahl der Schopfungen unseres Denkens fallt doch 
zwischen jene Extreme: sie sind weder zu beweisen noch zu widerlegen. Wie 
gestaltet sich das weitere Verhalten der Seele ihnen gegenuber ? 
ti=t.;>riii;^ T Die groBe Lehre, die der Mensch aus seinen Erfahrungen ziehen mufl, ist 

r^eit^.i-":':!- sicherach, da.fi des zu Giaubenden weit weniger in der Welt ist, als er sich 
****- anfangiich vorstellte. Uberaus Zahlreiches wird dem Glauben dauernd ge- 
nommen und als unglaubhaft erkannt; weit seltener verwandeln sich anfang- 
Hche Irrtiimcr in Wahrheiten. Durch seine Erfahrungen also wird der Mensch 
notwendig, wie objektiv realistischer, so subjektiv skeptischer und vorsichtiger. 
Gleichwohl wird die anfanglich iiberwiegende Glaubenstendenz fast nie ganz 
uberwunden. Ihr eingeschranktes Fortbestehen — das doch auch, wie wir 
alsbald sehen werden, der Seele wertvolle Dienste leistet — ■ zeigt sich darin, 
dafi sie unter besonderen Umstanden wirksam wird, dann namlich, wenn 
die erfahrungsmafiig weder zu beweisenden noch zu widerlegenden Vorstel- 
lungen besonders lebhaft sind und sich besonders energisch in 
der Seele geltend machen. Diesen Charakter aber erhalten die Vorstel- 
lungen durch zwei fur das Glauben hbchst bedeutungsvolle Ursachen. 
Avj^^i-.f- ..Was man dem Volke dreimal sagt, glaubt das Volk." Oder auch: „Von 
= "*° ' jcdem Propheten mit hinreichend starker Stimme, lebhafter Gebarde und Kraft 
der Rede lafit sich der Glaube der Yolksmassen wie ein Wasserbach durch eine 
Rinne fuhren." Und der Glaube der Masse, der Freunde, der Standesgenossen 
wirkt dann wieder ahnlich wie die oftere Wiederholung. Was mir aus der 
Seele der anderen ubereinstimmend mit meinem eigenen Denken entgegen- 
strahlt, verstarkt dieses Denken und gesellt ihm den Glauben. Aufierdem: 
wie sollten so viele samtlich irren konnen? Auf den consensus omnium, die 
allgemeine Ubereinstimmung, sind mit Vorliebe die hbchsten Wahrheiten ge- 



Der Glaube. Die Religion 187 

grundet worden; vox naturae nennt ihn Cicero. Vorstellungen also, die durch 
nachdrucksvolle, emphatische oder genugend wiederholte Behauptungen ge- 
weckt werden und denen nicht direkt widersprechende Erfahrungen entgegen- 
stehen, werden auch geglaubt, nicht selten sogar gegen den Widerstreit sol- 
cher Erfahrungen. Das ist die eine dauernd fortwirkende Ursache des Glau- 
bens. Man kann sie als Autoritat bezeichnen und den auf ihr beruhenden 
Glauben als Autoritatsglauben. 

Die andere Ursache sind die Bediirfnisse des Menschen, d. h. seine BcdKrfuisgia.itw 
starken und tief gegriindeten Bediirfnisse. Solange sie bestehen und keine Ab- 
hilfe gefunden haben, reproduzieren sie immer wieder lebhafte Vorstellun- 
gen von Mitteln, die nach der Analogie friiherer Erfahrungen zu jener Abhilfe 
geeignet sind; und soweit nun wiederum diesen Vorstellungen widersprechende 
Erfahrungen nicht entgegenstehen oder doch nicht gar zu schroff entgegen- 
stehen, werden sie geglaubt. Praktischen Glauben, Bedurfnisglauben, 
Gefiihlsglauben nennt man den auf diesem Boden erwachsenen Glauben; 
er durchsetzt wie die anderen Arten u riser gar.zes Leben. Jeder Mensch glaubt 
an seine Zukunft, jede Mutter an ihren Sohn. Ein General, der nicht glaubt, 
dafi er die bevorstehende Schlacht gewinnen wird, hat sie schon halb verloren. 
Kann er beweisen, d. h. aus dem Zusammenhang seiner Erfahrungen kon- 
struieren, daG er sie gewinnen muB? Er denkt nicht daran. Naturlich wird 
er alles tun, was erfahrungsgemaB irgend erforderlich ist, um ihm den Sieg 
zu bringen, aber sein Wissen sagt ihm dauernd, dafi die Sache zweifelhaft 
ist. Dennoch glaubt er, muB er glauben, dafi sie es nicht sei. Seine ganze Exi- 
stenz hangt daran: Ehre, Zukunft, Vatedand, alles verloren, wenn er nicht 
gewinnt. Er bedarf der gewonnenen Schlacht. Darum kann die entgegenste- 
hende Vorstellung sich nicht behaupten, und wegen der Energie der sich im- 
mer wieder vordrangenden Vorstellung des Sieges wird diese geglaubt. 

VI. Die Religion. Zu immer grofierer Vollkommenheit entwickelt sich 
durch Erweiterung und Ansammlung von Erfahrungen das rtickschauende 
und vorausschauende Denken der Seele. Und ihre wachsende Einsicht in das 
Verhalten der Dinge befahigt sie naturlich immer besser, sich ihnen umsichtig 
anzupassen, wie auch einzugreifen in ihr Getriebe und sie in den Dienst ihrer 
Erhaltung und Forderung zu zwingen. Wissenschaft und Technik sind 
die grofien Ergebnisse dieser ihrer intellektuellen Betatigung. Und doch — 
es ist nicht eitel Gluck, was ihr auf diese Weise zuteil wird. So groC sind die 
Verwicklungen ihres Wesens, daD sie ebendadurch, daB sie ihr Wohlergehen 
schafft und die nachstliegenden Schadigungen abwehrt, neue Schadigungen 
se^zj^ die nun neue Mittel der Abwehr erheischen. „La prevoyance, la pr^- 
voyance", klagt Rousseau, „voila la veritable source de toutes nos miseres." 
Wer wirken will, muB ubertreiben. Aber wenn auch sicherlich nicht alles 
Leid der Voraussicht und ihren Folgen entspringt, es ist seiner doch nicht wenig. 
Drei Arten ungewollter und unlustvoller Wirkungen des vorausschauenden 
Denkens lassen sich unterscheiden. 



1 88 Hermann Ebbjnghaus; Psychologie 

>iewuet;cin dcr Unser Wissen und unser Kdnnen erweitern sich; aber eben indem sie es 

n oh°m°tu t UC tun i machen sie uns empfindlich aufmerksam auf die Schranken, die uns ge- 
setzt sind. Das Kind lebt sorglos und frohHch dahin, aber der erfahrene 
Mensch, der sich seines Wissens und seiner Krafte bewuik geworden ist und 
ihre Vorteile ausgiebig kennen gelernt hat, der nun alles wissen und alles kon- 
nen mochte, er mufi statt dessen iramer deutlicher einsehen, dafi er dazu dauernd 
nicht gelangen wird. Wie Wichtiges bleibt ihm dunkel! Nicht einmal das Wet- 
ter des morgigen Tages vermag er sicher vorherzusagen, nicht den Ausgang 
des bevorstehenden Kampfes. Und wie vielem weii3 er sich unterlegenl Uber- 
machtigen Feinden, reifienden Tieren, Stiirmen, Erdbeben, Hungersnbten, 
Krankheiten, vor allem dem unentrinnbaren Tod. Er sieht sie alle, die Schreck- 
nisse, die ihn bedrohen, aber er sieht zugleich auch, daft er ihnen machtlos 
gegenubersteht, und so hat er sich mit seiner Voraussicht neben aller Lust 
groCcs Leid gewonnen. 

iiii-u-huo,. .u-r Hilfe gegen dieses Zwiefache, das undurchdringliche Dunkel der Zukunft 

eigl0 *' und die unuberwindliche Macht feindlicher Gewalten, schafft sich die Seele 
in der Religion. Unter dem Druck der Ungewiflheit und in den Schrecken 
groCer Gefahren drangen sich dem Menschen nach Analogie der Erfahrungen, 
die er in Fallen des Nichtwissens und Nichtkonnens sonst gemacht hat, Vor- 
stellungen zu, wie auch hier geholfen werden konnte. Die natiirliche Handhabe 
dazu bietet eine andere analogische Ubertragung: er betrachtet urspriinglich 
alie Dinge als belebt und beseelt wie sich selbst und alles Geschehen nach Ana- 
logie seines eigenen Hande'r-s. Sich se:bst aber lernt er sehr friih als ein Dop- 
pelwesen auf faster. : uli besteher.d aus dem aufieren, jedermann sichtbaren 
schwerfalligen Lez'-e und aus einem darin sitzenden beweglichen, feinen, 
schattenhaften Weser.. der Seele. Im Traum z. B. glaubt er die Unabhangig- 
keit der beiden vor.e.r.ir.der deutlich zu erkennen: da verlaflt die Seele den 
Leib, fliegt anders- c"r.:r. in bekannte und unbekannte Gegenden und erlebt 
die seltsamsten D;r.;e. Ebenso in der eindrucksvollen Erscheinung des Todes. 
Heute sprkh: der Mensch, bewegt sich, schadet einem oder nutzt einem; 
morgen Heg: er start da. und von alledem ist keine Rede mehr. Freilich kann 
man nicht aher.. -r^s diesen ungeheuren Unterschied hervorgebracht hat, 
aber es ist doch zw^iie'los etwas vorhanden, was in dem Lebenden. gegenwartig 
war, der eiger.thche Trager seiner Krafte, seiner Bedurfnisse, seiner feindli- 
chen und frecrc^chec Gesinnungen, und nun aus dem Toten davongeflogen 
ist und sich ur.sich'.iiir ^r.dersvvo aufhalt. 

Entsprecher.d c:eser. Ycr=:e"ur:ge:i bevolkert der primitive Mensch alle 
Dinge zwischen Hirnrr.t-I ur.c Erce. r.ichr. nur die Tiere und Pflanzen, sondern 
auch Felsblocke und Holzstucke, Seer, und Wasserlaufe, die Witterungser- 
scheinungen und Gestirne mit einer Fu^e vor. Damonen, Geistern, abgeschie- 
denen Seelen, Gespenstern, die, mit rr.enschenahnlichen Kraften ausgeriistet, 
aber menschlichem Wissen und Konnen vielfach weit tiberlegen, bei allem 
Geschehen ihre Hand im Spiele haben. Er verfahrt so um der lebendigsten 
praktischen Interessen willen: um mit den Dingen nach seiner kindlichen Kennt- 



Die Religion igo 

nis oder vielmehr Unkenntnis ihres Verhaltens fertig zu werden. Denn in- 
dem er sie vermenschlicht, gewinnt er die Moglichkeit, sie zu behandeln, wie 
er es mit Menschen gewohnt ist und als zweckmaBig erprobt hat, erhalt er eine 
gewisse Gewalt iiber sie. Solche Geister existieren also, sie miissen exi- 
stieren, weil er sie aufs notwendigste braucht; ohne sie ware uber- 
all Ratlosigkeit und Ohnmacht. 

Natiirlich entstehen sie von vornherein in zwei Arten, denselben, die 
auch die Menschen in ihrem Verhalten gegeneinander unter- 
scheiden. Die einen sind feindlich, tiickisch, bosartig. Sie bringen eben all 
das Ungemach an Krankheiten und Gefahren uber den Menschen, dessen er 
sich aus eigener Kraft nicht zu erwehren vermag. Was man von ihnen er- 
langen kann, ist bestentalls, daG sie aufhbren zu schaden. Die Gefuhle, die sie 
einfloCen, sind Furcht und Angst; man zittert vor ihnen. Die anderen dagegen 
sind freundlich, hiitreich, gutig. Sie unterstiitzen den Menschen in der Ab- 
wehr der von jenen Unholden verursachten Ubel, leisten ihm Beistand in 
den Kampfen gegen seinesgleichen, lassen ihn namentlich auch teilnehmen an 
ihrem Wissen um die Geheimnisse der Zukunit. Man kann sich ihnen ver- 
trauend und hoffend hingeben; man ist ihnen dankbar und kann sie lieben. 
Auf den niedersten Kulturstufen, wo der Mensch sich noch sehr machtlos und 
auf Schritt und Tritt von unheimlichen Gefahren umlauert fiihlt, uberwiegt 
begreiflicherweise das Gefiihl der Furcht und dementsprechend der Glaubc 
an bose Geister und Damonen. Auf hoheren Stufen dagegen, wo der reiferen 
Einsicht in den Zusammenhang der Dinge und der grbCeren Macht iiber sie 
ein gewisses Selbstvertrauen und ein starkeres Hoffen entspringt, tritt das 
Gefiihl des Zutrauens zu den unsichtbaren Machten in den Vordergrund und 
ebendamit der Glaube an gute und wohlwollende Geister. Aber im ganzen 
bleiben beide, Furcht und Liebe nebeneinander, dauernd charakteristisch 
fur das Fiihlen des Menschen gegeniiber seinen Gbttern. 

Um nun die erwunschte Hilfe der Gotter zu erlangen, mufi man sich Kuiias w. 
ihnen in ganz derselben Weise nahen wie Menschen, deren Gunst man ge- 
winnen will. Man mufi sie eindringlich bitten, ihnen schmeicheln, vielleicht 
auch drohen, muB ihnen fiir den Fall der geleisteten Hilfe Gegengaben, wei- 
tere Verehrung und treuen Gehorsam versprechen, namentlich aber nichi 
versaumen, ihnen vorweg Geschenke darzubrins;en. Gebet also, Geliibde unci 
Opfer sind die je nach Umstanden anzuwendenden Mittel. Sehr fruh schon 
tritt ein weiterer Gedanke hinzu. In Fallen, in denen dem primitiven Denken 
die Einwirkung damonischer Wesen besonders deutlich ist, bei der Behand- 
lung von Krankheiten namlich, vor allem von Geisteskrankheiten, erweiser, 
sich einzelne Personen wesentlich geschickter als die iibrigen. Offenbar ver- 
stehen sie also die Kunst des Verkehrs mit jenen Geistern besonders gut, viel- 
leicht weil sie ihnen in ihrem eigenen Wesen besonders nahestehen. Auf alle 
Falle tut man gut, sich ihrer Vermittlung zu bedienen. So erwachst aus dem 
Medizinmann der Priester, der bald den richtigen Verkehr mit den Gbttern 
durch mannigfache. Zeremonieen und geheimnisvolle Gebrauche oder auch 



I go Hermann Ebbi^i;haus: Psychologie 

durch die Notwendigkeit des Verstandnisses heiliger Schriften zu einer ver- 
wickelten und nur ihm gelaufigen Angelegenheit ausbildet. Aber sein An- 
sehen beruht darauf, dafi er nun jenes Zwiefache auch leistet, was man von 
den Gbttern erwartet. Weissagen und zaubern miissen die Priester kon- 
nen, die Zukunft vorhersagen und Hilfe gegen die groflen Gefahren bringen: 
das ist ihr Amt und zugleich auch ihre Beglaubigung. Noch die Apostel le- 
gitimieren sich durch Weissagungen und Wunder. 

Das sind die Wurzeln der Religion. Sie ist eine Anpassungserschei- 
nung der Seele an bestimmte iible Folgen ihres vorausschauenden 
Denkens und zugleich eine Abwehr dieser Folgen mit den ihr 2ur Verfiigung 
stehenden Mitteln. Furcht und Not sind ihre Wurzeln; und obwohl sie im we- 
sentlichen durch Autoritat fortgepflanzt wird, nachdem sie einmal entstan- 
den ist, so ware sie doch langst ausgestorben, wenn sie aus jenen beiden nicht 
immer wieder neu gespeist wurde. Ist die Not grofi und die Furcht, so erstarkt 
■A\ich die Religion. Aber auch wenn nicht besonders grofi, i'rgendwiesind Furcht 
und Not immer da, und immer bringen sie daher auch die Religion 
hervor, vorausgesetzt, daB man ihnen nicht tappisch dazwischen fahrt. 
Anpws Jn g dcs Natiirlich bedarf nun die Aufrechterhaltung des Glaubens an die Goiter 

ridcmriM^e der Ubereinstimmung mit der Erfahrung oder doch der Vermeidung allzu- 
Eiiahroagen. s t ar k er Widerspriiche mit ihr, namenth'ch bei der Frage nach den Erfolgen 
des gbttlichen Wirkens. Stimmt die erhaltene Aufklarung iiber die Zukunft 
mit dem Lauf der Dinge iiberein, wird die drohende Gefahr glucklich bestan- 
den, so ist har.dgreiflich der klarste Beweis erbracht fur die Hilfe des Gottes 
fur seine Macht, fur die Berechtigur.g des Glaubens an ihn. VieUach hides 
entspricht der Ert'c-g der Gebete und Opfer nicht den Erwartungen. Aber da 
erbetene H;':*e vcn Menschen auch nicht immer gewahrt wird, so bieten sich 
dafur mannigtacte Erklarungen dar. Vielleicht war das Gebet nicht stark 
genug, das Op;er nicht :n den richtigen Formen dargebracht oder nicht am 
richtigen Orte. Oder Got: hat dem Bittenden eine Prufung schicken wollen, 
ob auch sein Glcube s:^ich.:eite ? wenn Gesundheit und aufiere Giiter ihn nicht 
belohnen. Oder er.c"-:c"-: ciz Wege und Gerichte Gottes sind unerforschlich ; 
,,wer hat des Herrn Sinn erkaxuu?" Er handelt nach seiner Weisheit, der 
Mensch hat sich in De~ u: r« beugen. Bisweilen freilich wird diese Unter- 
werfung und die Anpassuzg des Glaubens an widerstreitende Erfahrungen 
sehr schwer. Wenn der C-au'nige Led Gott untadelig Dienende dauernd lei- 
det, die Gottloser. dagegea u^c Go:;e? Spottenden nicht geplagt werden, son- 
dern ,,gliick=elig sind ir. cer Wei; 'c~c reich u-erden* 1 , so ist es nicht leicht, ein 
Straucheln der Ge danker, zu vtrhu:er. und ein Irre-^erden an Gott. Doch auch 
da hat der Glaube die Losung gefur.cec Cher das irdische Leben hinaus tragt 
er die Jenseitshoffnung. Gerade j-enes Ur.begreifliche ist die von Gott ge- 
wollte Ordnung. Der Fronime mu3 leiden. Sein gegenwartiges Leben ist 
nur ein einleitender und untergeordneter Teil seines ganzen Daseins, die Vor- 
bereitung auf eine jenseitige Jeibfreie Existenz durch Hinwendung zu Gott 
und Abkehr von irdischen Geniissen. Dafiir wird er dann dort durch ewige 



Die Religion igi 

Freuden belohnt werden, ganz andere, als die Welt zu bieten vermag, durch 
Teilnahme an der wunschlosen Seligkeit Gottes; den Gottlosen dagegen tref- 
fen ewige Strafen. 

In der bestimmteren Ausgestaltung der Vorstellungen vom Wesen der v er scbiedeubeit 
Gotter hangt der Glaube, wie jeder Bediirfnisglaube, aufs engste zusammen d " v Religions, 
mit dem jeweiligen Wissen, iiberhaupt mit dem gesamten jeweiligen Kultur- 
zustande. Dadurch werden auBerordentliche Verschiedenheiten der einzelnen 
Religionen hervorgebracht, so da£ die Betrachtung, die sich zumeist auf die 
uns nahestehenden hoheren Formen beschrankte, das wahre Wesen der ge- 
samten hierher gehorigen Bildungen bis in die neuere Zeit meist gar nicht er- 
kannt hat. In primitiven Verhahnissen, in denen jeder fiir seine samtlichen 
Bediirfnisse selbst zu sorgen hat, wo die Einsicht in die gesetzmafiige Ver- 
kettung der Dinge gering ist und das Ganze eine ungegliederte Vielheit selb- 
standiger kleiner Einheiten bildet, gilt das Gleiche von den Gottern. Jeder 
Gott kann in der Hauptsache alles, wenn auch vielleicht nicht alles gleich 
gut, und er gebraucht seine Macht ganz nach Laune und Willkiir. Einzelne 
sind etwas starker, andere etwas schwacher, aber mit geringen Unterschieden; 
im ganzen bilden sie eine unorganisierte Masse gleichberechtigter Individuen, 
sich bekriegend, sich verbundend, ganz wie die Menschen, nach deren Vorbild 
sie geschaffen sind. Aus den kleineren menschlichen Verbanden werden all- 
mahlich groBere, Stamme, Clans. Entsprechend werden die Gotter zu Stam- 
mesgottheiten, mit grofieren Unterschieden voneinander je nach den beson- 
deren Bediirfnissen und Lebensbedingungen ihres Stammes. Die Gesellschaft 
gliedert sich; von oben nach unten gibt es Herrschende und Dienende ver- 
schiedenen Grades. Alsbald bilden auch die Gotter ein hierarchisch abge- 
stuftes Reich. Verschiedene Berufsstande treten auseinander, Handwerker, 
Ackerbauer, Handler. Wieder folgen die Gotter; der eine besorgt das Kriegs- 
wesen, ein anderer den Weinbau usw. 

Von der grofiten Bedeutung fiir die Entwicklung der Gottesanschauung Verfefung d es 
aber wird ein Zwiefaches. Erstlich die Ausbildung ernes hoheren sittlichen otteh egri *" r ' 
Bewufitseins: die Erweiterung der sittlichen Forderungen iiber die ihnen ur- 
spriinglich allenthalben gesteckten nationalen Grenzen, die Schatzung der 
Handlungen nach der Gesinnung. Indem diese Vorstellungen und Ideale ent- 
stehen, werden sie sogleich auch maBgebend fiir die religiose Auffassung: die 
Gotter werden sittliche Gestalten. Das aber hat fiir sie wieder eine 
doppelte Folge. Einmal eine Vertiefung und Verinnerlichung ihres Wesens. 
Ihre auBere Menschenahnlichkeit, der niedere Anthropomorphismus, wird 
abgestreift. Die Gotter wohnen nicht in Tempeln von Handen gemacht; sie 
sehen, horen und bewegen sich auch nicht wie menschliche Wesen: sie sind 
rein geistiger Natur. Auch die aufierliche Gottesverehrung, die strenge Be- 
folgung kultischer Vorschriften, das Opfer, alles Zeremonieen- und Satzungs- 
wesen wird geringer geschatzt. Sodann aber fallt mit der Versittlichung der 
Gotter ihre Vielheit und Gegensatzlichkeit und ihre nationale Beschranktheit. 
Die Sittlichkeit ist nur eine; wenn sie also das Hauptattribut der Gotter aus- 



icj2 Hermann EbbinghauS: Psychologie 

macht, so werden diese wieder alle gleichwertig wie urspriinglich, aber jetzt 
ohne Unterschied der Individualist. Hdrt die Sittlichkeit aufierdem auf, 
nur fur die Yolksgenossen zu gelten, mufi man Gerechtigkeit auch gegen den 
Feind waken lassen, so wird fiir die Getter als Trager der Sittlichkeit die 
nationale Schranke gleichfalls aufgehoben. Leicht verlieren sie dann iiber- 
haupt lhre Vielheit: sie werden zu einem Gott. Aus diesem Grunde sind alle 
die grofien Versittlicher und Verinnerlicher der Religion, die jiidischen Pro- 
pheten, Jesus, Plato, Zarathustra, zugleich auch Vertreter einer einheit- 
lichen Gottheit. Andere Grunde komraen hinzu, und so tendieren alle hoheren 
Religionen nach dem Monotheismus, obwohl es ihnen, wie die halbgottahn- 
lichen Bildungen des Christentums zeigen, schwer wird, ihn gegen die wider- 
strebenden Bedtirfnisse der Masse zu erreichen. 

Das andere uberaus bedeutungsvolle Moment fiir die Entwicklung des 
Gottesbegriffes ist die Erweiterung des Wissens. Der Mensch merkt allmahlich: 
die Dinge sind vielfach weit davon entfernt, so von Laune und Willkur hin- 
und hergeworfen zu werden, wie er es an sich selbst freilich beobachten kann; 
in immer weiterem Umfange lernt er feste Regeln kennen, denen sie folgen. 
Kiihne Pioniere des Denkens behaupten bald: so verhalt es sich nicht nur viel- 
fach, sondern ausnahmslos, und nicht nur das materielle Geschehen, sondern 
auch das geistige folgt unverbriichlichen festen Gesetzen. Damit scheint der 
Religion jeglicher Boden genommen. Denn wenn die Gottheit nicht willkiir- 
Hch eingreift in die Dinge und die Herzen der Menschen, wie kann sie helfen? 
Indes das religiose Bediirfnis vermag sich auch dieser Wandlung der An- 
schauungen ar.zupas=en. Das Gebet z. B. erhalt einen rein seelischen Wert 
fiir den Bit:er.der. ; es erfiillt ihn mit Hoffnung und Zuversicht, und vielleicht 
leistet er nur. wirklich aus eigener Kraft, wozu er, verzweifelnd an sich, frem- 
der Hilfe zu becurfer. glaubte. Das Weissagen wird eine Sache der Gelehrten 
freilich in andere— S:nne als zuvor. Aber in dem urspriinglichen Sinn be- 
schrankt schon das ^hristentum — offenbar sehr zweckmafiig — es auf die 
Propheten ur.d Apo;:el. Die Gottheit, die in Gefahr steht, bei der Leugnung 
freier Eingr:f£e in c:e Welt dieser entfremdet zu werden, wird, altem Sehnen 
vie'er GInubigen folgend, vielmehr ganz in sie hineingezogen. Gott ist die 
Welt, d. h. c:e Welt an der einigen Wurzel ihres Daseins gefafit, die Fiille 
der Dinge ar. ihrer Quelle. Die Gesetze des Verhaltens der Dinge sind nicht 
auBere Wirkunger, Gottes, sondern seine eigensten Betatigungen, auch die 
Gesetze der Seele: er ist in dir, in mir, uberall. Aber wie ungeheuer der Unter- 
schied auch sein rr.cge zw^chen dem Glauben Luthers, der seinem Herrgott 
„den Sack vor die Tiir vs-:n*t" ur.d ihn energisch darauf hinweist, daf3 er 
nach den gegebenen Verheiijungen sein Gebet urn die Erhaltung Melanchthons 
durchaus erhoren miisse, wenn man ihm anders noch trauen solle, der dem 
Teufel mit der Gebarde eines Landsknechts seine vollkommenste Verachtung 
ausdriickt, und dem Glauben Spinozas, dessen Gott sich zu demjenigen 
Luthers verhalt „wie das Sternbild des Hundes zu dem irdischen bellen- 
den Hund", dessen Leben in Gott gleich ist der Betrachtung des grofien 



Die Religion. Die Kunst 1 93 

verniinftigen Zusammenhangs aller Dinge — das, was beide in ihrem 
Glauben suchen und was sie in ihm finden, ist genau dasselbe, eben 
das, was aller Religion gemein ist: Schutz vor dem unheimlichen Un- 
bekannten und vor den Schrecken des Ubergewaltigen , Ruhe fur das 
unruhige Herz, 

VII. Die Kunst. Eine zweite Gruppe unlustvoller Wirkungen der Vor- Aiigemeine 
aussicht entspringt dem auf ihr beruhenden Handeln. Dieses hat zunachst ir ^ Bt . et 
zwei Ziele, die allernotwendigsten: Erhaltung des Individuums von heute auf 
raorgen und Erhaltung der Art. Allein wenn es auf die Erreichung dieses 
Existenzminimums beschrankt bleibt, verkiimmert der Mensch. Er ist, wenn 
auch schliefilich wieder im Dienst seiner Erhaltung, doch breiter und reicher 
angelegt als auf die bloBe Fristung des Daseins fur eine beschrankte Zeit, zu- 
mal diese unter bestimmten Umstanden in sehr einformiger Weise zu ge- 
schehen pflegt. Kamentlich ein iiber die unmittelbare Daseinserhaltung hin- 
ausgehendes starkes Bediirfnis lafit er erkennen: es kommt fiir ihn nicht 
nur auf das Erleben bestimmter Inhalte oder Betatigungen, sondern wesentlich 
auch darauf an, dafi verschiedene ganz beliebige Erlebnisse sich zu einem 
einheitlichen, abgerundeten, sie als Teile umfassenden Ganzen 
zusammenfugen, wie es in Symmetric, Rhythmus, Harmome, Ordnung 
der Fall ist. Daneben haben die Erhaltungshandlungen, um so mehr, je weit- 
greifender die ihnen zugrunde liegende Intelligenz schon geworden ist, iiber- 
aus haufig noch einen andcren Mangel. Sie bringen dem Menschen viele Freu- 
den, sie bringen ihm nicht leicht dauernden Frieden. Kaum ist das er- 
sehnte und noch so verlockend vorgestellte Ziel errungen, so wird sein Besitz 
selbstverstandlich; die Freude an ihm geht zuriick; es zeigt sich, dafi es 
keineswegs frei von Mangeln ist, und der begehrliche Gedanke schweift weiter 
nach einem anderen Ziel und immer weiter. Unlust der unzureichenden Be- 
tatigung also sowie der Unrast und Friedlosigkeit, das sind weitere Folgen des 
vorausschauenden Denkens. 

Ihre Hilfe gegen sie gewinnt die Seele in der Kunst, d. h. in dem Be- 
trachten, iiberhaupt dem Geniefien von Kunstwerken. Das Kunstwerk er- 
freut, durch eine sehr mannigfache Anregung seelischer Tatigkeiten, wie wir 
sehen werden, aber es tut weiter nichts als erfreuen. Machen im gewohnlichen 
Sinne kann ich nichts mit einem Bilde oder einem Lied; sie erfreuen mich, 
wenn sie es tun, nicht um irgendeines praktischen Zweckes willen, noch wie 
die Wahrheit wegen ihrer Einfugung in einen grofien allumfassenden Zusam- 
menhang. Zweck und Zusammenhang haben sie in sich selbst; jedes ein in 
sich ruhendes, in sich allein beschlossenes Ganzes. So macht das Kunstwerk 
ruhig inmitten reger Tatigkeit; es reiflt die Seele nicht weiter. Es erfreut, 
ohne begehrlich zu machen, ohne den Gedanken des Haben-wollens 
oder Nicht-haben-wollens oder das Bedauern des Nicht-haben-kbnnens. Diese 
begehrungslose Freude, das wunschlose Geniefien fiihrt den Namen asthe- 
tische Freude, asthetisches Wohlgefallen. 

Die Kultur der GcgeDwarf, I. 6. 3. Anfl. 1 } 



ig4 Hermann Ebbinghaus: Psychologie 

Entstehong der Auf mannigfachen Wegen haben die Menschen anscheinend diese be- 
sondere Art, sich Freude zu machen, gefunden. Zum Teil haben religiose Vor- 
stellungen mitgewirkt, wie denn ja dauernd Kunst und Religion in der eng- 
sten Verbindung miteinander erscheinen. Um sich z. B. die iibernatiirlichen 
Krafte eines fur heilig gehaltenen Tieres zunutze zu machen und mit seiner 
Hilfe zu zaubern, kam man darauf, ein Bild des Tieres zu verfertigen, es auf 
seine Waffen zu ritzen, als Amulett zu tragen u. dergl. Die Freude an den 
Produkten dieser zunachst rein praktischen nachbildenden Tatigkeit fiihrte 
dann weiter. Sie rifl das kunstvolle Gebilde los von der Religion, d. h. davon, 
ein Zaubermittel fur praktische Zwecke zu sein — im Madonnen- und Heili- 
genbild steckt noch ein Rest davon — und gab ihm seinen eigenen Wert. 
Von groBer Bedeutung ist sodann zweifellos das Spiel gewesen, jene auf ur- 
sprimglichen Veranlagungen des Organismus beruhcnde Betatigung der fiir 
den Erhaltungskampf erforderlichen Krafte, die doch fiir diesen Kampf kei- 
nen direkten Zweck hat (S. 171). In ihm erscheint, wie in der Kunst, das 
menschliche Tun losgelost von dem blofien engsten Bedurfnis, befreit von dem 
steten Hinblick auf die Not des Daseins; es ist daher eine Vorstufe der Kunst. 
Indes auch anderes noch hat beigetragen zu ihrer Entstehung. Bei seiner Ta- 
tigkeit im Dienste der Erhaltung lernt der Mensch manches kennen, was dazu 
forderlich ist, zugleich aber auch an sich schon und ohne jene Beziehung einen 
erheblichen Lus twert besitzt. Anf anglich findet dieser Sonderwert bei 
dem harten Druck des in primitiven Zustanden alles beherrschenden Ringens 
um die Existenz kaum Beachtung. Allmahlich aber, bei besseren Erfolgen 
im Daseinskampf, in Zeiten der Mufie, wird der Mensch veranlafit, solche Dinge 
auch um ihres Eigenwertes willen zu suchen; sie werden ihm zu Kunstmitteln. 
So bunte Farben und glitzernde Schnure, durch die er sich urspriinglich dem 
anderen Geschlecht begehrenswert zu machen suchte, taktmafiige Bewegun- 
gen, die ihm zuerst lediglich gemeinsames Arbeiten erleichterten u. a. 

Dtdseiten <ier So ist also vielerlei zusammengekommen zur Entstehung der Kunst, wie 

Kunst. er s ^ e denn ja auch dauernd-nur in der damit zusammenhangenden Vielheit der 
verschiedenen Einzelkiinste besteht. Aber noch in anderer Hinsicht ist an 
ihr eine Vielheit von Bedeutung: den einen einheitlichen Zweck, dem sie 
dient, die Hervorrufung begehrungsloser Freude, verwirklicht sie durch eine 
Mehrheit von Mitteln. Wie bei jedem Erzeugnis menschlicher Tatigkeit, so 
kann man auch bei dem Kunstwerke ein Dreifaches unterscheiden, was fur 
das Gefuhlsleben Bedeutung besitzt. Erstens einen gewissen Inhalt 
oder Stoff: ein Bild stellt eine Schlacht oder eine Landschaft dar, eine Dich- 
tung behandelt das Geschick Agamemnons oder Wallensteins. Dieser Inhalt 
ist zweitens stets in einer gewissen Weise geformt und gestaltet: der Stil 
eines Bauwerks, der einheitHche Aufbau eines Dramas, VersmaC und Stro- 
phenbau eines Gedichts gehoren hierher. Daneben aber gibt es in jedem 
Kunstwerk noch manches andere, was durch jene beiden Gesichtspunkte nicht 
erschopft wird: die Auffassung des Gegenstandes, die Herausarbeitung dieser 
oder jener Seite an ihm, die Technik der Darstellung. Nun hangt zwar im 



Die Kunst 



195 



weiteren Sinne alles, was das Kunstwerk bietet, von der Person des Kiinst- 
lers ab; er ist es, der auch schon bei der Wahl des Stoffes und seiner formalen 
Gestaltung sein bestimmtes Gesicht zeigt, aber in den zuletzt erwahnten 
Dingen lebt seine Individuality doch in besonders starker Weise. Alles, was 
mit Auffassung und Darstellung zusammenhangt, sei daher als persdnlicher 
Gehalt des Kunstwerks bezeichnet. Inhaltliches, Formales und Per- 
sonliches ist demnach an jedem Kunstwerk zu unterscheiden. 

In alien drei Hinsichten aber, darauf kommt es an, wirkt das Kunstwerk 
gefiihlsweckend auf die Seele, und da es nun seinen Wert fur sie in der Er- 
moglichung bedurfnisloser Freude hat, so folgt notwendig, daB es, um seinen 
vollen Wert zu haben, jene Wirkung in alien drei Hinsichten zugleich ent- 
falten mufi. Denn ihre Ur.terscheidung ist ja blofi Sache unserer abstrahie- 
rcnden Betrachtung; das Kunstwerk kann keine von ihnen real loswerden, 
und wenn es in einer Hinsicht seine Wirkung verfehlt, nicht erfreulich wirkt, 
oder der Welt der Begierden angehort, so wird die Gesamtwirkung nicht nur 
einfach vermindert, sie wir d gesehadigt durch eine positive Ge- 
genwirkung. Was nicht fur sie ist, ist wider sie. Hat das Kunstwerk z. B. 
keine Einheit, so hat es ifotwendig eine Zweiheit odur Dreiheit, und diese 
Zerrissenheit ist nicht nur weniger erfreulich als die Geschlossenheit, sie ist 
positiv unerfreulich, qualend. Vermag sein Gegenstand nicht, mich zu er- 
warmen, so lafit er mich kalt, und es stort mich, daB Witz und Kbnnen an ein 
Nichtiges verschwendet sind. Zeigt mir der Kiinstler nicht, dafi er mir et- 
was Eigenartiges zu sagen weiB und dafi er etwas kann, so zeigt er mir, dafi 
er ein Stumper ist und langweilt mich durch hundertmal Dagewesenes. 

Wie das Verstandnis der Religion durch die Verschiedenheit der Formen Emseitige Auf- 
erschwert wird, in denen das eine Bediirfnis unter verschiedenen Bedingun- weT^der 3 
gen Befriedigung finder, so das Verstandnis der Kunst durch die Mehrhcit 
der Faktoren, in denen der eine Zweck sich verwirklichen mufi. Jedes der 
genannten Momente, Inhalt, Form, Personlichkeit, erireut sich des Yorzugs, 
von vielen als das allein und wahrhaft Wesentliche an der Kunst auf den 
Schild erhoben zu werden. Das hat sachliche und personliche Griinde. Bei 
der grofien Menge, der die Loslosung von der praktischen Bedeutung schwer 
wird, iiberwiegt meist das stolfliche Interesse, allenfails auch das an der tech- 
nischen Fertigkeit des Kllnstlers. Der Beschauer muG wissen, ob die darge- 
stellten Dinge auch wahr sind; er ist befriedigt zu horen, dafi samtliche Kopfe 
eines Bildes portratahnlich sind, und mit Spannung verfolgt er vor allem die 
Verwicklungen des aufieren Geschehens. Der Theoretiker, der etwa an der 
Musik uber das Wesen der Kunst klar zu werden versucht hat, kann den Stoff, 
hier die bloflen Tone, nicht sonderlich schatzen; dazu ist ihr Reiz zu gering. 
Aber die Verbindung und Gestaltung der Tone, „ihr Zusammenstimmen und 
Widerstreben, ihr Fliehen und sich Erreichen, ihr Aufschwingen und Er- 
sterben" und das alles aufgebaut in reicher gesetzmaBiger Gliederung — das 
macht die Kunst. Ihr Wesen also: die Form. Wer sich dagegen am Bilde, 
der Erzahlung, dem Drama orientiert, wo er so vieles findet, was unmittelbar 

T3* 



Kunst. 



ig6 Hermann Ebbinghaus: Psychologie 

aus dem Leben iibernommen ist oder doch iibernommen sein konnte, kann 
die Umgestaltungen, die der Kiinstler ja allerdings vornimmt, so hoch nicht 
bewerten, als das Wesentliche erscheint ihm die Naturwahrheit. Dem Kiinst- 
ler endlich, der dem Kunstwerk des anderen leicht mit einem besonderen prak- 
tischen Interesse gegenubertritt, namlich mit der Frage, wie dieser die Sache 
angefangen habe, oder der sich auch bewufit ist, durch seine Kraft beinahe 
jeden Stoff zum Kunstwerk gestalten zu konnen, drangt sich leicht die vor- 
wiegende Schatzung kiinstlerischer Besonderheit oder des kunstlerischen Kon- 
nens in jedem Sinne in den Vordergrund, und der Gedanke bleibt ihm nicht 
fern, dafi die Kunst eigentlich eine Veranstaltung sei zur Befriedigung der 
kunstlerischen Schaffenskraft und dem bewundernden Mitgeniefien ihrer Ei- 
genart durch die iibrigen. Jeder sieht die Sache von einer fiir ihn vorwiegend 
in Betracht kommenden Seite aus und sieht daher nur eine Seite der Sache. 
Diese verschiedenen Seitenansichten aber gehoren zusamraen. Nicht etwa, 
weil es eine lobliche Maxime ware, verschiedenen Meinungen dadurch gerecht 
zu werden, dafi man sie alle miteinander gelten la.fi t, sondern weil ihre Ver- 
einzelung real durchaus Untrennbares auseinander reifit. Das Kunstwerk 
hat seinen Wert fiir mich durch eine bestimmte Wirkung. Wenn nun sein 
Schopfer diese nicht in alien den Hinsichten hervorbringt, die fiir mich un- 
vermeidlich in Betracht kommen, so begibt er sich in unvorteilhafter Weise 
der Mittel, das zu tun, was er doch wollte; er verfahrt ungeschickt. 
B*da5ti« in Aber freilich, hierzu ist sogleich eine Erganzung notig. Der Kiinstler 

eTIM " mag ungeschickt verfahren; er ist ein Mensch, und wer ist zu allem. geschickt? 
Die Gaben sind den Menschen verschieden zugeteilt und selten ist auf einen 
alles gehautt. Ja, sein Konnen hangt nicht einmal von ihm allein ab; es wird 
getragen von seiner Zeit. Vieles aber von dem, was ich jetzt als selbstver- 
standlich verlange, ist nicht Errungenschaft eines Individuums, sondern Er- 
werb von Generationen. Wenn nun der Kiinstler, dessen Werk mich be- 
schaftigt, einer friiheren Entwicklungsperiode angehort, wie kann ich ihm als 
Lnfahigkeit zurechnen, was er im Rahmen seiner Zeit gar nicht als Leistung 
ins Auge fassen konnte? Mit anderen als allgemein-menschlichen MaBen kann 
ich auch ihn nicht messen. Vor einem Kunstwerk mufi daher allemal das 
Bewufitsein der naturlichen Beschranktheit menschlicher Eigenart und ihrer 
Bedingtheit durch Zeit und Umgebung eine' der herrschenden Obervorstel- 
iungen sein. Und sie mufi es mit moglich machen, iiber die allerdings storen- 
den Abweichungen von der Vollkommenheit des idealen Kunstwerks hinweg- 
zusehen und mich an dem zu erfreuen, was nach den gegebenen allgemeinen 
Bedingungen uberhaupt erwartet werden kann. Werde ich doch nicht selten 
dafiir reichlich entschadigt: durch eine so gewaltige Grofie einer oder einzelner 
Seiten des Kunstwerks, dafi ich gar nicht den Mut habe, daneben noch an- 
deres zu fordern. 
lakatomgcn Neben solcher Grofie der Einseitigkeit gibt es dann freilich auch die Klein- 
heit der Einseitigkeit: vorwiegende Berucksichtigung einzelner fiir das Kunst- 
werk maCgebender Faktoren, ohne dafi doch die geringe Grofie der durch sie 



Die Kunst 



197 



hervorgebrachten Wirkung fur die Vernachlassigung der ubrigen zu entscha- 
digen vermag. So ergeben sich die Mifibildungen der Kunst. Ubertriebener 
Schatzung des inhaltlichen Moments entspringt die Stoffkunst, die Ersetzung 
formaler Gestaltung und kiinstlerischen Konnens durch das Interesse am 
Spannenden, Sensationellen, Grausigen, oder auch am Patriotischen, Ehren- 
vollen, an der Reminiszenz. Uberwiegende Betonung des Formalen bringt 
das hohle Pathos hervor, die leere Allgemeinheit, wie so oft bei der nachge- 
ahmten Antike, unter Umstanden die Spielerei; blinde Xachahmung liefert 
den gedankenarmen und formlosen Katuralismus, blofie Fertigkeit das Kunst- 
stuck. 

Das vorhin erwahnte Hinwegsehen der Seele uber Unvollkommenheiten Das nutzbar* 
der Kunstwerke wird ihr dadurch sehr erle'chtert, daB sie es bei ganzen Klas- Konstwerk 
sen von ihnen jederzeit auch noch in anderer Hinsicht iiben muB. Die Be- 
tatigung in Verfolgung praktischer Zwecke, aus der die kiinstlerische Beta- 
tigung so vielfach hervorgeht, entlafit nicht alle Kunst aus ihrem Dienste 
zu freier, selbstandiger Biidung, um selbst entbloBt von ihr zuriickzubleiben; 
sie halt einen Teil des kiinstlerischen Schaffens dauernd fest, so in der Gerate- 
kunst, der Schmuckkunst, der Baukunst. Die Erzeugnisse dieses Schaffens 
sind also Doppelwesen: sie gehoren gleichzeitig der Welt der Bediirfnisse und 
Begehrungen wie der Welt der wunschlosen Freuden an. Freilich aber ist nun 
fiir die Wtirdigung des Gegenstandes als Kunstwerk, fur die begehrungslose 
Freude an ihm eine gewisse Beweglichkeit und zugleich Kraft der Seele er- 
forderlich. Das freie Kunstwerk zwingt sie zu asthetischer Betrachtung; es 
ist durch seinen Inhalt oder durch die Art seiner Darstellung der Gebrauchs- 
welt entriickt. Diesen Zwang muB die Seele bei dem nutzbaren Kunstwerk 
selbst auf sich ausiiben; die Faden, die den Gegenstand deutlich mit den 
praktischen Interessen verkniipft halten, muB sie doch unbeachtet lassen 
konnen. Sie gelangt dazu, wie zu so vielem anderen, durch Analogie. Die 
formale Gestaltung des nutzbaren Kunstwerks ist sichtlich von denselben Ge- 
setzen beherrscht wie die des freien Kunstwerks — Architektur ist gefrorene 
Musik. Durch die kunstlerische Gestaltung ferner wird der Gegenstand, wenn 
auch nicht losgelost von dem Nutzlichen, doch iiber dessen allgemeines Ni- 
veau emporgehoben. Und so iibertragt sich bald die Betrachtung ziemlich 
zwanglos auf ihn, die der Seele anderswo bereits gelaufig geworden war. 

Durch solche mehrfache Ubung aber im willkiirlichen Nichtbeachten von Asthetisciie 
Momenten, die fiir das asthetische Wohlgefallen storend sind, erlangt die de^Nat^ 
Seele, nicht iiberall noch bei jedem, aber doch in vorgeschrittenen Kulturzu- 
standen bei sehr vielen, eine auBerordentlich wertvolle Fahigkeit, die sie sozu- 
sagen noch uber die Kunst hinausfuhrt. Auch da, wo gar nichts mehr die 
asthetische Betrachtung direkt nahelegt, wo weder eine Umgestaltung der 
Dinge der Gebrauchswelt stattfindet noch eine Erhebung iiber sie, lernt die 
Seele schliefilich, allmahlich weitergeleitet durch Analogien, sich wunschlos 
genieBend zu verhalten: gegeniiber den Dingen und Vorgangen der Gebrauchs- 
welt selbst, gegeni>ber der Natur. Die Natur, an die sie mit alien Inter- 



igg Hermann Ebbinghaus: Psychologie 

essen des Existenzkampfes gebunden 1st und auch gebunden bleibt, lernt sie 
gleichwohl asthetisch betrachten und vermag nun nach freier Wahl dieselben 
Dinge jetzt auf begehrliche, im nachsten Moment auf begehrungslose Weisc 
aufzufassen. Dafi ihr die Erlangung dieser Fahigkeit nicht leicht fallt, kann 
nicht befremden. Die asthetische Schbnheit der Natur wird daher in der Re- 
gel erst spat entdeckt, sowohl von den grofien Kulturgemeinschaften wie auch 
wieder von jedem Einzelnen. 

Eine wunderbare Hohe der Entwicklung, wo sie crreicht wird. Die Seelc 
wendet sich gleichsam gegen ihre eigenen Anfange. Aber nicht, weil eine diesen 
Anfangen und der sie hervorbringenden Seite ihres Wesens feindliche Macht 
in sie gefahren ware und ihr Streit und Entzweiung brachte. Sondern weil 
ihr eigenstes Wesen sie befahigt, die mit ihren ersten Betatigungen und An- 
passungen verbundenen Ubelstande durch vollkommenere Anpassungen zu 
iiberwinden. 

VIII. Die SittHchkeit. Eine dritte Reihe von Ubeln entstammt 
gleichfalls dem vorausschauenden Handeln, nur nicht allein seinen Wirkungen 
fur die handelnden Individuen selbst, sondern auch und zwar in erster Linie 
den Wirkungen fur die ubrigen. Die naturlichen Mittel der verschiedenen 
Individuen fiir den Erhaltungskampf, ihre kbrperliche Kraft und Gewandtheit, 
ihre Schbnheit, geistige Begabung und Erfahrung sind hochst verschieden. 
Das fiihrt za sehr verschiedenen Erfolgen in dem Erhaltungskampf. Die durch 
ihre naturlichen Gaben Besur.stigten kommen in ihm weit besser fort als die 
ubrigen; sie erheben sich uber diese. Es entsteht eine Kluft zwischen Herr- 
schenden und Dienenden. Schliefilich kommt es zu ungeheuren Gegensatzen: 
dem Herrengluck einiger weniger steht das Sklavenelend einer hundertfach 
groCeren Mass* gegenuber. Die Gesamtbilanz ist schlecht: iiberwiegende 
Schaffung von Lcid und Unlust, d. h. Lebenshemmung, als Ergebnis des fort- 
schreitenden Erhalrungskampfes. Dieses Leid aber wendet sich zugleich gegen 
jene Begunstigter. selbst. die es hervorgerufen haben. Es zerkliiftet die Ge- 
meinschaft, in cer sie niit den anderen leben, die der Mensch doch seiner ganzen 
Veranlagung nach nicht entbehren mag noch auch ohne Gefahrdung seiner 
Existenz entbehren kazr. ; es zerreiflt ihren Zusammenhalt durch Erbitterung 
und Klassenhab ur.d verr:r.gert dadurch ihre Widerstandsfahigkeit nach aufien. 
Und es laCt weirer die Herrschenden nicht zu dauernder Ruhe und zum 
sicheren Genutf ihres Besiizes kommen aus Furcht vor den Unruhen und Re- 
volten der Untercruckren. Wie vermag es die Seele. auch diesen iiblen Folgen 
ihres eigenen gesteigerter. Leber.s zu begegnen : Das 1st die letzte Frage, die 
uns beschaftigen soil. 

Der allgemeine Charakter cer Hi'.i'e, die sie sich schafft, ist leicht anzu- 
geben: neben dem bloB auf die ir.dividuelle Erhaltung gerichteten egoistischen 
Handeln entwickelt sich die Schatzung und Verwirklichung von Handlungen 
zum Besten der Erhaltung der grbfieren Gesamtheit, der der Ein- 
zelne angehort. Die Entwicklung beginnt sogleich, wenn durch die Vergro- 



Die Sittlichkeit 



igg 



Sittlichkeit. 



Berung der urspriinglichen kleinsten Gruppen, in denen die Menschen leben, 
zu grofieren Verbanden die Moglichkeit eines Daseinskampfes zwischen den 
verschiedenen Genossen ein und derselben Gemeinschaft gegeben ist. Als 
ihre Trager werden wir uns die weitblickendsten und erfahrensten Glieder der 
Gemeinschaft zu denken haben. Sie lernen einsehen, nicht sowohl mit klarem 
BewuBtsein, als vielmehr in einer Art von sicherem Instinkt, auf Grund viel- 
facher Erfahrungen, dafi die riicksichtslos- egoistischen Handlungen durch 
Entfachung von Streit, MiBtrauen usw. die Wirkung haben, die Gemein- 
schaft, die doch alien notwendig ist. zu schwachen, sie zur Beute ihrer Feinde 
werden zu lassen, wahrend andere Handlungen und Eigenschaften sie viel- 
mehr zu starken und andere :i iiberlegen zu machen geeignet sind. Sie werden 
daher, wenn sie auch vieileicht fur sich selbst Ausnahmen vorbehalten, im 
ganzen danach streben, die Yerhaltungsweisen dieser Art zu fordern, sie 
haufiger zu machen, die der ersten zu unterdriicken und einzuschranken. D. h. 
die Gemeinschaft begegnet den ihren Bestand bedrohenden Folgen des Er- 
haltungshandelns auf kurze Sicht durch AbwehrmaBregeln auf Grund eines 
Voraussehens auf lange Sicht. 

Solche Mafiregeln bieten sich ihr, der Natur des Handelns nach, zwei. Recht und 
Die eine ist der Zwang. Die gemeinschaft-zerstdrenden Handlungen werden 
unter Strafe gestellt, Wer sie also begeht, biifit den daraus fur inn entsprin- 
genden Vorteil unter Umstanden mit einem starkeren Nachteil; das ist im 
allgemeinen geeignet, ihn abzuschrecken. Der Inbegriff der diesem Zwecke 
dienenden Vorschriften ist das Recht: die Erhaltung menschlicher 
Gemeinschaften durch erzwungene Handlungen ihrer Glieder. 
Das Recht entsteht natiirlich nicht etwa durch bewuBte Uberlegung im Sinne 
der eben angestellten, noch weniger ist bei der Befolgung seiner Vorschriften 
ein Wissen urn ihre Bedeutung erforderlich; aber das, was ihm seine Macht 
gegeben hat und sie dauernd erhalt, ist gleichwohl die ihm objektiv inne wohnende 
gemeinschaft-erhaltende Kraft. Nur ausreichend ist das Recht nicht fur den 
von ihm selbst erstrebten Zweck. Denn die Gemeinschaftserhaltung besteht 
nicht allein in auBerlich greifbaren und erzwingbaren Dingen. Treue, Auf- 
richtigkeit, festes Zusammenhalten sind zu ihr erforderlich. lassen sich aber 
gar nicht oder nur hochst unvollkommen durch Strafen hervorbringen. In- 
dem also die nach Erhaltung strebende Gemeinschaft in dem Recht das Han- 
deln ihrer Glieder an dem einen Ende fafit, an der auBeren Handlung und dem 
lediglich auf sie gerichteten erzwingbaren Wiiien, muB sie es, um nichts Halbes 
zu tun, zugleich auch am anderen Ende fassen, an dem nicht erzwungenen 
und mit ihren Zielen aus sich heraus ubereinstimmenden, d, h. freien Wii- 
ien. Das geschieht in der Sittlichkeit: der Erhaltung menschlicher 
Gemeinschaften durch frei gewollte Handlungen ihrer Glieder. 
Und in ihr hat nun eben die Seele vermoge ihrer weitaus blickenden Voraus- 
sicht das hochste Mittel gefunden, um die der beschrankteren Einsicht des 
egoistischen Erhaltungskampfes entspringenden leidvollen Folgen auch wie- 
der zu iiberwinden. Hervorbringung freigewollter Handlungen, die objek- 



200 Hermann Ebbinghaus: Psychology 

tiv die Wirkung haben, die Erhaltung der Gesamtheit, d. h, zugleich mit 
dem eigenen auch das Wohl der anderen, zu fordern: das sind die beiden 
Hauptmerkmale der Sittlichkeit. NaturgemaB mufi die besondere Ausgestal- 
tung dieses Allgemeinen, eben wegen seines objektiven Zwecks und der sub- 
jektiven Freiheit bei seiner Verwirklichung, iiberall von bestimmten Umstan- 
den, Erfahrungen, Wertschatzungen abhangen. So kann es inmitten einer 
kargen Natur und in der Nahe starkerer Feinde fiir eine Gemeinschaft sitt- 
liche Pflicht werden, die schwacheren Kinder und die arbeitsunfahig ge- 
wordenen Alten zu toten, weil dem Stamm das Durchschleppen unniitzer 
Esser unmoglich ist. In hoheren Kulturen dagegen wird das gerade Gegenteil 
sittlich, weil der Widerspruch jener Mafiregeln gegen andere sittliche Gebote 
gar zu schroff empfunden wird; vielleicht auch, weil bei dem Vorhandensein 
ausreichender Nahrung der Vorteil der Zahl von Bedeutung wird. Nach der 
Anschauung der katholischen Kirche ist die Ehescheidung unsittlich, nach 
der der Japaner die erzwungene Aufrechterhaltung einer innerlich gelbsten 
Ehe. Da ferner die Umwandlung der sittlichen Gebote in Anpassung an neue 
Verhaltnisse langsam erfolgt, haben wir unter ihnen auch halb abgestorbene 
Erscheinungen, die nur aus der Vergangenheit recht verstanden werden konnen. 
pflicht «wd Indes, es erhebt sich starker Widerspruch. Wissen wir denn nicht durch 

nnunK die grofiten Sittenlehrer alter und neuer Zeit, vor allem durch Kant, dafi 
das eigentliche und wahre Wesen des Sittlichen in ganz anderen Dingen steckt? 
DaC es auf jenes zweite der eben genannten Merkmale der Sittlichkeit, ihre 
Beziehung zur Erhaltung der raenschlichen Gemeinschaft, gar nicht ankommt, 
sondern aliein auf das erste. das freie Wollen? Das sittliche Handeln ge- 
schieht niche uj. eine* aufier :hm IJegenden Zweckes willen, sondern aliein 
um seiner selbst wilien; nicht Zweck, sondern Pflicht ist seine Trieb- 
feder. Und seinen Wert weiter hat es nicht dadurch, dafi es den Inhalt, auf 
den es sich aus PtUchtgefiihl richtet, tatsachlich verwirklicht, sondern aliein 
durch den hervorbnogenden Willen; nicht Erfolg, sondern Gesinnung 
gibt ihm seines Wen. 

In der Tat, gsjiz so vernal t es sich: auf Pflichtgefuhl und Gesinnung 
kommt es an; das =ind weitere charakteristische und bedeutende Ziige des 
Sittlichen. Aber warn— n:c-gen sie es doch sein? Der gemeinschaft-erhaltende 
Charakter des sittlichen Hancelns bringt sie als seine naturgemaBe Folge her- 
vor; das ist die wahre Grur.dlage auch ihrer Schatzung. Von Wichtigkeit fur 
alles Handeln ist d:e Ausbildung einer festen Gewohnheit, einer sozusagen 
mechanischen, keir.er besor.deren Cberlegung bediirfenden Tendenz dazu. Von 
der grofiten Bedeutung nber ist ofienbar das Bestehen einer solchen Tendenz 
bei den gemeinschaft-erhaltenden Handlungen. Denn diese treten iiberaus hau- 
fig in Widerstreit mit den selbsterhaltenden Handlungen; sie verlangen Opfer 
und Uberwindung. Darum mufi man die gemeinschaft-erhaltenden Maximen 
den Menschen schon in friiher Jugend einpragen, und da ihr wahrer Sinn hier 
nicht verstanden werden kann, muli es ohne seine Angabe, d. h. kategorisch, 
geschehen, Naturlich aber werden sie dann auch spater, von den Herange- 



Die Sittlichkeit 201 

wachsenen, zunachst ohne BewuCtsein des vorhandenen Zweckes vorgestellt, 

als etwas unbedingt, rein um seiner selbst willen Gefordertes. Darum aber 

ist es auch weiter zweckmafiig, selbst da, wo jener Zusammenhang verstan- 

den werden wiirde, ihn nicht besonders hervorzuheben, noch auch das Han- 

deln von der Erreichbarkeit des ihm doch allein Sinn gebenden Zieles ab- 

hangig zu machen. Jene zumeist notwendigen Opfer haben alle Chancen, 

nicht gebracht zu werden, wenn der EntschluB zu ihnen jedesmal von den 

abwagenden Uberlegungen des Elnzelnen abhangig gemacht wjrd. Darum — 

kein Verniinfteln und Deutein und keine bedenkliche Kasuistik, sondern 

schlichtesJHandeln aus Pflicht und mit der Absicht, nach besten Kraften das 

Gute zu schaffen; das sind die Maximen, die sich zum Schutze des gemein- 

schaft-erhaltenden Handelns ailmahlich durchsetzen miissen. Die hohere 

Weisheit der Gesamtheit, kann man sagen, die der widerstrebenden Kurz- | 

sichtigkeit ihrer Glieder doch die Erhaltung des Ganzen abgewinnt, bekundet i 

sich auch darin, dai3 sie dieses gemeinschaft-fordernde Tun mit den zweck- 

mafiigsten Sicherungen versieht: sie lafit seinen eigentlichen Sinn den Han- 

delnden nicht zum BewuCtsein kommen, sondern zeigt ihnen nur die gerin- 

gerer Voraussicht bediirfenden Teilzwecke und siehert deren Erreichung durch 

Autoritat. 

Die sittlichen Gebote finden wir durchweg in enger Verbindung mit der sittiichk«t und 
Religion: sie erscheinen, ungleich den Vorschriften fiir das Erkennen oder R^s*" 1 - 
das kunstlerische Schaffen, als Gebote der Gotter oder der Gottheit. Auch ; 

das wiederum hangt mit ihrem Zweck der Gemeinschaftserhaltung zusammen. \ 

Durch ihn tritt die Moral, wie eben gesagt, vielfach in Gegensatz zu den Inter- • 

essen der Einzelnen. Sie bedarf daher einer besonderen Beglaubigung, einer ! 

Verstarkung des Schutzes, den ihr sonst der Glaube an irdische Autoritaten . 

allein bieten mufite. Wo fande sie diese aber naturlicher als in der Religion? 
Als grundlos und doch unbedingt gebietend stellen sich ihre Forderungen 
dem BewuCtsein des Einzelnen dar. Aber sie miissen doch irgendwo herkom- 
men. Also stammen sie wohl von Gott, von dem ja alles stammt. Der gott- 
liche Wille ist die natiirliche Erktarung fiir die kategorische j, 

Form der sittlichen Vorschriften; in dieser Einkleidung erscheint sie [ 

verstandlich. 

Durch diese Angliederung an die Religion aber wird dann wieder ein Ai]grmeingaiti K e j 
anderes begiinstigt: die Allgemeingiiltigkeit der sittlichen Vorschriften, ' ,c ' l i'\ 

ihre Ausdehnung auf den Verkehr mit alien Menschen, wie sie uns als selbst- ;| 

verstandlich erscheint. Sie ist keineswegs das Ursprungliche. Die Moral gilt 
anfanglich immer nur bis zu der hdchsten der engeren Gemeinschaften, in 
denen der Mensch sich noch durch ein lebendiges Band mit anderen zusam- 
mengehalten fuhlt; die aufierhalb des eigenen Stammes, des eigenen Volkes ; 

Stehenden sind grundsatzlich von ihren Wohltaten ausgeschlossen. Aber u.a. 
durch die Verkniipfung der Moral mit der Religion und deren Entwicklung 
zum Monotheismus, die selbst wieder mit der Versittlichung der Gotter zu- I 

sammenhangt, wird diese Schranke ailmahlich iiberwunden. Wenn jedes 



202 Hermann Ebbinghaus: Psychologie 

jedes Volk seine eigenen Gotter hat, dann ist es selbstverstandlich, dafi die 
von diesen gegebenen Befehle auch nur fur das Volk selbst gelten. Aber wenn 
nur ein Gott existiert, derselbe fur alle Vbiker, so kann er nicht kategorisch 
befehlen: „Du sollst nicht liigen" und damit an der Landesgrenze halt- 
machen; das ist absurd. Und so finden wir denn innerhalb unseres Kulturkreises 
in den letzten Jahrhunderten vor unserer Zeitrechnung mit der Entwicklung 
einer monotheistischen Religion sowie eines in gewisser Hinsicht monistischen 
Denkens auch die allmahliche Entwicklung einer allgemeingultigen, alle 
Menschen umfassenden SittHchkeit. Der Gerechte schadet auch dem Feinde 
nicht, lehrt Plato und sagt damit sichtlich seinen Volksgenossen etwas Neues 
und Befremdendes. Ahnlich Zeno der Stoiker: die Menschen sind nicht durch 
Stadte und Dorfer und Verfassungen geschieden, sondern samtHch als Bur- 
ger eines Staates zu betrachten, als Glieder einer Herde. Vor allem aber, 
am eindringlicbsten und erfolgreichsten, ist das die Predigt Christi: „Ihr 
habt gehbrt, dafi gesagt ist: Du sollst deinen Nachsten lieben und deinen 
Feind hassen. Ich aber sage euch: liebet eure Feinde." Ubrigens ist die Ent- 
wicklung noch nicht abgeschlossen. Bestehlen und Pliindern auch des un- 
bewaffneten Feindes zur See gehort wohl nicht mehr zu den guten Werken 
wie urspriinglich, aber doch auch noch nicht zu den Schandtaten wie das 
Pliindern zu Lande. 

Schlufl. Ein wie seltsam verworrenes Wesen ist doch der Mensch nach 
der volkstiimlichen und leider nicht blo6 volkstiimlichen Yorstellung. Da hat 
er eine Sittlichkeit. die ihn uber die "Wei: belehren soil, aber doch dazu nicht 
taugt, da sie :hn in die Irre fuhrt. Xeben lhr wirkt also eine ganze andere 
Kraft, die Verm:::::, die nach besonderen Grundsatzen die Sache wieder in 
Ordnung bricgt, obwohl sie doch diese Grundsatze der Welt nicht entnommen 
hat. Sein De-ken betatigt sich in* Vorstellungen, die nach bestimmten Ge- 
setzen konnner. ur.d geher.. Allein zugleich sitzt er nochmal in sich selbst, als 
kleiner Mer.s-rh in de~ groCen Menschen, und vermag nun mit souveraner 
Aul3erachtl«=ur.c iener Gesetzmafiigkeit vollig beliebig in die Vorstellungen 
einzugreifen. sich ihzen zuzuwenden, von ihnen abzuwenden, sie zu suchen, 
wenn sie verloren geganger. sind, festzuhalten, wenn sie da sind, sie zu ver- 
binden, zu trennen n=—. Die Grundrichtung seines Handelns ist die Forderung 
des eigenen Selb=t. r^rr.C ces sinrUichen Selbst. Indes entspricht das auch 
wieder nicht seinen: eigent'iche:: und wahren Wesen; es leben in ihm noch 
direkt entgeger.gerichteie _r.d h.Ihere Prinzipien, der Nachstenliebe und der 
Abtotung de= Fleischer. c:e :re:l::h die grcBte Miihe haben, sich neben jenen 
anderen zur Geltung zu brir.gi.-r.. Cbtra.II Zerrissenheit und Unertraglichkeit, 
nicht zwei Schritte mdglich ohne die ^rgsien Widersprtiche, alles unverstand- 
lich in der ganzlichen Verschiedenheit seiner Herkunft von dem sonst Anzu- 
erkennenden, sinnlos in dem Zweck dieses ganzen gegensatzhchen Getriebes, 
verstandlich allein darin, dafi hier eine kindliche, wunschvolle, zerstiickelte 
Betrachtung der Dinge zu uns spricht. 



AbschluS 203 

Ein wie staunenswert sinnvolles Wesen ist doch der Mensch fiir die zu- 
sammenhangende Betrachtung, im Zusammenhang seiner Krafte, im Zu- 
sammenhang der iibrigen Lebewesen, im Zusammenhang der ganzen Natur. 
Da hat er freilich auch verschiedene Fahigkeiten: Sehen und Hbren, Vorstellen 
und Fiihlen, Reproduktion und Konzentration, aber sie stehen nebeneinander, 
nicht gegeneinander, sich erganzend, nicht sich bekampfend. Der Art nach 
sind diese Grundziige seines Wesens im ganzen dieselben wie bei den iibrigen 
hoheren Lebewesen, und so auch die allgemeinsten Ziele seiner Betatigung. 
Aui3crordentlich gesteigert aber dem Grade nach sind seine Fahigkeiten der 
Verarbeitung des sinnlich aufgenommenen Materials: der Bildung umfassend- 
ster assoziativer Verbiinde und der isolierenden Heraushebung auBersler Ein- 
zelheiten. Er erlangt so eine unvergleichlich vollkommenere Beherrschung 
des Nebeneinander und Nacheinander der Dinge in der Natur sowie des die 
Fiille ihrer Einzelerscheinungen durchdringenden Allgemeinen und verwirk- 
Iicht dadurch dann auch die allgemeinsten Lebensziele in unvergleichlich rei- 
cheren und hoheren Bildungren als iene ubrigen Wesen. Aber alles was er 
schafft, ob wir es hoch schatzen oder gering schatzen, entspringt allein dem 
eigensten Wesen seiner Seele und dem gleichen Zusammenwirken ihrer Grund- 
krafte in verschiedenen MaDen und unter verschiedenen Bedingungen. Nicht 
ein unsauberes Gefafi ist sie, in das, man weiB nicht woher, jedenfalls durch 
eine sinnlose Kaprice, mannigfache edle Samenkorner eingepflanzt sind, die 
nun gerade in dieses Gefafi nicht passen und so zu nimmer endendem Zwiespalt 
Anlafi geben. Sondern sie ist ein vollkommen einheitlicher Organismus, der 
in Entfaltung seiner Fahigkeiten und durch immer weitergehende Anpassung 
an die vorgefundenen und die von ihm selbst geschaffenen Umstande sich zu 
immer hoheren Leistungen entwickelt. Wie dieselbe Atmosphare aus Wind 
und Wasser und Warme bald den befruchtenden Regen, bald den zerstorenden 
Hagelschlag, dort oben die schongeformte Wolke, hier unten den tiickischen 
Nebel hervorbringt, so auch dieselbe Seele mit ihren alleinigen Mitteln Irrtum 
und Wahrheit, begehrliches Geniei3en und wunschlose Freude, Selbstzucht 
und Sittlichkeit. 



Literature 

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tions, 2 Bde. (1899). — Gegenwartiger Stand: C. v, Monakow in „Ergebnisse der Physio- 
logic" 1, 2 (1902) und III, 2 (1904). 

Entwicklung: H. Spencer, Principles ofPsycbology (1855; 4. ed. 1899); auch deutsch. 

— Ch. Darwin, The Descent of Man (187 f;. — G.J. Romanes, Mental Evolution in Ani- 
mals (t&8j). Mental Evolution in Man (1SS9). Beides auch deutsch. — K. Buhler, Die 
geistige Entwicklung des Kindes. ., r 9 1 S ; 2. Aufl. 1920. AbriB der geistigen Entwicklung 
des Kindes (1919). 

Neuere Gesamtdarstellungen: H. CORNELIUS, Psychologie als Erfahrungswissen- 
schaft (1897). — H. Ebbinghaus, Grundziige der Psychologie, 1. Bd , 4. Aufl. 1,1918). AbriB 
der Psychologie (1908; 7. Aufl. 1920). — H. Hoffding, Psychologie in Umrissen, 2. Aufl. 
(1893). — A. Hofler, Psychologie (1897). — W. James, The Principles of Psychology, 
2 Vols (1890). — F Jodl, Psychologie, 2. Aufl., 2 Bde. (1902). — O. Kulpe, Vorlesungen 
iiber Psychologie (1920). — Th. LippS, Grundtatsachen des Seelenlebens (1883). Leit- 
faden der Psychologie, 2. Aufl. (1906). — H. MUNSTERBERG, Grundziige der Psychologie, 

1. Bd. (1903). — J. Rehmke, Lehrbuch der allgemeinen Psychologie, 2. Aufl. (1905)- — G. F. 
Stout, Analytic Psychology, 2 Vols {1896). — E. B. Titchener, Experimental Psychology, 
2 Vols in 4 Pts. (1901 u. 1905). — W. Wuxdt, Grur.dztige der physiologischen Psychologie 
(1873/4; 5. Aufl. in 3 Bdn. 1902/3}. GrundriS der Psychologie, 9. Aufl. (1909). — Th. Ziehen, 
Leitfaden der physiologischen Psychologie, 9. Aufl. (ion;. — J. Frobes, Lehrbuch der ex- 
perimentelleu Psychologie, 2 Bde (1917/20;. 

Einzelne Gebiete: A. Binet, Psychologie des grands calculateurs et joueurs d'echecs 
(1894). La suggestibility (1900). — B. BOURDON, La perception visuelle de l'espace (1902). 

— L. BUSSE, Geist und Korper (1903). — G. Th. FECHNER. Uber die Seelenfrage (1861}. 
Die drei Motive und Griinde des Glaubens (1863. — K. Gp.oos, Die Spiele der Tiere, 

2. Aufl. (1907). Die Spiele der Menscben (1S94;. — W.James, The Varieties of Religious 
Experience (1902). — P. Janet, L'automatisme psychologique (1889; 4. ed;. — C. Ll. Mor- 
gan, Introduction to Comparative Psychology (1894). — W. Preyer, Die Seele des Kindes, 
6. Aufl., bearb. von K. L. Schaefer (1905). — W. Stern, Psychologie der friihen Kindheit 
(1914). — Th. Ribot, Psychologie des sentiments (4. eU 1903). L'imagination creatrice 
(2. eU 1905). Essai sur les passions {1 907). — C. Stumpf, Tonpsychologie, 2 Bde. (1883 u. 1890). 

— W. Wundt, Volkerpsychologie. Vor allem Bd. I. Sprache, 2. Aufl. (1904) und Bd. II. Mythus 
und Religion, 2 Teile (1905 u. 1906). 

S. 148. Abgesehen von den allgemeinen Gedanken habe ich in den Abschnitten 
A und B auch manche Einzelheiten und Beispiele meinen obengenannten „Grundzugen der 
Psychologie" Bd. I sowie in C dem Manuskript von Bd. II entlehnt. 

S. (53. Rubner, Die Quelle der tierischen Warme. Zeitschrift fiir Biologie, Bd. 30, 
S. 73 (1894). Atwater, Neue Versuche iiber Stoff- und Kraftwechsel irn menschlichen Korper. 
Ergebnisse der Physiologie, Bd. Ill, j (1904). 



PHILOSOPHIE DER GESCHICHTE. 

Von 
Rudolf Eucken. 

Die Noi« e idv^- Einleitung. Die Philosophie der Geschichte, als eine besondere Aut- 

keit Am( ^ 3be -g a be neben der Geschichtsforschung samt ihrer Methodenlehre verstanden, 
hat manche Anfechtung erfahren, aber es geschah das namentlich, well dem 
Begriff eine besondere Fassung gegeben wurde, welche begriindete Be- 
denken hervorrief. Es war namentlich die Hegelsche Spekulation, welche eine 
Schadigung der wissenschaftlichen Arbeit der Geschichte befurchten liefl. Heute 
aber scheiden wir deutlicher zwischen der allgemeinen Frage der Philosophie der 
Geschichte und der besonderen Antwort Hegels; so werden wir nicht das Pro- 
blematische dieser Antwort dem Grundbegriff der Geschichtsphilosophie auf- 
burden, so kann diese uns nicht als eine Storungder Geschichtsforschung gel- 
ten. Diese Forschung kann nicht ins Ganze und Grofle gehen, ohne bei sich 
selbst eir.e ge^isse Philosophic zu ent^'ickeln und eir.e Grur.duberzeugung von 
cer Ge5:h::Jitr z_ beker.r.en; ~sg ciese Cberze'Jgur.g den Namen der Philoso- 
phie atlehr.en. =:e en: hair, ein Stiick philosophischer Denkart. So gewifi im 
Bereich der Geschichte menschliches Denken und Handeln die Hauptrolle spielt, 
und so gewiJ] dieses schlieBlich auf Gesamtziele geht, so gewifi fiihrt bei 
ihr von den einzelnen Daten ein Weg zu den treibenden Kraften und umfassen- 
den Zusammenhangen durch Ideen und Uberzeugungen; nur mit ihrer Hilfe 
verwandelt sich der aufiere Anblick in ein Sehen von innen heraus, die fremde 
Welt in ein eignes Erlebnis. Solche Ideen und Uberzeugungen mbgen dem 
Historiker so lange als selbstverstandlkh gelten, als er sich mit seiner Zeitum- 
gebung in Einklang befindet und miihelos aus ihrem geistigen Besitze schopft. 
Aber er trenne sich von der Zeit und versuche eigene Wege, oder die Zeit um- 
fange ihn mit schroffen Gegensatzen und fordere von ihm eine eigene Ent- 
scheidung auch in Hauptfragen, wie will er dann aller Philosophie entsagen? 
Solche Lage wird rasch zum BewuBtsein bringen, daB es ohne eine Art von im* 
manenter Philosophie keine Geschichtsforschung in grofiem Stile gibt, und daB 
Flint recht hat, wenn er sagt: The philosophy of history is not a something 
separate from the facts of history, but a something contained in them. The 
more a man gets into the meaning of them, the more he gets into it, and it into 
him; for it is simply the meaning, the rational interpretation, the knowledge 
of the true nature and essential relations of the facts. 

Starker noch als das Interesse der Wissenschaft drangt zur Ausbildung 
einer prinzipiellen Uberzeugung von der Geschichte ein unabweisbares Bediirf 



Der Name. Die alteren Denkweisen 20 ~ 

nis des modernen Geistes- und Kulturlebens ; zu seiner eigenen Klarung und Kraf- 
tigung fordert es eine Orientierung iiber sein Grundverhaltnis zur Geschichte, 
namentHch iiber das Verhaltnis von Gegenwart und Yergangenheit. Der erste 
Anblick zeigt hier einen schroffen Widerspruch. Als Kulturmenschen sind wir 
Kinder der Yergangenheit und zehren von ihrem Erbe, wir empfangen unsere 
Bildung, indem wir uns dieses Erbe aneignen; in Sitte und Recht, in Kunst, 
Wissenschaft, Religion reicht die Yergangenheit tief hinein in unser eigenes 
Leben und umspinnt uns mit einem dichten Netze sichtbarer und unsichtbarer 
Wirkungen. Aber zugleich konnen wir uns dieser Tatsachlichkeit unmoglich 
einfach ergeben, vielmehr erhebt sich gegeniiber allemZustrom der Yergangen- 
heit die Gegenwart mit der Forderung eines eigenen und urspriinglichen Lebens 
und verlangt daftir ein Zuriickstellen alles Fremden; von hier aus erscheint die 
Geschichte als eine driickende Last, der sich nur der Schwache willenlos unter- 
wirft. So wirken hier gro2e Wogen gegeneinander und ziehen auf- und ab- 
steigend die Bewegung in ihre Bahnen, insbesondere wird die unmittelbare 
Gegenwart mit ibren schroffen Geger.ss.tzen aufs starkste bewegt von einem 
Kampf um die Geschichte und unser Yerhaltnis zu iiir; die einzelnen Parteien 
haben ihre eigenen Geschichtsbilder, um so ausgepragtere. je mehr sie selbst 
mit selbstandiger Behauptung zum ganzen Menschen reden und den ganzen 
Menschen verlangen. Man denke nur an die ^materialistische 1 ', besser „6ko- 
nomische" Geschichtsphilosophie der Sozialdemokratie. In solcher gcspannten 
Lage kann sich die Wissenschaft unmoglich dem Problem entziehen und die 
wichtige Frage dem Zufall der Stimmung und der Leidenschaft der Parteien 
uberlassen. 

I. Die Geschichte der Geschichtsphilosophie. So gewift wir an 
erster Stelle mit der gegenwartigen Lage der Geschichtsphilosophie zu tun 
haben, so mussen wir fur ihr eignes Yerstandnis notwendig einen Blick auf die 
friiheren Zeiten zuriickwerfen, in denen sie wurzelt oder denen sie widerspricht. 

Wie das 18. Jahrhundert die geschichtsphilosophische Hauptthese der Dor Na 
Neuzeit zu voller Bewufltheit erhoben hat, so stanimt aus ihm auch der Aus- 
druck ,, Philosophic der Geschichte" 'phiiosophie de i'histoire}. Er begegnet 
uns zuerst bei Voltaire, er bedeutet ihm aber mehr ein Nebeneinander von 
Gedanken iiber die Geschichte; technischer wird der Sinn bei dem Schweizer 
Wegelin, der in den Schriften der Berliner Akademie zwischen 1770 und 1776 
mehrere Abhandlungen sur la phiiosophie de 1'histoire veroffentlichte; die Ejn- 
biirgerung in unsere Sprache diirfte namentlich durch Herders Ideen zur Phi- 
iosophie der Geschichte (1784 — 91} erfolgt scin. 

Wie oft, so entspricht auch hier die Pragung eines technischen Ausdrucks 
einer Erstarkung der Sache, auch sie tritt durch das 18. Jahrhundert in einen 
neuen Stand. Erst hier erreicht die Betrachtung der Geschichte die Weite, 
Universalitat und Freiheit, ohne die es keine selbstandige Phiiosophie der Ge- 
schichte geben kann, erst hier wird die Geschichte zum Hauptlebenskreis des 
Menschen. Dafiir aber bedurfte es mancher Vorbereitungen und mancher Be- 
freiungen, raufite namentlich die Neuzeit zur vollen Entwicklung ihrer cigen- 



2o8 Rudolf Eucken; Philosophic der Geschichte 

tumlichen Art gelangt sein. Denn erst sie bot die Bedingungen fiir eine selb- 

standige Philosophic der Geschichte. So grofiartig die griechische Gedanken- 

nie aiteren arbeit auch auf dem Gebiet der Geschichte war, und eine so grofie Fulle selb- 

en " eiseD st andiger Leistungen sie hervorbrachte, auf der Hohe der Philosophic hat sie 
die Menschheit mit ihrera Tun und Ergehen einem grofien Welt- und Natur- 
prozefi eingefiigt; das wohl unter dem Einflufi der babylonischen Astrono- 
mie, der eine Gesamtauffassung der Stellung des Menschen zum All entsprach. 
So betrachten auch die leitenden griechischen Denker das geschichtliche Le- 
ben als einen groBen Rhythmus, der gleichmafiig von Ewigkeit zu Ewigkeit 
verlauft, immer neu aufbauend und zerstorend, Weltgestaltungen aus sich 
hervortreibend und in sich zurucknehmend. So eine ewige Wiederkehr der 
Menschen und Dinge, kein bleibender Ertrag der Bewegung; der Platonismus 
betrachtet unsern Daseinskreis als ein Abbild einer ewigen Ordnung, die allein 
ihm einen Halt gewahrt und eine Vernunft zufiihrt. 

Dem Christentum ward die Geschichte unvergleichlich viel mehr; nichts 
unterscheidet es mehr von allem Platonismus als der Aufbau einer geschicht- 
lichen Ordnung gegeniiber seiner zeitlosen Betrachtung der Dinge. Dem 
Christentum gait die Geschichte als etwas schlechterdings Einziges und Ein- 
maliges, das Eintreten des Gbttlichen in den menschlichen Kreis und die sonst 
so fliichtige Zeit hob unermefilich die Bedeutung des zeitlichen Lebens; inner- 
halb seiner sah sich der Mensch vor eine groBe Aufgabe gestellt und zu einer 
folgenschweren Entscheidung aufgerufen, der endlose Rhythmus des Naturlaufes 
wich damit einem ethischen Drama, das alle einzelnen Zeiten zusammenhalt. 
Die alles uberragende Religio* ste'.lte auch die politische Geschichte unter ei* 
nen religiosen Anblick; so zeizi ihn die bekannte, dem Buch Daniel entlehnte 
Vorstellung von den vier Moriarchieen, die, namentlich durch Hieronymus zu 
allgemeiner Geltung gebraiht. curch das ganze Mittelalter bis an das 16. Jahr- 
hundert reicht. Keime zu eizer Philosophic der Geschichte also in Hiille und 
Fulle! Aber die gebundene Denk-a-eise der aiteren Zeit vermochte diese Keime 
nicht zu entwickein. Es -*irk:e dagegen die vorwiegend jenseitige Lebens- 
stimmung, die der Geschichie weder eigne Bewegungskrafte noch eigne Ziele 
zuerkannte, sie vietmehr nur zu einer Vorstufe einer ewigen Ordnung herab- 
setzte; es hemmte nicht zunder ein Stabilismus, der alle entscheidenden welt- 
geschichtlichen Taten der Vergangenheit zuwies und damit das Leben vor- 
nehmlich auf die \>rgar.ge=hei; kettete, der zugleich wenig Sinn fiir die Unter - 
schiede der Zeiten ha::e. L r .t unablassige Verschiebung der menschlichen Ver- 
haltnisse blieb hier ur.ge^rdi^r. di* Probleme des Werdens und Wandelns 
wurden nicht anerkanr.t. 
Charaktoristi- Soldier Festlegung widerspricht die Xeuzeit schon durch die Tatsache 

NeuLi" ihrer eignen Bildung; um Xeues. Neues auch im ganzen, wollen zu konnen, 
mufite sie an eine Bewegung und ein Recht der Bewegung glauben, Sie erweist 
eine grofiere Selbstandigkeit zunachst in der Renaissance und Reformation 
durch ein freieres Zuriickgreifen auf fruhere Epochen, sie entwickelt bald auch 
eine EigentumHchkeit gegenuber allem Friiheren und wird zu einer deutlichen 



Christentum und Aufklarung 209 

Abgrenzung dagegen getrieben. Namentlich im Frankreich des 17. Jahrhun- 
derts beginnt sich das ,,Moderne" dem Antiken entgegenzustellen und iiber- 
Iegen zu fiihlen (Perrault), zugleich wird das Mittelalter als media aetas oder 
medium aevum abgegrenzt; diese Abgrenzung erscheint gelegentlich schon 
im 15. Jahrhundert, aber zu einer festen Einteilung wird sie erst im 17. Jahr- 
hundert (Voetius, Rousin, Horn, Cellarius), namentlich Christoph Cellarius 
(1634 — 1707) zerlegte die Geschichte in historia antiqua, historia medii aevi, 
historia nova, eine Einteilung, die sich trotz mannigfachen Widerspruchs 
im grofien und ganzen durchgesetzt hat. Damit wird freier Raum fur 
Erorterungen uber die Unterschiede der Zeiten und uber den Ertrag der ge- 
schichtlichen Bewegung gewonnen; wichtiger aber als solche Erorterungen 
sind tatsachliche Wandlungen, ja Umwalzungen des Lebens, welche die Ge- 
schichte bedeutender machen und schliefiHch auch eine Philosophic der Ge- 
schichte erzeugen. 

Zu diesen Wandlungen des Lebens gehort zunachst ein Vordringen des 
Gedankens des Werdens und der Veranderung gegenuber dem des Seins und Be- 
harrens, der die antike wie die mittelalterliche Uberzeugung erfiillt hatte. Er- 
schien dieser alles Geschehen bei uns von einer unwandelbaren Ordnung be- 
herrscht und alle Vernunft unseres Daseins an den Zusammenhang mit dieser 
gebunden, alles Werden dagegen einer niederen Stufe angehorig, so gerat dem 
von seiner Kraft und Leistungsfahigkeit erfiillten'modernen Menschen die Welt 
sowohl ura ihn als in ihm mehr und mehr in Fluf3, und es wird immer mehr von 
dem, was unwandelbar schien, vom grofien Weltbau an bis in die feinsten Ge- 
bilde des seelischen Lebens, in die Bewegung und Veranderung hineingezogen; 
von hier aus verstanden, scheint es sich sowohl der Einsicht des Menschen 
mehr zu eroffnen als seiner Tatigkeit zuganglicher zu werden. Schon das hebt 
die Bedeutung der Geschichte und mit ihr die der geschichtlichen Betrachtung. 

Zu einem vollen Siege der Bewegung gehorte aber, daft nicht nur die Ver- 
anderung als eine durchgangige Tatsache anerkannt, sondern dafi auch ihre 
treibenden Krafte und leitenden Ziele ganz und gar in unsere ^ irklichkeit ver- 
legt wurden; das aber geschieht durch die Wen dung von einer jenseitigen zu 
einer diesseitigen Denkweise, durch die Wendung von der Religion zu einer 
Weltkultur. Denn die Verlegung der Krafte und Ziele in das Diesseits ver- 
anderte notweridig auch den Inhalt des Lebens. Nun kann es nicht mehr darin 
seine Hauptaufgabe finden, 211 einer uber ihm befindlichen Ordnung Stellung 
zu nehmen und ein vorgeschriebenes Gesetz zu erfullen, sondern zur Haupt- 
sache wird nun, die eigne Welt zu entfalten, was immer an Moglichkeiten in ihr 
schlummert, zu voller Wirklichkeit zu erwecken, ja in Anbildung immer neuer 
Krafte sich ins Grenzenlose zu steigern. Damit wird es klarer und kraftiger in 
sich selbst, machtiger und wirksamer gegen die Umgebung. Zuversichtlich 
wird nun die Aufgabe ergriffen, das Wirkliche verniinftig und das Vernunftige 
wirklch zu machen, ein Reich der Vernunft im eignen Kreise des Menschen 
aufzubauen. Zur Hauptwerkstatte des Lebens und Schaffens wird damit 
das geschichtliche Dasein, es braucht nun die Mitteilungen einer Vernunft 

Die Kultur der Gegenwart. I. 6. 3. Aufl. 14 



2IO RUDOLF EucKEN: Philosophic der Geschichte 

nicht mehr von draufien zu erwarten, es scheint diese bei sich selbst erzeugen 
zu konnen, es wird damit zum Hauptlebenskreise des Menschen und der 
Menschheit. 

Freilich vollzog sich solche Wendung zu einer immanenten Lebensfuh- 
rung nicht mit einem Schlage, vielmehr hat sie drei Hauptstufen durchlaufen 
und danach die Art der Kultur wie das Bild der Geschichte verschieden ge- 
staltet. — Der Panentheismus auf der Hbhe der Renaissance sieht in der Welt 
noch den Abglanz einer Uberwelt und lost daher auch die Geschichte nicht ab 
von einer ubergeschichtlichen Ordnung. Dem Pantheismus des eigentumlich 
modernen Idealismus werden Welt und Gott zu einer einzigen Wirklichkeit, 
die Geschichte aber zur Selbstverwirklichung einer Allvernunft. Die Wendung 
zum Positivismus und Agnostizismus vertreibt endlich alles Innenleben wie 
aus der Wirklichkeit, so aus der Geschichte und macht aus ihr ein Gewebe 
gegenseitiger Beziehungen und Verkettungen, das nur durch die Macht einer 
Tatsachlichkeit weitergetrieben wird. Ihren Gipfel erreicht die moderne Ge- 
schichtsphilosophie auf der zweiten Stufe, die Grundstimmung der Neuzeit 
findet hier den reinsten Ausdruck und die greifbarste Verkbrperung. Jenen 
Phasen entspncht auch die Fassung der Entwicklungsidee: sie tragt zunachst 
einen religiosen, dann einen kiinstlerisch-spekulativen, endlich einen empirisch- 
wissenschaftlichen Charakter. AJIe Phasen der Bewegung verbindet aber das 
Streben, das diesseitige Leben zu steigern und seine Arbeit zur Hauptwerk- 
statte der Vernunft zu rnachen. 
a* A=ftiir«*. Aber solche Steigerur.g des eignen Leber, s und der Selbsttatigkeit des 

Menschen ergab nicht unmittelbar den Sieg einer geschichtlichen Ansicht, viel- 
mehr fand das neue Leben erst durch die Verneinung der Geschichte hindurch 
die Selbstandigkeit und Uberlegenheit, um sich zur Geschichte zuruckzuwen- 
den und ein fruchtbares Verhaltnis zu ihr auszubilden. Unbefriedigt von dem 
iiberkommenen Lebensstande setzt ihm die Aufklarung eine zeitlose Vernunft 
entgegen, und will sie die historische Begriindung der Kultur durch eine ratio- 
nale ersetzen; erst eine solche scheint das menschliche Leben zu voller Klar- 
heit und Miindigkeit zu erheben. In den ersten Jahrzehnten des 17. Jahrhun- 
derts beginnt jener gewaltige Prozefi der Vernunft wider die Geschichte, den 
Dilthey in packender Sprache geschildert hat. Das Verlangen nach einer rein 
rationalen Gestaltung der Kultur ergreift bald auch die einzelnen Gebiete, cs 
entsteht ein ,,naturliches" Recht, eine M natiirliche" Moral, eine „naturliche" 
Religion, eine ,,naturliche" Erziehung, ein ,,naturliches" Wirtschaftssystem, 
alle in entschiedenem Gegensatz zur iiberkommenen Gestalt und in grofier 
Geringschatzung der geschichtlichen L'berlieferung. 

Eine solche Schroffheit konnte der Gegensatz unmdglich behalten, die 
Befestigung der rationalen Denkweise selbst trieb zu einer Wiederannaherung 
an die Geschichte, die Vernunft konnte sich nicht als die Herrin der Wirklich- 
keit fiihlen, ohne auch das Reich der Geschichte an sich zu ziehen und ihre 
Macht an ihm zu erweisen. Zunachst freilich beschrankt sich die Beruhrung 
auf einzelne Seiten und Punkte; Einzelheiten werden herausgegriffen und als 



Die Aufldarung 2 1 1 

Unterstiitzung, Beispiel usw. verwandt, auch wohl allgemeine Satze zu Nutz 
und Froramen der Menschheit abgeleitet, namentlich erscheint die Geschichte 
als eine moralische Lehrmeisterin, als ein Antrieb zum Guten, eine Warnung 
vor dem Bosen. So eine lehrhafte, praktisch-verstandige Behandlung der Ge- 
schichte. 

Aber eine solche Behandlung, die den Dingen einen fremden Mafistab 
aufdrangt und sie nicht bei sich selbst zusammenfafit, konnte einer vordrin- 
genden und selbstbewuBten Kultur nicht lange geniigen, diese muBte auch ein 
Streben nach einem inneren Zusammenhange und einem Gesamtbilde der 
Geschichte aufnehmen, zugleich aber Gegenwart und Vergangenheit mitein- 
ander ausgleichen. Damit war der Boden fiir eine eigentliche Philosophic 
der Geschichte gewonnen. Es erscheint eine solche in deutlichen Ziigen 
zuerst bei Leibniz. Denn ihm wird die ganze Geschichte ein allmahliches Auf- Leibniz, 
steigen der Yernunft, naher ein unablassiges Fortschreiten von einem verwor- 
renen Anfangsstande zu immer grofierer Klarheit. Hier gibt es keine Liicken 
und keine Spriinge, auch die scheinbaren Stillstande und Riickschritte sind 
Sammlungen fiir neue, hohere Leistungen. Als eine besondere Stufe hat 
jede Zeit ihre besondere Art, aber da dieselben Grofien iiberall durchgehen und 
alle Unterschiede quantitativer Art sind, so bleibt alles miteinander verwandt 
und kann die Gegenwart alle Zeiten verstehen, ihren Ertrag in sich aufnehmen 
und ihn der Zukunft iibermitteln. Der Gedanke ernes langsamen, aber stetigen 
Fortschritts, eines Fortschritts durch Anhaufung kleinster Wirkungen, ist na- 
mentlich hier zum Durchbruch gekommen. Die Naturwissenschaften haben 
ihn aufgenommen und weitergefuhrt, der Po^itivismus h^t ihn zum Ruckgrat 
seiner Geschichtsphilosophie gemacht. Niemand* m fuhlte sich Comte in seiner 
Geschichtsphilosophie verwandter als Leibniz. 

Das 1 8. Jahrhundert. Der Beginn des iS. Jahrhunderts brachte zu- Das l8 . Jahr . 
nachst die Leistung Vicos (1668 — 1744); er konnte von einer neuen Wissen- fa™*"*- 
schaft reden, wenn er in seinem Hauptwerk die gemeinsame Xatur der Volker 
untersuchte und von ihr aus Grundformen entwickelte, in denen sich alle 
menschliche Geschichte bewege. Er entwirft eine ,,ewige ideale Geschichte", 
nach welcher in der Zeit die Geschichte aller Volker in Ursprung, Fortschritt, 
Blute, Verfall und Ende ablauft; dabei betrachtet er die Schopfungen nicht so- 
wohl als Leistungen der einzelnen, sondern als Erweisungen eigentumlicher 
gesellschaftiicher Lagen. Weiter haben die Franzosen des 18. Jahrhunderts 
wie iiberhaupt, so auch auf dem Gebiet der Geschichtsphilosophie die moderne 
Denkweise zu allgemeiner Herrschaft gefuhrt, ihr Streben unterlag dabei ei- 
nem starken EinfluB einer inneren Unwahrhaftigkeit und Unhaltbarkeit der 
damaligen Zustande, es trieb sie mehr und mehr von der erstrebten Reform 
zu einer Revolution; die neue Stellung zur Geschichte war dabei ein Haupt- 
hebel der Bewegung. 

Die Gesamtrichtung vollzieht eine Wendung vom Wei tall zum Menschen, 
von einer kosmischen zu einer sozialen Lebensfiihrung, der Seelenstand wie 
das Zusammenleben der Menschen in Geschichte und Gesellschaft beherrscht 



2i2 Rudolf Eucken: Philosophic der Geschichte 

das Denken und Sinnen, der Mensch will vornehmlich sich selbst verstehen, 
seine Stellung zur Umgebung bemessen, alle VerhaltnJsse kritisch er- 
wagen; esgilt, ihm eine geistigeund staatliche Freiheit zu erringen, ihn von 
ungerechtem Druck wie lahmendem Aberglauben zu befreien, seine ganze Kraft 
zu entwickelrt. Dabei waltet ein fester Glaube an seine moralische Gesinnung 
und an sein geistiges Vermogen, nicht er selbst, sondern die Miflstande des ge- 
sellschaftlichen Standes verschulden, scheint es, die tiefe Unzufriedenheit, 
woran die Zeit leidet. Um die Mitte des Jahrhunderts erscheinen die bedeutend- 
sten geschichtlichen und geschichtsphilosophischen Werke von Montesquieu 
und Voltaire. Montesquieus Werke, namentlich der ,,Geist der Gesetze", ge- 
winnen einen tiefgehenden Einflufi aul das Denken, indem sie die Naturbedingt- 
heit aller Einrichtungen durch Boden, Klima, Sitte, Bildung und Religion 
deutlich herausstellen und zugleich nach englischem Vorbilde feste Grund- 
linien fiir die staatliche Ordnung entwerfen. Um dieselbe Zeit liefert 
Voltaire in seinem geschichtlichen Hauptwerk, dem ,,Versuch iiber die Sitten 
und den Geist der Vblker", eine Gesamtgeschichte des menschlichen Geistes, 
und vertritt er dabei einen steten Fortschritt. Er behandelt nicht allein 
die politischen Ereignisse, sondern auch das innere Leben: die moralischen, 
gesellschaftlichen, wirtschaftlichen Zustande, technische Erfindungen, die 
ku ns tier isc hen Leistungen usw. Damithat das Ganze der Geschichte nicht nur 
rr.ehr Breite, sondern auch mehr inneres Leben gewonnen. Das Ganze dieser Auf- 
klirung vrirkte eifrig ur.d erfolgreich dahin, die Fliissigkeit der menschlichen 
Verhahaiise wie die BecingtV.ei: alier Cberzeugungen und Einrichtungen zu 
vollem BewuCtseir. zu bringen. 
d« iect^he Ein eigentiimliches Gegenstuck zu dieser Leistung lieferte das deutsche 

H ""**"* nni ' Geistesleben, mit ungleich grofierer Kraft und Tiefe hat es das geschichtliche 
und geschichtsphilosophische Problem ergriffen. Nach schweren Erschiitte- 
rungen und inmitten auCerer Enge und Kleinlichkeit mit wunderbarer Jugend- 
kraft aufsteigend, hat es einen starken Zug zur Ganzheit und Innerlichkeit des 
Menschen, und entwickelt es auf der Hohe der klassischen Kultur ein neues 
Ideal des Lebens und der Schbnheit, es hat nach alien Richtungen hin dadurch 
verticfend und veredelnd gewirkt. Es lieB auch die Geschichte von innen her 
und in grofien Zusammenhangen sehen, und gab ihr einen inneren Zusammen- 
hang mit dem Weltall. Das Menschsein selbst wird hier ein _Idealbegriff, die 
Geschichte aber das unentbehrliche Mittel seiner Verwirklichung; aus den 
Wirren und Kampfen der Zeiten erhebt sich immer klarer und kraftiger ein 
Reich edler Menschlichkeit. Diese Gedanken begegnen uns zuerst in zusam- 
menhangendem Entv.urf bei Herder, sie sind dann im wesentlichen ihres Be- 
standes ein Gemeingut der leitenden Denker und Dichter jener Epoche gewor- 
den, sie beharren auch inmitten der gewaltigen Aufriittelung, Konzentration, 
Selbsterhbhung des Geisteslebens, welche von der Philosophie Kants ausgeht. 
Die Vernunftkritik mit ihrer Erhebung des Geisteslebens iiber alle Er- 
fahrung und ihrer Herabsetzung der Zeit zu einer blofi subjektiven Anschauungs- 
form scheint zunachst einer geschichtlichen Ansicht wenig gunstig. Aber sie 



Frankreich. Der deutsche Humanismus 2 13 

findet schon bei Kant selbst mannigfache Wege zur Geschichte zuriick, und 
sie enthalt einen iiberaus fruchtbaren Keim fiir eine innere Erhohung der Ge- 
schichte in der deutlichen Abhebung einer geistigen Struktur des Menschen 
von dera empirisch-psychischen Geschehen. Dieser Keim gelangte zur vollen 
Reife in dem Unternehmen der konstruktiven Denker, das Geistesleben 
zum allumfassenden Weltbegriff zu erweitern und seine Bewegung alle 
Wirklichkeit erzeugen zu lassen. Was Fichte in mafivollen Umrissen beginnt, 
die noch Raum fiir individuelle Bildungen und die Anerkennung irrationaler 
Widerstande lassen, das wird bei Hegel mit genialer Sicherheit, aber auch dik- Hegei. 
tatorischer Gewaltsamkeit vollendet im Ausbau eines Systems, von dem star- 
kere Wirkungen ausgegangen sind als von irgendwelcher anderen geschichts- 
philosophischen Lehre. Die Geschichte wird hier zu einer kosmischen Logik 
und Dialektik, die Philosophic zieht sie ganz und gar an sich und verwandelt 
sie in einen einzigen mit sicherer Notwendigkeit fortschreitenden, die ganze 
Tiefe der Wirklichkeit ersehopfenden VernunftprozeC. Dieser ProzeC liegt 
weit uber den Meinungen und Zwecken des blofien Menschen, mehr als 
irgend sonst haben die Gedankenmassen eine voile Selbstandigkeit gewonnen 
und bewegen sie sich aus ihrer eignen Notwendigkeit; das Hauptmittel solcher 
Bewegung aber ist der Widerspruch, den die Begriffe und Ideen aus sich selbst 
hervortreiben; damit vermag sich auch das fur den ersten Anblick Feindliche 
in ein Forderliches zu verwandeln, auch die Negation dient hier dem Fort- 
schritt des Lebens. Einer derartigen Rationalisierung der Wirklichkeit 
entspricht eine durchgangige Systematisierung: alles Nebeneinander wird zum 
Ausdmck eines Grundgedankens, alles Nacheinander zum , , Moment" einer 
Gesamtbewegung. So eine energische Zusammenfassung und groCartige 
Durchleuchtung der gesamten Geschichte, die Philosophie der Geschichte aber 
der beherrschende Mittelpunkt der Gedankenwelt. 

Von Anfangan hat es nicht an entschiedenemWiderspruchgegendiese Lehre • 

als eine zu enge und gewaltsame gefehit, auch hat, was in ihr an zerstorenden 
Kraften liegt, hervorzubrechen nicht gesaumt. Wenn trotzdem diese Philoso- 
phie der Geschichte noch immer fortfahrt die Menschheit zu beschaftigen und 
aufzuregen, so zeigt das deutlich genug, daB sie noch immer nicht vollig iiber- 
wunden ist. Es bifdet eben Hegel den wissenschaftlichen Hohepunkt, das ab- 
schlieCende Endglied, einer groDen Kulturepoche; seine Macht tiber uns er- 
klart sich zum guten Teil daraus, dafi er energisch zu Ende dachte, wo die 
meisten in der Mitte abbrechen. 

Wirksamer als aller Widerspruch von auCen her war die Ausbildung einer Romantik and 
anderen Schatzung und Behandlung der Geschichte, wie die Romantik und die ^''haie.* 
historische Schule sie brachten. Hier weifi man sich vollig frei von einer Konstruk- 
tion der Geschichte aus philosophischen Prinzipien, vielmehr ergreift und be- 
griifit man in ihr ein Reich selbstandiger Tatsachlichkeit und will man dieser 
das eigne Denken und Leben mdglichst eng verbinden. Laflt sich die konstruk- 
tive Geschichtsphilosophie als eine hohere Stufe der Aufklarung verstehen, so 
widerstreitet die romantische und historische Schule dieser vollauf. Aus dem 



2 t4 Rudolf Eucken; Philosophie der Geschichte 

bewuflten Denken der Individuen verlegt sie die Hauptwerkstatte des Schaffens 
in das unbewufite Leben und Walten eines Volksgeistes; was in dieser Richtung 
schon Herder angebahnt hatte, das wird betrachtlich gesteigert durch die Idee 
der Nationalist, welche seit Beginn des I9.Jahrhunderts aufsteigt und rasch 
siegreich vordringt. Die Beschaftigung mit der Geschichte erhalt damit zur 
Hauptaufgabe die griindliche Erforschung und eindringliche Vergegenwarti- 
gung der nationalen Entwicklung in ihrer vollen, alien Allgemeinbegriffen 
uberlegenen Individualitat; ihr Grundzug wird ,,jene Gabe der EntauBerung, 
in die eigenste Natur jedes Nationalwesens und jeder Geschichtsepoche in le- 
bensvoller Anschauung einzudringen" (Gervinus). Die Bewegung des ge- 
schichtlichen Lebens erscheint dabei als ein allmahliches, von sicheren Grund- 
trieben gelenktes Werden und Wachsen nach Art eines organischen Lebens- 
prozesses; der Begriff ,,organisch" wird hier zum Zauberwort, das alle Ratsel 
zu losen, alle Schaden zu heilen verspricht. Eine eingreifende Wendung wie 
des Lebens so der Geschichtsbehandlung zur Tatsachlichkeit, Anschaulichkeit, 
Individualitat ist unverkennbar; alle einzelnen Gebiete, wie die Religion, das 
Recht, die Kunst, gewinnen an Fiille und Starke dadurch, dafi sie sich auf ihre 
geschichtliche Grundlage besinnen und sich ihr anschliefien. 

Das Ganze gibt sich als einen schroffen Gegensatz zur Philosophic, und es 
hat mit seiner Verstarkung des geschichtlkhen Elements nicht wenig dazu bei- 
getragen, dem io,.Jahrhundert den Charakter eines historischen im Gegensatz 
zum philosophischen iS. Jahrhundert aufzupragen. Aber im Grunde enthalt 
auch die historische Schule eine, wenn auch anders geartete Philosophie der 
1 Geschichte. Auch sie giaubt an eine Vernunft in der Geschichte, nur sucht sie 
diese nicht in allgemeinen Ideen, sondern in Tatsachen und Individualitaten; 
auch sie lafit den Erfahrungsstand nicht unverandert, sondern sie verschiebt 
die Dinge ins EinheitHche, Charakteristische, Durchgebildete; so gibt sie auch 
in der Wendung zur Vergangenheit keine reine, sondern eine verklarte Wirk- 
lichkeit, wie namentlich ihre Behandlung des Mittelalters zeigt. Sie pflanzt 
den Dingen selbst eine Subjektivitat ein, statt sie ihnen entgegenzustellen. 
Immerhin ist sie anschaulicher und aufnahmefahiger als die Spekulation mit 
ihrer selbstherrlichen Zurechtlegung der Geschichte, ja sie gerat in die Gefahr 
eines zu passiven Verhaltens, sie droht von der zustromenden Fulle der Tat- 
sachlichkeit bewaltigt zu werden und uber der Sorge um einen Anschlufi an die 
Vergangenheit das Recht der lebendigen Gegenwart zu schmalern. Der An- 
schauungs- und Gedankenfiille der historischen Schule entspricht nicht ihre 
Schaffenskraft. 

So bilden philosophi?che Spekulation und historische Schule Gegenpole 
in der Behandlung der Geschichte. Aber im grofien und ganzen haben sie mit- 
einander zur Erhohung der Geschichte gewirkt, und haben sie jenen merkwiir- 
digen Umschwung herbeifiihren helfen, der die geschichtliche Denkweise zur 
Herrschaft brachte. Diese Denkweise scheint den Menschen inniger mit den 
Dingen zu verbinden und ihn von aller Enge eitier blofien Theorie, aller Starr - 
heit einer absoluten Betrachtung zu befreien; der unermefiliche Reichtum der 



Romantik. Die geschichtliche Denkweise 2 I 5 

Jahrtausende scheint nun erst recht gewonnen, in Hulle und Fiille er- 
wachst fruchtbare Arbeit, und zwar eine Arbeit, die nicht auf die Besonderheit 
einzelner Individuen gestellt ist, sondern seiche die Krafte zu verbinden und zur 
Forderung des Ganzen zu wenden vermag. Durch diese Arbeit aber geht, ausge- 
sprochen oder unausgesprochen, eine Weltanschauung sehr charakteristischer 
Art. Die Versohnung mit der Wirklichkeit, die der Religion wie der Philoso- 
phic so viel zu schaffen machte, wird hier in einfachster Weise durch die Idee 
eirief fortschreitenden Entwicklung erreicht; was, vereinzelt betrachtet, ver- 
kehrt und unverstandlich diinkte, das gewinnt Sinn und Vernunft als ein Glied 
der grofien Kette des geschichtlichen Lebens, aus den Zusammenhangen der 
weltgeschichtlichen Arbeit. Das Yerhaltnis der Zeiten, das sonst so viel Streit 
hervorrief, findet nun die erfreulichste Klarung: wurde sonst die Sache auf 
ein Entweder — Oder gestellt und schien die kraftige Verfechtung der eignen 
Uberzeugung eine radikale Abweisung aller friiheren Versuche zu fordern, so 
lafit nunmehr die Idee der Entwicklung das Fruhere als eine Vorstufe, einen 
notwendigen Durchgangspunkt zur Wahrheit erscheinen und begreift damit auch 
das fur den ersten Anblick kaum Yerstandliche aus seiner geschichtlichen Lage 
heraus. — Von der Weltanschauung aus reicht die Wandlung auch in das 
Handeln, es findet nunmehr sein Hauptziel darin, fiir den Fortgang der welt- 
geschichtlichen Bewegung zu arbeiten; sich ihren Aufgaben unterzuordnen, das 
wird zum Kern der Ethik; uber alle Mifistande der Gegenwart erhebt jetzt das 
zuversichtliche Vertrauen auf eine bessere Zukunft, der Glaube an einen Sieg 
des Guten auf dem eignen Boden der Menschheit. 

So eine neue Arbeit, eine neue Denkweise, ein neues Leben. Die gewal* 
tige Umwalzung unseres Daseins, die darin liegt, wird namentlich deshalb nicht 
geniigend gewurdigt, weil die neue Art uns von alien Seiten wie selbstverstand- 
lich umfangt; wo sie aber voll anerkannt wird, da wird sie als eine Grundtat- 
sache des modernen Lebens, ja als die wichtigste geistige Leistung des 19. Jahr- 
hunderts gelten. Alsdann wird aber auch dariiber Klarheit walten, dafl jene 
Wendung nicht unmittelbar aus der Geschichte selbst hervorgegangen ist, son- 
dern dai3 diese uns nur so viel werden konnte, weil wir eine hohe Bildung und 
philosophische Uberzeugungen an sie brachten. Zur Herstellung eines 
Kontaktes zwischen dieser geistigen Art und dem Reich der Geschichte war 
aber die Philosophic der Geschichte unentbehrlich. 

II. DerVerlaufdesi9.JahrhundertsunddieLageder Gegenwart. 
Die bisherige Entwicklung der Philosophie der Geschichte war ein stetiges Auf- 
klimmen von Hohe zu Hohe, das Endergebnis bildete den Abschlufi einer Folge 
von aufsteigenden Generationen. Aber nun bewahrt sich auch hier, dafi alles 
mcnschliche Leben ein Sichausleben ist, dafi eben die Erreichung der Hohe die 
Schranken der Sache zum BewuBtsein zu bringen und ihren angreifbaren Cha- 
rakter zu enthullen pflegt. Zugleich erheben sich neue, vollig andersartige, ja cnt- 
gegengesetzteBewegungen, der Entwicklung folgt ein harterKampf,mannigf ache 
Zusammenstofie und Durchkreuzungen verwirren den Gesamtanblickdcr Sache. 



2i6 Rudolf Eucken: Philosophic der Geschichte 

Zunachst freilich scheint die Bewegung einen ruhigen Verlauf zu nehmen, 
indem der brausende Strom der Spekulation sich beschwichtigt und zu frucht- 
barerWirkung ins Wei te ausbreitet. — Es entspricht einer durchgehenden Er- 
scheinung im 19. Jahrhundert, wenn sich bei der Behandlung der Geschichte 
von den als zu eng und schroff empfundenen philosophischen Systemen allge- 
meinere Uberzeugungen idealistischer Art ablosen und eine engere Beruhrung, 
eine freundliche Wechselwirkung mit der Erfahrung suchen. So bildet Wil- 
helm von Humboldt eine Vermittlung zwischen der spekulativen Philosophic 
und der Ideenlehre Rankes; so entschieden diese alle Gewaltsamkeit philoso- 
phischer Konstruktion, auch alien AnschluB an ein besonderes System ablehnt, 
die hier waltende Gesamtauffassung der Geschichte ist nicht ohne ein philo- 
sophisches Element. Auch die vornehmlich erstrebte Objektivitat der Behand- 
lung bekundet insofern prinzipielle Uberzeugungen, als das GleichmaB des 
Urteils und die Freude an aller Entfaltung des Lebens nicht moglich war ohne 
eine kiinstlerische Gesinnung mit der ihr innewohnenden weitherzigen Schat- 
zung der Dinge. In dieser Richtung geht im grofien und ganzen die Arbeit 
der deutschen Geschichtswissenschaft weiter, bei uberwiegender Zuriickhaltung 
von der Geschichtsphilosophie verbleibt einer idealistischen Grundiiberzeugung 
die Herrschaft. 
DcrPositiTumus. Dann aber beginnt auch hierher der Umschwung zu wirken, der sich im 

gemeinsamen Leben mit der Wendung von den Problemen der Innenwelt zur 
Befassung mit dem sinnlichen Dasein vollzog. Von der Kunst und der Philo- 
sophic verlegt sich der Schwerpunkt des Lebens in die Naturwissenschaft und 
Technik, in das politische und soziale Wirken; wie dabei die Gedankenwelt 
mehr und mehr unter den Einflufi naturwissenschaftlicher Begriffe und Me- 
thoden gerat, so ergreifen diese auch das geschichtliche Gebiet und er- 
zeugen eine eigentiimliche Geschichtsphilosophie. Eine solche naturwissen- 
schaftlicheSGeschichtsphilosophie bringt zu voller Durchbildung zuerst der 
Positivismus Comtes. Mag sein System in den einzelnen Gedanken weit we- 
niger selbstandig sein, als es selbst sich gibt, die straffe Zusammenfassung der 
Faden und die zahe Energie der Durcharbeitung verleiht dem Ganzen eine 
grofie Kraft; eine breite Stromung des gesamten Kulturlebens erlangt hier eine 
wissenschaftliche Fassung und Klarung. In Ausfuhrung einer tJberzeugung, 
welche dem Erkennen lediglich eine Aufdeckung von Beziehungen, die Ermitt- 
lung von Regelmafiigkeiten gegebener Erscheinungen zuweist, wird bei der Ge- 
schichte aller innerer Zusammenhang und alles Wirken eines Ganzen aus dem 
empirischen Zusammensein der Elemente abgeleitet; die Wissenschaft hat hier 
die Hauptaufgabe, in dem scheinbaren Durcheinander feste Verkettungen des 
Nacheinander und des Nebeneinander aufzuzeigen. Eine einzige Hauptbewe- 
gungumspannt alle Mannigfaltigkeit des geschichtlichen Werdens und fuhrt in 
den drei Stufen (£tats), der theologischen, der metaphysischen, der positi'ven, 
zur Hohe einer positivistischen Gestaltung des Denkens und Lebens; auf jeder 
Stufe aber, und zwar bis in das feinere Gewebe hinein, stehen alle Erscheinungen 
in festen Beziehungen, und wird daher alles Besondere nur aus dem Ganzen 



Positivism us und Soziologie 217 

seiner Umgebung, seinem milieu, verstandlich. So wird hier das wissenschaft- 
Hche Streben vornehmlich auf die Zusammenhange gerichtet; wie uberhaupt 
das Individuelle zurticktritt, so gelten auch die grofien Personlichkeiten nur als 
ein Erzeugnis ihrer Umgebung. Dies Geschichtsbild steigert die Bedeutung der 
aufieren Lebensbedingungen (conditions d' existence), die geistige Leistung 
aber ist ihm vorwiegend intellektueller Art, am Fortschritt wissenschaftlicher, 
d. h. vornehmlich naturwissenschaftlicher Einsicht scheint aller Aufstieg der 
Kultur, alle Beherrschung der Yerhaltnisse (voir pour prevoir), alle innere Ver- 
edlung der Menschheit zu Iiegen. 

Wie der Positivismus die Naturwissenschaft mit der Ge-sellschaftslehre aufs Die sozioio^e. 
engste zusammenflicht, so kommen seiner Geschichtsphiiosophie die bedeuten- 
den Fortschritte zugute, seiche beide Gebiete im 19. Jahrhundert machten. 
Die moderne Soziologie bringt eine neue Lehre von der Gesellschaft, welche 
sowohl der Aufklarung als dem spekulativen Idealismus widerspricht; der Auf- 
klarung, indem jene Lehre die Individuen nicht mit dieser als geschlossene 
Atome betrachtet, die sich erst nachtraglich zu einer Verbindung zusammen- 
finden, sondern sie von vornherein durch das Gevrebe sreoenseitiser Beziehun- 
gen verkniipft und dadurch gebildet werden lafit; dem Idealismus, indem sie 
den von ihm vertretenen inneren Zusammenhang eines Geisteslebens abweist 
und alle Verbindung aus der tatsachlichen Verkettung der Einzelelemente in 
Zeit und Raum ableitet. Daher hat der auch hier gern verwandte Begriff des 
Organismus einen wesentlich anderen Sinn als in den Systemen des Idealismus ; 
jetzt bildet nicht die innere Belebung des Ganzen, sondern die unauflosliche 
Verwebung der einzelnen Teile sein Hauptmerkmal. Diese neue Gesellschafts- 
lehre hat neue Durchblicke des Menschenlebens erbffnet, bisher unbeachtete 
Gruppen von Tatsachen in helles Licht geriickt, dem Handeln fruchtbare An- 
griffspunkte gezeigt; was immer hier aber an Tatbestand aufstieg und mit der 
Kraft einer frischsn Entdeckung wirkte, das unterstutzt eine naturwissenschaft- 
liche und positivistische Fassung der Geschichte. Denn liberal! zeigt hier das 
Leben einen starken Einflufi von Naturbedingungen, "wird der Kreis eignen 
Unternehmens und freien Handelns eingeschrankt, werden die Individuen als 
GHeder desselben sozialen Gewebes fester miteinander verbunden. erweisen sich 
ihre Unterschiede zwischen engeren Grenzen gelegen, als der unmittelbare Ein- 
druck anzunehmen pflegt (Quetelet). Indem Massenbewegungen zur Haupt- 
sache werden, tritt auch bei der Geschichte eine Sozialpsychologie oder Volker- 
psychologie und eine sozialpsychologische Erklarung vor alle Individualpsy- 
chologie. Durchgangig gewinnt hier die Bewegung ein grofieres Vermogen und 
wird der Mensch mehr wie ein Naturwesen behandelt, mehr auch in die Natur- 
bedingungen seines Geisteslebens verfolgt; nicht nur die Individuen erscheinen, 
genealogisch angesehen, in festen Verkettungen und unter zugewiesenen Be- 
dingungen, auch die gesellschaftlichen Gruppen zeigen eine grofie Festigkeit, 
und der Begriff der Rasse wird als ein Hauptschlussel historischer Bildungen 
verwandt. Uberall eine Fiille neuer Tatsachen, Durchblicke, Aufgaben! — In 
anderer Richtung wirkt das Vordringen der wirtschaftlichen Bewegung zu 



218 Rudolf Eucken: Philosophie der Geschichte 

einer hbheren Schatzung der materiellen Giiter; das erzeugt eine ,,materialisti- 
sche", richtiger eine ^bkonomische" Geschichtsphilosophie (Marx, Engels), 
welche die wirtschafthche Lage den Gesamtstand der Kultur beherrschen lafit 
und damit wieder eine neue Gruppierung der Tatsachen vollzieht, wieder neue 
Durchblicke der Gesamtgeschichte liefert. 
Die mturwissen- Das alles beriihrt sich eng mit naturwissenschaftlichen Fragen und enfc- 

wickiVngs'iehre'" spricht einer naturwissenschaftlichen Auffassung der Wirklichkeit. Zugleich 
aber vollzieht die Naturwissenschaft selbst eine eingreifende Wandlung in der 
Richtung unseres Problems: sie nimmt in sich selbst den Gedanken des ge- 
schichtlichen Werdens auf, ja sie erzeugt eine Geschichte umfassendster Art, 
welche den Anspruch erhebt, die ganze menschliche Geschichte als ein Stuck 
in sich aufzunehmen. Der Gedanke einer allmahlichen Weltbildung von ein- 
lachsten Anfangen her liegt der modernen Naturwissenschaft mit ihrem ana- 
lytischen Charakter von Haus aus nahe, die Bedeutung des Zeitmoments ist 
namentlich schon von Descartes nach der methodologischen Seite hin vollauf 
anerkannt. Aber die altere Forschung blieb vorwiegend den mechanisch-phy- 
sikalischen Froblemen zugewandt und fand ihre Hauptaufgabe darin, das zeit- 
lose Geriist des Weltbaues herauszuarbeiten; erst nach und nach gewann eine 
genetische Erklarung Boden, ohne aber bis tief ins 19. Jahrhundert hinein den 
Widerstand der anscheinend unwandelbaren organischen Formen zu uber- 
winden. Die moderne Entwicklungslehre brachte auch diese in Flufi, und 
nun war der Sieg auf der ganzen Linie entschieden, nun erwuchs von der Bio- 
logie aus eine evolutionistische Weltanschauung streng realistischer Art, die 
auch das ganz'.ich der Natur eir.gefugte menschliche Leben in eine neue Be- 
leuchtung stell:. Der Begriff der Entwicklung hat hier alle Beziehung zu einer 
\ ernunft aufj-egeb^r. und einen rein tatsachlichen Charakter angenommen. 
Hier entfaltet sich nicht in dem Werden ein irgendwie schon angelegtes Sein, 
sondern aue^GeHalz erwachst aus dem empirischen Lebensprozefi und besteht 
nicht dariiber hinaus. 5o auch in der menschlichen Geschichte ein unbegrenz- 
ter ReIativis~'-= ctr Betrachtung, ein Zuruckgehen auf verschwindende An- 
lange sa~: cer Se^ung. diese Anfange durch alle weitere Bewegung hindurch 
als das Wesrr_-J.:che ur.d Wirksame festzuhalten, eine iiberragende Bedeutung 
des Kampfes uzr-s Dasein, eine Langsamkeit der Bildung in allmahlicher An- 
sammlur.g k'.ei-er Gro£en, eine Erhebung des Niitzlichen zum Zentralbegriff 
aller Werte, — :: cem alien ein durchaus eigentiimliches Bild der Geschichte, 
das den uberkc-— — e-en Ycriteilungen vielfach schroff widerspricht. 

So in Positivis—.-s. 5:-z:oIogie. Evolutionslebre verschiedene Stromungen, 
die bei aller Abweichur.g vor.e:r.i~der darin zusammengehen, den Menschen 
ganzlich als ein Erzeugnis seiner Umgebung zu verstshen und die Bewegung 
der Geschichte nicht von innen heraus. sondern von aufien her zu erklaren. 
Was das Leben an Vernunft hervorbringt. gilt nur als ein Erzeugnis der Be- 
wegung, nicht als ein Prinzip; es kann sich daher nie von den natiirlichen Vor- 
aussetzungen ablosen und eine Macht gegen sie uben. Die Veranderung, auch 
die der geschichtHchen Ansicht, geht im Grunde weit tiefer, als gewohnlich an- 



Naturwissenschaftliche Entwicklungslehre 2 I g 

genommen wird. Denn meist wird jenes realistische Lebens- und Geschichts- 
bild unvermerkt durch Grofien und Werte der idealistischen Gedankenwelt er- 
ganzt; so erscheint leicht als eine blofi verschiedene Deutung derselben Wirk- 
lichkeit, was in Wahrheit verschiedene Wirklichkeiten vertritt. Namentlich 1st 
es ein versteckter und verblafiter Pantheismus. der wie die naturalistische Ge- 
dankenwelt iiberhaupt so auch die naturalistische Gesehichtsphilosophie durch- 
dringt, ein Pantheismus, der keinerlei Rechenschaft gibt und die uberkommene 
Religion schroff abzuweisen pflegt, der aber den empinschen Tatbestand unab- 
lassig umbildet, zusammenschlieCt, idealisiert. Ohne einen solchen Pantheis- 
mus konnten die naturali=ti=chen Gedankenwelten weder einen so systema- 
tischen Charakter tragen noch von einem so freudigen Fortschrittsglauben, ja 
einem Glauben an eine Yernunft der Wirklichkeit erfiillt sein, wie sie das 
zu sein pflegen. Indes verhindern solche inneren Widersprtiche kernes - 
wegs, daB mit dem Naturalismus auch die naturalistische Gesehichtsphiloso- 
phie in breiten Wogen vordringt und die Gedankenwelt des modernen Men- 
schen tibcrflutet. Was den Aifekt der Zeit fur sich hat, pflegt in seinem Sieges- 
laufe auch durch die hartesten Widerspriiche nicht geher.imt zu werden. Jene 
Bewegung aber hatte unverkennbar einen machtigen Zug der Zeit fiir sich. Es 
gibt eine Ermiidung auch an Gedankenmassen, eine solche war gegeniiber dem 
iilteren Idealismus eingetreten. Nun erhob sich eine neue Art von Wirklichkeit 
und versprach das Leben frischer, gesattigter, wahrhaftiger zu gestalten. War 
es ein Wunder, dafi diese Bewegung die Gemiiter anzog? 

So hat denn auch das deutsche Leben und die deutsche Wissenschaft Die deutsche 
manche Einwirkungen davon empfangen. Die deutsche Geschichtsforschung orsc a " B " 
aber hat, bei aller Bereitschaft, einzelne Anregungen von dort aufzunehmen, 
sich auf ihrem eigenen Boden im groBen und ganzen ablehnend dagegen ver- 
halten. Erst nach und nach kommen jeneBewegungen auch hier zur Wirkung, 
und vollzieht dievGeschichtsforschung selbst eine Annaherung an jene neue 
Denkweise. Eine solche Annaherung enthalt Lamprechts Gesehichtsphiloso- 
phie und Geschichtsauffassung, so sehr sie zugleich starke idealistische Ziige 
hat und daher nicht in ein Schlagwort aufgeht. Uberhaupt ist eine weitere 
Ausbreitung der naturwissenschaftlichen Denkweise innerhalb der historischen 
Forschung unverkennbar. Die iiltere Art aber lafit sich dadurch nicht ein- 
schiichtern, sie arbeitet die eigene Uberzeugung und das eigene Yerfahren nur 
noch deutlicher heraus und nimmt den Kampf namentlich auf methodologi- 
schem Gebiete mutig auf. Dieser Kampf urn die Methode darf als besonders 
charakteristisch fur die gegenwartige Lage gelten. Die Arbeit der Geschichts- 
forschung wird darin heller als je beleuchtet und das Eigentumliche ihres Ver- 
fahrens mit besonderem Eifer aufgesucht. Die Sache erhalt dadurch eine be- 
sondere Spannung, daB die beiden Hauptrichtungen sich mit voller Bewufit- 
heit entgegentreten und grundverschiedene Durchblicke des geschichtlichen 
Verfahrens Hefern. Einerseits die Neigung, die Geschichte moglichst nach 
Art der Naturwissenschaft zu fassen, das geschichtliche Leben auf ,,exaktc" 
Gesetzezu bringen, die hier freilich psychologischer Art sein miissen, greifbare 



220 Rudolf Eucken: Philosophic der Geschichte 

Stufen des Fortschritts aufzuweisen, alles individuelle Leben Gesamtbewe- 
gungen, typischen Erscheinungen unterzuordnen, auf eine durchgangige Ver- 
kettung alles Geschehens zu dringen; auf der anderen Seite das entgegengesetzte 
Bestreben, die geschichtliche Forschung von der naturwissenschaftlichen 
kraftig abzuheben, die Betonung der Individuality aller geschichtlichen Er- 
scheinungen wie der Einmaligkeit der Geschichte als eines Ganzen, ein Vor- 
halten ihrer reinen Tatsachlichkeit, die alles eigentliche Erklaren ausschliefit, 
ein Verfechten des menschlichen Handelns mit seinen Zwecken als des Kernes 
des geschichtlichen Lebens. In philosophischer Hinsicht iiberwiegt dort die 
Psychologie in einer vorwiegend empirischen Fassung, hier die Erkenntnis- 
lehre in mannigfacher, aber selbstandiger Wiederaufnahme kantischer und 
nachkantischer Ideen. Nach der philosophischen Seite nimmt unter den hierher 
gehorigen Arbeiten Rickerts Werk „Die Grenzen der naturwissenschaftlichen 
Begriffsbildung" den hervorragendsten Rang ein. 

So sehr sich hier ein naheres Eingehen auf diesen methodologischen Streit 
verbietet, dem Bekenntnis konnen wir uns nicht entziehen, dafi auf der idea- 
listischen Seite das Eigentiimliche der menschlichen Geschichte praziser erfafit 
und umsichtiger gewiirdigt wird; gegen fruhere Zeiten hat sich hier die merk- 
wtirdige Umkehrung vollzogen, dafi der Idealismus energischer auf das Tat- 
sachliche dringt und eine kritische Behandlung des Tatbestandes vertritt, wah- 
rend der Naturalismus mehr zu einem summarischen Verfahren neigt und wohl 
gar die Konstruktionen der spekulativen Philosophie auf vollig veriindertem 
Boden erneuert. Aber wenn demnach auf dem Boden der Geschichtsforschung 
selbst der Idealismus eine Uberlegenheit behauptet, fur die Wirkung in das 
Ganze des Lebens bleibt er an einem Hauptpunkte in entschiedenem Nachteil 
gegen den N a.: oralis" us. Dieser hat an dem Bilde der groflen Natur einen 
festen Hintergmnd. mit dessen Hilfe sich ihm die einzelnen Satze in ein an- 
schauliches. Gesarxibild zusammenfassen und von Ganzem zu Ganzem 
wirken. So vercr.as er auch eine Geschichtsphilosophie positiver Art zu ent- 
werferi. die bei ille~. was an ihr bestreitbar ist, die Gedanken machtig fort- 
reiCtj der Idealis— us aber uberwindet meist bei der Geschichtsphilosophie 
nicht ein kririsches und reflektierendes Verfahren. Solche Schwache erklart 
sich daraus. da£ seine altere Art, worm die klassische Geschichtsphilosophie 
wurzelte, sender erschuttert, zur Schbpfung einer neuen Art aber noch nicht 
der Mut und die Krait gefunden ist. Jene altere Art ruhte auf dem Glauben 
an eine die Welt c^irchdHiigende Yernunft, an eine sichere Uberlegenheit des 
Geistes gegen die NV.ur. an einen engen Zusammenhang des Menschen mit den 
Griinden der Wirklichkeir. an eine alles Dunkel aufhellende Macht der Intelli- 
genz; ,,der Mensch soil sich seibst ehren und sich des Hochsten wurdig achten. 
Von der Grofie und Macht des Geistes kann er nicht grofi genug denken" 
(Hegel). Wie sehr hat sich das unter den Erfahrungen des modernen Le- 
bens verandert! Auch wo daher der Idealismus die Gesinnung des Individuums 
zu beherrschen fortfahrt, fehlt ihm die Selbstverstandlichkeit, die Freudigkeit, 
die Eindringlichkeit der alteren Art. So miiflte er neue Wege versuchen, sich 



Naturwissenschaftliche und kritische Denkweise bei den Deutschen 221 

energisch die neuen Erfahrungen aneignen, eine innere Uberlegenheit gegen 
sie gewinnen und eine neue Gestalt ausbilden, welche den Forderungen der 
weltgeschichtlichen Lage der Gegenwart entspricht. Aber ist es uberhaupt 
schwer, nach dem Abbruch einer langen Entwicklungsreihe einen neuen Stand- 
punkt zu gewinnen, so kommt hinzu die starke Einschiichterung, die der Idea- 
lismus in den Wandlungen des Jahrhunderts erfahren hat, und die unvermeid- 
lich seinen Mut lahmt. Eine idealistische Gesamtiiberzeugung kann nie aus 
den Eindrticken der Erfahrung hervorgehen, sie verlangt eine Umkehrung des 
ersten Weltbildes, sie verlangt damit eine Wendung zur Metaphysik. Davor 
aber scheuen auch die meisten derer zuriick, welche den Naturalismus ablehnen 
und bekampfen. So verbleibt die Zeit in einer schwankenden Lage und 
kommt bei der Unsicherheit uber die Grundfragen auch in der Philosophie der 
Geschichte nicht recht vorwarts. 

Die Geschichtsforschung selbst wird von den Schaden dieser Lage wenig 
betroffen. Sie erfreut sich des weitesten Gesichtskreises und einer hochent- 
wickelten Technik, sie vermag vollauf zu nutzen. was eine reiche Kultur an 
Kraften und Mitteln darbietet; selbst der Relativismus der gegenwartigen 
Denkweise wendet sich ihr zum Vorteil, indem er das Verschiedenartigste mit 
gleicher Teilnahme zu erfassen und mit gleicher Sorgfalt zu behandeln gestattet, 
sie findet aus alien Zweifeln heraus immer wieder eine sichere Wegweisung am 
Gegenstande; so teilt sie ganz und gar die Trefflichkeit der heutigen Arbeit, 
ja sie darf sich als einen Hohepunkt dieser Arbeit fuhlen. Vollig anders steht 
es mit unserer Grundiiberzeugung von der Geschichte und mit ihrem Verhaltnis 
zu unseremeigenenLeben; hier ist em schwerer Mangel nicht zu verkennen. Die 
klassische Zeit unserer Literatur fuhlte sich der Geschichte eng verbunden, weil 
nach ihrer Uberzeugung eine absolute Vernunft alle Zeiten umspannte und zu- 
sammenhielt, diese absolute Vernunft aber sich dem Menschen zur lebendigen 
Gegenwart erbffn«4;e; so'blieben alle Zeiten innerlich nahe, und dem beherr- 
schenden Gedanken schloft sich alle Mannigfaltigkeit zu einer Einheit zusam- 
men. Demnach gab es hier nichts Fremdes, Starres, Totes. 

Nun aber zersprang das Band, das die Zeiten verknupft hatte, es zersprang wissen und 
nicht nur, weil die Kraft der Konzentration sank, sondern auch, weil ein so 
enges Zusammenrucken, ein solches Einspannen in eine durchgehende Formel, 
wie es die altere Geschichtsphilosophie auf ihrer Hohe versucht hatte, gegen- 
iiber der unermeBlichen Erweitemng des Tatbestandes unmoglich wurde. 
Jene Geschichtsphilosophie beschrankte sich im wesentlichen auf die euro- 
paische Kultur seit dem Aufsteigen des Griechentums, der weite Orient wurde 
zum blofien Hintergrunde, fur eine innere Anerkennung anderer Volker und 
Kulturen fehlte der Raum. Nun ist jener Rahmen als viel zu eng befunden, 
Volker uber Volkern, Kulturen uber Kulturen erscheinen vor unserem gei- 
stigen Auge, in gewaltiger Veranderung der Ma/3e wird nunmehr Jung, was 
friiher als alt verehrt wurde; gegenuber solcher UnermeOlichkeit der Tat- 
sachen scheint aller Versuch einer Synthese aussichtslos. Die Geschichtsfor- 
schung mochte das als einen Gewinn an Weite und Freiheit freudig begrufien, 



22 2 Rudolf Eucken: Philosophic der Geschichte 

unserem Grundverhaltnis zur Geschichte erwuchsen daraus schwere Verwick- 
lungen. Denn die Zeiten und Kulturen konnten keine voile Selbstandigkeit 
erlangen, ohne daB sie unserem eignen Leben innerlich ferner ruckten und die 
enge Beziehung zur Gegenwart verloren; ja die exakte Forschung selbst mufite 
nach dieser Richtung wirken, indem sie das Eigentumliche der einzelnen Zeiten 
scharfer sehen und sie zugleich deutlicher gegeneinander abgrenzen lehrte, da- 
mit aber ein rasches Uberstromen der Vergangenheit in die Gegenwart aufs 
strengste verbot. So drohte sich der Gewinn des Wissens in einen Verlust des 
Lebens zu verwandeln. Was bedeuten fur unser eignes Geschick die fernen und 
fremden Zeiten, deren Bild uns die Wissenschaft mit wunderbarei Ivlarheit vor- 
fiihrt? Verschiedene Antworten sind moglich und werden gegeben. Das Ver- 
langen einer kraftigen, mit sich selbst befafiten Gegenwart erzeugt die Neigung, 
alles Fremde moglichst auszuschliefien; so fehlt es nicht an leidenachafthchen 
Anklagen gegen die Geschichte, an Versuchen alle Tradition wic eine Hem- 
mung des Lebens abzuschiitteln. Weit verbreiteter ist bei unverkennbarer 
Schwachung der inneren Spannung des Lebens der Zug, in der Vergangenheit 
einen Ersatz fiir Mangel der Gegenwart zu suchen, das eigne Streben moglichst 
an fruhere Leistungen anzuschliefien, ja sich selbst iiber der lebendigen Ver- 
gegenwartigung vergangener Epochen beinahe zu vergessen. Damit die viel- 
Dct HutorisniQs.erorterte Gefahr des ,,Historismus", die Gefahr einer Uberflutung des Lebens 
mit fremden Elementen, einer Erdriickung und Verkummerung unseres eignen 
W ollens. der Einbildung eines uberreichen Besitzes bei nirgends voile m Eigen- 
tum. Lber aller Gerechti^kei: gegen das Fremde drohen wir unsere eigne Art 
zu verlieren t-d uber dem rastlosen Drangen ins Weite, Fremde, Unermefiliche 
die Kraft zer.traJe:: Lebens herabzusetzen. 

Es ist i~er solcher Historismus nur ein Stuck einer allgemeineren Er- 
scheinung des secenwartigen Lebens, eines MiSverhaltnisses von Konzentra- 
tion und Expa-sica. Hinter einer unermefilichen Erweiterung des Lebens nach 
den verschieaer.st^n Richtungen ist die Entfaltung der Innerlichkeit weit zu- 
riickgebliebe": s:- gibz es keine innere Bewaltigung der Mannigfaltigkeit, so 
kann e= keine kr^ftige Philosopbie, so kann es keine Philosophic der Geschichte 
geben. Auch jer.e Grundiiberzeugung der Neuzeit, welche das geschicht- 
liche Dasein zurr. Haupt.ebenskreis des Menschen, zur Hauptstatte seiner Auf- 
gaben und Hof:r.u-;er- —.achte. erfahrt nun die schwerste Erschutterung. Ver- 
liert jener Lebenskreis der. Zusammenhang mit einer absoluten Vernunft, ver- 
liert er zugleich aJ!er. :r.r.erer. Zusammenhang bei sich selbst, wie konnte er uns 
eine Erfullung ur.serer Idei'e ho: fen. ^ie ein sicheres Vordringen der Vernunft 
envarten lassen: Und warum sollten wir fur feme Zeiten und Geschlechter 
miihsam und opferfreudig arbeiten. wenn uns kein innerer Zusammenhang 
damit verbindet? Ja unser ganzes Leben drohtj^s^Le^r^zu_falIen, wenn es 
lediglich ein Fortschreiten von Zeit zu Zeit, von Augenblick zu Augenblick be- 
deutet und damit alles Erlebnis sofort in den Abgrund des Nichts versinkt. 
Das geschichtliche Leben gewann dem modernen Menschen eine voile Absolut- 
heit, es glaubte seine ganze Welt zu bedeuten. Sollte nicht auch hier sich eine 



Historismus. Wissen und Leben 



223 



innere Dialektik erweisen und aus der Uberspannung eine Selbstzerstorung 
hervorgehen ? 

So befinden wir uns bei diesen prinzipiellen und zentralen Fragen heute 
in ciner hbchst unsicheren Lage. Eine reiche Yergangenheit erstreckt sich mit 
machtigen Wirkungen in die Gegenwart, manches Errungene, wie namentlich 
die Ausbildung einer historischen Denkweise, lafit sich unmoglich wieder auf- 
geben. Aber es fehlt ein fester Zusammenhang und eine charakteristische Ge- 
staltung der eignen Gedankenwelt, damit zugleich aber eine sichere Begriin- 
dung der einzelnen Efemente. 5ind wir heute demnach bei diesen Fragen nicht 
sowohl im Besitz als im Such en, so kann auch die Philosophic der Geschichte 
nicht iiberkommene Bahnen einfach weiterverfolgen, sondern so mufi auch sic 
neue Wege wagcn und dabei auf die letzten Probleme zuriickgreifen. Woht ist 
dies Unternehmen mifllich und schwierig, aber hinter ihm steht das immer 
starker anschwellende Verlangen nach Befestigung und Vertiefung unserer 
geistigen Existenz, das durch das moderne Leben geht. Was sich an dieser 
Stelle unsererseits bieten lal3t, sind nur e:nze!ne Anregungen: sie mochten na- 
mentlich zeigen, dafi der Kreis der Mogliohkeiten durch die alteren geschichts- 
philosophischen Systeme noch nicht erschopft ist. Eine weitere Ausfiihrung 
und Begriindung der hier vertretenen Gedanken habe ich in meinen Werken 
zur systematise hen Philosophic, namentlich in ,,Mensch und Welt", zu geben 
versucht. 

III. Gedanken und Thesen zur Philosophic der Geschichte. iiemnmnge» 
Die Philosophic der Geschichte kann die Geschichte nicht in ein Ganzes fassen UQ 
und sie durchleuchten, ohne schweren Hemmungen zu begegnen, die das 
Ganze ihres Unternehmens leicht als aussichtslos erscheinen lassen. An erster Endiosigkeit 
Stelle ist es die Endlosigkeit und Uniiber=ehbarkeit des Geschehens, welche sehbarkeit. 
das Streben gefahrdet. Der Mensch steht mitten im Strom der Dinge, erkennt 
weder das Woher des Lebens noch sein Wohin; dabei durchkreuzen sich sehr 
verschiedene Bewegungen, nicht nur die Individuen, ganze Menschengeschlech- 
ter verschwinden, manche Volker und Kulturen sind untergegangen, ohne eine 
bleibende Spur ihres Wirkens zu hinterlassen; die einzelnen Kreise sind meist 
ohne einen Zusammenhang und ohne eine \\ echsehvirkung; die naheren 
Schicksale der Volker scheinen vom Zufall beherrscht, ein voriibergehender 
Augenblick kann lange Ketten des Lebens zersfcoren. Wohl heben sich einzelne 
grofie Personlichkeiten aus dem Gewirr hervor und geben zeitweilig den Zeiten 
den Stempel ihres Geistes, aber keine Einheit verbindet sie untereinander. So 
scheint es unmoglich, dieses Gewirr zu ordnen und leitenden Zielen zu unter- 
ordnen; es ist niemandem zu verdenken, wenn er das Gesamtproblem als aus- 
sichtslos ablehnt. 

Aber mag ein System der Philosophic der Geschichte auf grofie Hem- v«raache ein« 
mungen stofien, der Mensch straubt sich dagegen, alien inneren Zusammen- 
hang der Geschichte aufzugeben und ein sinnloses Durcheinander der Er- 
eignisse anzuerkennen; sofluchtet er zu besonderen Antrieben, umirgendwelchen 



224 Rudolf Eucken: Philosophie der Geschichte 

Halt dagegen zu gewinnen; es sind aber diese Antriebe sowohl transzendenter 
Das measch- als immanenter Art. So gewiB zunachst den Menschen sein geistiges Wesen 
o eo. ^ azu zw j n gt j S ein moralisches Handeln innerlich zu messen, es zu bilHgen oder 
zu verwerfen, so tief wurzelt in ihm das Verlangen, in den Ereignissen des pri- 
vaten wie des gemeinsamen Lebens eine sittliche Ordnung anzuerkennen und 
ihrem Walt en zu vertrauen, es ist ihm unmbglich, gut und bbse als gleich- 
wertig zu behandeln; irgendwelche Macht, so scheint es, muf) dem Guten Macht 
iiber das Bbse verleihen, wenn nicht alle Gerechtigkeit und damit alle Vernunft 
aus der Welt verschwinden soil. So waren an keiner Stelle die hbherstehenden 
Vblker so einig wie in jenem Grundgedanken, ja es war dieser Gedanke der 
Kern ihrer Religionen; auch die Hbhen des philosophischen Denkens haben 
sich in Mannern wie Plato und Kant dem angeschlossen; mit solcher Uberzeu- 
gung kam auch in die Geschichte eine Vernunft und fand der Zufall feste Gren- 
zen. Freilich konnte einem gescharften Auge der Widerspruch der mensch- 
lichen Erfahrung mit der moralischen Forderung nicht entgehen, aber Reli- 
gionen wie Denker haben lieber das Gesamtbild der Welt umgewandelt und 
der vorhandenen Welt eine neue entgegengesetzt, als dafl sie jene Forderung 
preisgaben, sie haben einen Heroismus der Gesinnung darin erwiesen, das 
scheinbar Unmogliche durch geistige Kraft durchzusetzen. Aber ein solcher 
Heroismus fordert eine unbedingte GewiCheit und eine zuversichtliche Erhe- 
bung iiber die Eindriicke der Erfahrung; eine solche Erhebung aber fallt dem 
modernen Menschen sehr schwer, ihm diinkt leicht jenes Verlangen als ein 
Wahr.Eebilde der Subiektivitat. welche Wiinsche und Hoffnungen als Wirk- 
lichkeiter. e:n*ei2t und dem Tatbestand schroff widerspricht. DaG dieser 
Tatbestand -:-:h: zu jenem menschlichen Verlangen stimmt, dafi die Ereig- 
nisse, wie es = -iheint. vollig gleichgiiltig gegen Wohl und Wehe, sowie gegen die 
Werte der Menscher^eschlechter sind, das hat neuerdings uns der Weltkrieg 
mit unheimlicher E^-Jtlichkeit erwiesen. Zum mindesten ist der Grundge- 
danke viel zu strittig. er bedarf viel zu sehr einer persbnlichen Uberzeugung, 
um eine Ph :!■:<=<:•? hie der Geschichte wissenschaftlich begrunden zu kbnnen. 
Der Gedanke Eine ar.cere M ;-gIichkeit scheint eine immanente Ordnung der Dinge zu 

bieten. Sie ist vcn wrslter Zeit zu uns gekommen, sie scheint zugleich den mo- 
dernsten Uberzeu^iz^en zu entiprechen; es ist die Lehre von einem Rhythmus 
des Geschehens. cer -sie den alltagiichen und den alljahrlichen Wechsel der 
Ta^eszeiten ur.d cer -^hreszeiten, so auch die Schicksale der Menschheit be- 
herrscht. Keigte vor. Haus sus die orientalische Denkweise dahin, die Schick- 
sale der Menschen an c^s W'z'.:*.'.'.. ^n cen Himmel, zu ketten und von daher Ein- 
sicht und Hilfe zu hoffen. so :;: die nihere Ausiiihrung dessen wohl von der 
babylonischen Astronomie zu cer. Griecaen gekommen und hat hier im Vor- 
stellungskreise der Gebildeten tiefe Wurzein geschlagen. Dann aber kam das 
Christentum mit seiner Verkundigung eines einmaligen Geschehens der Welt- 
taten, ihm folgte die Neuzeit mit ihrem Gedanken eines Fortschritts ins Un- 
begrenzte, beides miteinander widersprach jener Lehre vom Rhythmus. Aber 
immer von neuem erhob sich die Vorstellung von festen Lebensstufen und da- 



«taes Rbythmus 



Religiose und immanente Losung. Spengler 225 

mit auch von einer Wiederholung der Geschicke; Naturwissenschaft und Ge- 
schichtsforschung wirkten im modernen Leben dabei zusammen. Die Natur- 
wissenschaft lehrt wohl einen unablassigen Wechsel der Erscheinungen, sie lehrt 
aber auch, dafi dieser Wechsel sich in sicherer Ordnung geschichtlicher Art voll- 
zieht; so liegt auch ihr der Gedanke nahe, da6 die Bewegung sich unablassig 
wiederholt und eine beharrende Gesetzlichkeit zeigt; ein Denker wie Spencer 
hat daraus eine eigentiimliche Lehre abgeleitet, welche ein unablassiges 
Aufwogen und Abwogen der Weltepochen vertritt. Auch die Geschichts- 
forschung enthalt manche verwandte Gedanken, wir sahen z. B., daC Vico die 
Schicksale der Vfllker einem festen Schema unterwarf. Neuerdings hat na- 
mentlich das vielbesprochene Werk Spenglers „Der Untergang des Abend- Spe^w 
landes" dem Grundgedanken eine grofie Anschaulichkeit und Eindringlichkeit 
verliehen, es verkundet mit sehr viel Wissen und Scharfsinn einen Parallelis- 
mus des Geschehens, der von einer Epoche auf die andere zu schliefien ge- 
stattet, und der durch die Aufweisung vielfacher Analogien unterstiitzt wird; 
als wesentlich gilt dabei eine Bewegung von einem frischeren und ursprung- 
licheren Stande des Lebens zu einen: verstandesmaBigen, von Schaffen und 
Reflektieren, von Gehalt und Technik, von Kultur und Zivilisation, es erfolgt 
nach dieser, vielfach der Romantik verwandten Gedankenwelt in der Ge- 
schichte eine gewisse Selbstverzehrung des Lebens, es wird ein gewisses Grund- 
kapital aufgezehrt, bis ein neuer Kreislauf beginnt. Das Gesamtgeschick der 
Menschheit scheint dabei einem uberlegenen Schicksal unterworfen, gegen das 
der menschliche Wille wehrlos ist. Wir verstehen sehr wohl, wieviel in den 
Erschiitterungen der Gegemvart die hier waltende Grundstimmung unter- 
stiitzt. Eine andere Frage ist, wie weit die hier gebotene Losung den Tatsachen 
und den Forderungen des Lebens entspricht. 

Sicherlich zeigt das Vblkerleben vielfach ein Aufsteigen und ein Sinken 
des Lebenstriebes; namentlich der Verlauf des griechischen Lebens zeigt das 
deutlich. Aber er zeigt auch, daB dieser Yerlauf besondere Voraussetzungen 
hatte: einerseits behandelte das Altertum die Welt als eine gegebene und be- 
grenzte Grofie, die in allem Wechsel der Lagen immer wieder zu sich selbst 
zuruckkehrt und inneren Umwalzungen und Erhbhungen keinen Raum ge- 
wahrt; andererseits war jene Welt innerlich auf sich selbst beschrankt, sie 
kannte auf ihrer Hbhe nicht ein ubernationales Leben, sie kannte nicht eine 
gegenseitige Erganzung und Fbrderung der Vfilker und Kulturen auf dem 
Boden der Geschichte, In das Schema des Rhythmus passen auch nicht die 
grofien Umwalzungen, wie sie im Ubergang zum Christentum und in dem 
zur Neuzeit vorliegen, sie sind viel so sehr qualitativer Art, um einen Rhythmus 
zu ergeben. Wohl sind vielfach Parallelen bei den Menschen und den Vorgan- 
gen unverkennbar, aber sie erschbpfen nicht das innerste Wesen der Zeiten; un- 
moglich laBt sich nach Art eines Katurprozesses von einer Epoche auf die an- 
dere schlieBen. Wir werden spater sehen, wie das menschliche Leben dem 
Schicksal eine Freiheit entgegensetzt, und wie diese Freiheit eine Ableitung 
aus einem Gesetze unmoglich macht. Zugleich verbietet sich eine dogmatische 

Die Kultur der Gejjecwjrt. I. 6. 5. A\\-i . j c 



226 Rudolf Eucken: Philosophic der Geschichte 

Behandlung der Geschichte, es bleibt bei dera Worte Hegels, daS weder die 
Fursten noch die Vdlker je etwas aus der Geschichte lernten. So kann 
uns jene Lehre der Geschichte mit ihrem Rhythmus nicht geniigen, so manche 
schatzbare Anregung sie bietet. Sie vermag nicht einer Geschichtsphilo- 
sophie einen festen Stand zu gewahren, sie vermag auch nicht die Eigentum- 
lichkeit derMenschengeschichtegentigendauszupragen. Weder die durchschnitt- 
lichreligiose noch die immanente rhythmische Denkweise entspricht demnach 
ihren Forderungen ; die religiose leidet sowohl an dem Mangel einer vollen Sicher- 
heit als auch an dem einer geniigenden Selbsttatigkeit; die immanent-rhythmi- 
sche aber daran, dafi sie keinen Platz ftir die Freiheit hat, sondern den Menschen 
ganz und gar einem Prozefl und damit einem dunklen Schicksal unterwirft. 
So ist es unbedingt notwendig, auf den Grundbegriff desLebens zuriickzugrei- 
fen und von hier aus eine philosophische Behandlung der Geschichte zu wagen.y 

Dio beiden Das Leben der Menschheit enthalt zwei Stufen: die eine steht auf dem 

Lebens" Boden des Daseins, in einer uns umfangenden und beherrschenden Welt, die 
andere eroffnet eine neue Welt, ein Reich der Selbsttatigkeit; dieser Scheidung 
entspricht eine zwiefache Art der Geschichte. Im Bereich des Daseins ist alles 
Geschehen nur ein Zusammensetzen und Anhaufen einzelner Elemente, das 
bei aller Fulle von Leistungen starre Grenzen besitzt und keinerlei Innerlich- 
keit, kein Beisichselbstsein kennt. Von einer Geschichte kfinnen wir hier nur 
reden, sofern eine Folge von Ereignissen entsteht und das Spatere durch das 
Fruhere bedingt wird; was hier einraal war, das dauert in seinen Wirkungen 
fort, auch wenn es selbst vorbeiging. So gescbieht es im Aufbau der 
Weltkorper, so in der Bildung derErdrinde, so auch beimWerden organischer 
Formen, so erstreckt es sich auch in das menschliche Seelenleben. Wohl er- 
halten sich hier auffallende und erschiitternde Ereignisse wie Erdbeben, Flu- 
ten usw. im Gedachtnis der Geschlechter eine Zeitlang fort, aber diese Wirkung 
ist aui3erer Art, niemand fafit die einzelnen Erscheinungen zusammen, nie- 
mand erlebt sie als ein Ganzes.' Demgegeniiber entsteht eine neue Art des Ge- 
schehens, indem der Mensch sich jenes nicht einfach gefallen laBt, sondern 
eigne Tatigkeit an die Sache setzt und eine Gegenwirkung gegen die aufieren 
Eindriicke vollzieht. Diese Tatigkeit wird immer selbstandiger, sie ist schliefi- 
Hch imstande, einen eigentumlichen Lebensbereich zu erzeugen und dem Dasein 
eine Tatwelt entgegenzusetzen; von hier aus entsteht auch eine eigentumliche 
Menschengeschichte. Die Wendung dahin erscheint schon in der Tatsache, 
daB die Ereignisse nicht ihrem tatsachlichen Ablauf iiberlassen werden, sondern 
dafi der Mensch sie durch seine Tatigkeit festzuhalten oder neu zu beleben ver- 
mag; was aufierlich vorbeiging, das soil innerlich gegenwartig bleiben und 
wirken. Das geschieht z. B., wenn gewisse Ereignisse durch Denkmaler, In- 
schriften usw. der Erinnerung spaterer Zeiten empfohlen und dadurch be- 
kraftigt werden. Uber solchen Stand aber fuhrt die Bewegung weit hinaus, 
indem sie nicht nur an den dargebotenen Dingen gewisses leistet, sondern einen 
festen Standort in der Tatigkeit selbst findet und einen selbstandigen Bereich 



Dasein und Tatwelt 227 

hervorbringt, damit aber den Schwerpunkt des Lebens mehr und mehr von 
auflen nach innen verlegt. 

Die Tatwelt kann aber sich selbst nicht in ein Ganzes zusammenfassen, BUding einer 
ohne grofie Aufgaben ura sich und bei sich anzutreffen und zugleich den Be- 
griff der Geschichte deutlicher zu fassen. Eine Menschengeschichte kann nicht 
an den einzelnen Punkten und Augenblicken entstehen, sie fordert ein Ganzes 
und Inneres, sie strebt uber alle blofien Beziehungen der Elemente hinaus, sie 
besteht auf einera Leben, das sein Ziel bei sich selbst findet, in seiner Selbst- 
entfaltung, in der Erzeugung einer Welt der Inhalte, in einem echten Selbst- 
leben, wahrend das Reich der Beziehungen nur ein Halbleben fuhrt. 

Es kann aber diese Wendung nicht erfolgen, ohne da£ das Leben gewisse Hsupiaufgaben. 
Forderungen an sich selbst stelit, damit aber auch der Geschichte besondere 
Aufgaben vorhalt. Es sind dieser Aufgaben namentlich drei: es gilt die Tat- 
welt gegenuber dem Dasein zu behaupten, es gilt die in ihr angelegten Krafte 
zu entwickeln, es gilt vorhandene Widerspriiche im eigenen Lebensstande zu 
iiberwinden. — An erster Steile gilt es. Tatwelt und Dasein in das rechte Ver- 
haltnis zu bringen. Die Tatwelt tritt dem Dasein nicht als eine fertige Grofie 
entgegen, sie strebt auf diesem Boden erst miihsam auf, sie folgt strengen 
Naturordnungen und erringt erst allmahlich eine Selbstandigkeit gegen die 
Aufienwelt. So die Forderung einer physischen und materiellen Kultur, einer 
Zivilisation, diese fordert einen allrnahlichen Fortgang und eine unablassige 
Arbeit der Geschlechter. 

Eine weitere Aufgabe bringt die Selbstentfaltung der Tatwelt, es gilt 
alle Anlagen und Mbglichkeiten deutlich herauszuarbeiten und sie zur vollen 
Entfaltung ihrer Leistungen anzuhalten. Damit entsteht eine Geisteskultur; 
sie erstrebt immer weitere Hbhen, aber ihre Erreichung bedarf besonderer 
Lagen und besonderer Persbnlichkeiten; das Gewonnene dauert nicht ohne 
weiteres fort, sondern es bedarf fortwahrender Anstrengung, um den Ertrag 
zu behaupten. Die Geschichte ist hier nicht ein ruhiger Flufi des Geschehens, 
sie bedarf leitender Hbhenpunkte, um die Krafte zu sammeln und ihnen feste 
Ziele zu geben. Sie entwickelt nicht bloG einen vorhandenen Besitz, sondern 
sie bedarf eines urspriinglichen Schaffens und einer geistigen Freiheit. So ver- 
standen ist die Geschichte der Kuitur kein bloBer Prozefi, der sich in seine 
einzelnen Stufen auseinanderlegt, sondern sie ist eine Tat des Ganzen. 

Uber diesen Punkt aber geht die Bewegung des Lebens beim Menschen 
hinaus, indem sie bei sich selbst Hemmungen erfahrt und sie zu iiberwinden 
hat: die Krafte dienen hier nicht ohne weiteres einem umfassenden und 
uberlegenen Ziel, sondern sie kbnnen eigene Wege einschlagen, sie kbnnen in 
den Dienst menschlicher Triebe und Zwecke treten und jenem Ziel direkt 
entgegenwirken. Damit erscheint das, im weitesten Sinne verstandene mora- 
lische Problem, der ZusammenstoB des Guten und des Bbsen; das Leben der 
Geschichte wird damit zu einem harten Kampf, nicht blofi fur das lndividuum, 
sondern auch fur das menschliche Zusammensein und fur die gemeinsamen 
Verhaltnisse. Die uns erbffnete Wirklichkeit erscheint damit nicht als ein 



228 Rudolf Eucken: Philosophic der Geschichte 

Reich der reinen Vernunf t, sondern, um mit Plato zu reden, als ein Kind der 
Vernunft und der Notwendigkeit; tiber die geistige Kultur hinaus erhebt sich 
ein Reich der Wesensbildung und wird das Leben in noch vollerem Sinne auf 
unsere Freiheit gestellt; es kann das nicht, ohne eine engere Verbindung 
mit dem Ganzen des Lebens zu empfangen und durch ihr Walten innerlich 
erhbht, ja umgewandelt zu werden. Hier erscheint die Geschichte nicht als 
ein sicheres Aufsteigen zur Hohe, sondern als ein harter Kampf und als eine 
grofie Entscheidung; es kann dabei der Zweifel entstehen, ob auf diesem Ge- 
biet uberhaupt ein Fortschritt nachweisbar sei, und ob das Leben eine aufstei- 
gende Linie bilde. Hier ist um das Ganze der Seelenhaltung zu ringen, hier gibt 
es keinen bequemen Besitz. 

So verlauft sich die Geschichte der Menschheit in drei Hauptrichtungen: 
in der Zivilisation, in der Geisteskultur, in der Wesensbildung; diese drei Be- 
wegungen konnen sich leicht zerwerfen, meist wird eine Zivilisation nicht iiber- 
schritten, manchmal fiihrt die Geisteskultur, wieder besondere Bahnen ver- 
folgt die Wesensbildung, wie vornehmlich die Religion sie vertritt; das Ideal 
ist die richtige Verbindung der drei Aufgaben zu einem gemeinsamen Werke: 
zur Erziehung des ganzen Menschen und der ganzen Menschheit. 
Biidong von Das Gesamtziel laBt sich aber nicht verwirklichen, wenn nicht das Leben 

.ashmen eme eingreifende Wendung durch das Entstehen weltgeschichtlicher Zusammen- 
brmpen, hange, grofier Konzentrationen, vollzieht, wie in unserem westlichen Kultur- 
kreise Altertum, Christentum, Neuzeit es sind. Diese Zusammenhange ergeben 
Grundtatsachen und Grunderfahrungen und verbinden sich zum Ganzen einer 
charakteristischen Wirklichkeit; nur diese Konzentrationen erheben das Le- 
ben iiber den Stand freischwebender Krafte und richten es auf feste Ziele. 
Eine besondere Grundtatigkeit gibt diesen Zusammenhangen eine unvergleich- 
Hche Art. Eine solche erscheint beim Altertum im weltbildenden Gestalten und 
der durchgangigen Formgebung, beim Christentum in der Seelenvertiefung und 
demGewinn einer weltuberlegenen Innerlichkeit, in der modernen Welt in der 
Kraftsteigerung und der Aufruttelung aller Wirklichkeit; jeder Zusammenhang 
erstrebt eine eigentumliche Welt und gibt sie als allbeherrschend. Nur kraf t 
des Wirkens und Schaffens dieser Zusammenhange kann der Mensch die 
Beschrankung auf den eigenen Kreis uberwinden und ein Weltleben teilen, nur 
so kann er eine voile Wahrheit erreichen; es vollzieht sich hier eine Gesamt- 
bewegung des Lebens sowohl in der Form, welche auflere und innere Welt mit- 
einander verbindet und dem Ganzen eine feste Ordnung gibt, als in der Seelen- 
vertiefung, welche sich keineswegs auf die einzelnen Menschen beschrankt, 
sondern allem Getriebe des Menschenlebens eine selbstandige Welt ethischen 
und religiosen Schaffens gegeniiberstellt, in sie den Schwerpunkt des Lebens 
verlegt, aus dem Menschen etwas wesentlich Neues macht, als auch in der Kraft- 
steigerung, welche durch unbegrenzte Stufen hindurch immer weitere Hohen 
erklimmt, alles Ruhende inFluC versetzt, alles einzelne miteinander verkettet. 
Nur von solchen Weltbewegungen und Welttatsachen aus kann der Mensch die 
Kluft zwischen sich und dem All uberwinden, die ihn der Vereinsamung, ja 



Lebenszusammenhange und Gliederung 2 2Q 

der Nichtigkeit iiberliefert, nur von hier aus kann sein Lebeii einen Sinn und 
Wert erlangen. 

Wir nannten in friiheren Schriften diese Lebenszusammenhange zur 
Unterscheidung von blofienLehrsystemen Syntagmen, Lebenssynthesen; diese 
Lebenssynthesen fordern hochste Arbeit, sie mussen von unablassiger Denk- 
arbeit getragen werden, aber sie werden damit keineswegs blofi intellektuelle 
Grbfien; das Denken selbst empfangt erst aus diesen Zusammenhangen eine 
ausgepragte Art und eine Macht iiber die Dinge. 

Dieses Entstehen von Syntagmen ist von grofiter Bedeutung fur das Ge- oiieder^ de S 
samtbild der Geschichte; von hier aus vollzieht sich eine GHederung des Gan- r,eid,ehCD -- 
zen, von hier entstehen Spannungen, Gegensatze usw., zugleich aber audi 
Antriebe und Weiterbildungen, die Geschichte wird dadurch unvergleichlich 
lebensvoller und reicher. Diese Zusammenhange haben selbst eine eigentiim- 
liche Geschichte, sie erweisen nicht eine fertige Art, sondern sie werden sich 
selbst zum Problem und zur Forderung; ihre Stellung zum Dasein ist recht 
verschieden, und sie haben meist mit seinen Widerstanden hart zu kampfen; 
aber dieser Kampf macht sie kraftiger und klarer bei sich selbst und er- 
hebt sie zu vollen Lebensmachten. So verstanden kann die Geschichte un- 
moglich als ein blofier Prozefi gelten, der sich in seine einzelnen Phasen aus- 
einanderlegt ; auch das Ganze ist schliefilich ein Werk des Schaffens und der 
Freiheit. 

Nun aber gilt es, sich mit der Tatsache naher zu befassen, dafi diese Lebens- visiiieit u a d 
zusammenhange weit auseinandergehen; es droht, wie es scheint, die Gef ahr t z X^TX!^* 
dafi iiber den Unterschieden und Gegensatzen die Einheit des Ganzen zer* syn'hesm. 
fallt, dafi verschiedene Lebensstrbme sich durchkreuzen, und dafi uns eine ge- 
meinsame Wahrheit entschwmdet. Besondere Eindriicke und Erfahrungen 
der Gegenwart verstarken solchen Zweifel. Es wirkt dahin die Vervoll- 
kommnung der wissenschaftlichen Methode, die uns die Verschiedenheit, ja 
Einzigartigkeit der Zeiten deutlich vor Augen riickt und ihr unmittelbares Zu- 
sammenfliefien verbietet, es wirkt weiter dahin die Erweiterung unseres 
ethnographischen Gesichtskreises, indem sie in anderen Kulturkreisen andere 
Lebenskonzentratiohen und andere Ziele aufdeckt, wahrend in friiheren Zeiten 
der eigene Lebenskreis als allein berechtigt, als allein moglich gait. Wir konnen 
diese Gedankenfolge nicht deutlich herausarbeiten, ohne uns zu der Haupt- 
these zu bekennen, welche nach unserer Uberzeugung allein eine philosophische 
Wurdigung der Geschichte moglich macht, und welche auch die Voraussetzung 
unserer eigenen Darlegungen bildet. 

Ein gemeinsames Leben der Menschheit und eine Einigung ihres Strebens d«- Gru^d- 
ware unerreichbar, waren wir auf den Menschen der blofien Erfahrung be- ' oraU:,Re - un? ' 
schrankt, waren die Lebenssynthesen nur Ausflusse menschlicher Meinungen, 
Wiinsche, Strebungen; denn dann waren wir ganzlich dem Wechsel der Lagen 
und Zeiten unterworfen, der Verlauf der Geschichte wurde dann immer mehr 
Verschiedenartiges nebeneinanderstellen, er miifite den Wirrwarr und dieUn- 
sicherheit unablassig steigern. Die Geschichte wurde damit ein fortschreitender 



230 Rudolf Eucken: Philosophie der Geschichte 

innererZerfall der Menschheit; nur die zwingenden Bediirfnisse der physischen 
und der sozialen Lebenserhaltung wurden uns dann leidlich zusammenhalten, 
die Geisteskultur aber hatte mehr und mehr der bloCen Zivilisation zu weichen. 
Diese zerstorende Wendung ist nur von der Uberzeugung aus zu bekampfen, 
daB das zeitiiberlegene Leben, das allein eine Geschichte eigentumlich mensch- 
licher Art moglieh macht, nicht ein Erzeugnis des bloCen Menschen bildet, son- 
dern daB sich darin eine Offenbarung eines Ges am tie bens vollzieht, an dem 
der Mensch teilnehmen kann, das aber nicht aus seinem eigenen Vermogen 
hervorgeht; wir verstehen damit jene Bewegung als eine uns uberlegene Wen- 
dung der Wirklichkeit zu ihrer eigenen Tiefe, als ein Weltgeschehen; iiber alien 
einzelnen Leistungen wirkt trier ein Ganzes des Lebens und scheidet deutlich 
von der Menschengeschichte eine Geistesgeschichte; nur diese fuhrt iiber den 
Bereich der Zersplitterung und des Werdens hinaus. Was bei uns an schaffen- 
dem Leben vorliegt, das mufi in einem Gesamtleben wurzeln, wenn es nicht 
unwahr und haltlos werden soil. So gilt es durchgangig, von diesem iibermensch- 
lichen Standort aus den Wahrheitsgehalt der einzelnen Synthesen zu wiir- 
digen und deutlich zu scheiden zwischen dem, was der Zeit und dem 
Menschen gehort, und dem, was sie an tibermenschlichen Lebensmachten, 
an dauernden Grunderfahrungen und Grundtatsachen erschliefien. Die ein- 
zelnen Synthesen stellen sich damit nicht als ein blofles Nacheinander dar, 
sie alie dienen einem allumfassenden Zusammenhange und werden durch ein 
Einheitsstreben verbunden. 

Diese Einheit gegenliber allea Unterschieden und Gegensatzen zu vertre- 
ten, das muB die Hauptaufgabe der Gescbichtsphilosophie sein, nur von hier 
aus laCt sich ein Gesamtblick und eine Gesamtwiirdigung der geschichtlichen 
Bewegung erreichen, ihr Tatcharakter muB dabei mit voller Klarheit hervor- 
treten, zugleich aber mu6 auch die Eigentumlichkeit unseres geistigen Be- 
reiches vollauf anerkannt werden. Jede hier entstandene Lebensbildung hat 
etwas erzeugt, was sich in den Bestand des Lebens fest eingrub, eine bleibende 
Wahrheit brachte, bleibende Kraft erzeugte. Grofie Gegensatze sind unver- 
kennbar, sie fuhren das Leben nach verschiedenen Richtungen, aber das Ganze 
kann dadurch wachsen, wenn nur eine innere Uberlegenheit gewonnen wird. 
Die Kultur hatte bei der Menschheit zwei Hauptzentren: Ostasien und Europa 
mit dem angrenzenden Westasien; das richtige Verhaltnis beider zu finden, 
das mufi eine Hauptaufgabe sein. Die westlichen Kulturen verfolgten ver- 
schiedene Wege, vor allem bildete das einen grofien Unterschied, daB die Le- 
bensordnungen der Gestaltung und der Kraftsteigerung das Hauptstreben 
auf das Weltall richteten und es mit ihrem Reichtum zu erfiillen suchten, 
wahrend die ethisch-religiose die Gesinnungswandlung voranstellte und eine 
neue Welt der Hoffnung und des Glaubens zu ihrem Hauptstandort machte; 
dort wird das Leben mehr ins Unpersonliche, hier mehr ins Personliche gekehrt. 
Aber auch die beiden weltfreudigen Lebensordnungen gingen in der naheren 
Durchbildung weit auseinander: die Gestaltung fordert Einheit, Geschlossen- 
heit und Beharren, die Kraftentwicklung Vielheit, Unbegrenztheit und Bewe- 



Einheit iiber den Gegensatzen. Stellung zu Hegel 231 

gung; das macht die Hauptwerte hier und dort sehr verschieden. Nun aber 
wird es zur weltgeschichtlichen Aufgabe, sowohl den verschiedenen Lebens- 
stromcn uberlegen zu werden, als den Wahrheitsgehalt eines jeden vollauf zu 
wiirdigen und in das eigene Leben aufzunehmen; ohne eine durchgreifende 
Erneuerung, ja Umwalzung kommen wir nicbt aus. Was der Hauptstrom des 
modernen L bens an Richtungen aufweist, das geniigt den Aufgaben derWelt- 
lage weitaus nicht, denn es bietet nicht mehr als eine Yermengung von Na- 
turalismus und Intellektualismus, auch kann es eine starre Kluft zwischen Men- 
schen und Welt nicht uberbrucken; es lost das Menschenproblem ganzlich 
vom Weltproblem ab und uberliefert damit unser Leben bei aller aufieren 
Fiille einer geistigen Engeund Durftigkeit. So tut uns nichts sondtig, wie eine 
Umspannung und geistige Beherrschung der verschiedenen Lebensbewegungen; 
eine solche kann nicht eine blofie Zusammenstellung des Verschiedenartigen 
sein, sie mufl eine Erhohung, ja Umwalzung bringen. Das gibt auch der Ge- 
schichtsphilosophie einen eigentumlichen Anblick. Dem Menschen aber gibt 
es zugleich eine GroDe und eine Grenze. So gewifi wir uns gegenwartig halten 
mussen, dafi das menschliche Leben in einem schaffenden Gesamtleben be- 
griindet sein muB, zum Gelingen bedarf es auch unserer Entscheidung und 
Anregung, auch unser Tun fallt in die Wage, es macht uns aus bloBen Zu- 
schauern der Wirklichkeit zu selbstandigen Mitarbeitern der Weltbewegung; 
an dieser besonderen Stelle diirfen wir uns selbst fur unentbehrlich halten und die 
aus der Wendung zur Tatwelt erwachsenden Probleme auf uns nehmen. So 
bleibt unser Grundgedanke auch in der Philosophic der Geschichte die Frei- 
heit, aber wir vergessen nicht, daC unser Leben vie! Notwendigkeit undBegren- 
zung in sich tragt, und daC es auf seiner Hohe sich als einen Kampf zwischen 
Freiheit und Notwendigkeit darstellt. , ? Ohne den Widerspruch von Notwendig- 
keit und Freiheit wiirde nicht Philosophic allein, sondern jedes hohere Wollen 
des Geistes in den Tod versinken" (Schelling). 

Was aus solchen Uberzeugungen von der Geschichte hervorgeht, das SLaiiung 
diirfte besonders greifbar werden bei- einer Vergleichung mit der Hegelschen'" <=s '" 
Geschichtsphilosophie. Mit Hegel bedeutet auch uns die Geschichte keine 
tote Vergangenheit, sondern einen unerlaClichen Weg zur Erringung einer zeit- 
uberlegenen Gegenwart, auch wir haben einen Kampf gegen das blofie Neben- 
einander der Menschheitsgeschichte zu unternehmcn, auch uns steht das Ganze 
vor dem Einzelnen, die ewige Ordnung vor dem Strom der Zeit. Aber wir 
glauben nicht schon am Abschlufi zu stehen, uns gilt die Bildung jener 
Gegenwart noch mitten im Flufi und dahcr offen auch fur die Zukunft. 
Mit Hegel suchen auch wir die bewegende Macht der Geistesgeschichte nicht 
in menschlichen Ansichten und Absichten und ihr Ziel nicht in der Steigerung 
ihrer armseligen Wohlfahrt, sondern in einer Selbstverwirklichung eines iiber- 
legenen Lebens; aber jene Macht finden wir nicht in der wachsendcn Selbst- 
bewufitheit des Geistes, sondern ftir uns liegt die treibende Macht in einem schaf- 
fenden Lebenswillen, der Gewinn aber in dem Vordringen einer echten Wirk- 
lichkeitsbildung in unserem Bereiche. DemgemaB widersprechen wir der Ra- 



232 Rudolf Eucken: Philosophic der Geschichte 

tionalisierung, welche Hegel an der Geschichte vornimmt, wie sie sowohl in 
dem Voranstellen des Allgemeinen als in der Verwandlung der Geschichte in 
ein logisch-dialektisches Schraubengefuge zum Ausdruck kommt. Wir bekennen 
uns demgegeniiber zu einem Positivismus des weltgeschichtlichen Lebens, der 
freilich nicht empirischer, sondern geistiger Art ist; nur ein solcher Positivis- 
mus kann den heute so starken Durst nach einem echten und wesenhaften Leben 
befriedigen. Das ergibt ein von Hegel weit abweichendes, weit weniger ge- 
schlossenes, aber weit bewegteres und gehaltvolleres Bild der Geschichte, es gibt 
dem Tatcharakter des Lebens die leitende Stellung, Hier bedeutet das Ethische 
nicht blofi eine Wendung des Einzelnen zum Ganzen, eine willige Einfugung in 
den WeltprozeB, die ihn zu einer nebensachlichen Begleitung herabdruckt, son- 
dern es bildet hier den Kern des Lebens, es bedeutet eine fortlaufende Selbst- 
schopfung und Selbstbejahung des Lebens. Damit erhebt sich gegenuber dem 
intellektuellen Kraftsystem ein ethisches Inhaltssystem. 

Aber mag unser Weg sich weit von Hegel unterscheiden, seine iiberragende 
Grofie miissen auch wir vollauf anerkennen, einzigartig ist seine enge Verbin- 
dung von logischer Energie und systematischem Denken mit historischem An- 
schauungs- und Einlebungsvermbgen, sie ergibt ein packendes Gesamtbild 
von der Geschichte, das philosophisch kein Gegenstuck hat, und von dem fort- 
wahrend grofie Anregungen ausgehen. 
Die iiber- Die Eigentiimlichkeit und die Fruchtbarkeit der dargelegten Geschichts- 

G^nsL^'.^^assung wird namentlich daran ersichtlich, daB sie uber Gegensatze hin- 
ausfiihrt, die sonst das Leben beirren und spalten. — Das gilt nament- 
lich von dem Gegensatze, der die altere und die neuere Geschichtsbehandlung 
am scharfsten scheidet, dem Gegensatz von Ewigkeit und Zeit, von Beharren 
ifeferron «mi und Veranderung. Der alteren — antiken und mittelalterlichen — Denkweise 
v^demng sc ^ en e j n Wahrheitsgehalt des Lebens unmoglich ohne die Erhebung zu einer 
ewigen Ordnung und ohne ihr kraftiges Gegenwartighalten inmitten des Wech- 
sels und Wandels der menschlichen Dinge. Von hier aus erschien das Reich der 
Veranderung als eine niedere, mbglichst tief herabzudruckende Lebensstufe; 
einen inneren Zusammenhang und eine bedeutende Aufgabe konnte die Bewe- 
gung von da aus nicht gewinnen. Wir sahen, wie das in der Neuzeit anders wurde, 
wie die Bewegung immer mehr Raum gewann und immer ausschliefilicher das 
Leben einnahm. Aber wir sahen auch, wie solches Ausschliefilichwerden der 
Bewegung mehr und mehr zur Zerstorung wirkte, wie es das Leben immer mehr 
in eine Flucht von Erscheinungen verwandelte, wie es alien inneren Zusammen- 
hang der Geschichte aufzulosen und damit die Geschichte selbst als eine gei- 
stige zu vernichten drohte. Dieser Verlust wird immer deutlicher empfunden, 
die Stimmung, welche zunachst dem Vordringen der Bewegung als einem 
reinen Gewinn an Kraft und Freiheit freudig entgegenkam, beginnt umzuschla- 
gen, das Verlangen nach einem festen Standort, nach einem beharrenden Er- 
trage aller Miihe, nach mehr Ruhe gegenuber der rastlosen Bewegung, wird 
starker und starker. Aber wird es moglich sein, das Leben wieder mehr ins 
Ewige zu grunden, ohne eine Geschichte und eine geschichtliche Denkweise 



Verhaltnis von Eeharren und Veranderung 233 

preiszugeben, konnen sich eine zeitliche und eine ewige Ansicht der Dinge ohne 
einen schwachlichen Kompromifi zusammenfinden? 

Es wird das mbglich sein, wenn das Grundleben und die menschliche Da- 
seinsform zugleich geniigend geschieden und wieder verbunden werden; dies 
aber verlangt eine innere Abstufung des Lebens. Jenes Leben kann seinem 
Kern nach nur als zeitlos und unwandelbar gelten; ware es mit diesem nicht 
irgendwie dem Menschen gegenwartig, so konnte es fiir ihn keine Wahrheit und 
auch keine Geschichte geistiger Art geben. Insofern hat die altere Denkweise 
ein gutes Recht gegenuber der neueren, Aber darin ging sie fehl, daB ihr das 
geistige Leben auch fiir uns als fertig gegeben und mit einem Schlage erreich- 
bar diinkte, das Ewige schien auch fiir uns eine vollendete Tatsache, nicht 
eine schwere, sich iramer wieder erneuernde Aufgabe; menschliche Daseins- 
form und geistiges Leben wurden hier einander zu nahe gertickt, sie verflossen 
zu unmittelbar ineinander. So glaubte der Platonismus die Gedankenwelt 
endgultig abschlieCen zu kbnnen, so gab auch die christliche Kirche das Ge- 
1 ust ihrer Dogmen und Einrichtungen als eine unantastbare Wahrheit fiir 
alle Zeiten. Mit solchem Unternehmen wurde aber der Stand einer besonderen 
Zeit starr festgelegt; das mufite im Lauf der Jahrtausende einen imraer har- 
tcren Druck bewirken und einen immer schrofferen Widerspruch bervorrufen, 
das fiihrte unvermeidlich zu einer VermenschHchung des Geisteslebens. 

Vollig anders stellt sich die Sache mit der Anerkennung dessen, daC je- 
ner tiefste Grund unseres Wesens der Lebensentfaltung und der eignen Tatig- 
keit keineswegs unmittelbar einleuchtet, sondern dafi er erst miihsam 
zu erringen ist, und dafl dieser Weg gefahrliche Irrungen nahelegt. Was 
an sich der Zeit uberlegen ist, das bedarf zur vollen Belebung fiir den Menschen 
der Arbeit und der Erlahrungen der Zeit. Das macht die Geschichte not- 
wendig und wertvoll; sie wird dann kein bloBes Dahintreiben ins Weite und 
kein blofies Wirken nach aufien hin, sondern sie wird ein Suchen des eignen 
Wesens, sie tragt in sich ein festes Ziel und wird zu ihm aus alien Abirrungen 
durch eine innere Notwendigkeit immer wieder zuriickgelenkt. Erst eine solche 
Uberlegenheit gegen die Geschichte kann einen Sinn der Geschichte ergeben. 
Von hier aus erscheinen Ruhe und Bewegung nicht mehr als Gegensatze, son- 
dern als gegenseitig aufeinander angewiesen; je mehr geistiger Gehalt heraus- 
gearbeitet wird, desto mehr Festigkeit gewinnt das Leben, desto wichtiger 
wird aber auch die Bewegung. 

Sowiirdedie geschichtliche Betrachtung hier keineswegs verlieren, immer 
aber wiirde sie an zweiter Stelle stehen, immer wiirde der Standort des 
geistigen Lebens nicht innerhalb, sondern iiber der Geschichte sein; immer 
ware der Gewinn eines festen Punktes, eines geistigen Typus, einer beherr- 
schenden Lebensenergie die Voraussetzung einer geschichtlichen Bewegung 
geistiger Art, immer ware aus der Bewegung heraus auf diesen festen Punkt 
zuruckzugehen und von ihm aus eine Behandlung sub specie aeternitatis auch 
an der Geschichte zu erweisen; eine solche Denkweise wiirde bei der Geschichte 
inmitten alles Empfangens eine energische Selbsttatigkeit tiben, sie wiirde 



234 Rudolf EUCKen: Pbilosophie der Geschichte 

dem Streben die Haaptrichtung nicht auf die Zukunft, sondern auf eine gehalt- 
volle, geistig begrundetc Gegenwart geben. 

Wie solche Anerkennung einer grundlcgenden Ordnung mehr Zisammen- 
hang in die Geschichte bringt, so werden damit auch die besondercn Epochen 
und Lebensentfaitungen an innerer Einheit gewinnen. Wo zwischen geistiger 
Substanz und menschlicher Existenzform deutlich geschieden wird, da kann 
sich ganz wohl durch alien Wandel des menschlichen Lebens, durch alle Ver- 
schiebungenvonVorstellungen undBestrebungenhindurchein charakteristisches 
Grundgeschehen behaupten. Das allein ist das Entscheidende, ob ein solches 
vorliegt und in ihm eine Uroffenbarung des Geisteslebens anerkannt werden 
mufi. Ist das der Fall, so kann die Aneignung eine lange, ja unabsehbare Ge- 
schichte voller Arbeit und Streit haben, ohne daruber einen inneren Zusammen- 
hang zu verlieren. Solche Herausarbeitung des geistigen Grundgescheh-ns 
mufi das Bild der Geschichte einfacher und ubersichtlicher gestalten, als der 
unmittelbare Eindruck es darstellt, sie wird einer Auflosung in einzelne Vor- 
gange kraftiger widerstehen. Die Voraussetzung alles solchen Unternehmens 
ist aber die Anerkennung der Uberlegenheit des Geisteslebens gegen den bloflen 
Menschen und die dadurch bewirkte Vertiefung unseres Wesens; ohne sie ist 
der Bewegung und ihrem zerstorenden Wirken nicht zu entrinnen. f 

ideaiismus und In anderer Richtung vermag die vorgetragene Geschichtsauffassung eine 

Uberwindung des Gegensatzes von Idealismus und Naturalismus fordern, wie 
die Gegner in Kiirze heiDen mogen. — Der Idealismus vertritt eine Selbstandig- 
keit des Geisteslebens gegeniiber der Natur und auch der menschlichen Er- 
fahrungslage; er ist in dieser Beziehung unangreifbar, solange nicht auf alle 
und jede Wahrheit, au£ eine gemeinsame Gedankenwelt, auf eine Kultur in- 
nerer Art verzichtet wird. Wenn der Naturalismus diese Leistungen'von sich 
aus glaubt aufbrjngen und dadurch den Idealismus ersetzen zu konnen, so 
kann das nur geschehen, weil er eine dem Nebeneinander der Erfahrung iiber- 
legene und es umfassende Geistes- und Gedankenwelt voraussetzt und die von 
der Natur dargebotenen Grofien unmerklich dahin iiberf iihrt ; so nur konnte er die 
Aufgabe gelost zu haben glauben, die dem anderen so viel Muhe kostete. In 
Wahrheit ist die Preisgebung jenes Grundgedankens des Idealismus eine innere 
Auflosung des Geisteslebens und zugleich einer dem Vorstellungsgetriebe iiber- 
legenen Wissenschaft. 

Aber solche Notwendigkeit des Grundgedankens des Idealismus deckt 
keineswegs die besonderen Formen des Idealismus, auch nicht seine im mo- 
dernen Leben iiberwiegende Form. In uberschwenglichem Lebensgefiihl und 
in unbegrenzter Schatzung des Menschenwesens glaubte dieser Idealismus aus 
menschlichgeistiger Tatigkeit unmittelbar ein Reich des absoluten Geistes 
erzeugen und darin die ganze Wirklichkeit aufnehmen zu konnen. Das Gei- 
stesleben im Menschen erschien als Geistesleben schlechthin, als absolutes 
Geistesleben, seiner geistigen Art nach schicn der Mensch den Mittelpunkt der 
Dinge zu bilden; vom Kleinmenschlichen glaubte man sich dabei vbllig be- 



Idealismus und Naturalismus 235 

freien und alien Widerstand der AuBenwelt uberwmden zu konnen. Nun hat 
die eigne Erfahrung des Lebens starkste Zweifel an dieser Losung erzeugt. 
Das Gefahrlichste war dabei nicht, dafi die Welt drauBen nicht sofort in das 
vorgehaltene Bild einging; einen derartigen Widerspruch hatte man dahin- 
stellen und seine Losung dem Laufe der Zeit anheimgeben konnen. Die Haupt- 
sache war, daB die aufjenem Wegeerreichte Welt das Geisteslebenselbst nicht 
dauernd befriedigte und ihm nicht als voile und wesenhafte Wirklichkeir gelten 
konnte; solche Gefahrdung ihrer Jnneren Wahrheit drohte sie zu einer Schatten- 
welt zu machen. Diese innere Schwache des Idealismus war es, welche dem 
Vordringen des Naturalismus die Bahn freimachte; was er an Tatsachen und 
Methoden in die Bewegung hineinwarf, das gewann namentlich dadurch eine 
hinreifiende Kraft, dafi es dem Leben mehr Wahrhaftigkeit, Nahe, Einfach- 
heit zu geben versprach. Das hat auch der naturalistischen Behandlung der 
Geschichte so weiten Eingang verschafft. 

Einer solchen Lage laBt sich abhelfen nur durch das Aufstei'gen eines 
ncuen Idealismus, der fest genug stent, um auch das Widerspiel wurdigen und 
seinen Wahrheitsgehalt sich aneignen zu konnen. Zu einem solchen Idealis- 
mus gehort aber notwendig, daB das Geistesleben deutlicher iiber alle mensch- 
liche Leistung und auch uber alle einzelnen menschlichgeistigen Tatigkeiten 
hinausgehoben und als die-Bildung einer echten, bei sich selbst befindlichen 
Wirklichkeit verstanden werde. Hat das Leben in dieser Weise eine sichere 
Stellung gegenuber dem Menschen gewonnen, so kann die Besonderheit der 
menschlichen Lage, die Langsamkeit und Schwierigkeit eines geistigen Auf- 
stieges unter unseren Verhaltnissen, die Macht der sinnlichen und mensch- 
lichen Faktoren im Gebiet der Erfahrung vollauf anerkannt werden. Die Na- 
tur reicht tief in das Leben des Menschen hinein, so bleibt em gutes Stuck der 
Geschichte auch bei ihm Naturgeschichte und will als solche behandelt werden. 
Nur in Auseinandersetzung mit diesem Erfahrungsbestande kann das Geistes- 
leben fur den Menschen voile Kraft entfalten. Nur seien die Bedingungen, 
unter denen sich fur uns geistiges Leben erzeugt, nicht fur seine schaffenden 
Griinde ausgegeben, wie solche Verwechslung von Bedingung und erzeugendem 
Grunde in der Art des Naturalismus liegt. Die Folse dieses Verfahrens ist 
eine Preisgebung alles inneren Antriebs, eine Bindung an fremde und undurch- 
sichtige Ursachen, ein zahes Festhalten der niederen Stufe, eine Ziel- und Sinn- 
losigkeit der Bewegung, ein Mangel an Selbsttatigkei't und Freudigkeit, mit 
dem alien eine starke Herabsetzung der Lebensenergie, eine Wendung zum 
Pessimismus, wenn anders das Ganze als Ganzes iiberschaut wird und zu- 
gleich der anfangliche Reiz verfliegt, den die Abweisung unwahr gewordener 
idealistischer Gedankenmassen in sich tragt. Der Naturalismus braucht nur 
streng auf sein eigenes Vermogen beschrankt zu werden, um sein geistiges Un- 
vermdgen und auch seine Unertraglichkeit an den Tag zu legen. 

GemaS solchen Uberzeugungen hat die Behandlung der Geschichte die 
beiden Fragen deutlich auseinanderzuhalten, wie geistige Inhalte entstehen, 
geistige Weiterentwicklungen vor sich gehen, und welche Bedingungen, Vor* 



236 Rudolf Eucken: Philosophic der Geschichte 

bereitungen, Umgebungen das in der menschlichen Lage hat, und wie es inner- 
halb dieser Lage zur Wirkung gelangt. Es war ein Fehler des alten Idealismus, 
die zweite Frage als erne Nebensachc- zu behandeln; leicht sah es aus, als 
ob die Schopfungen vom Himmel fielen, und als ob geistige Inhalte nur irgend- 
\vo im menschlichen Lebenskreise zu erschcinen brauchten, um die Fuhrung 
zu iibernehmen und die Gemuter zu gewinnen. Demgegeniiber bedurfte es 
einer neuen Betrachtungsweise, welche den Widerstand des Menschlichen, die 
Notwendigkeit einer Auseinandersetzung damit, den weiten Abstand des 
Durchschnitts von den Forderungen des Geisteslebens zur Geltung bringt, 
von der aus die menschliche Welt nicht als ein Reich absoluter Vernunft, son- 
dern als ein Kreis erscheint, innerhalb dessen sich unter hartesten Wider- 
standen und mannigfachen Ruckfallen eine gewisse Vernunft miihsam empor- 
arbeitet. Von einer deduktiven Konstruktion der Geschichte kann dann keine 
Rede sein, das Leben abcr gewinnt eine groGere Tiefe und Weite, als ihm die 
Konstruktion zu geben vermochte. 
Ethiscker Ein Hauptpunkt unscrer Uberzeugung ist die energische Verfechtung der 

Geschichte. er menschlichen Tatigkeit in der Geschichte und damit eines ethischen Charakters 
der Geschichte. Nicht nur durch die naturalistische Denkweise mit ihrem Me* 
chanismus, auch durch die moderne idealistische Entwicklungslehre mit ihrer 
Verwandlung der Wirklichkeit in eine Evolution der Vernunft war jener stark 
gefahrdet. Denn auch bei Ihr wurde der Weltprozefi durch zwingende Not- 
wendigkeiten weitergetiieben, die geistige Kraft iibenvog bei weitem die ethi- 
ftche Tat. Nunmehr aber verstarkt sich schon dadurch das ethische Element 
der Geschichte, d. h. der Geschichte im eigentumlich menschlichen Sinne, dafi 
das Geistcsleben nicht in unserer Lage schon unmittelbar wirksam, dafi es 
nicht sowohl ,,gegeben" als ,,aufgegeben" ist, daB es als ein Ziel vorgehalten 
wird, welches unsere Anerkennung und Aneignung fordert. Eine solche Aner- 
kennung kann nicht ein fur allemal geschehen, das Geistesleben verliert sofort 
seine Kraft und seine Wahrheit, wenn es nicht immer von neuem unsere Zu- 
wendung erhalt, nicht von einer fortlaufenden Tat getragen wird. Insofern 
ist alles echte Geistesleben in seiner Wurzel ethischer Art. 

Aber nicht nur zur prinzipiellen Aneignung des Geisteslebens, sondern 
auch zu seiner nahereu Gestaltung bedarf es unserer eigenen Tat und Ent- 
scheidung. Wir stehen nicht von vornherein im Element der Vernunft und 
werden nicht durch einen uberlegenen Strom sicher weitergefiihrt, sondern wir 
miisseneinenVernunftcharakterunseresLebens und die geistige Richtungunseres 
Weges erst erkampfen; unsere geistige Wirklichkeit finden wir nicht um uns 
vor wie die sinnliche, sondern wir haben sie mit Miihe und Arbeit, unter Ge- 
fahren und Irrungen erst zu bilden. Harter als aller Kampf nach auBen ist der 
Kampf des Geisteslebens um sich selbst, um seinen eigenen Gehalt; immer 
wieder wurden neue Ausgangspunkte ergriffen, immer wieder griff der Kampf 
in das Ganze und in die letzten Elemente zuriick. Es baut sich seiner geistigen 
Art nach das Leben nicht auf sicherer Grundlage in ruhiger Ansammlung auf, 
sondern auch die Grundlage ist immer von neuem zu skhern. Ja, es lafit sich sagen, 



Ettiischer und positiver Cliarakter dcr Geschichte 2 it 

dafi dcr eigene Verlauf der Geschichte immer mehr alles Selbstverstiindliche 
zerstort, immer mehr von dem, was handgreiflich schien, auf unsere Tatigkeit 
stellt ; wir brauchen nur unsere eigene Lage mit der des Altertums zu verglei- 
chen, um das aufs deutlichste zu empfinden; wir legen immer mehr unser eignes 
Werk in das Leben hinein. Eine Steigerung des ethischen Charakters des 
Ganzen besagt das freilich nur, wenn den Begriffen von Tat und Freiheit ein 
anderer und tieferer Sinn gegeben wird, als die empirisch-psychologische Fas- 
sung ihnen beizulegen pflegt. Wie das moglich ist und was das mit sich bringt, 
das gehort in andere Zusammenhange, aber eben die Erfahrung des welt- 
geschichtlichen Lebens mit seinen Bewegungen von Ganzem zu Ganzem 
diirfte geeignet sein, eine solche Vertiefung der ethischen Grundanschauung 
zu unterstutzen. Wie aber solche Verstarkung des ethischen Elementes die 
Geschichte in ein innerlicheres Verhaltnis zum Menschen bringt, wie sie ihre 
Arbeit in eine geistige Selbsterhaltung verwandelt, das bedarf keiner Aus- 
fiihrung. 

Endlich sei auch das anerkannt, dafi das von jener Grundauffassung ent- Positivitat der 
worfene Bild der Geschichte bei allem Streben nach einem Ganzen den Charakter 
der Individualist und Positivitat tragt. Das Geistesleben selbst, diese hoherc 
Stufe des Weltlebens, erscheint hier keineswegs als etwas Allgemeines und 
durch die Form der Allgemeinheit Bestimmtes, sondern es biMet eine eigenar- 
tige Wirklichkeit, die sich nur als eine Tatsache erfassen, nicht aus irgendwel- 
cher Bewegung der Begriffe ableiten lafit. Ein weiteres Tatsachliche kommt 
in die Geschichte durch die besondere Natur und Lage des Menschen, aus deren 
Beriihrung mit dem Geistesleben sie hervorgeht, Sie ist nicht Betatigung des 
Geisteslebens schlechthin, sondern eine Betatigung fur die Art und die Lage 
des Menschen. In dem Naheren ihres Verlaufs sind es namentlich die grofien 
Personlichkeiten, welche die Positivitat des Geschehens verkorpern. Denn 
diese Personlichkeiten sind nun und nimmcr nur ein Erzeugnis ihrer so- 
zialen Umgebung oder eine Zusammenfassung dessen, was in dieser Umgebung 
schon vorliegt. Eine solche Auffassung verrat schliefilich immer eine Ver- 
kennung der charakteristischen Art des Geisteslebens. Was der Durchschnitt 
menschlicher Verhaltnisse davon bietet, ist ein triibes Gemenge, in dem es 
we der zu reiner Gestalt, noch zu bewegender Kraft kommt. Das aber ist das 
Grofie am Grofien, dafi hier die geistige Stufe vblliger Selbstzweck, ausschliefi- 
liche Kraft eines ursprtinglichen Lebens wird. Indem sic das aber wird, er- 
weist sie zugleich einen durchaus individuellen Charakter; es war das Indivi- 
duelle im Geistigen, die unvergleichliche und unableitbare Einheit, wo durch 
leitende Personlichkeiten am meisten gewirkt, wodurch sie ganzen Zeiten 
ihren Stempel aufgepragt haben. Sie wachsen nicht aus den Zeiten hervor, son- 
dern sie ziehen die Zeiten zu sich empor. Erst von riickwarts aus angesehen, 
nachdem sie eine Sammlung der Geister, eine Summierung entgegenkommen- 
der Krafte, vollzogen hatten, konnten sie ein blofier Ausdruck der Zeiten schei- 
nen. So fallt auch von hier aus die Mbglichkeit, die Geschichte in ein allge- 
meines Schema zu pressen. 



iH 



238 Rudolf Eucken; Philosophic der Geschichtc 

Ob sich bei solchen Uberzeugungen von einer Philosophic der Geschichte 
reden lafit, mag bestritten werden. Aber unbedingt zu verneinen ware die 
Frage nur aus einer Fassung der Philosophie, die wir unsererseits bestreiten. 
Eine Philosophie der Geschichte im Sinne einer Konstruktion der Geschichte, 
der Aufstellung einer durchgehenden Formel, welche auch eine Berechnung der 
Zukunft gestatten miifite, kann es nicht geben; eine philosophische Uberzeu- 
gung aber, welche ein innerlicheres Verhaltnis dieses Gebietes zum Ganzen des 
Lebens sucht und es von da aus eigentumlich beleuchtet, kann es geben, ja mu6 
es geben; wir sehen nicht, weshalb einer solchen der Name einer Philosophie 
der Geschichte versast sein sollte. 



Literatur. 

Aus der iiberreichen Literalur seien hier, als uber das ganze Gebiet orientierend , von 
neueren VVerken nur folgende angefuhrt: 

R. Flint, The philosophy of history in Europe. Vol, I. The philosophy of history in 

France and Germany {1874). 
R. Flint, History of the philosophy of history. Historical philosophy in France and 

French, Belgium and Switzerland (1S93). 
R. Rocholl, Die Philosophie der Geschichte. Darstellung und Kritik der Versuche zu 

einem Aufbau derselben (1878). (2. Band: Der positive Aufbau [1893] 
E. Bernheim, Lehrbuch der bistorischen Methode und der Geschxhtsphilosoohie, 6. Aufl. 

(19-8). 
H. Rickert, Die Grenzen der natunvUsen?chaf:Iichen Begnffsbildung. Eine Iogische 

Einleitung in die historischen Wissenschaiten, 2. Aufl, ig'> 
P. Barth, Philosophie der Geschichte als Soziologie, 2. Aufl. 1915. 
Ferner die verschiedenen Schriften von Troeltsch. 



ETHIK. 

"VON 

Bruno Bauch. 

Einleitung. Innerhalb eines Werkes, das die „Kultur der Gegenwart" Ge&enwart und 
zum Inhalte haben soil, gerade die ,, Ethik" zu schreiben, das erscheint dop- i n Ethikwd 
pelt paradox. Denn diese ,, Gegenwart" hat ja nicht nur iiberhauptdie Kultur K ^ Ltnr - 
ins Nichts geworfen, sondern sie hat die Kultur gerade deshalb verloren, 
weil ihr das sittliche Bewufitsein verloren gegangen ist. Unter ethischem 
und kulturellem Gesichtspunkte bietet unsere ,, Gegenwart" also eigentlich 
nur das negative Interesse, dafi sie an ihrer sittlichen Leere auch ihre kultu- 
relle Leere und an ihrer kulturellen Leere auch ihre sittliche Leere deutlich 
machen kann, um zugleich positiv wenigstens ahnen zu lassen, dafi sittlicher 
Gehalt und kultureller Gehalt eben positiv selbst-%inen bestimmten Zu- 
sammenhang darstellen. Jene positiven Gehalte und dieser ihr Zusammen- 
hang sind in gewissem Sinne ?ura Gliick von aller ,, Gegenwart" unabhangig. 
Darum ollein ist es ja auch moglich, dafi von jeder moglichen Gegenwart 
aus, und sei sie selbst ethisch und kulturell so erbarmlich wie diese wirkliche 
gegenwartige Gegenwart, eine Besinnung auf jene Gehalte und ihren Zu- 
sammenhang erfolgen kann, sofern man nur mit dieser Besinnung diese zu- 
fallige, wirkliche, gegenwartige Gegenwart hinter sich gelassen oder sich iiber- 
haupt nicht auf sie eingelassen hat. 

Hat man einen solcben Standort diesseit? oder jenseits unserer ethisch steiiong der 

111 11 i i • i • *-« i -i i- Ettik im System 

una kulturell leeren und nicntigen Gegenwart gewonnen, dann wird man die der PhiWpHe. 
systematische Philosophie in der Tat als die ,,Selbstverstandigung desKultur- 
bewufitseins", alswelche sie vonWindelband bezeichnet worden ist, begreifen. 
Man wird begreifen auch, dafi in ihrem Mittelpunkte die Ethik steht, und end- 
lich wird man von da aus auch den konkreten Stand der systematischen Philo- 
sophie wie des Kulturbewufitseins xiberhaupt und des sittlichen Bewufitseins 
im besonderen eines bestimmten und selbst konkreten Zeitalters verstehen. 
Die Ethik steht ja gerade darum im Mittelpunkte der systematischen Philo- 
sophie als „Selbstverstandigung des KulturbewuCtseins", weil im wirklichen 
sittlichen Leben die Lebensfaden aller wirklichen Kultur zusammenlaufen. 
Insofern nach dem objektiven Geltungs- oder Rechtsgrunde dessen, was wir 
Kultur zu nennen haben, gefragt wird, wird der Geltungs- und Rechtsgedanke 
zum umfassenden Prinzip jener ,,Selbstver?tandigung des KulturbewuCt- 
seins", mag dieses seine konkrete Darstellung nun finden in der Wissenschaft 



240 Bruno Bauch; Ethik 

oder in der Kunst, in der Sittlichkeit oder in der Religion, im Rechte oder in 
der Politik. Unter jenem prinzipiellen Gesichtspunkte ist, wie Fichte er- 
kannt hatte, in letzter Linie alle Philosophic ,,praktisch", auch die ,,theo- 
retische", die Platon schon richtig als ,Jxi6Trjpr] vfjg imaztfuys" , als ,,Wissen- 
schaft von der Wissenschaf t", oder, wie wir eben seit Fichte kurz sagen, als ,, Wis- 
senschaf tslehre" bestimmt hatte. Und vom allgemeinen KulturbewuBtsein 
aus angesehen stellt sich gerade darum, dieses Prinzip im Konkreten bewah- 
rend, die Wissenschaft selbst als ein Kulturgebiet unter Kulturgebieten dar. 
Der subjektiven Reflexion bietet sich ebendarum zunachst in der Subjekts- 
bezogenheit des objektiven Rechtsgrunds-Gedankens dessen Gliederung und 
Auslagerung, wie in den verschiedenen Kulturgebieten, so auch in den ver- 
schiedenen philosophischen Disziplinen zu geschichtlicher Greifbarkeit dar. 
Die systematische Fragestellung hat darum, wie an die Unterschiede in der 
Subjektsbezogenheit anzuknupfen, so auch sich auf den objektiven, tiber- 
subjektiven Gehalt zu besinnen, der die inhaltliche Differenzierung in jener 
Subjektsbezogenheit ermbglicht und fur sie vorausgesetzt ist. 
Tatsachiiciies Das tatsachliche sittliche Bewufitsein, das fur die Ethik den subjekts- 

BcwuGtsein bezogenen Ausgangspunkt bildet, ist hineingestellt in den Prozefi des Werdens. 
punkfder Eddk "^ s dran gt darum von sich aus zu der Frage, mit welchem Rechte nun von 
einem sittlichen Bewufitsein gesprochen werden kann, da die sittlichen An- 
schauungen wechseln mcht bloB von Volk zu Volk, nicht bloB innerhalb 
eines und desselben Volkes von Generation zu Generation, von Individuum 
zu Individuum, sondern auch innerhalb eines und desselben Individuums. 
Wenn es moglich ist, alle diese Anschauungen trotz ihres Wandels doch gerade 
als ,,sittlich" zu bezeichnen, dann mufi ein Prinzip vorausgesetzt sein, das 
auf der einen Seite als allgemeine Idee in alien jenen wechselnden sittlichen 
Anschauungen konkrete geschichtliche Gestalt gewinnt und auf der anderen 
Seite der Beurteilung dieser Anschauungen gerade als sittlicher Anschauungen 
als Kriterium dient, wie diese Anschauungen das Material der Beurteilung 
abgeben. 
TatsacMicbes I. Die All gemei nhei t des Grundgesetzes des sittlichen Be- 

sittiiches wuBtseins. Damit das tatsachliche, subjektive, sittliche Bewui3tsein den 
BewuBtseia. Anspruch erheben kann, eben nicht blofl tatsachlich und subjektiv, sondern 
gerade sittlich zu sein, ist ein objektiver Rechtsgrund von jener spezifischen 
Inhaltlichkeit vorausgesetzt, die gerade die Sittlichkeit charakterisiert. 
Insofern er objektiv ist, heifit er Gesetz; insofern sein Inhalt die Sittlichkeit 
ist, heiCt er Gesetz des sittlichen BewuBtseins. Zum Unterschiede vom tat- 
sachlichen subjektiven sittlichen Bewufltsein kann er also als Grundgesetz 
des sittlichen BewuBtseins oder kurzweg als objektives sittliches Bewufitsein 
bezeichnet werden. Dieses ist das Gesetz, unter dem das tatsachliche sittliche 
Bewufitsein stehen muB, nicht urn blofi tatsachlich, sondern um eben gerade 
sittlich zu sein. Sein Inhalt ist von dem des subjektiven BewuBtseins nicht 
bloB unterschieden, wie Gesetzesinhalt iiberhaupt vom Tatsacheninhalt unter- 
schieden ist, Denn es ist nicht Tatsachengesetz, sondern, insofern die Sitt- 



Tatsache und Gesetz des sittlichen BewuBtseins 241 

lichkeit einen Sinn und Wert bezeichnet, Sinn- und Wertgesetz, das sich, swiiches gmmi 
insofern es subjektsbezogen ist, als objektive Forderung an das subjektive * Q bj e kteunbMo? 
BewuBtsein richtet. In dieser seiner Subjektsbezogenheit 1st es ein Sollens- gener,objettiv Cr 
gesetz zum Unterschiede von den die Tatsachen in ihrer bloflen Tatsachlich- 
keit, in ihrem wertfreien, naturhaften Sein bestimmenden Seins- oder Natur- 
gesetzen. Seine Geltung ist von der Subjektsbezogenheit durchaus unab- 
hangig, wahrend umgekehrt die Subjektsstellung von ihm ihre Gultigkeit 
empfangt. Die Subjektsbezogenheit, die im Sollen liegt, dient uns hier also 
nur dazu, seinen eigentiimlichen Gesetzescharakter zum Unterschiede von 
bloCen Seins- und Naturgesetzen deutlich zu machen. Und er wird auch von 
denen immer schon vorausgesetzt, die, den Schopenhauerschen Mifiverstand- 
nissen folgend, das Sollen ablehnen, weil sie aus dogmatisch substanziierenden soino Subjekw- 
Vorstellungskreisen nicht herausgelangen konnen und mit dem Sollen des- soUensgewts. 
halb nichts anzufangen wissen, obwohl sie es, wie gesagt, selber immer schon 
voraussetzen, wenn sie uberhaupt in Sachender Ethik mitreden woilen. Essoll 
uns in dieser Subjektsbezogenheit nur der Forderungscharakter des Gesetzes 
deutlich werden, der nur nicht so miflverstanden werden darf, als wenn ein 
Subjekt ,,forderte oder befehle" (wie Kants Bezeichnung des ,,Imperativs" 
immer noch mifiverstanden wird). Nicht wir fordern und befehlen, sondern 
das Gesetz fordert und befiehlt uns, das Gesetz setzt „ Forderung und Befehl", 
sofern es subjektsbezogen ist. So dient der Hinweis au£ die Subjektsbezogen- 
heit des Gesetzes im ,, Sollen", wie heute eigentlich jedem deutlich sein sollte, 
der von den wertphilosophischen Untersuchungen Rickerts mit einigem Ver- 
standnis Kenntnis genommen hat, vor allem zur Charakteristik der ethi- 
schen Wertgesetzlichkeit zum Unterschiede von alien Seins- Gesetzen. 

Das Grundgesetz des sittlichen BewuBtseins, der objektive ethische Wert, Wertgeset* nicht 
ist danach also objektives Gesetz, nach dem das subjektive BewuBtsein sitt- aur e e5ez - 
lich ist, nicht aber ein Gesetz, nach dem das subjektive sittliche BewuBtsein 
ist. Im Sinne des Seins des sittlichen BewuBtseins konnten wir gar nicht 
von dem Grundgesetze des sittlichen BewuBtseins sprechen. Hier liefie sich 
eine Mannigfaltigkeit von Naturgesetzen ermitteln, die die Entwicklung des 
allgemeinen Sittenlebens, das ja auch wieder unsittlich werden kann, nach 
der Verschiedenheit der Vblker- und Rassencharaktere und ihrer aufieren 
Lebensbedingungen bestimmt. Das Grundgesetz des sittlichen BewuBt- 
seins aber bestimmt jenen Forderungsinhalt, der bei aller naturgesetzlich 
bestimmten Verschiedenheit der Seinsinhalte auch eine Sphare innerhalb 
der Seinsinhalte gerade als sittlich zu charakterisieren ermSglicht, soweit sie 
sich trotz ihrer seinsinhaltlichen Verschiedenheit einheitlich als subjektive 
Bezogenheiten auf ihn darstellen. 

Insofern nun die Subjektsbezogenheit des Sollens ihren Ankniipfungs- objektive 
und Beziehungspunkt im Subjekte am Woilen hat, das Sollen sich also selbst ^SSwii. 
auf das- Woilen bezieht. bestimmt sich genauer der Charakter des ethischen lensaufgegeben- 

, heib und theorati- 

Grundgesetzes in einer Willensaufgegebenheit. Kommt also auch in der Wil-sche Erkenninis. 
leusaufgegebenheit die Subjektsbezogenheit der ethischen Gesetzlichkeit zum 

Die Kullur dor Gcgenwart. I. 6. 3. Aufl. l6 



242 Bruno Bauch: Ethik 

Ausdruck, so unterscheidet doch gerade die Willensaufgegebenheit die ethische 
Gesetzlichkeit von aller subjektiven Willkiirlichkeit. In ihrer Geltung bleibt 
die ethische Gesetzlichkeit eben unabhangig von allem Willen, nach 
ihr zu handeln, wie von alien Versuchen, sie im Erkennen zu ermitteln. 
Die weitverbreitete Vermengung dieser drei Gesichtspunkte hat neuerdings 
P. F. Linke mit Recht wieder scharf zuriickgewiesen und ebenfalls streng 
unterschieden zwischen dem Gesetze als solchem, dem Handeln nach dem Ge- 
setze im Leben und der Eruierung des Gesetzes in der ethischen Wissen- 
schaft. Im Charakter des .Gesetzes liegt seine Allgemeinheit. Da es nicht 
Seinsgesetz, sondern Sollensgesetz ist, muft es allgemeine Willensaufgabe 
sein. Als das sktliche Grundgesetz miiBte es also an jedes sich iiberhaupt 
auf ein Sollen beziehen konnende^ d. h. vernunftige Wollen richten. Sonst 
liefie sich nicht von einer allgemeinen Willensaufgabe schlechthin, sondern 
von allgemeinen Willensaufgaben reden. Wir haben darum von vornherein 
auch auf einen Unterschied in der Allgemeinheit der ethischen Gesetzlichkeit 
liberhaupt zu achten, der auf der einen Seite das ethische Grundgesetz 
schlechthin, auf der anderen Seite eine Mannigfaltigkeit der ethischen 
Gesetzlichkeit iiberhaupt betrifft, Wennwirhier also doch von einer gesetz- 
lichen Mannigfaltigkeit reden konnen, so ist das aber nicht im Sinne der na- 
turgesetzlichen Mannigfaltigkeit zu verstehen. Demi deren Inhalte sind und 
bleiben Seinsinhalte. Die Inhalte der ethischen Gesetzlichkeit aber sind und 
bleiben, auch wenn sich innerhalb ihrer Allgemeinheit wiederum ein Unter- 
schied bezeichnen laBt, Sollensinhalte. 
zwd Gormen aii- II. Die beiden For men der Allgemeinheit ethischer Gesetz- 

e GesotoUchkcit er ^ c n k e i t iiberhaupt. Urn den Unterschied innerhalb der ethischen Ge- 
setzlichkeit genauer zu bezeichnen, deren Inhalt objektiv sein mufi, damit sie 
selbst den Charakter der Gesetzlichkeit wahren kann, ist zunachst wiederum 
an ihre Subjektsbezogenheit anzuknupfen. In dieser Subjektsbezogenheit 
kann sie sich als allgemeine Willensaufgabe nun entweder, trotz ihrer All- 
gemeinheit und Objektivitat nicht an jeden vernunftigen Willen als solchen 
richten, oder sie kann sich in ihrer Allgemeinheit und Objektivitat an jeden 
verntinftigen Willen richten. Auch in jenem Falle miifite gelten, dafi sie iiber- 
haupt gewollt werden sollte. In diesem iiberhaupt Gewollt-Werden- Sollen 
driickt sich ihre Objektivitat und Allgemeinheit auch nach Seiten der Sub- 
jektsbezogenheit aus. Aber sie brauchte darum noch nicht von jedem 
Willen gewollt werden zu sollen, Ihr Gewollt-Werden- Sollen konnte ge- 
Anerkennungs- kniipft sein an Bedingungen ihres Erfullt-Werden-Konnens. Und nur inner- 
und'KrfaifuiTgs. na 'rj dieser Bedingungen des Erfullt-Werden-Konnens wiirden sie allgemein 
notwendigkeit. se j ni j^j. i n h a lt hatte die gleiche Objektivitat wie derjenige der an jeden 
Willen sich richtenden allgemeinen Willensaufgabe. In dieser Objektivitat 
lage auch seine allgemeine Anerkennungsnotwendigkeit fiir jeden auf die 
ethische Gesetzlichkeit als Sollensgesetzlichkeit ihm gegenuberstehende sich 
beziehen kdnnenden, d. h. verniinftigen WUlen. Und diese allgemeine An- 
erkennungsnotwendigkeit des objektiven Inhalts wiirde nach seiten der Sub- 



Arten der gesetzlichen Willensaufgegebenheit 243 

jektsbezogenheit auch die Allgemeinheit dieser ethischen Gesetzlichkeit 

bezeichnen. Aber nicht lage in dem objektiven Gesetzesinhalt darum auch 

schon seine allgemeine Erfiillungsnotwendigkeit ftir jeden verniinftigen Wil- 

len, Weil die Erfiillung an bestimmte Bedingungen der Ausfiihrungsmoglich- 

keit gebunden sein konnte. Beigleicher Objektivitat der Gesetzesbestimmung Giek-i le 

lafit diese also in ihrer Subiektsbezogenheit doch zwei Formen der All- 0b J ekti l v . it '! t uad 

■■ ° verschiedene 

gemeinheit deutlich auseinandertreten. Ohne Voraussetzung des an jeden Subjekts- 
Willen sich richtenden ethischen Grundgesetzes ware freilich auch die sich 
nicht an jeden Willen richtende ethische Gesetzlichkeit gerade als ethische 
nicht moglich und gerade als ethische Gesetzlichkeit denkbar. Ihr Inhalt oder 
ihre Inhalte mussen sich bereits als inhaltliche Spezifikationen jenes Grundge- 
setzes darzustellen vermogen. Aber sie blieben, obwohl inhaltlich spezifiziert 
und in ihrer Ausfiihrungsmoglichkeit bedingt, dennoch in ihrer allgemeinen 
Anerkennungsnotwendigkeit und Sollensgesetzlichkeit generell, Und eben 
das wiirde ihren Gesetzescharakter deutlich machen und von blofi subjek- 
tiven und individuellen Absichten, von bloC im Subjekt verbleibenden Willens- 
bestimmungen unterscheiden. D?.= generelle Moment wiirde al=o den Gesetzes- 
charakter beider Allgemeinheitsformen ethischer Gesetzlichkeit deutlich 
machen. Innerhalb ihres Allgemeinheitscharakters aber liefie sich die eine als 
universell, die andere als spezifiziert unterscheiden. Bezeichnet man die ethische 
Gesetzlichkeit mit Riicksicht auf ihren an den Willen sich richtenden Auf- 
gabencharakter als Gebot, so konnte hinsichtlich der universellen Gesetzlich- 
keit auch lediglich von dem ethischen Gebote im Singular, hinsichtlich der 
als Gesetzlichkeit zwar selber generellen, aber wegen ihrer inhaltlich spezi- 
fizierten Mannigfaltigkeit selbst spezifizierten Gesetzlichkeit von ethischen 
Geboten im Plural gesprochen werden. 

Hier treffen wir in gewisser Einschrankung mit Kants Unterscheidung Kategorisihe 
zwischen dem ,,kategorischen Imperativ" und den ,,hypothetischen Impera- h y pot u h n e rischc 
tiven" zusammen. Freilich hat Kant diese Unterscheidung leider nicht sonder- imperative, 
lich fruchtbar gemacht. Ja, die ,,hypothetischen Imperative" sind sehr bald, 
nachdem er die Unterscheidung eingefuhrt, in ihrer ganzen Bedeutung und 
Tragweite seiner Reflexion so sehr entglitten, dafi sie ihm oft genug einerseits 
in die blofi ,,subjektive Maxime", anderseits in die blofl ,,technische Regel" 
sich verfliichtigen, wahrend sie in der Tat, was bei Kant allerdings auch zum 
Ausdruck kommt, eine gewisse Mittelstellung zwischen n kategorischem 
Imperativ" und ,,subjektiver Maxime" haben. Diese Unklarheit und Unaus- Manga an 
geglichenheit bei Kant verschuldete nicht allein das grobe und leichter zu teMdwid.ing hoi 
zerstreuende Miflverstandnis, als ob die ethische Gesetzlichkeit iiberhaupt Kant - 
inhaltlos ware, sondern auch das viel verhangnisvollere Mifiverstandnis, 
als ob, weil der „kategorische Imperativ" in einem guten und verniinftigen 
Sinne M formal" ist, die Ethik in einem schlechten und unverniinftigen Sinne 
,,blo8 formal" sein miifite. 

III. Form, Inhalt und Material der ethischen Bestimmung. Dafl ,. Formal" nicht 
,, formal" soviel wie inhaltlos bedeute, das war und ist noch heute einweitver- In attf ° a - 

16* 



24.4 Bruno Bauch: Ethik 

breitetes Mifiverstandnis, dem bereits die Kantische Leistung auf dem Gebiete der 
Ethik ausgesetzt war. Diesem Mifiverstandnis ist aber gerade in letzter Zeit, 
nicht etwa erst von mir, sondern lange vor mir schon von Karl Vorlander, 
dann auch von Messer entgegengetreten worden. Auch dieses Mifiverstandnis 
hangt mit dem soeben erwahnten Mangel, dafi Kant in der Tat das Moment 
des Inhalts nicht geniigend zur Geltung gebracht hat, zusamtnen, wenn er 
freilich auch keineswegs selber den Fehler begangen hat, formal uncfinhalts- 
los gleichzusetzen. Denn wenn ihm auch gerade die gesetzliche Bestimmung 
,, formal" heifit, so ist er doch nie der Absurditat verfallen, dafi das Gesetz' 
a Is solches keinen Inhalt habe. 
..Formal", Zu systematischer Prazision aber gelangt man, wie immer man sonst 

''.material"' zu Kant stehen mag, jedenfalls nicht, solange man nicht begriffen hat, dafi 
,, formal" und ,,inhaltlich", die ja zueinander gerade in unloslicher Korre- 
lation stehen, nicht einander ausschlieBende Gegensatze sind, ja dafi selbst- 
,, formal" und ,, material" einander nicht ausschliefien, so streng sie vonein- 
ander zu unterscheiden sind, und dafi die Unterscheidung zwischen ,,inhalt- 
lich" und ,, material", gerade weil diese besonders oft verwechselt werden, 
auch besonders notig ist. 

Stellt sich die ethische Gesetzlichkeit als allgemeine Willensaufgabe dar, 
gleichviel welche Art der Allgemeinheit in Frage kommt, so ist sie dem ge- 
gebenen tatsachlichen subjektiven Willen gegeniiber, sofern er uberhaupt 
ethisch bestimmbar ist, Form seiner Bestimmbarkeit. In ihr aber mufi zu- 
gleich der Inhalt des Gesetzes liegen, der seinen ethischen Charakter von dem 
des logischen, asthetischcn usw. unterscheidet, da ja auch dem gegebenen 
Willen in der Aufgabe eben immer etwas aufgegeben wird. Das Etwas ist 
Gesetzesinhalt. Seine Sinn- und Wert- Geltung ist seine Form, In der Sub- 
jektsbezogenheit ausgedriickt heifit das: Das Sollen als solches bezeichnet 
die Form, das Gesollte den Inhalt des Gesetzes. Das Gesetz ist selbst Form 
als Wertprinzip uberhaupt, und es hat einen Inhalt als Wertgehalt. In 
seiner unloslichen Ganzheit von Form und Inhalt bildet es das Kriterium der 
Beurteilung des gegebenen tatsachlichen Willens auf seine ethische Wert- 
Form ais Wert- bestimmbarkeit. Wenn es sich nach seiner Subjektsbezogenheit auch in 
wertgohait. seiner Form als Sollen, in seinem Inhalt als Gesolltes darstellt, so ist es doch 
sowohl nach seiten der Form seiner Geltung, wie nach seiten seines Geltungs- 
gehaltes vollkommen davon unabhangig, ob sich der tatsachliche subjektive 
Wille darauf bezieht oder nicht. Vielmehr ist umgekehrt dessen Wert von seiner 
Beziehung auf das Gesetz abhangig. 

Wie nun hmsichtlich des Gesetzes, kurz gesagt, Sollen und Gesolltes 
zwar zu unterscheiden sind, aber eine unlosliche Ganzheit in der Korrelation 
von Form und Inhalt bilden, so sind hinsichtlich des tatsachlichen Willens 
zwar ebenso Wollen und Gewolltes zu unterscheiden, bilden aber auch ihrer- 
seits ebenso eine unlosliche Ganzheit und korrelative Einheit. Die Betonung 
des Wertcharakters der Form ethischer Gesetzlichkeit also dahin mifideuten, 
dafi auf Grund der formalen ethischen Bestimmung der Wille keinen Inhalt 



Form, Inhalt, Material 245 

haben diirfte, das heifit den Sachverhalt in einer Weise verkennen, dafi man 
nicht allein die doppelte Inhaltsbestimmtheit durch Gesolltes und Gewoll- 
tes ubersieht, sondern auch verkennt, dafi Sollen und Gesolltes in einer ganz 
anderen Sphare, eben der Wert-Sphare, stehen als der sowohl mit dem Wol- 
len wie mit dem Gewollten in der Wirklichkeitssphare liegende tatsachliche 
^Wille. Demgegeniiber 1st also ausdriicklich zu betonen, dafi wie im Sollen 
immer ein Gesolltes, so im Wollen ein Gewolltes gesetzt ist. Ein Wille, der 
nicht etwas wollte, wollte eben nichts, und ein Wille, der nichts wollte, wiirdc Gewoiites ais 
uberhaupt nicht wollen, ware also kein Wille. Dieses Etwas des Wollens 
konnte man nun ebenfalls als Inhalt des Wollens zum Unterschiede vom 
Wollen als Wollen, das als ,,Form", aber nun im Sinne des ,,Aktes", seinen 
,, Inhalt" ,,hat", bezeichnen. Urn aber vom Etwas des Sollens als Gesetzes- 
inhalt oder Gesolltem das Etwas des Wollens als Aktinhalt oder Gewolltes 
zu unterscheiden, heifit dieses Etwas des Wollens die ,,Materie" oder auch 
das ,,Material" des Willens. 

IV. Der Inhalt des ethischen Grundgesetzes schlechthin. Geseuesiaiiait 
Das sittliche Grundgesetz war durch universelle Allgemeinheit charakteri- g^*" 
siert. Dadurch bestimmt sich von seiner Subjektsbezogenheit auch sein Sol- 
lensgehalt oder Inhalt. Als an jeden verniinftigen Willen sich richtend, kann 
sein Inhalt, so wenig auch ein Wollen ohne Gewolltes ist, doch durch dieses 
von Wollen zu Wollen verschiedene Gewollte nicht bestimmt werden. In dem 
Etwas des Wollens, das ja schon von dem Etwas des Sollens unterschieden 
wurde, kann also nicht das Etwas des Sollens und damit nicht der Sinn des 
umversellen Gesetzes, ja uberhaupt nicht der Sinn eines ethischen Gesetzes 
liegen. Schopenhauers Unterscheidung zwischen der Frage: ,,ob ich tun 
kann, was ich will", und der Frage: ,,ob ich auch wollen kann, was ich will", 
klingt zwar sehr scharf und klar, ist aber in Wahrheit gerade unscharf und 
unklar. Sie verschiebt die Unterschiede nicht allein zwischen Objektivitat objektivitst, 
und Allgemeinheit und den verschiedenen Formen der Allgemeinheit, sondern j^*^'"^! 
auch zwischen Inhalt und Materie; Unterschiede, an die Schopenhauer frei- 
lich auch nicht einmal von feme gedacht hat. Zu fragen: ob ich auch wollen 
kann, was ich will, das ist gar keine ethische Fragestellung; das ist auch keine 
psychologische Tatsachenfragestellung. Es ist in gewissem Sinne geradezu 
erne sinnlose Frage. Denn wenn ich etwas will, mufi ich es auch wollen kon- 
nen. Konnte ich es nicht wollen, dann wurde ich es auch gar nicht wollen. 
Die Kantische Unterscheidung zwischen dem „Ob" und dem „Wie" der Mog- 
lichkeit, die Kant auf das allgemeine Erfahrungsproblem so tief und sinn- 
voll anwendet, steht hier fur Schopenhauer ja nicht in Frage. Darum bleibt j 

es dabei: Was ich will, mufi ich auch immer wollen konnen. Ich brauche | 

es gewifi darum noch nicht tun zu konnen. Aber das kennzeichnet ja gerade I 

die Verfehltheit der Frage: ob ich auch wollen konne, was ich will, dafi zu 
ihr gar nicht die Frage: ob ich auch tun konne, was ich will, in Parallele zu 
setzen ware. Der Frage: ob ich auch wollen konne, was ich will, konnte 
allein die Frage entsprechen: ob ich auch tun konne, was ich tue. Und mit 



246 Bruno Bauch: Ethik 

der Sinnlosigkeit dieser Frage wird auch die Sinnlosigkeit der ersten Frage 
offenbar. 
AiJgemein uad Das allein kann also die Frage sein: Wie mufi ich wollen, um so zu wol- 

Icn, wie ich wollen soil. Ohne Rucksicht auf das Material also mufi ge- 
fragt werden, wenn die material nicht tangierte Allgemeinjieit erreicht werden 
soil. Denn das Material ist nie allgemein, sondern immer individuell. Ein 
allgemeines Gebot kann also an den als solchen immer individuellen Willen 
nur ergehen, indem es ihn in seiner Individuality zugleich uber^ndividuali 1 
siert, es von ihm fordert, nicht bio 13 individuell zu bleiben, sondern sich auch 
zum iiberindividuellen Allgemeinen zu erheben und zu erweitern. Der wahre 
und echte Inhalt des allgemeinsten ethischen Grundgesetzes kann darum 
in der Tat nichts anderes besagen, als so zu wollen, dafi mein Wollen als Wol- 
len (nicht das Gewollte) zum allgemeinen Prinzip erhoben werden konnte, 
so, wie Kant in der Form des ,,kategorischen Imperativs" tatsachlich das 
,,Grundgesetz der reinen praktischen Vernunft" ausgedriickt hat. In diesem 
guten Sinn ist das Gesetz nicht inhaltlos, aber sein Inhalt ist selbst ,, formal", 
weil er nicht „material" ist, und das Gesetz selbst ist nicht in dem falschen 
Sinn ,,bloB formal", weil es nicht material ist. 

V. Sittlicher Zweck und sittliches Motiv. Die Antwort auf die 
Frage: wie muft ich wollen, um so zu wollen, wie ich wollen soil, hat als In- 
halt des Gesetzes die Forderung an mein Wollen, zum allgemeinen Prinzip 
z W eck und zu taugen, ergeben. Damit ist das Gesetz als Ziel oder als Zweck 
meines Wollens selbst erkannt. Um des Gesetzes als Zweckes wiifen, 
um des Gesetzes als seiner selbst willen mufi ich wollen, um sittlich 
zu wollen. Mein Wollen hat sich nach dem Gesetze zu bestimmen, 
wenn es Anspru.ch auf sittlichen Wert soli erheben diirfen. In diesem Ge- 
danken vereinigen sich zwei Momente, die um so scharfer in ihrer Eigen- 
bedeutung zu unterscheiden sind, je haufiger sie in der ethischen Diskussion 
vermengt werden, Auf der einen Seite steht das Gesetz als Zweck, auf der 
anderen Seite steht die Willensbestimmung als Motiv. Beide stehen in ethisch- 
notwendiger Subjekts-Objekts-Korrelation. Aber darum fallen doch in dieser 
Korrelation das subjektive und das objektive Korrelat nicht zusammen. 
Weil beide sich mit demselben Worte als ,,Grund" bezeichnen lassen, weil 
die Frage: aus welchem Grunde man gehandelt habe, sich ebenso von dem 
Gesetze oder Zwecke aus wie von dem Motive her beantworten lafit, darum 
„ Grand" ais wird ihr Unterschied leicht durch die Sprache verdeckt. Aber ,,Grund" 
^Grun™" ais" bedeutet in beiden Fallen ganz Verschiedenes, so eng es auch aufeinander 
Bcweggrund. bezogen ist. Das Gesetz als Zweck ist der objektive Rechtsgrund, nach 
dem gewollt werden soil; das Motiv ist der subjektive Beweggrund, 
aus dem tatsachlich gewollt wird. Ist dieser subjektive Beweggrund nach 
dem objektiven Rechtsgrunde gerichtet, dann ist er im ethischen Sinne rich tig, 
also sittlich. In der Sittlichkeit gehen also Zweck und Motiv eine konkrete 
Verbindung ein. Aber die Glieder der Verbindung werden darum nicht iden- 
tisch. Die Darstellung oder Erfullung der Gerichtetheit des subjektiven 



Zweck und Motiv. — Universalitat und Einseitigkeit im Ethischen 247 

Motivs im Wollerf nach dem Zwecke heifit: Pflicht. Das Motiv in des Ge- pflicht - 
setzes Richtung richten, heifit: im vernunftigen Bewufitsein sich das Gesetz 
zum Richtmafi der Pflicht machen. In dem so sich richtenden Willensmotiv 
gewinnt das Gesetz also Achtung im Subjekte. Das Motiv nach dem Zwecke 
richten heifit: das Gesetz achten, heifit: das Bewufitsein der Pflicht zum Be- 
weggrunde, weil das Gesetz zum Rechtsgrunde haben. Die Achtung oder 
das Bewufitsein der Pflicht ist darum die spezifisch ethisch determinierte 
Triebfeder oder das sittliche Motiv. Und in seiner Korrelation auf dieses an- 
gesehen besagt das sittliche Grundgesetz als Zweck: ,, Handle aus Achtung Achtung. 
fur das Gesetz" in der Kantischen, oder: ,, Handle aus dem Bewufitsein der 
Pflicht" in der Fichteschen Formulierung. 

VI. Die Einseitigkeit in der Universalitat des ethischen 
Grundgesetzes. Man hat mit Recht die Grbfie von Kants Leistung auf Die Grdee v Qn 
ethischem Gebiete .darin gesehen, dafi er gerade das als sittliches Grund- ia an der S^ 
gesetz erkannte, was als Sollensforderung, weil es keine einzelnen empirischen 
Materialien als Sonderforderungen herausgreift, selbst als schlechthin all- 
gemeine Forderung auf alle empirischen Materialien anwendbar ist, sich auf 
sie und sie auf sich beziehen kann. Dafi es ,,mcht auf die aufleren Handlungen, 
die man sieht, sondern auf die inneren Prinzipien derselben, die man nicht 
sieht, ankommt", das entspricht audi dem schlichten, taglichen, gesunden 
Bewufitsein. Auch dieses mufi ja an der sittlichen Forderung gemessen wer* 
den,->sich auf sie beziehen, sich selber an ihr messen. Sittlichkeit ist kein 
Vorrecht irgendwelcher Klassen und Kasten, sondern eine an alle vernunfti- 
gen Wesen sich richtende Gesetzesforderung, ist die Pflicht schlechthin. ; 
Es ist darum in der Tat sehr verkehrt gewesen, wenn man, wie Paulsen, ge- \ 
rade darin die Schwache der Kantischen Ethik gesehen hat, dafi sie eigentlich j 
eine Moral „fiir kleine Leute" fordere. Gerade darin, dafi sie sich nicht allein 
an ,,grofie Leute" wendet, nicht eine ,,Herrenmoral"' begriindet, sondern ein- 
fach der ,,gesunden Vernunft" ihr Recht laflt, ohne zur Moralitat tiefe philo- j 
sophische Uberlegungen und Untersuchungen zu fordern — die philosophische j 
Ethik und die lebendig^- Moralitat sind ebenso genau zu unterscheiden, wie ! 
jene diese zu verstehen und zu begreifen hat — , hat bereits Schiller das ,,un- -j 
sterbliche Verdienst des Verfassers der Kritik" gesehen. Dieses Verdienst ij 
Kants liegt nach ihm gerade darin, dafi er ,,die gesunde Vernunft aus der ; 
philosophierenden wieder hergestellt" hat. Die Universalitat der Geltung des Universalitat der j 
Sittengesetzes alien empirischen Lagen gegeniiber, weil sie gerade keine sitte^"*^. ] 
solche Materialien zum eigentlichen Gesetzesinhalt erhebt und darum ihr :| 
eigentlicher Gesetzesinhalt auf alle anwendbar ist, diese Universalitat be- i 
zeichnet und aufgedeckt zu haben, ist in der Tat das mit Recht von Schiller j 
anerkannte Verdienst Kants. J 

Und doch spricht gerade Schiller trotz dieser Anerkennung von Kants Einseitigkeit d« | 

,,einseitiger moralischer Schatzung des Menschen". Das kann zunachst s'chatzmig d es I 

als Widerspruch erscheinen. In seiner Anerkennung des „Verdienstes" kommt Men9cben "- \ 

er mit den Anhangern, in seinem Vorwurf der ^Einseitigkeit" mit den Gegnern 



248 Bruno Bauch: Ethik 

Kants iiberein. In Wahrheit aber liegt darin kein Widerspruch. FreiHch hat 
Schiller selbst darauf welter nicht reflektiert, dafi in dieser seiner doppel- 
seitigen Stellungnahme kein Widerspruch vorliege, wie auch Anhanger und 
Gegner Kants nicht weiter darauf reflektiert haben. Sie empfinden sich in 
der Tat wohl nur als Gegensatze, ohne eine Moglichkeit der Synthesis ihrer 

EiMtdtigkeit und Antithesen zu erkennen. Achten wir einmal darauf, dafi der Vorwurf der ,,Ein- 
seitigkeit" bei Schiller sich mit dem deckfc, was die Gegner Kants diesem als 
,,Formalismus" vorwerfen, dann eroffnet sich auch sofort die Moglichkeit, 
auf jene Synthese einen Ausblick zu gewinnen, Denn gerade das ,,Formale" 
ist das Universelle und Einseitige zugleich. Im Formalen liegt Recht und 
Grenze des Rechtes bei Kant beschlossen. Nur mussen wir uns, urn nun nicht 
gegen Kant selbst ins Unrecht zu geraten, davor hiiten, das ,,FormaIe", 
wie die Gegner tun, gleich als ,,formalistisch" oder gar als inhaltslos zu deuten. 
Demgegeniiber haben die Anhanger Kants recht, wenn sie betonen, dafi das 
Grundgesetz ^formal" sei gegeniiber dem ,, Material", als Gesetz aber selbst 
einen Inhalt habe und gerade wegen seiner universellen Geltung fiir jedes 
, .Material" ,, formal" sein musse. Ebenso aber mussen wir uns hiiten, wie die 
Anhanger Kants tun, das Formale des ethischen Grundgesetzes fiir die ganze 
ethische Gesetzlichkeit auszugeben. Demgegeniiber hat Schiller mit seinem 
Vorwurf der ,, Einseitigkeit", haben die Gegner Kants mit dem Vorwurfe 
des ,,Formalismus" recht. Nur trifft solcher Vorwurf nicht zu auf das Grund- 
gesetz selber, sondern darauf, dafi die Ethik als Ganzes ,,blofi formal" bleiben 
mvifite, wenn sie aufier dem allgemeinsten ,,Grundgesetze der reinen prak- 
tischen Vernunft" keine besonderen ethischen, inhaltlich spezifizierteren 
Gesetze mehr anerkennen wiirde, die jenem allgemeinen Gesetze gegeniiber 
zwar besonders und spezifiziert, als Gesetze aber jeder konkreten Aufgabe 
gegeniiber allgemein sind. In letzter Linie also hat der Vorwurf und Ein- 
wand sein Recht in dem schon hervorgehobenen Fehler Kants, dafi er die Be- 
deutung der von ihm so genannten ,,hypothetischen Imperative" nicht her- 
symhese von auszustellen vermocht hat. Denn gerade auf diese ,,hypothetischen Impera- 

uodEStigSt-tive" kommt, wie sich spater zeigen wird, sehr viel an. Sie sind wirklich 
als Gesetze zu erkennen, als welche sie Kant eigentlich nur bezeichnet hat, 
um sie bald wieder fallen zu lassen oder unbestimmt mit den Maximen ver- 
schmelzen zu lassen, wahrend sie zwischen diesen und dem Grundgesetze 
schlechthin stehen. 

Jetzt kam es nur darauf an, die grundsatzlichen Momente der Univer- 
salitat und Einseitigkeit im ethjschen Grundgesetze selber aufzuweisen. 
Jene liegt in seinem Verhaltnis zum ethischen Material, diese im Ver- 
haltnis zur ethischen Gesetzlichkeit iiberhaupt. Wir wollen jetzt nur 
einmal darauf achten, zu welchen Schwierigkeiten wir im Konkreten gerade an- 
gesichts der Universalitat und Einseitigkeit des praktischen Grundgesetzes ge- 
fuhrt werden, solange wir nicht auf das Ganze ethischer Gesetzlichkeit reflek- 
tieren. Hans Pichler, der das Problem der ,, Einseitigkeit der Gedanken" ganz 
allgemein erbrtert hat, entwickelt es auch fur die ,,Grundzuge der Ethik". 



Synthese von Universalitat und Einseitigkeit im Ethischen 249 

Sowenig sich nun das, was ich uber Universalitat und Einseitigkeit des ethi- 
schen Grundgesetzes, seine ,,formale" Bedeutung und sein Verhaltnis zu 
Material und ,,hypothetischen Imperativen" ausgefuhrt habe, mit den Ge- 
dankengangen Pichlers beriihrt (er wiirde wahrscheinlich nur seine Ein- 
seitigkeit, nicht seine Universalitat, gelten lassen), so hat er trotzdem die 
Schwierigkeiten im Konkreten, die sich zunachst fiir die ethische Bestimiming 
ergeben, mit besonderer Klarheit und Scharfe aufgedeckt. Er weist z. B. 
darauf hin, dafi die pazifistische Gesinnung im sittlichen Sinne ebensogut 
wie geradezu ein sittliches Verbrechen sein kann, je nachdem ein Volk ,,unter Eriauterung der 
freundlichen oder schwachen Nachbarn lebt", oder ,,von gefahrlichen Nach- sitt ^ e l r zl *G-ute'< 
barn bedroht ist". Weiter: Sittlich „gut" handeln ebenso die Soldaten, ™ Bei»pw«- 
„die im guten Glauben an die Bruderlichkeit der Nationen die Waffen weg- 
werfen und ihr Vaterland so an die Erbarmungslosigkeit der Feinde aus- 
Hefern", die also ihr Vaterland verraten, wie diejenigen, die fur ihr Vaterland 
Leib und Leben opfern. Beide konnen aus dem Bewufitsein der Pflicht, die 
einen im Glauben an die ehrenhafte Gesinnung der Feinde, die anderen in 
Treue furs Vaterland handeln. Indem wir aber das eine Bewufitsein als ein 
irrendes. das andere als ein erkennendes ansprechen, treten wir im Ethischen 
selbst liber die Sphare des ethischen Grundgesetzes hinaus und lassen doch 
in beiden Fallen, sofern es nur auf „innere Prinzipien der Handlung, die man 
nicht sieht", nach dem ethischen Grundgesetze ankommt, diese als sittlich 
gut gelten. Pichler stimmt weiter auch dem Satze Schopenhauers bei, wonach 
,, ebensogut wie der Bandit, welcher dadurch seinen Lohn erwirbt", auch der 
em „Morder sei, welcher rechtglaubig den Ketzer den Flammen uberliefert", 
um sich dadurch ,, einen Platz im Himmel zu erwerben". Freilich liegt darin 
noch nicht die Schwierigkeit. Denn daB der, der um seines eigenen Platzchens 
im Himmel willen seinen Nachsten dem Flammentode uberantwortet, ein 
Morder ist, daran wird niemand zweifeln. Denn er handelt ja nicht , , aus Pflicht' ( , 
sondern um seines eigenen Vorteils willen. Die Schwierigkeit beginnt erst 
dann, wenn er ohne Rucksicht auf eigenen Lohn im Himmel, aber gerade im 
Bewufitsein, seine Pflicht zu tun, sein Ketzerrichteramt ausubt. DaB das 
geschehen kann, zur Zeit der Ketzerprozesse wirklich geschehen ist, und dafi 
der Ketzerrichter bei seiner Tat vom Bewufitsein geleitet sein kann, mit ihr 
seine Pflicht zu erfiillen, daran kann wiederum kein Zweifel sein. Seine Tat 
ist also sittlich gut. Und dennoch werden wir sie auch als sittlich verwerflich 
bezeichnen. Denn sie ist ein Verbrechen gegen die Forderung der sittlichen 
Freiheit, gegen die Freiheit des Gewissens, da auch das Opfer des Ketzer- 
richters, wie dieser selbst, im Bewufitsein der Pflicht in eben dem Handeln 
gehandelt haben kann, fiir das ihn nun der Ketzerrichter den Flammen opfert. 
Wie nach dem vorigen Beispiele Pichlers der Vaterlandsverrater sowohl als 
auch' der vaterlandstreu sich opfernde Verteidiger sittlich ,,gut" handeln, 
ohne Frage aber doch dieser sittlich hbher steht wie jener, so handeln nach 
diesem im Anschlufi an Schopenhauer giewahlten, aber in entgegengesetzter 
Richtung modifizlerten Beispiele sowohl der Ketzerrichter wie sein Opfer 



■ 250 Bruno Bauch: Ethik 

sittlich gut, aber dieses steht sittlich unzweifelhaft holier als jener. Ja, man 
konnte im ersten Falle den sittlich guten Vaterlandsverrater, im zweiten Falle 
den sittlich guten Ketzerrichter zugleich als sittliche Verbrecher bezeichnen, 
urn die Schwierigkeit und Kompliziertheit des ethischen Problemverhalts 
besonders deutlich zu machen. Ihre Gegenstucke waren auf der einen Seite 
der Martyrer seiner Oberzeugung, auf der anderen der Held. Es bliebe richtig, 
dafi es fur die rein moralische Beurteilung, wie Kant sagt, nicht ,,ankoramt 
auf die Handlungen, die man sieht, sondern auf die inneren Prinzipien dersel- 
ben, die man nicht sieht", und dafi ,,nichts in der Welt, noch aufierhalb der- 
selben zu denken moglich ist, was ohne Einschrankung ftir gut konnte gehalten 
werden, als allein ein guter Wille". Zugleich aber wiirde deutlich, dafi diese 
rein moralische Beurteilung noch nicht die ganze ethische Beurteilung ist, 
dafi die Gute zwar der einzige moralische Wert, aber noch nicht die ethische 
>'craii S cher Werttotalitat und damit auch, dafi das ethische Grundgesetz zwar Grund- 

«ihische wett- gesetz, aber noch nicht die Totalitat der ethischen Wertgesetzlichkeit uber- 
totaiiwt. haupt, sondern trotz seiner grundlcgenden Universalitat nur eine Seite von 
dieser ist. Ohne sich auf ihm zu griinden, ist freilich sittliches Handeln nicht 
moglich. Alles sittliche Handeln rauO auf ihm gegriindet sein, um gut sein 
zu konnen. Aber es braucht nicht allein auf ihm gegriindet und darum nicht 
allein gut zu sein, wenn es, um sittlich zu sein, auch immer gut sein muG. 
Das ging ja schon daraus hervor, daO wir im Falle des Vaterlandsverraters und 
des Vaterlandstreuen gewifi von Pflichtbewufitsein, das eine Mai aber von ir- 
rendem, r das andere Mai von erkennendem Pflichtbewufitsein sprechen konn- 
ten. Dasselbe Verhaltnis und denselben Unterschied kann der Fall des Ketzer- 
richters und seines Opfers deutlich machen. Mogen wir beide Male auch allein 
an dem ethischen Grundgesetze messend die Handlungen, weil nach diesem 
gerichtet, auch als rein moralisch richtig beurteilen konnen, so zeigt sich doch, 
dafi die Richtigkeit, so universell sie ist, doch noch nicht die Totalitat der 
ethischen Richtigkeit ist, dafl "diese noch andere Richtgrundlagen fordert, 
noch andere Richtgesetze als allein das ethische Grundgesetz. Die Notwendig- 
keit der Unterscheidung, die wir zwischen den beiden Formen der Allgemein- 
heit ethischer Gesetzlichkeit bereits gemacht haben, wird so von neuem deut- 

Aiigemeinheit lich. Ebenso wird deutlich, dafi der gute Sinn der ,,formalen" Allgemeinheit 
"'des ethischen Grundgesetzes nicht auch den schlechten Sinn einer „bIofi 
formalen" Ethik selber mit sich zu fiihren braucht. 

Damit ist eine grundsatzlich bedeutungsvolle Stellung gewonnen, die 
sich auch im Konkreten deutlich bekundet. Es kommt nun vor allem darauf 
an, den Zusammenhang zwischen dem Grundsatzlichen und dem Konkreten 
zu erschliefien. 

VII. Die sittliche Personlichkeit. Im Sollen bestimmte sich der 
Charakter der ethischen Gesetzlichkeit in einer der Seinsgesetzlichkeit gegen: 
iiber deutlich abgehobenen Form. Darin kam freilich auch schon die Sub- 
jektsbezogenheit der ethischen Gesetzlichkeit zum Ausdruck. Aber nur ganz- 
liches Unverstandnis, das aus eigenen Subjektivismen und Anthropomor- 



DieobjektiveethischeWertgesetzlichkeitu.ihreDarstellungdurchdieethischeSubjektivitat 251 

phismen nicht herauszukommen vermochte, konnte darin eine „Subjektivie- 
rung" oder gar ,,Anthropomorphisierung" der ethischen Gesetzlichkeit sehen. 
Deren Geltung als Gesetzlichkeit besteht von aller Subjektivitat unabhangig 
una wird als Geltung von keiner Subjektivitat beruhrt. Vielmehr empfangt 
diese von der Geltung des Gesetzes erst Sinn und Bedeutung. Und sie emp- 
fangt sie gerade dadurch, daft das Gesetz von sich aus die Subjektivitat for- 
dert. Aber es fordert sie nicht in dem Sinne, daft es seine Geltung in dieser 
grundete, Es fordert sie nicht fur seine Geltung, sondern fur seine Darstel- Bedeutung der 

& . . f,. , ,. ethischen Sub- 

lung derart, daft in seiner Geltung sich erst die Giiltigkeit, der Sinn und die jektivitiu. 

Bedeutung der Subjektivitat grundet. Das Gesetz bleibt nicht in abstrakter 

Leerheit und die Subjektivitat nicht in leerer Abstraktheit, gerade weil die 

objektive Geltung des Gesetzes sein Dargestellt-Werden-Sollen besagt. 

Die Geltung des Gesetzes bliebe als Geltung auch ohne Subjekt bestehen. 

Aber weil sein Gesetzescharakter Sollenscharakter ist, so fordert er ein auf 

ein Sollen sich beziehendes konnendes Wollen, das das Gesetz zur Darstel- 

luug bringe. Sich auf ein Sollen beziehen kann aber nur ein Wollen, das 

von sich und dem Sollen weiB, sich von diesem unterscheiden mufi, um sich 

auch auf dieses beziehen zu konnen, also ein seiner selbst und des Sollens 

bewufites Wollen, oder kurz ein vernunftig wollendes Selbstbewufttsein. 

Selbstbewufit, weil von sich wissend, vernunftig, weil von Gesetz, Wert 

und. Sollen wissend und sich auf dieses beziehend kann nur von ihm, als Wol- 

lendem, das Gesetz zur Darstellung gebracht werden. Ein sich auf das Gesetz 

als Sollensgesetz in seinem Bewufitsein beziehen konnendes, es durch seinen 

Willen zur Darstellung bringen konnendes Selbstbewufttsein aber heifit sitt- Person ciikeit 

00 1 ■ 1 • 1 rt • a,s ethischer 

liche Personlichkeit. Ihre spezifisch sitthche Bedeutung hegt darin, daft sie Potentiai- 

sich, des Gesetzes und ihrer selbst bewuftt, also selbstbewufit, auf das Gesetz charaktcr - 

beziehen kann und es im Wollen zur Darstellung bringen kann, gleichviel, 

ob sie sich darauf tatsachlich bezieht und es tatsachlich zur Darstellung bringt. 

Tut sie es durcr/die Tat, dann ist auch eben diese Tat sittlich. Aber sie selbst 

ist immer schon Moglichkeitsbedingung der Handlung. Und darin gerade liegt 

ihr eigener sittlicher Charakter. Sie hat, wie ich dies friiher einmal formuliert 

habe, ethischen Potentialcharakter. Diese sittlich-personale Potentialitat 

ist Voraussetzung aller sittlichen Realitat. Darum ist auch die sittliche Per- Perssuiichteit 

a und Individuum. 

sonlichkeit -nicht mit dem realen Individuum zu verwechseln. Dieses als 
solches, das Individuum blofi als Individuum, ist sowenig sittlich wie das 
Reale uberhaupt, das als solches immer individuell ist, sittlich ist. Dem Indi- 
viduum gegenuber bleibt die Personlichkeit selbst Aufgabe. Das Individuum 
ist sittliche Personlichkeit nur der Moglichkeit nach, wie die Personlichkeit 
Darsteller des Gesetzes nur der Moglichkeit nach ist. Weil das Gesetz aber 
nicht das Individuum, sondern gerade die Personlichkeit fordert, so hat nicht 
jeftes, sondern allein diese ethischen Potentialcharakter. Wie ihm gegenuber 
o!as Sittengesetz, so bleibt dieser selbst dem Individuum gegenuber Aufgabe 
in der Klimax einer teleologischen Abhangigkeit, die der entelechetischen 
Entwicklung bei Aristoteles entspricht. Mag sich im Realen die Persbnlich- 



252 Bruno Eauch: Ethik 

keit also audi immer als Individuum darstelleir, so stellt sich doch das Indivi- 
duum noch nicht als PersOnlichkeit dar. Mochte man also auch immer dem 
Individuum personalen Potentialcharakter beilegen, so hat doch nur die Per- 
sonlichkeit als solche ethischen Potentialcharakter. 1 ) Denn gerade sie, nicht 
schon und nicht bloC das Individuum, 1st zur Darstellung des Gesetzes ge- 
fordert. 

Hier finden nun zwei Gedankenreihen, die wir friiher verfolgt haben, 
eine weitere Erganzung. Wir unterschieden bei der Erorterung der beiden 
Formen der Allgemeinheit ethischer Gesetzlichkeit zwischen dem Gewollt- 
Werden-Sollen als solchen und seiner moglichen Gekniipftheit an Bedingungen 
des Erfiillt-Werden-Konnens; damit auch zwischen allgemeiner Anerkennungs- 
notwendigkeit und Erfiillungsnotwendigkeit, welche Ietztere durch Bedin- 
WoUennnd gungen der Erfullungsmoglichkeit begrenzt sein konnte. In der Sphare der 
nngen. gubjektsbezogenheit wiirde dieser Unterscheidung die Unterscheidung zwi- 
schen dem Wollen als Wollen und dem Vollbringen, sowie zwischen der Per- 
sonlichkeit als Personlichkeit und der Personlichkeit, insofern diese, wie vor- 
hin bemerkt, sich im Realen immer auch als Individuum darstellt, eben als 
Individuum entsprechen. Damit aber wird nun keineswegs etwa der ver- 
fehlten und bereits abgelehnten Schopenhauerschen Unterscheidung zwischen 
der Frage: „ob ich tun kann, was ich will" und der Frage: ,,ob ich auch wol- 
len kann, was ich will" nun nachtraglich wieder ein Recht eingeraumt. Dabei 
bleibt es, dafi ich, was ich nun einmal wirklich will, auch wollen kann. Aber 
hinsichtlich des Tun-Konnens ergibt sich ein L'nterschied. Soweit das Wol- 
len selber ein Tun ist, und sich die eine Form der Allgemeinheit ethischer Ge- 
setzlichkeit lediglich an das Wollen als Wollen richtet, richtet es sich aus- 
schliefilich auch an die Personlichkeit als Personlichkeit. Insofern diese durch 
das auf das Sollen sich beziehen konnende SelbstbewuCtsein bestimmt ist, 
ist sie eben selbst bereits der Garant dieses Konnens und kann die eine Form 
ethischer Allgemeingesetzlichkeit sich an ,,jedes vernunftige Wesen uberhaupt" 
richten und Erfullung fordern. Man miifite also Schopenhauers metaphysische 
Frage: „wieweit die Wurzeln der Personlichkeit ins Metaphysische reichen", 
als zu Recht bestehend gelten lassen, wollte man seine Frage: ,,ob ich auch 
wollen kann, was ich will" ihrer sowohl ethischen wie psychologischen Sinn- 



1) Man wird darauf gewissen Versuchen gegenuber zu achten haben, die aus einer 
gewiB anerkennenswerten Gutmutigkeit, aber zugleich auch aus Mangel an scbarfem Den- 
ken, tierischen Individuen gegeniiber eine ganzlich verfehlte Stellung einnehmen. Bedenkt 
man die Unterschiede, die wir im Texte bezeichnet haben, dann wird man z. B, begreifen, 
daB. Vivisektion keine willkurliche Tierqualerei ist, dafl man die Vivisektion vertreten und 
die Tierqualerei verwerfen kann, und zwar, wie Paul Hensel betont, dieses nicht aus Pflicht 
gegen die Tiere, sondern aus Pflicht gegen uns selbst. Wer aus vermeintlich sittlichen Griin- 
den die Vivisektion verwerfen wollte, der miiBte konsequenterweise auch die animalische 
Nahrung ablehnen, und um konsequent zu bleiben, diirfte er sich auch nicht vegetabilisch 
ernahren, ja nicht einmal einen Schluck Wasser trinken und die Luft einatmen. Seine 
vermeintlich sittlichen Griinde wiirden also alle Moglichkeit eigentlich sittlichen Lebens 
unterbinden. 



Personlichkeit und Gempinschaft 253 

losigkeit entkleiden, die nun doppelt sinnlos wiirde, weil sie jetzt auch auf 

die andere Sinnlosigkeit der Frage: „ob ich tun kann, was ich tue" hinausliefe. 

Insofern aber ethisch die Personality bereits Voraussetzung der Realitat personality und 

1st, lafit sich die vom allgemeinen ethischen Grundgesetze aufgegebene Forde- . " m ° lt '" 

rung an jede Personlichkeit richten und von jeder Personlichkeit erfullen. 

Soweit nun aber nicht blofi das Wollen ein Tun, sondern das Tun ein Voll- 

bringen bedeutet, treffen wir innerhalb der Gesetzessphare auf jene Bedin- 

gungen der Erfullungsmoglichkeit, die in der Sphare der Subjektsbezogenheit 

dadurch bezeichnet sind, dafi im Realen die Personlichkeit zugleich Indi- 

viduum ist. Die zweite Form ethischer Allgemeingesetzlichkeit hat zwar die 

gleiche Gesetzesgeltung wie das universelle Grundgesetz. Sie hat auch dem 

Subjekte gegentiber, soweit dieses Personlichkeit ist, die gleiche Anerkennungs- 

notwendigkeit wie dieses. Aber insofern im Realen das Subjekt ja nicht allein 

Personlichkeit, sondern auch Individuum ist, hat an seiner Individuality 

die Erfullungsmoglichkeit auch ihre bestimmten Grenzen und Bedingungen. 

VIII. Die sittliche Gemeinschaft. Die Geltung ethischer Gesetzlich- 
keit besteht also zwar unabhangig von aller Subjektivitat. Aber ihre Dar- 
stellung kann sie nur linden durch die auf sie sich beziehen konnende Sub- 
jektivitat, durch die Personlichkeit. Diese also ist, wie Kant es ausgedrtickt 
hat, „ Subjekt der Darstellung des Sittengesetzes". Als solchem erwachst 
ihr nun selbst ein Wert vom Sittengesetze her durch Wertiibertragung. 
Scharf-und klar ins Bewufitsein erhoben ward dieser zum ersten Male in der 
geschichtlichen Entwicklung, als das Christentum „vom unendlichen Werte 
der Menschenseele" sprach. Denn ,,Menschenseele" bezeichnete hier mehr 
als blofi das menschliche Individuum als Individuum, sondern dieses gerade 
weil und insofern es Personlichkeit ist. Es ist darum nichts anderes, als eine Personlichkeit 
besonders gluckliche Form, auf die Kant den bereits vom Christentum ent- un " cnum ' 
deckten Gedankengehalt gebracht hat, wenn er sagt: ,,der Mensch ist zwar un- 
heilig genug, aber die Menschheit in seiner Person mufi ihm heilig sein", oder 
,,in der ganzen Schopfung kann alles, was man will, und woriiber man etwas 
vermag, auch blofi als Mittel gebraucht werden; nur der Mensch, und mit ihm 
jedes verniinftige Geschopf, ist Zweck an sich selbst. Er ist namlich das 
Subjekt des moralischen Gesetzes". Kant hat selbst auf den Unterschied 
zwischen dem Menschen als Individuum und dem Menschen als Personlich- 
keit nicht ausdrucklich hingewiesen. Und doch darf man inn gerade in diesen 
Satzen bezeichnet finden. Die Gegeniiberstellung von ,, Mensch" und ,, Mensch- 
heit in seiner Person" druckt ihn aus, und es wird deutlich, dafi es gerade auf 
die Menschheit ,,in der Person" ankommt, dafi der Mensch gerade als „ver- 
niinftiges Geschopf" nicht ,,Mittel", sondern ,, Zweck an sich selbst" ist, weil 
er eben ,,das Subjekt des moralischen Gesetzes" ist. 

Er ist ,, Subjekt des moralischen Gesetzes" in dem vorhin bezeichneten 
Sinne des ethischen Potentialcharakters der sittlichen Personlichkeit. Diese 
ist die Bedingung der Mbglichkeit spezifisch sittlichen Handelns. Sie geht, 
wie Luther sagt, als „Werkmeister" immer dem ,,Werke" voran. Weil sie 



254 



Bruno Bauch: Ethik 



allein sittlich handeln kann, darum hat sie als Persbnlichkeit selbst einen 

PersiiniicUkeit Wert, gleichviel ob sie sittlich handelt oder nicht. Denn dafi sittlich gehandelt 

a 'iichen Han-"" w ' r( ^> ^ as setzt immer schon sie voraus; und gerade sie als Personlichkeit, 

deinsundabOb- n j c ht bloft als Individuu m. Weil sie Subjekt des sittlichen Handelns ist, 

jckt Bittlichen ... 

Rebandeins darum ist sie auch, und eben das bezeichnet ihren eigenen Wertcharakter, dafi 
sie ,,Zweck an sich selbst" ist, zugleich Objekt sittlichen Behandelns, mogen 
wir sie als solches nun wie immer auch bezeichnen wollen, sei es als ,,Gegen- 
stand der Achtung", als ,,Gegenstand der Liebe", oder wie immer sonst. 
Vielleicht ist der unter religiosem Gesichtspunkte gefafite Name der ,, Liebe" 
der geeignetste Ausdruck auch fur das in ethischer Beziehung jetzt in Frage 
kommende Verhaltnis von Personlichkeit als Subjekt ethischen Handelns 
und als Objekt ethischen Behandelns. Nur hat man sich datin des urspriing- 
lichen Sinnes, in dem etwa das christliche Liebesgebot die ,, Liebe" faftte, 
bewuftt zu bleiben, und in dem etwa Luther die ,,Christenliebe" von der 
„Acbtune" uDd,,Weltliebe" unterschied. Wenn man, wie Nietzsche, gegert diese Forderung 
geltend macht, sie sei sinnlos, weil sich Liebe eben nicht fordern lasse, so ist 
Liebe hier eben als ,,WeItliebe", als Neigung, Zuneigung verstanden. Sie 
zu fordern, ist in der Tat sinnlos. Sie lafit sich nicht fordern und gebieten. 
Sie ist immer abhangig von den individuellen Bestimmtheiten, die wir bald 
Heben, bald nicht lieben, bald hassen konnen. Im Sinne der ,,Weltliebe'' 
konnen wir z. B. unsere Feinde nicht lieben. Das hat, wie je ein Mensch, ge- 
rade Luther mit besonderer Lebhaftigkeit erfahren. Und doch kann er der 
christ lichen Liebesforderung ihren tiefen und echten Sinn zuerkennen, ja 
in seineni tiefsten Gtundc diesen erst aufdecken, indem er sie gerade der nicht 
zu fordernden ,,\\eltliebe" gegeniiberstellt. Wahrend diese immer bestimmX 
und abhangig ist von ihrerseits individuellen Bestimmtheiten, bezieht sich 
die ,,Christenliebe" unabhangig von alien individuellen Unterschieden rein 
auf die Personlichkeit als Persbnlichkeit. Sie ist eine ,,quellende Liebe", 
eine ,,tatige Liebe" zum Unterschiede von der ,,Weltliebe" als einer Liebe, 
die das Individuum durch die Eindriicke des anderen Individuums erleidet. 
Jene ,,quellende Liebe" geht nicht auf ,,die Unterschiede der Person", im 
Sinne des Individuums, sondern auf die Heilighaltung der Personlichkeit als 
Subjekt ethischer Handelnsmoglichkeit und erkennt sie, weil sie dieses ist, 
auch als Objekt ethischen Behandelns an, ja sie ist eben dieses ethische Be- 
handeln, das die Persbnlichkeit rein als Personlichkeit* fordert. 

Rein weil die Persbnlichkeit Persbnlichkeit, d. h. Subjekt der Moglich- 
keit sittlichen Handelns ist, darum ist sie schon als Persbnlichkeit auch Objekt 
sittlichen Behandelns. In ihrer spezifischen ethischen Persbnlichkeitsseite ist 
auch ihre ebenso spezifische ethische Objektsseite gesetzt. Beide stehen in 
unlbslicher Wechselbeziehung. Und diese Wechselbeziehung heiftt sittliche 
Gemeinschaft. Es ist darum kein Zufall, daft das Christentum nicht allein 
den Gedanken vom ,,unendUchen Werte der Menschenseele", sondern mit ihm 
zugleich den Gedanken der Gemeinschaft und der Liebe, die das gemeinschafts- 
stiftende, gemeinschaftsbildende Band ist, aufgedeckt hat. Die Personlich- 



Die sittliche Gemeinschaft 



255 



keit fordert als Personlichkeit ,,Liebe", „HeilighaItung", ,,Achtung" und damit 
die Gemeinschaft, und die Gemeinschaft fordert die Personlichkeit. Person- 
lichkeit und Gemeinschaft sind Wechselbegriffe. Personalismus und Sozialis- Personaiismus 
mus im ethischen Sinne schliefien sich nicht aus, sie fordern einarider wechsel- u f m E°hi5ch™n US 
seitig und schliefien sich ein. Es ist keine sittliche Gemeinschaft moglich, 
die nicht Gemeinschaft zwischen sittlichen Persbnlichkeiten ware. Ebenso 
ist keine sittliche Personlichkeit moglich, die nicht in eine sittliche Gemein- 
schaft einbezogen ware, weil sie in sich selbst sittliches Handeln und sittliches 
Behandeln aufeinander in Beziehung setzt. 

Wie wir aber friiher Personlichkeit und Individuum voneinander unter- Gemeinschaft 
scheiden mufiten, so diirfen wir nun die sittliche Gemeinschaft nicht mit der un 
realen Gesellschaft verwechseln. Individuum und Personlichkeit verhalten 
sich zueinander wie Gesellschaft und Gemeinschaft. Wie dem Individuum 
gegeniiber die Personlichkeit selbst Aufgabe bleibt, so bleibt auch die Gemein- 
schaft der Gesellschaft gegeniiber Aufgabe. Auch die Gesellschaft ist sittliche 
Gemeinschaft nur der Mbglichkeit nach, wie das Individuum sittliche Person- 
lichkeit nur der Mbglichkeit nach ist. Wie allein die Personlichkeit spezifisch 
ethische Mbglichkeitsbedingung der Darstellung des Sittengesetzes ist, so ist es 
auch die Gemeinschaft. Und das ethische Gesetz fordert nicht schon das Indivi- 
duum, sondern gerade die Personlichkeit zu seiner Darstellung und darum 
ebenso nicht schon die Gesellschaft, sondern die Gemeinschaft. Darum hat 
gerade diese, wie die Personlichkeit, nicht Gesellschaft und Individuum, 
spezifisch ethischen Potentialcharakter. Im Realen mag sich gewip die Ge- 
meinschaft immer nur als Gesellschaft darstellen, so stellt sich doch die Ge- 
sellschaft noch nicht als Gemeinschaft dar, wie sich im Realen auch die Per- 
sonlichkeit immer nur als Individuum darstellte, ohne dafi sich das Individuum 
schon als Personlichkeit darstellte. Wie das Individuum personalen Potential- 
charakter, die Personlichkeit ethischen Potentialcharakter hat, so hat die 
Gesellschaft Gemeinschaftspotentialcharakter, die Gemeinschaft selbst aber 
ethischen Potentialcharakter. Auch dieser Unterschied wird wie derjenige 
der beiden Formen ethischer Gesetzesallgemeinheit von weittragender Be- 
deutung, und zwar in genau demselben Sinne, in dem das schon vom Gedan- 
ken der sittlichen Personlichkeit aus bezeichnet wurde. 

IX. Das sittliche Wertgesetz und das System der Wert e. Das 
Sollen hatte das ethische Grundgesetz in seiner Subjektsbezogenheit charak- 
terisiert. Dadurch war es als Wertgesetz deutlich geworden. Nicht aber konnte 
das bedeuten, dafi damit seine Geltung als objektive Geltung verfliichtigt 
und ins Subjektive verwischt werden miifite. Wie nach Rickerts klarer und 
scharfer Unterscheidung der Wert in seiner Subjektsbezogenheit sich zwar 
als Sollen darstellt, in seiner Geltung als Wert aber auch durchaus ,,subjekts- 
unbezogen" bestehen bleibt, so bleibt auch das ethische Grundgesetz, mag es 
sich auch im Sollen subjektsbezogen darstellen, als Wert doch in durchaus 
subjektsunbezogener Geltung seinem eigenthchen Gesetzesinhalt nach ob- 
jektiv bestehen. 



256 Bruno Bauch: Ethik 

Wie wenig es durch das SoIIen subjektivistisch verfliichtigt wird, das 
kann man gerade an den subjektiven Mifiverstandnissen deutlich machen. 
Der ethische Wahrend die einen meinen, mit dem,,Sollen" wollten wir befehlen undfordern, 
charakter!" wenden die anderen dagegen gerade ein, mit dem Sollen des ethischen Grund- 
gesetzes sei ja noch gar nicht gesagt, was man nun tun oder nicht tun solle. 
Beide fassen, um eine treffende SchopenhauerscheUnterscheidung in diesem 
Zusammenhange aufzunehmen, das ,,Moralbegrunden" als ein ,,Moralpredi- 
gen". Nur nehmen sie sodann eine entgegengesetzte Stellung dazu ein. Die 
einen lehnen es ab. Ihnen mufi man recht, aber auch gleich zu bedenken 
geben, daG es in der Ethik als Wissenschaft nicht auf ,,Moralpredigen" an- 
kommt. Die anderen konnen nun aber gerade von der Ethik nicht genug 
bekommen, weil sie von ihr eben keine Moralpredigt bekommen. Gegen beide 
ist also zu sagen, einmal dafi,, Gesetz", ,,Wert", ..Imperativ", ,,Sollen" nicht 
bedeutet, dafi ,,wir" etwa ,,fordern" und ,,befehlen", dafi der ,,Ethiker" 
nicht ,,Moralgesetze" erlafit, sondern dafi das Gesetz als Wertgesetz in seiner 
Subjektsbezogenheit eine ,,Forderuug", einen ,,Imperativ 1 ' zum Inhalte 
hat, den nicht ,,wir" als Subjekte ,, befehlen", sondern lediglich in der Wissen- 
schaft der Ethik mit dem Gesetze selber aufdecken und aufzeigen, der aber, 
wie das Gesetz selbst, dessen subjektsbezogener Inhalt er eben ist, von aller 
wissenschaftlichen Aufdeckung und Aufweisung unabhangig besteht. So- 
dann ist zu sagen, dafi das Gesetz als ethisches Grundgesetz gar nicht besagen 
will, was man nun tun oder nicht tun solle, sondern allein, wie man wollen 
solle. Man nioge sich also, ehe man seine eigenen Forderungen an die Ethik 
als Wissenschaft richtet, sich zunachst einmal erst daruber klar werden, 
was man ihrer wissenschaftlichen Aufgabe und ihrem Gegenstande gemafi 
von ihr eigentlich zu fordern hat, und was nicht, und was man, sei es um es 
zu wtinschen, sei es um es zu verwunschen, bei ihr auch nicht suchen darf, weil 
man es doch nicht finden kann. 
Ethisches Gmnd- Immerhin ist doch auch unter rein ethisch-wissenschaftlichen Gesichts- 

etwache wert- punkten bereits deutlich geworden und wird nun von neuem deutlich, dafi das 
gaoiheit. ethische Grundgesetz als solches nicht die Totalitat des ethischen Gesetzes- 
und Wert-Gehaltes darstellt oder erschopft, nicht etwa weil es nicht besagt, 
was man tun oder nicht tun solle. Dieses ,,Was" gerade ist nicht objektiv, 
sondern subjektiv und mufi subjektiv bleiben. Und es ist gerade die charak- 
teristische Bedeutung, dafi jede Subjektivitat durch das Gesetz ihre Sanktion 
empfangen kann. Aber trotz der unendlichen subjektiven Materialitat, 
trotz der Inhaltlichkeit des ethischen Grundgesetzes bleibt dennoch eine 
Leerheit bestehen, die auszufullen, die zu beseitigen ist, sofern iiberhaupt 
von einer sittlichen Bestimmung zu reden ist. Das ist das Eigenartige, dafi 
diese zwar auf dem ethischen Grundgesetze ruht, von ihm allein aber nicht 
begriindet werden kann. Und was wir soeben als Leerheit bezeichneten, 
das ist zwar nicht Inhaltslosigkeit, aber doch das, was man bei Kant,,Forma- 
lismus" genannt und bisher mehr gefiihlt als begriffen hat, weil man nicht 
begriffen hat, dafi damit nichts gegen Recht und Notwendigkeit des ethischen 



Wert und Gemeinschaft 257 

Grundgesetzes als solchen gesagt sein kann, sondern nur gegen die Versuche, 
dieses mit der Totalitat ethischer Wertgesetzlichkeit gleichzusetzen. 

Grundsatzlich war die Synthese von Universalitat und Einseitigkeit im 
ethischen Grundgesetze selbst bereits der bezeichnende Ausdruck fur die 
Notwendigkeit, von der Einseitigkeit zu einer ethischen Werttotalitat fort- 
zuschreiten. Diese Notwendigkeit wurde uns sodann im Konkreten des sitt- 
lichen Lebens deatlich. Die Ideen der Personlichkeit und der Gemeinschaft 
bezeichneten bereits Stufen jenes notwendigen Fortgangs. Aber nun gerade 
kann deutlich werden, dafi dieser selbst noch weitergefiihrt werden mufi, 
und in welcher Weise diese Weiterfiihrung zu erfolgen hat. Gerade die Idee 
der Gemeinschaft kann das zeigen. Sie liegt, so sahen wir, in der Wechsel- 
beziehung der Personlichkeit als Subjekt sittlichen Handelns und als Objekt 
sittlichen Behandelns. Aber worin liegt nun wiederum diese Wechselbeziehung ? 
Gewifi ist die Gemeinschaft geradezu diese Wechselbeziehung als Gemein- 
schaft zwischen Personlichkeiten. Aber gerade weil diese Wechselbeziehung 
noch nicht voll bestimmt ist, ist es auch die Gemeinschaft nicht. Auf dem 
ethischen Grundgesetze griinden sich zwar Personlichkeit und Gemeinschaft, Wertnchtung 
aber es lafit die Richtung in der Gemeinschaftsbeziehung der Personlichkeiten 3C ha,{ t s- 
noch unbestimmt. Daher ist es moglich, dafi eine Personlichkeit sittlich han- be « eh w n g- 
deln kann, ohne doch in dieser selben Handlung eine andere Personlichkeit 
auch schon als Objekt sittlichen Behandelns zu behandeln, dafi sie also gerade 
im Konkreten die in der Idee gesetzten Momente, die die Idee der Gemein- 
schaft konstituieren, nicht beide, sondern nur eines erfullt, also eigentlich 
zugleich sittlich und unsittlich handelt, wie wir das friiher am Beispiele des 
Ketzerrichters verdeutlicht haben. Dafi der Ketzerrichter aus Achtung fur "» 
das sittliche Grundgesetz, also aus dem Bewufitsein der Pflicht und damit 
sittlich habe handeln konnen, das haben wir eingeraumt. Und doch haben 
wir diese selbe Handlung auch als sittlich verwerflich bezeichnet, weil sie auch 
ein Verbrechen gegen die sittliche Freiheit des Gewissens sein kann, indem 
auch das Opfer des Ketzerrichters in eben dem Handeln, fiir das es geopfert 
wird, sittlich gehandelt haben kann. Wir konnen nun sagen: in derselben Hand- 
lung hat die Personlichkeit des Ketzerrichters zwar als Subjekt sittlichen 
Handelns, also sittlich gehandelt, aber doch nicht die Personlichkeit ihres 
Opfers als Objekt sittlichen Behandelns behandelt, darum also unsittlich 
gehandelt. Wir konnen im Kantischen Sinne ihre Handlung zwar als ,,gut", 
aber diese Sittlichkeit zugleich doch als leer bezeichnen. Vielleicht kbnnte 
man auch sagen: sie sei zwar moralisch wertvoll, weil sie dem ethischen Grund- 
gesetze entspreche, aber sie sei darum. noch nicht uberhaupt ethisch wert- 
voll. Damit wird der Grundwert des ethischen Grundgesetzes wiederum 
fiir das Wollen als Wollen deutlich. Ebenso aber wird deutlich, dafi fiir die 
Richtung auch des Wollens noch andere Richtmafie als Werte gefordert sind 
als allein der fiir das Wollen als Wollen bestehende, die aber zugleich von ethi- 
.scher Relevanz sein mussen, um das Ethos des Willens selbst zu bestimmen, 
.so dafi die ethische Relevanz reicher sein mufi als die der reinen Moralitat, 

Die Kultur der Gegenwart. I. 6. 3. Aufl. 1 7 



I* 



258 Bruno Bauch: Ethik 

moralisch und ethisch der Sache nach nicht dasselbe besagen, obwohl sie 

terminologisch dasselbe zu bezeichnen scheinen, dafi der ethische Grund- 

wert noch nicht ohne weiteres der ethische Wert 1st. 

Die Gemein- In diesem Sinne griindet der ethische Grundwert als sittliches Grund- 

meinschaft* gesetz zwar die Gemeinschaft, aber er lafit, wie wir vorhin sagten, die Rich- 

*iSSter o !S 1 ' tun 8 * n ^ er Gemeinschaftsbeziehung noch unbestimmt, er erfiillt die Gemein- 

aj.Gemeinscbafischaft nicht mit einem Inhalt, sowenig auch das ethische Grundgesetz etwa 

von gemein- , 

samem Wert- ohne Inhalt 1st. Zwar 1st, wie wir sahen, die Gemeinschaft eine Gemeinschaft 
mhait. zwischen Personlichkeiten. Aber um Gemeinschaft zu sein, mufi sie doch 
noch etwas mehr sein. Es mufi den Personlichkeiten als Gliedern der Ge- 
meinschaft auch etwas gemeinschaftlich sein, die Gemeinschaft mufi also 
als Gemeinschaft notwendig nicht blofi Gemeinschaft zwischen Personlich- 
keiten, sondern auch Gemeinschaft von einem gemeinsamen Inhalt sein. 
Auf die Frage nun, was dieser Inhalt sei, scheint man antworten zu konnen, 
er sei das ethische Grundgesetz selbst. Aber diese Antwort ware richtig und 
falsch zugleich, je nach der Beziehung, in der sie gehalten ist. Und das wiederum 
beweist, dafi das ethische Grundgesetz zwar die Gemeinschaft griindet, aber sie 
noch nicht in einem vollkommenen Sinne erfiillt. Es ware gewiB richtig, zu sagen, 
das ethische Grundgesetz ist das, was den Gliedern der Gemeinschaft gemein- 
schaftlich ist, so dafi diese eben auch, wie es in ihrem Begriffe liegt, Gemein- 
schaft von einem gemeinsamen Inhalte ist. Aber falsch ware es doch, zu mei- 
nen, dafi damit nun auch ein Inhalt der Gemeinschaft in dem Sinne umschrie- 
ben ware, in dem allein eine Rkhtungsbestimmtheit der Gemeinschafts- 
beziehung verstanden u - erden konnte. Der Inhalt des ethischen Grundgesetzes 
fur sich allein besagt fur die Gemeinschaft ja nur, dafi die Personlichkeit 
als Subjekt sittlichen Handelns und die Personlichkeit als Objekt sittlichen 
Behandelns in unloslicher Wechselbeziehung miteinander in der Gemein- 
schaft verbunden sind. Aber gerade weil, wie wir im Konkreten gesehen haben, 
im sittlichen Handeln das sittliche Behandeln, trotz ihrer unloslichen Wechsel- 
beziehung in der Idee, verfehlt werden kann, besagt jener noch nichts uber 
einen Inhalt in dem Sinne, dafi sie zu ihm in der Gemeinschaft verbunden 
sein kann, mag sich in der Subjektsbezogenheit auch das Band, durch das 
sie verbunden sind, sich genauer als ,,Achtung", als ,,Liebe", oder wie immer 
sonst bezeichnen lassen. Der Inhalt des ethischen Grundgesetzes wiirde also 
doch nur die Gemeinschaft als Gemeinschaft von Personlichkeiten, nicht auch 
schon als Gemeinschaft von einem gemeinsamen Inhalt charakterisieren. Und 
es ist fur ihn gerade selber charakteristisch, dafi er den Unterschied zwischen 
jenem ,, Zwischen" und diesem ,,Von" auftut, jenes ,, Zwischen" erfiillt, dieses 
,,Von" unerfiillt lafit, aber auch schon von sich aus diese Erfullung fordert. 

Das „BewnBt- Blofi auf das Bewufltsein der Pflicht, dem ethischen Grundgesetze ent- 

s Ttbhcii^ctaf" s P rec k en ^' kann sich nach den Pichlerschen Beispielen ebenso der berufen, 

aiiein ent- d e r sich fur sein Vaterland opfert, wie der, der es aus Pazifisrhus verrat, 

scheidcnd. . . . . 

ebenso das Opfer des Ketzerrichters, wie der Ketzerrichter selbst. Aber wir 
konnten angesichts dieser Beispiele zwischen erkennendem und irrendem Pflicht- 



Genieinschaft und System der Werte 2^o 

bewuBtsein unterscheiden. Eine Unterscheidung, die sich mit einer solchen 

des taglichen Lebens deckt, dessen Sprache ja zwischen „erkennendem und 

irrendem Gewissen" unterscheidet. So richtig es darum auch bleiben mag, 

dafi das ethische Grundgesetz das ethische Wertzentrum ist, daB der Handlung 

,,innere Prinzipien, die man nicht sieht, nicht die aufieren Handlungen, die 

man sieht", die erste und ursprungliche sittliche Wertentscheidung bringen, 

dafi, popular gesprochen, das „ Gewissen" iiber den Wert des Tuns entscheide, 

Gesichtspunkte, die alle Goethe in wundervoller Form dahin zum Ausdruck 

gebracht hat: 

Sofort nun wende dich oach Innen, 

Das Zentrum findest du da drinnen, 

Woran kein Edler zweifeln mag; 

Wirst keine Regel da vermissen, 

Das selbstandige Gewissen 

Ist Sonne deinem Sittentagl 

so richtig also alles dies sein mag, so wird doch auch mehr und mehr deutlich, Etbischer w«t 
dafi das noch nicht das All der ethischen Wertbestimmung ist. Das ethische" r> 
Grundgesetz ist zwar das n Zentrum" des „Ethos", aber noch nicht das gauze 
Ethos; subjektsbezogen heifit das: die ,,inneren Prinzipien" der Handlungen 
sind zwar die „Prinzipien" des sittlichen Handelns, aber noch nicht das ganze 
sittliche Handeln, das ,,selbstandige Gewissen" zwar die ,, Sonne" unseres 
,,Sittentags", aber noch nicht der ganze Sittentag selbst. Das ,, Zentrum" 
fordert von sich aus, mag es auch eben Zentrum sein, das Gefiige mit seiner 
ganzen Figuration und Peripherie, dessen Zentrum es ist, die ,,inneren Prin- 
zipien der Handlungen" fordern die Handlungen, deren Prinzipien sie sind, 
das ,,selbstandige Gewissen" als ,, Sonne" unseres „Sittentags"eben den ,, Sit- 
tentag", dessen ,,Sonne" es ist. Wenn'wir von erkennendem und irrendem 
Pflichtbewufitsein reden konnen, so bemerken wir, daB das ethische Grund- 
gesetz sofort iiber sich selbst hinausweist und ubergreift auf den Erkenntnis- 
wert, wie es, etwa im Falle unseres Beispiels vom Ketzerrichter, ubergreift 
auf den religibsen Wert, in dem politischen Beispiele auf den Rechts- und 
Staats-Wert usw. Alle diese Werte sind als solche zwar keine ethischen Werte. 
Aber gerade weil sie als solche nicht isoliert zu bleiben brauchen und in den 
ethischen Grundwert einbezogen werden konnen, erweitern sie zugleich dessen 
Sphare. Sie sind Wertrichtungen, in die jener eigentlich ethische Grundwert 
sich weitet und ausstrahlt, und die er so zugleich in sich und sich in sie 
einbezieht, und durch die nun PersSnlichkeit und Gemeinschaft selbst ihre wert- 
inhaltliche Richtung erhalten. Das ethische Grundgesetz fordert von sich 
aus als ethischer Zentralwert seine Einbezogenheit in das Ganze und das 
System der Werte iiberhaupt. Und in ihrer Verbindung mit dem ethischen 
Grundgesetze sind diese, so selbstandig und eigenbestimmt auch der Inhalt 
eines jeden fur sich sein mag, selbst von ethischer Bedeutung. Freilich, ihres 
selbstandigen objektiven Eigeninhaltes wegen konnen sie sich nun in ihrer 
Subjektsbezogenheit nicht an , jeden vernunftigen Willen iiberhaupt" wen- 
den. So anerkennungsnotwendig ihr objektiver Wertgehalt auch in seiner Sub- 



260 Bruno Bauch: Ethik 

jektsbezogenheit ist, so ist in clieser doch die Vollbringungsmoglichkeit an 
bestimmte Bedingungen gebunden, die innerhalb der Gemeinschaft, der sie 
selbst erst ihren bestimmten RJchtungs- und Beziehungsgehalt zwischen den 
Personlichkeiten geben, am Individuellen der Personlichkeit und am Gesell- 
schaftlichen der Gemeinschaft ihren bestimmten Ausdruck finden. Damit 
gewinnt die zweite Form der Allgemeinheit ethischer Gesetzlichkeit, von der 

Wertcharakterwir fruher sprachen, und die wir mit Kants ,,hypothetischen Imperativen" 
thetischen in Beziehung setzten, ihren bestimmten Gehalt. Darauf beruht in der Tat 
imperative". ^ yon K ant mem - geahnte als klar erkannte Zwischenstellung der ,,hypo- 
thetischen Imperative" zwischen den ,,kategorischen Imperativen" und den 
,,subjektiven Maximen", dafi diese in ihrem Wertcharakter a]s Gesetze ob- 
jektiv, aber in ihrer Subjektsbezogenheit nicht universell, sondern, weil 
aufs Vollbringen durch die ,,aufiere Handlung", nicht allein auf das Wollen 
als Wollen bezogen, in der Vollbringungsmoglichkeit subjektiv bedingt sind. 
An einigen Stellen, an denen Kant in den ,,hypothetischen Imperativen" 
die ethische Bestimmung mit der ,,Kultur der Geistestalente" gelegentlich, 
aber nur eben ganz gelegentlich, in Verbindung bringen zu wollen scheint, 
scheint auch jene seine Ahnung bestimmtere Gestalt gewinnen zu wollen. Denn 
in der Tat sind jene Werte, die wir in ihrer Bezogenheit auf das ethische Wert- 
zentrum des ethischen Grundgesetzes nun von Rechts wegen als ,,hypothe- 

Hypothetische tische Imperative" bezeichnen konnen, die Werte, auf Grund deren wir uber- 

and Kuitur. haupt erst von Kultur sprechen konnen, und auf denen der Wertcharakter 
auch in dem, was wir Kulturwerte nennen, beruht. Freilich gleitet Kant 
gerade in seinen wenigen Bemerkungen tiber die ,, Kultur der Geistestalente" 
wieder so ganz ins Subjektive, dafi er auf das objektive Wertmoment in dieser 
,, Kultur" iiberhaupt nicht achtet, nur auf die subjektive Bedingtheit der 
,, Geistestalente" reflektiert\und gar nicht bemerkt, dafi sich auch von sub- 
jektiven ,,Geistestalenten" gerade als Talenten ohne die Voraussetzung 
objektiver Werte gar nicht reden lafit. Merkwiirdig genug bei einem ,, Geistes- 
talente" vom Range Kants, das sein ganzes persbnliches konkretes Leben 
ganz in den Dienst der Idee der Pflicht stellte, entgeht, ganz im Gegensatze 
etwa zu Goethe und Schiller, zu Fichte und Hegel, seiner Theorie der eigent- 
liche ethische Aufgabencharakter jener ,, Kultur der Geistestalente" und da- 
mit auch der objektive Wert-Sinn der ,,hypothetischen Imperative" so sehr, 
dafi sich ihm an die Stelle des eigentlichen Aufgaben- und objektiven Wert- 
Charakters ein blofier Gegenstand ,,feinerer Freuden und Ergotzungen" 
unterschiebt. 

AUgemeines Durch die \ erflechturig des Zentralwertes des ethischen Grundgesetzes 

sein ond m ein bystem der Werte iiberhaupt konnen dem allgememen Pfhchtbewufit- 
PRkbtcn. se * n erst konkret bestimmte Pflichten erwachsen, kann die Personlichkeit 
ins Individuum eingehen, individuelle konkrete Wertgestalt gewinnen und das 
Individuum Personlichkeit werden, wie die Gemeinschaft in die Gesellschaft 
eingehen und die Gesellschaft Gemeinschaft werden kann. Gewifi bleibt die 
Personlichkeit Aufgabe fur das Individuum, wie die Gemeinschaft Aufgabe 



Gemeinschaft, Geschichte, Freiheit 26 I 

fur die Gesellschaft bleibt, und ebenso gewiB fordert die ethische Grund- 

gesetzlichkeit noch nicht blofi Individuum und Gesellschaft, sondern gerade 

Personlichkeit und Gemeinschaft fur ihre Darstellung. Aber nicht etwa nur, 

weil, wie wir sagten, im Realen die Personlichkeit sich nur als Individuum 

und die Gemeinschaft sich nur als Gesellschaft darstellt, sondern weil sich die individuum, 

Gemeinschaft auch ihrer Idee und ihrem Gesetze nach nur als Gemeinschaft Gesellschaft, ' 

von Werten darstellt und damit auch die Personlichkeit erst bestimmte Auf- Gemeinschaft 

und das System 

gabegegenstande erhalt, verflechten sich in der subjektsbezogenen Sphare derWerte. 
auch Individuum und Personlichkeit, Gesellschaft und Gemeinschaft. Nicht 
das Individuum als Individuum, nicht die Gesellschaft als Gesellschaft, 
sondern das Individuum, gerade soweit sich in ihm im Realen die Personlich- 
keit darstellt und das Individuum selber Personlichkeit werden kann, und 
die Gesellschaft, gerade soweit sich in ihr im Realen die Gemeinschaft dar- 
stellt und sie selber Gemeinschaft werden kann, sind in den ethischen Grund- 
wert und das System der Werte einbezogen. Diese gehen in sie und sie gehen 
in diese zu lebendiger Darstellung ein. 

X. Geschichte und Freiheit. Die ;ebendige Darstellung der Werte 
durch individuelle konkrete Personlichkeiten innerhalb der wiederum konkret ! 

gesellschaftlich bestimmten Gemeinschaft vollzieht sich im geschichtlichen symh^e vo n I 

Leben und Werden und ist selber geschichtHch lebendiges Werden. Der Wert- \ V i r kHchk"it i n i 

inhalt als „Form" und der Erlebnisinhalt als „ Material" gehen hier ihre kon- der Geschichte. i, 

krete Einheit ein. Das kann und soil nicht heifien. dafi die Geschichte schon [- 

als Geschichte wertvoll oder werterfiillt ware, wohl aber, dafi sie, um Rickerts ; 

grundlegende Unterscheidung hier anzuwenden, wertbezogen ist. Es ist nicht 
notwendig, dafi jeder Ketzerrichter auch nur aus dem BewuOtsein der Pflicht jt 

gehandelt hat, obwohl mancher auch so gehandelt haben mag. Die uber- ij 

wiegende Mehrzahl wird ihre Opfer um des eigenen Platzchens im Himmel s, 

willen verbrannt haben. Notwendig aber steht die ganze Geschichte der 
Ketzerprozesse in Beziehung auf einen Wert, den Wert der Religion. Wir 
werden, die Religion in ihrem tiefsten Sinne gefafit, diese Beziehung sogar 
als eigentlich religionsfeindlich auffassen konnen. Aber diese Feindlichkeit gegen 
echte Religion ist und bleibt eben doch eine Beziehung auf den religiosen Wert. 
Weil aber im geschichtlichen Leben uberhaupt Wert und Wirklichkeit auf- 
einander bezogen sind, darum ist die Geschichte die Statte, in der Werte in ij 

die Wirklichkeit eingepflanzt -werden konnen, nicht schon naturnotwendig :: 

eingepflanzt sind oder eingepflanzt sein mussen. | 

Diese Verpflanzung der Werte in die Wirklichkeit bleibt eine Aufgabe, |: 

die nur gerade in der Form geschichtlichen Lebens die Bedingung ihrer Mog- ; 

Hchkeit hat. Sofern ja die Gemeinschaft nicht allein eine Gemeinschaft zwi- ;. 

schen Personlichkeiten, sondern auch eine Gemeinschaft von Werten ist, 
erwachsen aus den Werten der Personlichkeit innerhalb der Gemeinschaft 
Aufgaben. Sie geben der Personlichkeit in der Gemeinschaft erst ihre konkret | 

bestimmte Stelle, verbinden die Personlichkeiten zur Gemeinschaft selbst j 

erst in einem konkreten Sinne und geben jener Beziehung von Personlichkeit ji 



262 Bruno Bauch: Ethik 

zu Personlichkeit, die allgemein als ,,Liebe 11 oder als , ; Achtung" zu bezeich- 
nen ist, selbst erst eine bestimmte Gestaltung. Insofern sie auf objektiven Wer- 
ten griinden, sind sie von subjektivemNutzen und Interessen scharf zu unter- 
scheiden. Diese lagen in der Sphare des Individuums blofi als Individuums 
und der Gesellschaft blofi als Gesellschaft. Auch sie haben im geschichtlichen 
Wettordnung Leben ihre bestimmte Bedeutung. Als Inbegriff der Realisationsbedingungen 

liches Leben. der eigentlichen Wert dars tell ungen bildet das Wirtschaftsleben mit ihnen 
den Unterbau des Kulturlebens im eigentlichen Sinne, im Sinne der Kultur 
des ganzen Geisteslebens. Im Verhaltnis zu diesem ist jenes aber nur Mittel 
zum Zweck. Und nur durch dieses Mittel- Zweck- Verhaltnis ist es selbst wert- 
bezogen und kann Aufgaben darbieten, die ihrerseits ihre letzten Grundlagen 
in den objektiven Werten haben, die als solche niemals Mittel, sondern immer 
Zweck an sich selber sind. Diese Rangordnung bestimmt alles geschichtliche 
Leben, wenn und sofern es iiberhaupt geschichtlich ist. Und dieses miiflte sich 
selber aufgeben, wenn es jene Rangordnung aufgabe oder umkehrte. Wie also 
zuletzt alle echten Aufgaben als Bindungen der Persbnlichkeiten an ob- 
jektive Werte und zur Gemeinschaft damit eigentlich bei der Wechselbeziehung 
von Personlichkeit und Gemeinschaft die Personlichkeit erst zur Personlich- 
keit und die Gemeinschaft zur Gemeinschaft machen, so fiihren sie auch 
erst das Individuum ein in die Region der Personlichkeit und die Gesellschaft 
in die Region der Gemeinschaft. Aufgaben aber fordern Arbeit und Tatig- 
Der Sinn keit. Und so konnen wir von der Arbeit sagen, dafi sie es im konkretesten 
Sinne ist, die Personlichkeiten zur Gemeinschaft verbindet, indem sie beide 
an Aufgaben und durch Aufgaben an Werte bindet und im geschichtlichen 
Leben Individuum und Gesellschaft in die Region von Personlichkeit und 
Gemeinschaft emporfuhrt und Personlichkeit und Gemeinschaft in die Re- 
gion von Individuum und Gesellschaft verflofit. 

Hier erwachsen dem ethischen Grundgesetze und subjektiv dem Pflicht- 
bewufitsein nicht blofi die von Augenblick zu Augenblick wechselnden Ma- 
terialien, sondern im System der Werte iiberhaupt Richtpunkte, auf die 

woiien, Wane, jedes Material vom PfHchtbewufitsein, dem ethischen Grundgesetze ent- 
sprechend, bezogen werden kann. So sehr also das ethische Grundgesetz fiir 
sich selber auch nicht besagen kann, was man tun solle, sondern nur, wie 
man wollen solle, so werden nun ethisches Grundgesetz wie Pflichtbewufit- 
sein und damit Tun und Wollen nicht durch das Material, in dem auch jetzt 
nie Objektivitat liegen kann, sondern durch das ganze Gefuge der Werte in- 
haltlich objektiv bestimmt, und die Pflicht bleibt nun nicht mehr blofi eine 
Pflicht gegen wen, sondern wird eine Pflicht wozu. So bestandig 
ihr Material wechselt, so konstant werden nun ihre Richtungen bestimmt. 
Der Personlichkeit kann nun erst das erwachsen, was Schiller im Gegensatze 
zur ,,einseitig moralischen Schatzung" die ,,Totalitat des Charakters" nannte. 
Sie ist es, die auch in die Gemeinschaft selbst erst Inhalt und Fulle bringt. 
,,Charakter" ist also kein konstantes Ding. Das ist er ebensowenig, wie die 
Personlichkeit. Er ist, wie diese, selbst eine Aufgabe, und soweit er nicht Auf- 



Geschichte und Wille zum Wert 263 

gabe ist, ist er doch kein Ding, sondern die Rkhtungsbezogenheit von Tun 
und Wollen auf Werte, konstante Richtungsbestimmtheit des Tuns und Wollens 
durch Werte bei bestandigem Wechsel und Wandel imWerke, im Material, die 
damit zugleich den Fortgang zu immer und immer wieder Neuem der Wert- 
gestaltung des Wirklichen bestimmt. Im Charakter vereinigen sich Sein und Sol- 
len, Wirklichkeit und Wert, undgerade dieseVereinigung,,pragt"ihn zum,, Cha- 
rakter". Denn damit werden ,,Sein" und ,,Wirklichkeit" der Vollendetheit 
und Starrheit entruckt und bleiben doch konstant als zum Wollen sich ent- 
wickelndes, werdendes Sein, als nach Werten wirkende Wirklichkeit, nicht 
als ruhendes Sein, nicht als bewegungslose Wirklichkeit: der Charakter 
ist im Wechsel des Gewollten konstant bleibender Wille zum Wert und als 
solcher das Strukturkonstitutiv der Gemeinschaft, so dafi nicht in einem Be- 
harrungszustande, sondern im unvollendbar stetigen Fortgange zu immer wie- 
der Neuem auch deren Konstanz liegt. 

Daraus begreift sich zweierlei: Einmal ist der Wandel und Wechsel im zeitucher 
geschichtlichen Leben keine Instanz gegen die Ethik, wie es einer oberflach- ubeKeiflfchcr 
lichen Ansicht scheinen konnte. Im Gegenteii, er ist selbst ethische Forderung. q^^" 
Gerade weil Wert und Sollen von sich aus nicht ruhendes, sondern tatiges 
Sein, Tun und Wollen fordern, fordern sie auch keine Phase des Tuns als 
letzte und endgultige festzusetzen, sondern sie wiederum fur neues Tun zum 
Ausgange zu nehmen. Zweitens wird damit nun aber eine Phase, soweit sie 
wahrhaft geschichtlich ist, nicht durch die folgende entwertet. Sofern sie 
zeitliche Darstellung eines uberzeitlichen Wertes ist, stellt sie innerhalb der 
Geschichte selbst einen kulturellen Wertgehalt dar. Alle allgemeinen Kultur- 
werte grunden im System der Werte schlechthin, und ohne dieses ware Kultur 
nicht moglich. Jede im eigentlichen Sinne kulturelle Leistung innerhalb 
des geschichtlichen Lebens, die einem bestimmten Kulturgebiete angehort, 
ist ein Ausdruck dieses Kulturwertes und hat in ihrer Zeitlichkeit selbst den 
uberzeitlichen Gehalt eines objektiven Wertes zur Darstellung gebracht, 
mag sie als wissenschaftliche Leistung dem Kulturwerte Wissenschaft ange- zehiicher 
hdren und im Wahrheitswerte grunden, als kunstlerisches Werk dem Kultur- Hb^dtuciiw 
werte Kunst angehoren und im asthetischen Werte grunden, als religiose Tat Wert - 
dem Kulturwerte Religion angehoren und im religiosen Werte grunden, 
oder wie immer sonst wertbestimmt sein. Mag sie im geschichtlichen Prozesse 
auch von einer anderen ,,uberwunden" werden, so bedeutet solche ,,Uber- 
windung" nicht ihre Verungultigung und Nichtigkeitserklarung, sondern 
im guten Sinne Hegels ihr ,,Aufgehoben"-Werden in und durch die folgende, 
so dafi sie in diese selbst mit eingeht: ,,Im Gebirge der Wahrheit", so macht 
Nietzsche das am Erkenntnisbeispiele deutlich, ,,kletterst du nie umsonst: 
entweder du kommst schon heute weiter hinauf, oder du iibst deine Krafte, 
um morgen hdher zu steigen". Aber auch ganz abgesehen von solchem ,,Uber- 
wunden"- und „Aufgehoben"-Werden hat jede Kulturleistung in der Ge- 
schichte ohne Rucksicht auf das, was auf sie und aus ihr folgt, ihren untiber- 
windbaren und unaufhebbaren Wert in sich selbst, sofern sie uberhaupt zeit- 



264 Bruno Bauch: Ethik 

licher Ausdruck eines iiberzeitlichen Wertes ist. Mag sie immerhin auch ein- 
gegliedert sein in den geschichtlichen Zusammenhang, nie eine Vollendung 
und immer iiber sich hinausweisend, so ist sie zugleichdochauchinsichselbst 
geschlossen. Sie stellt, wenn sie nur eine echte Leistung ist, immer auch die 
zeitliche Losung eines iiberzeitlichen Aufgabegehaltes dar, einer Aufgabe, 
die nur einmal gelost zu werden braucht und auch bei der Einmaligkeit alles 
Wirklichen nur einmal gelost werden kann. Diese Bedeutung bliebe ihr, auch 
wenn nichts aus ihr und auf sie folgte, und wenn mit ihr aller geschichtlicher 
Zusammenhang abrisse, die Kultur abbrache und verlbschte, sie selbst also 
die letzte Kulturerscheinung ware. Sie ware ein Ende, aber doch keine Voll- 
endung, ein Ende in derZeit, aber keine Vollendung im Gehalt. Im Gehalte ist 
ja jede echte Leistung in sich geschlossen und doch nicht abgeschlossen. Denn 
sie hat ihre Bedeutung in sich, indem sie iiber sich hinausweist, nicht so not- 
wendig auf 'etwas, das auf sie zeitlich folgt, wie auf etwas, das ihr zeitlich 
vorangeht, immer aber auf etwas, das ihr zeitlos vorangeht, einen Wert. 
Die Geschichtc Personlichkeit und Gemeinschaft erhalten also in der Geschichte ihre 

stimmulfg vwi Bestimmung, insofern sie durch diese in den Dienst von ubergeschichtlichen 
PersSniichkeit Werten treten, weil ihnen in dieser allein konkrete Aufgaben erwachsen. 
Gemeinschaft. Und das ist, so sagten wir, der Sinn der Arbeit und ihr Segen, ihreWeihe und 
Wtirde, dafi sie die Personlichkeiten zur Gemeinschaft verbindet, indem sie 
sie an Aufgaben und durch Aufgaben an Werte bindet. Diese Bindung aber 
ist im tiefsten ethischen Sinne zugleich die Freiheit, so daB die Geschichte, 
in der allein die Darstellung und Erfullun<: der Aufgaben in der Wertge- 
staltung der Wirklichkeit durch Persunlichkeit und Gemeinschaft auf Grund 
ihres Strukturkonstitutivs des Willens zumWert mciglich ist, zugleich das Reich 
der Freiheit ist. Aber es gilt auf gerade diesen Sinn der Freiheit zu achten. Nicht 
Freiheit. alles, was man Freiheit nennt, ist wahre Freiheit. Nicht auf Freiheit in jedem 
Sinne kommt es an. Nicht nur ist Freiheit nicht immer hoher als Ge- 
bundenheit, sondern Ereiheit ist im hochsten und tiefsten Sinn gerade Ge- 
bundenheit, nicht die Gebundenheit der Knechtesseele freilich, sondern die 
Selbstbindung an Aufgabe und Wert, die aber auch die Gebundenheit der 
Knechtesseele, die die Selbstbindung nicht kennt und nicht achtet und nach 
blofier Willkiir verlangt, nicht zu verneinen und aufzuheben braucht, weil 
diese ja nur die echte und wahre Freiheit durch Willkiir storen mufite. 

Nach seinem Sinne leben, ist gemein; 
der Edle strebt nach Ordnung und Gesetz. 

So hat Goethe, der wuflte, daB ,,nur das Gesetz uns Freiheit geben kann", 
die beiden Bedeutungen der ,,Freiheit" unterschieden, die dem gewohnlichen 
Denken durcheinandergehen: die Scheinfreiheit des ,,nach seinem Sinne 
Lebens" und die echte und wahre Freiheit des ,, nach Ordnung und Gesetz 
Strebens". In der Geschichte des deutschen Idealismus von Leibniz und Kant 
iiber Fichte und Hegel bis zu Nietzsche und die unmittelbare Gegenwart sind 
diese beiden Bedeutungen der Freiheit als negative Freiheit und als positive Frei- 
heit immer scharfer und bestimmter geschieden worden. Die negative Freiheit 



Wert und Freiheit 265 



versteht sich selbst bloB als efn Freisein von einem Zwange. Sie ahnt nicht, dafi 
der Zwang selbst ein Mittel sein kann im Dienste der positiven Freiheit. Sie Negative 
bleibt Willkiir des blofien Individuums und damit Sklaverei unter Launen "wiU'tiir." 
und Trieben, unter bloflen Niitzlichkeitsriicksichten und Interessen. Diese 
will sie in „Freiheit" setzen. Aber sie sind es gerade, die im konkreten leben- 
digeri Gemeinschaftsleben des Zwanges, des Zaumes und Ziigels bedurfen, 
um in den Dienst von Ordnung und Gesetz, in den Dienst der positiven Frei- 
heit gestellt zu werden. Diese positive Freiheit ist gerade das Freisein zu Ge- 
setz und Ordnung innerhalb des Gemeinschaftslebens. Der negariven Freiheit 
als einem bloflen Freisein vom Zwange tritt diese gegenuber gerade als ein 
Freisein zum Ziele, zu Aufgaben und Wert. Sie ist nicht Willkiir des Indivi- 
duums blofi als Individuum, sondern der Wille zum Werte selbst, Wille der I'ositivcFroheit 
Personlichkeit, auch in ihrer individuellen Besonderheit und durch ihre indi- 
viduelle Besonderheit Wertfulle und Wertleben zu bringen in das Leben der 
Gemeinschaft. Denn das bezeichnet Inhalt und Fulle des geschichtlichen 
Lebens selber, daB die Besonderheit durch den personlichen Willen bezogen 
ist auf objektive Werte und die Allgemeinbeit und diese auf sie. Ohne diese 
Beziehung ware dieAllgemeinheit leer und die Besonderheit nichcigund die Werte 
blieben abgesondert von der Wirklichkeit, dieser fremd. Das Wertewollen, 
das in der individuellen Besonderheit die Werte zur Darstelluhg-bringen- 
wollen bezeichnet, historisch gesprochen, die Bestimmung der Personlich- 
keit in der Gemeinschaft. Wie diese konkrete geschichtliche Gestalt nur 
gewinnt durch die Personiichkeit, so gewinnt diese konkrete geschichtliche 
Bestimmung nur durch die Gemeinschaft. Ihre unlosliche und unaufhebbare 
Wechselbeziehung findet in der Geschichte also derart ihren Ausdruck, daB 
die Gemeinschaft nicht etwa nur die besondere Bestimmung der Personlich- 
keit gewahren lassen darf, sondern sie geradezu fordern und gewahrleisten 
mufl, und dafi die Personlichkeit ihre besondere Bestimmung nicht blofi inner- 
halb der Gemeinschaft darstellen darf, sondern gerade allein innerhalb der 
Gemeinschaft darstellen kann. Das Freisein zu dieser Darstellung ist eben das 
Freisein zu Ziel und Aufgabe, zu Sinn und Wert, die Freiheit im positiven 
und echten Sinne. Hier findet auch das ,, Gluck" in der Form von ,,Lust und„GUk-k". 
Liebe", die ,,die Fittiche zu grofien Taten" sind, seine ethisch berechtigte 
Stelle. Kant hat in allem recht, was er gege n das ,, Gluck" als Ziel und Zweck, 
also gegen den Eudamonismus sagt. Nur darin hat er unrecht, dai3 er alles 
nur gegen, nichts f iir das ,,Gluck" zu sagen weifi, weil er zu wenig uber das 
Ethos der Geschichte und die hypothetischen Imperative als Kulturimperative 
zu sagen weifi, obwohl ihn darauf deren von ihm bereits vorgeahnteMittelstel- 
lung zwischen ,,kategorischem Imperativ" und ,,Maxime" hatte hinweisen 
konnen. Gerade in der Lust und Liebe zu Aufgabe und Tat wirkt sich auch 
die Freiheit im echten und positiven Sinne aus. 

Sie ist zugleich der Wille zur Selbsiverantwortlichkeit gegenuber der seibstverast- 
Allgemeinheit der Werte, durch die das Wollen im Sollen auch das konkret wor 
Gesollte ergreift. Nicht soil das heifien, dafi das konkret Gesollte auch als 



266 Bruno Bauch: Ethik 

gesollt erkannt sein miifite. Diese Erkenntnis ist lediglich Sache der Ethik 
als Wissenschaft; und wie die Wissenschaft nur ein Kulturwert unter Kultur- 
werten, so ist der objektive Wahrheitswert als ihr Grund und Ziel nur ein Wert 
unter den Werten im System der objektiven Werte iiberhaupt. Die subjekts- 
bezogene Erkenntnis des Gesollten zum Alleinbestimmenden machen, hiefie 
nicht nur einem einseitigen Intellektualismus verfallen, sondern zugleich auch 
verkennen, dafi der Logos der Werte inhalts- und umfangreicher ist als 
irgendeiner der Werte fur sich. Wohl aber wird in jenem Willen zur Selbstver- 
antwortlichkeit vor der Instanz der Allgemeinheit der Werte iiberhaupt 
noch einmal deutlich, dafi das ethische Grundgesetz im Zentrum der Werte 
iiberhaupt stent, aber, weil es eben nur Zentrum des ganzen Wertgefiiges ist, 
durch dieses Gefiige erst selbst bestimmte Wertgehalte empfiingt. Im sub- 

KoaVrctc jektsbezogenen, konkreten, geschichtlichen Leben bedeutet das, dafi die kon- 
ei 'krete Sittlichkeit ihre konkreten Inhalte immer nur ernpfangen kann aus 
konkreten kulturellen Wertgehalten selber, dai3 aber umgekehrt auch solche 
ihrerseits nur zur Darstellung gelangen konnen durch konkrete sittliche 
Selbstverantwortlichkeit zum allgemeinen Wertleben. Die wahrhafte sitt- 
liche Freiheit als Freisein zum Ziele ist nichts ohne das Ziel, wie das Ziel nichts 
ist ohne die sittliche Freiheit, die es sich eben als Ziel setzt in sich selbst 
bestimmender Verantwortlichkeit und verantwortlicher Selbstbestimmung 
nach einem Werte. Der selbstverantwortliche Wille zum Werte wird auf dem 
Wege zu immer Neuem innerhalb des geschichtlichen Lebens auch oft genug 
als im engsten Sinne sittlicher Neuerer auftreten mtissen. Ob er gegen das 
Alte, ob das Alte gegen ihn im einzelnen Falle recht hat, darauf kommt es 
nicht an. Aber das ist das Entscheidende in der Geschichte als dem Reiche 
der Freiheit im positiven Sinne, dafi ohne sittliche Selbstverantwortlichkeit 
ein Gesamtleben der Kultur iiberhaupt unmoglich und jene ohne dieses leer 
ist. Beide stehen geschichtlich in so unloslichem Zusammenhange wie die 
iibergeschichtlichen subjektsunbezogenen Werte selbst. 
Gegenwart. Beachten wir das, so verstehen wir auch unsere unmittelbare Gegen- 
wart. Diese ,, Kultur der Gegenwart" ist so leer an kulturellem Gehalt, 
wie und weil sie leer ist an ethischem Gehalt, und sie ist so leer an ethischem 
Gehalt, wie und weil sie leer ist an kulturellem Gehalt. Wie im positiven Sinne 
Wechselwirkung besteht zwischen konkret geschichtlichem sittlichen Leben 
und Kulturleben, so besteht auch Wechselbeziehung in ihren Negationen. 

pflichtund Kulturpflichten gibt es konkret nicht ohne die Pflicht, und die Pflicht 
KaUur - kann sich nur darstellen in Kulturpflichten. 

XI. Pflicht und Recht. Gleich als das philosophische Denken sich auch 
auf das geschichtliche BewuBtsein zu beziehen begann, da fafite es die Ge- 
schichte als eine ,,Geschichte der Freiheit". Welcher Sinn diesem Gedanken 
bleibt, wird nun deutlich geworden sein. Er kann nicht besagen, dafi die Frei- 
heit selber geschehe, wohl aber, daB das Geschehen, soweit es nun gerade 
im besonderen geschichtlich ist, ein Geschehen zur Freiheit ist. Dies freilich 
wiederum nicht, als ob auch in allem Geschichtlichen notwendig mehr als 



Freiheit, Pfiicht, Recht 267 

iiberbaupt eine Beziehung auf die Freiheit lage, wohl aber 50, daB diese Bezie- 
hung, soweit sie im positiven Sinne eine wertbestimmte Bedeutung hat, 
ein Freisein zur Erfullung der jedem aus dem geschichtlichen Leben ,,anheben- 
den", d. h. erwachsenden, in iibergeschichtlichen Werten ,,entspringenden", 
d. h. begriindeten Aufgaben ist. Sie sind es, in denen die Pfiicht in Pfiicht enRechtfenigung 
konkrete Gestalt gewinnt. Freisein zur Pflichterfiillung in dem zugleich um- aus e d s (r pi icllti 
fassenden wie konkreten Sinne, in dem wir das jetzt bezeichnet haben, ist 
nun im letzten und tiefsten Sinne selber Recht. Dieser tiefste und letzte Sinn 
des Rechtes fliefit also selbst aus der Idee der Pfiicht. Alles Recht ist in seinem 
tiefsten und letzten Sinne ,, Recht auf Pflichterfiillung". So ist der eigentliche 
Rechtssinn gerade juristischerseits von Radbruch im engen Anschlufi an 
Kant treffend gekennzeichnet worden. Und dieser Gedanke verliert an seiner 
Kraft und Bedeutung, genau wie der Kantische Gedanke der Pfiicht selber, 
auch dadurch nichts, daB er, wie dieser, auch dem gemeinen Bewufitsein leicht 
einleuchtet, ohne darum auch schon leicht befolgt zu werden. Mag mancher 
auch auf seine sogenannten ,,Rechte" einfach pochen wollen, er weiB dennoch, 
dafl sie, wenn sie nicht blofi sogenannte ,,Rechte'' bleiben wollen, sich selber 
erst rechtfertigen mussen, und daB es Rechte im eigentlichen Sinne nur soweit 
gibt, als es Pflichten gibt, daB ohne Pfiicht auch kein Recht besteht. Und in 
der Tat erhalt das Recht seine eigene Rechtfertigung allein aus der Idee der 
Pfiicht. Es steht in deren Dienste, insofern es als Recht auf Pflichterfullung 
die Pflichterfullung, das Freisein zur Pflichterfullung zu gewiihrleisten hat. 
Es stellt, wie Kant richtig hervorgehoben hat, den Inbegriff der Bedingungen 
dar, unter denen die Freiheit eines jeden mit der aller ubrigen zusammen be- 
stehen kann. 

Darin liegt zugleich seine gemeinschaftsregelnde Bedeutung. Darin liegt Zwan e s- 
aber auch der eigentiimliche Charakter der Rechtsgesetzgebung als Zwangs- eesetIS ° ung - 
gesetzgebung, der das Recht von der eigentlich ethischen Gesetzgebung 
ebenso unterscheidet, ihm, wie Fritz Miinch sagt, seinen ,,Eigen-Sinn" gibt, 
wie seinen Zusammenhang mit dieser bezeichnet. Der Zwangscharakter, 
die Erzwingbarkeit des Rechtes ist gerade das, was auch schon dem unbe- 
fangenen, weder philosophisch noch juristisch vorgebildeten Denken als 
der bestimmendste Grundzug 5 des Rechtes erscheinen mag. Es wird aber, 
so sehr es auch seine Beziehung zur Pfiicht anerkennen mag, doch zunachst 
eine gewisse Schwierigkeit darin f inden, daB die Rechtsgesetzgebung als Zwangs- 
gesetzgebung nun gerade das Freisein zur Pflichterfullung gewahrleisten soil. 
Allein diese Schwierigkeit besteht nur scheinbar. Urn das zu verstehen, mussen 
wir uns nur daran erinnern, daB Freiheit nicht Freisein vom Zwange, 
sondern Freisein zum Ziele, zu Aufgabe und Wert ist. Freiheit und Zwang 
stehen nicht ohne weiteres in Gegensatz, der Zwang kann selbst der Freiheit zwaa K au Mittei 
dienen, ein Mittel zum Zwecke der Freiheit sein, insofern er sich nicht gegen zu % r "a,ei* 
die Freiheit, sondern gegen alles das richtet, was die echte Freiheit, als Frei- 
sein zur Pflichterfullung, zu Aufgabe, Ziel und Wert stort und hindert. Und 
das nun ist in der Tat das Verhaltnis von Recht und Pfiicht. Als Zwang unter- 



268 Bruno Bauch; Ethik 

scheidet es das Recht von der ejgentlich ethischen Gesetzlichkeit. Als Zwang, 
der sich gegen die Stdrung und Hinderung der sittlichen Freiheit richtet, 
steht es mit der ethischen Gesetzgebung im engsten Zusammenhang. Der 
Zwang hebt nicht die Freiheit auf. Wohl aber schrankt er die blofi subjektive 
Willktir ein, und indem er diese behindert, dient er gerade der echten und 
wahren Freiheit in dem von uns bezeichneten Sinne. Wenn Kant darum das 
Recht bestimmt als „Verhinderung eines Hindernisses der Freiheit", und wenn 
er sagt, es sei ,,mit der Befugnis, zu zwingen, einerlei", so sind das Bestimmun- 
gen, die an Prazision schlechterdings nicht iibertroffen werden konnen. Das 
Recht ist nicht nur ein Zwingherr, sondern der Zwingherr schlechthin zur 
Freiheit. 
Recht und Das Recht ist kein Zwang gegen die Freiheit, sondern gegen die bloG 

individuelle Willkur, indem es diese gerade im Dienste der Freiheit beschrankt. 
Damit aber wird deutlich, dail es zugleich der eigentliche Hebel ist, der das 
blofie Individuum in dieSphare der Personlichkeit unddieblofte Gesellschaft in 
die Sphare der Gemeinschaft emporhebt. Sahen wir fruher, dafi allein auf 
Grund der Verflechtung des Zentralwertes des ethischen Grundgesetzes in 
ein System der Werte tiberhaupt dem allgemeinen PflichtbewuGtsein erst 
konkrete Pflichten erwachsen konnen, durch die die Personlichkeit selbst 
individuell konkrete Wertgestalt gewinnen und das Individuelle persbnlich 
werden, die Gemeinschaft in die Gesellschaft eingesenkt, die Gesellschaft 
ihrerseits Gemeinschaft werden kann, woraus sich dieses Werden in der Ge- 
schichte als ziel- und aufgabebestimmtes Wert -Werden in der Richtung 
auf das ganze System der selber nicht werdcnden, sondern zeitlos geltenden 
Werte entwickelt, so wird innerhalb dieses Systems der Werte die Stellung des 
Rechtswertes und zugleich seine Bedeutung fur die Geschichte deutlich. Wie im 
Gefiige der Werte das ethische Grundgesetz der Zentralwert, so ist der Rechts- 
per Rechtswertwert die Wertzentralisation, die Wertfugung im Gefiige der Werte. Und im 
zentlaiuation. geschichtlichen Leben ist er zugleich die Zentralisation der Wertverwirklichun- 
gen. Erwies sich im geschichtlichen Leben die Arbeit als das, was Personlichkeit 
und Gemeinschaft an Aufgaben und Ziele und durch diese an Werte bindet, 
dadurch die Wechselbeziehung zwischen Personlichkeit und Gemeinschaft 
selbst erst zur konkreten Darstellung bringt und sie mit der Wechselbeziehung 
von Individuum und Gesellschaft wertbestimmend verflicht, so erweist sich 
nun das Recht als das Leitmafi, das die ordnungsstiftende Regelung der Ar- 
beit selber vollzieht im geschichtlichen Rechtsleben selber. Um wahrhaftes 
Rechtsleben zu sein, hat es in stetigem geschichtlichen Wan del gerichtet zu 
sein auf die Idee des Rechts selber, die sich aus der Idee der Pflicht recht- 
fertigt. Und ist es danach gerichtet, dann allein ist auch das Recht nicht 
tot in Paragraphen gebannt, sondern eben lebendiges Recht und gerechtes 
Recht. In der Wagung von Sein und Sollen, von werdendem, tatigem Sein 
als einer Leistung nach Werten, liegt seine Gerechtigkeit. Das Mafi des 
Gerechtigbeit. Seins nach dem Sollen, der Leistung nach ihrem Werte ist die Gerechtigkeit 
selbst. Ihre Mafie sind Wertfernen und Wertnahen: die Distanzen zwischen 



Pflicht und Recht 269 

Wirklichkeit und Wert, und damit auch zwischen Individuum und Personlich- 
keit, zwischen Gesellschaft und Gemeinschaft. Wenn wir schon einma! von 
der Rangordnung des geschichtlichen Lebens sprechen konnten, als wir im 
Individuellen und Gesellschaftlichen, sofern es sich im Wirtschaftsleben dar- 
stellt, den Unterbau zum Personlichen und Gemeinschaftlichen bezeichneten, 
insofern es sich im eigentlichen Kulturleben darstellt, durch das allein auch 
jenes wertbezogen sein und Aufgaben darbieten kann, so stand der Gedanke 
der Gerechtigkeit schon in jenes friiheren Gedankens Hintergrund. Gerechtig- 
keit fordert diese Rangordnung fur das ganze Gemeinschaftsleben: das Unter- 
scheiden des individuellen Wirklichen nicht blofi als Wirklichen, da ja alles 
Wirkliche sowieso individual verschieden ist, sondern nach seinem Wert- 
gehalt. Die Phrase von der ausgleichendea Gerechtigkeit kehrt alien Wert- 
sinn in demMafie um, daft man von Rechts wegen gerade nur von ausgleichen- 
der Ungerechtigkeit und ungerechtem Ausgleich reden darf. Die rangord- 
nende Differenzierung der Glieder innerhalb des sozialen Ganzen und demnach 
ihre Zusammenfassung eben als Glieder des sozialen Ganzen, das gerade ist 
zugleich die Forderung der Gerechtigkeit, die in der Idee des Rechtes selber 
und damit in der Pflicht ihre eigene Rechtsgrundlage hat. 

Nun wird auch deutlich, in welchem Sinne Recht und Gerechtigkeit Gerechtigkeit, 
der Geschichte selber immanent sind, die Geschichte wirklich das „Welt- Kaitur.*' 
gerichf'-ist: nicht in dem Sinne, als ob jene Rangordnung in allem differenten 
Einzelnen durchgefuhrt ware, wohl aber in dem Sinne, daft, wie der Charakter 
der bei allem Wechsel des Gewollten konstante Wille zum Werte ist, so alles 
eigentlich geschichtliche Leben als Ganzes der bei allem Wechsel im Geord- 
neten konstante Wille zur Wertordnung iiberhaupt ist, daft gerechterweise 
geschichtliches Leben nur so !ange lebt, als der gerechte Wille zur Rangord- 
nung lebt, zur Differenzierung nach Recht und Pflicht, daft die Kultur zu 
sterben beginnt, wenn der Wille zur Differenzierung nach Recht und Pflicht 
zu sterben beginnt, und dafi der Tod dieses Willens zugleich der Tod der Kultur 
ist. Mit dem Urteil iiber Sein und Nicht- Sein solchen Willens ware auch das 
Urteil iiber Leben und Tod der Geschichte und Kultur gesprochen. Wiirde erst 
einmal der wirkliche Wille zur Differenzierung nach Recht und Pflicht sich 
in das Gegenteil des illusionaren Willens zur Gleichheit des Rechtes und der 
Pflicht aller verkehrt haben, dann ware an die Stelle wirklichen geschichtlichen 
Lebens Illusion und Tod, Recht- und Pflicht-Widrigkeit getreten. Bei der 
Verschiedenheit aller, die, schon der durchgangigen Individualitat alles Wirk- 
lichen nach, notwendig bestehen mufi, kann die zum Willensziel erhobene 
,, Gleichheit der Rechte und PfHchten aller" nur Illusion bleiben und lediglich 
zur Entrechtung und Pflichtwidrigkeit aller fiihren. Die vollendete Demo- 
kratie ware auch das Ende wahrer Geschichte und Kultur. Zugleich aber 
schwebt jene demokratische Gleichheitsillusion als notwendiges Schicksal 
iiber aller kulturellen Differenzierung. Das Kulturleben tragt in sich selbst 
auch den Keim seines Todes, wie in der Natur der Keim des Lebens auch der 
Todeskeim ist. Und auch diesen Kulturtod will das Recht, denn er ist nichts 



270 



Bruno Bauch: Ethik 



anderes als eine Folge des Abfalls von der Pflicht. Darin Iiegt die Gerechtig- 
keit der Geschichte in Leben und Sterben der Kultur, die Gerechtigkeit der 
Geschichte nach Pflicht und Recht als Wagung und Messung vom Sein am 
Sollen. 

XII. Die ethische Bedeutung des Staates. 1st das Recht im tief- 
sten Grunde Recht auf Pflichterfiillung, so fordert es auch, und das liegt in 
Rcciit nnd seinem Charakter, Zwinger und Zwingherr zur Freiheit zu sein, auch die Macht, 
das Recht durchzusetzen. Alle rechtliche Regelung zum Gemeinschafts- 
leben ist also nur durchzufuhren und im Wirklichen darzustellen durch den 
Staat, durch staatliche Regelung des Gesellschaftslebens als durch erzwingende 
Macht zum Recht. Nur ein politisches Kind oder ein kulturloser Wilder kann 
bei dem Worte ,,Machtpolitik" erschrecken und meinen, Politik konne je 
etwas anderes als ,,Machtpolitik" sein. Denn Ohnmachtspolitik ist ledig- 
lich ein von Gedankenohnmacht begangener Widerspruch in sich selber. 
Aber auch nur ein Barbar kann glauben, daB die Macht an sich selber schon 
Zweck sei. Sie mufi sich erst rechtfertigen aus der Idee des Rechtes, wie dieses 
sich rechtfertigen muflte aus der Idee der Pflicht. Und sein Recht empfangt 
die Macht allein im Dienste des Rechts, wie das Recht sein Recht empfangt 
im Dienste der Pflicht. Die Macht als gerechtfertigte Macht ist immer die 
Macht, das Recht durchzusetzen, wie das Recht als gerechtfertigtes Recht 
das Recht auf Freisein zur Pflichterfullung ist. Nie also kann von Rechts 
we gen Macht vor Recht gehen. Wann und wo sie es auch immer tun moge, 
tut sie es zu Unrecht. Xur wo und wann sie ihren Grund im Rechte hat, be- 
steht sie zu Recht. 

Wenn das Recht sich systematisch als Wertfiigung und Wertzentrali- 
sation im Geflige der Werte und historisch als Zentralisation der Wertver- 
wirklichungen und damit als Hebel erwies, der das blofie Individuum in die 
Region der Persbnlichkeit und die Gesellschaft in die Region der Gemein- 
suatiichc schaf t emporhebt, so ist die Macht als staatliche Ordnung die Kraft am Hebel- 
° T n " nE ' arm, die die Arbeit leistet, aller Einzelnen Arbeiten im Staate zum geordneten 
Ganzen zu fugen und so jener Arbeit Freiheit zu bahnen, die wir als Bindung 
der Personlichkeiten zur Gemeinschaft durch Aufgaben und Ziele an Werte 
erkannten. So tritt durch den Staat in sichtbare Erscheinung, was als unsicht- 
bare Bestimmung uns eint im Geiste einer Wertgemeinschaft. Er ist, im re- 
ligiosen Bilde gesprochen, die sichtbare Gemeinde als Bild und Ausdruck 
der unsichtbaren Gemeinde wertwollender Willen. Das ist seine Idee und seine 
sittliche Bestimmung, daB er die Glieder der Gemeinde zur Einheit bilde und 
fiige nach der besonderen Bestimmung eines jeden zum allgemeinen Gan- 
zen, so dafl diesem alle Besonderheit diene und jede Besonderheit jede andere 
Besonderheit als ihre eigene und sich selbst als deren Erganzung eben zum 
Ganzen verstehe. Die kulturelle Differenzierung und Rangordnung nach Wert- 
fernen und Wertnahen, die das Recht als Gerechtigkeit fordert, hat die staat- 
liche Ordnung darzustellen. Damit der wirkliche Staat diese seine eigene Idee 
und Bestimmung erfiille, dazu gehort, dafl er es als zu dieser Bestimmung 



Der Staat 



271 



selber gehbrig erkenne, jene Rangordnung auszupragen, seine Ordnung zu 
empfangen nur aus der Hand der Besten, die die Gerechtigkeit als des Staates staat undKnitm 
oberstes LeitmaB fiir die Stufenleiter und den geschichtlich stetigen Gang rechiigkeu 
zu den Werten in Kultur und Geschichte am sichersten verbiirgen und die 
dem blofien Individuum und der blofien Gesellschaft am fernsten, aber der 
Personlichkeit, der Gemeinschaft und dem Werte am nachsten sind. Unter 
ethischem Gesichtspunkte wird fiir das soziale Leben des Staates hier auch der 
tiefe Sinn dessen deutlich, was Nietzsche die ,,Fernstenliebe" nennt. Zu- 
gleich aber wird auch deutlich, dafi diese nicht, wie Nietzsche meint, der 
Gegensatz der ,,Nachstenliebe" ist, der diese zu verdrangen und zu entrechten 
habe. Im Gegenteil, die in ihrem tiefsten Sinne verstandene ,,Nachsten]iebe" 
ist gerade auch ,,Fernstenliebe". Dieser Einsicht hat sich Nietzsche nur darum 
verschlossen, weil er in der „Nachstenliebe" nicht selber die tatige Liebe zum 
Wert und in ihrem Gebot nur den Widersinn gebotener Neigung zu sehen ver- 
mochte. Auf die gerecht differenzierende Ordnung nach dem Leitmafi der 
Werte kommt aber auch alles fiir den Staat an. Diese in der Aristokratie der 
Gesinnung und der Bildung eingebettete kultursoziale Gerechtigkeit ist des 
Staates hochste Bestimmung. Sie war erstmals von Platon gefordert worden 
und der tiefste Sinn seiner ethisch-politischen Forderung, wie sehr sie auch 
zu seiner Zeit miBverstanden worden sein mag und noch heute miBverstanden 
werden mag. Und immer und immer wieder ist sie ihrem Gehalte nach von 
alien Geistern hoher Rangordnung auf politischem und philosophischem Ge- 
biete wiederholt worden, in wie verschiedene Form sich auch der Gehalt jener 
Forderung gekleidet haben mag. Und mag auch der wirkliche Staat vielleicht 
nie weiter von dieser seiner Bestimmung entfernt gewesen sein als der Staat 
der Gegenwart in alien gegenwartigen Staaten, so besagt das nichts gegen die 
Bestimmung des Staates, aber alles gegen den gegenwartigen Staat, in dem die 
Politik dem Werte fremd geworden ist, ebenso wie der Wirklichkeit. 

Darin freilich liegt ihre ungeheure Schwierigkeit, der nur die Besten ge- Wert- 
wachsen sein kbnnen, daB es nicht allein darauf ankommt, die Werte im Den-^i™ 1 ^^ 
ken zu erfassen, sondern sie durch Wille und Tat in die Wirklichkeit zu ver- 
senken, daB in dieser Wirklichkeit aber nicht nur die ,,Menschheit in der Per- 
son des Menschen heilig", sondern der Mensch als Mensch ,,unheilig genug" 
ist. Ja, der Mensch, dem die Menschheit in der Person heilig sein soil, ist so 
unheilig, daB er einen heiligen Menschen in Person nach dem Urteile Kants auch 
nicht einmal zu ertragen und zu dulden vermochte. Ist er zwar ein „Vernunft- 
wesen", so mifibrauchter doch oft genug dieVernunft, um „tierischer als jedes 
Tier zu sein". Darin bekundet sich die echte staatsmannische und zugleich philo- 
sophische Grbfie eines der grbfiten Staatsmanner aller Zeiten, dafl er sich im 
BewuBtsein der „Humanitat" selber mit Recht als den ,,ersten Diener seines 
Staates" bezeichnen durfte und doch einem seiner Professoren, dessen Auf- 
fassung vom Menschen in Abstraktionen hing, mit gleich starkem Recht sagen 
durfte: ,,Er kennt die Kanaille nicht." „Humanitat" und ,,Kanaille", das 
sind in der Tat die Pole, zwischen die in der Spannung zwischen Wert und Wirk- 



' 1 



272 Bruno Bauch: Ethik 

Hchkeit die staatliche Wirksamkeit selber eingespannt ist, und zwischen denen 
Freiheits- die rechtliche Freiheitsregelung durch den Staat, hingegeben an den Wert 
regent ^^ zugleich fuflend in der hartesten Wirklichkeit, sich bewegen mufi. Das 
Recht hatte sich erwiesen als Zwinger zur Freiheit. Auch die Freiheit hat 
ihre Stufen. Urn gegen die Willkur auch nur ein Minimum von positiver 
Freiheit zu sichern und durchzusetzen, wird der Staat oft genug ein Maxi- 
mum von Zwang anwenden miissen, damit seine Macht das Recht durchsetze. 
So wenig ist nach Schiller schon jede Sprengung von Ketten und Fesseln wahre 
Freiheit, dafi im Gegenteil wahre Freiheit oft nur durch Ketten und Fesseln er- 
zwungen, dafi sie manchmal nur durch diese uberhaupt ertragen werden kann. 
XIII. Das Ethos des Volkes. Die Bedeutung des Staates fiir Sittlich- 
keit, Kultur, Geschichte und das ganze Wertleben der Freiheit ist offenbar 
. geworden. Aber trotzdem ist er nur die Form und das Gefafi fur das Wert- 
leben, das in der Geschichte der Freiheit konkrete Gestalt gewinnt. Der Ge- 
Staat und v ik. halt aber in jener Form, das, was innerhalb der Form des Staates das lebendige 
Leben in der Geschichte lebt, an dem sich die Geschichte als Vermittlerin 
von Wert und Wirklichkeit erweist, istdasVolk. In ihm allein ist jenesWachs- 
tum des Wirklichen den Werten entgegen moglich, das wir Kultur nennen, 
so dafi jede echte und wahre Kulturleistung vom Charakter des Votkes, aus 
dessen Schofie sie gewachsen ist, ihre eigene Pragung empfangt; und daB sie 
uberhaupt gezeugt und gewachsen, nicht bloB gemacht ist, das zeigt auch 
schon diese ihre eigentiimliche Pragung an. Dafi man sich Goethe nur auf 
deutschem, Shakespeare nur auf englischem, Dante nur auf italienischem 
Boden uberhaupt denken kann, versteht sich schon daraus, dafi jeder in der 
Sprache seines Volkes geschrieben und diese Sprache zu seinem Werke selbst 
gehort. Das Volk ist die konkreteste Gestalt, die die Gemeinschaft in der 
Geschichte gewinnt. Hier erwachsen dem Einzelnen uberhaupt erst konkrete 
Aufgaben und Ziele und Pflichten, durch deren Darstellung im menschlichen 
Leben das Ubermenschiiche, Gottliche der Werte durchbricht. Darum kann 
Fichte das Volk bestimmen als ein ,,Ganzes der in Gemeinschaft miteinander 
fortlebenden und sich aus sich selbst natiirlich und geistig erzeugenden Men- 
schen, das insgesamt unter einem gewissen Gesetze der Erzeugung des Gott- 
lichen aus ihm steht". 
Wert, Wen- Die Werte als Werte sind gewifi von allem Volkstum unabhangig. Aber 

uuTvoilTstum 8 die subjektsbezogene Wertverwirklichung hat allein in diesem ihre erste Ver- 
wirklichungsgrundlage. Weil aus ihm dem Einzelnen uberhaupt erst Pflichten 
erwachsen, darum und gerade darum hat er auch gegen dieses Pflichten; 
nicht nur gegen seine einzelnen Glieder, wie gegen jeden Menschen, welchem 
Volke er auch angehoren moge, sondern gerade gegen das Volk als Volk in seiner 
Ganzheit und in der allgemein geschichtlichen kulturellen Sonderbestimmung 
seiner Ganzheit. Nennen wir die sittliche Grundbeziehung zwischen den Glie- 
dern der Gemeinschaft uberhaupt Liebe, so konnen wir die Grundbeziehung 
zwischen den Gliedern der Volksgemeinschaft, soweit sich in ihr die Pflicht 
zu geschichtlich inhaltlich bestimmten Pflichten verdichtet, Vaterlandsliebe 



Volk und Menschheit 273 

nennen. Diese ist also, als was wiederum Fichte sie bestimmt hat, „das Er- Vuteriand. 
fassen seines irdischen Lebens als eines ewigen und des Vaterlandes als des 
Tragers dieser Ewigkeit". 

Hier liegen die Wurzeln unserer Kraft, aus denen zugleich die Ziele unserer 
Kraft emporspriefien. Hier munden Natur und Kultur zusammen. Von Natur 
in unsere Nation, wie schon dieser Name sagt, hineingeboren, erschliefit uns 
die Familie schon in der Kindheit das Bereich unserer sittlichen Bestimmung, 
fiihren uns Erziehung und Bildung dieser entgegen, damit wir sie dereinst 
uns in freier Selbstverantwortlichkeit selbst und mit ihr einen Sinn unseres 
Lebens erarbeiten kbnnen. Hier wird die Pflicht in der konkreten Fulle ihrer 
Beziige auf die Kulturwerte auch ihrerseits Bedingung sowohl wie Ziel alien 
Gemeinschaftslebens der Personlichkeit. 

XIV. Menschheit. Die Gemeinschaft aber ist doch mehr, ist grofier als Nation und 
allein die nationale Gemeinschaft. Die Personlichkeit hat ja doch nicht blofi " 
Pflichten gegen ihre ,,Mitgeborenen", ihre ,,cognati", die Glieder ihrer Nation, 
sondern, das charakterisierte sie ja gerade als Personlichkeit, in der als Subjekt 
sittlichen Handelns und als Objekt sittlichen Behandelns bereits die Gemein- 
schaftsbeziehung liegt, gegen die Gemeinschaft als Ganzes der Personlich- 
keiten. Und die Werte gelten doch nicht blofi fiir diese oder jene Nation, 
sondern weil sie in sich und an sich selber gelten, auch fur alle Nationen. Kon- 
kreter gewendet fafit man den Menschen als den uns einzig bekannten Re- 
prasentanten des ,,verniinftigen Wesens" uberhaupt und sagt: der Mensch 
hat Pflichten gegen jeden Menschen, und iiber der gesamten Menschheit und 
fur sie erhebt sich das Reich der Werte, um von der Menschheit in den Gebieten 
der Kulturwerte als Kulturwerke in die Wirklichkeit iiberfuhrt zu werden. 
Die ,, Menschheit" ist es ja, die uns ,,heilig" sein soil. 

Aber was ist diese ,,Menschheit" selbst? Die menschliche Gattung im Menschliche 
blofi biologischen Sinne kann es nicht sein. Diese ist nicht allein ,,unheilig". attung ' 
Der Mensch blofi als biologisches Lebewesen ist das furchtbarste aller Raub- 
tiere. Er opfert seinem Leben mehr Lebewesen anderer Gattung, als jede 
dieser anderen Gattungen das ihrerseits tut. Er vernichtet nicht allein, wie 
manche von diesen, fremdes Leben, das er zu seiner Nahrung braucht. Auch 
um sich kleiden zu konnen, mufi er fremdes Leben dem seinigen opfern. Und 
nicht allein raubt er, was er zur Nahrung und Kleidung an anderen braucht, alles 
was ihn stort, in seiner Behaglichkeit hindert oder beunruhigt, beseitigt er nick- 
sichtslos. Und kein Tier sonst kann furchtbarer gegen seine eigene Gattung 
wiiten wie das biologische Tier Mensch, so dafi biologisch betrachtet das 
homo homini lupus geradezu als schonfarberische Abschwachung, als ein ver- 
hiillendes Schonwort fiir die wirkhche Schonungslosigkeit erscheinen mufi. 
Der Mensch blofi als Lebewesen ist dem Menschen durchaus nicht heilig, und 
die menschliche Gattung kann ihm bei ihrer Unheiligkeit ebensowenig heilig 
sein, wie sie sich selber heilig sein kann. 

Die Menschheit mufi also in einer ganz anderen Sphare liegen als die Meuschheiu- 
biologische Gegebenheit Mensch. Sie kann nicht dessen Gattung sein. Sie 

Die Kultur der Gegenwart. 1.6. 3. Infl. 1 8 



274 



Bruno Bauch: Ethik 



ist keine Gegebenheit, sondern eine Aufgegebenheit, ein Ziel. Und nur dieses 
als solches kann dem Menschen heiligsein, aber auch nur, soweit er nicht blofies 
biologisches Lebewesen ist, sondern bereits die Anlage zu seinem Ziele in sich 
tragt und darum ,,die Menschheit in seiner Person" ihm selber heilig sem kann. 
Sie kann als solches Ziel also nur der Inbegriff der aus den objektiven Werten 
erwachsenden Aufgaben sein, die derPflicht die Inhalte der Pflichten und dem 
mcnschlichen Leben selber Sinn und Inhalt geben. 
werigemein- Aber konkretes Leben in der Geschichte gewinnt die Menschheit doch 

*%u C v°ik. ° Ilur in der Sonderbestimmung der Volker. Ohne die konkrete geschichtliche 
Gestaltung des Volkstums ist und bleibt die Menschheit Ieerer Name, Ab- 
straktion. Erst in der Beziehung von Volk zu Volk hat sie lebendiges, geschicht- 
Hches Leben. Keine Beziehung aber von Volk zu Volk ohne lebendiges Volks- 
(um, ohne die Volker, kein inter nationes ohne die nationes ipsae. Und so 
ubervblkisch die Werte als solche sind, so doch konkretes Wertwerden, 
Wertdarstellung immer nur durch die Geschichte und in der Geschichte der 
Kulturen der besonderen Volker. Zwischen diesen Kulturen lassen sich gewifi 
Brucken bauen, weil die Werte, auf denen sie ruhen, in sich selber und an sich 
selber Geltung haben unabhangig von den. einzelnen Nationen. Aber diese 
Brucken liegen so hoch iiber dem Durchschnittsmafi, dafi dieses von ihnen 
aus gesehen als Abgrund erscheint und es selbst sich weder zu ihrem schwindel- 
erregenden Hochbau aufraffen noch auch nur die Brucken selber betreten 
kann. Nur die Wertnachsten und Wertvertrautesten, die fest im eigenen 
Volkstum wurzeln, zugleich aber auch die Eigenart anderer Volker verstehen 
und die Eigenart ihrer geschichtlich werdenden Kulturen kennen, die wenigen 
Besten, konnen diese Beziehungen inter nationes, die wirklich Wertgemein- 
schaftsbeziehungen sind, gewinnen und auf ihren Wegen Fuhrer sein. 

Mcoschiieits/iei Wiederum erkennen wir Jene Rangordnung der Gerechtigkeit als Messung 

und Volkstums- J t7 r 

7ioi. vom Sein am Sollen, die Wertordnung von Rechten und Pflichten auch im 
Sinn der „Menschheit" eingeschlossen. Dafi der Mensch die Werte iiber sich 
erkennt und seine Aufgaben und Ziele, dafi er der Menschen Distanzen nach 
diesen Aufgaben und Zielen, nach Pflichten und Rechten anerkennt, das 
gehort so sehr zum Sinn der Menschheit, dafi die Illusion von gleichen Pflich- 
ten und gleichen Rechten, die unter dem Namen der ,, Menschheit" umgeht 
und ihr verhangnisvolles Unwesen treibt, das Unmenschlichste ist, das sich 
ausdenken lafit. Liefie sich diese Illusion in die Wirklichkeit iiberfuhren, 
dann ware es mit der Menschheit zu Ende. Das Unmenschliche wiirde dem 
Menschen seinen Stempel aufdrucken. Und so wenig sich-diese Illusion auch 
in die Wirklichkeit iiberfuhren lafit, weil der Versuch einer solchen Uberfiih- 
rung schon an der durchgangigen Individuality alles Wirklichen scheitern 
mtifite, es geniigt, daB an ihr die Menschen kranken, urn den Menschheits- 
tod herbeizufiihren. Tb'dlich ist die Illusion. Und man wird soviel sagen kon- 
nen: sie wird sich zur Krankheit in dem Umfange auswachsen, dafi an ihr die 
Menschheit stirbt, auch wenn noch Menschen leben. Solange sie als echtes 
Ziel aber iiber diesen schwebt, wird ihre Darstellung ihren Grund immer nur 



Bestimmung des Menschen 275 

finden konnen im Volkstum, und als Ziel wird sie immer hindurchgehen miis- 
sen durch die besonderen Volkstumsziele. Volkstumsgrund und Volkstums- 
ziel sind die Bedingungen fur Menschheitsgrund und Menschheitsziel. Hier 
griindet sich in ihrem ganzen ethischen Umfange die Bestimmung des Menschen 
in der Geschichte. Aber es ist in dieser Bestimmung der Sinn der „Menschheit" 
im ganzen ethischen Umfange und Inhalte zugleich dahin charakterisiert, 
dafi er das blofi ,,allgemein Menschliche" unter sich und hinter sich lassen 
mufi. 



Literatur. 

Bauch, Ethik (in „Die Philosophic im Beginn des zwanzigsten Jabrhunderts"). — Ders., 
Luther und Kant — Ders., Sittlichkeit und Kultur (Zeitschrift fur Philos. u. philos. Kritik). — 
Ders., Das Rechtsproblem in der Kantiscben Philosophie (Zeitschrift fiir Rechtsphilosophiel. — 
Debs., Fichte und unsere Zeit. — Binder, Rechtsbegriff und Recbtsidee. — Buchenau, Kants 
Lehre vom kategorischen lmperativ. — COHEN, Kants Begriindung der Ethik, — Ders., Etbik 
des reinen Willens. — Dilthey, Einleitung in die Geisteswissenschaften. — Eucken, Der 
Kampf um einen geistigen Lebensinhalt. — Ders., Der Sinn und Wert des Lebens. — Hensel, 
Ethisches Wissen und ethisches Handein. — Ders., Hauptprobleme der Ethik. — Linke, 
Konig Literat und die Ethik (Monatsschrift : Die Tat). — Lipps, Die ethischen Grundfragen. 
— Medicus, Die beiden Prinzipien der sittlichen Beurteilung. — MESSER, Kants Ethik. — 
MtlNCH, Erlebnis und Geliung — Ders., Kultur und Recht. — Nohl, Padagogische und 
politische Aufsatze. — PlCHLER, Grundzuge der Ethik. ~ RADBRUCH, Grundziige der Rechts- 
philosophie. — RENNER, Der Begriff der sittlichen Erfahrung (Kant-Studien). — RlCKERT, 
Die Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung. — Ders., Kulturwissenschaft und 
Naturwissenschaft. — Ders., Vom Begriffe der Philosophie (Logos). — Ders., Lebenswerte 
und Kulturwerte (Logos). — Ders., Ober logische und ethische Geltung (Kant-Studien). — 
Riehl, Zur Einfuhrung in die Philosophie der Gegenwart. — Schuppe, Grundzuge der Etbik 
und Rechtsphilosophie. — Stammler, Wirtschaft und Recht nach der materialistischen Ge- 
schichtsauffassung. — Ders., Die Lehre vom richtigen Recht. — Volkelt, Vortrage zur Ein- 
fiihrung in die Philosophie der Gegenwart. — VorlAnder, Der Formabsmus der Kantiscben 
Ethik in seiner Notwendigkeit und Fruchtbarkeit. — Wendt, Die sittliche Pflicht. — WlN- 
DELBAND, Praludien. — Ders., Einleitung in die Philosophie. — M. Wundt, Die deutsche 
Philosophie und ihr Schicksal. — W. Wundt, Ethik. 



PADAGOGIK. 

Vow 
Theodor Litt. 

I. Methoden der Padagogik. Obwohl das Nachdenken iiber padago- 
gische Fragen zu den friihsten Betatigungen einer volkstumlichen „Weisheit" 
gehort und auf eine entsprechend ehrwurdige Vergangenheit zuruckblickt, hat 
doch bis zum heutigen Tage die Padagogik es noch nicht zu einer solchen wis-* 
senschaftlichen Begrtindung und Durchbildung gebracht, die es gestattete, 
hier eine Ubersicht iiber einen gewissen Bestand gesicherter „Ergebnisse" vor- 
zulegen. Sicherlich wird jede Wissenschaft, die sich selbst recht versteht, es 
ablehnen, sich in irgendeinem Stadium auf bestimmte Lehrmeinungen dog- 
matisch festzulegen, vielmehr den Blick ebensosehr nach vorwarts, auf die der 
Losung harrenden Probleme, wie nach riickwarts, auf das Erreichte, gerichtet 
halten. Fiir die Padagogik aber ist dies kennzeichnend, dafi sie beim Blick 
nach riickwarts wohl mancherlei beachtenswertes ,, Material" vorfindet, von 
der Zukunft aber nicht etwa nur Fortfiihrung und Ausbau eines systematisch 
geordneten Erkenntniszusammenhangs, sondern vor allem einmal Begrtin- 
dung und methodische Festlegung ihres eigenen wissenschaftlichen Charakters 
zu erwarten hat. Das hat die fiir unser Vorhaben aufierst unwillkommene 
Wirkung, dafi jeder, der iiber Padagogik schretben will, zunachst einmal mit 
der Darlegung und Rechtfertigung seines eigenen methodischen Standpunkts 
anheben muB und auch weiterhin nicht mehr leisten kann, als dafi er das Ar- 
beitsfeld in der ihm angemessen dunkenden Weise absteckt und iiber die 
Richtung der Losungen, die ihm denkbar erscheinen, einiges andeutet; hin- 
gegen heiBt es jedem Anspruch auf systematische Vollstandigkeit und inhalt- 
liche Abrundung von vorne herein entsagen. tJber diese Unvollkommenheit 
mag uns dies eine trosten, dafi das Nachdenken iiber den methodischen Cha- 
rakter der Padagogik nicht etwa dem eigentlichen Gegenstand gegeniiber 
auBerlich bleibt, vielmehr am schnellsten und wirksamsten gleich in den Kern 
der Frage selbst hineinfiihrt, und zwar aus dem Grunde, weil das Nachdenken 
iiber die Eigenart der padagogischen Theorie — selbst schon em Stuck pad- 
agogischer Theorie ist. 
MagHchkeit Wie unsicher die Lage auf dem Gebiet dieser Theorie ist, lehrt nicht zum 

ewer pSdago- , ° 

gischcn wis3 Cn - wemgsten die Tatsache, daB von manchen Seiten nicht etwa nur das Vorhan- 

schaft. densein, sondern geradezu dieMoglichkeit einer padagogischen Wissenschaft 

bestritten wird: ja, man kann es nicht seiten erleben, dafi eben diejenigen, die 

in Wort und Schrift umfangliche Gedankenreihen padagogischen Inhalts zu 



Methoden der Padagogik 277 

entwickeln geschaftig sind, in eben diesen Zusammenhang die These einreihen, 
dafi niemals die Padagogik auf eine wissenschaftliche Theorie begrundet wer- 
den konne. Insbesonderepflegt mansion dabei auf das ir rationaleMoment zu 
berufen, das gerade die wertvollsten Erscheinungen und Leistungen des pad- '-' 
agogischen Wollens und Tuns kennzeichne, sowie auf die unaufhebbare Ab- 
hangigkeit, die jedwede padagogische Gedankenbildung mit den besonderen 
Bedingungen der jeweiligen Kulturlage verbinde. 

Nun kann man die in diesen beiden Einwanden behaupteten Sachverhalte, 
die ja in der Tat durch die historische und personliche Erfahrung immer wie- 
der bestatigt werden, vorbehaltlos zugeben, ohne sich deshalb der Folgerung 
anschliefien zu mtissen, dafi mit ihnen die Moglichkeit einer wirklichen pad- 
agogischen Theorie aufgehoben sei. Vorsichtiger ist es unfraglich, aus ihnen 
eine andere Folgerung abzuleiten. Denn nicht sowohl ist mit der Anerken- 
nung jener Tatsachen jeder padagogischen Theorie schlechthin der Boden 
entzogen, sondern nur einer solchen, die in ihren Aufstellungen fiir jene Tat- 
bestande keinen Raum hat. Offen bleibt dagegen die Frage, ob nicht eine 
Theorie der Padagogik aufgestellt werden konne, die sie als wesentliches Mo- 
ment umfaflt und in methodischer Besonnenheit dem Ganzen ihrer Uber- 
legungen einordnet. 

Freilich mufi eine padagogische Theorie, die die genannten Momente als padagogik eiuc 
mitbestimmend in ihren Zusammenhang aufnimmt, eben dadurch aufs deut- w^Menachaft? 
lichste sich von einer Gruppe von Wissenschaften scheiden, in deren Kreis 
sie vielfach^verwiesen zu werden pflegte und durch deren Nachbarschaft sie 
gleichsam legitimiert erschien. Weil die padagogische Theorie nicht in erster 
Linie Tatbestande als solche ergriindet, vielmehr ihre eigentliche Bestimmung 
darinhat, einemHandelnzu dienen, reiht man sie vielfach den angewandten 
Wissenschaften ein, deren Eigcnart es ist, dafi sie die Theorie zu einer 
Praxis geben. Das Verhaltnis zwischen Theorie und Praxis, durch das sie 
hervorgerufen»^Aiden, verkorpert sich in reinster Form in den Beziehungen 
tumissen zwischen Nad^^^Benschaft und Technik. Die Technik hat die Aufgabe, in 
vomwirk iner Welt vo^^Btklichem gewisse Veranderungen herbeizufiihren, die dem 
latidelnden M^H^Iien notwendig oder wunschenswert erscheinen; die Natur- 
wissenschaften gebeji ihr die Kenntnis derjenigen Beschaffenheiten und Ver- 
deswirkhaltungsweisen i^^^pirklichen an die Hand, durch deren Benutzung der 
Mensch seine ZwWEe in der aufieren Wirklichkeit realisiert. Genauer ge- 
sagt: was die Naturwissenschaft in Gesetzesform als das Verhaltnis zwi- 
schen Ursache und Wirkung feststellt, das verwandelt sich fur die Technik 
im Einzelf all in das Verhaltnis von Mittel und Zweck. Auch die kunstreichste 
technische Veranstaltung ist nie mehr als die Kombination vorgefundener 
Stoffe, Beschaffenheiten und Verhaltungsweisen der Naturwirklichkeitj die 
eigentumliche Phantasie, aus der die Hochstleistungen des technischen Geistes 
entspringen, besteht in nichts anderem als in der erfinderischen Eigenart eben 
dieser Kombination, nicht aber in einer schbpferischen Kraft des Subjekts, 
die etwas in seinem inneren Prinzip vollig Neues in den Zusammenhang der 



werden 



278 THtiODOR LlTT; Padagogik 

Wirklichkeit einfiihrte. Der menschliche Geist gebietet der Natur durch Ge- 
horsam: so hat Bacon das Wesentliche der technischen Leistung treffend ge- 
kennzeichnet. 
Auieii des Ohne den Abwandlungen, die dieses Grundverhaltnis im Bereich der 
" Je *' einzelnen angewandten Wissenschaften erfahrt, welter nachzugehen, fragen 
wir uns, ob eine padagogische Theorie, die in der angedeuteten Weise das 
individuell-irrationale und das historische Moment in ihren Gedankenzusam- 
menhang einschliefit, diesem Typus von Wissenschaften einzuordnen ist. Offen- 
bar nicht. Denn wahrend in ihnen das Subjekt, der handelnde Mensch, die 
Beschaffenheiten und Zusammenhange einer ihm gegeniiberstehenden Wirk- 
lichkeit so, wie er sie vorfindet, in volliger Objektivitat und in Form von all- 
gemeingiiltigen Gesetzen feststellt, schaltet hier das Subjekt sich selbst als 
individuelle Wesenheit und gleichzeitig das Ganze seiner ebenso individuell 
gearteten kulturellen Umwelt in die Gedankenbewegung ein; statt sich gehor- 
sara dem Gegebenen und Vorgefundenen anzupassen, kann es gar nicht anders, 
als in irgendeiner Art und irgendeinem MaiJ sich selbst in die Auffassung des 
Objekts hineintragen. Das hat zur unausbleiblichen Wirkung, dafi den Ergeb- 
nissen solcher Gedankenentwicklung durchaus der Charakter von Objektivi- 
tat und Allgemeingultigkeit abgeht, der in den eigentlichen angewandten 
Wissenschaften stets erstrebt, oft erreicht wird, und es wird von hier au£ ver- 
standlich, daC man Anstand nimmt, einer so individuell bedingten Theorie noch 
das Pradikat „wissenschaftlich" zuzubilligen. ■ 
Keine ..Aiige- Kun zeigt uns ja die Geschichte des padagogischen Denkens eine Reihe 

meio u B ei ■ vQn Th eoremert) die mit dem Anspruch auf Allgemeingultigkeit aufgetreten 
sind und deren Urheber nie dem Gedanken Raum gegeben haben, es mochte 
am Ende ihre eigene Individualist und die Besonderheit der historischen 
Umwelt, die sie selbst trug, bestimmend gewesen sein fiir den Gehalt ihrer 
eigenen padagogischen Aufstellungen. Aber, was ihnen selber entging, das 
lehrt um so deutlicher der Blick, den spatere Geschlechter auf ihr System rich- 
ten: alsbald rucken Schbpfer und Werk, bedingt wie bedingend, in den kon- 
kreten Zusammenhang der kulturellen Entwicklung ein. Und sollten wir selbst 
Anlafi haben zu der Hoffnung, wir vermbchten uns zu einer Hbhe wissen- 
schaftlicher Objektivitat emporzuschwingen, die unser padagogisches Denken 
uber den historischen Horizont hinaushobe und von der In dividual! tat des 
Urhebers ganz und gar abloste? 

Freilich fehlt es gerade unserer Zeit nicht an wissenschaftlichen Bestre- 
bungen, die wenigstens bei einigen Voreiligen solche Hoffnung genahrt haben. 
Diejenige Psychologie, die mit denMethoden der Naturwissenschaft arbeitet 
und insbesondere durch Anwendung des Experiments der exakt-gesetzlichen 
Bestimmung seelischer Vorgange zustrebt, scheint nicht wenigen die Aussicht 
zu erbffnen, dafi einmal die padagogische Praxis in alien ihren Vornahmen sich 
auf Erkenntnisse stiitzen konne, so sicher und allgemeingiiltig wie diejenigen, 
auf denen die angewandten Wissenschaften fufien. Besonnenere freilich haben 
langst erkannt, dafi diese Richtung der Seelenforschung sichere, sozusagen 



Methoden der Padagogik 27Q 

technisch verwendbare Ergebnisse nur im Bereich der elementaren, verhaltnis- 
maCig leicht isolierbaren und ihres peripheren Charakters wegen auch leicht 
faflbaren seelischen Vorgange verspreche, daB sie hingegen um so mehr ihr 
Recht und ihre Anwendbarkeit verliere, je mehr es von den Elementen zum 
Ganzen vorzudringen gelte — wobei unter diesem Ganzen ebensowohl die 
Lebenseinheit der Einzelpersbnlichkeit wie die Lebenseinheit der kulturellen 
Gesamtwelt zu verstehen ist. 

Wenn aber die besprochenen Zusammenhange, von dieser Seite her ge- Dor Zwcck- 
sehen, die padagogische Theorie fur alle Zeiten zu einer gewissen Unvollkora- ge Eriieluog. " 
menheit und Fragwiirdigkeit zu verurteilen scheinen, so wird eine anders ge- 
richtete Betrachtung in ihnen nicht sowohl ein Gebrechen erblicken, dessen 
Beseitigung von einer kunftigen Hbherentwicklung der Wissenschaft zu er- 
wiinschen oder zu erhoffen ware, vielmehr wird sie gerade in ihnen den Aus- 
druck der eigentiimlichen Kraft des padagogischen Denkens erkennen, mit 
dessen Wegfall dieses aufierstande gesetzt werden wurde, seine besondere 
Lebensfunktion auszutiben. 

Wo der Mensch gestaltend in die iiuGere Wirklichkeit eingreift, da han- 
delt er nach ,,Zwecken", die er selbstherrlich aus der Summe der vorgefun- 
denen MbgUchkeiten auswahlt. Die Zwecke sind als solche nicht in der Na- 
turwirklichkeit gegeben. In ihr stehen alie Stoffe, Zustande, Vorgange ohm- 
Wertunterschied gleichgultig nebeneinander. Erst der Mensch verleiht den- 
jenigen unter ihnen bzw. derjenigen Kombination von ihnen, die durch die 
Technik realisiert werden soil, von sich aus einen Wertakzent, der sie vor den 
anderen in einem bestimmten Fall aus2eichnet. Die Naturwissenschait sagt 
von sich aus nur aus, daB stets und uberall, wenn die Ursache a vorliegt, die 
Wirkung b eintritt; erst die Technik sagt, daB jetzt und hier, damit b ein- 
trete, a sein soil. Wie man sieht, entstammt dieser Wertakzent, der irgendein 
Naturgegebenes als Zweck auszeichnet, aus einer ganz anderen Dimension 
der Wirklichkeit, aus dem Inneren des handelnden Menschen; der aufieren 
Wirklichkeit als solcher ist er vbllig fremd. 

Ganz anders aber verhalt sich die Zweckbestimmung zu demjenigen Wirk- 
lichen, dem der padagogische Gedanke und die padagogische Tat gilt. Zu- 
nachst namlich ist es nicht nur ein Seelisches, was den Zweck setzt — das 
Subjekt des padagogischen Handelns — sondern nicht minder ist es auch ein 
Seelisches, an und in dem der Zweck realisiert werden soil: das padagogische 
„Objekt", derZbgling. Hier stehen sich also ihrer Wesensbeschaffenheit nach 
Subjekt und Objekt des Handelns ganz anders nahe als da, wo der denkende 
und wollende Mensch seine Zwecke einer seelenlosen Natur auflegt. Was aber 
die Nahe dieser Beziehung besonders bedeutsam macht, ist ein zweites: der- 
jenige ,, Zweck", der an und in dem padagogischen Objekt verwirklicht werden 
soil, entstammt ja, wofern wirklich padagogischer Geist im Geschehen waltet, 
gar nicht der willklirlichen Setzung des handelnden Subjekts: vielmehr soil 
er als Zweck im Objekt selbst gefunden werden; gilt es doch, das in diesem 
selbst Angelegte zur Entfaltung und Vollendung zu fuhren. Nicht von aufien 



2 So THEODOR LlTT: Padagogik 

wird also der Zweckgedanke an ein Wirkliches herangetragen, das an sich 
von ihm nichts weifi, sondern aus ihm selbst heraus soil der Zweck entwickelt 
werden. Sahen wir oben, dafi die eigentiimliche Beteiligung des Subjekts 
der padagogischen Theorie den Charakter einer Technologie nimnit, so sehen 
wir hier durch die Art, wie das Objekt in. die Zielbestimmung hineinwirkt, 
die Vorbedingungen eines eigentlich technischen Verfahrens aufgehoben. 

Die xndi- Und zwar hangen diese beiden Eigentumlichkeiten des padagogischen 

Prozesses, die ihn von jeder Technik scheiden, aufs engste zusammen: sie 
sind in der Tatsache begriindet, dafi Subjekt wie Objekt lndividuen sird, 
dafi Individualitat in ihrer lebendigen Ganzheit eben nur durch eine eben solche 
Ganzheit, d. h. durch eine andere Individualitat, aufgefafit werden kann, und 
dafi zielstrebige Bewegung recht eigentlich das Wesen solcher Ganzheit aus- 
macht. Insbesondere ist diejenige Uberlegung, die aus dem padagogischen 
Objekt selbst heraus das Ziel des padagogischen HandeJns bestimmt, eine 
Leistung von durchaus persbnlichem, nichts weniger als technischem Charak- 
ter. Lebendige Innerh'chkeit ist zunachst einmal nicht mehr als unbegrenzte 
MogHchkeit. Je nachdem in welche natlirliche, menschliche, kulturelle Urn- 
gebung ein und dasselbe junge Menschenwesen hineingesetzt wird, wird es, 
unbeschadet der ,,angeborenen" Grundrichtungen des Charakters, zu ganz 
verschiedenen seelischen Gestaltungen sich entwickeln. Nie ist dem Menschen 
seine kunftige Seelengestalt derart eindeutig vorgezeichnet, wie etw-a der Keim 
der Pflanze auf eine ganz bestimmte lebendige Form hin pradisponiert ist. 
Was aber soil die padagogische Praxis mit einer schlechthin unbegrertzten 
Zahl von Moglichkeiten der Gestaltung anfangen ? Wo soil ihre Arbeit an- 
setzen ? Notwendig mufi sie, urn mit der konkreten Arbeit beginnen zu konnen, 
in das gleichsam ungeordnete Chaos von Moglichkeiten gewisse Grundlinien 
einzeichnen, sie mufi ein ideales Bild des Zoglings zu gewinnen suchen, das 
ihr die Richt- und Zielpunkte ihres Handelns bietet. Dieses Gesamtbild aber 
ist nichts weniger als blofies anpassendes Hinnehmen' eines Gegebenen bzw, 
blofie Kombination von Gegebenem, vielmehr das Werk formender Krafte im 
Subjekt selbst, die tiber das Vorgefundene hinausgreifen und das, was noch 
nicht ist, vorwegnehmend Gestalt gewinnen lassen. Ohne dieses plastische 
Vermbgen der erziehenden Individualitat wurde es nie zur Bildung konkreter 
Erziehungsziele kommen. 

sein and Geht mithin die padagogische Oberlegung in der Bestimmung des Sol- 
lens energisch uber das Sein hinaus, so will das nicht besagen, dafi sie Anlafi 
oder Moglichkeit hatte, sich vom Sein vbllig frei zu machen. Welche padago- 
gische Idealbildung hatte Aussicht auf Verwirklichung, die sich einfach uber 
den Seinsbefund ihres Objekts hinwegsetzen wollte? Aus dieser Sachlage er- 
gibt sich ein sehr eigentiimliches Verhaltnis zwischen Seinserfassung und Sol- 
lensbestimmung. Auf der einen Seite beschrankt sich die Bestimmung des 
Sollens nicht auf die Kombination von Vorgefundene m. Sie kann sich nicht 
darauf beschranken, denn dieses Vorgefundene, die ,,Seele", erschbpft sich 
nicht in einer begrenzten Summe feststellbarer Beschaffenheiten, unter denen 



Methoden der Piidagogik 281 

die padagogische Uberlegung bloC zu wahlen hatte, sondern ist selbst rastlose 
Bewegung, Bewegung in unerschlossene Weiten und voll unausschopfbarer 
Moglichkeiten. Sie soil sich nicht darauf beschranken, denn Erziehung ist 
Gestaltung auf Ideale hin, die eben als Ideale noch nicht sind. Auf der an- 
deren Seite aber lost sich auch die Bestimmung des Sollens nicht vom Vorge- 
fundenen ab. Sie kann sich nicht davon losen, denn ihr Idealbild wtirde, wenn 
sie es tate, jedes konkreten Gehalts entbehren; sie soil sich nicht davon losen, 
denn nur durch Ankniipfung an das, was ist, kann das Ideal in die Wirklich- 
keit hinubergefuhrt werden. Mit der Einsicht in dies eigentiimliche Wechsel- 
verhaltnis vollendet sich die Erkenntnis, wie sehr und wie bedeutsam das pad- 
agogische Denken und Handeln sich von jeder Technik scheidet. Bewahrt 
sich in dieser die Selbsttatigkeit des handelnden Menschen durch praktische 
Auswahl unter dem theoretisch Festgestellten — derart, dafi die Zweck- 
setzung auf der in sich abgeschlossenen theoretischen Einsicht fufit — , so ist hier 
zwar die Bestimmung des Sollens nicht unabhangig von der Erfassung des 
Seins, aber — umgekehrt auch die Erfassung des Seins nicht unabhangig von 
der Bestimmung des Sollens. Denn nur im Ausblick auf die ,, ideale Gestalt" 
der Seele vermag das padagogische Subjekt in jene Unendlichkeit der seeli- 
schen Bewegung derart ordnend und sichtend einzugreifen, dafi es eine „kon- 
krete Gestalt" als Objekt des Handelns sich gegeniiber findet. Urn seinen 
an sich noch unorganisierten Gegenstand schauend erfassen, handelnd for- 
men zu konnen, gliedert es ihn im Sinne derjenigen Bestimmtheiten, auf deren 
Verwirklichung sein ideales Wollen hinstrebt. Es schaut also in ihn gleichsam 
seine ideale Gestalt hinein, und sowenig das ideale Sollen und das vorgefun- 
dene Sein sich decken — sonst bliebe ja der padagogischen Einwirkung nichts 
zu tun — , sowenig ist das Bild des Seins ohne die Orientierung auf das Bild 
des Sollens, das Bild des Sollens ohne die Ruckbeziehung auf das Bild des 
Seins moglich und denkbar. Auch wenn der Erzieher — wie er es soil — zu- 
nachst einmal das Sein des Zoglings in voller Objektivitat und mit all. der 
Ehrfurcht, die der werdenden Seele gebuhrt, auf sich wirken lassen will, steht 
doch sein Geist, sobald das Bild dieses Seins sich in ihm zu deutlichen Linien 
klart, unbewufit unter der Herrschaft gewisser Kategorien der Auffassung, 
die auf eine Zielbestimmung hingeordnet sind. Das Bild tragt also unausweich- 
lich einen teleologischen Charakter. 

Hieraus erhellt das Irrtiimliche aller der Theorien, die da meinen, man 
kdnne das Ziel der Erziehung auf der einen, die Mittel der Erziehung auf der 
anderen Seite in vollig abgesonderter Betrachtung rein fiir sich bestimmen — 
wie denn etwaHerbart jeneAufgabe derEthik, diese der Psychologie zuweisen 
wollte. Erwiese sich diese Scheidung als durchfuhrbar, dann wiirde in der Tat 
die erzieherische Praxis zur reinen Technik. Aber in Wahrheit ist keine Ziel- 
bestimmung ohne Seelenkunde, keine Seelenkunde ohne den Ausblick auf das 
Ziel moglich. Die wechselseitige Bedingtheit der Leistungen hebt jede Mog- 
lichkeit auf, die eine auf die abgeschlossene andere zu begriinden. Alles, was 
innerhalb des padagogischen Denkens und Tuns „technisch" ist und wirkt,. 



282 Theodor LlTT: Padagogik 

alle Feststellung und Verwertung psychologischer Gesetzmafiigkeiten, alles 
Ersinnen methodischer Formen und Formeln, alle rational -organisatorische 
Ordnung, alles dies hat doch nur Sinn und Bestimmung dadurch, dafi es sich 
dem Ganzen jener inneren BJldgestaltung dienend einfiigt. 

In dem teleologischen Charakter des padagogischen Seelenbildes liegt 
seine Begrenzung, darin aber auch seine Kraft. Denn eben weil in ihm, wenn 
auch gedampft durch den Willen zu objektiver Seinserfassung, der ideale 
Drang der nach geistiger Gestaltung verlangenden Seele mitschwingt, darum 
ist es weit mehr als kiihle Betrachtung, ist es Ausdruck des geistigen Lebens 
selbst. In ihm wirkt die eigentumliche Kraft des im Leben wurzelnden, zum 
Leben drangenden M Verstehens", das Mensch und Mensch verbindet und das 
gerade dann zu hochster Aktivitat sich steigern mufi, wenn die eine Seele 
mit dem Wjllen zur Gestaltung der anderen naht. 

II. Erziehung und Kultu rzusammenhang. In das padagogische 
Objekt das teleologische Bild hineinzuschauen ist das Subjekt zunachst ein- 
mal deshalb imstande, weil es sich selbst als Trager einer ebensolchen inneren 
Bewegung auf selbstgesetzte und erfaCte Ziele hin erlebt; individuelles Leben 
ist eben nichts anderes als dieses standige Hinausstreben uber den jeweils er- 
reichten Zustand, dieses Sein, das mehr ist als blofies Sein, Erscheinen damit 
Subjekt und Objekt sich im Innersten wesensverwandt und deshalb befahigt, 
sich zu ^verstehen", so stehcn sie doch immer noch fur eine solche Betrach- 
tung einandcr ,,gegen iiber", voneinander geschieden gleich zwei Parteien 
oder zwei Akteuren einer Handlung. Unser Denken ist um so mehr geneigt, 
in dieser Auffassung eines ,,Gegenuberstehens" zu verharren, weil Menschen 
als naturhafte Lebewesen, als ,,biologische Subjekte", in der Tat einer solchen 
abgeschiedenen Sonderexistenz teilhaftig sind. Aber sind sie es auch als Ob- 
jekte der Erziehung, d. h. als Wesen geistiger Art? Es ist leicht zu erkennen, 
dafi zur Herstellung derjenigen zvischenmenschlichen Verbindung, die Vor- 
aussetzung jeder erzieherischen Einwirkung ist, die festgestellte Ubereinstim- 
mung der seelischen Struktur nicht genugt, dafi weitere Gemeinsamkeiten in- 
haltlicher Art vorhanden sein miissen, damit eine Briicke von Mensch zu 
Der jcuitur- Mensch iiberhaupt geschlagen werden konne. Um nur auf das hinzuweisert, 

r.usiuiimeiilinri^. 

was ohne weiteres zutage liegt: wie ware es denkbar, daG der Zoglmg sich 
dem Erzieher offenbarte, der Erzieher auf den Zogling einwirkte, wenn nicht 
die Sprache ihnen die Selbstdarlegung und Kundgebung ermoghchte? Da- 
mit die Bedeutung dieser Tatsache nicht unterschatzt werde, sei erinnert, dafi 
stets und uberall die Sprache nichts weniger als bloCe, an sich gleichgultige 
,,Form" fiir einen bereits in sich fertigen und abgeschlossenen Inhalt, nichts 
weniger als blof3es ,,Mittel" der Verstandigung ist, dafi sie vielmehr an der 
Herausarbeitung dieser Inhalte selbst in mafigebender Weise mitbeteiligt ist. 
Kein entwickeltes Denken ohne Hineinwirken der Sprache. So erfolgt jede, 
auch die oberflachliche Verbindung zwischen Erzieher und Zbgling nicht etwa 
durch Formen, die eine der beiden Parteien geschaffen hatte, vielmehr durch 



Erziehung und Kulturzusammenhang 283 

cin geistiges Etwas, das beide vorgefunden haben, vorgefunden deshalb, weil 
es kraft ihrer Eingliederung in den umfassenden kulturellen Zusammenhang 
gleichsam in sie hineingewachsen ist. Dafi und wie weit dieser Zusammen- 
hang uber den Bereich des blofi Sprachlichen hinausgreift, dafi jeder padago- 
gische Akt unter Voraussetzungen der bestimmten kulturellen Gesamtlage 
und Uberlieferung steht, ohne die er nie und nimmer gerade diese Gestalt 
annehmen, gerade diesen Inhalt haben wurde — das bedarf nicht der Ausfiih- 
rung. So erweist sich, sobald wir die Struktur des padagogischen Wirkungs- 
zusammenhangs ins Auge fassen, jenes Gegeniiber von zwei geschiedenen Par- 
teien als eine verfalschende Vorstellung: an seine Stelle tritt eine im einzelnen 
noch naher zu bestimmende Lebensverbindung funktioneller Art, begriindet 
in der Eingliederung in eine weitere Gesamtwirklichkeit von geistiger Be- 
schaffenheit. 

Insbesondere entwickelt diese Lebensverbindung nach einer Richtung D ie schematik. 
hin sehr bedeutsame Wirkungen. Wir analysierten oben den Denkvorgang, soias. 
in dem die padagogische Uberlegung das Sein erfafit und das Sollen bestimmt, 
gleich als ob er sich rein auf Grund des Erfahrungsbestandes vollendete, den 
die Beriihrung zwischen Erziehei" und Zugling bietet. Aber in W'ahrheit wurde 
es nie zur Gestaltung des padagogischen Leitbildes kommen, ware nicht jene 
Beriihrung in alien Teilen getragen, ja gleichsam durchtrankt von den Ein- 
fliissen jener umfassenden geistigen Welt, jene Ordnung, Sichtung, teleolo- 
gische Gliederung des seelischen Rohmaterials, wie wir sie betrachteten, ist 
einfach nicht anders denkbar als in Anlehnung an die Kategorien und Prin- 
zipieti desjenigen Leistungszusammenhangs, den die Gesamtarbeit der kul- 
turellen Gemeinschaft hat entstehen lassen, und im Hinblick auf diejenigen 
Bewahrungen, die er ebensowohl ermoglicht wie fordert. Auch hier bietet wie- 
derum die Sprache die letzten und entscheidenden Grundlagen. Genau so, 
wie das Innere des Zoglings sich in den Ausdrucksformen und Gestaltungen 
auseinanderlegt und bezeugt, die die sprachliche Wirklichkeit ihm eingibt, so 
kann auch umgekehrt der Erzieher, wo immer er ein lnneres in seinen Be- 
schaffenheiten und Moglichkeiten erfassen will, gar nicht anders, als sich an die 
eigentiimliche Schematik der seelischen Wirklichkeit anlehnen, die jede 
Sprache in ihren Bezeichnungenf ur seelisches Sein undWerden ihm zurVerf iigung 
stellt, ja aufdrangt. Und wie fern ist diese Schematik davon, etwa blofie Re- 
gtstrierung vorgefundener Beschaffenheiten und Verhaltungsweisen zu sein! 
Damit uberhaupt seelisches Leben begrifflich erfalit und sprachlich ausgedriickt 
werden konne, bedarf es einer hochst eigenwilligen Formung und Ordnung 
cines Materials, das seiner eigenen Wesenheit nach jeder solchen Fixierung 
und reinlichen Zerlegung aufs aufierste widerstrebt. Ohne die hier von der 
Sprache geleistete Vorarbeit wurde das Subjekt nie dazu gelangen, das Sein 
seines Objekts sich im Bilde nahe zu bringen. Es ist auBerst lehrreich, dafi 
dieser Abhangigkeit von den durch die Kulturgemeinschaft geschaffenen B"or- 
mungen der seelischen Wirklichkeit selbst diejenige Richtung der Seelenfor- 
schung sich nicht entwinden kann, die gerade in der gesetzlichen Exaktheit 



284 TKEODOR Litt: Padagogik 

des Verfahrens und der Ergebnisse ihr Wesen sieht: auch die naturwissenschaft- 
liche Psychologie kann nicht ein einziges seelisches ..Element" fixieren, ohnc 
sich jener Formen zu bedienen. 
D d« S S n a s tik Verbl eibt jede Bestimmung seelischen Seins notwendig im Banne jener 
gemeinsamen Geisteswelt, deren wesentliches Organ die Sprache ist, so gilt 
naturgemafi ein Gleiches, wenn das mit jenem in Wechselbeziehung stehende 
padagogische Idealbild erschaut und in seine Einzelbestimmungen ausein- 
ander gelegt wird. Auch hier kann selbst der eigenwilligste Geist nicht der 
Mitwirkung der begrifflich-sprachlichen Kategorien entraten, in denen die 
Kulturgemeinschaft ihre grundlegenden Wertungen und Normen — insbe- 
sondere sittlicher Art — niedergelegt hat. Nicht anders als im Anschlufi an 
die in ihnen enthaltenen Weisungen klart sich das dunkle Streben der Seele zu 
festen Mafien und Linien. Und wie sehr sind vollends diese Weisungen ge- 
bunden an die besondere Seelenstruktur der Kulturgemeinschaft! Im Rahmen 
der allgemeinsten geistigen Forderungen aber, die in den Wertkategorien der 
Sprache sich niedergeschlagen haben, erwirken dann weiterhin die besonderen 
Strebensrichtungen der Kulturgemeinschaft ihre Teilnahme an jeder, sei es 
auch noch so kiihnen und selbstandigen, Gestaltung padagogischer Ideale und 
Bestimmung padagogischer Mafinahmen. Keine innere Form und Bildung 
der Seele, die nicht in alien Teilen von den Inhalten der gemeinsamen Kultur 
durchwirkt ware; nur ihre Hilfe gestattet es, aus der verschwebenden Unend- 
lichkeit von Moglichkeiten, als welche das Leben der Seele zunachst sich dar- 
bietet, die Gestalt herauszuheben. 
Die geiatigp So zeigt sich also immer wieder: der Strukturzusammenhang, in dem see- 
lisches Sein und Sollen dem padagogischen Streben vor Augen tritt, kann sich 
gar nicht anders herausbilden als durch die Eingliederung eines jeglichen Ichs in 
den umfassenden Strukturzusammenhang der geistigen Welt, die Er- 
zieher wie Zogling uraschliefit, und nur unter Benutzung der durch diesen Struk- 
turzusammenhang vorgezeichneten Bahnen ist eine padagogische Einwirkung 
moglich. Wenn die durch diese Gesamtwelt gegebene geistige Gliederung und 
Ordnung fehlte, dann wiirde die Seele des Zoglings in keinem anderen Sinne 
unbegrenzter Moglichkeiten voll sein wie die des Tieres: ihr inneres Leben 
wurde ( nicht sein ein Sichstrecken auf barmonisch-zweckvolle Gliederung 
in einem geformten Ganzen, sondern ein ziel- und planloses Forttreiben in 
einer Reihe zufallig-unberechenbarer Erlebnisse. Es bietet also die kulturelle 
Gesamtwelt nicht etwa nur „Forderung", ,,Unterstiitzung" fur die indivi- 
duelle Gestaltung, sie ist schlechterdings Voraussetzung dafur, daC es iiber- 
haupt zu einer solchen kommt — oder, um eine andere Redewendung zu 
berichtigen, sie bietet diesem GestaltungsprozeG nicht etwa nur den „Stoff", 
sondern sie ist mitenthalten in jeder lebendigen Form, die sich aus ihm 
herausbildet. 
Koiiektivistische Es ist nichts weniger als Zufall. daB es auch der bewuflten padagogischen 

ond ihdividua- r» ri - r l 11 

lisiiscbe ziel- Keliexion ott verborgen gebheben ist, in welch eigentumlicher Weise in jedem 
seuuBgen. padagogischen Akt ein individuelles und ein kollektives Moment nicht etwa 



Erziehung und Kulturzusammenhang 285 

nur aufierhch zusammentreten, sondern in unloslicher Einheit sich durchdrin- 
gen. Dieselben Denkmotive, die die sozialen Theorien immer wieder zu einer 
seieseinseitig 1 ,kollektivistischen" l seieseinseitig ,,individualistischen" 
Deutung des menschlichen Gesamtgeschehens gefiihrt haben, bestimmen auch 
hier die landlaufige Auffassung. Und da naturgemafi in jedem padagogischen 
Handeln das ,,Objekt", das zu erziehende Individuum, die ganze Aufmerk- 
samkeit so auf sich sammelt, dafi es in den Mittelpunkt des Gesichtsfeldes 
riickt, so stellt sich der Gesamtvorgang in einer Perspektive dar, die das kol- 
lektive Gesamtwesen ganz-in den Hintergrund drangt. So wird denn das, was 
an Geistigem diesem Gesamtwesen zugehbrt, entweder als etwas schlechthin 
Selbstverstandliches, als ,,zweite Natur", uberhaupt nicht beachtet oder doch, 
im gunstigsten Falle, hochstens als „Mittel", ,, Stoff", ,,geistige Atmosphare" 
des Erziehungsaktes in Rechnung gesetzt; es wird also in Formen und Vor- 
stellungen aufgefafit, die ihm, entgegen dem wirklichen Sachverhalt, eine unter- 
geordnete und lediglich dienende Stellung anweisen, derart, dafi es hochstens 
unter dem Gesichtspunkt der technischen Brauchbarkeit gewiirdigt wird. So 
erhalt dcnn auch gerade von seiten dieser Betrachtungsweise her jene „Tech- 
nisierung" des padagogischen Denkens und Handelns wesentliche Unter- 
stutzung. Vor ihren Irrungen schiitzt nur die Einsicht, daB die Kategorie 
Mittel-Zweck, die fur das Verhalten des Menschen gegenuber der aufier- 
menschlichen Wirklichkeit die herrschendc ist, denjenigen Verflechtungen 
und Verschrankungen nie und nimmer gerecht werden kann, die denselben 
Menschen mit der menschlich-geistigen Gesamtwirklichkeit zusammenschlie- 
fien, am wenigsteri aber demjenigen Vorgang angemessen ist, der ebensowohl 
durch diese Gesamtwelt bedingt ist, wie er andererseits ihre Erhaltung und Fort- 
entwicklung bedingt: dem Vorgang der Erziehung. 

Ist aber die wechselseitige Yerschrankung und Gleichurspriinglichkeit des DieVer- 
individuellen und des kollektiven Moments auch fiir die Erziehungswirkhch- sc,rai1 nnB ' 
keit anerkannt, dann mufi auch notwendig der oben entwickelte Gedanke hier 
gleich seine Giiltigkeit bewahren -n,der Gedanke, dafi innerhalb der Welt des 
menschlichen Geistes Seinserfassung und Sollensbestimmung miteinander 
und durcheinander gegeben sind: dann heifit es auch die Forderung ins Be- 
wuCtsein erheben, die in dieser Einsicht eingeschlossen ruht. Als wir oben den 
geistigen ProzeC verfolgten, in dem Objekt und Ziel des padagogischen Han- 
delns Gestalt gewinnen, da war es immer wieder das zu erziehende Einzel- 
wesen, das wir im Auge hatten. Aber damit befanden wir uns, der Perspek- 
tive unserer Betrachtung entsprechend, im Banne eben der individualistischen 
Auffassung, deren Einseitigkeit und Erganzungsbediirftigkeit uns klar wurde. 
Sind Erziehungsgemeinschaft und Zogling Momente von gleicher Ursprung- 
lichkeit, gleicher Bedeutung, ja, werden und sind beide in Wahrheit nur mit- 
einander und durcheinander, dann mufi auch die ganze Bewegung des pad- 
agogischen Gedankens von Anbeginn an sich auf diese Doppelgebilde hin oder, 
richtiger gesprochen, auf diese zwei Ansichten eines in sich einheitlichen Lebens- 
prozesses hin einstellen und mufi. davon abgehen, die ganze Zielbestimmung 



286 Theodor Litt: Padagogik 

in den Bereich des Individuums hinein zu verlegen. Sie muU vielmehr von der 
grundlegenden Einsicht ausgehen, dafi, wie es kein Sein des geistigen E'mzehvesens 
gibt ohne das Sein der geistigen Gemeinschaft, so auch kein Sollen des Einzel- 
wesens gesetzt werden darf unabhangig von einem Sollen der Gemeinschaft, 
dafi die ideale Gestalt, der es den Zogling entgegenzufiihren gilt, bedingend 
und bedingt zusammengehort mit der idealen Gestalt, der die Erziehungsge- 
meinschaft zustrebt — und dies alles nicht elwa so, dafi das eine zu dem anderen 
hinzutrate, auf dem anderen sichaufbaute, ausdemanderen sich herleitete, son- 
dern so, daB, ideal gedacht, in jedem emzelnen Moment der Erziehungswirk- 
lichkeit Sein und Sollen wie des Individuums so der Gemeinschaft sich in 
einem Akt der Auffassung als lebendige Bewegung dem geistigen Auge dar- 
bieten miifiten. Dachten wir uns einen Erzieher von gottlich umfassendem 
Geist, er muflte in seinem Zogling allezeit zugleich das geistige Ganze sich 
gegeniiber sehen, er muftte in jeder Regung strebenden Lebens wie die Aus- 
wirkung und Verheifiung personlicher Form so auch Bewahrung und Gestal- 
tung gemeinsamer Geistigkeit erspiiren und aus solch umfassender Einsicht 
heraus helfend und fordernd eingreifen. Dem beschrankten Menschengeist ist 
solche Zusammenschau versagt; er imifi, was in Wahrheit lebendige und unauf- 
losbare Einheit ist, in verschiedenen Ansichten stiickweise sich zu erschlieCen 
suchen. LaGt er diese sich wechselseitig erganzen und berichtigen, dann bleibt 
er vor den Irrungen bewahrt, zu denen eine Betrachtung von nur einer Seite 
her notwendig verfuhrt. So bedarf denn auch jede Festlegung eines individuel- 
!en Erziehungsziels der Enveiterum* und Ersanzung durch den Ausblick aui' 
das geistige Ganze, das in dem Individuum, in dem das Individuum sich ge- 
staltet, wie umgekehrt keine Ordnung gemeinsamer Erziehungsaufgaben iiber 
das Recht der individuellen Besonderheit hinweggehen darf, ohne welche kein 
gemeinsames Geistesleben sein kann. 

Mit der Einsicht in die Struktur der geistigen Welt wird gleichzeitig deut- 
lich, dafi die zwei Tatbestande, die nach unserer einleitenden Betrachtung der 
,,wissenschaftlichen" Begrundung der Padagogik im Wege stehen — das ir- 
rationale Element der Persbnlichkeit und der konkrete Gehalt der besondereu 
Kulturlage — in Wahrheit ein und derselbe Tatbestand sind, nur von zwei ver- 
schiedenen Seiten her betrachtet. Die unberechenbare Einmaligkeit der Per- 
sonlichkeit und die unberechenbare Einmaligkeit des geistigen Gesamtgehaltes, 
sie sind ja nicht anders als miteinander und durcheinander, und gerade der 
Kulturakt der Erziehung ist nichts anderes als der imnier erneute Dienst an 
dieser wechselweisen Erfullung, 

III. Padagogik und Kulturphilosophie. Aber scheint es nicht, als 
musse mit der Anerkennung dieser vielverschlungenen Verflechtungen der 
geistigen Welt, die nun auch noch zwischen dem oben unterschiedenen indi- 
viduellen und kulturellen Moment eine ganz und gar nicht rationalisierbare 
Beziehung stiften, jeder Gedanke an die Mbglichkeit einer wissenschaftlichen 
Theorie der Padagogik in sich zerf alien? Verfliefit nicht hier alles so ins Un- 



Padagogik und Kulturphilosophie 287 

fafibare und Unformulierbare, dafi schliefilich nur ein rein intuitives Verhalten 
weitcr fuhren kann? 

Ware dem wirklich so, unsere ganze bisherige Erorterung ware unmbglich Die struktur d e r 

, , , . T , geistigen "Welt. 

gewesen. Denn sie selbst 1st doch mchts anderes als der Ansatz zu einem Ver- 
such, die eigentumliche Struktur der fur die Erziehungswirklichkeit bestim- 
menden Zusammenhange begrifflich zu erfassen. Nicht ein regelloses Neben- 
einander oder vielmehr Durcheinander individueller Geistesgestalten ist es ja ; 
das wir erblicken, sondern das organische Ineinanderwachsen geistiger Lebens- 
bewegungen, von denen keine ohne die andere sein kann; was vor unser Auge 
trat, war nicht ein Chaos des auBerlich und zufallig Zusammengeratenen, son- 
dern ein Kosmos des innerlich und wesenhaft Zusammengehorigen, innerhalb 
dessen nicht eine einzige Gestaltung rein aus dem Nichts entsprungen dasteht, 
vielmehr ein jedes nur kraft seiner Eingliederung in den Lebenszusammenhang 
des Ganzen das ist, was es ist. Ereilich: kein wohlgeordnetes Gefuge rationaler 
und allgemeingiiltiger, stets wiederkehrender Beziehungen wurde uns kennt- 
lich, vielmehr die eigentumliche Ordnung und Gliederung eines lebendigen 
Prozesses, innerhalb dessen jede Einzelerscheinung ebensowohl aus dem Alten 
hervorspriefit, wie auch ein Neues zur Wirklichkeit fiihrt. Indem wir diesen 
Prozefi uns zu vergegenwartigen suchten, befanden wir uns auch bereits im 
Umkreis der theoretischen Erwagungen, auf denen nun andererseits die voll- 
bewufite padagogische Praxis fufit. Denn dies ist ja das eigentumliche Grund- 
verhaltnis, dafi Erziehung ebensowohl das Bestehen dieses Zusammenhangs 
voraussetzt, wie er andererseits nur durch ihre Wirkung bestehen kann. Im 
Gang der padagogischen Theorie wird diese Wechselbeziehung dadurch be- 
merklich, daC sie auf der einen Seite, urn die Wirkungsmbglichkeiten des pad- 
agogischen Handelns zu ermessen, sich iiber den Gesamtzusammenhang des 
geistigen Werdens schauend zu erheben versucht, und dann doch auf der an- 
deren Seite, sobald sie eben diesem Handeln dienen will, sich dem gleichen 
Zusammenhang als Glied einfugt. Jene erste Aufgabe war es, in deren Ver- 
folgung w r ir dazu gelangten, den Strukturzusammenhang der geistigen Welt 
zur Klarheit zu bringen. 

Indessen — weil die all gem eine Einsicht, zu der wir auf diesem Wegege- Die Konkreu- 
langten, nichts weniger als eine allgemeingultige, allenthalben anwendbare 
Kegel darstellt, vielmehr zunachst einmal das auf konkrete Erfiillung ange- 
wiesene Schema einer Gesamtanschauung bietet, darum kann sie als solche 
noch nicht dem padagogischen Handeln, das stets einer ganz bestimmten 
Situation gegenubersteht, Wege weisen. Hier gilt es jene allgemeine Einsicht 
so weit zu konkretisieren, dafi bestimmte, greifbare Ziele hervortreten, und 
doch in allem jener Grunderkenntnis ihre Auswirkung nicht zu verkurzen. Es 
gilt mithin Bedacht darauf zu nehmen, dafi keiner der in ihrer Wechselbedingt- 
heit erfafiten Seiten des Erziehungsvorgangs ihr Recht geschmalert wird, dafi 
ebensowohl die Individuality des Zbglings wie die Gesamtindividualitat des 
Kulturkreises in Seinserfassung und Sollensbestimmung ihr gebuhrendes Ge- 
wicht erhalten. Dabei ist nun nicht zu verkennen, dafi beide Seiten, wenn auch 



288 Theodor Litt: Padagogik 

an urspriinglicher Bedeutung einander gleich, doch keineswegs unter gleichen 
Voraussetzungen und Bedingungen in der Gesamtanschauung ihren Platz fin- 
den. Denn einmal ist, wie wir bereits sahen, die unbefangene Blickeinstellung 
geneigt, das Kollektive als blofles Material oder gar als selbstverstandliche, 
der Priifung nicht bediirftige Voraussetzung in den Hintergrund zu drangen, 
wahrend umgekehrt der Zogling ohne weiteres sich die ihm gebuhrende Be- 
achtung erzwingt; es wird also nur eine nachdriickliche und bewufite Berich- 
tigung imstande sein, die beiden Teile ins Gleichgewicht zu setzen. Noch be* 
deutsamer aber ist ein zweites. Wer in die lebendige Wesenheit eines einzelnen 
Menschen moglichst tief eindringen will, der wird danach trachten miissen, 
seine Selbstoffenbarungen in einem solchen Umfange zu ermitteln oder zu be- 
obachten, daB aus ihnen insgesamt das Bild seiner Entwicklung konstruiert 
werden kann. Genau so wird, wer das Lebensganze einer Kulturgemeinschaft 
verstehen will, sich nicht damit zufrieden geben diirfen, wenn er einen zeit- 
lich und sachlich begrenzten Bestand von Kulturleistungen vor Augen hat, viel- 
mehr ihre Objektivationen in mbglichster Breite und Tiefe, d. h. nach ihrer 
sachlichen Auseinanderlegung und ihrer zeitHchen Erstreckung vornehmen und 
den in ihrer Gesamtheit erst sich offenbarenden Lebenszug herausarbeiten 
miissen. Eine solch umfassende Uberschau wird hier genau so unerlafilich sein 
wie dort: denn genau wie fur das Einzelich, so kann auch fur die Gemeinschaft 
ihr ideales Sollen sich nicht zur Klarheit erheben, so lange ihr Sein nicht wirk- 
lich erfaOt wird, und nur in dem Mafie wird ein ihr gesetztes Sollen Aussicht 
auf Verwirklichung haben, wie es mit der Ergrundung ihres Seins in Wechsel- 
beziehung steht. Nun greift aber die hiermit erhobene Forderung ebensoweit 
uber das im Hinblick auf das Einzelich Notwendige hinaus, wie die Lebensein- 
heit des Kulturganzen extensiv und intensiv das individuelle Dasein hinter sich 
Hedeutung der lafit. Werden, Wachsen und Sein einer Kulturgemeinschaft offenbart sich 
esc ic to. nur ^ em ^ (* em -^ re Geschichte offenliegt; so geht der Weg zu ihrem Ver- 
standnis von vorne herein durch das Gebiet der Wisseuschaft hindurch, 
Des weiteren aber ist es mit der blofien Schau des Gewesenen und Geleisteten, 
sei sie auch noch so umfassend, nicht getan. Auch hier mufi, eben weil die 
Ergrundung des Seins der Bestimmung des Sollens zudrangt, so umgekehrt 
das vorstehende Sollen das Bild des Seienden mit seiner verwirrenden Gestal- 
tenfiille ordnen, gliedern, mit Wertakzenten versehen und auf die gestaltende 
Tat hin ausrichten — und auch hier bedarf es einer bewufiten und methodischen 
Besinnuug auf die Prinzipien, nach denen die Verbindung des schauenden und 
des schaffenden Geistes sich herstellt. Philosophic als Weisheit des bewufiten 
Lebens, Geschichte als Wissen vom kulturellen Schaffen — sie vermahlen sich 
in der Kulturphilosophie. In ihr besinnt sich der Wille zur Selbstgestaltung 
im Erschauen dessen, was er war und ist, auf das, was er sein soil, deutet er 
im Erstreben dessen, was er sein soil, hinwiederum das, was er war und ist. 
So ergibt sich das, was angesichts des beschrankten Einzelwesens die unreflek- 
tierte Zusammenschau lebendiger Selbstbezeugung unmittelbar leistet, 
gegenuber dem Kulturganzen erst als Frucht reifer, umfassender und hochst 



Kultur unci Kulturgebiete 289 

bewufiter Besinnung. Und erst wo das hier eroberte helle Bewufitsein vom 
kulturellen Lebenstrieb des geistigen Ganzen ineinanderfliefit mit dem ah- 
nenden Ergrunden der in individuellen Menschenwesen sich regenden Ge- 
staltungskrafte — erst da entsteht ein Leltbild padagogischen Handelns, das 
durch seinen lebendigen Gehalt den Zusammenhangen der Erziehungswirklich- 
keit in der Tat vollig Geniige tut. 

Aber hebt sich denn nun nicht in einer Gesamtanschauung, der es wirk- Perseaiichkeit 
lich gelingt, derart das Ganze der Kulturbewegung in alien seinen Verzweigun- g^maJchllft 
gen zu umspannen, schliefilich doch jene individuelle Bedingtheit auf, in der 
wir oben eine unaufhebbare Eigentiimlichkeit der padagogischen Gedanken- 
bewegung zu finden meinten? 1st mit ihr nicht eine wirklich ,,objektive" Be- 
grundung und Sicherung der padagogischen Theorie erreicht? Verstehen wir 
,,objektiv" in dem oben festgelegten Sinne, dann ist diese Frage zu verneinen. 
Denn sei eine solche kulturphilosophische Zusammenschau noch so umfassend 
und tiefdringend, sie wird erst dann aus einer Anhaufung registrierter Tat- 
sachlichkeiten zu einem in sich einheitlichen, zusammenhangenden und ver- 
standlichen Gesamtbilde, sie wird vollends erst dann tauglich, dem Gestaltungs- 
willen zur Klarheit undSicherheit zu verhelfen, wenn diesynthetische Kraft 
der Personlichkeit alles einzelne derart zusammenschliefit und ordnet, daD 
es als Teilstrahl einer zielgerichteten Einheitsbewegung kenntlich wird — ja, 
je verwirrender die Mannigfaltigkeit der Gesichte ist, urn so mehr bedarf es der 
formenden Kraft, die in das bunte Gewirr diejenigen Grundlinien einzeichnet, 
die vom Vergangenen durch den Andrang des Gegenwartigen hindurch zur 
Schopfung des Zukunftigen hiniiberleiten. Zur uberindividuellen Lebensein- 
heit des Kulturganzen findet den Zugang nicht der analysierende, objektivie- 
rende Verstand, sondern nur die individuelle Lebenstotalitat in ihrer schopfe- 
rischen Kraft. Dafi aber diese Formung durch selbsteigene Kraft nicht zur 
Willkur und Vergewaltigung des Objekts werde, dafiir burgt neben derWeite 
und Tiefe der Ausschau, die selbstverstandliche Voraussetzung ist, ein zweites: 
dafi auch der selbstherrlichsten Personlichkeit doch eben ihr erfuiltes Sein nur 
aus dem weltweiten Zusammenhang heraus erwachsen ist, den sie nunmehr 
im Bilde sich vor Augen stellt. Wenn das Ich sich schauend iiber den Struktur- 
zusammenhang der Kultur auszubreiten und zu erheben sucht, schliefilich ist 
es zu solchem Tun doch eben nur kraft seiner Eingliederung in diesen selbst 
befahigt — und das Ergebnis dieser Schau ist schliefilich kein anderes als das 
vollbewufite Sicheinstellen in dasWirkungsganze dieses Zusammenhangs. Nicht 
Ausloschung, sondern Vertiefung und Lauterung der Subjektivitat ist der 
Weg, der die padagogische Besinnung zu den entscheidenden Einsichten fuhrt. 

IV. Kultur und Kulturgebiete. Mit der Konkretisierung des all- 
gemeinen Strukturschemas zu dem Lebensganzen einer bestimmten Kultur- 
lage ist die padagogische Gesamtbetrachtung noch keineswegs am Abschlufi 
derjenigen Erwagungen angelangt, die zur inhaltlichen Erfiillung des Erzie- 
hungszieles fiihren. Soil sie auch stets den Blick gerichtet halten auf das Ganze 

Die Kultur der Gegenw^rt, I. 6. 3. And. 19 



2 go THEODOR LlTT: Padagogik 

des Zbglings wie der Kulturgemeinschaft, so ist doch Erziehung vor allem 
einmal Handeln, und da Handeln dem Wesen der Sache nach immer in einer 
konkreten Situation und an einer bestimmten Stelle ansetzen mufi, so kann die 
Padagogik es nicht genug daran sein lassen, einewenn auch noch so reiche und 
lebensvolle Gesamtansicht ihres Objekts gewonnen zu haben. Solches wiirde 
nur dann geniigen, wenn sie mit der reinen Schau des Seicnden und des Sein- 
sollenden bereits am Ziele ware. In Wahrheit aber soil sie ja gerade das Sein- 
sollende aus dem Seienden in tatigem Zugreifen herauswachsen lassen, und da 
bedarf es notwendig der besonderen Ansatzpunkte fur die praktische Arbeit. 
Solche braucht nun aber die Padagogik nicht etwa gleichsam aus dem Nichts 
zu schaffen: sie sind ihr in der konkreten Gestalt des kulturellen Ganzen bereits 
gegeben. Hatten wir bisher dieses Ganze vorzugsweise im Hinblick auf die- 
jenigen Eigenschaf ten seines inneren Aufbaus betrachtet, die durch das eigen- 
ttimliche Ineinandergreifen der Lebenseinheiten bedingt sind, so ist fur das 
padagogische Tun nicht minder wichtig einc andersartige Selbstgliederung des 
kulturellen Ganzen, die durch die besondere Art und Richtung der kulturellen 
Arbeit und das in ihr begriindete System der Kulturleistungen hervorgerufen 
wird — eine Gliederung, die in unserer bisherigen Betrachtung insofern schon 
bedeutsam hervortrat, als die wesentlichsten unter den teleologischen Ord- 
nungsprinzipien des geistigen Lebens in ihr begriindet sind. Die Arbeit an und 
in der Kultur laflt aus dem an sich einheitlichen Lebensgrunde der Gemein- 
Kuitorgebicte schaft eine immer reicher sich differenzierende Mannigfaltigkeit von Kul- 
turgebieten hervorgehen, von denen ein jedes durch den sachlichen Gehalt, 
der es erfullt, eine nach besonderen Gesetzen und Ordnungen aufgebaute Welt 
bildet. Religion, Kunst, Wissenschaft, Technik, Sittlichkeit, Sitte, Staat, Ge- 
sellschaft, Wirtschaft — sie alle treiben ihre Gestaltungen und Objektivationen 
zwar aus demselben unzerlegbaren Grunde des gemeinsamen Lebens hervor, 
aber scheiden sich doch schliefilich durch die Besonderheit der Gegenstande, 
denen ihr Bemuhen gilt, der Lebensbezirke, in denen sie Gultigkeit haben, mit 
zunehmender Deutlichkeit voneinander und stehen so schliefilich der Betrach- 
tung als ein „Nebeneinander" verschiedener Geistesgestaltungen gegeniiber. 
Notwendig mufi jede Einwirkung, sie mag noch so sehr im letzten Grunde der 
Lebenstotalitat gelten, ihren Weg durch diese entfaltete Vielheit der Kultur- 
gebiete nehmen, nach deren Mafigabe und unter deren richtunggebendem Ein- 
fluB sich alles konkrete Kulturleben, jede Gemeinschaft und jede Personlich- 
keit entfaltet und gestaltet. Somit sieht sich die padagogische Theorie in ihrem 
Kuimrguter. Fortgange an die Mannigfaltigkeit der Kulturgiiter verwiesen, in denen der 
Kulturkreis sein Inneres zerlegt und objektiviert hat. Da sie nicht auf reines 
Hinnehmen, sondern auf Zielsetzung angewiesen ist, so sucht sie im Kreis 
der Kulturgiiter die in ihm enthaltenen Kulturwerte; sie sucht die Normen, 
an denen der tiberkommene Kulturbesitz zu messen ware, damit seine Bedeu- 
tung fur die padagogische ZJelbestimmung sich enthulle. Allgemeine Wert- 
philosophie und die besonderen normativen Wissenschaf ten wie insbesondere 
Ethik, Asthetik, Logik bieten hier ihre Antworten an, sehr oft mit dem An- 



Kultur und Kulturgebiete 291 

spruch auf eine unbedingte Allgemeingtiltigkeit, wie wir sie im Bereich 
unserer bisherigen Erbrterungen immer wieder ablehnen mufiten. Bezieht sich 
dieser Anspruch auf den konkreten Gehalt der in den verschiedenen Kultur- 
gebieten erarbeiteten Giiter des geistigen und sittlichen Lebens, so setzt er sich 
in einen unlbsbaren Widerspruch zu der oben entwickelten Auffassung, nach 
welcher das Subjekt sich niemals in reiner Betrachtung aus dem konkreten 
Lebenszusammenhang der Kultur ablbsen und von einem Standpunkt aufier- 
halb ihrer aus priifen und richten kann. In einer bestimmten Einschrankung 
hingegen kann er sehr wohl mit dieser Auffassung zusammen bestehen. Von 
allgemeiner Giiltigkeit ist einmal die Erkenntnis, das fur alles kulturelle 
Schaffen entscheidend ist die Setzung eines Seinsollenden, dessen Norm als 
iiberpersbnliches Gebot empfunden wird, das Hinausstreben uber das Seiende 
zu einer Gestaltung im Sinn dieser Norm, oder, wie wir mit gewissen Philo- 
sophen sagen konnen: das stete Sichstrecken des Wirklichen zur ,,Idee" als 
dem im Unendlichen liegenden Ziel der Selbstbewegung des Geistes. Aber auch 
wenn wir uns bis in die Gcbiete hinein begeben, in die sich dieses Streben be- 
sondert, fehlt es nicht an gewissen Einsichten allgemeiner Art. Jedes Kultur- 
gebiet verdankt seine Entstehung einer allgemeinen und, soweit wir sehen 
konnen, notwendigen Grundrichtung des menschlichen Verhaltens; indeni 
diese Richtung sich an einem ,,Gegenstand L1 erprobt und betatigt, mufi sie 
sich gewissen Voraussetzungen und Notwendigkeiten fiigen, unter deren Herr- 
schaft das betreffende Gebiet nach seinem sachlichen Inhalt steht, Vor- D ^ sachiicbe 
aussetzungen, die, mit Kant gesprochen, den betreffenden Gegenstand erst 
,,m6glich machen". Wer wissenschaftlich forscht, kiinstlerisch bildet, religios 
erlebt, der kann gar nicht anders als in seinem Tun bestimmten Bedingungen 
genugen, deren Erfiillung erst seinen Gegenstand zu einem wissenschaftlichen, 
kiinstlerischen, religiosen macht. Es unterstehen also die jedem Kulturgebiet 
angehorigen Gebilde einem gewissen Strukturgesetz, dessen allgemeine For- 
mulierung freilich nicht immer leicht ist. Was aber fur unseren Zusammenhang 
entscheidend ist: sei dieses Strukturgesetz auch noch so erschopfend erfafit, 
es bietet nicht nur keinen MaBstab der Bewertung fur die konkreten Kultur- 
gebilde, die im Rahmen dieses Allgemeinsten sich geformt haben, sondern vor 
allem auch keinerlei Hinweis, nicht eine einzige Richtlinie fur das kulturelle 
Wo lien, das das bereits Geschaffene zu neuer Gestaltung fortzufiihren trachtet 
und das auch die Seele jeder padagogischen Zielbestimmung bildet. Denn dieses 
Strukturgesetz — es ist eben kein Gesetz des Lebens, sondern ein Gesetz der 
Sache. Als wir den Strukturzusammenhang des Lebensganzen zu erfassen 
suchten, da fanden wir mit der Seinserfassung die Sollensbestimmung unab- 
trennbar verbunden, weil ja Leben selbst nichts anderes ist als stete Fortbe- 
wegung von dem, was ist, zu dem, was werden soil. Der Strukturzusammen- 
hang des Kulturwerks hingegen ist nicht mehr als das Gesetz des Geschaffe- 
nen, des Fertigen und Abgeschlossenen, eben des „Werks". Wenn im Fortgang der 
Kulturbewegung das Neue an das Vorhandene sich ansetzt, dann gehorcht es 
in seinem Entstehen nicht dem Gebot der Sache, sondern den Antrieben, die 

19* 



J 



RaiiKordnunj;. 



292 Theodor Litt: Padagogik 

den Tiefen des Lebensganzen entstammen, wahrend das Gesetz der Sache erst 
dann, wenn dieser urspriingliche Drang im Werk sich ausformt, seine Mitwir- 
kung erzwingt. 

s a ch R Es mufi also Bewertung wie Fortfiihrung des Kulturwerks immer wieder 

* n "aus der Totalitat des Lebens entflieCen, kann nie auf rein sachlich formuliertc 
und allgemeingiiltige Normen zurtickgefuhrt werden. Aussichtslos sind deshalb 
alle Versuche, den Drang zu geistiger Gestaltung, der wie in allem kulturellen 
Schaffen, so auch im Streben nach Bildung des Geistes lebt, nach allgemeinen 
Normen zu regeln und auf allgemeingullige Ziele hinzulenken. Sie miifiten die 
AllgemeingUltigkeit mit inhaltlicher Entleerung bezahlen. Im gesamten Be- 
reich kulturellen Schaffens bilden nur diejenigen Hervorbringungen eine Aus- 
nahme hiervon, deren eigenes Strukturgesetz gerade die rationale Gesetz- 
lichkeit des Inhalts ist : also vor allem diejenigen Inhalte der Erkenntnis 
und des Denkens, deren Eigenart in eben dieser methodischen Bestimmtheit 
beruht. Nichts aber kbnnte lehrreicher sein als die Tatsache, dafi selbst inner- 
halb der hiermit bestimmten sachlichen Grenzen der Fortgang der geistigen 
Bewegung nur aus deni Grunde der Lebenstotalitat heraus sich vollzieht, das 
Gesetz der Sache hingegen erst in Formulierung und kritischer Beurteilung 
der Leistung sich bewahrt. 

uio Wenn also die padagogische Uberlegung sich vom Ganzen der konkreten 

'*' Kulturlage her in abermaliger Verengerung der Fragestellung den einzelnen 
Kulturgebieten und den durch sie hervorgebrachten Kulturgutern zuwendet, 
so hat dies nicht zur Folge, daB nunmehr allgemeine, rein sachliche MaDstabe 
an die Stelle der konkreten kulturphilosophischen Gesamtanschauung traten; 
vielmehr bleibt diese Gesamtanschauung als solche fur die Auffassung und Be- 
wertung jedes einzelnen fortgesetzt bestimmend, so zwar, dafi sie nun ihrer- 
seits im Eindringen in dieses cinzelne und im Erfassen seines sachlichen Ge- 
setzes sich weiterhin klart, vertieft, unter Umstanden auch berichtigt. Und 
zwar ist es nun, wo immer diese Musterung der Kulturgiiter auf padagogisches 
Handeln abzielt, mit einem blofien Durchwandern des Reichs der kulturellen 
Hervorbringungen nicht getan. Gilt es doch vor allem einmal zu bestimmen, 
innerhalb welches Kulturgebiets und mit welchen Hervorbringungen dieses 
Gebiets die Erziehung ihr Werk in Angriff nehmen soil: hier ist also eineWahl- 
entscheidung ganz bestimmter Art zu treffen. Mit ihr ist dem Subjekt eine 
Entschlossenheit der personlichen Stellungnahme zugemutet, zu welcher jene 
kulturelle Uberschau ganz und gar nicht nbtigte. In der Wirklichkeit des cr- 
^ieherischen Handelns spitzt sich eben letzthin alles auf die Tat zu: und so 
muC sich denn gerade in dem Fortgang der Uberlegungcn, die dem Erzieher- 
willen dienen, das persbnliche Moment, das jener Uberschau von Anbeginn an 
innewohnte, mit immer mehr wachsender Entschiedenheit herausarbeiten und 
zumZielbewufitseinklaren. Kommteszu dieser bewuGtenSelbstbesinnung, dann 
ergibt sich also notwendig eine Rangordnung der Kulturgebiete und Kultur- 
giiter, die zunachst einmal nur AusdruckderStellungist, die die erziehende Indi- 
vidualist bzw. die Erziehungsgemeinschaft gegeniiber diesen Giitern einnimmt. 



Kulturgut und Bildungsvorgang 203 

V. Kulturgut und Bildungsvorgang. Aber auch eine im einzelnen 
durchgefuhrte Rangordnung der verfiigbaren Kulturgiiter wiirde der pad- 
agogischen Fragestellung wesentliche Entscheidungen noch offen lassen. Ver- 
gessenwirnicht, dafiihrBildung, und zwar Bildung des ganzen Menschen, am 
Herzen Hegt. Bildung aber 1st nie nur Zustand, sondern lebendige Bewegung. 
Ein Kulturgut mag dem Betrachtenden und GenieBenden die hochsten Wert- 
qualitaten offenbaren, damit ist noch nichts iiber die Frage ausgemacht, was 
es fur den ProzeB der Bildung bedeutet. Mithin fallen die Begrilfe Kulturgut 
und Bildungsgut nicht zusammen: dieser ist enger als jener. Welches aber 
sind die Kriterien der Scheidung? 

Ob ein Kulturgut den Anforderungen des Bildungsprozesses angemessen nia Er«uetm g 
ist, das wird sich nie aus einer Priifung seines Gehalts, wie er fertig vorliegt, 
ermitteln lassen. Es soil sich der inneren Bewegung des lebendigen Ganzen ein- 
fugen: zu solcher Bestimmung ist es zunachst grundsatzlich deshalb tauglich, 
weil es, wie wir wissen, selbst Niederschlag aus der Bewegung eines lebendigen 
Ganzen, nicht blofie Ausgestaltung sachlicher Notwendigkeiten ist. So wird 
es das erste sein miissen, da6 wir von dem abgeschlossen vorliegenden Er- 
gebnis zuruckgehen auf den lebendigen ProzeB, der es entstehen lieB. Dabei 
werden wir vor allem den Weisungen folgen, die in der sachlichen Struktur des 
Kulturguts enthalten sind, denn nur unter Berucksichtigung dieser Weisungen 
hat ja das Kulturgut Wirklichkeit werden konnen. Nicht nur das Denken, son- 
dern jede Kulturleistung hat ihre innere Logik, aus deren Geboten der Prozefi 
des kulturellen Schaffens ruckwarts erschlossen wird. Aber wer den Bildungs- 
gehalt eines Kulturguts erschliefien Vill, tut nicht genug, wenn er nur am Faden 
seiner sachlichen Bedingtheit entlang geht. Denn wie dieses Gut aus dem Grunde 
der Lebenstotalitat hervorgegangen ist, so soil es auch umgekehrt im Bil- 
dungsprozeB in eine solche Lebenstotalitat hinein seine Wirkung entfalten, 
nicht ein rein sachlich begrenztes Vermogen entstehen lassen. Jedes Kultur- 
gut hat, abgesehen von seinem Sachgehalt, eineLebensbedeutung, durch die 
es sich der Ganzheit der inneren Entwicklung einfiigt. Fur den Techniker ist 
seine Aufgabe, fur den Forscher sein Problem, fur den Kunstler sein asthetischer 
Vorwurf nicht blofie ,,Sache", sondern sinngebendes Zentrum der Lebensge- 
staltung, in dem sich die vielseitigstenAntriebe sammeln und von dem die viel- 
seitigsten Wirkungen ausstrahlen. Leicht erkennt man, daB innerhalb der ver- 
schiedenen Kulturgebiete Sachstruktur und Lebensbedeutung keineswegs in 
gleichem Verhaltnis zueinander gelagert sind, dafi sie in volliger Scheidung 
nebeneinander bestehen und bis zur volligsten Durchdringung zusammentreten 
konnen. Durchschreiten wir etwa die Reihe: technisches, naturwissenschaft- 
liches, kulturwissenschaftliches, kunstlerisches, sittliches, religioses Kulturgut, 
so sehen wir Lebensbezug und Sachgehalt von einem wohlgeschiedenen Aus- 
einander her sich immer mehr ineinander verschlingen. Entsprechend wandelt 
sich denn auch die innere Einstellung, in der der Bildungsgehalt des Kultur- 
guts erschlossen wird. Die Erzeugung des reinen Sachgehalts wird ,,konstruiert", 
der Lebensbezug nacherlebend ,,verstanden". In jener Reihe fiigt sich zuneh- 



294 Theodor LitT: Padagogik 

mend die Konstruktion, die zunachst rein in sich vollendet wird, dem ver- 
standenen Erlebnisganzen ein, urn sich schliefilich in ein Erschauen und Erfiih- 
len des Unaussagbaren aufzulbsen. Hier wie dort aber mufi, wenn nach Bil- 
dungsmbglichkeiten gefragt wird, die Einordnung in das Lebensganze der 
herrschende Gedanke sein. Denn das Bildungsgut mufi vor allem erlebt sein, 
um zu voller Wirkung zu gelangen. 
nie jugoudiiei.e Aber auch mit dieser Verflussigung der starren Kulturgebilde in den leben- 

digen ProzeB ist den Erfordernissen des padagogischen Gedankens noch nicht 
voll Genuge geschehen. Denn diejenige seelische Wirklichkeit, auf die jene 
das Kulturgut bezieht, ist die des ,,Allgemein-Menschlichen'', was hier in Wahr- 
heit bedeutet: diejenige menschliche Schicht, der das Kulturgut entstammt. 
Damit fehlt dieser Betrachtung die Beziehung gerade auf diejenige mensch- 
liche Sondergruppe, der das Kulturgut als Bildungsgut zugefiihrt werden soil: 
auf die Jugend. Selbst wenn Sachstruktur und Lebensbeziehung des Kultur- 
guts durchleuchtet sind, ist keineswegs die Frage entschieden, ob diese Sach- 
struktur auch im jugendlichen Geist, diese Lebensbedeutung auch im jugend- 
lichen Leben zur Entfaltung kommen kann. Es gilt also nunmehr wie probe- 
weise jenen lebendigen ProzeB noch einmal mit den Abwandlungen, Abschwa- 
chungen, Hemmungen, Umwegen ablaufen zu lassen, die einerseits das unent- 
wickelte Fassungsvermbgen hinsichtlich der sachlichen Abfolge, andererseits 
die jugendliche Eigenart und Richtung des Erlebens und Verarbeitens hinsicht- 
lich der Lebensbedeutung erwarten laCt: kurz, das Kulturgut ist in Beziehung 
zu setzenzu dem Ganzen der jugendlichen Seelenentwicklung. Es liegtauf 
der Hand, wie sehr sich im Lichte einer solchen Seelenlehre die Auffassung 
und Einschatzung der Kulturgiiter modifizieren mufi. Ein eigentumlicher 
Komplex von wechselseitig sich tragenden und erhellenden Erwagungen, dessen 
Bestandteile sich nur selten zu gesondertem Bewufitsein zu erheben pflegen, 
fuhrt zur Entscheidung der hier zu lbsenden, nichts weniger als einfachen 
Fragen. 

Es bleibe nicht unbeachtet, daD auch mit der zuletzt behandelten Wen- 
dung die padagogischeUberlegung sich nicht etwa vomBoden der kulturphilo- 
sophischen Gesamtanschauung ablbst und in ein sachlich abgegrenztes Son- 
dergebiet begibt. Denn auch die Jugend, nach deren seelischem Vermogen und 
Verlangen das Bildungsgut zu bewerten ist, will fur diesen Zweck zuerst ein- 
mal „verstanden" sein, und zwar verstanden als eigenartige und eigenwertige 
Sondergruppe innerhalb der Kulturgemeinschaft, deren geistigen Gehalt 
sie in ihrerWeise individualisierend spiegelt. Nicht alsSummevonNaturwesen, 
sondern vorgeformt durch die tausendfachen Einfiusse des kulturellen Ganzen 
tritt die Jugend in die Bildungsarbeit ein, und auch in deren Fortgang unter- 
steht sie unausgesetzt dessen machtigen Einwirkungen, Auch hier erhellt 
nichts deutlicher die Sachlage als der Ausblick auf die Art und Weise, wie die 
jugendliche Seele von ihrer ersten geistigen Regung an sich derart im Bann 
der Muttersprache entfaltet und gestaltet, daiJ kein seelisches Trachten sich 
in volliger Unabhangigkeit von ihren Weisungen fassen und klaren kann. 



Kulturgut und Bildungsvorgang 295 

Bleibt demnach jedes Urteil iiber Bedeutung und Nutzbarkeit eines Bil- Formaio 
dungsguts abhangig von der Auffassung des konkreten Kulturganzen, so ist ' uu&swere - 
damit nicht ausgeschlossen, dafi im Rahmen dieser konkreten Gesamtan- 
schauung gewisse Erwagungen und Tatbestande relativ allgemeiner, regel- 
hafter Art in die Gesamtiiberlegung Aufnahme finden. Solches ist zunachst 
liberall da der Fall, wo der ,,f ormale Bildungswert" eines Kulturguts er- 
mittelt und in Rechnung gesetzt wird, d. h. wo gewisse Bildungswirkungen 
aus der Gesamtwirkung eines Bildungsguts herausanalysiert werden, die nicht 
an dessen inhaltlichen Sondercharakter gebunden sind, sondern iiber einen 
weiteren Bereich von Kulturleistungen hinweg gleichmaflig sich fruchtbar er- 
weisen, und zwar deshalb, weil die Arbeit an dem betreffenden Bildungsgut 
zur ,,Mitubung" jener allgemeinen Funktionen fiihrt. Es liegt im Wesen der 
padagogischen Fragestellung begriindct, wenn jene Analyse unter der Leitung 
teleologi'scher Gesichtspunkte, also im Hinblick auf allgemein geforderte ,,Lei- 
stungen" erfolgt. So hat man in der „lntelligenz" eine komplexe geistige 
Funktion herausgehoben, die sich als Fahigkeit der geistigen Anpassung an 
neue Aufgaben gleichviel welcher Art uber eine betrachtliche Breite kultureller 
Aufgaben hin als gleichmaBig unentbehrlich bewahrt. So kann man von eincr 
allgemeinen Ubung des „Willens" sprechen, sofern man unter diesem nichts 
weiter versteht als das allgemeine Vermogen, die eigenen EntschlieBungeu 
auch starken inneren oder aufieren Hemmungen zum Trotz zur Ausftihrung 
zu bringen — ein Vermogen, das, wie man sieht, an Aufgaben von inhaltlich 
verschiedenstem Charakter geschult und gestarkt werden kann. Durch Iso- 
lierung dieser formalen Funktionen bzw. clerjenigen Wirkungen, die die ver- 
schiedenen Bildungsgiiter gerade hinsichtlich ihrer Schulung versprechen, ge- 
winnt das Gesamturteil iiber den Wert eines Bildungsgutes betrachlich an 
KJarheit und Sicherheit. 

Wahrend die hiermit gekennzeichneten Einsichten allgemeiner Art immer Psyciioiogisd^ 
noch durch eine Analyse des Bildungsvorgangs gewonnen werden, die dessen 
innerlich-sachliche Struktur zum Ausgangspunkte nimmt, so gesellt sich 
ihnen eine zweite Klasse von mehr oder minder „gesetzlichen" Erkenntnissen 
hinzu, die auf dem Wege der naturwissenschaftlichen Forschungsweise gewon- 
nen werden. Auch die exakte, „erklarende" Psychologie mufl gehbrt werden, 
wo es sich um die allgemeine Beschaffenheit der seelischen Funktionen handelt, 
die beim Bildungsprozefi ins Spiel treten. Doch darf dabei eines nicht uber- 
sehen werden, was besonnenen Vertretern dieser Disziplin nie entgangen ist. 
Nicht nur bleibt diese Wissenschaft in ihren letzten Fragestellungen — man 
denke etwa nur an die sprachlich-begriffliche Fixierung der seelischen Funk- 
tionen — gebunden an die Besonderheit der kulturellen Lage, innerhalb 
deren sie entsteht — wie denn die Ausbildung und Pflege dieser Wissenschaft 
selbst schon ein aufierst kennzeichnendes Kulturphanomen ist — , sondern sie 
vermag auch im einzelnen nur da befriedigende Antworten zu geben, wo sie 
verhaltnismafiig elementare, isolierbare Erscheinungen zu untersuchen hat; 
dagegen werden ihre Fragestellungen und Forschungsmtttel in demselben Mafie 



2 gO TheodoR Litt: Padagogik 

unzulanglich, ja geradezu unanwendbar, wie die geistigen Vorgange sfch aus- 
dehnen, verwickeln und verinnerlichen. Dies letztere aber ist, wie man sieht, 
gleichbedeutend mit dem Hervortreten des eigentumlichen Sinns, der die 
fraglichen Phanomene zusammenschliefit, ordnetund da mit in eine jeder natur- 
wissenschaftlichen Betrachtung uberlegene Sphare erhebt. Was diese Innen- 
seitedes Vorgangs bestimmt, das ist nkhts anderes als die Kulturfunktion und 
der Kultursinn des betreffenden geistigen Gehalts — und somit sehen wir uns 
auch hier beim Emporsteigen in der Reihe der seelischen Leistungen schliefilich 
unausweichlich in den Bereich der konkreten Kulturlage zuriickgefiihrt, deren 
Weisungen sich immer wieder als die letztlich mafigebendeu erwiesen. 
Di<- xMethodik. Das Ganze der hiermit umschriebenen Untersuchungen gibt aber nicht 

etwa nur die Entscheidung liber den Wertcharakter der Bildungsgiiter an sich, 
cs bildet gleichzeitig auch die Grundlage fiir die Bestimmung derjenigen prakti- 
schen Vornahmen, die dazu fiihren, daB der festgestellte Wertgehalt nun auch 
wirklich in der padagogischcn Praxis fiir die Bildung der jugendlichen Seele 
fruchtbar gemacht wird — kurz, fiir die Losung der eigentlich methodischen 
Probleme, mit denen Erziehung und Unterricht sich auseinanderzusetzen haben. 
Ihnen in ihre vielfachen Verzweigungen hinein nachzugehen, ist nicht dieses 
Orts. 

Denken wir uns die Gesamtheit der in ihrer sachlichen Bedeutung gekenn- 
zeichneten Untersuchungen zu einem idealen Abschlufi gefuhrt, dann stande 
vor unseren Augen eine Mannigfaltigkeit von Bildungsgiitern, von denen ein 
jedes durchleuchtet ware nach einer sachlichen Struktur und seiner Lebens- 
iunktion im Rahmen des kulturellen Ganzen, in seiner Beziehung zum konkre- 
ten Menschen des Kulturkreises uberhaupt und insbesondere in seinem mog- 
lichen Verhaltnis zu den verschiedenen Stufen der jugendlichen Entwicklung, 
wie sie innerhalb des Kulturkreises vorausgesetzt werden kann — eine Man- 
nigfaltigkeit ferner, innerhalb deren auf Grund eines Ineinanderwirkens von 
allgemeinen kulturellen und besonderen padagogischen Wertmotiven eine Rang- 
ordnung hergestellt ware. 

VI. Zogling, Erzieher und Kulturgemeinschaft. Konnte eine 
mit dieser Erkenntnis ausgeriistete padagogische Einskht alsbald ans Werk 
gehen ? Sobald sie ein konkretes Menschenkind und nicht das allgemeine Schema 
des Jugendlichen schlechthin vor sich hat, muB sich neuer Zweifel regen. Ist 
das Bildungsgut, dessen allgemeine Eignung fiir eine gewisse Altersstufe der 
;ugendlichen Entwicklung ermittelt ist, nun auch diesem so und so gear- 
teten Zogling angemessen und einem anderen, das vielleicht der gleichen Stufe 
zugeordnet ist, unbedingt vorzuziehen? M. a. W.: Besteht die Rangordnung 
der Bildungsgiiter, wie sie auf Grund allgemeiner Erwagungen hergestellt 
werde, in dem Sinne unbedingt zu Recht, dafi sie fiir jeden Einzelfall der Er- 
ziehung mafigebend sein miiflte? Und besonders peinigend wird dieser Zweifel 
in dem Falle werden, wenn die Summe der einer bestimmten Stufe zugeordne- 
ten Bildungsgiiter zu grofi ist, als dafi das jugendlicfie Umfassungsvermogen 



Zogling, Erzieher und Kulturgeinemschaft 297 

sie alle insgesamt zu bewaitigen vermochte, wenn also notwendig ein Teil von 
diesen aus dem Erziehungsgang ausgeschaltet werden muG — wie solches 
im Bereich einer ausgereiften Kultur nur zu oft der Fall zu sein pflegt. So 
tritt zu der Aufgabe, aus den Kulturgiitern die Bildungsguter auszulesen, die 
weitere Pflicht hinzu, aus den einer bestimmten Entwicklungsstufe angemes- 
senen Bildungsgiitern tiberhaupt die fur einen bestimmten Menschen tauglichen 
auszusondern. Auch hier gilt es, genau wie in den vorausgegangenen Betrach- 
tungen, das Kulturgut zu dem Ganzen der Seele in Beziehung zu setzen: 
nur eben mit der doppelten Verengerung des Problems, daB das Kulturgut 
bereits in seinem Sondercharakter als Bildungsgut festgelegt und das seelische 
Ganze nunmehr ein bestimmtes Ganzes, nicht das der jugendlichen Seele 
schlechthin ist. 

Aber mit dieser einen Frage verschlingt sich ohne weiteres eine zweite. Die Einheit der 
Sobald die Summe der fiir die Entwicklungsstufe des Zoglings grundsatzlich 
tauglichen Bildungsgiiter das Umfassungsvermogen des einzelnen tibersteigt, 
sobald also eine Auswahl unter dem Yerfiigbaren zu treffen ist, mufi diese 
nicht etwa nur im Lichte der Frage erfolgen, ob tatsachlich dieses oder jenes 
Bildungsgut an und fiir sich der Eigenart des Zoglings sich vermahle, sie wird 
vor allem auch das Augenmerk darauf ric.hten niussen, ob denn nun die aus- 
gewahlten Bildungsgiiter mehr sind als ein blofies Aggregat, ob sie sich nach 
ihrem konkreten Gehalt zu einer wirklichen inneren Einheit zusammenschlie- 
fien. Ist doch der Fall sehr wohl denkbar, dafi von verschiedenen Bildungs- 
giitern ein jedes fur sich einen bedeutsamen Wertgehalt aufweist und, doch 
ihr Zusammenwirken auf eine sich entwickelnde Seele ein wertwidriges ist, 
weil sie nicht aufeinander abgestimm